{"id":14176,"date":"2011-04-07T11:00:00","date_gmt":"2011-04-07T11:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14176"},"modified":"2011-04-07T11:00:00","modified_gmt":"2011-04-07T11:00:00","slug":"14176","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/04\/14176\/","title":{"rendered":"An Berliner Schulen brodelt es"},"content":{"rendered":"<p>  Warnstreik von 6.000 LehrerInnen am 5. April<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Von Jahr zu Jahr   werden die Probleme an den Berliner Schulen immer unertr&#228;glicher. Der   Unmut w&#228;chst schon seit geraumer Zeit. Aber in den Vorjahren schwang   noch die Hoffnung mit, dass der Tiefpunkt l&#228;ngst erreicht sein m&#252;sste   und dass doch irgendwann eine Entspannung der Lage eintreten k&#246;nnte.   Aber das Gegenteil ist der Fall. Der Krug geht so lange zum Brunnen&#8230;   Jetzt setzt sich die Stimmung durch: Bald kommt es zum Scherbenhaufen &#8211;   wenn sich nicht endlich was tut. Darum beteiligten sich am 5. April am   GEW-Warnstreik auch doppelt so viele LehrerInnen wie von der   Gewerkschaft im Vorfeld erwartet.<\/b><\/p>\n<h4>  <i><b>von Aron Amm, Elternvertreter der   Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule im Prenzlauer Berg<\/b><\/i><\/h4>\n<p>  Statt der von der GEW zuvor prognostizierten 3.000 LehrerInnen waren es   am ersten April-Dienstag 6.000 P&#228;dagogen, die um F&#252;nf vor Zw&#246;lf die   Arbeit niederlegten. In einem lebendigen, k&#228;mpferischen Zug mit vielen   selbstgebastelten Schildern zogen sie von der Friedrichstra&#223;e zum   Alexanderplatz.<\/p>\n<h4>  <b>Gro&#223;artige Beteiligung trotz Einsch&#252;chterungsversuchen<\/b><\/h4>\n<p>  Die Zahl von 6.000 am Streik Beteiligten war hervorragend, vor allem der   Westteil und generell die Oberstufenzentren waren stark repr&#228;sentiert.   Mehr als jeder f&#252;nfte Lehrer in der Stadt war auf der Stra&#223;e &#8211; 25.000   LehrerInnen sind insgesamt berlinweit besch&#228;ftigt. Die KollegInnen   lie&#223;en sich auch nicht von den Androhungen des SPD\/LINKEN-Senats   abhalten. SPD-Bildungssenator J&#252;rgen Z&#246;llner hatte die Schulleitungen   angehalten, &#8222;schwarze Listen&#8220; zu erstellen, also die Namen aller   Streikenden an den Senat weiterzuleiten, da der Warnstreik f&#252;r   Verbeamtete und Angestellte gleicherma&#223;en &#8222;rechtswidrig&#8220; sei. Zudem   drohte er in einem Schreiben vorab mit Gehaltsabz&#252;gen, Abmahnungen und   bei &#8222;Wiederholungst&#228;tern&#8220; sogar mit K&#252;ndigungen! Lehramtsanw&#228;rter   sollten im Fall der Streikteilnahme durch die Probezeit rasseln. Damit   sch&#252;ttete Z&#246;llner jedoch nur noch mehr &#214;l ins Feuer. Viele KollegInnen   f&#252;hlten sich durch diese Provokationen noch darin best&#228;rkt, endlich   aktiv zu werden.<\/p>\n<h4>  <b>Auch Sch&#252;lerInnen und Eltern mucken auf<\/b><\/h4>\n<p>  Auf der Demonstration waren au&#223;erdem mehrere Dutzend Sch&#252;lerInnen zu   sehen. Gerade das Leonardo-da-Vinci-Gymnasium war mit vielen   Sch&#252;lerInnen vor Ort. Dort hat sich eine Gruppe gebildet, die seit   einigen Wochen Unterschriften gegen die schlechten Lern- und   Arbeitsbedingungen sammelt, nachdem eine junge Lehrerin<b> <\/b>aufgrund   der Belastung pl&#246;tzlich zusammengebrochen war. Schon am 27. Januar   hatten 300 Sch&#252;lerInnen und einige P&#228;dagogen vor einer   Personalversammlung an einer Kundgebung teilgenommen &#8211; initiiert vom   Oberstufenzentrum II in Lichtenberg.