{"id":14191,"date":"2011-06-15T00:00:00","date_gmt":"2011-06-14T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14191"},"modified":"2012-07-21T14:09:22","modified_gmt":"2012-07-21T12:09:22","slug":"14191","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/06\/14191\/","title":{"rendered":"Marx is back &#8211; Die Krise hei&#223;t Kapitalismus"},"content":{"rendered":"<p>  Welchen Beitrag kann die marxistische Wirtschaftstheorie zur Erkl&#228;rung   der gegenw&#228;rtigen Wirtschaftskrise leisten?<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>In b&#252;rgerlichen Zeitungen und Wirtschaftsjournalen wird die   derzeitige Weltwirtschaftskrise wahlweise als &#8222;Finanzkrise&#8220; oder   &#8222;Vertrauenskrise&#8220; bezeichnet. Aus Sicht der marxistischen   Wirtschaftstheorie verdient die gegenw&#228;rtige Krise dagegen so wenig eine   besondere Bezeichnung wie die Krisen 1974-1976 (&#8222;erste &#214;lkrise&#8220;),   1980-1982 (&#8222;zweite &#214;lkrise), 1990-1991 (&#8222;Immobilienkrise&#8220;) und 2001   (&#8222;B&#246;rsenkrise&#8220;). B&#252;rgerliche &#214;konomen und Politiker neigen h&#228;ufig dazu,   das &#8222;Spezielle&#8220; an den Krisen zu betonen, um bewusst oder unbewusst von   der Frage nach der grundlegenden Stabilit&#228;t des Wirtschaftssystems   abzulenken. Die marxistische Wirtschaftstheorie verweist dagegen auf die   Regelm&#228;&#223;igkeit der Krisen und ihren allgemeinen Charakter, den sie in   grundlegenden Widerspr&#252;chen der kapitalistischen Produktionsweise   begr&#252;ndet sieht, ohne dabei den speziellen Verlauf jeder Krise zu   negieren. Der vorliegende Beitrag hat zum Ziel, in die Grundz&#252;ge der   marxistischen Wirtschaftstheorie einzuf&#252;hren und sie f&#252;r ein Verst&#228;ndnis   der aktuellen Weltwirtschaftskrise nutzbar zu machen. <\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Lorenz Blume und Wolfram Klein<\/i><\/h4>\n<p>  Ein Ausgangspunkt, um sich die marxistische Krisentheorie zu   erschlie&#223;en, sind die Eigentumsverh&#228;ltnisse im Kapitalismus. Karl Marx   (1818-1883) ist das Privateigentum an den Produktionsmitteln (Fabriken,   Maschinen, usw.) wesentliches Charakteristikum der kapitalistischen   Produktionsweise. Obwohl es im Kapitalismus auch Staatseigentum,   Genossenschaften u.&#228;. gibt, findet die vorherrschende Wertsch&#246;pfung in   privatwirtschaftlichen Unternehmen statt und auch die Investitionen sind   &#252;berwiegend private Investitionen. Marx spricht davon, dass diese   Organisation der gesellschaftlichen Produktion dazu f&#252;hrt, dass jeder   einzelne Kapitalist bei &#8222;Strafe des Untergangs&#8220; (also z.B. des   Konkurses) gezwungen ist, sein Kapital immer wieder so profitabel wie   m&#246;glich zu verwerten (also z.B. neu zu investieren). Diese fortw&#228;hrende   &#8222;Selbstverwertung des Kapitals&#8220; erzeugt eine Tendenz zur Akkumulation   (Vermehrung, Anh&#228;ufung) von Kapital in der Gesamtwirtschaft.