{"id":14160,"date":"2011-03-28T10:00:00","date_gmt":"2011-03-28T10:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14160"},"modified":"2011-03-28T10:00:00","modified_gmt":"2011-03-28T10:00:00","slug":"14160","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/03\/14160\/","title":{"rendered":"Schwarz-Gelb abschalten!"},"content":{"rendered":"<p>  Deutschland nach Fukushima und den Landtagswahlen<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  &#8222;It&quot;s the ecology, stupid&#8220; &#8211; so k&#246;nnte man in Anlehnung an den ber&#252;hmten   Wahlslogan (&#8222;It&quot;s the economy, stupid&#8220;) aus dem erfolgreichen   Pr&#228;sidentschaftswahlkampf Bill Clintons 1992 die Wahlergebnisse der   Landtagswahlen in Baden-W&#252;rttemberg und Rheinland-Pfalz interpretieren.   Die Gr&#252;nen sind der einzige Wahlgewinner. Die FDP schmiert ab. CDU und   SPD m&#252;ssen Verluste und im Fall der rheinl&#228;nd-pf&#228;lzischen CDU das, trotz   leichter Gewinne, zweitschlechteste Ergebnis der Geschichte zu Erfolgen   umfunktionieren. Doch hinter dem Wahldesaster f&#252;r CDU, FDP und SPD   steckt mehr, als nur die Umweltfrage.<\/p>\n<h4>  <i>von Sascha Stanicic, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Selten hat ein von den Regierungsparteien bis zum Exzess propagierter   Wirtschaftsaufschwung diesen so wenig geholfen. Die von   Bundeswirtschaftsminister Rainer Br&#252;derle mit &#8222;Aufschwung XXL&#8220;   bezeichnete &#246;konomische Situation hat n&#228;mlich der Masse der Bev&#246;lkerung   wenig bis nichts gebracht. W&#228;hrend die Banken- und Unternehmensprofite   wieder sprudeln, legen die L&#246;hne der Besch&#228;ftigten nur minimal bis gar   nicht zu und wurde vor allem die menschenverachtende Leiharbeit   ausgedehnt. Dass von den mit den Konzernen aufs Engste verkn&#252;pften   schwarz-gelben Parteien keine Politik f&#252;r ArbeitnehmerInnen zu erwarten   ist und die Gewinne von heute nicht die L&#246;hne und Arbeitspl&#228;tze von   morgen sind, ist eine Erkenntnis, die aus den K&#246;pfen von Millionen nicht   rauszubekommen ist. Laufzeitverl&#228;ngerung, Guttenberg-Skandal und   Br&#252;derles Ehrlichkeit in Sachen Wahltaktik haben die Entfremdung breiter   Massen von den etablierten Parteien weiter gesteigert.<\/p>\n<p>  Die gestiegene Wahlbeteiligung zeigt wiederum, dass es keine   Politikverdrossenheit gibt, sondern nur eine Parteienverdrossenheit. Die   Bedeutung des Themas Atomkraft, der riesige Wunsch der Bev&#246;lkerung, aus   dieser auszusteigen und die Selbstdarstellung von SPD und Gr&#252;nen als   Ausstiegs-Parteien haben dazu gef&#252;hrt, dass diesmal die Wahlen als etwas   betrachtet wurden, was tats&#228;chlich einen politischen Unterschied machen   k&#246;nnte &#8211; zumindest bei diesem einen Thema. Denn nach diesen Ergebnissen   wird es f&#252;r Merkel weitaus schwerer sein, nach Ablauf ihres   dreimonatigen Moratoriums f&#252;r die so genannten Altmeiler diese einfach   wieder ans Netz zu schalten.<\/p>\n<h4>  S21 und Atomkraft<\/h4>\n<p>  Nat&#252;rlich wurden die Wahlen von der Atomkraft-Katastrophe in Japan und   der erst k&#252;rzlich von der Merkel-Regierung beschlossenen   Laufzeitverl&#228;ngerung f&#252;r die deutschen Atommeiler dominiert. Hinzu kam   in Baden-W&#252;rttemberg das Thema Stuttgart 21, das seit &#252;ber einem Jahr   eine nicht enden wollende Massenbewegung in der Landeshauptstadt   ausgel&#246;st hatte. Der Wunsch, den Atom-Ministerpr&#228;sidenten Mappus   abzuw&#228;hlen &#252;berlagerte die Wahlen im S&#252;den.