{"id":14184,"date":"2011-04-15T16:00:00","date_gmt":"2011-04-15T16:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14184"},"modified":"2011-04-15T16:00:00","modified_gmt":"2011-04-15T16:00:00","slug":"14184","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/04\/14184\/","title":{"rendered":"Naher Osten und Nordafrika: Revolutionen in Gefahr"},"content":{"rendered":"<p>  Entschlossene Aktionen der ArbeiterInnen n&#246;tig<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Die j&#252;ngsten Tage haben erneut gezeigt, dass bisher trotz des Sehnens   der Massen nach wirklicher Ver&#228;nderung und Freiheit und der heroischen   Ereignisse der letzten Monate keine der Revolutionen in Nordafrika einen   sicheren Sieg errungen hat.<\/p>\n<h4>  <i>von Robert Bechert<\/i><\/h4>\n<p>  In &#196;gypten und Tunesien, den L&#228;ndern, in denen Diktatoren gest&#252;rzt   wurden, machen die herrschenden Klassen verzweifelte Versuche, sich an   ihrem Reichtum und ihrer Macht zu halten.<\/p>\n<p>  In Tunesien gab es zwar seit der Flucht von Ben Ali im Januar drei   Regierungen und das Regime musste Wahlen zu einer Verfassungsgebenden   Versammlung zugestehen, aber es setzt alle ihm zur Verf&#252;gung stehenden   Mittel ein, um die Herrschaft der Elite aufrecht zu erhalten. Sie waren   zum Beispiel gezwungen die alte Geheimpolizei aufzul&#246;sen &#8211; die   Staatssicherheitsabteilung &#8211; haben aber einen neuen Innenminister   ernannt, Habib Essid, der zwischen 1997 und 2001 im Innenministerium   &#8222;Kabinettschef&#8221; war. Als solcher war er offensichtlich an Folter,   Unterdr&#252;ckung und der Drecksarbeit des Ben-Ali-Regimes beteiligt.<\/p>\n<p>  Es gibt eine wachsende Stimmung unter ArbeiterInnen und Jugendlichen,   dass die Zukunft der Revolution auf dem Spiele steht. Das bereitet den   Boden f&#252;r neue K&#228;mpfe zur Durchsetzung der Forderungen.<\/p>\n<p>  &#196;hnlich hat in &#196;gypten die Milit&#228;rregierung, die Mubarak ersetzt hat,   verbissen Widerstand geleistet, um die Flut der Revolution aufzuhalten.   Aber ebenso wie in Tunesien sieht eine wachsende Zahl von ArbeiterInnen   und Jugendlichen, dass, wie das CWI seit dem Zeitpunkt des Sturzes von   Mubarak warnte, die Milit&#228;rf&#252;hrung kein Freund der Revolution ist. Das   Milit&#228;r hat schon Pl&#228;ne zur Kriminalisierung vieler Streiks, Proteste,   Sit-ins und Versammlungen von ArbeiterInnen und Jugendlichen angek&#252;ndigt.<\/p>\n<p>  Wie man es vorher schon in vielen Revolutionen in anderen L&#228;ndern   erlebte, f&#252;hlen die &#228;gyptischen ArbeiterInnen und Jugendlichen, dass   ihnen die Kontrolle &#252;ber die Ereignisse entgleitet, und dass die alte   Ordnung gefestigt werden soll. Am Freitag (8. April) str&#246;mten sie wieder   auf den Tahrir-Platz und versuchten, die Initiative zur&#252;ck zu gewinnen.   Hunderttausende ArbeiterInnen, Jugendliche und manche Offiziere, so   zahlreich wie zum letzten Mal unmittelbar nach der Entfernung von   Mubarak, versammelten sich am &#8222;Freitag der Reinigung&#8220;. Die Anwesenheit   von Offizieren, die trotz gegenteiliger Befehle teilnahmen, ist ein   Zeichen, dass ein Aufruf an die einfachen Soldaten zur Unterst&#252;tzung der   Revolution ein starkes Echo erhalten w&#252;rde. Auf dem Platz gab es Aufrufe   zur Ersetzung des Milit&#228;rregimes durch einen zivilen Rat und f&#252;r die   Verhaftung und einen Prozess gegen Mubarak und andere Gangster und   Folterer aus dem alten Regime. Anwesende TextilarbeiterInnen vertraten   ihre eigenen Forderungen, einschlie&#223;lich der Entfernung des alten   staatlich kontrollierten &#228;gyptischen Gewerkschaftsbundes, der   Wiederverstaatlichung der privatisierten Firmen, einem Mindestlohn von   1.200 &#228;gyptischen Pfund (140 Euro) und einem Gerichtsprozess gegen die   korrupte Bande, einschlie&#223;lich Mubaraks und des fr&#252;heren Vorsitzenden   der offiziellen Textilarbeitergewerkschaft.