{"id":14189,"date":"2011-04-22T00:00:00","date_gmt":"2011-04-22T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14189"},"modified":"2011-04-22T00:00:00","modified_gmt":"2011-04-22T00:00:00","slug":"14189","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/04\/14189\/","title":{"rendered":"Nach der Krise ist vor der Krise"},"content":{"rendered":"<p>  Aussichten f&#252;r Deutschland und die Weltwirtschaft<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>&#8222;Wodurch &#252;berwindet die Bourgeoisie die Krisen? Einerseits durch die   erzwungene Vernichtung einer Masse von Produktivkr&#228;ften; anderseits   durch die Eroberung neuer M&#228;rkte und die gr&#252;ndlichere Ausbeutung alter   M&#228;rkte. Wodurch also? Dadurch, dass sie allseitigere und gewaltigere   Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>  Karl Marx und Friedrich Engels 1848 im &#8222;Kommunistischen Manifest&#8220;<\/p>\n<p>  <b>Kaum hat die deutsche Elite den Kater, den der schwindelerregende   Wirtschaftseinbruch 2009 hervorrief, auskuriert, schon taumelt sie in   ein neues, rauschendes Fest hinein. &#8222;Die deutsche Wirtschaft ist wieder   in Partylaune&#8220;, schw&#228;rmte das Ifo-Institut im September 2010. Und gibt   es nicht auch Anlass zur Freude? Das Bruttoinlandsprodukt stieg im   abgelaufenen Jahr um 3,6 Prozent. Die meisten Konjunkturforscher   prognostizieren f&#252;r 2011 ebenfalls stattliche 2,3 oder 2,4 Prozent. &#8222;Die   Schwarzmaler mit ihren Horrorszenarien hatten unrecht&#8220;, kommentierte   Thomas Exner am 12. Januar auf &#8222;Welt Online&#8220;.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Aron Amm<\/i><\/h4>\n<p>  Wenn in den Chefetagen Champagnerkorken knallen, dann d&#252;rfen die   Gewerkschaftsb&#252;rokraten am Katzentisch Platz nehmen. Da man selber noch   nie dabei war, l&#228;sst sich nur mutma&#223;en. Dom Perignon von Moet &amp; Chandon   wird Berthold Huber und Co. sicherlich nicht in ihr Sch&#228;lchen gegossen,   aber ein Riesling von &#8222;F&#252;rst von Metternich&#8220; mag es schon sein. Doch die   deutliche Petrolnote dieses Sekts soll ja nicht jedem bekommen. Offenbar   ist sie auch DGB-Chef Michael Sommer zu Kopf gestiegen, der unl&#228;ngst   bereits vom &#8222;Beginn eines wirklich goldenen Jahrzehnts&#8220; faselte.<\/p>\n<p>  Dagegen bleibt festzuhalten: Die j&#252;ngste &#246;konomische Talfahrt war die   dramatischste seit 80 Jahren. Von Flensburg bis Freiburg sind nach   Angaben des Statistischen Bundesamts heute erst wieder drei Viertel des   Vor-Krisen-Niveaus erreicht.<\/p>\n<p>  Der US-&#214;konom und New-York-Times-Kolumnist Paul Krugman erinnerte daran,   welche Zerst&#246;rungsorgie dem Aufschwung nach der letzten vergleichbaren   Weltwirtschaftskrise den Weg ebnete: &#8222;Wer einmal sehen will, welche   Anforderungen erforderlich sind, um die Wirtschaft aus der Schuldenfalle   zu befreien, der sollte das massive &#246;ffentliche Besch&#228;ftigungsprogramm   betrachten, das die Gro&#223;e Depression beendete, besser bekannt unter dem   Begriff Zweiter Weltkrieg&#8220; (16. Februar 2009).<\/p>\n<h4>  Alles in Butter?<\/h4>\n<p>  Auf dem H&#246;hepunkt der Krise z&#228;hlte Deutschland 1,5 Millionen   Kurzarbeiter. Die meisten von ihnen m&#252;ssen heute nicht den Gang zur   Arbeitsagentur antreten, viele sind gegenw&#228;rtig sogar mit &#220;berstunden   konfrontiert. 300.000 neue Arbeitspl&#228;tze prophezeit der Industrie- und   Handelskammertag f&#252;r 2011. Aber wer zu lange in die Sonne starrt, wird   blind. Blind daf&#252;r, sich ein vollst&#228;ndiges Bild der Lage zu machen.<\/p>\n<p>  Dabei ist die Exportabh&#228;ngigkeit evident. Nehmen wir das zweite Quartal   2010: Hier basierten zwei Drittel des Wachstums auf den Ausfuhren. In   der Binnenwirtschaft waren es prim&#228;r die Ausr&#252;stungs- und   Bauinvestitionen, die zu Buche schlugen. Und diese fu&#223;en auf den   Konjunkturprogrammen, deren Gelder mittlerweile zu mehr als der H&#228;lfte   ausgegeben wurden.<\/p>\n<p>  Aber brummt nicht auch der Motor der globalen Wirtschaft wieder? Nachdem   das Weltsozialprodukt 2010 um f&#252;nf Prozent zulegte, soll es auch in   diesem Jahr um vier Prozent wachsen. Selbst Dr. Doom (Dr. Untergan), wie   der New Yorker Wirtschaftsprofessor Nouriel Roubini bezeichnet wird, hat   sich k&#252;rzlich f&#252;r 5,5 Millionen Dollar ein neues Penthouse in Manhattan   zugelegt und damit signalisiert: Die Immobilien- und Bankenkrise ist   vor&#252;ber.<\/p>\n<p>  In der Tat hat sich die &#214;konomie der Vereinigten Staaten ebenfalls   leicht erholt. Eine Million neuer Jobs wurden geschaffen (nachdem man   neun Millionen Stellen platt machte). Das Ganze wurde aber extrem teuer   erkauft. Gesch&#228;tzte 3,3 Billionen Dollar flossen in die   US-Rettungspakete. Weltweit verschlangen staatliche Kapitalhilfen,   Garantien und Konjunkturprogramme nach Berechnungen des SPIEGEL sogar 15   Billionen Dollar. Mehr als ein Viertel der gesamten   Jahreswirtschaftsleistung auf dem Erdball! Da es gr&#246;&#223;tenteils die   &#246;ffentlichen Haushalte waren, die maroden Banken und Unternehmen unter   die Arme griffen, weiteten sich die schon vor 2007 bestehenden   staatlichen Schuldenberge in Schuldengebirge aus.<\/p>\n<p>  Damit ist die Finanz- und Wirtschaftskrise keineswegs &#252;berwunden,   sondern nur in ein neues Stadium eingetreten, das Stadium der   Staatsschuldenkrise. In einem Land nach dem anderen reagieren die   Regierungen und Parlamente auf die aufget&#252;rmten Defizite mit einer Welle   von K&#252;rzungsma&#223;nahmen. In der Folge k&#246;nnte die &#246;konomische Erholung   nicht nur schnell wieder an Kraft einb&#252;&#223;en, sondern gar in eine neue   Rezession (&#8222;Double Dip&#8220;) m&#252;nden. Die Euro-Zone ist bereits einer   Zerrei&#223;probe ausgesetzt. Zudem heizte das Kapital, das aufgrund der   Krise von Westeuropa und den USA in die &#8222;Schwellenl&#228;nder&#8220; (in Asien und   Lateinamerika) verlagert wurde, die dortige Spekulation weiter an. Offen   ist au&#223;erdem, wie sich die Wirtschaft in China (inzwischen nach den USA   und vor Japan und Deutschland die gr&#246;&#223;te &#214;konomie) weiter entwickelt &#8211;   auch dort liegen Sprengs&#228;tze, die jederzeit hochgehen k&#246;nnen. Sollten   sich diese Prozesse zum Teil oder komplett entfalten, w&#252;rde die deutsche   Wirtschaft unvermeidlich abschmieren. Gepaart mit &#8222;hausgemachten&#8220;   Problemen (Konsumschw&#228;che und weiterhin angeschlagener Bankensektor)   k&#246;nnte die deutsche Arbeiterklasse schon bald in einen Strudel von   Sozialk&#252;rzungen, Stellenstreichungen bis hin zu Betriebsschlie&#223;ungen   geraten.