<\/p>\n<h4>  Privateigentum an den Produktionsmitteln<\/h4>\n<p>  Die Argumentationskette Privateigentum an Produktionsmitteln =&gt;   Konkurrenz zwischen den Unternehmen =&gt; Notwendigkeit der   Gewinnmaximierung bei Strafe des Untergangs findet sich auch in   zahlreichen b&#252;rgerlichen Lehrb&#252;chern, entsprechend ergibt sich daraus   noch keine Unterscheidung zwischen marxistischer und b&#252;rgerlicher   Wirtschaftstheorie. Auch bei der Frage, welche Optionen jeder einzelne   Kapitalist hat, um sein Kapital profitabel zu verwerten, liegen beide   Theorien nah beieinander. So geht die neoklassische b&#252;rgerliche Theorie   davon aus, dass die Selbstverwertung des Kapitals im Wesentlichen durch   Investitionen stattfindet, die entweder einem Kostenmotiv   (Rationalisierungsinvestitionen) oder einem Absatzmotiv   (Erweiterungsinvestitionen) folgen. Der volkswirtschaftliche Kreislauf   ist dabei immer geschlossen: Die Produktion der Unternehmen erzeugt   Einkommen bei den Besitzern der Produktionsfaktoren (Gewinne f&#252;r   Kapitalbesitzer, L&#246;hne f&#252;r Arbeiter und Renten f&#252;r Grundbesitzer),   dieses Einkommen flie&#223;t entweder in Konsum oder wird gespart. Wir werden   unten erkl&#228;ren, warum der Begriff &#8222;Produktionsfaktoren&#8220; irref&#252;hrend ist.<\/p>\n<p>  Vermittelt &#252;ber die Banken steht das gesparte Einkommen f&#252;r   Investitionen zur Verf&#252;gung. Im Ergebnis schafft sich jedes Angebot   seine eigene Nachfrage entweder in Form von Konsumg&#252;ternachfrage (nach   Nahrung, Kleidung, usw.) oder in Form von Investitionsg&#252;ternachfrage   (nach Maschinen, Rohstoffen, usw.). Diese als Say&#8217;sches Theorem (nach   dem franz&#246;sischem &#214;konomen Jean-Baptiste Say, 1767-1832) bekannt   gewordene Aussage l&#228;sst keinen Spielraum f&#252;r Wirtschaftskrisen und ist   daher unf&#228;hig, die kapitalistische Wirklichkeit zu verstehen. F&#252;r Marx   erforderte der &#8222;fade Say&#8220; nicht einmal eine ausf&#252;hrliche Kritik. Diese   Annahme war auch Ausgangspunkt f&#252;r die Kritik von John Maynard Keynes   (1883-1946), die er unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise von   1929-32 an der neoklassischen Spielart der b&#252;rgerlichen &#214;konomie   formulierte. Nach Keynes &#252;bersieht die Neoklassik, dass es neben den   G&#252;term&#228;rkten, auf denen investiert und konsumiert wird, auch noch   Geldm&#228;rkte gibt, auf denen die Kapitalisten &#8222;spekulieren&#8220; k&#246;nnen. Nach   seiner Einsch&#228;tzung hat das Geld nicht nur eine   Transaktionsmittelfunktion (f&#252;r den Tausch von Waren), sondern auch eine   Spekulationsfunktion (f&#252;r die Nachfrage nach Finanzmarktprodukten). Das   sich auf G&#252;ter- und Geldmarkt einstellende Gleichgewicht f&#252;hrt nach   Keynes nicht automatisch zur Vollbesch&#228;ftigung und er sieht deshalb die   Notwendigkeit zus&#228;tzlicher staatlicher Nachfrage in Phasen mit hoher   Arbeitslosigkeit.<\/p>\n<h4>  Strategien der Profitmaximierung<\/h4>\n<p>  Aus Sicht der marxistischen Wirtschaftstheorie sind &#8222;investieren&#8220; und   &#8222;spekulieren&#8220; ebenfalls zentrale Verwertungsstrategien, auch wenn sie in   einem anderem begrifflichen Gewand abgehandelt werden (s.u.). An   verschiedenen Stellen des Marx&#8217;schen Werkes werden allerdings auch noch   andere Strategien der Profitmaximierung abgehandelt: So k&#246;nnen   Unternehmen ihre Profite erh&#246;hen, in dem sie die Arbeitshetze erh&#246;hen   oder die Arbeitszeit verl&#228;ngern (Marx spricht hier von einer Erh&#246;hung   des absoluten Mehrwerts), in dem sie die L&#246;hne absenken, in dem sie   Kosten externalisieren (z.B. durch Umweltverschmutzung) oder in dem sie   die Kosten f&#252;r ihre Vorleistungen reduzieren (z.B. Rohstoffkosten).   