{"id":14182,"date":"2011-04-15T15:00:00","date_gmt":"2011-04-15T15:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14182"},"modified":"2011-04-15T15:00:00","modified_gmt":"2011-04-15T15:00:00","slug":"14182","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/04\/14182\/","title":{"rendered":"Ungarn: 20 Jahre Kapitalismus"},"content":{"rendered":"<p>  Aufstieg der extremen Rechten und Perspektiven f&#252;r die Zukunft<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Anfang dieses Jahres hat Ungarn den Vorsitz der EU &#252;bernommen. Der   ungarische Premier Orb&#225;n und seine Politik sind damit ins Zentrum der   Aufmerksamkeit ger&#252;ckt. Die F&#252;hrung der EU versucht, die immer st&#228;rkere   Kritik an seiner Regierung bez&#252;glich der Behandlung von Roma, bez&#252;glich   der Einschr&#228;nkung der Pressefreiheit und bez&#252;glich der Sondersteuern   gegen ausl&#228;ndische Unternehmen zu ignorieren. <\/p>\n<h4>  <i>von Sophie Schindler, Wien, und Rob Jones, Moskau<\/i><\/h4>\n<p>  Es gibt beunruhigende Berichte &#252;ber das Wachstum von rechtsextremen und   faschistischen Gruppen, &#252;ber eine Zunahme von rassistischen und   antisemitischen Angriffen und sogar Morden. Ist es gef&#228;hrlich, heute in   Ungarn zu sein? Wiederholt sich die Geschichte und spielt Orb&#225;n die   Rolle eines neuen Horthy &#8211; des mit dem NS-System kollaborierenden   Diktators in der ersten H&#228;lfte des 20. Jahrhunderts? Oder gibt es eine   Alternative, die diese Entwicklung aufhalten kann und die die Rechte von   ArbeiterInnen und Jugendlichen aller Nationalit&#228;ten, inklusive der Roma,   die in Ungarn leben, garantieren kann?<\/p>\n<h4>  Hoffnungen und Versprechen sind nicht genug<\/h4>\n<p>  Nach 1989 war Ungarn eines der ersten L&#228;nder, in denen der Kapitalismus   wieder Fu&#223; fassen konnte. Hand in Hand gingen damit enorme Hoffnungen   der Massen, unterst&#252;tzt von den Versprechungen der herrschenden Elite,   dass der ungarische Lebensstandard rasch westeurop&#228;isches Niveau   erreichen w&#252;rde. Das anf&#228;nglich hohe Investitionsvolumen half mit, die   Illusion zu sch&#252;ren, dass die Zukunft eine rosige sei. Aber f&#252;r den\/die   &#8222;normalen&#8220; Ungarn\/in stellte sich rasch heraus, dass die Zukunft nicht   rosig, sondern dunkelgrau ist.<\/p>\n<p>  Die Produktion bzw. das BIP schrumpften zwischen 1988 und 1993 um 20%.   Die Reall&#246;hne fielen 1990-1994 um 20% und um weitere 18% von 1995-1996.   Tausende Unternehmen machten dicht, eine halbe Million Jobs verschwand   einfach. W&#228;hrend Arbeitslosigkeit unter der staatlichen Planwirtschaft &#8211;   trotz des W&#252;rgegriffs der stalinistischen B&#252;rokratie &#8211; kaum existiert   hatte, schoss diese nun auf Werte bis zu 12%. Heute liegt der   Lebensstand in Ungarn noch 40% unter dem Durchschnitt der EU 25.<\/p>\n<p>  Seit 1989 haben alle unterschiedlichen Regierungen einen   Privatisierungskurs vorangetrieben. Die H&#228;lfte der ungarischen   Unternehmen wurde in nur vier Jahren privatisiert. Aufgrund der   hochqualifizierten Arbeitskr&#228;fte und der strategisch g&#252;nstigen Position   nahe an Westeuropa war Ungarn attraktiv f&#252;r internationales Kapital und   konnte daher mehr ausl&#228;ndische Investitionen anziehen als andere   osteurop&#228;ische Staaten. Westeurop&#228;ische Banken nutzten den Aufkauf   ungarischer Unternehmen, um etwas von ihrem &#252;bersch&#252;ssigen Kapital   anzulegen. Der Ausverkauf an ausl&#228;ndische Unternehmen f&#252;hrte dazu, dass   die Mehrheit des Au&#223;enhandels und damit auch die dazugeh&#246;rigen Profite   nun in deren Kontrolle liegen.<\/p>\n<p>  75% der gr&#246;&#223;ten Unternehmen in Ungarn, 90% der Banken und 95% der   Versicherungen sind in ausl&#228;ndischer Hand. Wie schnell die Umwandlung   der Wirtschaft vor sich ging, zeigt sich u.a. daran, dass um die   Jahrtausendwende bereits 80% des BIP aus dem Privatsektor stammten.<\/p>\n<p>  Ein Beispiel f&#252;r die katastrophalen Auswirkungen der kapitalistischen   Restauration ist die Giftkatastrophe in Kolont&#225;r im Oktober 2010. Als   der Damm der Aluminiumfabrik MAL brach, vergiftete Rotschlamm die ganze   Gegend. Zehn Menschen starben und 300 sind ernsthaft erkrankt. Auch die   stalinistischen B&#252;rokratInnen, die die MAL verwalteten, als diese noch   in Staatsbesitz war, haben viele Gesundheits- und Umweltfragen   ignoriert. Aber als das Unternehmen privatisiert wurde, konnte die   InvestorInnengruppe, die die MAL &#252;bernommen hat &#8211; ehemalige   B&#252;rokratInnen, die zuerst mit den StalinistInnen, sp&#228;ter mit der   sozialdemokratischen MSZP verbandelt waren &#8211; das Werk sogar noch ohne   die ohnehin schwachen gesetzlichen Sicherheitsauflagen f&#252;hren. Zum   Zeitpunkt der Katastrophe hatten die zwei Besitzer ein gesch&#228;tztes   Verm&#246;gen von &#8364;145 Millionen. Die Gier nach Profit ist wohl der Grund f&#252;r   den Dammbruch und die Giftkatastrophe.<\/p>\n<p>  Trotz der Privatisierungserl&#246;se stiegen sowohl die Staatsschulden als   auch die private Verschuldung dramatisch an. Ende 1994 musste bereits   ein Drittel des Budgets f&#252;r die Bedienung der Zinsen der   Staatsverschuldung aufgewendet werden. 2008 war sie auf 80% des BIP   gewachsen. Mit der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage konnte der   private Konsum teilweise nur durch das Wachstum von Privatkrediten an   ArbeiterInnen und Menschen mit niedrigem Einkommen gehalten werden &#8211; was   allerdings zu einer Privatverschuldung in untragbarer H&#246;he gef&#252;hrt hat.<\/p>\n<p>  Zwanzig Jahre nach der Restauration des Kapitalismus f&#228;llt die Bilanz   eindeutig negativ aus. Die Armut w&#228;chst und ein Drittel der Bev&#246;lkerung   lebt unter dem Existenzminimum &#8211; die H&#228;lfte davon sind Kinder. Unter den   Roma, die systematisch unterdr&#252;ckt und ausgebeutet werden, ist die   Situation noch viel schlimmer. Die Mehrheit der UngarInnen kann heute   nur mehr mit mehr als einem Job &#252;berleben.<\/p>\n<p>  Als die Krise auch in der ungarischen Wirtschaft zu greifen begann,   konnte der Stellenabbau in der Privatwirtschaft f&#252;r eine kurze Periode   durch den hohen Besch&#228;ftigungsgrad im &#214;ffentlichen Dienst aufgefangen   werden. Aber als dann auch die K&#252;rzungen im &#214;ffentlichen Sektor   zunahmen, war auch das vorbei. Das Kapital aus Westeuropa, das gekommen   war, um von den billigen aber hochqualifizierten Arbeitskr&#228;ften zu   profitieren, zog weiter nach Osten und nahm die Jobs gleich mit.