{"id":14190,"date":"2011-05-25T00:00:00","date_gmt":"2011-05-24T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14190"},"modified":"2012-07-18T15:30:53","modified_gmt":"2012-07-18T13:30:53","slug":"14190","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/05\/14190\/","title":{"rendered":"Zur Geschichte des Trotzkismus"},"content":{"rendered":"<p>  Teil 2: Nach dem Zusammenbruch des Stalinismus<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Der erste Teil dieses Artikels endete damit, dass die Ereignisse   zwischen 1989 und 1991 einen historischen Wendepunkt im 20. Jahrhundert   darstellten: den Zusammenbruch des Stalinismus in Osteuropa und der   Sowjetunion. Dieser Zusammenbruch hatte vielf&#228;ltige Auswirkungen, unter   anderem die vollst&#228;ndige Verb&#252;rgerlichung von sozialdemokratischen und   manchen stalinistischen Parteien und eine Verst&#228;rkung von Globalisierung   und Neoliberalismus. <\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Wolfram Klein<\/i><\/h4>\n<p>  Verschiedene trotzkistische Str&#246;mungen haben die Entwicklungen   unterschiedlich analysiert. Es kann nicht &#252;berraschen, dass sie auch   innerhalb von Organisationen zu Kontroversen f&#252;hrten. Auch innerhalb des   CWI (Komitee f&#252;r eine Arbeiterinternationale, die internationale   Organisation, der die SAV angeh&#246;rt) gab es wesentlich hei&#223;ere Debatten   als in den Jahren zuvor, die auch zu mehreren Abspaltungen f&#252;hrten.<\/p>\n<p>  Neben den Kontroversen &#252;ber die objektiven Ver&#228;nderungen, gab es auch   Meinungsverschiedenheiten dar&#252;ber, welche Aufgaben sich f&#252;r   Revolution&#228;rInnen ergaben. Entsprechend besteht auch dieser Text aus   zwei Teilen.<\/p>\n<h4>  Der Zusammenbruch des Stalinismus<\/h4>\n<p>  Trotzki war &#252;berzeugt, dass der Stalinismus nicht eine neue und   notwendige Gesellschaftsform im Ablauf der menschlichen Geschichte und   der Entwicklung der Produktivkr&#228;fte war, sondern ein historischer   &#8222;Unfall&#8220;, aus dem eine &#220;bergangsgesellschaft entstanden war. In den   stalinistischen Staaten war der Kapitalismus abgeschafft, aber noch kein   Sozialismus geschaffen worden. Die Herrschaft der B&#252;rokratie verhinderte   eine auf einer Arbeiterdemokratie basierenden, harmonische Entwicklung   in Richtung Sozialismus. Es gab nur die Alternative zwischen einer   politischen Revolution (einem Sturz des Stalinismus durch die   ArbeiterInnen und die Errichtung einer Arbeiterdemokratie, die den Weg   zum Sozialismus frei machen w&#252;rde), und einer kapitalistischen   Konterrevolution. Daraus ergab sich f&#252;r MarxistInnen eine doppelte   Aufgabe: einerseits die Verteidigung der revolution&#228;ren   Errungenschaften, des Staatseigentums an den Produktionsmitteln, der   Planwirtschaft, gegen alle Bestrebungen der Konterrevolution, sowohl   durch die Imperialisten im Ausland als auch durch die stalinistische   B&#252;rokratie im Inland; andererseits die Vorbereitung einer politischen   Revolution gegen den Stalinismus. Trotzki betonte, dass die politische   Revolution der Verteidigung der Sowjetunion untergeordnet war. Ein Sturz   des Stalinismus mit dem Ergebnis der Restauration des Kapitalismus war   nicht erstrebenswert. Allerdings wurde die B&#252;rokratie immer mehr zur   Fessel f&#252;r die Planwirtschaft und vergr&#246;&#223;erte damit die Gefahr der   Restauration des Kapitalismus.<\/p>\n<p>  Die britische Revolutionary Communist Party, eine Vorl&#228;uferorganisation   des CWI in den 1940er Jahren, erkannte, dass der Zweite Weltkrieg den   Stalinismus vor&#252;bergehend gest&#228;rkt hatte. In Osteuropa und China wurden   stalinistische Staaten nach sowjetischem Vorbild errichtet. In den   folgenden Jahrzehnten wurden in weiteren L&#228;ndern stalinistische Staaten   errichtet. Die Abschaffung des Kapitalismus und die Planwirtschaft   f&#252;hrten in diesen L&#228;ndern zu einer gro&#223;en Entwicklung der   Produktivkr&#228;fte. Bei diesem Kr&#228;fteverh&#228;ltnis war die Restauration des   Kapitalismus in den gefestigten stalinistischen L&#228;ndern f&#252;r eine ganze   Geschichtsperiode praktisch ausgeschlossen.<\/p>\n<p>  Aber in den 1980er Jahren &#228;nderte sich das. Die wirtschaftlichen   Probleme der Sowjetunion und Osteuropas nahmen zu. Verschiedene L&#228;nder,   inklusive der Sowjetunion nach Gorbatschows Amtsantritt 1985, versuchten   die Einf&#252;hrung von Marktmechanismen in die Planwirtschaft, die die   Probleme aber noch versch&#228;rften. Trotzdem nahmen sowohl in der   herrschenden B&#252;rokratenkaste, als auch in der Bev&#246;lkerung, insgesamt die   Illusionen in die Marktwirtschaft zu, weil der wirtschaftlichen   Stagnation in den stalinistischen Staaten ein l&#228;ngerer   Konjunkturaufschwung ab 1983 und eine h&#246;here Konsumg&#252;terversorgung in   den entwickelten kapitalistischen Staaten gegen&#252;ber stand.<\/p>\n<p>  Zu Trotzkis Zeiten spielte die B&#252;rokratie eine doppelte Rolle: Auf der   einen Seite unterdr&#252;ckte sie die Bev&#246;lkerung, auf der anderen Seite   verteidigte sie die Planwirtschaft als die Grundlage ihrer Herrschaft.   Gegen Ende der 1980er Jahre war von dieser Verteidigung der   Planwirtschaft nicht mehr viel &#252;brig.<\/p>\n<p>  1989 war ein Jahr von Massenprotesten gegen stalinistische Regime. Im   Fr&#252;hjahr protestierten Studierende und ArbeiterInnen in Peking und   wurden blutig unterdr&#252;ckt. Im Sommer streikten die sowjetischen   Bergarbeiter massenhaft.<\/p>\n<p>  Die Ereignisse in der DDR 1989\/90 hat die SAV ausf&#252;hrlich in dem Buch   von Robert Bechert, &#8222;Die gescheiterte Revolution&#8220; dargestellt. Dort wird   auch auf die Kontroversen innerhalb des CWI in Deutschland eingegangen   (S. 135f.) Hinter ihnen steckte, dass ein Teil der GenossInnen, vor   allem in der damaligen westdeutschen Bundesleitung, weiterhin eine   Restauration des Kapitalismus in der DDR oder anderen osteurop&#228;ischen   L&#228;ndern f&#252;r unm&#246;glich hielt &#8211; und daher auch eine kapitalistische   Wiedervereinigung. Sie glaubten nach wie vor, dass eine   Wiedervereinigung nur auf der Grundlage des Sturzes des Stalinismus in   der DDR durch eine politischen Revolution und des Sturzes des   Kapitalismus durch eine sozialistische Revolution in der BRD m&#246;glich   sei. Deshalb meinten sie, an die wachsende Stimmung f&#252;r eine   Wiedervereinigung ankn&#252;pfen zu k&#246;nnen, ohne zu erkennen, dass diese   Stimmung die Gefahr einer Restauration des Kapitalismus in der DDR   erh&#246;hte.