Diese Strategien haben gemeinsam, dass ihre Begrenztheit sehr   offensichtlich ist: Die Steigerung des absoluten Mehrwerts hat eine   physische Schranke in der Regenerationsf&#228;higkeit der Ware Arbeitskraft,   &#228;hnliches gilt f&#252;r die Belastbarkeit der Umwelt und die Verf&#252;gbarkeit   billiger Rohstoffe, das Absenken des Lohnniveaus reduziert die   kaufkr&#228;ftige Nachfrage. In all diesen F&#228;llen gilt, dass die Summe der   betriebswirtschaftlichen Strategien zu einem Ergebnis f&#252;hrt, durch das   sich die Kapitalisten selbst den Ast abs&#228;gen, auf dem sie sitzen, anders   formuliert: es macht f&#252;r jeden einzelnen Kapitalisten Sinn, so niedrige   L&#246;hne wie m&#246;glich zu zahlen und Umweltstandards aus Kostengr&#252;nden   abzusenken, auch wenn das den dauerhaften Fortbestand des Kapitalismus   bedroht. Dies erscheint als ein Auseinanderfallen von   betriebswirtschaftlicher und volkswirtschaftlicher Rationalit&#228;t und ein   Wesenszug der auf Konkurrenz basierenden Organisation der   kapitalistischen Produktionsweise. Viele Lehrb&#252;cher b&#252;rgerlicher   &#214;konomen sind deshalb voll von Vorschl&#228;gen wie der Staat (Marx w&#252;rde   formulieren: als ideeller Gesamtkapitalist) die Rahmenbedingungen so   setzen kann, dass diese destruktiven Tendenzen des Wirtschaftssystems   abgemildert werden. Der marxistische Einwand ist, dass die Konkurrenz   den einzelnen Kapitalisten die Gesetzm&#228;&#223;igkeiten des kapitalistischen   Systems aufzwingt. Diese betriebswirtschaftliche Rationalit&#228;t ist zwar   gesamtgesellschaftlich h&#246;chst irrational und f&#252;r die arbeitenden   Menschen und die Umwelt zerst&#246;rerisch, aber eine volkswirtschaftliche   Rationalit&#228;t, die den Anspruch hat, mit Mensch und Umwelt pfleglich und   nachhaltig umzugehen, kollidiert auf Schritt und Tritt mit diesen   Gesetzm&#228;&#223;igkeiten des Kapitalismus.<\/p>\n<p>  Deshalb kann der Staat einzelne Ausw&#252;chse beseitigen, aber die   grunds&#228;tzlichen zerst&#246;rerischen Folgen der betriebswirtschaftlichen   Rationalit&#228;t nicht verhindern, ohne den Kapitalismus selbst anzugreifen   (wozu kein b&#252;rgerlicher Staat f&#228;hig ist). Die staatlichen   Rahmenbedingungen sind deshalb weit davon entfernt, eine Nachhaltigkeit   der kapitalistischen Produktionsweise zu gew&#228;hrleisten (ablesbar etwa am   Artensterben, der weltweiten Armutsrate oder der Kriege, die um den   Zugang zu Rohstoffen gef&#252;hrt werden).<\/p>\n<h4>  Technischer Fortschritt und Finanzmarkttransaktionen<\/h4>\n<p>  Die n&#228;chsten gro&#223;en theoretischen Differenzen, die dann auch zum Kern   der Krisentheorie f&#252;hren, liegen in der Einsch&#228;tzung der dominanten   Verwertungsstrategien &#8222;investieren&#8220; und &#8222;spekulieren&#8220;. Die b&#252;rgerliche   &#214;konomie betont, dass Investitionen in neue Technologien (der technische   Fortschritt) als Gewinnmaximierungsstrategie (Wettbewerb als   Entdeckungsverfahren) zu einer fortw&#228;hrenden Erneuerung des Kapitalismus   f&#252;hren und so (zumindest) seine &#246;konomische Nachhaltigkeit begr&#252;nden.   Die Existenz der Geld- und Finanzm&#228;rkte kann zwar zu tempor&#228;ren   konjunkturellen Ungleichgewichten f&#252;hren (in dem z.B. im Aufschwung zu   viele Kredite und im Abschwung zu wenig Kredite vergeben werden), aber   auch diese Effekte kann der Staat durch Regulierungen und   Konjunkturprogramme abmildern. Die Versicherungsfunktion (z.B. durch die   Risikostreuung bei Termingesch&#228;ften) und Finanzierungsfunktion (z.B.   durch Fondsbildung) der Geld- und Finanzm&#228;rkte wird als vorteilhaft und   stabilisierend beschrieben. Die marxistische Wirtschaftstheorie sieht   jedoch in diesen Bereichen sich in Krisen entladende kapitalistische   Widerspr&#252;che und bestreitet die Nachhaltigkeit der kapitalistischen   Produktionsweise nicht nur aus sozialer und &#246;kologischer sondern auch   aus &#246;konomischer Sicht.