{"id":14147,"date":"2011-03-17T00:00:00","date_gmt":"2011-03-16T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14147"},"modified":"2012-06-28T15:45:21","modified_gmt":"2012-06-28T13:45:21","slug":"14147","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/03\/14147\/","title":{"rendered":"Revolution und Kampf um Volksmacht im Land von &#8222;Revolution&#8220; und       &#8222;Volksmacht&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Zu den Hintergr&#252;nden und der Entstehung des libyschen Regimes<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Die revolution&#228;re Welle der arabischen Welt hat binnen weniger Wochen in   &#196;gypten und Tunesien Diktatoren hinweggefegt, die mehrere Jahrzehnte   fest im Sattel sa&#223;en. Durch das entschlossene Handeln der Massen wurde   der Mehrheit der Bev&#246;lkerung im Westen bekannt, dass die B&#252;ndnis- und   Handelspartner der US- und der EU-Imperialisten in dieser Region   allesamt korrupte Despoten sind, die jahrzehntelang im Interesse der   Profite mit eiserner Hand geherrscht haben.<\/p>\n<h4>  von Sascha Wiesenm&#252;ller, Aachen<\/h4>\n<p>  Inzwischen hat die Revolution auch das Land Gaddafis erreicht, den   letzten an der Idee des arabischen Nationalismus beziehungsweise am   &#8222;arabischen Sozialismus&#8220; festhaltenden Staat.<\/p>\n<h4>  B&#252;rgerkrieg<\/h4>\n<p>  Die Krise des Kapitalismus hat alle L&#228;nder des arabischen Raums in eine   nahezu hoffnungslose Lage gest&#252;rzt und bestehende Probleme noch   verschlimmert. Massenarmut, (Jugend-)Arbeitslosigkeit und   Perspektivlosigkeit pr&#228;gen &#252;berall das Bild. Das Libyen von   &#8222;Revolutionsf&#252;hrer&#8220; Muammar al Gaddafi sah w&#228;hrend der K&#228;mpfe in   Tunesien und &#196;gypten zun&#228;chst stabiler aus (Libyen liegt geografisch   genau zwischen diesen beiden nordafrikanischen L&#228;ndern und hat eine   Bev&#246;lkerung von 6,5 Millionen Menschen). Das Regime versuchte mit   sozialen Zugest&#228;ndnissen, dem Unmut der Bev&#246;lkerung den Wind aus den   Segeln zu nehmen. So verf&#252;gte Gaddafi die Abschaffung aller Steuern.   Doch das konnte den Ausbruch der aufgestauten Wut nicht bremsen. Nachdem   Gaddafis Freunde Ben Ali und Husni Mubarak gest&#252;rzt wurden, wankt auch   die Macht des Despoten aus Tripolis.<\/p>\n<p>  Informationssperren und Verschleierungsversuche der libyschen   Staatsmacht k&#246;nnen nicht dar&#252;ber hinwegt&#228;uschen, dass mehrere St&#228;dte in   die H&#228;nde der Aufst&#228;ndischen fielen, w&#228;hrend die Schergen Gaddafis,   verst&#228;rkt durch aus diversen afrikanischen L&#228;ndern angeheuerte S&#246;ldner,   an ihnen wahre Blutb&#228;der anrichten. Erinnerungen an den Sturz Nicolae   Ceaucescus in Rum&#228;nien im Dezember 1989 werden wach. Die sich an der   Macht klammernde herrschende Clique hat selbst den Weg des B&#252;rgerkriegs   gew&#228;hlt.<\/p>\n<h4>  Orwellsche Sprachverwirrung<\/h4>\n<p>  Das Regime, das gegenw&#228;rtig wild um sich schl&#228;gt, wirkt beim ersten   Hinsehen etwas verwirrend: Libyen bezeichnet sich auch heute noch als   &#8222;sozialistisch&#8220; und wird angeblich von einer &#8222;direkten Volksmacht&#8220; auf   &#8222;basisdemokratische&#8220; Weise durch &#8222;Volkskomitees&#8220; regiert. Der Despot   nennt sich &#8222;Revolutionsf&#252;hrer&#8220; und beansprucht, Gralsh&#252;ter einer   arabischen Sozialismus-Variante zu sein. B&#252;rgerliche Medien greifen   diese Selbstbezeichnungen nat&#252;rlich gerne auf, um Revolution und   Sozialismus erneut zu diskreditieren.