<\/p>\n<p>  Die F&#252;hrung des CWI war schon 1988 mehrheitlich zu der Einsicht   gekommen, dass eine Restauration des Kapitalismus in L&#228;ndern wie Polen   m&#246;glich geworden war. In der DDR war im Oktober 1989 die vorherrschende   Tendenz die zur politischen Revolution gewesen, aber nach der   Mauer&#246;ffnung nahmen die Illusionen in die Marktwirtschaft zu. Aus der   Einsicht, dass die kapitalistische Wiedervereinigung eine reale Gefahr   geworden war, ergab sich die Schlussfolgerung, dass man an   Wiedervereinigungsforderungen nicht positiv ankn&#252;pfen konnte.<\/p>\n<p>  Andere linke Str&#246;mungen verfuhren umgekehrt. Zum Beispiel lehnte die   deutsche Organisation der Internationalen Sozialistischen Tendenz (IST),   die Sozialistische Arbeitergruppe (SAG, die Vorl&#228;uferorganisation von   Linksruck und Marx 21), im Winter 1989\/90 die Wiedervereinigung ab, weil   diese eine St&#228;rkung des deutschen Imperialismus bedeutete. Wenige Monate   sp&#228;ter bef&#252;rwortete sie sie, weil sie die DDR als (staats)kapitalistisch   betrachtete und eine Vereinigung dadurch nicht als Mittel zur   Restauration des Kapitalismus. F&#252;r die IST\/SAG waren die Ereignisse 1989   bis 1991 keine historischer R&#252;ckschritt, sondern ein Schritt zur Seite.   Auch 1994 bem&#228;ngelten sie nur, eine &#8222;aus dem Generalstreik (eine   Forderung, die sie f&#252;r die Massenbewegung der DDR aufgestellt hatte,   A.d.A.) hervorgegangene revolution&#228;re &#220;bergangsregierung h&#228;tte den   Auftrag gehabt, (&#8230;) mit der Kohl-Regierung die Bedingungen f&#252;r eine   Wiedervereinigung auszuhandeln.&#8220; (Sozialismus von unten, 1994) Diese   Position ist allerdings selbst aus der Annahme heraus, die DDR sei   staatskapitalistisch gewesen, unmarxistisch, weil sie die Massenbewegung   in der DDR nicht mit einer sozialistischen Perspektive ausgestattet hat,   sondern zu einer Vereinigung auf kapitalistischer Grundlage gef&#252;hrt   h&#228;tte &#8211; denn in Verhandlungen mit der Kohl-Regierung h&#228;tte nichts   anderes herauskommen k&#246;nnen!<\/p>\n<p>  Hinter den Kontroversen innerhalb des CWI zur Wiedervereinigung steckte,   dass ein Teil der Mitglieder sich an alte Formeln klammerte und nicht   auf die grundlegend ge&#228;nderte Lage einstellte. Daher war die   Auseinandersetzung ein Vorspiel f&#252;r den Fraktionskampf 1991\/1992, der   zur Abspaltung der Minderheitsgruppe um Ted Grant und Alan Woods (der   heutigen Internationalen Marxistischen Tendenz, IMT, in Deutschland und   &#214;sterreich der &#8222;Funke&#8220;) f&#252;hrte. Bei diesem Fraktionskampf stand die   Haltung zur Labour Party im Mittelpunkt (siehe den folgenden Abschnitt).<\/p>\n<p>  Ein Streitpunkt war aber auch die Haltung zum gescheiterten Putsch in   der Sowjetunion im August 1991, als Gener&#228;le um Janajew versuchten, den   russischen Pr&#228;sidenten Boris Jelzin zu st&#252;rzen und die Macht zu   ergreifen. Bei diesem Putsch ging es keineswegs &#8211; wie in b&#252;rgerlichen   Medien zumeist dargestellt &#8211; darum, dass die Putschisten am Stalinismus   festgehalten h&#228;tten, w&#228;hrend nur die Kr&#228;fte um Jelzin den Kapitalismus   einf&#252;hren wollten. Es gab keine relevante Kraft innerhalb der   herrschenden B&#252;rokratie mehr, die den Stalinismus verteidige. Es ging   vielmehr darum, welche Rolle die zentrale sowjetische B&#252;rokratie spielen   sollte und welche die B&#252;rokratien der Einzelstaaten (Russland, Ukraine   etc.) &#8211; also wer bei der kapitalistischen Restauration sein Scherflein   ins Trockene bringen konnte. Zum anderen ging es darum, dass der Fl&#252;gel   um Jelzin schnell kapitalistische Verh&#228;ltnisse einf&#252;hren wollte, w&#228;hrend   der Fl&#252;gel um Janajew kapitalistische Verh&#228;ltnisse langsamer einf&#252;hren   wollte, aber sofort die in den letzten Jahren faktisch zugestandenen   demokratischen Rechte wieder einkassieren wollte: Meinungs-, Presse- und   Versammlungsfreiheit, Streikrecht, das Recht, sich zu organisieren. Bei   so einem Konflikt konnten MarxistInnen nicht neutral sein. Nicht weil   das CWI eine kapitalistische Demokratie einer stalinistischen Diktatur   vorziehen w&#252;rde, sondern weil unter einer von den Gener&#228;len gef&#252;hrten   kapitalistischen Restauration die demokratischen Rechte und   Kampfbedingungen der Arbeiterklasse deutlich schlechter gewesen w&#228;re.<\/p>\n<p>  Die einzige Kraft, die in Russland 1991 das Staatseigentum und die   Planwirtschaft h&#228;tte verteidigen (und von den stalinistischen   Monstrosit&#228;ten befreien) k&#246;nnen, war die Arbeiterklasse. Deshalb stand   in den Tagen des Putsches im Vordergrund, die Putschisten zu bek&#228;mpfen,   die die demokratischen Rechte, die Bewegungsfreiheit, die   Kampfm&#246;glichkeiten der Arbeiterklasse unmittelbar bedrohten. Nur so   blieb die M&#246;glichkeit bestehen, sp&#228;ter mit dem Jelzin-Fl&#252;gel   abzurechnen. Leider war das Bewusstsein der ArbeiterInnen zu sehr   zur&#252;ckgeworfen, so dass diese M&#246;glichkeit nicht genutzt wurde. Aber das   war im August eine M&#246;glichkeit, keine Gewissheit. Deshalb war es   richtig, Streiks zu organisieren und Barrikaden zu errichten, unabh&#228;ngig   davon, ob Jelzin &amp; Co dazu auch aufriefen. Gleichzeitig war es   notwendig, vor den Zielen von Jelzin &amp; Co zu warnen. So haben die   russischen Mitglieder des CWI gehandelt. Das wurde von der   Minderheitsfraktion um Ted Grant und Alan Woods heftig kritisiert, die   daf&#252;r eintraten, sich neutral zu verhalten.<\/p>\n<p>  Das CWI erkannte an, dass die Restauration des Kapitalismus eine   Niederlage f&#252;r die Arbeiterbewegung war, betonte aber, dass es vor allem   eine ideologische Niederlage war, nicht vergleichbar mit der   Zerschlagung der Arbeiterbewegung in verschiedenen L&#228;ndern durch den   Faschismus in den 1930er Jahren. Im Unterschied zum CWI haben mehrere   trotzkistische Organisationen jahrelang nicht wahrhaben wollen, dass es   in Osteuropa zur kapitalistischen Restauration gekommen war. Die LIT   (Internationale Arbeiterliga, die bis heute gr&#246;&#223;te Organisation aus der,   vor allem in Lateinamerika vertretenen, Str&#246;mung, die von Nahuel Moreno   aufgebaut wurde) betrachtete noch 1995 den Sturz des Stalinismus als   &#8222;sehr positive Entwicklung&#8220; und &#8222;strategischen Sieg der Arbeiterklasse&#8220;   und r&#228;umte erst 1996 ein, dass Russland kapitalistisch war. Sie beging   den Kardinalfehler, Revolution und Konterrevolution zu verwechseln und   bereitete ihre Mitglieder v&#246;llig falsch auf die schwierige Periode der   1990er Jahre vor, was zu einer vielfachen Aufspaltung dieser Str&#246;mung   f&#252;hrte.