{"id":14179,"date":"2011-04-20T00:00:00","date_gmt":"2011-04-20T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14179"},"modified":"2011-04-20T00:00:00","modified_gmt":"2011-04-20T00:00:00","slug":"14179","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/04\/14179\/","title":{"rendered":"Das andere Amerika"},"content":{"rendered":"<p>  &#8222;Winter&quot;s Bone&#8220; &#8211; endlich in den deutschen Kinos<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Es hat schon Tradition, dass die Berlinale den Preistr&#228;gerfilm des   unabh&#228;ngigen Sundance-Filmfestivals &#8211; das immer kurz vor den Berliner   Filmfestspielen stattfindet &#8211; vorstellt. Letztes Jahr gewann &#8222;Winter&quot;s   Bone&#8220; in Sundance den gro&#223;en Preis der Jury. Dieser US-Streifen der   Filmemacherin Debra Granik war auch die Entdeckung auf der Berlinale im   Februar 2010, also vor 15 Monaten. Jetzt findet diese   Low-Budget-Produktion (zwei Millionen Dollar) tats&#228;chlich den Weg in die   deutschen Kinos.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Aron Amm, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Mehrere Millionen Arbeiterfamilien haben in den USA im Zuge der   Rezession bereits ihr Eigenheim verloren. 1,2 Millionen droht gerade die   Zwangsr&#228;umung. Jeder zehnte Hausbesitzer befindet sich bei der Abzahlung   von Bankkrediten im R&#252;ckstand. Die R&#228;umung ihres Holzhauses muss auch   die 17-j&#228;hrige Ree Dolly, die Protagonistin von &#8222;Winter&quot;s Bone&#8220;,   f&#252;rchten. Zusammen mit ihrer Demenz-kranken Mutter und zwei j&#252;ngeren   Geschwistern lebt sie in den Ozark-Bergen von Missouri. Der Vater sitzt   wegen der Herstellung der Crack-Droge Metamphetamin im Knast.<\/p>\n<h4>  Ree rennt<\/h4>\n<p>  In den ersten Filmminuten wird ein ganz gew&#246;hnlicher Morgen im Leben von   Ree Dolly gezeigt: Sie k&#252;mmert sich ums karge Fr&#252;hst&#252;ck, bringt die   Geschwister zur Schule und &#8211; trifft auf den Sheriff. Dieser unterrichtet   sie dar&#252;ber, dass ihr Vater, der wieder auf freiem Fu&#223; ist, sich nicht   bei er Polizei gemeldet hat. Erscheint er nicht binnen Wochenfrist zum   Gerichtstermin, verf&#228;llt die gestellte Kaution, f&#252;r die er als   Sicherheit Haus und Gr&#252;ndst&#252;ck verpf&#228;ndet hatte. &#8222;Ich finde ihn.&#8220; Eine   Woche hat Ree Zeit, um diese Ank&#252;ndigung wahr zu machen; eine Woche, um   das Haus zu retten. Eine Woche, das ist die Frist des Films.<\/p>\n<p>  Und Ree rennt los. H&#252;gelauf- und h&#252;gelabw&#228;rts, vorbei an zerfallenen   Holzh&#252;tten, morschen Z&#228;unen, abgewrackten Autos. Zuerst st&#246;bert sie   ihren Onkel auf, dann einen mit ihrem Vater verbundenen Drogendealer,   dann den &#246;rtlichen Clan-Chef. Der Onkel droht mit Schl&#228;gen, der Dealer   beschimpft sie, der Clan-Chef weist sie ab. &#8222;Ich finde ihn.&#8220; Das klingt   trotzig, und bald immer verzweifelter. Als ihr Vater verschollen bleibt   und sie keinen Ausweg mehr wei&#223;, meldet sie sich bei der Armee. Sie habe   geh&#246;rt, dass es f&#252;r Freiwillige einen Bonus von 40.000 Dollar geben   soll. Da sie erst 17 ist, wird sie abgewiesen. Irgendwann d&#228;mmert ihr,   dass der Vater nicht mehr am Leben ist. Um das Dach &#252;ber dem Kopf   dennoch zu retten, muss sie nun die Leiche auftreiben, damit sie den Tod   beweisen kann.<\/p>\n<h4>  Ein Leben mit der Rezession<\/h4>\n<p>  Bei der Filmvorstellung auf der Berlinale 2010 im Babylon-Kino war die   Regisseurin Debra Granik anwesend. &#8222;Winter&quot;s Bone&#8220; (nach dem Roman von   Daniel Woodrell) ist ihr zweiter Spielfilm. 2004 machte sie Down to the   Bone&#8220; &#252;ber ein drogenabh&#228;ngiges P&#228;rchen in Upstate New York. Davor   drehte sie sie mehrere Kurzfilme. Ihre Ziel war es, mit &#8222;Winter&quot;s Bone&#8220;   einen Blick in den Hinterhof des amerikaninschen Traums zu werfen.   