<\/p>\n<p>  Die Gr&#252;nen konnten gleich dreifach profitieren: erstens sind sie seit   2005 auf Bundesebene in der Opposition und auch nur noch in wenigen   Landesregierungen vertreten. So konnten sie sich &#252;ber Jahre ein   Oppositionsimage geben. Zweitens haben sie sich geschickt an den   Bewegungen gegen Atomkraft, Castor-Transporte und Stuttgart 21 beteiligt   und konnten so ihr, schon verloren geglaubtes, Image als Bewegungspartei   ein St&#252;ck weit wieder erlangen. Drittens haben die Gr&#252;nen weiterhin so   etwas wie eine Monopolstellung in den Augen der Bev&#246;lkerung auf das   Thema Atomausstieg. Selbst 75 Prozent der baden-w&#252;rttembergischen   SPD-Unterst&#252;tzerInnen sahen bei den Gr&#252;nen die gr&#246;&#223;te Kompetenz bei   diesem dominierenden Thema. Die von Schwarz-Gelb und den Atombossen   ausgehandelte Laufzeitverl&#228;ngerung war zudem ein Geschenk f&#252;r die   Gr&#252;nen, das von der eigenen Verantwortung f&#252;r die langen Laufzeiten, die   aus dem rot-gr&#252;nen Atomkompromiss &#8211; unter dem die jetzt vor&#252;bergehend   abgeschalteten Meiler noch bis 2020 am Netz gewesen w&#228;ren &#8211;   hervorgingen, ablenkte.<\/p>\n<h4>  SPD<\/h4>\n<p>  Die SozialdemokratInnen haben in Baden-W&#252;rttemberg und in   Rheinland-Pfalz verloren. Der Hamburger Wahlsieg ist schon wieder   vergessen, egal wie sehr die SPD-Spitze die Ergebnisse aus   Rheinland-Pfalz und Baden-W&#252;rttemberg als Erfolg darzustellen versuchen.   Die Wahlen vom 27. M&#228;rz sind ein weiterer Beleg daf&#252;r, dass die SPD von   der Masse der ArbeitnehmerInnen nicht mehr als &#8222;ihre&#8220; Partei gesehen   wird, sondern als eine b&#252;rgerlich-prokapitalistische Partei, wie alle   anderen.<\/p>\n<h4>  DIE LINKE<\/h4>\n<p>  F&#252;r die Partei DIE LINKE muss das Wahlergebnis vom 27. M&#228;rz Anlass zu   einer breiten Diskussion &#252;ber ihre Politik und Strategie sein. Auch wenn   die absoluten Stimmen durch die h&#246;here Wahlbeteiligung gestiegen sind,   ist das Resultat niederschmetternd und wirft die Frage auf, wie das   m&#246;glich war. Sollte der rechte Parteifl&#252;gel versuchen, das Ergebnis dem   linkeren Profil der Partei im Westen anzulasten, so w&#228;re das nicht nur   inhaltlich falsch, sondern auch ein durchschaubares und peinliches   Man&#246;ver. Angesichts der Stagnation bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt und   den niedrigen Umfragewerten in Berlin g&#228;be es daf&#252;r auch nicht einmal   eine faktische Basis.<\/p>\n<p>  Tats&#228;chlich ist das Problem der Partei, dass sie eben nicht als   k&#228;mpferische Partei des Widerstands und der sozialen Bewegungen   wahrgenommen wird, sondern als die linke Partei unter den anderen   Parteien, die genauso als Teil des parlamentarischen Parteiensystems   gesehen wird und deren Gebrauchswert nicht einmal f&#252;r die Teile der   Bev&#246;lkerung deutlich wird, die sich zu zehn- und hunderttausenden an den   Bewegungen gegen Stuttgart 21 und Atomkraft beteiligt haben. 34.000   LINKE-W&#228;hlerInnen sind in Baden-W&#252;rttemberg zu den Gr&#252;nen gegangen &#8211;   weil DIE LINKE das Thema Stuttgart 21 zu lange verschlafen hatte und in   der Anti-Atom-Bewegung keine vorw&#228;rtstreibende Rolle spielt.<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich waren die Rahmenbedingungen f&#252;r DIE LINKE nicht einfach: die   Gr&#252;nen haben beim Thema Atomkraft einen historischen Bonus, es gibt zur   Zeit wenig K&#228;mpfe und Bewegungen zu sozialen und gewerkschaftlichen   Themen. Aber wenn man nur als Korrektiv zu SPD und Gr&#252;nen wahrgenommen   wird und sich diesen immer wieder als Regierungspartner andient, dann   muss sich f&#252;r viele Menschen die Frage stellen, welchen Unterschied DIE   LINKE denn real macht. Nat&#252;rlich hat der Wunsch, Mappus in   Baden-W&#252;rttemberg abzuw&#228;hlen, bei manchem potenziellen LINKE-W&#228;hler dazu   gef&#252;hrt, diesmal &#8222;auf Nummer sicher zu gehen&#8220; und die Gr&#252;nen zu w&#228;hlen.   Schlie&#223;lich war der Einzug der LINKEN in den Landtag immer unsicher &#8211;   und die Gefahr einer parlamentarisch &#8222;verschenkten&#8220; Stimme hoch &#8211; und   h&#228;tte ein solcher die Abwahl von Mappus evtl. sogar erschwert, weil dies   f&#252;r die SPD die Option einer Gro&#223;en Koalition wieder er&#246;ffnet h&#228;tte. Das   wurde aber durch Aussagen von LINKE-Politikern, es gebe nur einen   Regierungswechsel, wenn DIE LINKE in den Landtag einzieht, auch noch ad   absurdum gef&#252;hrt. Und das Ergebnis von Rheinland-Pfalz, wo die SPD zehn   Prozent verloren hat und DIE LINKE kaum davon profitiert, zeigt, dass   das Problem der Partei tiefer liegt.