{"id":14164,"date":"2011-03-30T00:00:00","date_gmt":"2011-03-30T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14164"},"modified":"2011-03-30T00:00:00","modified_gmt":"2011-03-30T00:00:00","slug":"14164","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/03\/14164\/","title":{"rendered":"Die syrischen Massen erwachen"},"content":{"rendered":"<p>  Pr&#228;sident Bashir Al-Assad reagiert mit Zuckerbrot und Peitsche<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Ende Januar dieses Jahres t&#246;nte der syrische Pr&#228;sident Bashir Al-Assad   in einem Interview mit dem Wall Street Journal noch, Syrien w&#228;re &#8222;immun&#8220;   gegen&#252;ber der revolution&#228;ren Welle, die zurzeit durch die arabische Welt   schwappt. Sp&#228;testens seit dem 18. M&#228;rz beweisen die syrischen Massen die   Falschheit dieser Vorhersage. <\/p>\n<h4>  <i>von Georg Maier, Sozialistische LinksPartei &#214;sterreich<\/i><\/h4>\n<p>  Seit Anfang M&#228;rz finden t&#228;glich Massendemonstrationen statt. Es gibt   Berichte von zehntausenden bis hunderttausenden Menschen, die in Deraa,   Damaskus, Baniyas, Lattakia, Aleppo, Homs und zahlreichen anderen   St&#228;dten auf die Stra&#223;e gehen und ein Ende des diktatorischen Regimes des   Al-Assad-Clans und der Baath-Partei fordern. Das Regime antwortet mit   unbeschreiblicher Gewalt.<\/p>\n<p>  Im Gegensatz zu den revolution&#228;ren Bewegungen in &#196;gypten, Libyen, Jemen,   Bahrain und Jordanien dauerte das &#220;berspringen des revolution&#228;ren   Funkens auf Syrien deutlich l&#228;nger. Das liegt ma&#223;geblich daran, dass das   Regime sofort ab Beginn der revolution&#228;ren Entwicklungen in der   arabischen Welt Massenverhaftungen bekannter Oppositioneller   durchf&#252;hrte. Hunderte Oppositionelle d&#252;rften schon vor Ausbruch der   aktuellen Bewegung, etwa ab Beginn dieses Jahres verhaftet worden sein.   Versuche von Angeh&#246;rigen der Verhafteten f&#252;r deren Freilassung zu   demonstrieren wurden, etwa in Damaskus am Anfang M&#228;rz von massiver   Gewalt von Polizei und Geheimdienst unterdr&#252;ckt. Gleichzeitig sagte die   Regierung eine Erh&#246;hung der staatlichen Subventionen f&#252;r   Grundnahrungsmittel zu um die Menschen zu beruhigen. Beide Ma&#223;nahmen   haben den Ausbruch der Bewegung verz&#246;gert, waren aber absolut ungeeignet   die Explosion des Zorns der Massen zu verhindern.<\/p>\n<p>  Der Regierung scheint bewusst zu sein, dass die Revolutionen in der   arabischen Welt auch eine Bedrohung f&#252;r das syrische Regime ist.   Dementsprechend unterst&#252;tzt es auch den brutalen Krieg Gaddafis gegen   die revolution&#228;re Bewegung in Libyen.<\/p>\n<h4>  Aufstand und Repression<\/h4>\n<p>  Rund um den 15. M&#228;rz brachen die Massenproteste aus. Das Regime   antwortete mit brutaler Unterdr&#252;ckung. Am Platz vor der Ummayyad-Moschee   in Damaskus kam es zu Stra&#223;enschlachten zwischen Sicherheitskr&#228;ften und   DemonstrantInnen. Am Selben Tag wurden in der Stadt Der&#8216;a, nahe der   Grenze zu Jordanien mehrere Menschen bei einer Demonstration von der   Polizei erschossen. Die Bewegung weitet sich kontinuierlich aus. Das   Regime versucht die Bewegung physisch zu brechen, indem es Feuer auf   friedliche Demonstrationen er&#246;ffnet und Scharfsch&#252;tzen einsetzt, die von   D&#228;chern aus die scheinbaren Anf&#252;hrerInnen der Proteste ausschalten   sollen. Die Gewalt hat aber nicht dazu gef&#252;hrt, dass die   DemonstrantInnen aufgeben. In Deraa wurde Berichten zu Folge die   Zentrale der Baath-Partei gest&#252;rmt. Es gibt auch Berichte, dass bereits   Teile der Armee zu den DemonstrantInnen &#252;bergelaufen sind und sich   Polizeieinheiten weigern auf friedliche DemonstrantInnen zu schie&#223;en.<\/p>\n<h4>  Verbindung von sozialen und politischen Forderungen<\/h4>\n<p>  Auch wenn das Regime die DemonstrantInnen als &#8222;SektiererInnen&#8220;,   &#8222;religi&#246;se FanatikerInnen&#8220; oder &#8222;kriminelle Banden&#8220; darstellen will, die   Grundlage f&#252;r die Bewegung ist vor allem die verzweifelte soziale Lage   der Massen und ihr Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit. Die Forderungen   nach sozialer Gerechtigkeit sind eng mit politischen Forderungen   verbunden.