<\/p>\n<p>  Neue Repression<\/p>\n<p>  Mindestens ein Demonstrant wurde bei neuen Zusammenst&#246;&#223;en auf dem   Tahrir-Platz get&#246;tet. Die Reaktion des Milit&#228;rregimes, nachdem die   Massen vor&#252;bergehend den Platz verlassen hatten, war Unterdr&#252;ckung. Das   Milit&#228;r versuchte sp&#228;t Freitag Nacht den Platz brutal zu s&#228;ubern, wobei   sie manche Protestierende als &#8222;Schl&#228;ger&#8220; beschimpften. Dabei wurde   mindestens ein Teilnehmer der Proteste get&#246;tet. Bezeichnenderweise   unterst&#252;tze der stellvertretende F&#252;hrer der Moslembruderschaft,   Al-Bayoumi, den Schritt des Milit&#228;rs und sagte, nichts solle &#8222;die   Einheit zwischen Volk und Armee gef&#228;hrden&#8220;. Was er wirklich mit   &#8222;Einheit&#8220; meinte, war der fortgesetzte Versuch der F&#252;hrung der   Moslembruderschaft, ein Abkommen mit den Milit&#228;rspitzen zu erreichen.   Das Durchgreifen ging danach weiter. Am 11. April wurde ein Blogger,   Mikel Nabil, zu drei Jahren Gef&#228;ngnis wegen der &#8222;Ver&#246;ffentlichung   falscher Informationen&#8221; und &#8222;Beleidigung der Streitkr&#228;fte&#8220; verurteilt,   weil er einen Artikel ver&#246;ffentlicht hatte, der internationale   Medienberichte zitierte, dass die Armee w&#228;hrend der Revolution   Festgenommene gefoltert habe.<\/p>\n<p>  Vielleicht sind die Milit&#228;rspitzen zu einem etwas gr&#246;&#223;eren R&#252;ckzug   gezwungen, vielleicht kommen Mubarak und andere vor Gericht, aber ihr   Hauptziel ist die Rettung ihrer Privilegien und der Herrschaft der   herrschenden Klasse. Deshalb warnte das CWI seit dem Zeitpunkt der   Entfernung Mubaraks: &#8222;Kein Vertrauen in die Milit&#228;rf&#252;hrung! F&#252;r eine   Regierung, die sich aus den VertreterInnen der ArbeiterInnen,   Kleinb&#228;uerInnen und der Armen zusammensetzt!&#8221; (&#8222;Mubarak ist weg: Jetzt   das ganze Regime zum Teufel jagen!&#8221; 11. Februar 2011). Ein paar Tage   sp&#228;ter argumentierten wir, die &#8222;&#228;gyptischen Massen w&#252;rden einen   schwerwiegenden Fehler machen, wenn sie irgendwelches Vertrauen in diese   neuen &#8218;Demokraten&#8217;, besonders in der Staatsmaschine &#8211; die Gener&#228;le, ihre   G&#252;nstlinge, Gro&#223;konzerne und die Gro&#223;grundbesitzer &#8211; setzen w&#252;rden, die   die Basis des Regimes bilden. Bestenfalls haben sie Verlangen nach einer   &#8218;kontrollierten&#8217; Demokratie, was noch weniger ist als selbst das   Erdogan-Regime in der T&#252;rkei. (&#8230;) Man sollte den Armeespitzen weder   glauben noch vertrauen. Die unabh&#228;ngige Macht der Massen muss aufgebaut   werden, um den notwendigen Druck auszu&#252;ben.