<\/p>\n<h4>  Mehrwertrate und Wert der Ware Arbeitskraft<\/h4>\n<p>  Eine Schl&#252;sselstellung in der marxistischen Argumentation nimmt dabei   die relative Mehrwertrate ein. Als Mehrwertrate wird das Verh&#228;ltnis von   Mehrwert, also dem Teil des Produktwertes (der Wert des Produktes wird   dabei in Arbeitszeiteinheiten gemessen), den sich die Kapitalisten   aneignen (Gewinne bei Eigenkapital, Zinsen bei Fremdkapital und   Bodenrenten bei Grundbesitz), und der zur Herstellung des Produkts   notwendigen lebendigen Arbeit definiert. Grundannahme ist, dass die   Kapitalisten unter dem wettbewerbsbedingten Kostensenkungsdruck der   kapitalistischen Produktionsweise dazu tendieren, den Anteil des Werts,   den sich die Kapitalisten aneignen, zu erh&#246;hen und den Anteil, den die   Lohnarbeiter erhalten, zu verringern. Dass es den Kapitalisten in den   entwickelten Volkswirtschaften nicht vollst&#228;ndig gelingt, das Lohnniveau   am Existenzminimum auszurichten, h&#228;ngt von einer Reihe von Faktoren ab,   wie der St&#228;rke der Gewerkschaften und dem bereits erk&#228;mpften   Wohlstandsniveau der Gesellschaft insgesamt. Wichtig ist, dass auch und   gerade in den entwickelten Volkswirtschaften die hohe Produktivit&#228;t der   im Produktionsprozess eingesetzten Arbeiter dazu f&#252;hrt, dass die   ausgezahlte Lohnsumme eines Unternehmens vom Gesamtwert seiner   Produktion (abz&#252;glich der Kosten f&#252;r Maschinen, Rohstoffe, usw.)   abweicht. In Marx&#8217;scher Terminologie entsprechen die ausgezahlten L&#246;hne   nur einem Teil der Arbeitszeit, die ein Arbeiter im Jahr in der Fabrik   verbringt, in der restlichen Zeit produziert er Mehrwert, den sich der   Kapitalist aneignet.<\/p>\n<h4>  &#220;berproduktionskrisen<\/h4>\n<p>  Aus Sicht jedes einzelnen Unternehmens stellt sich die Situation   folgenderma&#223;en dar: Das Unternehmen hat einerseits Aufwendung f&#252;r   Maschinen und Vorprodukte (Marx nennt dies konstantes Kapital oder auch   &#8222;tote Arbeit&#8220;, da die Arbeit hierf&#252;r in der Vorperiode aufgewendet   wurde) und andererseits L&#246;hne und Geh&#228;lter f&#252;r die Besch&#228;ftigten (Marx   spricht hier auch von variablem Kapital oder &#8222;lebendiger Arbeit&#8220;).   Profitmaximierung hei&#223;t dann, dass jedes Unternehmen versucht, das   Verh&#228;ltnis von Mehrwert (der nach Marx kausal ausschlie&#223;lich mit der   lebendigen Arbeit verkn&#252;pft wird) zum eingesetzten konstanten und   variablen Kapital zu maximieren. Dieses Verh&#228;ltnis wird auch als   Profitrate bezeichnet. Durch eine &#8222;Investition&#8220; in neue Maschinen (d.h.   technischen Fortschritt) kann nun ein einzelner Kapitalist versuchen,   sein Kapital profitabel zu verwerten und seine Profitrate zu erh&#246;hen.   