<\/p>\n<p>  Ted Grant, nach der Spaltung vom CWI wichtigster Theoretiker der IMT,   ver&#246;ffentlichte noch 1997 ein Buch &#252;ber &#8222;Revolution und Konterrevolution   in Russland&#8220;, laut dem dort kein Kapitalismus herrschte, sondern es   &#8222;eine widerspr&#252;chliche Hybridsituation gibt, in der die b&#252;rgerliche   Regierung von Jelzin unter dem Druck des Imperialismus einen v&#246;lligen   &#220;bergang zum Kapitalismus anstrebt.&#8220; Nicht nur das: Er sah den Prozess   der kapitalistischen Restauration sogar als als umkehrbar an.<\/p>\n<h4>  Die Verb&#252;rgerlichung der Sozialdemokratie<\/h4>\n<p>  Wie oben geschrieben, stand im Mittelpunkt des Fraktionskampfes im CWI   1991\/92 die Einsch&#228;tzung der Sozialdemokratie. Die Einsch&#228;tzung der   objektiven Entwicklung und der praktischen Schlussfolgerungen waren hier   so eng verflochten, dass es keinen Sinn macht, sie getrennt zu   diskutieren.<\/p>\n<p>  Die Mehrheit stellte fest, dass sich die Sozialdemokratie nach rechts   bewegte und sich entleerte. Die Ortsvereine verloren mehr und mehr ihre   aktive Basis, vor allem unter ArbeiterInnen und AktivistInnen aus   Gewerkschaften und sozialen Bewegungen. Dieser Prozess begann Ende der   1980er Jahre unter dem Einfluss des damaligen relativ langen   Wirtschaftsaufschwungs und verst&#228;rkte sich nach dem Zusammenbruch des   Stalinismus. Die Mehrheit zog daraus die Schlussfolgerung, dass in   einzelnen L&#228;ndern eine erfolgreichere Arbeit als &#8222;offene&#8220; Organisation   au&#223;erhalb der traditionellen Parteien m&#246;glich war. Dieser taktische   Schritt wurde als &#8222;offene Wende&#8220; bekannt. F&#252;r die Minderheit hatte sich   die langfristige Taktik der Arbeit in den traditionellen   (sozialdemokratischen, in manchen L&#228;ndern auch stalinistischen)   Massenparteien der Arbeiterklasse in eine Strategie und ein Dogma   verwandelt, z.B. arbeiten sie heute noch in Frankreich in der   Kommunistischen Partei, die mal eine Massenpartei war, aber bei den   Pr&#228;sidentschaftswahlen 2007 noch 1,9 Prozent erhielt &#8211; der Kandidat der   damaligen LCR (Revolution&#228;r-Kommunistische Liga) Olivier Besancenot   bekam 4,1 Prozent.<\/p>\n<p>  Zu diesem Zeitpunkt sah aber auch die Mehrheit die &#8222;offene Wende&#8220; nur   als eine vor&#252;bergehende Taktik &#8211; und keineswegs als einzige m&#246;gliche   Taktik. So schlug sie der italienischen Sektion vor, in der Rifondazione   Comunista (PRC), die sich damals gerade von der sozialdemokratisierten   ehemaligen Kommunistischen Partei (Partei der Demokratischen Linken)   abgespalten hatte, zu arbeiten. Die italienische Sektion, die die   internationale Minderheit unterst&#252;tzte, lehnte das aber ab und trat erst   Jahre sp&#228;ter der PRC bei. Der 6. CWI-Weltkongress 1993 hielt &#8222;offene   Arbeit&#8220;, die Arbeit in &#8222;neuen Formationen&#8220;, die sich von den   traditionellen Parteien abspalteten, und die Fortsetzung der Arbeit in   traditionellen sozialdemokratischen\/kommunistischen Parteien als   m&#246;gliche Taktiken fest.<\/p>\n<p>  In den folgenden Jahren kam das CWI zu der Schlussfolgerung, dass der   Rechtsruck der Sozialdemokratie eine qualitative Ver&#228;nderung bedeutete.   Seit der Zustimmung der Sozialdemokratie zu den Kriegskrediten 1914   hatten MarxistInnen sie als b&#252;rgerliche Arbeiterparteien bezeichnet. Das   hei&#223;t, dass sie Parteien waren, die politisch bewusste ArbeiterInnen als   ihre Organisationen ansahen (und nicht nur als ein kleineres &#220;bel, das   man auf dem Stimmzettel ankreuzt, um ein gr&#246;&#223;eres zu verhindern), die   aber von bewussten Verteidigern des Kapitalismus gef&#252;hrt wurden. Der   Nutzen dieser F&#252;hrung f&#252;r die Kapitalisten beruhte auf ihrem Einfluss   auf die ArbeiterInnen und dieser Einfluss auf erk&#228;mpften Reformen (oder   zumindest der Erinnerung an vergangene Reformen).<\/p>\n<h4>  Jetzt verwandelten sich diese b&#252;rgerlichen Arbeiterparteien in rein   b&#252;rgerliche Parteien.<\/h4>\n<p>  Sie verloren ihre aktive Arbeiterbasis, wurden von breiteren Schichten   der Arbeiterklasse nicht mehr als ihre Parteien angesehen,   ArbeiterInnen, die in Aktion traten und sich politisierten, orientierten   sich nicht mehr auf diese Parteien als Vehikel ihre Interessen   durchzusetzen und programmatisch gaben sie weitgehend jeden Bezug zum   Sozialismus auf und nahmen an der Durchsetzung neoliberaler Politik   teil. Sicher haben diese Parteien noch enge Verbindungen zu den   Gewerkschaftsapparaten, aber das haben die Demokraten in den USA auch,   geschweige denn christdemokratische Parteien in L&#228;ndern, in denen es   st&#228;rkere christliche Gewerkschaftsverb&#228;nde gibt.<\/p>\n<p>  Mit dieser Einsch&#228;tzung steht das CWI fast allein. Auch ultralinke   Organisationen wie die &#8222;Spartakisten&#8220; oder die &#8222;Liga f&#252;r die f&#252;nfte   Internationale&#8220; (in Deutschland &#8222;Gruppe Arbeitermacht&#8220;) betrachten die   Sozialdemokratie noch als b&#252;rgerliche Arbeiterparteien und sehen daher   den qualitativen Unterschied zu Parteien wie der Linken in Deutschland   nicht, womit sie ihre sektiererische Haltung solchen Parteien gegen&#252;ber   rechtfertigen.<\/p>\n<p>  In einem Artikel zur Wahl in Hamburg im Februar 2011 schrieb die &#8222;Gruppe   Arbeitermacht&#8220;: &#8222;Den traditionellen SPD-W&#228;hlerInnen, die &#8218;ihrer&#8217; Partei   die Treue halten, sagen wir: Geht w&#228;hlen! Sorgt daf&#252;r, dass die SPD nur   mit der Linken regiert &#8211; keine Koalition mit Schwarz, Gelb oder Gr&#252;n!&#8220;   (Neue Internationale&#8220; 156, S. 15) Sie rufen sie nicht dazu auf, endlich   mit der SPD zu brechen, sondern reden einer Koalition zwischen SPD und   Linken das Wort!<\/p>\n<p>  Auch die &#8222;Funke&#8220;-Gruppe in Deutschland hat sich nicht grundlegend gegen   die Koalition der PDS\/DIE LINKE mit der SPD in Berlin und anderen   Bundesl&#228;ndern ausgesprochen.<\/p>\n<p>  Die Organisation, die sich selbst als &#8222;die Vierte Internationale&#8220; zu   bezeichnen pflegt, aber von anderen trotzkistischen Organisationen meist   als Vereinigtes Sekretariat der Vierten Internationale (VSVI) bezeichnet   wird, sieht zwar auch eine qualitative Ver&#228;nderung der   sozialdemokratischen Parteien, eine Verwandlung in &#8222;sozialliberale   Parteien&#8220;, betrachtet diese aber immer noch als Teil der   Arbeiterbewegung.