<\/p>\n<p>  Die Tatsache, dass sich die soziale Lage laufend verschlechtert, hat die   Sichtweise vieler Menschen beeinflusst, wie sie die Lage heute und in   der Vergangenheit einsch&#228;tzen. 1991 meinten 40% der Bev&#246;lkerung, dass   &#8220;das alte System (der Stalinismus, Anm.) besser war als das Neue&#8221;. Im   Jahr 1995 war dieser Wert auf 54% angestiegen. Unter ungelernten   ArbeiterInnen und den Besch&#228;ftigten in der Landwirtschaft lag der Anteil   jener, die das alte System bevorzugten, bei 65%. Und auch unter   UnternehmerInnen und Intellektuellen waren 29% f&#252;r das &#8220;alte System&#8221;.   Heute meinen 60% der UngarInnen dass der Systemwechsel eine   Verschlechterung bedeutet hat.<\/p>\n<h4>  Die globale Wirtschaftskrise trifft Ungarn hart<\/h4>\n<p>  Obwohl die Situation ohnehin schon schwierig war, hat die globale   Wirtschaftskrise zu noch gr&#246;&#223;eren Problemen in Ungarn gef&#252;hrt. Innerhalb   eines Jahres stieg die Arbeitslosigkeit um 25%, die Firmenbankrotte um   ein Drittel. 2009 schrumpfte die Wirtschaft um 6,3%.<\/p>\n<p>  Die Kombination eines doppelten Defizits bei Budget und Au&#223;enhandel mit   der hohen Privatverschuldung (und davon auch noch der Gro&#223;teil in   Fremdw&#228;hrungskrediten in Euro) hat dazu gef&#252;hrt, dass der ungarische   Forint im Oktober 2008 auf den internationalen Finanzm&#228;rkten starke   Verluste hinnehmen musste. Weil das nationale Finanzsystem nicht &#252;ber   ausreichend Ressourcen verf&#252;gte, um die Situation zu stabilisieren,   organisierten EU, IWF und die Weltbank Kredite im Ausma&#223; von &#252;ber 20   Milliarden Euro, um Ungarn zu &#8220;retten&#8221;.<\/p>\n<p>  Ungarn war der erste Mitgliedsstaat, der einen Kredit von der EU   erhielt. Doch die Kreditgeber verlangten als Vorbedingung, dass das   Defizit von damals &#252;ber 10% auf den Wert der Maastricht-Kriterien von 3%   gesenkt werden m&#252;sste. Das bedeutete weitere Angriffe auf den   Lebensstand der ungarischen ArbeiterInnenklasse.<\/p>\n<p>  Die Forint-Abwertung war ein weiterer Schritt, um die Kosten der Krise   auf die Schultern der ArbeiterInnenklasse abzuw&#228;lzen. 70% aller   Privatkredite waren in Euro abgeschlossen, sodass sie mit der   Forintabwertung um 40% stiegen. Heute haben bis zu 40% aller   SchuldnerInnen einen Zahlungsr&#252;ckstand von mehr als 30 Tagen, viele   sogar von 90 Tagen und mehr. &#220;ber 700.000 UngarInnen haben massive   Probleme dabei, ihre Schulden &#252;berhaupt zur&#252;ck zu zahlen. Zehntausende   Familien haben, weil sie die Kreditraten nicht zahlen k&#246;nnen, ihre   Wohnungen bzw. H&#228;user verloren.<\/p>\n<p>  Den internationalen Kreditgebern ist die soziale Katastrophe, die all   das widerspiegelt, herzlich egal. Sie sind besorgt dar&#252;ber, wie hoch die   Schulden sind und dar&#252;ber, ob sie ihr Kapital zur&#252;ck bekommen oder nicht   &#8211; und dar&#252;ber, ob weitere Zusammenbr&#252;che die europ&#228;ische Wirtschaft und   die Weltwirtschaft ernsthaft bedrohen k&#246;nnen. Gerade vor dem Hintergrund   der Weltwirtschaftskrise, die 2008 begann, bedeutet das gro&#223;e   finanzielle Engagement westeurop&#228;ischer Banken in Osteuropa und das   bef&#252;rchtete hohe Niveau fauler Kredite eine ernsthafte Gefahr und kann   weitere Zusammenbr&#252;che im Bankensektor ausl&#246;sen.<\/p>\n<p>  Die sozialen Folgen der Wirtschaftskrise und die Forderungen der   internationalen M&#228;rkte, die von der sozialdemokratischen Regierung der   MSZP (Sozialistische Partei Ungarn) umgesetzt wurden, sind weitreichend.   Die Arbeitslosigkeit steigt. Von den rund 10% Arbeitslosen sind 30%   Jugendliche. Nur 54,5% der Besch&#228;ftigten haben sichere Jobs &#8211; der   niedrigste Wert in der ganzen EU. Das bedeutet, dass 3,8 Millionen   UngarInnen, die arbeiten k&#246;nnen &#8211; und wollen &#8211; keinen regul&#228;ren Job   haben.<\/p>\n<p>  Zu den K&#252;rzungen, die umgesetzt wurden, geh&#246;ren Lohnk&#252;rzungen im   &#214;ffentlichen Dienst, die Anhebung des Pensionsantrittsalters von 62 auf   65 Jahre, die K&#252;rzung bzw. Streichung einer Reihe von Sozialleistungen   und die Anhebung der Mehrwertsteuer von 20% auf 25%. Die K&#252;rzungen im   Budget 2009-10 machten 5% des BIP aus. Diese Angriffe wurden unter der   angeblich &#8222;linken&#8220; MSZP durchgef&#252;hrt und haben zu Entt&#228;uschung und   Verzweiflung gef&#252;hrt. Bei gleichzeitigem Fehlen einer echten Alternative   f&#252;r ArbeiterInnen hat das zum Erstarken von rechten und rechtsextremen   Parteien gef&#252;hrt.<\/p>\n<h4>  Regierungen wechseln &#8211; die Politik bleibt die gleiche<\/h4>\n<p>  Nach dem Zusammenbruch des stalinistischen Ein-Parteien-Systems in   Ungarn im Jahre 1989 wurden 1990 die ersten Wahlen in der neuen   kapitalistischen &#8222;Demokratie&#8220; abgehalten. Seither war eine st&#228;ndig   wechselnde Abfolge von Koalitionsregierungen an der Macht (nur einmal   wurde eine Regierung wiedergew&#228;hlt). Aber trotz der unterschiedlichen   Parteien hat sich die Politik in ihrem Kern kaum unterschieden. Die zwei   Hauptakteure waren und sind die MSZP und Fidesz.<\/p>\n<p>  Die MSZP ist die Nachfolgerin der stalinistischen Staatspartei.   Nat&#252;rlich ist sie keine revolution&#228;re sozialistische Partei, sondern sie   versucht, sich selbst als sozialdemokratische Partei westeurop&#228;ischer   Pr&#228;gung zu pr&#228;sentieren. Aber sie hat keine der Traditionen der   sozialdemokratischen Massenparteien der ArbeiterInnenklasse, die fr&#252;her   einmal die Massen der ArbeiterInnenklasse vertreten haben und in denen   sich oft, trotz des pro-kapitalistischen Charakters ihrer F&#252;hrung, die   W&#252;nsche und Hoffnungen der ArbeiterInnenklasse widergespiegelt haben.<\/p>\n<p>  Die MSZP ist ein Abklatsch dessen, wozu die sozialdemokratischen   Parteien heute geworden sind. Sie ist wie New Labour in Britannien oder   wie die verschiedenen sozialdemokratischen Parteien in Deutschland und   &#214;sterreich, die sich de facto vollst&#228;ndig von der ArbeiterInnenklasse   abgewandt haben, offen pro-kapitalistisch sind und neo-liberale Politik   umsetzen. Sie war zweimal in einer Koalitionsregierung mit den liberalen   Freien Demokraten (SZDSZ), von 1994-98 und 2002-10. Beide male hat die   MSZP im Interesse des Kapitalismus agiert und sie ist verantwortlich f&#252;r   scharfe &#8222;Reformen&#8220; gegen die ArbeiterInnenklasse.<\/p>\n<p>  Fidesz (Bund Junger Demokraten &#8211; jetzt Ungarischer B&#252;rgerbund) wurde   1988 gegr&#252;ndet. Der Anf&#252;hrer Viktor Orb&#225;n, ein ehemaliges Mitglied des   Kommunistischen Jugendverbandes, erlangte weite Bekanntheit bei der   Massenkundgebung am 16. Juni 1989, die den Beginn vom Ende der   stalinistischen Diktatur kennzeichnete. Als j&#252;ngster Redner war er jener   mit der sch&#228;rfsten anti-kommunistischen Rhetorik.