Unaufdringlich, fast beil&#228;ufig, spiegelt der Film in der Tat den   Hintergrund der US-Krise: ob Zwangsr&#228;umungen, Fluchtpunkt Milit&#228;r oder   die illegale Herstellung synthetischer Drogen, woran inzwischen   Hunderttausende schwer erkrankt sind (&#252;brigens k&#252;rzlich auch in der   US-Fernsehserie &#8222;Breaking Bad&#8220; thematisiert). Die Krise nimmt den Armen   die Hoffnung auf eine Schicksalwende, so Granik. Wobei &#8222;f&#252;r Familien wie   die Dollys schon lange Rezession herrscht, unabh&#228;ngig vom   Wirtschaftsverlauf&#8220;.<\/p>\n<p>  Getragen wird der Film von Jennifer Lawrence. Sie musste f&#252;r den Film   lernen, Holz zu hacken und Eichh&#246;rnchen auszunehmen. Ihre Anstrengung   wirkt nicht gespielt, sondern echt. Im Babylon-Kino berichtete Granik   zudem, dass in den Gegenden des Missouri, in denen der Film spielt,   viele regelm&#228;&#223;ig Hirschfleisch zu sich nehmen, obwohl bekannt ist, wie   schlecht ihnen dieses Fleisch bekommt &#8211; denn es ist f&#252;r die Menschen   dort der einzige Weg ist, an Proteine ranzukommen.<\/p>\n<p>  &#8222;Ich suche immer nach Gelegenheiten&#8220;, so Granik, &#8222;in meinem eigenen Land   eine Verbindung herzustellen, zu den spezifischen regionalen Kulturen   darin. Meine bevorzugten deutschen Regisseure haben das immer geschafft,   Werner Herzog zum Beispiel, ich denke an &#8222;Stroszek&#8220; (Granik im   Tip-Magazin).<\/p>\n<h4>  In der Tradition des US-Independentkinos<\/h4>\n<p>  Andreas Kilb schreibtin der FAZ: &#8222;Winter&quot;s Bone&#8220; ist keine Geschichte,   die aus dem Nichts kommt. Die Tradition sozialkritischer B&#252;cher und   Filme (&#8230;) ist so alt wie das Tonkino, sie beginnt mit Walker Evans&quot;   Fotoband &#8222;Preisen will ich die gro&#223;en M&#228;nner&#8220; &#252;ber die Opfer der   Depression und John Fords Steinbeck-Verfilmung &#8222;Fr&#252;chte des Zorns&#8220;.&#8220;   Hinzuf&#252;gen sollte man zu dieser Aufz&#228;hlung auch Herbert Bibermans &#8222;Salt   of the Earth&#8220;, ein authentischer Film &#252;ber einen Arbeitskampf in New   Mexico nach dem Zweiten Weltkrieg. Dieser H&#246;hepunkt des sogenannten   sozialkritischen US-Films leitete auch sein vorl&#228;ufiges Ende ein. So   fanden sich die meisten Drahtzieher von &#8222;Salt of the Earth&#8220; auf der   &#8222;schwarzen Liste&#8220; des antikommunistischen Senators Joseph McCarthy   wieder. Eine ganze Generation von engagierten Filmleuten wurde damals   ins Abseits gedr&#228;ngt. Nachdem es Ende der sechziger, Anfang der   siebziger Jahre &#8211; in der Zeit von Vietnamkrieg, Watergate-Aff&#228;re und   Wirtschaftskrise &#8211; zu einer Wiederbelebung des US-Independentkinos kam   (mit Streifen wie &#8222;Harlan County&#8220; von Barbara Kopple oder &#8222;A Woman under   the Influence&#8220; von John Cassavetes) versiegte auch diese Quelle in den   Achtzigern und Neunzigern erneut fast vollst&#228;ndig.<\/p>\n<p>  Es bleibt zu hoffen, dass in der kommenden Zeit wieder mehr Filmemacher   an die Traditionen des US-Independentkinos ankn&#252;pfen. Jedenfalls klingt   in &#8222;Winter&quot;s Bone&#8220; diese Stimme an. Das ist sogar w&#246;rtlich zu nehmen.   Denn in Graniks Film wird immer wieder den Menschen und ihrer Musik Raum   gegeben, Banjos ert&#246;nen, die Fiedel wird gespielt und wunderbar gesungen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      &#8222;Winter&quot;s Bone&#8220; &#8211; endlich in den deutschen Kinos\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[70],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14179"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14179"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14179\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14179"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14179"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14179"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}