<\/p>\n<p>  Auch bei den Eltern tut sich was. So hat der Berliner   Landeselternausschuss 100.000 &#8222;rote Karten&#8220; erstellt und einen   landesweiten Elternprotest ausgerufen. Wie es g&#228;rt, zeigt sich auch   daran, dass beispielsweise am 1. M&#228;rz allein an der neuen   Gemeinschaftsschule Wilhelm von Humboldt beim Humannplatz 200 Eltern   (ein Drittel aller Eltern an der Schule) und etliche der 50 LehrerInnen   zu einer Krisenversammlung zusammen kamen.<\/p>\n<h4>  <i>von Herzinfarkten und H&#246;rst&#252;rzen<\/i><\/h4>\n<p>  &#8222;Entlastet die Alten, bevor sie erkalten&#8220;, stand auf einem Plakat.   Konkret forderte die GEW, dass die &#228;lteren LehrerInnen ab 55 Jahren eine   und ab 60 Jahren zwei bis drei Stunden weniger unterrichten sollten. Vor   20 Jahren durften die LehrerInnen bereits ab 50 Jahren eine Stunde   weniger unterrichten, sp&#228;ter erst ab 55 Jahren. Unter SPD-Schulsenator   Klaus B&#246;ger fiel diese Alterserm&#228;&#223;igung in Berlin &#8211; als einziges   Bundesland &#252;berhaupt &#8211; ab dem Schuljahr 2002\/2003 komplett weg.<\/p>\n<p>  Im Schuljahr 1990\/1991 wurde die Zahl der Unterrichtsstunden f&#252;r die   Oberschullehrer von 22 auf 26 raufgesetzt, bei den Grundschullehrern von   25,5 auf 28 Stunden. &#8222;F&#252;r eine Schulstunde brauche ich aber fast ein   halbes Dutzend Vor- und Nachbereitungsstunden&#8220;, erz&#228;hlte mir Charlotte   Voigt, Lehrerin vom Kollwitzplatz.<\/p>\n<p>  Als wenn man damit nicht schon genug Probleme h&#228;tte, senkten SPD und   Linkspartei in dieser Legislaturperiode auch noch den Personalschl&#252;ssel   von 105,5 auf 100 Prozent ab. Klingt nicht so wild, bedeutet aber, dass   es direkt zu Unterrichtsausfall oder &#220;berstunden kommt, sobald ein   P&#228;dagoge erkrankt. An der Wilhelm-von-Humboldt-Schule f&#252;hrte das in   diesem Winter dazu, dass irgendwann ein Viertel des Kollegiums krank war   (nachdem die KollegInnen erst eingesprungen waren und jeglichen   Unterrichtsausfall kompensieren wollten).<\/p>\n<p>  Der Arbeitsstress ist mittlerweile katastrophal. &#8222;Von meinen Kollegen   leiden allein drei am Burnout-Syndrom&#8220;, so Guido Sch&#252;ler, Lehrer an der   Clay-Sekundarschule in Rudow. &#8222;Wir hatten zahlreiche Ausf&#228;lle an der   Schule, vor allem Herzinfarkte, Bandscheibenvorf&#228;lle und H&#246;rst&#252;rze haben   sich gerade in den letzten Monaten geh&#228;uft&#8220;, meint Jonas Botta, Berliner   Sch&#252;lersprecher.<\/p>\n<p>  Die Reduzierung der Stundenzahl soll &#196;ltere entlasten, aber auch zu mehr   Neueinstellungen und einer Verj&#252;ngung der Kollegien f&#252;hren. Zumal die   H&#228;lfte laut GEW um die 55 Jahre alt ist! Auf der Demo pr&#228;sentierte die   Stechlin-Schule in Friedenau auf einem Plakat sarkastisch ihren j&#252;ngsten   Kollegen: Er ist 40 Jahre alt.<\/p>\n<p>  &#196;rger bereiten auch die kurzfristigen Personalumsetzungen w&#228;hrend eines   laufenden Schuljahres. Aus diesem Gund marschierte das Kollegium der   Charlotte-Salomon-Grundschule in Kreuzberg am 5. April auch geschlossen   in die Innenstadt.<\/p>\n<h4>  &#8222;Schulen werden auf Verschlei&#223; gefahren&#8220;<\/h4>\n<p>  Es fehlt &#8211; aufgrund der Arbeitsbelastung und dem uns&#228;glichen   Personalschl&#252;ssel &#8211; nicht nur an Lehrkr&#228;ften. Es mangelt auch an der   r&#228;umlichen und finanziellen Ausstattung. Permanent z&#252;cken die   Regierenden den Rotstift. Und das in einer Stadt, in der selbst nach   offiziellen Angaben jedes vierte Kind &#8222;armutsgef&#228;hrdet&#8220; ist (so die   Senatsverwaltung in ihrem &#8222;Bildungsbericht 2010&#8220;).