<\/p>\n<p>  Doch tats&#228;chlich ist die libysche Selbstdarstellung Sprachverwirrung &#225;   la George Orwells Roman &#8222;1984&#8220;: Die &#8222;Volksmacht&#8220; ist getarnte Willk&#252;r   einer kleinen Armee-Clique, der &#8222;Sozialismus&#8220; b&#252;rgerlicher   Nationalismus. Nun ist die Entstellung dessen, was Sozialismus ist,   nicht neu. In der Sowjetunion seit Stalin und der DDR konnten wir   ebenfalls b&#252;rokratische Diktaturen erleben, die sich selbst   sozialistisch nannten. Doch im Gegensatz zu Libyen war dort der   Kapitalismus tats&#228;chlich abgeschafft &#8211; auch wenn man keineswegs von   Sozialismus sprechen konnte.<\/p>\n<h4>  Koloniale Revolution<\/h4>\n<p>  Trotzki stellte in seiner Theorie der &#8222;Permanenten Revolution&#8220; fest,   dass die Bourgeoisie, die Kapitalistenklasse, in L&#228;ndern mit   &#8222;versp&#228;teter Entwicklung&#8220; (das hei&#223;t da, wo die Aufgaben einer   b&#252;rgerlichen Revolution wie Landreform, Beseitigung feudaler   Verh&#228;ltnisse, Industrialisierung Anfang des 20. Jahrhunderts &#8211; zurzeit   der Herausbildung des Imperialismus &#8211; noch nicht erf&#252;llt waren) unf&#228;hig   ist, eine revolution&#228;re Rolle zu spielen. Sie ist zu schwach und zudem   abh&#228;ngig vom Imperialismus und aufs engste mit dem Gro&#223;grundbesitz   verbunden.<\/p>\n<p>  Daher k&#246;nnen die Aufgaben dieser Revolution nur durch die   Arbeiterklasse, unterst&#252;tzt von den unterdr&#252;ckten Landmassen, gel&#246;st   werden, die &#252;ber den Rahmen der b&#252;rgerlichen Revolution hinausgeht und   zu sozialistischen Aufgaben &#252;bergeht. Die b&#252;rgerliche Revolution w&#252;rde   danach direkt, &#8222;permanent&#8220; in die proletarische &#252;bergehen. Die   Machteroberung der Arbeiterklasse 1917 in Russland best&#228;tigte die   Richtigkeit dieser Theorie.<\/p>\n<p>  In der kolonialen Welt nach 1945 (am Ende des Zweiten Weltkriegs waren   noch fast ganz Afrika, gro&#223;e Teile Asiens und Gebiete Lateinamerikas   Kolonien) waren die Bourgeoisien extrem schwach. In diesen L&#228;ndern der   so genannten &#8222;Dritten Welt&#8220; zeigte sich deutlich, dass keine der nach   der Unabh&#228;ngigkeit von den Kolonialm&#228;chten an die Macht gekommenen   pro-kapitalistischen Regierungscliquen f&#228;hig war, die dr&#228;ngendsten   Probleme der Massen auch nur ansatzweise zu l&#246;sen. Die Schw&#228;che der   Bourgeoisie dieser L&#228;nder f&#252;hrte in einigen Staaten zu einer relativen   Unabh&#228;ngigkeit der Milit&#228;rkaste.<\/p>\n<h4>  Der Staat<\/h4>\n<p>  Nicht nur in einer Diktatur, auch in der b&#252;rgerlichen Demokratie   fungiert der Staat als Unterdr&#252;ckungsinstrument in den H&#228;nden der   Kapitalisten. Er dient dazu, dass die &#246;konomisch Herrschenden auch die   politisch Herrschenden sind. Die b&#252;rgerlich-parlamentarische Demokratie   ist f&#252;r das Kapital die billigste Regierungsform. Aber sie ist nicht   immer brauchbar. Wenn die gesellschaftlichen Konflikte zu gro&#223; sind,   dann &#8222;brennen die Sicherungen&#8220; der Demokratie durch. Die wirtschaftlich   Herrschenden sehen sich gezwungen, die Macht zu konzentrieren, um sie   geb&#252;ndelt gegen die rebellierenden Massen einsetzen zu k&#246;nnen. Oft   treten sie dann die politische Herrschaft an einen verselbstst&#228;ndigten   Staatsapparat ab &#8211; der in besonders turbulenten Zeiten kein allzu   verl&#228;ssliches Instrument der &#246;konomisch herrschenden Klasse ist.   