<\/p>\n<p>  Die gigantische B&#252;rokratie, verbunden mit einem gro&#223;en staatlichen   Sektor in der Industrie, schufen in der Vergangenheit gesch&#228;tzten 50%   der Bev&#246;lkerung relativ sichere Arbeitspl&#228;tze und Einkommen. In den   letzten Jahren stagnierten bzw. fielen die Einnahmen der Besch&#228;ftigten.   In Kombination mit massiven Preisanstiegen in allen Lebens- und   Wirtschaftsbereichen bedeutete dies einen anhaltenden Verlust von Lohn   und Lebensstandard. So wurde im Dezember 2008 der Preis Diesel um 357%   (!) angehoben.<\/p>\n<p>  Die Arbeitslosigkeit wird auf 20% gesch&#228;tzt. Die Situation versch&#228;rft   sich laufend. Die H&#228;lfte der Bev&#246;lkerung ist unter 25 Jahre alt. Das   syrische Regime hat vor allem jungen Menschen keine Perspektive   anzubieten.<\/p>\n<h4>  Regime versucht zu spalten<\/h4>\n<p>  Die syrische Gesellschaft besteht aus einer Vielzahl verschiedener   ethnischer und religi&#246;ser Gruppen. Das Regime hat in der Vergangenheit   immer wieder darauf gesetzt die einzelnen Gruppen gegeneinander   auszuspielen um selbst die Oberhand zu behalten. Insbesondere spielt das   Regime mit der Angst vor dem politischen Islam. Besonders die   DemonstrantInnen in Der&#8216;a werden als sunnitische FundamentalistInnen   dargestellt um sie von anderen Teilen der Bev&#246;lkerung zu isolieren.   Gleichzeitig scheint das Regime auch den existierenden   religi&#246;s-fundamentalistischen Fl&#252;gel in der Bewegung zu st&#228;rken. Dieser   erscheint als leichter zu kontrollieren als die weitgehend s&#228;kularen   Massen, die f&#252;r soziale Gerechtigkeit und gegen die Diktatur k&#228;mpfen.   Eine wichtige Frage f&#252;r die Entwicklung der syrischen Revolution ist, ob   es der bisher &#252;berwiegend arabisch gepr&#228;gten Bewegung gelingt sich mit   den kurdischen Massen zusammenzuschlie&#223;en. Die KurdInnen sind in Syrien   eine der am brutalsten unterdr&#252;ckten nationalen Minderheiten.   Entscheidend ist es jetzt ArbeiterInnen, Arbeitslose, B&#228;uerInnen und   Jugendliche unabh&#228;ngig ihres ethnischen oder religi&#246;sen Hintergrunds im   Kampf gegen das Regime zusammenzuschlie&#223;en.<\/p>\n<h4>  Welcher Weg zum Vorw&#228;rts?<\/h4>\n<p>  Am 27. M&#228;rz feuerten Scharfsch&#252;tzen des Regimes auf eine friedliche   Demonstration in der nordwestlichen Hafenstadt Latakia. 12 Menschen   wurden dabei get&#246;tet. Der Aufschrei, der in Folge des Massakers durch   das ganze Land geht kann dazu f&#252;hren, dass die Bewegung bereit ist das   barbarische Regime noch h&#228;rter als bisher zu konfrontieren. Auch der   Regierung ist bewusst, dass die Gewalt die DemonstrantInnen nicht   aufhalten wird. Darum wurde nur wenige Stunden nach Bekanntwerden des   Massakers von Latakia die Aufhebung des seit 1963 geltenden   Notstandsgesetzes, was bereits in einer Pressekonferenz am 24. M&#228;rz   angek&#252;ndigt wurde, best&#228;tigt. Das ist ein Versuch des Regimes durch   Zugest&#228;ndnisse die Bewegung zum Ende zu bringen. Die Erfahrungen mit den   Bewegungen in anderen arabischen L&#228;ndern haben aber gezeigt, dass   Zugest&#228;ndnisse dieser Art nicht zwangsl&#228;ufig zu einem Ende der Proteste   f&#252;hren. Im Gegenteil. Sie k&#246;nnen von den Massen als Beweis gesehen   werden, dass das Regime in der Defensive und leicht angreifbar ist. Es   ist notwendig die Aufhebung der Notstandsgesetzgebung als Zeichen der   Schw&#228;che des Regimes zu sehen, und jetzt die Chance zu n&#252;tzen um die   revolution&#228;re Bewegung weiter zu entwickeln.