<\/p>\n<h4>  Der Kaiser ist nackt<\/h4>\n<p>  Selbst die ernsthafteren &#214;konomen im b&#252;rgerlichen Lager, wie Roubini,   Krugman oder Joseph Stiglitz (die mehr oder weniger stark Anleihen bei   John Maynard Keynes nehmen), beschr&#228;nken ihre Krisenforschung auf die   Aufbl&#228;hung des Finanzsektors. Ohne Zweifel vollzogen sich hier   atemberaubende Entwicklungen.<\/p>\n<p>  Beispiel Nr. 1: Waren die Volumen von Weltfinanzverm&#246;gen und   Weltsozialprodukt 1980 noch fast identisch, so &#252;bertraf das   Finanzverm&#246;gen das reale Sozialprodukt 2007, als die j&#252;ngste   Weltwirtschaftskrise ihren Lauf nahm, beinahe um das Vierfache. In   anderen Worten: Heute m&#252;sste die Weltbev&#246;lkerung vier Jahre arbeiten, um   G&#252;ter und Dienstleistungen im Gegenwert des Finanzverm&#246;gens herzustellen.<\/p>\n<p>  Beispiel Nr. 2: Im gleichen Jahr, 2007, betrug der Tagesumsatz im   globalen Devisenhandel 3,2 Billionen Dollar. Der weltweite Jahres-Export   von G&#252;tern und Dienstleistungen belief sich auf 14,4 Billionen Dollar.   Folglich h&#228;tten knapp f&#252;nfeinhalb Tage Devisenhandel ausgereicht, um den   internationalen Handel f&#252;r das gesamte Jahr abzuwickeln. Laut   International Financial Services ist der Rest von &#252;ber 95 Prozent rein   spekulativer Natur.<\/p>\n<p>  Trotzdem greift die Losung zu kurz, lediglich die Spielh&#246;lle des   &#8222;Casino-Kapitalismus&#8220; schlie&#223;en zu m&#252;ssen. Schon Karl Marx warnte   w&#228;hrend der gro&#223;en Krise 1857 davor, die Symptome der Krankheit mit der   Krankheit und ihren wahren Ursachen selber zu verwechseln: &#8222;Wenn die   Spekulation gegen Ende einer bestimmten Handelsperiode als unmittelbarer   Vorl&#228;ufer des Zusammenbruchs auftritt, sollte man nicht vergessen, dass   die Spekulation selbst in den vorausgegangenen Phasen der Periode   erzeugt worden ist und daher ein Resultat und eine Erscheinung und nicht   den letzten Grund und das Wesen darstellt. Die politischen &#214;konomen, die   vorgeben, die regelm&#228;&#223;igen Zuckungen von Industrie und Handel durch die   Spekulation zu erkl&#228;ren, &#228;hneln der jetzt ausgestorbenen Schule von   Naturphilosophen, die das Fieber als den wahren Grund aller Krankheiten   ansehen&#8220; (Karl Marx in &#8222;Die Handelskrise in England&#8220;, 1857).<\/p>\n<p>  Zugegeben, anders als beim Einbruch vor 150 Jahren trat die Spekulation   nicht nur &#8222;als unmittelbarer Vorl&#228;ufer des Zusammenbruchs&#8220; auf, sondern   pr&#228;gt die kapitalistische Weltwirtschaft seit &#252;ber drei Jahrzehnten.   Trotzdem haben auch heute die neuen Ph&#228;nomene im Finanzsektor ihren   Ursprung in der sogenannten Realwirtschaft. In der Wirtschaftskrise   1974\/75 fand der Nachkriegsaufschwung sein Ende. Zwar war auch die   Periode nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in den   marktwirtschaftlichen Staaten von Auf- und Abschw&#252;ngen gekennzeichnet.   Allerdings erm&#246;glichten besondere Faktoren einen bis Ende der sechziger   Jahre anhaltenden Boom: In den USA erfreuten sich die Unternehmer dank   des technologischen Vorsprungs steigender Profite, in Westeuropa und   Japan begr&#252;ndeten die Niedrigl&#246;hne exorbitante Gewinne. In dem Ma&#223;e, wie   die USA ihre Vormachtstellung in Wissenschaft und Technik einb&#252;&#223;ten und   die westeurop&#228;ische und japanische Konkurrenz parallel dazu   Lohnerh&#246;hungen und sozialstaatliche Ausbauschritte zugestehen mussten,   schm&#228;lerten sich diesseits und jenseits des Atlantik die Renditen. Die   von Karl Marx analysierte langfristige Krisentendenz, der tendenzielle   Fall der Profitrate, schlug durch: Verglichen mit dem Ende der f&#252;nfziger   Jahre halbierte sich die Profitrate Anfang der Siebziger und kam mit   einer strukturellen &#220;berakkumulation von Kapital zusammen. Das Resultat   waren &#220;berproduktion und &#220;berkapazit&#228;ten, sowie &#8222;akkumulierte&#8220;,   angeh&#228;ufte Geldmengen, die nicht gewinnbringend angelegt werden konnten.   Seit diesem Zeitpunkt sind Arbeitslosigkeit, Verschuldung und ein Abbau   der Produktionsst&#228;tten wieder Massenph&#228;nomene.<\/p>\n<p>  Aufgrund gesunkener profitabler Anlagem&#246;glichkeiten in der Produktion   setzten die Kapitalisten mehr und mehr auf den Finanzsektor sowie auf   eine ausgedehntere Internationalisierung von Produktion und Handel, eine   verst&#228;rkte globale Arbeitsteilung und Privatisierungen. Die &#214;ffnung   Chinas f&#252;r den kapitalistischen Markt und der Zusammenbruch des   Ostblocks verst&#228;rkten den Prozess der neuerlichen kapitalistischen   Globalisierung noch gewaltig.<\/p>\n<p>  Nachdem bis in die siebziger Jahre hinein keynesianische Ideen   (nachfrageorientierte Politik und staatliche Interventionen in   Krisenzeiten) im b&#252;rgerlichen Lager dominierten, wurde der   Neoliberalismus in den letzten 30 Jahren zur bestimmenden   Wirtschaftspolitik. Den Herrschenden gelang es, ihre Profitbedingungen   wieder zu verbessern. Privatisierung, Deregulierung, Lohn- und   Sozialk&#252;rzungen reduzierten jedoch die kaufkr&#228;ftige Nachfrage erheblich.   Das ging Hand in Hand mit einer immer abenteuerlicheren Finanzpolitik.   Letztendlich wurden die Probleme, die zu den tiefen Rezessionen 1974\/75   und 1980-82 f&#252;hrten, nicht gel&#246;st, sondern verlagert. Die Folgen waren   gigantische &#220;berkapazit&#228;ten, Schulden und ein Konsumsektor, der sich   seinen Anbietern gegen&#252;ber wie Treibsand verh&#228;lt. Wie in anderen   Perioden des Kapitalismus sind auch heute &#220;berproduktion und   Unterkonsumption zwei Seiten einer Medaille.<\/p>\n<p>  Die globale Rezession 1991-93 war vom Scheitern des Stalinismus   &#252;berschattet gewesen, die Krise 2000\/01 vom 11. September und (neben   einer Steigerung der R&#252;stungsausgaben) von einer T&#228;tigkeit im   Finanzsektor, die an den Turmbau zu Babel erinnerte. Doch dieser Turm   wuchs nicht in den Himmel, der Aufschwung war auf Pump finanziert. Das   war so sichtbar wie die Nacktheit des Kaisers, aber wie in Hans   Christian Andersens M&#228;rchen schwindelte man sich lange Zeit selber was   vor und wollte daran glauben, dass der Kaiser tats&#228;chlich neue Kleider   tr&#228;gt.