<\/p>\n<p>  Seit damals hat sich Fidesz immer weiter nach rechts entwickelt. Fidesz   kombiniert nationalistische, chauvinistische und rassistische Propaganda   mit populistischer Rhetorik und autorit&#228;ren Methoden. Von 1998-2002   regierte Fidesz mit der Unterst&#252;tzung rechter Parteien wie z.B. der   Kleinen Landwirtepartei, die sich auf Blut-und-Boden-Ideologie st&#252;tzt.   Heute haben Orb&#225;n und Fidesz die Unterst&#252;tzung der christlichen Kirchen,   von gro&#223;en Teilen der Medien sowie der reichsten Kapitalisten im Land.   In manchen Teilen des Landes ist es schwer, ihr Programm von jenem der   neofaschistischen Jobbik zu unterscheiden.<\/p>\n<p>  Der in &#214;sterreich lebende ungarische Autor Paul Lendvai scheibt, dass   nur jene, die genau hinschauen, wissen, dass die engsten Freunde von   Orb&#225;n, also die reichsten ungarischen Forint-Milliard&#228;re, die   Spitzenbanker, Topmanager und &#214;lbarone &#8220;nahezu alles kontrollieren&#8221;.   Einer dieser reichen M&#228;nner in Ungarn ist S&#225;ndor Cs&#225;nyi, Vorsitzender   und Miteigent&#252;mer von Ungarns gr&#246;&#223;ter Bank, der OTP. Sein Verm&#246;gen wird   auf 600 Millionen Euro gesch&#228;tzt. Er betreibt seinen eigenen kleinen   Geheimdienst, von dem vermutet wird, dass er Fidesz mit Informationen   versorgt.<\/p>\n<p>  Die Grundlage f&#252;r den Aufstieg von Fidesz und der Rechten ist die   Tatsache, dass die MSZP-Regierungen f&#252;r die h&#228;rtesten Angriffe auf den   Lebensstand der ArbeiterInnenklasse verantwortlich sind. Z.B. wurde   1995-98 im Zuge des &#8222;Bokros Pakets&#8220; das Defizit von 10% auf 4,2% des BIP   durch die Reduzierung der Staatsschulden von 21 auf 8,7 Milliarden Euro   abgesenkt. Die internationalen M&#228;rkte waren mit dieser scharfen   K&#252;rzungspolitik gl&#252;cklich; die Menschen in Ungarn waren es allerdings   nicht. &#196;hnlich war die Lage 2008, als die MSZP-Regierung sich als   verl&#228;sslicher Partner des internationalen Kapitals erwies und drastische   K&#252;rzungen umsetzte. In beiden F&#228;llen konnte Fidesz bei den Wahlen vom   Unmut der ArbeiterInnen &#252;ber die K&#252;rzungen bei L&#246;hnen und   Sozialleistungen profitieren, als die W&#228;hlerInnen sich entschlossen,   gegen die MSZP-Regierung zu stimmen.<\/p>\n<p>  Obwohl beide Parteien klar kapitalistisch sind, gibt es doch   Unterschiede in ihrer Politik. Viele der ehemaligen staatlichen   Apparatschiks wurden gegen Ende der stalinistischen &#196;ra &#8220;Reformer&#8221; und   transformierten sich selbst in &#8220;neue&#8221; ungarische Kapitalisten, w&#228;hrend   sie gleichzeitig ihre Verbindung zur MSZP beibehielten. Die MSZP   ihrerseits ist der wichtigste Partner f&#252;r internationales Kapital im   Land, w&#228;hrend Fidesz st&#228;rkere Verbindung zu jenem Teil des Kapitals hat,   der gegen die Dominanz der Multis steht. Das spiegelt sich manchmal in   der vermeintlich scharfen Rhetorik von Orb&#225;n gegen das &#8220;internationale   Kapital&#8221;, den IWF und andere wieder.<\/p>\n<p>  Ihre Politik unterscheidet sich nicht wesentlich und beide Parteien   versuchen, in Wahlzeiten die Stimmen der ArbeiterInnen zu bekommen,   indem sie Reformen beschlie&#223;en, die &#8211; vor&#252;bergehend &#8211; den Lebensstandard   der ArbeiterInnenklasse verbessern. Sie haben die L&#246;hne im &#246;ffentlichen   Dienst erh&#246;ht, wie auch den Mindestlohn oder Pensionen &#8211; nur um dann in   einer scharfen Kehrtwende zu einem sp&#228;teren Zeitpunkt neue Angriffen zu   fahren. Dazu geh&#246;r(t)en u.a. Privatisierungen, K&#252;rzungen bei   Sozialleistungen und im &#214;ffentlichen Dienst, neue Steuern oder die   Erh&#246;hung der Mehrwertsteuer, Einf&#252;hrung von Studiengeb&#252;hren bzw. die   Erh&#246;hung von Selbstbehalten im Sozial- und Gesundheitswesen und   Preiserh&#246;hungen bei Gas, Strom und den &#214;ffentlichen Verkehrsmitteln.   Alle Parteien in Ungarn ordnen die Interessen und Bed&#252;rfnisse der   ArbeiterInnenklasse den Profiten der Unternehmen &#8211; gro&#223;er   internationaler wie auch nationaler &#8211; unter.<\/p>\n<p>  Der Grund daf&#252;r ist das Fehlen einer echten ArbeiterInnenpartei in   Ungarn. Die F&#252;hrungen der bestehenden Parteien haben ihre Wurzeln im   stalinistischen Staatsapparat. Sie haben, ebenso wie viele der reichsten   BankerInnen und KapitalistInnen, die Grundlage f&#252;r ihren Reichtum schon   zu Zeiten des Stalinismus gelegt. Sie haben die marktwirtschaftlichen   Reformen zu ihren Gunsten genutzt und sich massiv bereichert. Und als   der stalinistische Staat dann zusammenbrach, wurden sie &#8211; oft mit   Unterst&#252;tzung der alten stalinistischen Kaste &#8211; die neue kapitalistische   Klasse. Sie n&#252;tzten nach &#8216;89 ihre &#8222;Netzwerke&#8220; um von den   Privatisierungen ganz privat zu profitieren.<\/p>\n<p>  Diese Aasgeier gibt es in allen Parteien &#8211; in der MSZP genauso wie bei   Fidesz. Ferenc Gyurcs&#225;ny von der sozialdemokratischen MSZP war von   2004-2009 ungarischer Premierminister. Er ist bekannt als &#8222;Ungarischer   Blair&#8220;. Seine Wurzeln sind in der kommunistischen Jugendorganisation. Er   machte seine erste Million im Zuge des Privatisierungsprozesses. Nachdem   er in eine der wichtigsten Familien Ungarns, die Apr&#243;s, eingeheiratet   hatte, stieg er noch weiter auf, wurde Milliard&#228;r und einer der   reichsten M&#228;nner Ungarns. Als er an die Macht kam, lebten 20% oder mehr   der UngarInnen in Armut &#8211; er selbst besa&#223; damals bereits ein Verm&#246;gen   von 14 Millionen Euro. Er war also alles andere als ein Vertreter der   ArbeiterInnen!<\/p>\n<p>  Derselbe Ferenc Gyurcs&#225;ny hielt im Jahr 2006 als Premier im Zuge einer   Konferenz der MSZP seine ber&#252;hmte &#8222;L&#252;genrede&#8220;, in der er sagte, dass er   und die Partei die W&#228;hlerInnen in den letzten Jahren belogen haben, um   ihre Stimmen zu bekommen. Die Folge waren Massenproteste. Die   Entt&#228;uschung von 20 Jahren falscher Versprechen explodierte. Es kam zu   wochenlangen Protesten, Demonstrationen und sogar Besetzungen. Es waren   ganz normale Menschen und viele Jugendliche, die ihrem &#196;rger Luft   machten. Auch Studierende waren Teil und protestierten gegen den   &#8222;Bologna Prozess&#8220;, der gegen ihren Willen eingef&#252;hrt worden war. Aber es   gab keine linke Organisation in dieser Bewegung, die eine f&#252;hrende Rolle   h&#228;tte spielen k&#246;nnen &#8211; und so entstand im Zuge der Demonstrationen und   der Erst&#252;rmung der Budapester Fernsehzentrale ein Vakuum, das, zumindest   zum Teil, von der ungarischen Rechten und von FaschistInnen gef&#252;llt   werden konnte.