Die Investition erfolgt dabei in aller Regel mit dem Ziel, die   Arbeitsproduktivit&#228;t zu erh&#246;hen, in marxistischer Terminologie: die   relative Mehrwertrate. Relative Mehrwertrate (im Gegensatz zur bereits   oben erw&#228;hnten absoluten Mehrwertrate) deshalb, weil es hier nicht darum   geht, die Arbeitszeit absolut auszudehnen, sondern vielmehr den   relativen Anteil der Arbeitszeit, die nun bedingt durch die neue   Technologie auf die Produktion von Mehrwert entf&#228;llt, zu erh&#246;hen (bei   gleich bleibenden, unter Umst&#228;nden sogar steigenden, L&#246;hnen). Die   Investition erh&#246;ht zugleich das Verh&#228;ltnis von toter zu lebendiger   Arbeit (Marx spricht hier von der organischen Zusammensetzung des   Kapitals) in der Produktion, d.h. die Aufwendungen f&#252;r konstantes   Kapital nehmen tendenziell zu (wiederum bei unver&#228;nderter Lohnh&#246;he). F&#252;r   das erste Unternehmen, das solch eine neue Technologie (z.B. eine neue   Maschinengeneration) einf&#252;hrt, rechnet sich das Gesch&#228;ft in aller Regel.   Es erh&#246;ht zwar seine Aufwendungen (die Summe von konstantem und   variablen Kapital), steigert aber auch seinen Ertrag durch die   zunehmende relative Mehrwertrate. Es kann gegen&#252;ber seinen Konkurrenten   einen Extraprofit erzielen. Um keine Marktanteile an dieses nun mit   erh&#246;hter Produktivit&#228;t und damit kosteng&#252;nstiger produzierende   Unternehmen zu verlieren, sind die anderen Unternehmen der gleichen   Branche gezwungen, ebenfalls in die neue Technologie zu investieren. F&#252;r   die unmittelbar nachfolgenden Unternehmen mag sich das Gesch&#228;ft auch   noch rechnen, aber ab einem gewissen Punkt dieses technologischen   Erneuerungszyklus stellt sich folgendes Problem: Wenn die ausgezahlte   Lohnsumme unver&#228;ndert bleibt, ver&#228;ndert sich auch die kaufkr&#228;ftige   Nachfrage nicht, d.h. der produktivit&#228;tsbedingt h&#246;here Output der   Unternehmen trifft auf einen unver&#228;ndert gro&#223;en Markt. Paul Sweezy   (1910-2004) spricht davon, dass sich ab einem gewissen Punkt des   technologischen Erneuerungszyklus ein Realisierungsproblem stellt, die   Unternehmen k&#246;nnen den durch die neue Technologie relativ gesteigerten   Mehrwert nicht mehr realisieren (die Waren zu dem vorgesehenen Preis   verkaufen), da die kaufkr&#228;ftige Nachfrage systematisch hinter den   Produktionsm&#246;glichkeiten zur&#252;ckbleibt. Es kommt zu einer sogenannten   &#220;berproduktionskrise, die sich darin ausdr&#252;ckt, dass die Produktion   zur&#252;ckgefahren werden muss und &#220;berkapazit&#228;ten entstehen. Einige   Unternehmen werden in der Wirtschaftskrise untergehen oder von anderen   erfolgreicheren Unternehmen aufgekauft. Am Ende steht die ganze Branche   mit erh&#246;htem Kapitalstock bei unver&#228;ndert gro&#223;em Markt (d.h. auch   unver&#228;ndert hohem realisierbaren Mehrwert) dar. Die Profitrate, also das   Verh&#228;ltnis von eingesetztem Kapital und Ertrag ist gesunken und der   technologische Erneuerungszyklus beginnt auf diesem erh&#246;hten   Kapitalstock von neuem. Die Wirtschaftsgeschichte zeigt, dass diese von   Investitionen in Ausr&#252;stungen wie Maschinen getriebenen   Erneuerungszyklen (auch Juglarzyklen genannt) in erstaunlicher   Regelm&#228;&#223;igkeit etwa sieben bis elf Jahre andauern und dann von einer   Wirtschaftskrise unterbrochen werden, bevor der neue Konjunkturzyklus   beginnt. In eine an Ernest Mandel (1923-1995) angelehnte Z&#228;hlung lassen   sich seit der Entstehung des Kapitalismus bis zum heutigen Zeitpunkt 24   solcher &#220;berproduktionskrisen identifizieren.