{"id":14172,"date":"2011-04-07T00:00:00","date_gmt":"2011-04-07T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14172"},"modified":"2011-04-07T00:00:00","modified_gmt":"2011-04-07T00:00:00","slug":"14172","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/04\/14172\/","title":{"rendered":"Nachruf f&#252;r Ga&#233;tan Kayitare"},"content":{"rendered":"<p>  Lehren aus seinem Leben<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Am 27. Februar 2011 verstarb unser langj&#228;hriger Genosse Ga&#233;tan   Kayitare. Ga&#233;tan war ein au&#223;ergew&#246;hnlicher Mensch. Wer die Gelegenheit   hatte, ihn kennen zu lernen, wird ihn nie vergessen. Aber auch wer nicht   dieses Privileg hatte, kann nachtr&#228;glich viel aus seinem Leben lernen.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Georg K&#252;mmel, K&#246;ln<\/i><\/h4>\n<p>  Ga&#233;tan war ein K&#228;mpfer, ein Rebell gegen die gesellschaftlichen   Verh&#228;ltnisse, und das wohl schon von Kindesbeinen an. Geboren wurde er   in Ruanda, wahrscheinlich im Jahre 1946. Das genaue Geburtsdatum kannte   er selber nicht. Ruanda war damals belgische Kolonie (und vorher   deutsche). Die koloniale Unterdr&#252;ckung trat ihm unter anderem in Gestalt   von katholischen Priestern in seiner Schule gegen&#252;ber, mit denen er auch   prompt in einen Konflikt geriet, der damit endete, dass ihn die Priester   aus der Kirche warfen.<\/p>\n<p>  Als junger Mann kam er zum Bergbau-Studium nach Deutschland. Die meiste   Zeit seines Lebens verbrachte er in Aachen, wo er sich neben Studium und   politischer Aktivit&#228;t an der Hochschule mit allerlei Jobs durchschlug.   Mit der SAV (damals unter dem Namen VORAN) und unserer Internationale   kam er 1981 in Kontakt und wurde 1982 Mitglied. Aus der Zeit davor ist   nicht viel bekannt, denn Ga&#233;tan hat dar&#252;ber nie viel erz&#228;hlt. Das war   typisch f&#252;r ihn, denn er nahm sich selbst &#252;berhaupt nicht wichtig,   leider galt das auch f&#252;r seine Gesundheit.<\/p>\n<p>  Zu den hervorragenden Eigenschaften seiner Pers&#246;nlichkeit geh&#246;rte die   Konsequenz in seinem Handeln, wenn er einmal von einer Sache &#252;berzeugt   war. Gem&#228;&#223; dem ber&#252;hmten Satz von Karl Marx &#8222;Die Philosophen haben die   Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu   ver&#228;ndern&#8220; hat er praktisch sein ganzes Leben f&#252;r das Ziel einer   besseren Welt, f&#252;r Sozialismus gek&#228;mpft. Da die Arbeiterklasse dazu eine   revolution&#228;re Partei, eine revolution&#228;re Internationale braucht, hat er   die letzten drei Jahrzehnte konsequent an der Schaffung einer neuen   Internationale mitgearbeitet, buchst&#228;blich bis zu seinem letzten   Atemzug. Die Genossinnen und Genossen, die ihn tot auffanden, waren zu   einem politischen Treffen mit ihm verabredet.<\/p>\n<p>  Ga&#233;tan geh&#246;rte unserem Bundesvorstand an, arbeitete viele Jahre Vollzeit   f&#252;r VORAN beziehungsweise SAV und war mehrmals Delegierter zum   Weltkongress des Komitees f&#252;r eine Arbeiterinternationale.<\/p>\n<p>  Sein Hauptaugenmerk galt der politischen Ausbildung und Entwicklung von   GenossInnen. Daf&#252;r hat er mehr Zeit investiert als jeder andere. Er hat   gleich mehrere Generationen geschult. Aber nicht wie ein Lehrer, der   vortr&#228;gt und die Sch&#252;ler zuh&#246;ren l&#228;sst, sondern durch gemeinsame   politische Arbeit, begleitet von unz&#228;hligen politischen Diskussionen,   die vorzugsweise an seinem K&#252;chentisch stattfanden. Da wurde oft,   ausf&#252;hrlich und auch kontrovers diskutiert. So lernte man, dass der   Marxismus eine lebendige Methode ist, um die Gesellschaft zu verstehen   und zu ver&#228;ndern, dass selbstst&#228;ndiges, kritisches Denken und Handeln   notwendig ist, um eine Kraft aufzubauen, die den Kapitalismus abschaffen   kann.