<\/p>\n<h4>  &#8222;Dieses Mal ist alles anders&#8220;<\/h4>\n<p>  An der Wall Street soll die wirtschaftliche Entwicklung vor drei Jahren   mit einem B&#246;rsianer verglichen worden sein, der vom Dach eines   Wolkenkratzers springt und nach jedem Stock, an dem er vorbei segelt, zu   sich sagt: &#8222;Bis jetzt ist alles glatt gegangen.&#8220; Ein &#228;hnlicher Gedanke   taucht im Titel des vorletztes Jahr erschienenen Buches von Carmen   Reinhart und Kenneth Rogoff auf: &#8222;Dieses Mal ist alles anders: Acht   Jahrhunderte Finanzkrisen&#8220;. Aber im Kapitalismus muss jeder Boom   irgendwann ein Ende finden, so wie ein morsch gewordenes Dach ab einem   bestimmten Punkt einbrechen muss. Bis Sommer 2007 hie&#223; es erneut:   &#8222;Dieses Mal ist alles anders.&#8220; Als es dann pl&#246;tzlich auf dem   US-H&#228;usermarkt hoch her ging, stempelte man das Ganze noch als   &#8222;Subprime-Krise&#8220; ab (im Sektor f&#252;r Hypothekenkredite niedrigerer Bonit&#228;t   war es zu einem erschreckenden Anstieg der Zahlungsausf&#228;lle gekommen).   Da das aber direkt mit der Verweigerung vieler Banken verzahnt war,   anderen Banken weiterhin zu den &#252;blichen Konditionen Geld zu leihen und   der Geldmarkt somit in Mitleidenschaft gezogen war, musste man schon   bald von einer &#8222;Banken- und Finanzkrise&#8220; sprechen, die mit der Pleite   der &#8211; immerhin viertgr&#246;&#223;ten US-amerikanischen &#8211; Investmentbank Lehman   Brothers im September 2008 ihren vorl&#228;ufigen H&#246;hepunkt erreichte und   kurz darauf in eine Krise der &#8222;Realwirtschaft&#8220; &#252;berging.<\/p>\n<p>  In einem Land nach dem anderen schauten die Kapitalistenklassen in einen   Abgrund. Das Gespenst von einem &#8222;neuen 1929&#8220; ging um. Damals reagierten   die Regierungen mit Kahlschlag &#8211; in den USA unter Pr&#228;sident Herbert   Hoover, in Deutschland unter Reichskanzler Heinrich Br&#252;ning. Damit   schlug die Weltwirtschaftskrise in die &#8222;Gro&#223;e Depression&#8220; um. Da 2008   bei den Herrschenden rasch die Angst umging, Geschichte k&#246;nne sich   wiederholen, versuchte man sich &#252;ber L&#228;ndergrenzen hinweg abzustimmen   und riesige Rettungsprogramme zu starten. Auf diese Weise konnte   tats&#228;chlich eine Depression abgewendet werden, wobei es dennoch zu einer   &#8222;Gro&#223;en Rezession&#8220; kam. Um den galoppierenden Staatsschulden Herr zu   werden, vollzogen die meisten Regierungen nun im letzten Jahr eine   Kehrtwende und traten energisch auf das &#8222;Sparpedal&#8220;. Mit den   K&#252;rzungspl&#228;nen wird dem Konsum, der ohnehin auf t&#246;nernen F&#252;&#223;en steht,   der Boden unter den unsicheren F&#252;&#223;en weggezogen. In Griechenland sinken   die Einkommen offiziell um zehn Prozent, das Bruttoinlandsprodukt   schrumpfte 2010 um vier Prozent und soll auch 2011 zur&#252;ckgehen; auch   Portugal soll &#8211; durch Gehaltsk&#252;rzungen im &#214;ffentlichen Dienst und einer   Mehrwertsteuererh&#246;hung auf 23 Prozent &#8211; in diesem Jahr erneut in die   Rezession abrutschen; in Gro&#223;britannien werden Ausgabenk&#252;rzungen um 20   Prozent sowie die Streichung von 490.000 Stellen im &#246;ffentlichen Sektor   den Konjunkturmotor abw&#252;rgen. Auch in weiteren L&#228;ndern droht ein neuer   &#246;konomischer Einbruch, international ein &#8222;Double Dip&#8220;. Da viele Banken   weiterhin nicht &#252;ber den Berg sind, werden zudem Erinnerungen an 1931   wach. Seinerzeit eskalierte die Krise durch eine Serie von   Bankenpleiten. In Deutschland geriet mit der Darmst&#228;dter und   Nationalbank die zweitgr&#246;&#223;te Bank des Landes ins Straucheln.<\/p>\n<p>  Ein im gleichen Jahr, 1931, angesetzter internationaler   Wirtschaftsgipfel in London, platzte damals. Demgegen&#252;ber jagt heute ein   Krisentreffen das n&#228;chste. Im Januar rollten die USA Hu Jintao, dem   Pr&#228;sidenten ihres Erzrivalen China, beim Staatsbesuch den roten Teppich   aus (im Reich der Mitte gilt die Farbe Rot &#252;brigens als Farbe, die b&#246;se   Geister vertreibt). Allerdings bedeuten Arbeitsplatzabbau, Lohn- und   Sozialk&#252;rzungen auch einen Einbruch der Inlandsnachfrage. Kein Wunder,   dass man deshalb auf den Absatz im Ausland baut. Um die eigenen Waren zu   verbilligen und den Export anzuheizen, wird nun versucht, die eigene   W&#228;hrung abzuwerten. Auf diesem Weg will man die eigenen Probleme   &#8222;exportieren&#8220;. Da das aber von fast allen probiert wird, ist die Gefahr   eines W&#228;hrungskrieges real. Mehr noch: Ein W&#228;hrungskrieg w&#228;re nur die   Vorstufe zu einem Handelskrieg. Noch gehen die heutigen   protektionistischen Ma&#223;nahmen nicht so weit wie Anfang der drei&#223;iger   Jahre. Aber die Weichen sind gestellt. Und angesichts der heute noch   st&#228;rkeren globalen Verflechtung sind die Folgen unkalkulierbar. Pascal   Lamy, Chef der Welthandelsorganisation, f&#252;rchtet einen &#8222;Dominoeffekt&#8220;   nach dem Muster der Depressions&#228;ra.<\/p>\n<p>  Teil der Krise des Weltkapitalismus ist die Umweltkrise. Hier gilt mehr   als in allen anderen Bereichen, dass das Kapital sie dadurch zu l&#246;sen   sucht, in dem es &#8222;allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und   die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert&#8220;. Schon zu Beginn der   achtziger Jahre wurde der Kohlendioxidaussto&#223; durch die Rettung von   Chrysler in Form der F&#246;rderung von spritfressenden Gel&#228;ndewagen   forciert. In den Jahren 2008 bis 2010 nun transferierte man mittels der   staatlichen Konjunkturhilfen (ob Abwrackp&#228;mie oder Stra&#223;enbauprogramme)   250 Milliarden Euro an die Autoindustrie, den Stra&#223;enverkehr und die   Luftfahrt.<\/p>\n<h4>  Hundert Endspiele<\/h4>\n<p>  So wie die Finanz- und Wirtschaftskrise auf das Ende des   kapitalistischen Nachkriegsaufschwungs 1974\/75 zur&#252;ckgeht, so hat auch   die Staatsschuldenkrise ihren Ausgangspunkt Mitte der siebziger Jahre.   Zum damaligen Zeitpunkt belief sich das Defizit der Staaten Westeuropas   und der USA im Schnitt auf 40 Prozent des Sozialprodukts. Seitdem haben   sich diese Staatsschulden auf etwa 80 Prozent verdoppelt &#8211; um jetzt   Gefahr zu laufen, komplett aus dem Ruder zu geraten (wie das bei Japan   mit einer &#8222;Horror-Staatsverschuldung&#8220;, so DER SPIEGEL, von 200 Prozent   bereits der Fall ist).