<\/p>\n<p>  Aus der Einsch&#228;tzung des CWI ergibt sich unter anderem die   Notwendigkeit, gegen den sozialdemokratischen Einfluss in den   Gewerkschaften zu k&#228;mpfen, z.B. in Britannien f&#252;r das Kappen der   Angliederung der Gewerkschaften an die Labour Party und das Einstellen   der gewerkschaftlichen Parteispenden einzutreten, statt die Illusion zu   haben, auf diese Weise noch Einflussm&#246;glichkeiten auf die Partei zu   haben. Vor allem aber kam das CWI deshalb Mitte der 1990er Jahre zu der   Folgerung, dass der Aufbau neuer Arbeiterparteien notwendig ist.<\/p>\n<h4>  Imperialismus, Krieg und Islamhetze<\/h4>\n<p>  Eine der schrecklichsten Folgen der Restauration des Kapitalismus war   eine Reihe von Kriegen, sowohl von B&#252;rgerkriegen in ehemals   stalinistischen L&#228;nder (Kaukasus, ehemaliges Jugoslawien) als auch   Kriege des US-Imperialismus und seiner Verb&#252;ndeten gegen den Irak (1991   und 2003), Jugoslawien (1999) und Afghanistan (2001) &#8211; 1999 und 2001   unter direkter Beteiligung der &#8222;rot-gr&#252;n&#8220; regierten BRD. MarxistInnen   hatten selbstverst&#228;ndlich die Pflicht, diese reaktion&#228;ren Kriege   abzulehnen und auf der Seite der vom Imperialismus angegriffenen V&#246;lker   zu stehen. Dabei war klar, dass der Irak, Jugoslawien oder Afghanistan   die einzig verbliebene Supermacht USA milit&#228;risch nicht besiegen   konnten. Ein Sieg des US-Imperialismus h&#228;tte nur durch eine m&#228;chtige   Antikriegsbewegung in den imperialistischen L&#228;ndern verhindert werden   k&#246;nnen. Dabei war es v&#246;llig kontraproduktiv, irgendwelche Sympathien f&#252;r   Saddam Hussein, Milosevic oder die Taliban zu haben, f&#252;r die die Massen   weltweit Abscheu empfanden. Richtig war es zu betonen, dass der Sturz   dieser Regime nicht Sache imperialistischer Armeen, sondern der eigenen   Bev&#246;lkerung der ArbeiterInnen und Jugend, war, die ja auch in der Tat   Milosevic gest&#252;rzt haben.<\/p>\n<p>  Anders als SAV und CWI, hat die IST es sogar f&#252;r falsch erkl&#228;rt, die   Anschl&#228;ge vom 11. September zu &#8222;verurteilen&#8220;. Das vertraten ihre   damaligen Vertreter Rob Hoveman und John Rees in einem Rundschreiben des   britischen B&#252;ndnisses &#8222;Socialist Alliance&#8220;. Es war umso absurder, weil   sie erkl&#228;rten, die Anschl&#228;ge auch abzulehnen &#8211; aber das Wort   &#8222;verurteilen&#8220; zur Prinzipienfrage erkl&#228;rten.<\/p>\n<p>  Fehler in die andere Richtung wurden gleichzeitig gemacht: Ein Aufruf   franz&#246;sischer Intellektueller gegen den Jugoslawienkrieg 1999 beklagte:   &#8222;Man h&#228;tte im Rahmen der OSZE die Bedingungen f&#252;r eine gemischtnationale   (insbesondere aus Serben und Albanern zusammengesetzte) Polizei finden   k&#246;nnen&#8220;. Der Aufruf wurde vom damaligen Vordenker der LCR (franz&#246;sischen   VSVI-Sektion), Daniel Bensaid, ebenso unterschrieben wie vom   IST-Theoretiker Professor Callinicos. VSVI und IST verbreiteten den   Aufruf international. Aber Institutionen wie OSZE und UNO sind keine   Alternative zur Nato oder Bushs &#8222;Koalition der Willigen&#8220;, sondern   ebenfalls Zusammenschl&#252;sse kapitalistischer und imperialistischer   Staaten. Und wenn R&#228;uber sich zusammenschlie&#223;en, ist das Ergebnis eine   R&#228;uberbande.<\/p>\n<p>  Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion l&#246;ste der Islam sie als Feindbild   ab. Nach dem 11. September nahm die Hetze gegen MigrantInnen aus   islamischen L&#228;ndern stark zu. Es ist notwendig dem entgegen zu treten.   Aber die IST hat dar&#252;ber hinaus opportunistisch Zugest&#228;ndnisse an die   Vorurteile r&#252;ckst&#228;ndiger Muslime gemacht. So hat ihre britische   Socialist Workers Party (SWP) im Gefolge der Massenbewegung gegen den   Irakkrieg das Wahlb&#252;ndnis Respect gegr&#252;ndet, das sich stark auf durch   den Krieg politisierte Muslime st&#252;tzte. Dabei pr&#228;sentierte sich Respect   oftmals als die Partei f&#252;r Muslime, statt muslimische ArbeiterInnen als   ArbeiterInnen anzusprechen und die Einheit mit nicht-muslimischen   ArbeiterInnen deutlich zu propagieren. So wurden zum Beispiel   KandidatInnen teilweise aufgrund ihrer ethnischen Zugeh&#246;rigkeit   ausgew&#228;hlt oder auf Kandidaturen gegen muslimische Labour-Kandidaten   verzichtet, obwohl diese Sozialabbau zugestimmt hatten.Von vielen   ArbeiterInnen (auch nicht-muslimischen MigrantInnen) wurde Respect   demenstprechend als &#8222;Moslem-Partei&#8220; gesehen.<\/p>\n<p>  Noch verheerender ist die unkritische Haltung gegen&#252;ber dem islamischen   Fundamentalismus in Bezug auf L&#228;nder, wo er Macht hat. Nach dem   israelischen Angriff auf den Gaza-Hilfskonvoi ver&#246;ffentlichte die   SWP-Theoriezeitschrift International Socialism einen Artikel, in dem   Hamas als &#8222;nationale Befreiungsbewegung mit islamistischen Merkmalen&#8220;   bezeichnet wird, die &#8222;in einer Achse des anti-imperialistischen   Widerstands mit Organisationen wie Hisbollah und dem Iran verbunden&#8220;   sei. Wenige Wochen bevor Jugendliche in Gaza ihre Wut &#252;ber die   Bevormundung in einem Manifest zum Ausdruck brachten, das mit den Worten   &#8222;Fuck Hamas, Fuck Fatah, Fuck UNO, Fuck Israel&#8220; begann, verniedlichte   die SWP die Haltung der Hamas zu &#8222;tief konservativen Positionen zu   Fragen wie dem freien Markt und sexueller Befreiung&#8220;. Wenige Monate   bevor in der Revolution in &#196;gypten die Moslembr&#252;der kaum eine Rolle   spielten, erkl&#228;rte der Artikel sie zur &#8222;gr&#246;&#223;ten Massenbewegung in   &#196;gypten (in der Tat in der arabischen Welt)&#8220; und &#8222;Hauptopposition zum   Mubarak-Regime&#8220;.<\/p>\n<p>  Die IST betrachtet islamistische Bewegungen als mit den revolution&#228;ren   antikolonialistischen Bewegungen der Nachkriegsjahrzehnte vergleichbar.   Es stimmt, dass die NLF(Nationale Befreiungsfront) in Vietnam auch   fortschrittliche Menschen verfolgt hat. Tats&#228;chlich haben die   vietnamesischen Stalinisten nach dem Zweiten Weltkrieg eine der   st&#228;rksten trotzkistischen Bewegungen der Welt zerst&#246;rt. Der   entscheidende Unterschied ist, dass die vietnamesischen Stalinisten f&#252;r   eine ganze Geschichtsepoche den Kapitalismus gest&#252;rzt haben, dabei   allerdings ein totalit&#228;res stalinistisches Regime errichtet haben, das   sich nur durch einen Sturz der B&#252;rokratie zum Sozialismus h&#228;tte   entwickeln k&#246;nnen. Aber die IST, die den Stalinismus f&#252;r eine Form von   Kapitalismus (&#8222;Staatskapitalismus&#8220;) h&#228;lt, erkennt diesen Unterschied   nicht.