<\/p>\n<p>  Ga&#233;tans besonderer politischer Beitrag bestand darin, die Organisation   in einer au&#223;ergew&#246;hnlich schwierigen historischen Phase auf Kurs zu   halten, dabei die gef&#228;hrlichen Klippen von Anpassung und ultralinkem   Sektierertum zu umschiffen. Die Zeit seiner politischen Aktivit&#228;t fiel   zusammen mit einer Periode des politischen Niedergangs der F&#252;hrung und   der Organisationen der Arbeiterbewegung. F&#252;r die sich dem Kapitalismus   anbiedernde F&#252;hrung hatte Ga&#233;tan nur Hohn und Spott &#252;brig. Das galt f&#252;r   die &#8222;Reformisten&#8220; in den SPD-Jungsozialisten Anfang der achtziger Jahre,   die von der Idee eines gez&#228;hmten Kapitalismus phantasierten, ebenso wie   aktuell f&#252;r diejenigen VertreterInnen der LINKEN, die dem Traum von   einer antikapitalistischen Politik im B&#252;ndnis mit der   pro-kapitalistischen SPD tr&#228;umen.<\/p>\n<p>  Es gibt immer den Druck der b&#252;rgerlichen Gesellschaft, materiell und   ideologisch. Dieser ideologische Druck macht auch vor einer   revolution&#228;ren Organisation und ihren Mitgliedern nicht halt. Wenn   Ga&#233;tan die Gefahr politischer Anpassung in unseren eigenen Reihen sah,   dann k&#228;mpfte er besonders energisch dagegen. Er selbst schien gegen&#252;ber   dem Druck der b&#252;rgerlichen Gesellschaft immun wie kein zweiter. Ga&#233;tan   hatte nicht die geringsten Illusionen in den Kapitalismus, niemals.   Aber, und das zeichnete Ga&#233;tan aus, er hat nicht nur die   kapitalistischen Eigentumsverh&#228;ltnisse abgelehnt, sondern alles   kapitalistische, alles b&#252;rgerliche, alle b&#252;rgerlichen Anschauungen,   Erwartungen, mit denen wir t&#228;glich konfrontiert werden. Ga&#233;tan hat   konsequenterweise ein Leben gef&#252;hrt, das alles war &#8211; nur nicht   b&#252;rgerlich. Er, der intellektuell das Zeug zum Professor hatte, sich in   marxistischer Theorie bestens auskannte, verachtete b&#252;rgerliche Titel   und Autorit&#228;ten. Er zog es vor, ein vorbildlicher Revolution&#228;r zu sein.   Weil der politische Kampf Geld kostet, weil man selbst die Armen nach   einer Spende f&#252;r diesen Kampf fragen muss, lebte er selbst &#228;u&#223;erst   bescheiden.<\/p>\n<p>  Ga&#233;tan war der lebendige Gegenbeweis gegen alle Vorurteile gegen den   Marxismus. Der Stalinismus hat ja nicht nur die Idee des Sozialismus   diskreditiert, sondern auch den Marxismus als Methode. Ga&#233;tan war   zuallererst Internationalist, in seinem politischen Kampf niemals   b&#252;rokratisch, immer politisch, niemals formal, immer offen, er hatte   kein Problem, andere hart zu kritisieren und selber hart kritisiert zu   werden. Damit war er auch der geborene Gegner des Stalinismus, des   Stalinismus als System und als b&#252;rokratische Methode von B&#252;rokraten in   der Arbeiterbewegung.<\/p>\n<p>  Parallel zu den Stalinisten haben die pro-kapitalistischen F&#252;hrer   vermeintlich linker Parteien die ganze Idee, sich in einer linken Partei   zu organisieren, in Verruf gebracht. Gerade Jugendliche h&#228;lt das heute   davon ab, sich zu organisieren, unter anderem weil sie das als   Einschr&#228;nkung ihrer Freiheit empfinden. In einem seiner letzten   schriftlichen Beitr&#228;ge schreibt Ga&#233;tan dazu: &#8222;Dabei ist der Revolution&#228;r   als derjenige, der keinen Herrn &#252;ber sich und keinen Sklaven unter sich   haben will, der stets im Interesse des Gemeinwohls handelt, wahrlich der   freieste Mensch&#8220; (Januar 2010, Vorwort zur Neuauflage von James P.   Cannons &#8222;Der Kampf f&#252;r eine proletarische Partei&#8220;).