<\/p>\n<h4>  Tendenzieller Fall der Profitrate<\/h4>\n<p>  Klassische b&#252;rgerliche &#214;konomen wie David Ricardo (1772-1823) in der   ersten H&#228;lfte des 19. Jahrhunderts hatten &#228;hnlich wie sp&#228;ter Marx   erkannt, dass Werte durch menschliche Arbeit geschaffen werden. Moderne   b&#252;rgerliche &#214;konomen lie&#223;en diese Erkenntnis fallen zugunsten der   Vorstellung, dass die Arbeit ein Produktionsfaktor unter mehreren sei   (neben Kapital und Grund und Boden). Wenn es eine &#8222;Natureigenschaft&#8220; des   Kapitals ist, Zinsen hervorzubringen (und des Bodens, Renten   hervorzubringen), dann ist unverst&#228;ndlich, dass die Ersetzung von   Arbeitskr&#228;ften durch Maschinen f&#252;r den Kapitalismus ein strukturelles   Problem bedeutet. Die dadurch hervorgerufenen Krisen m&#252;ssen dann zu   Zuf&#228;llen, Folgen von politischen Fehlern, von Sonnenfleckenzyklen etc.   erkl&#228;rt werden.<\/p>\n<p>  Im Gegensatz zur b&#252;rgerlichen &#214;konomie versteht die marxistische   Wirtschaftstheorie, dass der technische Fortschritt durch Investitionen   im Kapitalismus zu versch&#228;rften Widerspr&#252;chen f&#252;hrt. Von   Konjunkturzyklus zu Konjunkturzyklus wird die Kluft zwischen   Produktionsm&#246;glichkeiten und kaufkr&#228;ftiger Nachfrage gr&#246;&#223;er. Die   Profitrate auf den G&#252;term&#228;rk&#8211;ten sinkt tendenziell, da die Gesamtkosten   f&#252;r den Kapitalstock zunehmen und die Realisierung der   Produktivit&#228;tsgewinne aufgrund der beschr&#228;nkten M&#228;rkte dahinter   zur&#252;ckbleibt. Es gibt zwar eine Reihe von Faktoren, die dem Fallen der   Profitrate entgegenwirken k&#246;nnen wie sinkende L&#246;hne oder staatliche   Nachfrage, aber f&#252;r jede dieser entgegenwirkenden Faktoren l&#228;sst sich   belegen, dass sie das Problem nicht grundlegend beheben. So bringen   sinkende L&#246;hne (etwa aufgrund von Entlassungen im Zuge der Einf&#252;hrung   der neuen Technologie) zwar kurzfristig einen Kostenvorteil,   mittelfristig versch&#228;rfen sie aber das Realisierungsproblem.   Unproduktive staatliche Nachfrage kann dem Realisierungsproblem   entgegenwirken, erh&#246;ht aber die Produktionskosten (wenn sie durch   unternehmensrelevante Steuern finanziert wird) oder senkt mittelfristig   die kaufkr&#228;ftige Nachfrage (wenn sie durch Konsumsteuern finanziert   wird). Die somit auf den G&#252;term&#228;rkten von Zyklus zu Zyklus in der   Tendenz sinkende Profitrate f&#252;hrt nach Marx zu einer strukturellen   &#220;berakkumulation, die sich auf zweierlei Weise ausdr&#252;cken kann: Entweder   in Form von &#220;berproduktion oder nicht ausgelasteten Kapazit&#228;ten auf den   G&#252;term&#228;rkten oder in Form von zunehmender &#8222;Spekulation&#8220; auf den Geld-   und Finanzm&#228;rkten. Sind die Profiterwartungen auf den Geld- und   Finanzm&#228;rkten h&#246;her als auf den G&#252;term&#228;rkten, so kann es zum Aufbau von   Spekulationsblasen, die sich zumindest phasenweise von den   realwirtschaftlichen Prozessen entkoppeln, kommen. Marx spricht hier vom   Aufbau fiktiven Kapitals. Allgemein l&#228;sst sich festhalten, dass   zunehmende &#220;berakkumulation dazu tendiert, sich vermehrt auf den Geld-   und Finanzm&#228;rkten auszudr&#252;cken, wobei diese sich nat&#252;rlich nie   vollst&#228;ndig von den realwirtschaftlichen Prozessen entkoppeln k&#246;nnen und   es deshalb auch regelm&#228;&#223;ig zum Platzen der Blasen kommt (sei es die   Aktienblase zu Zeiten der New Economy oder die aktuelle   Hypothekenblase). Das Platzen solcher Blasen kann durchaus zum Ausl&#246;ser   von Wirtschaftskrisen werden und es kann ihren Verlauf bestimmen, aber   die Ursache liegt immer in der strukturellen &#220;berakkumulation auf den   G&#252;term&#228;rkten, also in der Realwirtschaft, begr&#252;ndet.