<\/p>\n<h4>  Permanente Revolution heute<\/h4>\n<p>  Der IST-Gr&#252;nder Tony Cliff hatte 1963 eine &#8222;Theorie der umgelenkten   permanenten Revolution&#8220; entwickelt. Danach k&#246;nnte eine Bewegung unter   F&#252;hrung von Intellektuellen ein staatskapitalistisches System errichten.   Damit erkl&#228;rte Cliff es im Unterschied zu Trotzki f&#252;r m&#246;glich, dass in   r&#252;ckst&#228;ndigen kapitalistischen Staaten auch im Zeitalter des   Imperialismus eine revolution&#228;re L&#246;sung der Agrarfrage (die Zerschlagung   des Gro&#223;grundbesitzes) im Rahmen des Kapitalismus m&#246;glich ist (und nicht   nur in Ausnahmef&#228;llen). Inzwischen sieht die IST nicht nur keinen   Unterschied mehr darin, ob ein Regime kapitalistisch bleibt oder ein   stalinistisches System (was sie f&#252;r Staatskapitalismus erkl&#228;rt)   errichtet, sondern auch darin, ob es den Gro&#223;grundbesitz zerschl&#228;gt oder   nicht. Ob eine nationale Befreiungsbewegung wie in Vietnam das macht   oder eine islamistische &#8222;nationale Befreiungsbewegung&#8220; das nicht macht,   scheint f&#252;r sie keinen Unterschied zu machen.<\/p>\n<p>  F&#252;r CWI und SAV ist Trotzkis Theorie der permanenten Revolution ein   unverzichtbarer Schl&#252;ssel zum Verst&#228;ndnis gerade auch der revolution&#228;ren   Welle, die jetzt im Nahen Osten begonnen hat. Dagegen haben IST und VSVI   in diesem Zusammenhang Karikaturen von Trotzkis &#8222;permanenter Revolution&#8220;   vertreten. Der SWP-Theoretiker Callinicos schrieb in einem Artikel &#252;ber   Tunesien, dass in Russland der politische Aufstand gegen den Zaren in   wirtschaftliche K&#228;mpfe gegen das Kapital hin&#252;ber wuchs. Das   Internationale Komitee des VSVI schrieb in einer Erkl&#228;rung vom 22. 2.   2011 von der permanenten Revolution, die &#8222;soziale, demokratische   Dimensionen und solche der nationalen Souver&#228;nit&#228;t verbindet und sich   international ausbreitet&#8220;. Die Volksklassen und vor allem die   Arbeiterklasse h&#228;tten &#8222;die Mittel bekommen, alle demokratischen   Freiheiten geltend zu machen&#8220;. Beide unterschlagen den Gedanken, dass   sich auch die demokratischen Ziele der Revolution nur verwirklichen   lassen, wenn die Arbeiterklasse im B&#252;ndnis mit der Bauernschaft die   Macht &#252;bernimmt und dann zu antikapitalistischen Ma&#223;nahmen weitergeht.   Aber im Nahen Osten ist eine demokratische L&#246;sung der Agrarfrage und,   angesichts des Iarel-Pal&#228;stine-Konflikts, erst Recht der nationalen   Frage im Rahmen des Kapitalismus unrealistisch. Seine &#220;berwindung ist   f&#252;r jeden dauerhaften Fortschritt notwendig.<\/p>\n<h4>  Aufbau einer revolution&#228;ren Partei &#8211; m&#246;glich? notwendig?<\/h4>\n<p>  Der Trotzkismus als politische Str&#246;mung war in Opposition zum   Stalinismus entstanden. Waren nach dem unr&#252;hmlichen Ende des Stalinismus   die alten Kontroversen &#252;berholt? Das Vereinigte Sekretariat sagte 1995:   &#8222;Die Analyse der stalinistischen Sowjetunion, die Identifikation mit dem   historischen Kampf der russischen Linken Opposition und mit der   Entwicklung der Vierten Internationale seit dem Zweiten Weltkrieg wird   St&#252;ck f&#252;r St&#252;ck ihren unterscheidenden Charakter bei der Konstituierung   revolution&#228;rer Organisationen verlieren&#8220;.<\/p>\n<p>  Aber erstens bleibt eine Erkl&#228;rung des Stalinismus eine wichtige   Voraussetzung f&#252;r den Aufbau neuer sozialistischer Massenbewegungen und   zweitens besteht der Trotzkismus nicht nur aus der Stalinismusanalyse.   Die Aktualit&#228;t von Trotzkis Theorie der permanenten Revolution wurde   schon betont, seine von ihm entwickelten oder verteidigten Ideen zu   Fragen des &#220;bergangsprogramms, der Koalitionspolitik mit b&#252;rgerlichen   Parteien, des Internationalismus sind ebenso brandaktuell (siehe dazu   den Artikel &#8222;Trotzkismus heute&#8220; in sozialismus.info Nummer 11).<\/p>\n<p>  Der Restauration des Kapitalismus in Osteuropa und der Sowjetunion und   ihre Folgen stellten einen schweren R&#252;ckschlag f&#252;r die internationale   Arbeiterbewegung dar. War unter diesen Umst&#228;nden der Aufbau   revolution&#228;rer Organisationen m&#246;glich?<\/p>\n<p>  Organisationen verschiedener internationaler Str&#246;mungen zogen die   Schlussfolgerung, sich in breitere Organisationen aufzul&#246;sen. Die   franz&#246;sische LCR (Ligue Comuniste Revolutionnaire,   Revolution&#228;r-Kommunistische Liga), die wohl einflussreichste Sektion des   VSVI, l&#246;ste sich im Februar 2009 in der NPA (Nouveau Parti   Anticapitaliste, Neue Antikapitalistische Partei) auf. Ihre ehemaligen   Mitglieder geh&#246;ren heute verschiedene Str&#246;mungen, &#8222;Positionen&#8220; in der   NPA an. In Deutschland erkl&#228;rte die bisherige IST-Sektion Linksruck im   September 2007 ihre Aufl&#246;sung und die Gr&#252;ndung des Netzwerks Marx 21,   das offiziell nicht Mitglied der IST ist und sich nicht als   trotzkistisch versteht. Die australische DSP   (Demokratisch-Sozialistische Partei) gr&#252;ndete erst mit anderen Linken   ein B&#252;ndnis namens Sozialistische Allianz. Sp&#228;ter wandelte sie sich in   eine lockere Str&#246;mung Demokratisch-Sozialistische Perspektive um und   l&#246;ste sich im Januar 2010 in der Sozialistischen Allianz auf. Eine   Minderheit, der das zu weit ging, wurde 2008 ausgeschlossen.<\/p>\n<p>  Auch im CWI gab es 1998 bis 2001 eine Diskussion &#252;ber die Frage, die   sich an der Gr&#252;ndung der Schottischen Sozialistischen Partei (SSP)   entz&#252;ndete. Die schottische CWI-Sektion (Scottish Militant Labour, SML)   waren in den Jahren davor die st&#228;rkste Kraft in der Schottischen   Sozialistischen Allianz (SSA). Jetzt schlugen sie vor, die SSA in eine   Partei zu verwandeln, die sie als &#220;bergangs- oder Hybridpartei   bezeichneten: weder eine revolution&#228;re Partei noch eine &#8222;breite&#8220; Partei   (in der verschiedene ideologische Str&#246;mungen mitarbeiten).<\/p>\n<p>  Die F&#252;hrung des britischen Sektion (Socialist Party, SP) und des CWI   warnten entschieden davor, SML in eine nichtrevolution&#228;re Partei   aufzul&#246;sen. Sie schlugen vor, in jedem Fall eine revolution&#228;re   CWI-Organisation zu erhalten. Entsprechend hatte das CWI die LCR vor der   NPA-Gr&#252;ndung mehrfach zur Bildung einer breiten Partei aufgefordert.   Leider lie&#223; diese mehrere g&#252;nstige Gelegenheiten verstreichen. Die   franz&#246;sische CWI-Sektion Gauche R&#233;volutionnaire (Revolution&#228;re Linke)   hat sich an der Gr&#252;ndung der NPA beteiligt, sich aber nicht in ihr   aufgel&#246;st.