<\/p>\n<p>  Bei der Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule, die sich noch im   Aufbau befindet, fehlen derzeit f&#252;r das kommende Schuljahr noch drei   Klassenzimmer; die Mensa und eines von drei Schulgeb&#228;uden sind seit zwei   Jahren Dauerbaustellen!<\/p>\n<p>  Bei anderen Schulen gilt, was ein Chemielehrer auf der Demonstration   lautstark beklagte: &#8222;Die Schule wird wie die S-Bahn auf Verschlei&#223;   gefahren.&#8220; In der Kleck-Grundschule in Berlin-Pankow f&#252;hrte das in den   vergangenen Jahren dazu, dass der Sportunterricht im Winter jede zweite   Woche ausfiel. Grund war der Zustand der Turnhalle, die seit 1967 nicht   mehr renoviert worden war und in der die marode Heizung bei   Minustemperaturen &#252;berfordert war. Deshalb musste dort jeden Morgen der   W&#228;rmegrad gemessen werden; die LehrerInnen versuchten sogar, mit Hilfe   von in die Fensterrahmen gelegten T&#252;chern zu isolieren und dadurch zwei,   drei Grad zu schinden!<\/p>\n<h4>  Eine Bank m&#252;sste man sein<\/h4>\n<p>  &#8222;Ein Tisch und ein Stuhl &#8211; f&#252;r jedes Kind, das w&#228;re cool&#8220; und &#8222;Saniert   die Schulen, nicht die Banken&#8220; sind nur zwei von vielen Parolen, die auf   den aus den Fenstern der Wilhelm-von-Humboldt-Schule geh&#228;ngten   Transparenten seit dem 5. April zu lesen sind. Jahrelang wurde von oben   behauptet: &#8222;Es ist nun mal kein Geld da.&#8220; &#8222;Diese Stadt ist pleite&#8220;. Seit   dem Bankenrettungsschirm im Herbst 2008 sehen viele diese Argumentation   in einem anderen Licht. Schlie&#223;lich konnte auch der Berliner Senat 290   Millionen Euro f&#252;r die deutschen Finanzh&#228;user locker machen.<\/p>\n<p>  Parteien lie&#223;en sich auf der Demonstration vom 5. April nicht blicken.   Auch die Gr&#252;nen, die sich in Berlin in der Opposition gerade zu   profilieren versuchen, gl&#228;nzten ebenfalls durch Abwesenheit &#8211; viel zu   bieten h&#228;tten sie auch nicht gehabt, da sie sich ebenfalls gegen bessere   Arbeitsbedingungen an den Schulen aussprechen. Die GEW-Vorsitzende   Rosa-Marie Seggelke verlas auf der Abschlusskundgebung einen Brief.   Geschrieben hatte diesen eine Partei, die die Forderungen der   LehrerInnen als berechtigt bezeichnete. Zu Irritationen kam es erst   Recht, als die Absenderin verlesen wurde: &#8222;Petra Pau, PDS&#8220;. &#8211; Flugs   wurde erkl&#228;rend das Datum des Briefes nachgeschoben. Er stammt aus dem   Jahr 2000, als die PDS in Berlin noch Oppositionspartei war&#8230;<\/p>\n<p>  Nach jahrelangem Kahlschlag will der Senat nun unmittelbar vor der   Abgeordnetenhauswahl im September 1.000 neue Lehrerstellen zum Schuljahr   2011\/2012 besetzen. Das ist allerdings nur ein Tropfen auf dem hei&#223;en   Stein. Schon die von der GEW geforderten 2.500 Neueinstellungen w&#228;ren   bescheiden.<\/p>\n<p>  Ein Mitglied der Tarifkommission fragte mich, als ich ihm auf der   Kundgebung die &#8222;Solidarit&#228;t&#8220; anbot, wie sich die SAV bei den Wahlen   verhalten wird. Er selber ist Mitglied der Europ&#228;ischen Linken (der auch   DIE LINKE angeh&#246;rt), weil er sich zum einen mit dem LINKE-Parteibuch   schwer tat, zum anderen die Linkspartei und die Europ&#228;ische Linke   gegenw&#228;rtig aber auch als einzigen relevanten Ansatzpunkt auf der   politischen Ebene versteht. Er begr&#252;&#223;te zwar unsere Bem&#252;hungen, f&#252;r   einen k&#228;mpferischen Kurs und f&#252;r eine antistalinistische Haltung, also   f&#252;r eine sozialistische Demokratie einzutreten, wollte unsere   Oppositionsarbeit aber nicht praktisch unterst&#252;tzen. &#8222;Mir fehlt die   Energie. Ich habe letzte Nacht Klassenarbeiten korrigiert, muss das auch   auf der Heimfahrt fortsetzen und werde seit ein paar Jahren sowieso   st&#228;ndig krank.