<\/p>\n<p>  Seit dem 26. M&#228;rz rufen oppositionelle Gruppen zur Organisierung eines   Generalstreiks auf. Das kann ein entscheidender n&#228;chster Schritt in der   Entwicklung der revolution&#228;ren Bewegung sein. Die tunesische und   &#228;gyptische Revolution haben gezeigt, dass die ausschlaggebende   qualitative Ver&#228;nderung der Bewegung die Offensive der   ArbeiterInnenklasse in der Form von Massenstreiks war. Die aktuellen   Stellungnahmen der syrischen Gewerkschaftsf&#252;hrung sind ein Schlag ins   Gesicht der k&#228;mpfenden Massen und zeigen die Degenerierung der   Gewerkschaftsb&#252;rokratie. Es wird von einer &#8222;ausl&#228;ndischen Macht&#8220;   gesprochen, die die Einheit Syriens gef&#228;hrden w&#252;rde. Die Menschen   sollten auf die &#8222;Weisheit&#8220; der syrischen F&#252;hrung vertrauen. Trotz dieser   entlarvenden Statements gilt es einen Kampf um die Gewerkschaften zu   f&#252;hren. Gerade die ArbeiterInnen der Erd&#246;l- und Erdgasindustrie haben   potenziell eine immense wirtschaftliche und politische Macht, die in die   Waagschale geworfen den Untergang des Regimes bedeuten kann. Und schon   in der Vergangenheit, etwa beim Streik der &#214;larbeiterInnen 2003 ist es   gelungen die regimetreue Gewerkschaft in den Kampf zu zwingen.<\/p>\n<p>  Was heute in Syrien dringend ben&#246;tigt wird, ist eine revolution&#228;ren   sozialistischen Massenpartei. Die Kommunistische Partei Syriens hat sich   bis jetzt (27.03.) zu den Ereignissen noch nicht einmal ge&#228;u&#223;ert. Das   ist in sich auch konsequent, schlie&#223;lich ist die stalinistische KP ja   auch Mitglied in der von der Baath-Partei gef&#252;hrten &#8222;Nationalen   Fortschrittsfront&#8220; und damit ein Teil des Regimes. F&#252;r die   Weiterentwicklung der revolution&#228;ren Bewegung ist die Gr&#252;ndung einer   unabh&#228;ngigen revolution&#228;ren, sozialistischen, multiethnischen Partei der   ArbeiterInnen, Arbeitslosen, der st&#228;dtischen und l&#228;ndlichen Armut und   der Jugend notwendig.<\/p>\n<p>  Die kapitalistische Diktatur in Syrien hat den Massen nichts anderes als   Unterdr&#252;ckung und Armut zu bieten. Eine echte Verbesserung der   Lebenssituation der Menschen kann nicht durch einzelne kleine politische   Reformen oder vereinzelte Subventionen von Grundnahrungsmitteln erreicht   werden. Solange die Diktatur der Baath-Partei besteht und der Reichtum   des Landes einer verschwindenden Minderheit von syrischen   KapitalistInnen und internationalen Konzernen geh&#246;rt kann es keine echte   Freiheit und soziale Gerechtigkeit f&#252;r die Massen geben. Darum sind ein   grundlegender Bruch mit dem Kapitalismus und der Aufbau einer   demokratischen sozialistischen Gesellschaft die einzige Antwort, die die   syrischen Massen heute auf Armut und Unterdr&#252;ckung geben k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  <b>&#8211; Nein zum Sektierertum! Einheit aller ArbeiterInnen, Jugendlichen   und Armen unabh&#228;ngig von ethnischem oder religi&#246;sem Hintergrund! <\/b>    <\/p>\n<p>  <b>&#8211; (R&#252;ck-)verstaatlichung der Schl&#252;sselindustrien und der Bodensch&#228;tze   unter demokratischer Kontrolle und Verwaltung durch Besch&#228;ftigte und   Bev&#246;lkerung! <\/b>    <\/p>\n<p>  <b>&#8211; Aufbau von demokratischen Komitees der Massen in den Stadtteilen   und Betrieben zur Verteidigung gegen die Angriffe des Regimes und zur   Neuorganisierung der Gesellschaft! <\/b>    <\/p>\n<p>  <b>&#8211; F&#252;r eine revolution&#228;re verfassunggebende Volksversammlung! F&#252;r eine   Regierung der ArbeiterInnen und armen B&#228;uerInnen mit sozialistischem   Programm. <\/b>    <\/p>\n<p>  <b>&#8211; F&#252;r den Aufbau einer revolution&#228;ren, sozialistischen,   multiethnischen Massenpartei von ArbeiterInnen, Arbeitslosen und   Jugendlichen! <\/b>    <\/p>\n<p>  <b>&#8211; Bruch mit dem Kapitalismus! F&#252;r den Aufbau einer demokratischen,   sozialistischen Gesellschaft!<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Pr&#228;sident Bashir Al-Assad reagiert mit Zuckerbrot und Peitsche\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[37],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14164"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14164"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14164\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14164"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14164"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14164"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}