<\/p>\n<p>  In Irland wurde auf Vorschlag der dortigen CWI-Sektion, Socialist Party,   f&#252;r die Wahlen im Februar 2011 das Vereinigte Linksb&#252;ndnis (United Left   Alliance, ULA) gegr&#252;ndet. Dieses konnte mit f&#252;nf Abgeordneten, zwei   davon von der Socialist Party, ins Parlament einziehen und stellt   hoffentlich die Basis f&#252;r eine neue breite Arbeiterpartei in Irland dar.   Doch auch hier hat die CWI-Sektion ihre eigenen revolution&#228;ren   Organisationsstrukturen nicht aufgel&#246;st.<\/p>\n<p>  In ihrer Kritik der SML-Vorschl&#228;ge beharrte die F&#252;hrung der britischen   Sektion auf dem Ziel des Aufbaus von revolution&#228;ren Massenparteien und   einer revolution&#228;ren Masseninternationale.<\/p>\n<p>  Das ist die historische Erfahrung des 20. Jahrhunderts, in dem die   russische Revolution unter F&#252;hrung der bolschewistischen Partei zur   Errichtung einer R&#228;tedemokratie f&#252;hrte (bis die Isolation der Revolution   zur stalinistischen Degeneration der Revolution f&#252;hrte), w&#228;hrend alle   anderen Revolutionen, oft in L&#228;ndern mit viel g&#252;nstigeren objektiven   Bedingungen aber ohne eine vergleichbare Partei, auf die eine oder   andere Weise in Niederlagen endeten.<\/p>\n<p>  Die Notwendigkeit einer revolution&#228;ren Partei ergibt sich aus der   Spaltung der Arbeiterklasse, in M&#228;nner und Frauen, Gelernte und   Ungelernte, Junge und Alte, Einheimische und MigrantInnen etc., auf die   sich die Kapitalisten mit ihrer Teile-und-Herrsche-Politik st&#252;tzen. Um   diese Spaltungen zu &#252;berwinden ist eine revolution&#228;re Partei notwendig,   die durch politische Forderungen und Kampfvorschl&#228;ge gemeinsame K&#228;mpfe   vorantreibt, bis hin zum Sturz des Kapitalismus.<\/p>\n<p>  Das CWI hat nie die These Karl Kautskys (die Lenin in &#8222;Was Tun&#8220; 1902   vor&#252;bergehend &#252;bernommen hatte) geteilt, dass die Arbeiterklasse nur ein   gewerkschaftliches (&#8222;trade-unionistisches&#8220;) Bewusstsein entwickeln   k&#246;nne, w&#228;hrend das revolution&#228;re Bewusstsein von au&#223;en durch b&#252;rgerliche   Intellektuelle hineingetragen werden m&#252;sse. Trotzki hat diese Idee   zur&#252;ckgewiesen. Trotzdem vertreten sie viele, sich als trotzkistisch   verstehende Organisationen. Aber die revolution&#228;re Partei ist nichts der   Arbeiterklasse &#196;u&#223;erliches, sondern ihr bewusstester Teil.<\/p>\n<p>  Doch auch wenn ArbeiterInnen durch ihre Erfahrungen mit dem Kapitalismus   zu revolution&#228;ren Schlussfolgerungen kommen k&#246;nnen, ist das mit Umwegen   und Irrwegen verbunden. Verschiedene Teile der Klasse kommen zu   verschiedenen Zeiten zu revolution&#228;ren Schlussfolgerungen, stellen fest,   dass andere Teile der Klasse das nicht so sehen und verzweifeln an der   M&#246;glichkeit, die Mehrheit der Arbeiterklasse f&#252;r revolution&#228;re Ideen   gewinnen zu k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Und wir haben nur eine begrenzte Zeit in dem doppelten Sinne, dass   objektiv revolution&#228;re Situationen nicht lange anhalten, sondern in   Niederlagen und Konterrevolutionen enden, wenn sie nicht genutzt werden;   und in dem Sinne, dass die Menschheit in Barbarei in Form von   &#246;kologischen und sozialen Katastrophen und Kriegen versinken wird, wenn   noch zu viele revolution&#228;re M&#246;glichkeiten ungenutzt verstreichen.   Deshalb hat eine revolution&#228;re Partei mit weitsichtiger F&#252;hrung, die   durch ihre Intervention hilft, Radikalisierungsprozesse zu beschleunigen   und Irrwege zu vermeiden, eine entscheidende Bedeutung.<\/p>\n<h4>  Was ist eine revolution&#228;re Partei?<\/h4>\n<p>  Da die SML-F&#252;hrung sich auch zum Ziel einer revolution&#228;ren Partei   bekannte, entwickelte sich eine ausf&#252;hrliche Diskussion, was darunter zu   verstehen ist. Die SP-F&#252;hrung charakterisierte eine &#8222;revolution&#228;re   Partei&#8220; als revolution&#228;re Organisation, die politisch und   organisatorisch unabh&#228;ngig ist, deren Ziele und Organisationsmethoden   auf einer bestimmten Weltanschauung und theoretischen Tradition und   einem Programm beruhen. Es ist nicht entscheidend, ob sie eine   eigenst&#228;ndige Partei ist oder als organisierte Str&#246;mung in einer   breiteren Organisation arbeitet.<\/p>\n<p>  Ihre Organisationsmethoden wurden traditionell &#8222;demokratischer   Zentralismus&#8220; genannt. Das bedeutet W&#228;hlbarkeit, Verantwortlichkeit und   jederzeitige Abw&#228;hlbarkeit der F&#252;hrung, vollstm&#246;gliche interne   demokratische und solidarische Diskussion und Debatte und gemeinsames   Umsetzen der gef&#228;llten Beschl&#252;sse. Demokratie ist immer unverzichtbar,   aber die Gewichtung von Demokratie und Zentralismus kann verschieden   sein. Nach der Erfahrung mit dem Stalinismus und angesichts der vielen   neuen Fragen, denen MarxistInnen seitdem gegen&#252;ber stehen, muss die   demokratische Seite im Vordergrund stehen.<\/p>\n<p>  Ohne eine solche revolution&#228;re Organisation ist es auf die Dauer   unm&#246;glich, die marxistischen Ideen gegen den Druck der b&#252;rgerlichen   Gesellschaft und nichtmarxistischer Str&#246;mungen zu verteidigen und   zugleich weiter zu entwickeln.<\/p>\n<p>  Damit eine revolution&#228;re Organisation funktionieren kann, braucht sie   eigene Publikationen (&#246;ffentliche Zeitungen oder Zeitschriften oder   interne Bulletins), eigene regelm&#228;&#223;ige Treffen, eine demokratisch   gew&#228;hlte F&#252;hrung und eigene Finanzen, je nach Gr&#246;&#223;e auch eigene   Hauptamtliche.<\/p>\n<p>  Auch f&#252;r die Mitgliedschaft in der Internationale sind Strukturen   wichtig, in denen demokratisch diskutiert und entschieden werden kann.   In der Debatte 1998 zeigte sich, dass die SML-F&#252;hrung die   Organisationsstrukturen der schottischen CWI-Organisation massiv   aufweichen wollte.<\/p>\n<p>  Unter Programm verstand die SP-F&#252;hrung nicht nur ein Aktionsprogramm   oder auch ein &#220;bergangsprogramm. Ein Aktionsprogramm w&#228;re ein aktuelles   Kampagneprogramm einer revolution&#228;ren Organisation oder ein auf die   wichtigsten Ziele beschr&#228;nktes Programm einer breiteren Partei oder   eines B&#252;ndnisses. Ein &#220;bergangsprogramm bildet eine Br&#252;cke zwischen dem   Bewusstsein der Arbeiterklasse und der Notwendigkeit einer   Machteroberung durch die Arbeiterklasse. Es enth&#228;lt zwar wichtige   Aspekte eines marxistischen Programms, aber nicht alle.