<\/p>\n<h4>  Rechtsextreme und FaschistInnen &#8211; eine gef&#228;hrliche Mischung<\/h4>\n<p>  Schon als die StalinistInnen begannen, marktwirtschaftliche Reformen   einzuf&#252;hren, ging mit diesem Prozess der Aufstieg von rechtsextremen   Ideologien einher. Die erste Regierung nach der Wende wurde von der MDF,   der Demokratischen Front, gebildet. Der alte stalinistische Apparat   hatte den Aufbau der MDF in der Hoffnung unterst&#252;tzt, so Einfluss zu   behalten. F&#252;hrende Unterst&#252;tzerInnen dieser Partei fielen immer wieder   durch antisemitische Ausspr&#252;che und ihre Blut-und-Boden Ideologie auf.   Sie organisierten die &#8222;Heimholung&#8220; und das Begr&#228;bnis des Diktators   Mikl&#243;s Horthy im Jahr 1993. An den Feierlichkeiten nahmen neben 50.000   TeilnehmerInnen auch sieben VertreterInnen der Regierung teil.<\/p>\n<p>  Alle rechten Parteien &#8211; inklusive Fidesz &#8211; haben ihre ideologischen   Wurzeln beim Horthy-Regime und der Idee eines Gro&#223;ungarns. Nach dem 1.   Weltkrieg verlor Ungarn im Zuge des Vertrages von Trionon gro&#223;e   Gebietsteile. Die &#8222;Heimholung&#8220; der rund 2,6 Millionen &#8222;UngarInnen&#8220;, die   in Rum&#228;nien, der Slowakei, Kroatien und der Ukraine leben, ist zentraler   Bestandteil all dieser Organisationen. Fidesz spielt ganz bewusst mit   dem Symbol der Stephanskrone und hat in den Jahren 2001 und 2010 Gesetze   erlassen, die den ungarischen Minderheiten in diesen L&#228;ndern spezielle   Rechte zusprechen &#8211; inklusive dem Recht auf die ungarische   Staatsb&#252;rgerschaft.<\/p>\n<p>  Die neofaschistische Jobbik f&#252;hrt dieses Konzept nur zu einem logischen   Schluss, wenn sie argumentiert, dass sie &#8222;plant, die von Ungarn   bewohnten Gebiete au&#223;erhalb der Grenze zu einem Teil einer vereinigten   und gesch&#252;tzten ungarischen Wirtschaftszone zu machen&#8220;.<\/p>\n<p>  Die Mitgliedschaft in internationalen Organisationen wird als Deckmantel   f&#252;r reaktion&#228;re Ver&#228;nderungen ben&#252;tzt. Der Europarat hat den Entwurf der   Fidesz f&#252;r eine neue ungarische Verfassung zugestimmt, weil er   oberfl&#228;chlich zustimmt, die europ&#228;ische Menschenrechtscharta zu achten.   Tats&#228;chlich beinhaltet der Text aber ernsthafte Gefahren f&#252;r die Rechte   der ArbeiterInnenklasse &#8211; nicht zuletzt dadurch, dass die &#8222;christlichen   Wurzeln Ungarns&#8220; hineingeschrieben werden sollen. Das ist ein Angriff   auf die Rechte der j&#252;dischen Bev&#246;lkerung und der Roma und zielt auch auf   das Verbot der Abtreibung ab.<\/p>\n<p>  Der wahre Charakter der Fidesz zeigt sich in ihren Angriffen auf die   Pressefreiheit und in ihrem &#8222;System der Nationalen Zusammenarbeit&#8220;, auch   bekannt als &#8222;Orb&#225;n Bulle&#8220;. Sie ruft zur &#8222;nationalen Einheit&#8220; von   Menschen ungarischen &#8222;Blutes&#8220; auf, was UngarInnen mit j&#252;dischem oder   Roma Hintergrund ausschlie&#223;t. Die Fidesz Regierung wird mit Sicherheit   noch weiter in eine autorit&#228;re Richtung gehen, wenn die   ArbeiterInnenklasse nicht aktiv wird, um sie zu stoppen.<\/p>\n<p>  Ein weiterer Teil der Fidesz-Ideologie ist ein ein in der ungarischen   Gesellschaft tief verwurzelter Antisemitismus. Bereits 1920 war Ungarn   das erste europ&#228;ische Land, das eigene Gesetze gegen Juden\/ J&#252;dinnen   erlie&#223;. Sie wurden erlassen, nachdem General Horthy &#252;ber die blutige   Niederschlagung der ungarischen R&#228;terepublik von B&#233;la Kun an die Macht   gekommen war. Und in der relativ kurzen Periode der direkten Kontrolle   durch das deutsche NS-Reich in den Jahren 1944-45 wurde mehr als eine   halbe Million ungarische J&#252;dinnen und Juden ermordet. Auch die   StalinistInnen setzten in der Periode danach auf antisemitische   Vorurteile. Auch nach 2008 wurden wieder verst&#228;rkt die antisemitischen   Stereotypen vom j&#252;dischen Finanzkapital, das &#8222;die Zukunft der hart   arbeitenden Ungarn ruiniert&#8221; ben&#252;tzt. Heute gibt es laufend Berichte   &#252;ber Angriffe auf J&#252;dinnen und Juden, insbesondere in Budapest.<\/p>\n<p>  In den letzten Jahren ist eine Zunahme von rassistischer und   antisemitischer Propaganda sowie von gewaltt&#228;tigen Angriffen zu   verzeichnen. Rechtsextreme und faschistische Organisationen werden immer   st&#228;rker. Der Erfolg der neofaschistischen Jobbik, die bei den   Parlamentswahlen 2010 auf 17% der Stimmen kam, brachte diese in die   Schlagzeilen der internationalen Presse. Zur Jobbik geh&#246;rt auch die   &#8222;Ungarische Garde&#8220;, eine faschistische SA-&#228;hnliche Formation. Sie   organisiert einige tausend UngarInnen, die in martialischen Aufm&#228;rschen   insbesondere durch jene Ortschaften ziehen, in der eine gro&#223;e   Romabev&#246;lkerung lebt &#8211; sie setzen auf Einsch&#252;chterung und drohen damit,   &#8222;aufzur&#228;umen&#8220; und &#8222;zu s&#228;ubern&#8220;. Die Ungarische Garde wurde 2007   gegr&#252;ndet und ihre Mitglieder tragen Uniformen und Symbole mit Anlehnung   an die faschistischen Pfeilkreuzler, die Tr&#228;ger des Terrorregimes von   1944-45.<\/p>\n<p>  Bei der ersten Angelobungszeremonie der Ungarischen Garde, &#252;ber die die   Medien gro&#223; berichteten, wurden die Fahnen von katholischen,   evangelischen und Priestern der Reformkirche gesegnet. Die Garde wurde   2009 verboten und bereits 2010 als &#8222;Neue Ungarische Garde&#8220; wieder   gegr&#252;ndet. Roma werden in der Propaganda der Jobbik als Sch&#228;dlinge   bezeichnet, von denen Ungarn &#8222;ges&#228;ubert&#8220; werden m&#252;sse. Sie fordern   spezielle Lager mit doppelter Umz&#228;unung &#8211; &#228;hnliches existierte nur   zwischen 1944-45. Sie fordern auch, dass Romafamilien ihre Kinder   weggenommen werden sollen und rufen nach Arbeitszwang. Die Abgeordnete   der Jobbik zum Europ&#228;ischen Parlament, Krisztina Morvai, hat den   &quot;liberal-bolschewistischen Zionisten&quot; &#8222;geraten&#8220;, dar&#252;ber nachzudenken,   &quot;wohin sie fl&#252;chten und sich verstecken k&#246;nnen&#8220;. Wie auch andere   rechtsextreme und faschistische Organisationen setzt Jobbik auf   antisemitische Stereotypen indem sie das &#8222;Finanzkapital&#8220; (gemeint ist   &#8222;j&#252;disches Finanzkapital&#8220;) f&#252;r die Krise und die miese Situation in   Ungarn verantwortlich machen.<\/p>\n<p>  Neben den Angriffen auf J&#252;dinnen und Juden hetzen rechtsextreme und   faschistische Gruppen gegen die Roma-Minderheit in Ungarn. Ein gro&#223;er   Teil der 6-700.000 Roma lebt in Slums und hat kaum Chancen, Arbeit zu   finden oder Zugang zu einer besseren Ausbildung. Der Zusammenbruch der   Industrie hat gerade die Roma besonders betroffen und sie weiter auf den   Boden der Gesellschaft gedr&#252;ckt. Vier von f&#252;nf Roma haben keinen Job.   