&#8221; (&#8222;Die Revolution muss   weiter gehen. Die Armee kann Demokratie nicht garantieren&#8221; 15. Februar,   2011)<\/p>\n<p>  Der Aufbau der unabh&#228;ngigen Macht der arbeitenden Massen ist der   Schl&#252;ssel f&#252;r den Erfolg dieser Revolutionen bei der Umgestaltung der   Leben der Mehrheit der &#196;gypterInnen und TunesierInnen. Ohne das wird die   Kontrolle in den H&#228;nden der herrschenden Klasse und Eliten bleiben, die   fr&#252;her oder sp&#228;ter unvermeidlich zur Unterdr&#252;ckung greifen werden, um   ihre Herrschaft zu bewahren. Nur durch den Aufbau von   Massenorganisationen, einschlie&#223;lich freier, k&#228;mpferischer   Gewerkschaften und besonders einer unabh&#228;ngigen Partei k&#246;nnen wirkliche   Revolution&#228;rInnen, ArbeiterInnen, Jugendliche, Kleinb&#228;uerInnen und die   Armen die Werkzeuge schaffen, mit denen sie die Versuche der alten   Garde, die Macht zu bewahren, bek&#228;mpfen und eine wirkliche Alternative   schaffen k&#246;nnen, n&#228;mlich eine Regierung aus VertreterInnen der   ArbeiterInnen, Kleinb&#228;uerInnen und Armen.<\/p>\n<h4>  Libyen<\/h4>\n<p>  Das Fehlen solcher Organisationen in Libyen hat zum gegenw&#228;rtigen   Entgleisen der Revolution dort beigetragen, nachdem der anf&#228;ngliche   Massenaufstand im Februar im westlichen Teil des Landes um Tripolis   keinen Erfolg hatte. Das lag teilweise daran, dass Gaddafis Regime immer   noch eine gewisse Unterst&#252;tzungsbasis hat, aber haupts&#228;chlich daran,   dass die Revolution keine klare F&#252;hrung hatte. Ein wichtiger Faktor war,   dass manche der Rebellen in Ostlibyen die alte monarchistische Flagge   &#252;bernahmen. Der fr&#252;here K&#246;nig war aus Bengasi gekommen, und dieses   Symbol hatte wenig Anziehungskraft in Libyens gr&#246;&#223;ter Stadt, Tripolis,   und wurde von vielen als T&#252;r&#246;ffnung f&#252;r eine erneute ausl&#228;ndische   Kontrolle nicht nur in Libyen, sondern in der ganzen Region gesehen. Das   Beiseite-Dr&#228;ngen der radikaleren Elemente in Bengasi und die Bildung des   selbsternannten, vom Imperialismus unterst&#252;tzten, Nationalen   &#220;bergangsrats durch eine Verbindung prokapitalistischer Elemente und   Abtr&#252;nniger aus dem Gaddafi-Regime begrenzte auch die Anziehungskraft   der Revolte auf diejenigen, die zwar Gaddafis Bande ablehnten, aber auch   einen Verlust der Errungenschaften der letzten 40 Jahre bei Bildung,   Gesundheit und anderen Gebieten f&#252;rchten.<\/p>\n<p>  Bei nur beschr&#228;nkten Anti-Gaddafi-Bewegungen in Westlibyen, wo zwei   Drittel der Bev&#246;lkerung leben, gibt es vorl&#228;ufig praktisch ein Patt.   Nachdem der Friedensplan der Afrikanischen Union abgelehnt wurde, ist es   jetzt zunehmend wahrscheinlich, dass Libyen, zumindest f&#252;r eine   begrenzte Zeitperiode, praktisch geteilt wird. Trotz der urspr&#252;nglichen   Behauptung, dass sie intervenieren w&#252;rden, um ZivilistInnen zu   verteidigen, ist es jetzt zunehmend klar, dass die UN\/Nato-Intervention   die zuverl&#228;ssigere pro-imperialistische Seite in diesem Konflikt bei dem   Versuch unterst&#252;tzt, Gaddafi zu entfernen, den sie fr&#252;her bestenfalls   als unzuverl&#228;ssigen Verb&#252;ndeten betrachteten.<\/p>\n<p>  Die Financial Times, ein starker Unterst&#252;tzer der Intervention in   Libyen, enth&#252;llte beil&#228;ufig die wirklichen Motive, als sie   argumentierte, dass &#8222;weitere milit&#228;rische Aktionen in der Region zum   Schutz britischer Interessen&#8220; m&#246;glich seien (Leitartikel, 8. April   2011). Wie das CWI fr&#252;her argumentierte, zeigten Tunesien und &#196;gypten,   dass Tyrannei durch Massenbewegungen gest&#252;rzt werden kann. Dass die   Weltm&#228;chte zu der fortgesetzten Unterdr&#252;ckung in Bahrain praktisch   schweigen und das zunehmend blutige Durchgreifen des syrischen Regimes   nur eingeschr&#228;nkt kritisieren, zeigt, dass ihre Sorge um ZivilistInnen   auf die F&#228;lle beschr&#228;nkt ist, wo die Kritik am Regime in ihrem eigenen   imperialistischen Klasseninteresse ist.