<\/p>\n<p>  Die besondere Begabung Ga&#233;tans lag darin, die theoretischen Erkenntnisse   des Marxismus auf jedes aktuelle Problem anwenden zu k&#246;nnen. Im   &#8222;Kommunistischen Manifest&#8220; schreiben Karl Marx und Friedrich Engels,   dass die Interessen von Arbeiterklasse und Kapitalistenklasse   unvers&#246;hnlich sind, und dass die Arbeiterklasse im Zeitalter des   Kapitalismus die einzig revolution&#228;re Klasse ist. Ga&#233;tan w&#228;re es deshalb   niemals eingefallen, auch nur in Erw&#228;gung zu ziehen, im Falle Libyens   die imperialistischen M&#228;chte um Unterst&#252;tzung f&#252;r den Freiheitskampf zu   bitten. Klassenstandpunkt und Internationalismus waren f&#252;r Ga&#233;tan keine   moralischen Bekenntnisse, sondern eine Methode, mit der man an die   Probleme des Klassenkampfes herangehen muss. Zu den zahlreichen   hilfreichen Ratschl&#228;gen, die er gegeben hat, geh&#246;rte auch dieser: Ga&#233;tan   meinte, es sei ein Trick der Kapitalisten, uns die Welt immer durch ein   Schl&#252;sselloch zu zeigen. Wir m&#252;ssten dagegen immer die ganze Welt   betrachten. Im Falle Libyens h&#228;tte Ga&#233;tan die Frage gestellt, was das   Eingreifen des Imperialismus f&#252;r den Kampf in ganz Libyen bedeutet, wie   man zum Beispiel die Einheit der ArbeiterInnen und Jugendlichen in   Bengasi und in Tripolis im Kampf gegen Gaddafi herstellt und auch,   welche Folgen das Eingreifen des Imperialismus f&#252;r den Klassenkampf in   allen anderen L&#228;ndern hat. Er h&#228;tte die Frage gestellt, wer denn die   saudischen Freunde der USA an deren Einmarsch und Niederschlagung der   Freiheitsbewegung in Bahrain hindern soll, wer denn eine Flugverbotszone   f&#252;r die US-amerikanische und deutsche Luftwaffe &#252;ber Afghanistan   errichten und kontrollieren soll? Er h&#228;tte die Frage gestellt, welche   Kraft ein Interesse hat, jede Befreiungsbewegung auf der Welt zu   unterst&#252;tzen und jeden Diktator zu st&#252;rzen? Das hat eben nur die   Arbeiterklasse &#8211; weltweit.<\/p>\n<p>  F&#252;r seine Meinung k&#228;mpfte er immer &#228;u&#223;erst hartn&#228;ckig und unerm&#252;dlich.   Dabei war er aber alles andere als verbohrt. Wir haben ihn in Erinnerung   als einen humorvollen und stets optimistischen Menschen mit einem sehr   gro&#223;en Herzen. F&#252;r die Sorgen und N&#246;te der anderen hatte er immer ein   offenes Ohr, f&#252;r die der Arbeiterklasse im Allgemeinen und f&#252;r die jedes   Einzelnen.<\/p>\n<p>  Drei&#223;ig Jahre hat Ga&#233;tan in einer schwierigen Zeit die rote Fahne   hochgehalten. Wir stehen am Beginn einer Epoche, in der sich die Krise   des Kapitalismus dramatisch vertieft und weltweit, wenn auch mit einigen   Verz&#246;gerungen und Komplikationen, die Klassenk&#228;mpfe und die   Arbeiterbewegung wieder aufleben. Die Revolutionen in Tunesien, &#196;gypten   und anderen L&#228;ndern sind Vorboten davon. Ga&#233;tan wird tragischerweise   diese Zeit nicht mehr erleben, aber er war &#252;berzeugt, dass sie kommt.   &#8222;Die Krise des Systems bietet nun die ungeahnte Chance, aus der   Defensive und dem Zerfallsprozess herauszukommen und eine neue m&#228;chtige   Aufbauoffensive zu starten&#8220; (ebenfalls aus seinem Vorwort f&#252;r die   Neuauflage des Cannon-Buches). Niemand wusste besser als Ga&#233;tan, wie   dringend der Aufbau einer revolution&#228;ren Internationale ist, weil die   Fortexistenz des Kapitalismus weltweit Horror ohne Ende bedeuten w&#252;rde.<\/p>\n<p>  Ga&#233;tan hielt nichts von Grabsteinen und Denkm&#228;lern. Wir sollten ihm, und   allen anderen, die gegen den Kapitalismus gek&#228;mpft haben und bereits   gestorben sind, jedoch ein Denkmal bauen, das sch&#246;ner ist als alles   andere: eine Welt ohne atomaren Wahnsinn, ohne Armut, Ausbeutung, Krieg.   Hoch die internationale Solidarit&#228;t! Vorw&#228;rts zur sozialistischen   Demokratie &#8211; weltweit!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Lehren aus seinem Leben\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[104],"tags":[236],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14172"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14172"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14172\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14172"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14172"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14172"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}