Jobbik und andere rechtsextreme und faschistische Gruppen kombinieren   ungarischen Nationalismus mit brutaler anti-&#8220;Zigeuner&#8220; Rhetorik. Sie   versuchen, die verarmte Roma-Minderheit f&#252;r die steigende Kriminalit&#228;t   verantwortlich zu machen, indem sie Horrorgeschichten &#252;ber ihre hohen   Geburtenraten und die Gefahr einer &#8222;demographischen Katastrophe&#8220;   zeichnen. Aber sie beschr&#228;nken sich nicht auf Propaganda, sondern setzen   auf Drohungen und Einsch&#252;chterung. Die Zunahme von brutalen Angriffen   gegen Roma steht in direktem Zusammenhang mit den Aktivit&#228;ten und der   Politik von Jobbik und der Ungarischen Garde.<\/p>\n<p>  Neben Jobbik gibt es auch noch eine Reihe anderer faschistischer   Organisationen die sich selbst in der Tradition der Pfeilkreuzler   pr&#228;sentieren &#8211; jener faschistischen Organisation, die eng mit Hitlers   Drittem Reich verbunden war und die verantwortlich f&#252;r das Terrorregime   unter dem Nazi-Kollaborateur Szalsi war.<\/p>\n<p>  Alle Teile der Rechten in Ungarn setzen auf die Propaganda von &#8222;Wir   Ungarn&#8220; gegen &#8222;Die Anderen&#8220; &#8211; J&#252;dinnen und Juden, Roma, Homosexuelle.   W&#228;hrend Jobbik eine klar neofaschistische Organisation ist, ist Fidesz   viel schwieriger zu charakterisieren. Orb&#225;n ist zwar der Vizevorsitzende   der &#8220;Europ&#228;ischen Volkspartei&#8221;, doch Fidesz ist keine klassische,   westeurop&#228;ische &#8222;konservative&#8220; Partei. Fidesz und Orb&#225;n distanzieren   sich h&#246;chst selten von rassistischer, antisemitischer und faschistischer   Propaganda bzw. Aktionen. Im Gegenteil, Orb&#225;n setzt immer wieder auf   Formulierungen, die nicht nur zur Jobbik, sondern sogar zu den   Pfeilkreuzlern passen w&#252;rden. Die Orb&#225;n nahestehenden Medien setzen   ebenfalls auf aggressive rassistische und antisemitische Rhetorik. Ein   Sohn des Chefredakteurs von Orb&#225;ns Lieblingszeitung &#8220;Magyar Demokrata&#8221;   ist in der Ungarischen Garde.<\/p>\n<p>  Es ist offensichtlich, dass es Verbindungen zwischen Fidesz und Jobbik   gibt. Einerseits sind viele der Vorschl&#228;ge von Fidesz so rechts, dass   Jobbik keinerlei Probleme damit hat, sie zu unterst&#252;tzen. Andererseits   setzt Fidesz Jobbik als Sto&#223;truppe ein, w&#228;hrend sie gleichzeitig   beunruhigt ist, dass die Entwicklung zu weit gehen k&#246;nnte. Als im Jahr   2006 die Massen die Budapester Fernsehzentrale st&#252;rmten, organisierte   Fidesz zu Beginn Busse, um ihre Unterst&#252;tzerInnen nach Budapest zu den   Protesten zu bringen. Aber als der Einfluss der organisierten   FaschistInnen immer offensichtlicher wurde, und die Gefahr bestand, dass   die ganze Bewegung au&#223;er Kontrolle geraten k&#246;nnte, zog sich Fidesz   zur&#252;ck und konzentrierte sich auf die kommenden Wahlen. Es ist   offensichtlich, dass die Situation gef&#228;hrlich ist. Es ist nicht   ausgeschlossen, dass Fidesz, wenn sie aufgrund der Angriffe auf den   Lebensstand der ArbeiterInnenklasse an Unterst&#252;tzung verliert, versucht,   mit einem weiteren Rechtsruck zu verhindern, dass Jobbik ihr einen Teil   der W&#228;hlerInnen abspenstig macht. Bereits jetzt versucht Jobbik, von der   wachsenden Entt&#228;uschung zu profitieren und kritisiert Fidesz daf&#252;r,   nicht hart genug aufzutreten.<\/p>\n<p>  2010 ist sehr deutlich geworden, wie Fidesz arbeitet. Es kam zu einer   Einsch&#252;chterungs- und Hetzkampagne gegen den liberalen Autor Paul   Lendvai und sein neues Buch, in dem er sich kritisch gegen&#252;ber Jobbik   und Fidesz &#228;u&#223;ert. Es kam zu Aktionen gegen einige Veranstaltungen mit   dem Autor in der Schweiz und in Deutschland und mit dem Mittel der   Einsch&#252;chterung wurde versucht, die Abhaltung der Veranstaltungen zu   verhindern. Das zeigt, dass Fidesz die Methoden der extremen Rechten   einsetzt. Allerdings scheint es auch, als ob offizieller   &#8222;diplomatischer&#8220; Druck von ungarischer Seite genutzt wurde, um zu   erreichen, dass eine Veranstaltung, die in der &#246;sterreichischen   Botschaft in Deutschland geplant war, abgesagt wurde.<\/p>\n<p>  Der Einfluss von RassistInnen und der extremen Rechten im Staatsapparat   ist weit fortgeschritten. W&#228;hrend antifaschistische Mobilisierungen mit   Einsch&#252;chterungsversuchen von Seiten der Polizei konfrontiert sind (die   Polizei behauptet einfach, sie k&#246;nne die Sicherheit von   AntifaschistInnen nicht gew&#228;hrleisten) marschieren Rechtsextreme und   FaschistInnen offen. Das spiegelt auch den starken Einfluss der extremen   Rechten und von faschistischen Kr&#228;fte in der Polizei wieder. Ca. 5.500   PolizistInnen (etwa 10% der gesamten Polizeikr&#228;fte) sind in einer   speziellen Polizeistruktur der Jobbik. Die wachsende staatliche   Repression wurde auch deutlich, als eine Demonstration von   EinwohnerInnen von Kolont&#225;r verboten wurde, die staatliche Unterst&#252;tzung   verlangten, weil sie durch die Rotschlammkatastrophe alles verloren   hatten.<\/p>\n<p>  Auch die Art und Weise, wie Gesetze gegen Roma eingesetzt werden, ist   ein weiteres Beispiel f&#252;r den rassistischen Charakter des Orb&#225;n-Regimes.   Paragraph 174\/B des b&#252;rgerlichen Gesetzbuches soll gegen jene eingesetzt   werden, die &#8222;Gewalt gegen die Gemeinschaft&#8220; aus&#252;ben. Urspr&#252;ngliches Ziel   des Gesetzes war es, gegen rassistische Angriffe ben&#252;tzt zu werden. Nun   zeigt sich allerdings in der konkreten Anwendung, dass es keine   universellen Rechte in einer kapitalistischen Gesellschaft gibt. Gesetze   k&#246;nnen &#8211; je nach dem Kr&#228;fteverh&#228;ltnis in der Gesellschaft &#8211; sehr   unterschiedlich interpretiert und zum Nutzen unterschiedlicher Gruppen   eingesetzt werden. Roma in Miskolc hatten sich, als es nur zwei Wochen   nach den rassistischen Morden in Tat&#225;rszentgy&#246;rgy auch noch zur   Androhung weiterer faschistischer Attacken kam, in   Selbstverteidigungsgruppen organisiert. In ihrer Angst attackierten sie   ungl&#252;cklicherweise die v&#246;llig unschuldigen Insassen eines Autos. Zwei   wurden dabei leicht verletzt. W&#228;hrend nun die faschistischen Schl&#228;ger   und M&#246;rder weiterhin frei herumlaufen, wurden elf Roma verhaftet und zu   einer Gesamtstrafe von 41 Jahren verurteilt &#8211; mit dem Argument der   &#8222;rassistisch motivierten Gewalt&#8220;.