<\/p>\n<h4>  Unterdr&#252;ckung in Bahrain<\/h4>\n<p>  Auf verschiedene Weise sind die Revolutionen in Nordafrika und dem Nahen   Osten an neuen Wendepunkten oder n&#228;hern sich ihnen. In L&#228;ndern wie   Bahrain, Libyen, Syrien und dem Jemen sind die unmittelbaren Fragen, wie   man die Diktaturen st&#252;rzen kann und was dann gemacht werden muss, um die   Forderungen und Bestrebungen der Masse der Bev&#246;lkerung zu befriedigen.   Wie das erreicht werden kann, ist, zusammen mit der Beseitigung der   verbleibenden Reste des alten Regimes, die zentrale Frage f&#252; die   Revolutionen in Tunesien und &#196;gypten.<\/p>\n<p>  Die Antwort auf diese Fragen, und die Rettung der Revolutionen, liegt in   den H&#228;nden der arbeitenden Massen. Tunesien und &#196;gypten haben schon   gezeigt, dass entschlossener Kampf Diktaturen st&#252;rzen kann. Aber die   Ereignisse dieses Jahres haben gezeigt, dass Kampfeswillen allein nicht   gen&#252;gt. Die arbeitenden Massen m&#252;ssen unabh&#228;ngig und demokratisch in   Gewerkschaften und einer Massenpartei der ArbeiterInnen und Armen mit   einem klaren Programm organisiert sein, um zu verhindern, dass die   Errungenschaften ihrer Revolutionen von Elementen der alten Elite oder   einer sich bildenden neuen Elite in Zusammenarbeit mit dem Imperialismus   einkassiert werden.<\/p>\n<p>  Wirklich revolution&#228;re Kr&#228;fte der arbeitenden Massen m&#252;ssen ein B&#252;ndnis   mit prokapitalistischen Kr&#228;ften oder ein Sich-Verlassen auf UNO oder   NATO ablehnen. Um diktatorische Regime zu besiegen, m&#252;ssen ArbeiterInnen   und Jugendliche ihre eigenen Kr&#228;fte aufbauen, die die Revolution zum   Sieg f&#252;hren k&#246;nnen, einem Sieg, der nicht nur demokratische Rechte   gewinnt, sondern der sicherstellt, dass der Reichtum der Gesellschaft   wirklich Eigentum der Massen ist und in ihrem Interesse demokratisch   kontrolliert und verwaltet wird.<\/p>\n<p>  Dies w&#252;rde die Grundlage f&#252;r Befreiung und einen echten demokratischen   Sozialismus schaffen, nicht seine F&#228;lschungen unter Gaddafi und in   Syrien. Dies k&#246;nnte dann ein nachahmenswertes Beispiel f&#252;r die   arbeitenden Massen im Nahen Osten, Afrika und dar&#252;ber hinaus sein, um   die Herrschaft von Autokraten und das Elend der kapitalistischen   Herrschaft zu beenden.<\/p>\n<h5>  <i>Robert Bechert ist Mitglied im Internationalen Sekretariat des   Komitees f&#252;r eine Arbeiterinternationale (CWI &#8211; <a href=\"http:\/\/www.socialistworld.net\">www.socialistworld.net<\/a>   ).<\/i><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Entschlossene Aktionen der ArbeiterInnen n&#246;tig\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[37],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14184"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14184"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14184\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14184"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14184"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14184"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}