<\/p>\n<p>  Ein marxistisches Programm charakterisierte sie als die   Verallgemeinerung der Erfahrung des Marxismus und Trotzkismus: es st&#252;tzt   sich auf die Beschl&#252;sse der ersten vier Kongresse der Kommunistischen   Internationale, der Linken Opposition, die Gr&#252;ndungsdokumente der   Vierten Internationale und die Dokumente des CWI. Als Antwort auf neue   K&#228;mpfe und Entwicklungen wird das Programm st&#228;ndig aktualisiert, diese   Aktualisierungen demokratisch diskutiert und beschlossen. Es enth&#228;lt   grundlegende Ziele der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft,   eine Strategie der Machteroberung durch die Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>  Die SML-F&#252;hrung verwischte den Unterschied zwischen einem   Aktionsprogramm, wie es die SSA hatte und es f&#252;r die SSP vorgesehen war,   und einem marxistischen Programm. Sie erweckte auch den Eindruck, dass   ein Programm, dessen Forderungen objektiv im Kapitalismus nicht zu   verwirklichen sind, revolution&#228;r sei. Aber ein revolution&#228;res Programm   zielt bewusst auf die &#220;berwindung des Kapitalismus ab. Und die formelle   Unterst&#252;tzung eines sozialistischen oder auch revolution&#228;ren Programms   gen&#252;gt nicht. In der Geschichte der Arbeiterbewegung hat es schon genug   Kr&#228;fte gegeben, denen sozialistische und revolution&#228;re Sonntagsreden   leicht von den Lippen gingen, die aber reformistische Politik betrieben,   wenn es zu ernsthaften K&#228;mpfen kam.<\/p>\n<p>  Als Ziel einer revolution&#228;ren Organisation bezeichnete die SP-F&#252;hrung   die Entwicklung von Unterst&#252;tzung in breiteren Schichten der   Arbeiterklasse und den Aufbau einer Kraft marxistischer Kader. Unter   Kadern verstand sie Mitglieder, die die Ideen des Marxismus verstehen,   auf der Basis seines Programms, seiner Strategie und Taktik selbst&#228;ndig   am Klassenkampf teilnehmen, Mitglieder gewinnen und die Organisation   aufbauen. Kader bilden den revolution&#228;ren Kern der Organisation, um den   herum in Phasen von schnellem Wachstum eine gr&#246;&#223;ere Massenorganisation   aufgebaut werden kann.<\/p>\n<p>  Das CWI hat die Gr&#252;ndung der SSP nicht abgelehnt, aber gewarnt, dass die   SSP ohne eine starke, gut organisierte CWI-Sektion verschwinden oder   sich in reformistische Richtung entwickeln werde. Die SSP hatte   kurzfristige Erfolge, 2003 wurden sechs Abgeordnete ins schottische   Parlament gew&#228;hlt. Parallel dazu entfernten sich die Mehrheit der in ISM   umbenannten SML immer mehr von den politischen Positionen des CWI,   sch&#252;rten Illusionen in die Umverteilung durch Steuerpolitik oder in die   wirtschaftliche Entwicklungsf&#228;higkeit eines unabh&#228;ngigen   kapitalistischen Schottlands. Inzwischen hat sich die SSP gespalten und   ihre Mitglieder und Wahlunterst&#252;tzung weitgehend wieder verloren.   Gemeinsam mit k&#228;mpferischen und auf die Arbeiterklasse orientierten   Kr&#228;ften haben die schottischen CWI-Mitglieder die breite Organisation   &#8222;Solidarity&#8220; gegr&#252;ndet. Die Warnungen haben sich mehr als best&#228;tigt.<\/p>\n<h4>  Doppelte Aufgabe und neue Arbeiterparteien<\/h4>\n<p>  Schon Mitte der 1990er Jahre hatte das CWI aus der Verb&#252;rgerlichung der   sozialdemokratischen Parteien und dem R&#252;ckgang im sozialistischen   Bewusstsein in der Arbeiterklasse Schlussfolgerungen f&#252;r die Aufgaben   von MarxistInnen gezogen und das in dem Begriff der doppelten Aufgabe,   des &#8222;dual task&#8220;, zusammengefasst: Neben dem Aufbau der revolution&#228;ren   Partei ist auch die Rehabilitierung und Popularisierung sozialistischer   Ideen notwendig und der Aufbau neuer Arbeiterparteien.<\/p>\n<p>  In diesem Sinne hat das CWI st&#228;ndig versucht, die konkrete   Kampagnenarbeit und den Aufbau neuer linker Parteien mit der Vermittlung   einer Vision von einer sozialistischen Gesellschaft zu verbinden. Das   brachte es in Konflikt mit anderen trotzkistischen Str&#246;mungen, zum   Beispiel in der WASG in Deutschland mit Linksruck, die es ablehnten f&#252;r   die WASG eine sozialistisches Programm vorzuschlagen, weil das aus ihrer   Sicht nicht dem Bewusstsein der Arbeiterklasse entsprach. Ebenso hat die   irische Socialist Workers&quot; Party (SWP) in dem Vereinigten Linksb&#252;ndnis   darauf bestanden, dass dieses keinen sozialistischen Charakter erhielt.<\/p>\n<p>  Das CWI hat aus der Verb&#252;rgerlichung der Sozialdemokratie die   Schlussfolgerung gezogen, dass der Aufbau neuer Arbeiterparteien   notwendig ist. Darunter werden Parteien verstanden, die die   Klasseninteressen der arbeitenden Bev&#246;lkerung vertreten, alle Ma&#223;nahmen   des Sozial- und Lohnabbaus bek&#228;mpfen, verschiedene Schichten von   AktivistInnen aus Gewerkschaften und linken Gruppen zusammen bringen und   ein Forum zur Debatte &#252;ber eine Strategie zur Abschaffung des   Kapitalismus bieten.<\/p>\n<p>  Da fast keine andere trotzkistische Organisation diese Analyse teilte,   hat niemand sonst so konsequent diese Idee propagiert. Unser Ziel ist   dabei keine Neuauflage der Sozialdemokratie mit ihren Fehlern (die   schlie&#223;lich zu ihrer Verwandlung in neoliberale kapitalistische Parteien   f&#252;hrte). Aber das Wiederentstehen von Parteien, die die grundlegenden   Interessen der ArbeiterInnen (einschlie&#223;lich, Arbeitslosen,   RentnerInnen, Jugendlichen etc.) vertreten, in denen diese gemeinsam   politische Fragen diskutieren und sich in diesen Diskussionen   radikalisieren k&#246;nnen, w&#228;re ein Fortschritt.<\/p>\n<p>  Dabei w&#228;re es beim aktuellen Bewusstseinsstand eine unn&#246;tige H&#252;rde, f&#252;r   eine revolution&#228;re Partei einzutreten und auch falsch, ein Bekenntnis   zum Sozialismus zur Bedingung f&#252;r die Teilnahme von MarxistInnen an   einer solchen Partei zu machen. Aber darauf zu verzichten f&#252;r ein   sozialistisches Programm zu argumentieren, ist ebenso falsch und   bedeutet Verzicht darauf, das Bewusstsein weiter zu entwickeln.<\/p>\n<p>  Der Kampf f&#252;r Reformen ist nicht gleichbedeutend mit Reformismus.   Reformismus bedeutet die Vorstellung, dass entweder im Rahmen des   Kapitalismus Reformen dauerhaft m&#246;glich sind, oder dass man mit Reformen   schrittweise zum Sozialismus gelangen k&#246;nne. Wie Rosa Luxemburg schon   1899 erkl&#228;rte, sind Revolution&#228;rInnen die besten K&#228;mpferInnen f&#252;r   Reformen, nicht weil diese die objektiven Voraussetzungen f&#252;r den   Sozialismus schaffen w&#252;rden, sondern weil sie die subjektiven   Voraussetzungen schaffen, indem sich im Kampf f&#252;r Reformen das   Bewusstsein, die Kampferfahrung, die Organisiertheit der ArbeiterInnen   erh&#246;ht. Eine breite Partei mit einem Aktionsprogramm f&#252;r Reformen, in   der zugleich eine demokratische Diskussion &#252;ber die Bedeutung dieser   Reformen stattfindet, w&#228;re keine reformistische Partei.