Ausdruck davon sind h&#228;ufige Milit&#228;rputsche oder Staatsstreiche.<\/p>\n<p>  Der Kampf der diversen Cliquen innerhalb der Armee repr&#228;sentiert und   reflektiert in verzerrter Weise den Klassenwiderspruch in der   Gesellschaft. Und dies kann auch gar nicht anders sein, da das Milit&#228;r   im Produktionsprozess keine unabh&#228;ngige Rolle spielt. So muss jeder Teil   der Milit&#228;rkaste sich notwendigerweise in seinen pers&#246;nlichen   Machtk&#228;mpfen auf eine gesellschaftliche Klasse st&#252;tzen.<\/p>\n<h4>  Bonapartismus<\/h4>\n<p>  Karl Marx nannte autorit&#228;re Regime, die sich scheinbar &#252;ber den Klassen   erheben, um in einem bestimmten Kr&#228;ftverh&#228;ltnis &#8211; wenn sich die   feindlich gegen&#252;berstehenden Hauptklassen quasi neutralisieren &#8211; die   Gesch&#228;fte der &#246;konomisch herrschenden Klasse zu erf&#252;llen,   &#8222;bonapartistisch&#8220;, nach Louis Bonaparte, dem sp&#228;teren Kaiser Napol&#233;on   III. von Frankreich. Schlie&#223;lich schwang sich Napol&#233;on nach der   Franz&#246;sischen Revolution von 1789 zum Alleinherrscher auf, machte viele   Ma&#223;nahmen der Revolution&#228;re r&#252;ckg&#228;ngig &#8211; ohne dabei jedoch die alten   feudalen Verh&#228;ltnisse wieder zu restaurieren. Die durch die Revolution   geschaffenen Grundlagen f&#252;r eine kapitalistische Entwicklung blieben   unter Napol&#233;on bestehen.<\/p>\n<p>  Trotzki griff diese Bezeichnung sp&#228;ter auf, um die stalinistische   Sowjetunion als eine &#8222;proletarische&#8220; Form von &#8222;Bonapartismus&#8220; zu   charakterisieren: Die &#246;konomische Grundlage war in Russland nach der   Oktoberrevolution 1917 nicht mehr kapitalistisch, die Arbeiterklasse war   die &#246;konomisch herrschende Klasse (in der Wirtschaft dominierten   Staatseigentum, staatliches Au&#223;enhandelsmonopol und, mit Verz&#246;gerung,   F&#252;nf-Jahres-Pl&#228;ne). Aber politisch wurde sie unter Stalin v&#246;llig   unterdr&#252;ckt und machtlos.<\/p>\n<p>  Bonapartistische Regime schweben nicht in der Luft, sondern schwanken   zwischen den Klassen. In letzter Instanz aber repr&#228;sentieren sie die   jeweils herrschende Klasse.<\/p>\n<p>  Wo sich sowohl die Arbeiterklasse als auch die Bourgeoisie zu schwach   erweist, die Macht zu ergreifen, k&#246;nnen Milit&#228;rs ins Vakuum sto&#223;en.<\/p>\n<p>  Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die Sowjetunion gest&#228;rkt, in   weiten Teilen Osteuropas, aber auch in China wurde der Kapitalismus   abgeschafft. Die beachtlichen Erfolge dieser nicht-kapitalistischen   Staaten, die hohe Wachstumsraten verzeichneten und das Gesundheits- und   Bildungswesen auf Basis von Planwirtschaften, verglichen mit der   vorherigen katastrophalen Lage unter kapitalistischen Verh&#228;ltnissen,   rasant entwickelten, war anziehend f&#252;r viele bonapartistische F&#252;hrer der   &#8222;Dritten Welt&#8220;. Eine Planwirtschaft nach stalinistischem Vorbild   erschien als ein attraktiver Weg zu nationaler Unabh&#228;ngigkeit und   Wohlstand.