<\/p>\n<p>  Der autorit&#228;re Charakter von Fidesz zeigt sich immer h&#228;ufiger. Als Orb&#225;n   1998 zum ersten Mal an die Macht kam, machte er rasch klar, dass er die   Beschr&#228;nkungen der b&#252;rgerlichen Demokratie als l&#228;stig empfand. Unter   seiner Herrschaft wurde die Bedeutung des Parlaments eingeschr&#228;nkt und   im Jahr 2010 ver&#228;nderte er das Wahlgesetz derartig, dass es nun f&#252;r   kleinere Parteien weit schwieriger geworden ist, zu kandidieren. Um z.B.   f&#252;r den Budapester Gemeinderat zu kandidieren, muss eine Partei nun   innerhalb von nur 15 Tagen 26.000 g&#252;ltige Unterschriften sammeln.<\/p>\n<p>  Fidesz ist eine Ein-Mann-Show unter der F&#252;hrung von Orb&#225;n. Das letzte   Jahrzehnt hat er damit zugebracht, ein Medienimperium aufzubauen. Heute   kontrollieren seine FreundInnen und Unterst&#252;tzerInnen gro&#223;e Teile der   Printmedien, des Fernsehens und Radios. Das hat dazu gef&#252;hrt, dass   KommentatorInnen nicht nur Vergleiche zwischen Orb&#225;n und Horthy aufgrund   von ideologischen &#220;berschneidungen und des autorit&#228;ren Stils ziehen,   sondern auch mit Berlusconi wegen der Kontrolle &#252;ber die Presse.<\/p>\n<p>  Die j&#252;ngste Attacke auf die Pressefreiheit in Form des neuen   Mediengesetzes markiert eine neue Qualit&#228;t in Orb&#225;ns weitreichender   Kontrolle &#252;ber die Medien. Eine neue Medienkontrollbeh&#246;rde (NHHM), die   ausschlie&#223;lich mit Fidesz-Leuten besetzt ist, hat de facto   Zensuraufgabe. Strafen von bis zu 700.000 Euro sollen oppositionelle   Stimmen zum Schweigen bringen. Quer durch alle Medien findet ein   brutaler S&#228;uberungsprozess statt. Auf allen Ebenen &#8211; vom Management bis   zum Putzpersonal &#8211; werden Besch&#228;ftigte durch Fidesz-Anh&#228;ngerInnen   ersetzt. In Zusammenhang damit steht auch ein weiteres neues Gesetz, das   die K&#252;ndigung von &#214;ffentlich Bediensteten auch ohne Grund erleichtert.<\/p>\n<p>  Das ungarische Regime hat heute starke autorit&#228;re Elemente. Der Prozess   ist allerdings noch nicht so weit fortgeschritten wie in den noch weiter   &#246;stlich liegenden Staaten des ehemaligen Ostblocks. Es w&#228;re falsch,   Ungarn zum momentanen Zeitpunkt eine Diktatur zu nennen. Sogar die   zentralasiatischen Republiken m&#252;ssen als Feigenblatt f&#252;r ihren   autorit&#228;ren Charakter den Schein von Wahlen und Parlamenten aufrecht   erhalten. Aber Ungarn muss als EU-Mitgliedsstaat an zentralen Elementen   einer parlamentarischen Demokratie festhalten. Es ist eine offene Frage,   wie weit sich die autorit&#228;ren Z&#252;ge weiter entwickeln k&#246;nnen. Es ist   absolut m&#246;glich, dass die rechten Kr&#228;fte in der Gesellschaft angesichts   von harten Schl&#228;gen einer neuen wirtschaftlichen oder sozialen Krise   versuchen, ihre Herrschaft zu st&#228;rken &#8211; insbesondere bei dem Versuch,   Proteste zu unterbinden. Allerdings k&#246;nnen die zunehmend repressiven   Ma&#223;nahmen auch Reaktionen provozieren. Bei Demonstrationen wird dann   nicht nur Gerechtigkeit in wirtschaftlichen und sozialen Fragen   gefordert, sondern auch die Verteidigung demokratischer Rechte wird dann   ein zentrales Thema.<\/p>\n<h4>  Die ungarische ArbeiterInnenklasse hat noch nicht gesprochen<\/h4>\n<p>  Im April 2010 gelangte Fidesz mit einem Erdrutschsieg an die Macht. Sie   erhielt 2\/3 aller Sitze im Parlament. Dieser Wahlerfolg ist das Ergebnis   der Entt&#228;uschung mit den MSZP-Regierungen in weiten Teilen der   Bev&#246;lkerung und das Ergebnis des Fehlens einer linken Alternative. Wir   sehen aber, wie auch in anderen L&#228;ndern, dass W&#228;hlerInnenstimmen f&#252;r   rechtsextreme oder auch faschistische Organisationen nicht unbedingt   einen Rechtsruck in der Gesellschaft bedeuten, sondern oft mehr das   Ergebnis von Frust und dem Wunsch nach grundlegenden Ver&#228;nderungen   reflektieren.<\/p>\n<p>  F&#252;r die &#252;berw&#228;ltigende Mehrheit der Fidesz-Sitze im Parlament ben&#246;tigte   diese nur knapp &#252;ber 50% der Stimmen. Bei einer Wahlbeteiligung von nur   64% bedeutet dass, dass nur knapp ein Drittel der wahlberechtigten   Bev&#246;lkerung tats&#228;chlich f&#252;r Fidesz gestimmt hat. Das spiegelt die   w&#252;tende, aber v.a. auch verwirrte Stimmung in der Gesellschaft wieder.<\/p>\n<p>  Anfang der 1990er Jahre gab es in gro&#223;en Teilen der Bev&#246;lkerung   Illusionen in &#8222;Marktwirtschaft&#8220; und Kapitalismus &#8211; diese Illusionen sind   heute verschwunden. Drei von vier ungarischen Jugendlichen meinen z.B.,   dass es einen neuen &#8222;Systemwechsel&#8220; geben k&#246;nnte. Sie sind f&#252;r die   Wieder-Verstaatlichung der wichtigsten Unternehmen und fordern, dass   jene f&#252;r die Krise zahlen sollen, die f&#252;r sie verantwortlich sind.<\/p>\n<p>  Doch zur Zeit haben diese Ideen heute keine Organisation, durch die sie   sich ausdr&#252;cken k&#246;nnen. Trotz seiner nationalistischen pseudo   anti-kapitalistischen Rhetorik zeigt die Politik von Orb&#225;n, dass er zu   100% ein kapitalistischer Politiker ist. Obwohl er seine Ziele hinter   populistichen Ma&#223;nahmen versteckt, unterscheidet sich sein   Wirtschaftsprogramm nicht wesentlich von jenen fr&#252;herer Regierungen. Zur   Zeit versucht er wohl, v.a. die Wirtschaftskrise zu ignorieren und   zeichnet ein rosiges Bild der Zukunft. Z.B. gehen die   Wirtschaftsprognosen von Fidesz von einem weit h&#246;heren Wachstum aus, als   die Einsch&#228;tzungen der EU und internationaler Institutionen. Schon in   der Vergangenheit konnte mensch solchen Vorhersagen nicht vertrauen. Und   nun ist offensichtlich, dass Orb&#225;n ganz bewusst das Potential f&#252;r   Wachstum zu hoch angibt. Und wer es wagt, seine Zahlen in Frage zu   stellen, wird von seinem\/ihrem Posten entfernt und Kontrollbeh&#246;rden   werden einfach geschlossen.<\/p>\n<p>  Anfang 2011, als Ungarn den EU-Vorsitz &#252;bernahm, gab es aus einer Reihe   von EU-Mitgliedsstaaten Proteste und Kritik wegen des neuen   Mediengesetzes in Ungarn. Es ist ganz klar, dass dieses Gesetz die   Pressefreiheit ernsthaft beschneidet. Tats&#228;chlich steckt aber hinter der   Sorge von Teilen der EU um demokratische Rechte (die sich in anderen   L&#228;ndern herzlich wenig darum k&#252;mmert) etwas ganz anderes: n&#228;mlich die   tiefe Sorge um die wirtschaftliche Zukunft von Ungarn, seine Stabilit&#228;t   und damit die Sicherheit der Investitionen aus dem Westen. Ganz   besonders gilt ihre Sorge der speziellen &#8222;Krisensteuer&#8220;, die f&#252;r   Handelsunternehmen, Telekommunikationsunternehmen, Energiekonzerne und   Banken gilt, und speziell ausl&#228;ndische Firmen betrifft. Orb&#225;n nennt die   Krisensteuer &#8222;Neues System&#8220;, weil, so argumentiert er, es nach 2011   keine Krise gibt. Es ist eine v.a. populistische Ma&#223;nahme, die   allerdings zus&#228;tzliche Steuereinnahmen von rund 1% des BIP des Budgets   bringt. Zentrales Ziel ist es, der ungarischen Bev&#246;lkerung zu   demonstrieren, dass er gegen das &#8222;internationale Kapital&#8220; aufsteht.   