<\/p>\n<p>  Vor genau einem Jahr wurde es f&#252;r Griechenland schier unm&#246;glich, sich   auf dem Kapitalmarkt zu refinanzieren. Nach vielem Hin und Her stellten   die Euro-L&#228;nder und der Internationale W&#228;hrungsfonds (IWF) Kredite von   insgesamt 110 Milliarden Euro bereit. Um andere Staaten und Investoren   ein f&#252;r alle Mal zu beruhigen, wurde im Mai 2010 der Rettungsschirm   gespannt, der Hilfskredite und Kreditgarantien von 750 Milliarden Euro   umfasst (440 Milliarden durch Euro-L&#228;nder, 60 Milliarden durch den   EU-Haushalt und 250 Milliarden durch den IWF). Obwohl man damals   behauptete, dieser Schirm sei so riesig, dass unter ihm jedes   notleidende Euro-Land locker Platz h&#228;tte, kann es darunter schon bald zu   eng werden. So schrieb Philip Plickert am 3. Januar in der FAZ: &#8222;Die   Euro-Krise ist keineswegs ausgestanden. Nachdem schon Irland den gro&#223;en   Rettungsschirm beansprucht hat, d&#252;rfte Portugal diesen Schritt nicht   mehr lange hinausz&#246;gern. Dann k&#246;nnte das Misstrauen auch auf Spanien   &#252;bergreifen. Dessen Schuldenstand ist zwar bislang noch recht niedrig,   in einigen Banken lauern jedoch viele faule Kredite. In diesem Fall   w&#228;ren die Rettungskapazit&#228;ten weitgehend ausgesch&#246;pft.&#8220;<\/p>\n<p>  Zwar gab es viel Beifall f&#252;r Portugals erste erfolgreich aufgelegte   Staatsanleihe von gut einer Milliarde Euro 2011. Der R&#252;cktritt von   Ministerpr&#228;sident Jos&#233; S&#243;crates und das Scheitern der Regierung Ende   M&#228;rz 2011 dr&#252;ckt aber aus, dass dies keinen Ausweg aus der Krise   bedeutete, sondern eine Selbstt&#228;uschung war. Schlie&#223;lich musste Portugal   sich zu Zinsen knapp unterhalb der Angstschwelle von sieben Prozent   verpflichten. Zudem muss das kleine Land allein in der ersten   Jahresh&#228;lfte f&#252;r weitere zwanzig Milliarden Euro Anleihen verkaufen. Vor   allem spanische Banken stehen unter Druck, weil sie dem iberischen   Nachbarn besonders viel Geld geliehen haben. Ins Schwitzen geraten die   Kapitaleigner der viertgr&#246;&#223;ten &#214;konomie der Euro-Zone auch aufgrund des   eigenen bis Oktober f&#228;llig werdenden Finanzierungsbedarfs von 60   Milliarden Euro. Zumal der bisherige Fall der H&#228;userpreise von 20   Prozent als viel zu gering eingesch&#228;tzt wird und man eine Entwertung von   30 bis 50 Prozent erwartet. Vor diesem Hintergrund unkte Paul Krugman am   30. November 2010 in der International Herald Tribune: &#8222;Das Beste, was   man &#252;ber Iren zur Zeit sagen kann, ist, dass es so wenige sind. Allein   f&#252;r sich genommen wird Irland die Perspektiven Europas nicht allzu stark   eintr&#252;ben k&#246;nnen. Vergleichbares kann &#252;ber Griechenland und Portugal   gesagt werden. Doch dann gibt es da Spanien. All die anderen &#8211; das waren   Tapas. Spanien wird das Hauptgericht.&#8220;<\/p>\n<p>  Derzeit zittern sich die Finanzm&#228;rkte von einer Anleiheemission, der   Ausgabe von Staatsanleihen zur Finanzierung der Schulden, zur n&#228;chsten.   Bis Jahresende &#8222;sind es mehr als hundert Termine f&#252;r die bedrohten   Staaten &#8211; lauter Endspiele&#8220; (Stefan Ruhkamp in der FAZ vom 14. Januar).   Wegen der sich eintr&#252;benden Aussichten &#252;berlassen immer mehr K&#228;ufer   Hedge-Fonds diesen Markt, die kurzfristiger investieren,   Kursschwankungen ausnutzen und jede Anleiheauktion zu einer Zitterpartie   werden lassen.<\/p>\n<p>  Die Streichkonzerte steigern die Verschuldung noch. Denn f&#252;r diese ist   der entscheidende Indikator der Anteil der &#246;ffentlichen Schulden am &#8211;   durch den Kahlschlag r&#252;ckl&#228;ufigen! &#8211; Bruttoinlandsprodukt. In   Griechenland geht man von einem Anstieg der Schulden von 143 Prozent   2010 auf 160 Prozent 2012 aus.<\/p>\n<p>  Aktuell dreht sich der Hauptstreit in der Euro-Zone um eine Ausweitung   des Rettungsschirms. Da vom 440-Milliarden-starken Euro-Stabilit&#228;tsfonds   (EFSF) nur 250 Milliarden Euro genutzt werden k&#246;nnen, weil der Rest als   Sicherheit dient, wird eine Erh&#246;hung der Kreditgarantien diskutiert. Die   schw&#228;cheren Staaten fordern auch eine &#8222;Euro-Anleihe&#8220;, die   Bonit&#228;tsunterschiede nivellieren und somit Staaten wie Portugal   entlasten k&#246;nnte. Gegen beide Vorschl&#228;ge stemmt sich die Bundesregierung   bislang noch.<\/p>\n<p>  Es geht aber nicht nur darum, dass die Schuldenkrise im Euro-Raum ein   Fass ohne Boden ist. Ein Risiko stellt nicht nur die Sicherstellung des   Kreditbedarfs dar, sondern vor allem die Frage der Tilgung. Zu Recht   meinte der Leiter des wissenschaftlichen Beirats des   Bundesfinanzministeriums, Clemens Fuest, am 26. Januar im   Deutschlandfunk: &#8222;Das Problem ist nicht, dass es nicht genug Kredite   g&#228;be f&#252;r L&#228;nder wie Griechenland oder Irland; das Problem ist, dass   diese L&#228;nder so hoch verschuldet sind, dass sie ihre Kredite   wahrscheinlich nicht mehr zur&#252;ckzahlen k&#246;nnen. Es geht also darum, dass   jemand diesen L&#228;ndern entweder helfen muss, oder dass es einen   Schuldenschnitt geben muss.&#8220; Beides kann ein Scheitern der Euro-Zone   herbeif&#252;hren.<\/p>\n<p>  Aufgrund des brisanten Zustands der Staatsschulden f&#252;rchtet die   Financial Times Deutschland (FTD) schon &#8222;die n&#228;chste Weltfinanzkrise&#8220;   (5. Oktober 2010). Allerdings besch&#228;ftigte sich die FTD in der Analyse,   in der sie zu diesem Schluss kam, nicht mit der Lage im Euro-Raum,   sondern mit der Verschuldung der Kommunen und Bundesstaaten in den USA.   So befand sich Ende letzten Jahres die Hauptstadt des Bundesstaates   Pennsylvania, Harrisburg, vorm Bankrott. Hunderte mittelgro&#223;er St&#228;dte   geht es &#228;hnlich. Bef&#252;rchtet wird zudem die Insolvenz von Kalifornien und   Illinois. Auch die US-Kommunen und Bundesstaaten sind zur Finanzierung   ihrer Schulden auf festverzinsliche Anleihen &#8211; mit einem Gesamtvolumen   von 2,8 Billionen Dollar &#8211; angewiesen. Da &#8211; erstmals seit der Gro&#223;en   Depression &#8211; mehr und mehr Kommunen den Zins- und Schuldendienst f&#252;r   ihre Anleihen nicht mehr bedienen k&#246;nnen, kam es jetzt schon zu   Ausf&#228;llen in H&#246;he von umgerechnet zwei Milliarden Euro. Die Analystin   Meredith Whitney (die schon vor der Subprime-Krise gewarnt hatte)   prognostizierte Mitte Januar im Wirtschaftssender CNBC Ausf&#228;lle im   Volumen von Hunderten Milliarden Dollar. Seit &#252;ber zwei Monaten ziehen   Privatanleger stetig Geld aus den kommunalen Anleihefonds ab. Deshalb   sind die Renditen bereits auf den h&#246;chsten Stand seit dem H&#246;hepunkt der   Finanzkrise geklettert.