<\/p>\n<p>  Unter den Bedingungen der Systemkonkurrenz, durch das Bestehen   &#8222;deformierter Arbeiterstaaten&#8220;, wechselten viele Milit&#228;rs und andere   bonapartistische F&#252;hrer zum &#8222;Sozialismus&#8220; stalinistischer Pr&#228;gung. Nach   1945 gab es mehrere Beispiele f&#252;r solche Staaten: Nordkorea, S&#252;djemen,   erst Nord-, sp&#228;ter auch S&#252;d-Vietnam und einige andere. Es waren allesamt   monstr&#246;se Karikaturen auf den Sozialismus.<\/p>\n<p>  Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wandelten sich diese wieder in   kapitalistische Staaten um. Die b&#252;rokratische, bonapartistische Kaste   entpuppte sich dabei als treibende Kraft dieser R&#252;ckentwicklung.<\/p>\n<h4>  Besondere Lage im arabischen Raum<\/h4>\n<p>  In den arabischen L&#228;ndern gab es zwei Besonderheiten, die f&#252;r das   Verst&#228;ndnis des Verlaufs der kolonialen Revolution dort von Bedeutung   sind:<\/p>\n<p>  Erstens stellte sich die nationale Frage dort in besonderer Form. Denn   die arabische Nation, das hei&#223;t der arabischsprachige Raum war in 20   Staaten, deren Grenzen von den Kolonialm&#228;chten k&#252;nstlich gezogen wurden,   gespalten. Es kam darauf an, sie zu einen. Eine Aufgabe, die bis heute   nicht gel&#246;st worden ist.<\/p>\n<p>  Zweitens war der Stalinismus dort besonders diskreditiert. Die   Kommunistischen Parteien, die zeitweise gro&#223;en Einfluss im arabischen   Raum hatten, galten als Saboteure des antikolonialen Befreiungskampfes.   Da die Sowjetunion w&#228;hrend des Zweiten Weltkriegs auf der Seite der   Kolonialm&#228;chte Frankreich und Gro&#223;britannien stand, wirkten sie auf ihre   Parteien in Nordafrika und im Nahen Osten ein, die Verb&#252;ndeten nicht zu   schw&#228;chen (ein Gro&#223;teil der dortigen L&#228;nder war in dieser Zeit von   Gro&#223;britannien besetzt). Darum wurden viele der Befreiungsbewegungen   dort nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von b&#252;rgerlichen Nationalisten   gef&#252;hrt &#8211; die sich ebenfalls diskreditierten. Oft unterst&#252;tzten die KPen   auch vermeintlich &#8222;fortschrittliche&#8220; b&#252;rgerliche Kr&#228;fte. Die Folge davon   war, dass kleinb&#252;rgerliche panarabisch-nationalistische Ideologien   ungemeine Popularit&#228;t erlangten.<\/p>\n<h4>  Vorbild Nasser<\/h4>\n<p>  Ein Beispiel f&#252;r ein solches kleinb&#252;rgerlich-nationalistisches Regime   war das von Gamal Abdel Nasser in &#196;gypten. Der von ihm angef&#252;hrte &#8222;Bund   Freier Offiziere&#8220; st&#252;rzte in den F&#252;nfzigern den im Auftrag des   britischen Imperialismus regierenden K&#246;nig und &#252;bernahm fortan die   Macht. Nasser und seine Anh&#228;ngerInnen nannten sich &#8222;arabische   Sozialisten&#8220;. Ihr Ziel war es jedoch nicht, den Kapitalismus zu st&#252;rzen,   sondern lediglich ihn radikal zu reformieren. Ihr Ziel war haupts&#228;chlich   nationale Unabh&#228;ngigkeit und die staatliche Einheit aller AraberInnen.   