<\/p>\n<p>  Illusionen in Reformen sind ein Durchgangsstadium im Bewusstsein der   Massen, an deren &#220;berwindung MarxistInnen arbeiten m&#252;ssen, auch wenn sie   keine materielle Grundlage mehr haben (da der Kapitalismus keine   Spielr&#228;ume f&#252;r dauerhafte Reformen hat) und eine schw&#228;chere   organisatorische Grundlage (in Gestalt reformistischer Parteien). Das   macht die &#220;berwindung des Reformismus vielleicht leichter, aber nicht   &#252;berfl&#252;ssig. Denn normalerweise versuchen Menschen erst den scheinbar   leichteren Weg, versuchen ihre unmittelbaren Probleme zu l&#246;sen, durch   Reformen grunds&#228;tzliche Verbesserungen zu erreichen, bevor sie zu   revolution&#228;ren Schlussfolgerungen kommen. Revolution&#228;re m&#252;ssen   mithelfen, damit sich diese Hoffnungen in Reformen m&#246;glichst wenig zu   einer reformistische Ideologie verfestigen und entsprechenden   organisatorischen Niederschlag finden. Je mehr das passiert, desto mehr   verfestigt sich ein Durchgangsstadium zu revolution&#228;ren   Schlussfolgerungen zu einer Barriere.<\/p>\n<p>  Allerdings hat die Arbeiterbewegung zur Zeit eher das umgekehrte   Problem: Formationen wie die PRC in Italien, Syriza in Griechenland, die   Sozialistische Partei in den Niederlanden oder die NPA in Frankreich   sind sehr instabil. Die ArbeiterInnen sind ihnen gegen&#252;ber viel   unnachsichtiger als gegen&#252;ber den ehemaligen traditionellen   Arbeiterparteien und kehren ihnen bei (im Vergleich zu dem gigantischen   S&#252;ndenregister dieser traditionellen Parteien) kleinen Fehlern den   R&#252;cken. Der oben beschriebene Kollaps der schottischen SSP war zwar   besonders dramatisch, aber auch andere linke Parteien haben sich nach   Rechts entwickelt oder sind in Krisen geraten (zum Beispiel die   Sozialistische Partei in den Niederlanden oder Syriza in Griechenland).   Die Euphorie, die das VSVI oder die IST gegen&#252;ber solchen Organisationen   zeigten, hat sich als voreilig erwiesen. Das zeigt die Dringlichkeit,   innerhalb solcher breiter Parteien revolution&#228;re Organisationen   aufzubauen, die daf&#252;r k&#228;mpfen, dass diese Parteien opportunistische   Fehler m&#246;glichst vermeiden.<\/p>\n<h4>  Was f&#252;r eine Internationale?<\/h4>\n<p>  Das VSVI gab ausdr&#252;cklich den Anspruch auf, eine &#8222;Weltpartei der   sozialistischen Revolution&#8220; aufzubauen. Das CWI h&#228;lt an der Idee fest,   eine international handlungsf&#228;hige und auf &#220;bereinstimmung in   grunds&#228;tzlichen programmatischen und methodischen Fragen agierende   internationale Organisation aufzubauen. Wichtige Diskussionen,   Schl&#252;sselfragen in einzelnen Sektionen gehen die ganze Internationale   an. Von diesem Erfahrungsaustausch profitieren alle Seiten.   Meinungsverschiedenheiten werden international und demokratisch   diskutiert. Dabei werden keine b&#252;rokratischen Ma&#223;nahmen gegen Mitglieder   angewendet, die Minderheitsmeinungen vertreten, aber die Position der   Internationale wird beschlossen und deutlich gemacht. So ist das CWI zum   Beispiel in der angesprochenen Auseinandersetzung in Schottland   verfahren, wo die Mehrheit der schottischen CWI-Mitglieder nach der   Gr&#252;ndung der SSP sich der Fortsetzung der Debatte durch ihren Austritt   aus dem CWI entzogen haben.<\/p>\n<p>  Das Vorgehen des CWI in Schottland unterscheidet sich deutlich von den   Verh&#228;ltnissen im VSVI: Als 2002 in Braslien Lula zum Pr&#228;sidenten gew&#228;hlt   wurde, nahmen f&#252;hrende Vertreter der brasilianischen VSVI-Sektion an   seiner Regierung teil und setzten sich zusammen mit b&#252;rgerlichen   Politikern an den Kabinettstisch. Auf dem 15. VSVI-Weltkongress 2003   soll es leidenschaftliche Debatten &#252;ber die Lage in Brasilien gegeben   haben, die ver&#246;ffentlichten Resolutionen des Kongresses waren aber in   dieser Frage nichtssagend. Nachdem die brasilianischen Delegierten   versprochen hatten, dass das Eingreifen der Massenbewegung im Zentrum   ihres Kurses stehe und sie gemeinsam mit der &#252;brigen PT-Linken die   Anpassung an den Imperialismus bek&#228;mpfen wollten, spalteten sie sich:   ein Teil wurde aus der PT ausgeschlossen und gr&#252;ndete (gemeinsam mit der   CWI-Sektion und anderen Linken die P-SOL), ein Teil blieb in der PT und   der Regierung. Das VSVI erkannte beide Gruppen als Sektionen an. Nachdem   die internationale F&#252;hrung es jahrelang abgelehnt hatte zu f&#252;hren und   politisch Position zu beziehen, distanzierten sie sich schlie&#223;lich von   der in der Lula-Regierung verbliebenen Gruppe und schloss sie inzwischen   aus. Nach eigenen Angaben haben sie auf diese Weise rund 3.000   Mitglieder in Brasilien verloren.<\/p>\n<p>  Zusammenfassend kann man sagen, dass das CWI die neue Weltlage nach 1989   besser und mit weniger politischen Fehlern verarbeitet hat, als andere   trotzkistische Str&#246;mungen und das Erbe der Ideen Trotzkis und der   Vierten Internationale verteidigt. Der Aufbau einer revolution&#228;ren,   marxistischen Masseninternationale wird zweifelsfrei auch   Umgruppierungen und Zusammenschl&#252;sse verschiedener trotzkistischer und   anderer sozialistischer Str&#246;mungen beinhalten. Das CWI hat in den 1990er   Jahren mit allen relevanten trotzkistischen Str&#246;mungen Debatten gef&#252;hrt   und gepr&#252;ft, ob ein Zusammengehen m&#246;glich war. Dies scheiterte in den   meisten F&#228;llen an gewichtigen politischen und methodischen Differenzen,   wovon einige in diesem Artikel dargestellt sind. Vor allem aber werden   ArbeiterInnen und Jugendliche den Weg zum revolution&#228;ren Marxismus   finden, die neu in den Kampf eintreten. Das CWI ist gut positioniert, um   diese f&#252;r den Marxismus zu gewinnen und in den kommenden Jahren   quantitativ und qualitativ zu wachsen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Teil 2: Nach dem Zusammenbruch des Stalinismus\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[91],"tags":[270,259],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14190"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14190"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14190\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14190"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14190"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14190"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}