<\/p>\n<h4>  Und jetzt auch noch Inflationsgefahren?<\/h4>\n<p>  Kurz vor Beginn der Tarifrunden bei Telekom, Bau, Chemie, VW, Charite   und den Landesbesch&#228;ftigten zetteln die deutschen Arbeitgeber eine   Inflationsdebatte an. Ein Schelm, wer B&#246;ses dabei denkt. Dabei wird die   These, Lohnerh&#246;hungen seien Preistreiber, auch dann nicht wahrer, wenn   sie immer wieder aufgew&#228;rmt wird. Schlie&#223;lich geht es beim Lohnniveau   immer um einen Verteilungskampf: Welcher Anteil des von der   Arbeiterklasse geschaffenen Mehrwerts kommt den Lohnabh&#228;ngigen zu Gute,   welcher Anteil wandert in die Taschen der Kapitalisten?<\/p>\n<p>  Aufgrund der Vernichtung von Werten im Zuge der Weltwirtschaftskrise   steht f&#252;r die USA, die EU und andere &#214;konomien bisher die Gefahr einer   Deflationsspirale im Vordergrund. Das kann sich jedoch &#228;ndern, falls die   wirtschaftliche Erholung weiter anhalten sollte und die B&#252;rgerlichen   (die in den besonders geschw&#228;chten, f&#252;hrenden Industriel&#228;ndern die   Zinss&#228;tze extrem niedrig halten, um Investitionen anzusto&#223;en) nicht   rechtzeitig umsteuern. Angst macht sich zudem breit, dass man die   gestiegenen Rohstoff- und Lebensmittelpreise der sogenannten   Schwellenl&#228;nder &#8222;importiert&#8220;. Allerdings bel&#228;uft sich die Inflation in   der Bundesrepublik aktuell auf etwa zwei Prozent. Damit ist man noch   weit von den sieben Prozent entfernt, die die Preissteigerung in der   Rezession Mitte der siebziger Jahre betrug, als Westdeutschland im   W&#252;rgegriff von Stagnation und Inflation (&#8222;Stagflation&#8220;) gefangen war.<\/p>\n<p>  Es kann jedoch niemand leugnen, dass die Roh&#246;lpreise international in   den vergangenen zw&#246;lf Monaten um ein Drittel (auf hundert Dollar pro   Barrel) in die H&#246;he geschnellt sind. Auch der Anstieg der   Lebensmittelpreise ist in vielen L&#228;ndern fatal &#8211; und ein Ausl&#246;ser f&#252;r   die revolution&#228;ren K&#228;mpfe in Nordafrika. F&#252;r den Preisanstieg von   Rohstoffen und Nahrungsmitteln ist eine Kombination von Faktoren   urs&#228;chlich: die Nachfrage Chinas und anderer &#8222;Schwellenl&#228;nder&#8220;,   Umweltkatastrophen, vor allem aber auch die Spekulation &#8211; in der   volatilen Finanzwelt wittern Investoren seit geraumer Zeit auf den   Rohstoffm&#228;rkten neues gewinnbringendes Anlagepotenzial.<\/p>\n<p>  Auch die Katastrophe von Erdbeben, Tsunami und AKW-Desaster in Japan   kann weitreichende Folgen f&#252;r die Weltwirtschaft haben. Zwar gelten   Wiederaufbauprogramme in der Regel als wachstumsf&#246;rdernd. Allerdings   h&#228;ngt Japan die Staatsverschuldung von &#252;ber 220 Prozent des BIP wie ein   M&#252;hlstein am Hals. Jetzt k&#246;nnte die aufgrund der exorbitanten Schulden   lange erwartete Abstufung der Kreditw&#252;rdigkeit eintreten. Unmittelbar   bedeutet der katastrophenbedingte Produktionsstopp in vielen Fabriken   das sichere Abrutschen in eine Rezession, da die drittgr&#246;&#223;te   Volkswirtschaft der Welt schon im letzten Quartal des Jahres 2010   schrumpfte. Zwar ist Japan ein Exportwirtschaft, aber solch ein Schlag   f&#252;r eine &#214;konomie, die &#252;ber acht Prozent der Weltwirtschaft ausmacht,   muss zwangsl&#228;ufig Spuren hinter lassen &#8211; zumal Japan Hersteller vieler   Vorprodukte ist. Patrick Welter &#252;berschrieb seinen Kommentar in der FAZ   vom 18. M&#228;rz mit den Worten: &quot;Die Weltwirtschaft ist angeschlagen&quot;.   Welter h&#228;lt fest: &quot;Das Tohoku-Erdbeben trifft die Weltwirtschaft in   einer Zeit der Erholung, die schon durch Risiken bedroht war. Seit dem   Fr&#252;hjahr 2010 schwelt die europ&#228;ische Schuldenkrise. Seit dem Herbst   treibt der Aufschwung in den Schwellenl&#228;ndern die &#214;l- und   Nahrungsmittelpreise in die H&#246;he.&quot; Nachdem der &#214;lpreisanstieg durch die   Revolution im arabischen Raum bereits neue Nahrung erhielt, wird die   Nuklearkatastrophe die Preise weiter in die H&#246;he schnellen lassen. Aber   auch f&#252;r die Euro-L&#228;nder kann die Krise Japans Folgen haben: Schlie&#223;lich   war Japan nach China bisher der zweitgr&#246;&#223;te Abnehmer von Staatsanleihen   &#8211; jetzt ist jedoch zu erwarten, dass Japan Staatsanleihen abst&#246;&#223;t, da es   mehr Liquidit&#228;t ben&#246;tigt.<\/p>\n<h4>  Werden die Retter zur Last?<\/h4>\n<p>  Nach zwei Zinserh&#246;hungen in zwei Monaten k&#252;ndigte China jetzt die dritte   Erh&#246;hung des Leitzinses an. Damit reagiert das Land auf die steigenden   Nahrungsmittel- und Rohstoffpreise. &#196;hnlich sieht es in den sogenannten   Schwellenl&#228;ndern Asiens und Lateinamerikas aus. Hier wirkt sich der   Kapitalzustrom aus. Kapital, das wie ein &#8222;scheues Reh&#8220; (so Marx) in den   Epizentren der globalen Krise Ungemach witterte, wanderte in den   vergangenen drei Jahren verst&#228;rkt dorthin ab. Das f&#246;rdert inflation&#228;re   Tendenzen, n&#228;hrt die schon vorher angeschwollenen spekulativen Blasen   und wertet die W&#228;hrungen auf.<\/p>\n<p>  Noch fungiert China als Lokomotive der Weltwirtschaft. So wuchs   beispielsweise der Automarkt allein 2010 um fast ein Drittel auf 18   Millionen Fahrzeuge. Aber in dem Ma&#223;e, wie die Schwierigkeiten der   f&#252;hrenden Industriestaaten auch in China zum Tragen kommen, k&#246;nnte der   wichtigsten &#246;konomischen Lok ebenfalls der Dampf ausgehen. Zumal die   Aktien- und Immobilienblasen Chinas l&#228;ngst umfangreicher sind, als sie   in den USA vor Beginn der Talfahrt 2007 waren.<\/p>\n<p>  Die Zukunft Chinas steht und f&#228;llt mit dem weiteren Verlauf der   Weltwirtschaft. Schlie&#223;lich ist die chinesische &#214;konomie einseitig auf   den Export ausgerichtet. Auch wenn das Regime inzwischen laut dar&#252;ber   nachdenkt, umzusteuern, l&#228;sst sich die &#246;konomische Struktur nicht &#252;ber   Nacht komplett &#228;ndern. W&#228;hrend sich die Konsumquote in den USA auf 70   Prozent und selbst im exportabh&#228;ngigen Deutschland auf 58 Prozent   bel&#228;uft, sind es in China blo&#223; 36 Prozent. Da so gut wie keine sozialen   Sicherungssysteme existieren, sind chinesische Familien auch &#8222;zum Sparen   verdammt&#8220;. Zudem sind die Gewinnmargen so knapp, dass die meisten   Konzerne sich gegen Lohnerh&#246;hungen, die dem Binnenmarkt helfen k&#246;nnten,   massiv widersetzen werden.