Tats&#228;chlich ist die Steuer aber relativ gering und es geht v.a. Darum,   von den enormen K&#252;rzungspl&#228;nen abzulenken, die nun umgesetzt werden   sollen.<\/p>\n<p>  Begleitet wird das S&#228;belrasseln gegen EU und IWF von weitreichenden   neoliberalen Angriffen auf den &#246;ffentlichen Sektor und die   ArbeiterInnen. Konkret geht es u.a. um &#8222;strukturelle Reformen&#8220; (also   K&#252;rzungen) bei den Pensionen, Gesundheit, Regionalverwaltungen und dem   &#214;ffentlichen Verkehr. Die Regierung argumentiert, dass &#8222;Tabus gebrochen   werden m&#252;ssen&#8220; (d.h., dass es sehr tief greifende K&#252;rzungen geben soll).   Die IWF-Delegation hat das Budget &#8222;mutig aber riskant&#8220; genannt. Das   alles findet vor einem historisch niedrigen Besch&#228;ftigungsgrad statt.   Die Einkommensschere &#246;ffnet sich weiter und von der neuen Flat-Tax   profitieren nur die Wohlhabenden. 700.000 Menschen k&#246;nnen ihre Schulden   nicht mehr bezahlen und mit Ende 2010 kam es zu weiteren Einschnitten   bei den Realeinkommen.<\/p>\n<p>  Ver&#228;nderungen in der Verfassung machen es jetzt auch m&#246;glich, Steuern im   Nachhinein einzuf&#252;hren. Und w&#228;hrend es lautstarke internationale   Proteste gegen die &#8222;Krisensteuer&#8220; gibt, wird nicht erw&#228;hnt, dass k&#252;nftig   auch alle &#246;ffentlichen Ausgaben im Nachhinein besteuert werden k&#246;nnen &#8211;   das gilt auch f&#252;r Pensionen, die L&#246;hne im &#214;ffentlichen Sektor und   Sozialleistungen. F&#252;r die ArbeiterInnenklasse entsteht dadurch eine   enorme Unsicherheit. Die Regierung setzt darauf, gro&#223;e Teile der   ArbeiterInnen, insbesondere im &#214;ffentlichen Sektor, einzusch&#252;chtern.   Ganz nach dem Motto: &#8222;Wer protestiert kriegt die Sondersteuer drauf&#8220;.   Aber es ist gut m&#246;glich, dass diese Angriffe zu einem bestimmten   Zeitpunkt zu Unruhen und sozialen Explosionen f&#252;hren k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Manche westlichen KommentatorInnen bezeichnen einige der Ma&#223;nahmen von   Orb&#225;n wie die Wieder-Verstaatlichung der Pensionen als &#8222;links&#8220;. Doch an   diesen Ma&#223;nahmen ist nichts links oder sozialistisch. Vielmehr geht es   der Regierung darum, Zugriff auf die gesch&#228;tzten 12 Milliarden Euro zu   bekommen, die in den privaten Pensionsfonds liegen. Dieses Geld im   Ausma&#223; von rund 10% der gesamten ungarischen Wirtschaftsleistung wird   ins Budget flie&#223;en und wohl auch verwendet werden. 1997 wurden die   ArbeiterInnen, denen dieses Geld geh&#246;rt, gezwungen, ihr Geld in private   Pensionsfonds zu stecken. Ob bzw. wie sie dieses Geld &#252;berhaupt als   Pensionen bekommen darf hinterfragt werden. Auch das kann ein Brennpunkt   f&#252;r k&#252;nftige Proteste werden.<\/p>\n<p>  Jene Ma&#223;nahmen von Orb&#225;n, die von westlichen KommentatorInnen   zur&#252;ckgewiesen werden, sind nichtsdestotrotz kein wirklicher Bruch mit   pro-kapitalistischer Politik: die Besteuerung von gro&#223;en und   internationalen Unternehmen wie auch die Wiederverstaatlichung sind   Ma&#223;nahmen, die gerade in Krisenzeiten typisch sind f&#252;r autorit&#228;re   kapitalistische Regimes. Und obwohl das CWI keinerlei Sympathie f&#252;r   Orb&#225;n hat, so zeigen diese Schritte doch in gewissem Sinne auch, was   eine linke, sozialistische Regierung im Interesse der   ArbeiterInnenklasse tun k&#246;nnte.<\/p>\n<p>  Zum gegenw&#228;rtigen Zeitpunkt ist es offen, wie sich Ungarn weiter   entwickeln wird. Ausgeschlossen ist, dass Orb&#225;n die sozialen Probleme   l&#246;sen kann. Es ist auch h&#246;chst unwahrscheinlich, dass er sein   Versprechen, 400.000 neue Jobs zu schaffen, einhalten wird. Die neue   Flat-Tax n&#252;tzt nur den reichsten 20%. Und auch trotz all seiner Rhetorik   gegen IWF und EU wird Orb&#225;n doch weiterhin die Kredite zur&#252;ckzahlen und   will die ArbeiterInnenklasse daf&#252;r zahlen lassen.<\/p>\n<p>  Auch wenn die ArbeiterInnenklasse ein schlafender Riese ist, der die   B&#252;hne noch nicht betreten hat, gibt es doch Anzeichen daf&#252;r, dass die   ungarischen ArbeiterInnen schon recht bald ihren KollegInnen in anderen   L&#228;ndern folgen werden, die gegen die K&#252;rzungspl&#228;ne ihrer Regierungen   k&#228;mpfen. Doch die Situation in den Gewerkschaften ist alles andere als   gut: sie sind &#252;beraltert und es gibt kaum Jugendliche. Der   Organisationsgrad ist in den letzten Jahren auf knapp &#252;ber 10% gesunken.   Und die meisten Gewerkschaften stehen in einem Naheverh&#228;ltnis zur MSZP   und haben in der letzten Periode keine Proteste organisiert. Und doch   zeigen die Streiks bei den Budapester Verkehrsbetrieben zu Beginn des   Jahres 2010 sowie die Streiks und Proteste im &#214;ffentlichen Sektor, bei   der Fluglinie Malev sowie auf regionaler Ebene und die Warnstreiks in   einer Reihe von Sektoren, was ArbeiterInnen erreichen k&#246;nnen, wenn sie   entschlossene Aktionen setzen. Die Verk&#252;rzung der Schulpflicht hat zu   heftiger Gegenwehr der LehrerInnengewerkschaft gef&#252;hrt. Auch die   Proteste der ArbeiterInnen der Hankook Fabrik in Duna&#250;jv&#225;ros zeigen   auch, was passiert, wenn ArbeiterInnen die Geduld verlieren.<\/p>\n<p>  Nicht vergessen werden d&#252;rfen auch die k&#228;mpferischen bzw. die   sozialistischen und kommunistischen Traditionen der ungarischen   ArbeiterInnenklasse. Dazu geh&#246;rt die ungarische R&#228;terepublik im Jahr   1919 und der Kampf gegen den Faschismus in der Periode vor der   stalinistischen Machtergreifung. Dazu geh&#246;rt aber auch der heroische   Ungarnaufstand im Jahr 1956 gegen Stalinismus und f&#252;r echten   Sozialismus. Auch heute noch sind diese Traditionen im Bewusstsein von   Jugendlichen zumindest teilweise verankert. Bei den Protesten 2006   wurde, bevor die extreme Rechte dominant wurde, immer wieder positiv auf   die anti-stalinistische ArbeiterInnenrevolution von 1956 Bezug genommen.<\/p>\n<p>  Die wichtigsten Gewerkschaften und der Europ&#228;ische Gewerkschaftsbund   organisieren am 9. April anl&#228;sslich des Treffens der EU-Finanzminister   in Budapest eine Demonstration gegen die K&#252;rzungspolitik. Wenn das   richtig organisiert wird, kann es dabei helfen, das Ruder herumzurei&#223;en   und den Widerstand gegen die reaktion&#228;re Politik von Fidesz und seiner   neofaschistischen B&#252;ndnispartner zu beginnen. Auf dieser Demonstration   darf es keinen Raum f&#252;r Rassismus geben. Um die K&#252;rzungspolitik   zur&#252;ckschlagen zu k&#246;nnen, braucht es den gemeinsamen Kampf all jener,   die darunter leiden. Im Kampf f&#252;r Jobs, ordentliche L&#246;hne und f&#252;r   Pensionen f&#252;r alle braucht es die Einheit von ungarischen ArbeiterInnen   und solchen mit einem Roma-Background, von Jugendlichen und Arbeitslosen.