&#8220;<\/p>\n<h4>  Den Widerstand weiter aufbauen &#8211; Sch&#252;ler, Lehrer, Eltern gemeinsam<\/h4>\n<p>  Die Streikbeteiligung und die vielfachen einzelnen Initiativen von   Sch&#252;lerInnen und Eltern unterstreichen, dass heute das Potenzial f&#252;r den   Aufbau einer berlinweiten Protestbewegung im Bildungsbereich existiert.<\/p>\n<p>  Leider vers&#228;umte es die GEW-Spitze auf der Kundgebung, klar die n&#228;chsten   Kampfschritte zu benennen. Immerhin wurde auf einer anschlie&#223;enden   Versammlung im Cubix-Kino unter dem Eindruck der entschlossenen   Demonstration und der Erwartungshaltung vieler GEW-Mitglieder dar&#252;ber   abgestimmt, Anfang Juni einen weiteren Aktionstag anzustreben. Die Frage   eines eint&#228;gigen Streiks steht im Raum.<\/p>\n<p>  Ren&#232; Kiesel, Sch&#252;leraktivist vom OSZ f&#252;r B&#252;rowirtschaft II (der im   &#220;brigen auch bei der SAV aktiv ist) sowie zwei Sch&#252;lerinnen vom   Leonardo-da-Vinci-Gymnasium sprachen sich unter gro&#223;em Beifall auf der   Abschlusskundgebung f&#252;r gemeinsame Proteste von Sch&#252;lerInnen, Eltern und   LehrerInnen aus.<\/p>\n<p>  Um von vereinzelten Protesten zu einer realen Bewegung zu kommen, sollte   jetzt unmittelbar eine Solidarit&#228;tskampagne f&#252;r alle nach dem Warnstreik   mit Repressalien konfrontierten LehrerInnen gestartet werden. Zudem gilt   es, die Bereitschaft f&#252;r Gegenwehr zu nutzen und &#252;berall in den Bezirken   Proteste gegen die Verantwortlichen in den Bezirks&#228;mtern und   Bezirksparlamenten auf die Beine zu stellen &#8211; wie sich das zum Beispiel   die Eltern der Wilhelm-von-Humboldt-Schule vorgenommen haben. Hier ist   es n&#246;tig, die Verbindungen zwischen den Schulen zu verbessern. Vor allem   aber kommt es jetzt darauf an, den Schwung von 5. April zu nutzen und   f&#252;r Anfang Juni auf einen gemeinsamen Streik- und Protesttag von   LehrerInnen, ErzieherInnen Sch&#252;lerInnen und Eltern hinzuarbeiten. Darauf   k&#246;nnte ein weiterer Streiktag kurz nach den Sommerferien folgen, der,   wie schon angedacht, mit einem Sternmarsch zu einer Gro&#223;demonstration   verkn&#252;pft werden k&#246;nnte. Es sollten keine Illusionen in die Wahlen   gesch&#252;rt werden. Aber Gro&#223;proteste vor den anstehenden Wahlen k&#246;nnten   den Druck enorm erh&#246;hen, Zugest&#228;ndnisse erm&#246;glichen und es jeder neuen   Regierung erschweren, gegen die Interessen von P&#228;dagogen, Eltern und   Sch&#252;lerInnen Politik zu betreiben.<\/p>\n<p>  Zu Recht fordert die GEW einen Personalschl&#252;ssel von 110 Prozent. Die   Forderungen nach Reduzierung der Unterrichtsstunden (also   Arbeitszeitverk&#252;rzung bei vollem Lohnausgleich), einem deutlich   verbesserten Personalschl&#252;ssel und Neueinstellungen sollten verbunden   werden mit einer massiv verbesserten r&#228;umlichen und finanziellen   Ausstattung. Die Losung sollte sein: Mehr Personal, mehr R&#228;ume und mehr   Mittel f&#252;r die Bildung!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Warnstreik von 6.000 LehrerInnen am 5. 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