<\/p>\n<p>  Aufgrund dieser einseitigen Ausrichtung auf die Ausfuhren str&#228;ubt sich   China weiterhin gegen eine Aufwertung des &#8211; um bis zu 40 Prozent   unterbewerteten &#8211; Renminbis. Lange profitierten sowohl China als auch   die USA von ihrem &#8222;Gleichgewicht des Schreckens&#8220;: Die Nachfrage der USA   kam China zu Gute, der Kauf von Dollar (Peking h&#228;lt rund zwei Drittel   seiner 2,7 Billionen Dollar W&#228;hrungsreserven in US-Dollar und ein   Drittel in Euro) finanzierte die US-Schulden. Da die Ausma&#223;e der   Staatsverschuldung und die anstehenden K&#252;rzungen die USA, aber auch die   EU-Staaten vermehrt zwingen, auf den Export zu setzen, wird sich der   Trend zur Abwertung der eigenen W&#228;hrung zwangsl&#228;ufig verst&#228;rken.   US-Pr&#228;sident Obama hielt im Januar eine denkw&#252;rdige und bedenkliche   &#8222;Rede an die Nation&#8220;. Kaum verklausuliert stellte er eine Strategie f&#252;r   mehr Konkurrenz in den Mittelpunkt. &#8222;Das ist der Sputnik-Moment unserer   Generation&#8220;, sagte er an den Satelliten erinnernd, den die Sowjetunion   1957 in den All geschickt hatte, und der nicht nur den Ansto&#223; f&#252;r das   amerikanische Mondprogramm, sondern auch f&#252;r gewaltige R&#252;stungsausgaben   gab. F&#252;r Obama ist China &#8222;die heutige Sowjetunion&#8220;, der Hauptgegner.<\/p>\n<h4>  Deutschlands Export &#8211; Segen und Fluch<\/h4>\n<p>  Der Deutsche Aktienindex (Dax) ging 2010 um fast 20 Prozent nach oben &#8211;   damit ist der R&#252;ckschlag des Jahres 2008 beinahe &#8211; bis auf 1.000 Punkte   &#8211; wieder ausgeb&#252;gelt. Die Profite der Dax-Konzerne stiegen in den ersten   neun Monaten des Vorjahres sogar um 73 Prozent.<\/p>\n<p>  Trotzdem titelt die FAZ in ihrer Beilage zu den Wirtschaftsaussichten   2011: &#8222;Aufschwung mit Gefahren&#8220;. Noch skeptischer klingt die &#220;berschrift   von G&#252;nther Lachmanns Artikel in &#8222;Welt Online&#8220; vom 21. Januar: &#8222;Nach dem   Aufschwung kommt der tiefe Absturz&#8220;. Da fragt man sich: Irgendetwas kann   da nicht stimmen. Genau mit diesen Worten beginnt auch Lachmanns Beitrag.<\/p>\n<p>  Was ist da los? Auf der einen Seite gelang es der deutschen   Kapitalistenklasse vor zehn Jahren, mit der Schaffung der Euro-Zone   einen von ihr beherrschten Wirtschaftsraum als konkurrierenden Block   gegen Nordamerika, China und Japan zu realisieren. Damit verkn&#252;pft   konnte sie ihre Wettbewerbsf&#228;higkeit deutlich verbessern. Die Agenda   2010 war das Startsignal. Spanien zum Beispiel probiert jetzt, mitten in   der Krise, ihre Version einer Agenda 2010 zu verwirklichen. So konnte   die deutsche Industrie ihre Stellung halten. Seit der Jahrtausendwende   stieg ihr Anteil an der Bruttowertsch&#246;pfung sogar leicht von 22 auf 24   Prozent des BIP. Demgegen&#252;ber tr&#228;gt das verarbeitende Gewerbe in den USA   und in Gro&#223;britannien nur noch 13 Prozent zum Sozialprodukt bei. In   beiden Staaten verdoppelte sich der Finanzsektor innerhalb einer   Generation auf acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts; in Deutschland   macht der Anteil von Banken und Versicherungen knapp f&#252;nf Prozent des   BIP aus.<\/p>\n<p>  Das hat zur Folge, dass die deutsche Wirtschaft auf Gedeih und Verderb   vom Zustand der Weltwirtschaft abh&#228;ngig ist. Der &#246;konomische Einbruch   2009 lie&#223; Deutschland mit einem Minus von fast f&#252;nf Prozent besonders   stark in die Misere st&#252;rzen. Von der internationalen Erholung wiederum   konnte die BRD &#252;berdurchschnittlich profitieren. Extrem sind die   Ausschl&#228;ge beim Export: W&#228;hrend die Ausfuhren 2009 um etwa 15 Prozent   einbrachen, legten sie 2010 um eine &#228;hnliche Gr&#246;&#223;enordnung zu. Da die   Staatsverschuldung m&#228;chtig w&#228;chst, die K&#252;rzungsorgien den Konsum   amputieren und die Lage der Weltwirtschaft heikel bleibt, klaffen die   Prognosen f&#252;r Deutschland so beachtlich auseinander.<\/p>\n<h4>  Niedrigl&#246;hne und Verarmung in Deutschland<\/h4>\n<p>  K&#246;nnte es der deutschen Bourgeoisie nicht gelingen, den Binnenmarkt zu   stabilisieren und somit ein zweites Standbein zus&#228;tzlich zum Export zu   kreieren?<\/p>\n<p>  Zwar stieg 2010 auch die Binnennachfrage. Der Zuwachs konzentrierte sich   jedoch ma&#223;geblich auf die staatliche Nachfrage &#8211; stimuliert durch die   Konjunkturprogramme, die allm&#228;hlich auslaufen. Der private Konsum wuchs   um lediglich 0,5 Prozent. Aufgrund der unsicheren Verh&#228;ltnisse &#8211; nach   den Monaten der Kurzarbeit &#8211; bleibt die arbeitende Bev&#246;lkerung   vorsichtig. Vor allem aber kommt die Umverteilungspolitik der letzten   Dekade zum Tragen. Zwar konnte sich die Bundesrepublik auf der Rangliste   des World Economic Forum (WEF) auf Platz f&#252;nf vorschieben. Die andere   Seite der Medaille ist aber eine beispiellose Umverteilung von unten   nach ganz oben. Seit dem Regierungsantritt vom Schr&#246;der-Kabinett 1998   haben die Steuerverg&#252;nstigungen f&#252;r Unternehmen und Verm&#246;gende zu   j&#228;hrlichen Mindereinnahmen des Staates von hundert Milliarden Euro   gef&#252;hrt. Die Reall&#246;hne sanken zwischen 2000 und 2008 um 7,2 Prozent. Die   Lohnquote &#8211; der Anteil der L&#246;hne am Volkseinkommen &#8211; brach im gleichen   Zeitraum von 72,2 auf 65,2 Prozent ein (Statistisches Bundesamt), ein   Verteilungsverlust f&#252;r die Besch&#228;ftigten von 596,8 Milliarden Euro in   acht Jahren. Dazu kommen Privatisierungen, kommunale K&#252;rzungen und   &#8222;Reformen&#8220; wie die Rente mit 67 oder die Kopfpauschale.<\/p>\n<p>  Aber hat die Zahl der Erwerbst&#228;tigen 2010 mit knapp 40,5 Millionen nicht   eine neue Rekordmarke erreicht, sank die Arbeitslosenzahl nicht auf 2,9   Millionen? Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Arbeitslosigkeit in   Wahrheit mehr als doppelt so hoch liegt &#8211; w&#252;rde man alle   ber&#252;cksichtigen, die in irgendwelchen &#8222;Ma&#223;nahmen&#8220; geparkt oder   inzwischen aus der Statistik rausgerechnet werden (wie zum Beispiel die   &#252;ber 58-j&#228;hrigen Erwerbslosen). Betrachtet man das gesamte   Arbeitsvolumen, kommt man der Wahrheit schon n&#228;her. In der Folge von   Flexibilisierung, Teilzeitarbeit und Leiharbeit forciert sich der   R&#252;ckgang der real geleisteten Arbeitsstunden: von fast 60 Milliarden   Stunden 1991 auf etwa 57,4 Milliarden 2010. W&#252;rde man das Arbeitsvolumen   auf Vollzeitstellen umrechnen, w&#252;rde sich ein Verlust von 1,8 Millionen   Erwerbsverh&#228;ltnissen ergeben.