Verstaatlichungsma&#223;nahmen und eine Landreform gingen einher mit der   Zerschlagung jeder unabh&#228;ngigen Organisierung der Arbeiterklasse und   armen B&#228;uerInnen. Als Nasser 1952 an die Macht gelangte, lie&#223; er   zugleich Streiks niederschlagen und Streikf&#252;hrer hinrichten. Nasser   verstaatlichte den Suez-Kanal und f&#252;hrte eine Landreform durch. Er   verstaatlichte Banken, Versicherungen und Schl&#252;sselindustrien. Diese   Ma&#223;nahmen f&#252;hrten zum Konflikt mit dem Imperialismus und in die   au&#223;enpolitische N&#228;he zur UdSSR. Dennoch ging das Regime Nassers den Weg   nicht zu Ende und versuchte weiter, in typisch bonapartistischer Weise   zwischen den Klassen und zwischen Arbeiterbewegung und reaktion&#228;ren   islamistischen Kr&#228;ften wie der (1928 gegr&#252;ndeten) Muslimbruderschaft zu   lavieren. Dabei ging Nasser sowohl gegen die herrschende Klasse als auch   gegen die Arbeiterklasse vor, wenn diese ihm zu weit ging. Auf eine   vollst&#228;ndige Beseitigung des Kapitalismus verzichtete er. Der Einfluss   der Sowjetb&#252;rokratie, die die &#8222;Koexistenz&#8220; mit dem Imperialismus nicht   aufs Spiel setzen wollte, tat einiges dazu, dass der Nasserismus   letztlich in einer Sackgasse endete. Als Nasser mit der Errichtung eines   stalinistischen Staates lieb&#228;ugelte, schickten die Kreml-B&#252;rokratie   ihren damaligen Staatspr&#228;sidenten Nikolai Podgorny, der Nasser von   diesem Schritt abriet. Unter Nassers Nachfolgern Anwar as-Sadat und   Mubarak schlug &#196;gypten einen neoliberalen Weg der Reprivatisierungen ein   und orientierte sich wieder am &#8222;Westen&#8220;.<\/p>\n<h4>  Libyen nach der &#8222;Unabh&#228;ngigkeit&#8220;<\/h4>\n<p>  Wie weit kleinb&#252;rgerlich-bonapartistische Regime   arabisch-nationalistischer Richtung gehen k&#246;nnen, zeigt das Beispiel   Libyens unter Gaddafi.<\/p>\n<p>  Libyen war bis Ende des Zweiten Weltkriegs italienische Kolonie, stand   dann bis 1953 unter britischer und franz&#246;sischer Verwaltung und wurde   erst danach formal unabh&#228;ngig. Doch diese Unabh&#228;ngigkeit bestand nur auf   dem Papier. Faktisch wurde Libyen von den Banken und Konzernen der   ehemaligen Kolonialm&#228;chte beherrscht.<\/p>\n<p>  Regiert wurde Libyen von einem absoluten Monarchen, K&#246;nig Idris. Feudale   Strukturen (Gro&#223;grundbesitzer, Stammesscheichs) herrschten vor. Die   knapp f&#252;nf Millionen Menschen lebten in den wenigen, nicht von W&#252;ste   eingenommenen Abschnitten. Eine nationale Bourgeoisie war kaum vorhanden   &#8211; ausl&#228;ndisches Kapital bestimmte die Wirtschaft.<\/p>\n<p>  Die F&#252;nfziger Jahre aber brachten Libyen einen enormen   Wirtschaftsaufschwung. Durch die ab 1959 einsetzende Erd&#246;lf&#246;rderung   wurde es von einem der &#228;rmsten L&#228;nder schnell zu einem wohlhabenden   Staat der OPEC (die Organisation erd&#246;lexportierender L&#228;nder). Verdiente   der libysche Staat 1962 noch 86 Millionen Dollar durch den Roh&#246;lexport,   so waren es 1969 bereits 126 Millionen Dollar.<\/p>\n<p>  Doch davon profitierten neben den europ&#228;ischen &#214;lkonzernen nur einige   wenige Angeh&#246;rige der kleinen reichen Oberschicht. F&#252;r die Mehrheit der   LibyerInnen blieb die soziale Lage katastrophal: In den sechziger Jahren   waren noch 90 Prozent der Bev&#246;lkerung AnalphabetInnen. Armut und   Unterentwicklung beherrschten den Alltag der libyschen Massen. Der   entstehende Unmut entlud sich in Streiks, sozialen Unruhen und   Studentenprotesten. Doch es fehlte eine revolution&#228;re F&#252;hrung mit einem   sozialistischen Programm.<\/p>\n<p>  In der Armee (vor allem in den unteren und mittleren Offiziersr&#228;ngen)   gab es massive Unzufriedenheit. Dort gewannen   panarabisch-nationalistische, an Nasser orientierte Vorstellungen an   Einfluss.