<\/p>\n<h4>  Wirtschaftskrisen im historischen Verlauf<\/h4>\n<p>  Nimmt man die auf den Finanzm&#228;rkten sichtbare &#220;berakkumulation als   Ma&#223;stab f&#252;r die Gr&#246;&#223;e der Kluft zwischen Produktionsm&#246;glichkeiten und   kaufkr&#228;ftiger Nachfrage auf den G&#252;term&#228;rkten, so zeigt sich in einer   historischen Betrachtung, dass diese Kluft in den 1920er Jahren gr&#246;&#223;er   war als in den 1950er Jahren und seit den 1950er Jahren wieder   kontinuierlich auf ein Niveau angewachsen, das nun jenes der 1920er   Jahre deutlich &#252;bersteigt. Dies liegt darin begr&#252;ndet, dass der   Kapitalismus durch eine besondere historische Situation (zwei   Weltkriege, Faschismus, Aufstieg der USA zur neuen Hegemonialmacht) in   der Lage gewesen ist, dem Gesetz vom tendenziellen Fall der   durchschnittlichen Profitrate entgegenzuwirken. Der Nachkriegsaufschwung   war durch einen Angleichungsprozess der Profitraten zwischen den USA und   Europa gekennzeichnet. Hohe Profitraten in Eu&#8211;ropa (u.a. bedingt durch   Kriegszerst&#246;rung und vom Faschismus geschw&#228;chte Gewerkschaften) sowie   ein gro&#223;er Binnenmarkt mit hoher kaufkr&#228;ftiger Nachfrage in den USA   erlaubten gro&#223;e Investitionen in Basistechnologien und neue Produkte,   ohne dass dies unmittelbar zu einem Fallen der Profitrate f&#252;hrte.   Sp&#228;testens seit der Weltwirtschaftskrise 1974-76 geht der Kapitalismus   aber wieder seinen &#8222;normalen Gang&#8220; und die strukturelle &#220;berakkumulation   baut sich von Zyklus zu Zyklus auf. Im Gegensatz zur b&#252;rgerlichen   Wirtschaftstheorie erkl&#228;rt die marxistische Wirtschaftstheorie diese an   l&#228;ngeren Zeitreihendaten ablesbaren Tendenzen mit grundlegenden   Widerspr&#252;chen der kapitalistischen Produktionsweise. W&#228;hrend viele   b&#252;rgerliche &#214;konomen dazu neigen, Schw&#228;chen der kapitalistischen   Produktionsweise bei der sozialen und &#246;kologischen Nachhaltigkeit   einzur&#228;umen, stellt die marxistische Wirtschaftstheorie auch die   &#246;konomische Nachhaltigkeit in Frage. Die innere Logik des Kapitalismus   mit dem Privateigentum an den Produktionsmitteln, die in der Konkurrenz   zum Ausdruck kommt (Marx spricht hier auch von der Anarchie des Marktes)   f&#252;hrt dazu, dass die Wirtschaft sich nicht an den Bed&#252;rfnissen der   Mehrheit orientiert, sondern an den Profitinteressen weniger. Dieses   Auseinanderfallen von betriebswirtschaftlicher und volkswirtschaftlicher   Rationalit&#228;t f&#252;hrt nicht nur zu Klimakatastrophen und Hungertoten,   sondern auch zu regelm&#228;&#223;igen Wirtschaftskrisen, deren Kosten aufgrund   der von Kapitalinteressen dominierten Regierungen in der Regel nicht von   ihren Verursachern getragen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Welchen Beitrag kann die marxistische Wirtschaftstheorie zur Erkl&#228;rung<br \/>\n      der gegenw&#228;rtigen Wirtschaftskrise leisten?\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[125],"tags":[270,259],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14191"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14191"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14191\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14191"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14191"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14191"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}