<\/p>\n<p>  Was boomt, ist der Niedriglohnsektor: Der Kreis der Personen, der in   Billigjobs steckt, nahm zwischen 1998 und 2008 um 2,3 Millionen auf 6,6   Millionen zu. Die Zahl der Leiharbeiter betrug 2008 fast 800.000, ging   im Folgejahr auf etwa 600.000 zur&#252;ck und schnellte 2010 auf 923.000 in   die H&#246;he (laut IG Metall).<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich ist die Konsumbereitschaft nicht nur vom aktuellen Zustand der   Konten und Portemonnaies abh&#228;ngig. Denkbar w&#228;re auch eine Steigerung der   Verbrauchert&#228;tigkeit auf Pump. Das traf auf Millionen   US-Arbeiterfamilien im letzten Aufschwung zu. Nach den vergangenen   turbulenten Jahren wird sich die Risikobereitschaft der deutschen   Arbeiterklasse jedoch in Grenzen halten.<\/p>\n<h4>  Die Achillesferse von Europas Bankensektor<\/h4>\n<p>  W&#228;hrend die Unternehmer und Politiker hierzulande suggerieren, dass   Deutschland seine Hausaufgaben machen w&#252;rde und nur durch Vers&#228;umnisse   im Ausland gef&#228;hrdet sei, schrieb John Plender am 8. September in der   Financial Times: &#8222;In Wirklichkeit stellen die deutschen Banken die   Achillesferse im europ&#228;ischen Bankensystem dar. Sie sind ernsthaft   unterkapitalisiert.&#8220; Selbst J&#252;rgen Stark, das deutsche Mitglied im   Vorstand der Europ&#228;ischen Zentralbank (EZB), musste eingestehen, dass   alle deutschen Finanzh&#228;user Wackelkandidaten sind. F&#252;r eine ausreichende   Kapitaldecke m&#252;ssten allein die zehn gr&#246;&#223;ten deutschen Banken gesch&#228;tzte   105 Milliarden Euro zus&#228;tzliches Kapital aufnehmen.<\/p>\n<p>  In einer Zwischenbilanz der Bankenrettung vom 29. Dezember fasst die FAZ   die gr&#246;&#223;ten f&#252;r Banken aufgebrachten staatlichen Summen zusammen: &#8222;21   Milliarden Euro f&#252;r die Landesbanken. 18 Milliarden Euro f&#252;r die   Commerzbank. Zehn Milliarden Euro f&#252;r die Hypo Real Estate. Die   Bankenrettung ist dem deutschen Steuerzahler teuer zu stehen gekommen.&#8220;<\/p>\n<p>  Und was ist mit den Rettungsaktionen auf Euro-Ebene? Bei den Hilfen f&#252;r   Irland geht es nicht zuletzt um Hilfen f&#252;r deutsche Banken. Schlie&#223;lich   halten die deutschen Finanzh&#228;user nach den britischen Geldinstituten mit   150 Milliarden Euro die zweith&#246;chsten Forderungen. Die Forderungen   deutscher Banken gegen Spanien sind sogar nochmal um ein Viertel h&#246;her.<\/p>\n<p>  Dieses Jahr wird f&#252;r die deutschen Banken eine Rekordsumme von 340   Milliarden Euro f&#228;llig, um alte und neue Schulden zu finanzieren.   Angesichts der ungel&#246;sten Schuldenprobleme auf europ&#228;ischer Ebene kein   leichtes Unterfangen.<\/p>\n<h4>  Die Bundesrepublik und der Euro<\/h4>\n<p>  Wenn Horst Seehofer (CSU) uns in einer seiner Aschermittwoch-Reden die   Welt erkl&#228;rt, dann ist die Bundesrepublik der &#8222;Zahlmeister&#8220; Europas. In   Wahrheit gleicht der deutsche Imperialismus in den wirtschaftlich   st&#252;rmischen Zeiten aber keinem Fels in der Brandung, sondern stellt   vielmehr eine Kraft dar, die daf&#252;r verantwortlich ist, dass andere   &#214;konomien sich gegenw&#228;rtig vorkommen wie in Seenot geratene Schiffe. So   konnte die deutsche Unternehmerriege andere Volkswirtschaften nicht nur   dank hoher Arbeitsproduktivit&#228;t, sinkender Reall&#246;hne und Agenda 2010   niederkonkurrieren. Ihnen gelang es auch, die Euro-Zone nach ihren   Vorstellungen zu konstruieren. Lange Zeit war gerade die deutsche   Bourgeoisie die treibende Kraft bei diesem Projekt gewesen. Es darf   nicht untersch&#228;tzt werden, welchen Wert diese W&#228;hrungsunion f&#252;r das   Kapital hierzulande in den letzten Jahren hatte.<\/p>\n<p>  Die US-Imperialisten waren lange erpicht, sich mit der NAFTA einen von   ihnen beherrschten Handelsblock zu schaffen, f&#252;hrende kapitalistische   Staaten im asiatischen Raum hatten in Bezug auf die ASEAN-Zone die selbe   Intention. Dank einer gemeinsamen W&#228;hrung f&#252;r 17 Staaten Europas sind   die deutschen Imperialisten sehr weit mit ihrem Vorhaben gekommen, sich   unter ihrer F&#252;hrung (vor Frankreich) einen Wirtschaftsraum von 350   Millionen Menschen zu schaffen. Die Exportmacht konnte ihre Position   ausbauen, da 40 Prozent der deutschen Ausfuhren in die EU gehen. Berlin   und Frankfurt am Main bekamen gro&#223;en Einfluss auf die Zinss&#228;tze der   Europ&#228;ischen Zentralbank (EZB); die schw&#228;cheren &#214;konomien waren der   M&#246;glichkeit beraubt, durch W&#228;hrungsabwertungen ihre Wettbewerbsf&#228;higkeit   zu st&#228;rken. Durch den Wegfall des Devisenumtausches zwischen den   Euro-L&#228;ndern konnten grenz&#252;berschreitend t&#228;tige Konzerne viel Geld   sparen.<\/p>\n<p>  Die deutsche Wirtschaft ist also nicht zur Geisel &#8222;fauler Griechen&#8220; und   &#8222;kurzsichtiger Iren&#8220; geworden, sondern hat erheblichen Anteil an dem   heutigen Dilemma im Euro-Raum &#8211; in dem fr&#252;here &#246;konomische   Ungleichgewichte und Abh&#228;ngigkeiten noch intensiviert wurden. Und die   bisherigen Rettungspakete sollten vor allem auch deutsche Banken   rausboxen.<\/p>\n<p>  Allerdings drohen die Vorteile des Euro f&#252;r das deutsche Kapital in   Nachteile umzuschlagen. So muss die EZB mehr und mehr R&#252;cksicht auf die   in der Rezession gefangenen L&#228;nder wie Griechenland, Irland oder   Portugal nehmen und sieht sich gezwungen, die Zinss&#228;tze auf niedrigem   Niveau zu belassen &#8211; da so Investitionen g&#252;nstiger sind und diese   &#214;konomien dadurch gest&#252;tzt werden (w&#228;hrend die deutsche Wirtschaft sich   um Kapitalabzug und Inflation Sorgen macht). Und die Kuh, die von Berlin   aus in r&#252;cksichtslosester Weise gemolken wird (bisher profitieren   deutsche Kapitaleigner ja sogar von den Rettungsaktionen, da sie keine   Geschenke, sondern mit hohen Auflagen verbundene Darlehen bedeuten),   liefert wom&#246;glich schon bald keine Milch mehr, weil sie am Verrecken   ist. In jedem Fall wird es teuer f&#252;r die deutsche Wirtschaft: Entweder   (wie der Berkeley-Professor Barry Eichengreen meinte) lassen sie sich   auf Euro-Anleihen ein beziehungsweise erlassen Staaten wie Griechenland   einen Teil der Schulden oder aber sie kriegen gar nichts, weil   Griechenland, Irland oder sogar Spanien Insolvenz anmelden. Das w&#252;rde   auch den Anfang vom Ende des Euro markieren.