<\/p>\n<h4>  Gaddafis &#8222;Revolution&#8220;<\/h4>\n<p>  In dieser Atmosph&#228;re brachte 1969 ein Putsch eine Gruppe von Offizieren   unter der F&#252;hrung von Gaddafi an die Macht. Ein zw&#246;lf-k&#246;pfiger   &#8222;Revolution&#228;rer Kommandorat&#8220; aus Offizieren regierte von da an. Ihre   Losung &#8222;Freiheit, Einheit, Sozialismus&#8220; lie&#223; viele Linke glauben, dass   dort tats&#228;chlich ein &#8222;sozialistisches&#8220; System errichtet wurde.   Tats&#228;chlich orientierte sich Gaddafis &#8222;islamischer Sozialismus&#8220; an der   Idee Nassers, einen nationalistischen &#8222;dritten Weg&#8220; zwischen Sozialismus   und Kapitalismus zu finden . Gaddafi grenzte seine Ideen streng vom   Marxismus ab.<\/p>\n<p>  Gaddafis Ideologie, die er Mitte der siebziger Jahre im sogenannten   &#8222;Gr&#252;nen Buch&#8220; niederschrieb, lehnte eine bewusste Orientierung auf die   Arbeiterklasse ab. Das Volk (&#8222;jamahir&#8220;) wird n&#228;mlich in ihr als eine   Einheit verstanden. Klassen gibt es in ihm angeblich nicht. So   bezeichnet Gaddafi den Klassenkampf und eine Orientierung darauf   folgerichtig als &#8222;k&#252;nstliche Spaltung&#8220;. Ausgehend davon wurden Parteien   und Gewerkschaften verboten. Streiks wurden, wo sie vorkamen, vom   Gaddafi-Regime unterdr&#252;ckt.<\/p>\n<p>  Eine von Gaddafi geschaffene Einheitspartei ASU (Arabische Soziale   Union) bildete mit ihrer B&#252;rokratie zusammen mit der Armee die   eigentliche St&#252;tze von Gaddafis Herrschaft. Ab 1979 trug Gaddafi den   Titel &#8222;Revolutionsf&#252;hrer&#8220;. Er hat formal kein richtiges Amt, ist also   weder Pr&#228;sident, noch Minister oder etwas dergleichen. Seine Rolle im   Staat ist nur die eines &#8222;weisen Beraters&#8220; und die eines &#8222;ideologischen   Wegweisers&#8220;, was praktisch nichts anderes bedeutet, als dass er   au&#223;erhalb aller Gesetze und fernab von jeglicher Kontrolle und   W&#228;hlbarkeit des Volkes (&#8222;jamahir&#8220;) und ohne Rechenschaftspflicht handeln   kann. Er ist somit unabsetzbar. Unter anderem gegen diese   selbstherrliche Machtf&#252;lle richtet sich gegenw&#228;rtig die   Aufstandsbewegung.<\/p>\n<h4>  &#8222;Islamischer Sozialismus&#8220;<\/h4>\n<p>  Die ersten Ma&#223;nahmen des Gaddafi-Regimes waren &#8222;national-revolution&#228;r&#8220;   und entsprachen im Wesentlichen denen des kleinb&#252;rgerlichen   Nasser-Regimes in &#196;gypten: Man schloss die Milit&#228;rbasen der   Imperialisten, der ehemaligen Kolonialm&#228;chte, wies 1970 die letzten noch   aus der Kolonialzeit stammenden italienischen Siedler aus und begann im   selben Jahr mit der Verstaatlichung der ausl&#228;ndischen Unternehmen und   Banken. Die Verstaatlichung der &#214;lindustrie 1973 erwies sich dabei als   bedeutendster Schritt: Libyen wurde dadurch in k&#252;rzester Zeit wohlhabend   und die Ma&#223;nahmen waren entsprechend popul&#228;r. Der Lebenstandard der   LibyerInnen war der h&#246;chste in Afrika und entsprach dem anderer   arabischer &#214;lstaaten. Betrug das Pro-Kopf-Einkommen 1961 noch 50 Dollar,   waren es 1971 1.700 Dollar. Durch die staatliche Verf&#252;gung &#252;ber die   &#214;lquellen gelang es dem Regime in der Folgezeit, eine f&#252;r diese Region   au&#223;ergew&#246;hnliches Sozialsystem aufzubauen, welches kostenlose Bildung   ebenso umfasste wie ein kostenloses Gesundheitssystem. Die   Analphabetenrate sank allein im Laufe der siebziger Jahre von 90 auf 20   Prozent. Zudem investierte der Staat viel Geld in den &#246;ffentlichen   Wohnungsbau. Gaddafis erkl&#228;rtes Ziel war es, alle LibyerInnen zu   Eigent&#252;merInnen ihres Hauses und ihrer Wohnung zu machen. Zeitweise kam   Libyen dem sehr nahe.