<\/p>\n<h4>  Aussichten<\/h4>\n<p>  So &#8222;historisch&#8220;, wie das Wahlergebnis von SPD und Gr&#252;nen dargestellt   wird, ist es nicht. Auch wenn die CDU in Baden-W&#252;rttemberg zum ersten   Mal seit 58 Jahren in die parlamentarische Opposition gehen muss.   Schlie&#223;lich werden weiterhin prokapitalistische Parteien eine Politik   gegen die Mehrheit der Bev&#246;lkerung umsetzen k&#246;nnen. Einen Wendepunkt f&#252;r   die politischen Entwicklungen in der Bundesrepublik stellt es trotzdem   dar. Das Ende der Regierungszeit der Merkel-Westerwelle-Koalition k&#246;nnte   eingeleitet sein. Das ist gut so! Diese Regierung hat in der Masse der   arbeitenden und erwerbslosen Bev&#246;lkerung keine Basis mehr. Sie muss weg.   Besser heute als morgen! Ein vorzeitiger Sturz der Bundesregierung w&#252;rde   zwar unter den gegebenen Bedingungen &#8211; angesichts der Tatsache, dass sie   realistisch nur durch eine SPD-gef&#252;hrte Regierung ersetzt w&#252;rde &#8211; nicht   eine Regierung im Interesse der Mehrheit der Bev&#246;lkerung ins Amt   bringen, aber die Ausgangsbedingungen f&#252;r erfolgreiche Bewegungen und   K&#228;mpfe verbessern. Ganz einfach, weil ein Sturz einer Regierung das   System insgesamt schw&#228;cht und die Erwartungshaltung an die neue   Regierung enorm steigern w&#252;rde. DIE LINKE sollte f&#252;r eine Ende der   schwarz-gelben Bundesregierung eintreten und gleichzeitig deutlich   machen, dass sie nicht bereit ist zum Erf&#252;llungsgehilfen f&#252;r rot-gr&#252;n zu   werden. N&#246;tig ist eine Regierung, die die AKW&quot;s sofort abschaltet, einen   gesetzlichen Mindestlohn einf&#252;hrt, die Krisenlasten nicht auf dem R&#252;cken   der Bev&#246;lkerungsmehrheit abl&#228;dt &#8211; eine Regierung, die konsequent die   Interessen der lohnabh&#228;ngigen Bev&#246;lkerungsmehrheit vertritt, bereit ist,   sich mit den Banken und Konzernen anzulegen und einen Beitrag dazu   leistet auf der Basis von Massenmobilisierungen den Kapitalismus zu   &#252;berwinden. Eine solche Regierung wird es nur geben, wenn eine starke   sozialistische Arbeiterpartei aufgebaut wird. Eine solche wird nur als   Partei des Kampfs und der konsequenten Opposition gegen jede Form von   Sozialabbau, Privatisierung, Arbeitsplatzvernichtung und   prokapitalischer Politik aufgebaut werden k&#246;nnen, so wie die SPD im 19.   Jahrhundert zur Massenpartei der Arbeiterklasse wurde. Wenn DIE LINKE   sich nicht so wandelt, dass sie zum Ausgangspunkt f&#252;r den Aufbau einer   solchen Partei wird, k&#246;nnten die Wahlergebnisse aus Mainz und Stuttgart   f&#252;r sie leider auch ein Wetterleuchten sein. Die Chancen sind aber da.   Denn schneller als so mancher heute glauben mag, werden SPD und Gr&#252;ne   sich wieder als das entpuppen, was sie sind: prokapitalistische und   etablierte Systemparteien, die eine unsoziale Politik gegen die   Bev&#246;lkerungsmehrheit betreiben. Die Aufgabe der LINKEN ist es, dazu eine   glaubw&#252;rdige sozialistische Alternative darzustellen und nicht, sich   ihnen als Juniorpartner in b&#252;rgerlichen Regierungen anzubiedern.<\/p>\n<h5>  <i>Sascha Stanicic ist Bundessprecher der SAV.<\/i><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Deutschland nach Fukushima und den Landtagswahlen\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[78],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14160"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14160"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14160\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14160"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14160"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14160"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}