<\/p>\n<p>  Nouriel Roubini verwies im SPIEGEL-Interview 2\/2011 richtigerweise auf   einen deutlichen Unterschied zwischen den USA und der Euro-Zone (die   wegen des Zusammenschlusses von weiterhin miteinander konkurrierender   Nationalstaaten eben besonders anf&#228;llig ist): &#8222;Selbst wenn Kalifornien   pleite ist, glaubt niemand, dass die US-W&#228;hrungsunion deshalb zerbrechen   w&#252;rde. Die Schuldenprobleme Griechenlands und Irlands k&#246;nnen dagegen   tats&#228;chlich zu einem Zusammenbruch der Euro-Zone f&#252;hren.&#8220;<\/p>\n<p>  So verwundert auch nicht, dass auf den Finanzm&#228;rkten pl&#246;tzlich f&#252;r die   Bundesrepublik das Spitzenrating von AAA in Frage gestellt wird. &#8222;Den   B&#252;rgen sollst du w&#252;rgen.&#8220; Das zeigen die Staaten-Versicherungspr&#228;mien   an. Die Kreditausfallversicherungen (CDS), mit denen sich   Marktteilnehmer gegen einen Zahlungsausfall Deutschlands absichern, sind   seit Ende Oktober 2010 um hundert Prozent in die H&#246;he geschossen!<\/p>\n<h4>  Soziale Unruhen<\/h4>\n<p>  &#8222;Die Krise frisst sich seit Herbst 2007 durch das Geb&#228;lk der   Weltwirtschaft. Kaum konnte eine Feuerstelle unter Einsatz von Hunderten   Milliarden Dollar gel&#246;scht werden, gibt es einen neuen Brandherd. Auf   die Immobilienkrise folgte der Crash bei den privaten Banken. Folgte die   Krise der Realwirtschaft. Folgt die Staaten-Krise (Griechenland, Irland,   Spanien; demn&#228;chst Italien und Belgien). D&#252;rfte folgen ein Euro-Crash.   Droht zu folgen die Krise des Weltw&#228;hrungssystems. Womit eine Wiederkehr   der Krise der Realwirtschaft kommen kann. Global Double Dip&#8220; (Winfried   Wolf in &#8222;Lunapark21&#8220;, Heft Nr. 12, Winter 2010).<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich ist ein &#8222;Double Dip&#8220; nicht zwangsl&#228;ufig. Zwar wachsen die   Gefahren, dass die Kapitalisten nun doch die Fehler wiederholen, die sie   vor drei Jahre vermeiden wollten, und sich Parallelen zu den   Depressionsjahren der Drei&#223;iger auftun: K&#252;rzungsorgien Br&#252;ningschen   Ausma&#223;es, Bankenpleiten wie 1931, ein W&#228;hrungskrieg, der in einen   Handelskrieg m&#252;nden k&#246;nnte. M&#246;glich ist aber, dass die Euro-Krise   gestreckt und Banken- und Staatsbankrotte weiter hinausgez&#246;gert werden.   Auch die Krisenherde Chinas m&#252;ssen dort nicht zwangsl&#228;ufig zu einem   Fl&#228;chenbrand f&#252;hren; das zeigen die Rettungsprogramme Pekings und ihre   besonderen Effekte f&#252;r die chinesische Wirtschaft und international an.<\/p>\n<p>  Da die deutsche Wirtschaft sich 2010 wieder berappelt hat und sich   gerade in den letzten Monaten die Auftragslage aufhellte, k&#246;nnte sich   der Aufschwung noch in die zweite Jahresh&#228;lfte hinein fortsetzen. Wenn   jedoch neue Ersch&#252;tterungen in der Weltwirtschaft und im Euro-Raum   eintreten, wird gerade Deutschland im Auge des Sturms sein. Da der   Bankensektor fragil ist und auch hier die Staatsverschuldung &#252;ber 80   Prozent des Bruttoinlandsprodukts betr&#228;gt, schrumpft der Spielraum f&#252;r   vergleichbare Krisenma&#223;nahmen wie 2008 (die Kurzarbeit kostete dem Staat   zum Beispiel knapp zehn Milliarden Euro).<\/p>\n<p>  Zwar existiert in der Arbeiterklasse &#252;berhaupt keine   Aufschwungseuphorie. Trotzdem herrscht in den Betrieben die Meinung vor,   nochmal mit einem blauen Auge davon gekommen zu sein. Im Winter 2008 war   intensiv &#252;ber die Krise des Kapitalismus diskutiert worden, die   Forderung nach Verstaatlichung der Banken kam auf. Das ebbte bald wieder   ab. Viele denken mittlerweile, dass es sich mit der Finanz- und   Wirtschaftskrise doch nur um einen &#8222;Betriebsunfall&#8220; gehandelt haben mag.   Wenn die Wirtschaft aber erneut abschmiert, Banken vor dem Aus stehen   und Entlassungen drohen, dann k&#246;nnte die Stimmung hier rasch umschlagen.   Trotzki hat einmal betont, dass nicht Aufschwung oder Krise, sondern vor   allem das Auf und Ab, abrupte Ver&#228;nderungen, radikalisieren. Die von den   Herrschenden vor zwei Jahren in Deutschland bef&#252;rchteten &#8222;sozialen   Unruhen&#8220; k&#246;nnten Gestalt annehmen.<\/p>\n<p>  Die Weltwirtschaftskrise Mitte der siebziger Jahre ging einher mit   Revolutionen in Angola , Portugal und Mosambik, die Diktaturen in   Spanien und Griechenland und wurden gest&#252;rzt, in der Bundesrepublik   erstreikte der &#214;ffentliche Dienst eine elf prozentige Lohnerh&#246;hung. Die   internationale Rezession Ende der Siebziger ging Hand in Hand mit den   Revolutionen in Nicaragua und im Iran, in Frankreich versprachen sich   viele franz&#246;sische ArbeiterInnen vom Wahlsieg der Sozialistischen und   Kommunistischen Parteien eine Serie von Verstaatlichungen, massive   Arbeitszeitverk&#252;rzungen bei vollem Lohn- und Personalausgleich und eine   sozialistische Ver&#228;nderung.<\/p>\n<p>  Heute sind wir &#8211; vor dem Hintergrund der globalen Krise des Kapitalismus   &#8211; Zeuge vom Beginn der Revolutionen im Iran, in Tunesien und &#196;gypten.   Soziale Unruhen werden aber nicht auf L&#228;nder in Nordafrika oder im Nahen   Osten begrenzt bleiben. Die Massenbewegung im US-Bundesstaat Wisconsin   gegen die Abschaffung der Verbindlichkeit von Tarifvertr&#228;gen ist daf&#252;r   ein Beispiel. So orakelt der US-Anlagemanager und Chef von Gerken   Capital Associates, Lou Gerken: &#8222;Wir werden den Menschen Dinge   wegnehmen, auf die sie seit 30 Jahren einen Anspruch haben. Das wird   ihnen nicht gefallen. Es wird in den USA zu Unruhen, zu einem   B&#252;rgerkrieg, na ja, jedenfalls zu schweren Unruhen kommen.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Aussichten f&#252;r Deutschland und die Weltwirtschaft\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[127],"tags":[259],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14189"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14189"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14189\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14189"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14189"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14189"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}