<\/p>\n<p>  Die Forderung der Gewerkschaften f&#252;r ein &#8222;soziales Europa, faire L&#246;hne   und gute Jobs&#8220; ist in Wirklichkeit ziemlich abstrakt. Um diese Forderung   mit Leben zu erf&#252;llen muss mensch viel konkreter werden. Das CWI fordert   die R&#252;cknahme der Flat Tax. Die Steuerlast soll auf die Schultern der   Reichen und Gro&#223;unternehmen verlagert werden. Ungarn soll die   R&#252;ckzahlung der Kredite an die internationalen Finanzinstitute und   Banken verweigern und das gesparte Geld verwenden, um Jobs zu schaffen,   um den Sozialstaat aus- und nicht abzubauen und um ordentliche Wohnungen   f&#252;r alle zu gew&#228;hrleisten.<\/p>\n<p>  Bei den letzten Wahlen hat sich das Potential f&#252;r eine fortschrittliche   linke Kraft gezeigt. Die Gr&#252;nen mit ihrer &#8222;Politik kann anders sein&#8220;   Partei erhielten 7,5% der Stimmen. Die LMP, wie auch die MSZP und die   Liberalen greifen Themen wie Rassismus, den Abbau demokratischer Rechte   und das Wachstum der extremen Rechten auf. Und angesichts des Vakuums   auf der Linken k&#246;nnen sie rund um diese Themen auch Unterst&#252;tzung   bekommen. Aber sie haben keine Antworten, keine L&#246;sungen, weil sie nicht   an die Wurzel der Probleme gehen. Anstatt ein Programm vorzuschlagen,   das wirklich gegen Arbeitslosigkeit, Hungerl&#246;hne und die sich st&#228;ndig   verschlechternde soziale Situation k&#228;mpft &#8211; alles Probleme die die   extreme Rechten zum Aufbau nutzt &#8211; schlagen sie nur das Verbot von   Jobbik und anderen rechtsextremen\/faschistischen Gruppen vor.<\/p>\n<p>  Es ist notwendig, dass Linke, dass echte SozialistInnen und die   ArbeiterInnenbewegung an der Spitze der K&#228;mpfe gegen die Angriffe auf   demokratische Rechte und gegen den Rechtsextremismus stehen. Und es ist   absolut notwendig, den Zusammenhang zwischen diesen Fragen und den   ernsten sozialen Problemen im Land aufzuzeigen und eine echte   demokratische sozialistische Alternative zu dem Horror, den das   kapitalistische System erzeugt hat, aufzuzeigen.<\/p>\n<p>  Zweifellos war es f&#252;r echte MarxistInnen in der letzten Periode   schwierig, in Ungarn zu arbeiten. Die brutale Niederschlagung der   Revolution von 1956 durch stalinistische Panzer, der &#220;bergang zum   Kapitalismus unter der Regie der selben B&#252;rokraten, die vorher noch   behauptet hatten, KommunistInnen zu sein und die Korruption der   angeblich &#8222;sozialistischen&#8220; MSZP-Apologeten des Marktes hat bestenfalls   zu enormen Verwirrungen unter ArbeiterInnen gef&#252;hrt. Die   Gewerkschaftsbewegung muss sich von den besch&#228;menden Traditionen der   Staatsgewerkschaften w&#228;hrend der &#8222;sowjetischen &#196;ra&#8220; befreien. Sie hatten   nicht die Aufgabe, die Rechte der ArbeiterInnen zu verteidigen, sondern   waren vielmehr Instrumente des stalinistischen Staates sowie der   Betriebsleitungen, um jeden Versuch von Selbstorganisierung der   ArbeiterInnen zu verhindern.<\/p>\n<p>  Sowohl in den traditionellen, als auch in den neuen Gewerkschaften   werden gro&#223;e Ver&#228;nderungen n&#246;tig sein, um diese in echte demokratische   Kampforganisationen der ArbeiterInnenklasse zu verwandeln. Es reicht   dabei nicht, sich auf den Europ&#228;ischen Gewerkschaftsbund zu verlassen,   da die Gewerkschaftsb&#252;rokratie eng verbunden ist mit den   sozialdemokratischen Parteien, die ihrerseits verantwortlich sind f&#252;r   massive K&#252;rzungen in den jeweiligen L&#228;ndern. Auch in Ungarn spitzt sich   die Lage zu und es wird, wie in vielen anderen L&#228;ndern, zu starken   Bewegungen der ArbeiterInnen kommen. Eine solche Bewegung kann   erfolgreich sein und die Rechte der ArbeiterInnen effektiv verteidigen,   wenn die zentralen Forderungen die bedingungslose Opposition zu allen   K&#252;rzungen bei Jobs, L&#246;hnen und Sozialausgaben sind.<\/p>\n<p>  Viele Liberale und Linke haben Ungarn aufgegeben und meinen, es sei an   die extreme Rechte gefallen. Das CWI stimmt dem nicht zu. Die m&#228;chtigste   Kraft in der ungarischen Gesellschaft &#8211; die ArbeiterInnenklasse &#8211; hat   die B&#252;hne bisher noch gar nicht betreten. Es ist unvermeidlich, dass in   der Zukunft K&#228;mpfe um eine Reihe verschiedener Fragen &#8211; f&#252;r   demokratische Rechte, gegen Rassismus und Antisemitismus &#8211; entstehen   werden. Die ArbeiterInnenklasse wird immer weniger die Wahl haben und   muss sich gegen die Angriffe von Orb&#225;n auf Rechte und Lebensstandard der   ArbeiterInnenklasse verteidigen.<\/p>\n<p>  Dabei wird auch die Notwendigkeit einer Alternative zum neuen   kapitalistischen Ungarn aufgeworfen werden. Die Privatisierungen m&#252;ssen   gestoppt und stattdessen m&#252;ssen zentrale Bereiche der Wirtschaft und die   Banken wieder verstaatlicht werden. Aber sie d&#252;rfen nicht wie in der   Vergangenheit durch eine Staatsb&#252;rokratie gef&#252;hrt werden, sondern wie es   die ArbeiterInnen auch 1956 verlangten, unter der Kontrolle und   Verwaltung von demokratisch gew&#228;hlten ArbeiterInnenkomitees stehen. Nur   so ist es m&#246;glich, dass die Wirtschaft im Interesse von allen, und nicht   einer kleinen Minderheit, geplant wird. Ein solcher Prozess findet   nat&#252;rlich nicht in einem Land isoliert statt, sondern wird Teil einer   Bewegung auch in anderen EU-Staaten sein, den Kapitalismus zu beenden   und auf demokratischer Grundlage die vereinigten sozialistischen Staaten   von Europa zu errichten.<\/p>\n<p>  SozialistInnen m&#252;ssen sich auf diese K&#228;mpfe vorbereiten, ein Programm   und Forderungen entwickeln, die Antworten auf die brennenden sozialen   Fragen geben und so die Basis f&#252;r Jobbik, Fidesz und andere untergraben.   Das CWI m&#246;chte jede m&#246;gliche praktische Unterst&#252;tzung in dieser   Entwicklung leisten<\/p>\n<h5>  <i>Dieser Artikel erschien zuerst auf der Webseite der Sozialistischen   LinksPartei in &#214;sterreich: www.slp.at<\/i><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Aufstieg der extremen Rechten und Perspektiven f&#252;r die Zukunft\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[46],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14182"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14182"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14182\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14182"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14182"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14182"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}