<\/p>\n<p>  Der &#8222;islamische Sozialismus&#8220; auf arabisch-nationalistischer Grundlage   f&#252;hrte aber auch zu einer reaktion&#228;ren Kulturpolitik und zur   Unterdr&#252;ckung nationaler Minderheiten. Gaddafi forderte eine R&#252;ckkehr   zur traditionellen arabischen Lebensweise. Die staatliche F&#246;rderung   traditioneller arabischer Musik und Kleidung waren da noch der   harmlosere Teil. Einher gingen diese Ma&#223;nahmen mit einer rigorosen   Arabisierungspolitik (worunter besonders die Minderheiten der Berber und   Tuareg zu leiden hatten) und mit der Verfolgung &#8222;unarabischer&#8220;   Lebensweisen. Homosexuellen wurden verfolgt und inhaftiert. Gaddafi   erkl&#228;rte den Islam zur &#8222;Grundlage aller Gesetze&#8220;, was sp&#228;ter zur   Einf&#252;hrung der Scharia f&#252;hrte.<\/p>\n<p>  Andererseits besch&#228;ftigte das Regime vermehrt Frauen auf den Gebieten   des Bildungswesens, in der Wirtschaft und in der Armee.<\/p>\n<p>  Das libysche Regime, welches sich mal als &#8222;panarabisch&#8220;, mal als   &#8222;panafrikanisch&#8220; verstand, verfolgte &#8211; seinem nationalistischen   Charakter entsprechend &#8211; nie eine internationalistische au&#223;enpolitische   Linie und eine Orientierung auf die K&#228;mpfe der Arbeiterklasse. Vor dem   Hintergrund mag es auch nicht verwundern, dass Gaddafi im Jahre 1978 &#8211;   also als er sich noch als &#8222;Sozialist&#8220; und &#8222;Anti-Imperialist&#8220; gab &#8211; vom   Bundesnachrichtendienst (BND) Hilfe bei der Ausbildung von Elitesoldaten   bekam.<\/p>\n<h4>  &#8222;Produzentenrevolution&#8220; und &#8222;Volksmacht&#8220;<\/h4>\n<p>  Mitte der siebziger Jahre verschwand Gaddafi f&#252;r eine Zeit aus der   &#214;ffentlichkeit. Es sieht so aus, als w&#228;re ein Machtkampf in der   Regierungsclique ausgebrochen. Nach seiner erfolgreichen R&#252;ckkehr in die   &#214;ffentlichkeit verk&#252;ndete er die sogenannte &#8222;Produzentenrevolution&#8220;.   Nach dieser sollte der &#8222;sozialistische&#8220; Teil seiner Ideologie   verwirklicht werden.<\/p>\n<p>  Die Verstaatlichung der libyschen Wirtschaft wurde vorangetrieben. Auf   dem H&#246;hepunkt dieser Entwicklung befanden sich 90 Prozent der   Volkswirtschaft in Staatseigentum. Das bis heute noch vorherrschende   Staatseigentum erweist sich aber beim n&#228;heren Hinsehen vor allem als   Selbstbedienungsladen f&#252;r den Gaddafi-Clan und andere mit ihm verfilzte   Familien. Einige glaubhaften Sch&#228;tzungen zufolge betr&#228;gt das   Privatverm&#246;gen des &#8222;Revolutionsf&#252;hrers&#8220; bis zu 150 Milliarden Euro.<\/p>\n<p>  Im ganzen Land wurden sogenannte &#8222;Volkskomitees&#8220; gegr&#252;ndet, in die 1976   auch die Einheitspartei ASU eingegliedert wurde. Diese sollten &#8211; der   Theorie nach &#8211; Organe zur direkten demokratischen Machtaus&#252;bung der   Massen sein. In Schulen, Unis, Wohnbezirken und Betrieben wurden diese   &#8222;Volkskomitees&#8220; einberufen. Dies verleitete viele Linke dazu, sie   irrt&#252;mlich mit R&#228;ten gleichzusetzen.<\/p>\n<p>  Doch tats&#228;chlich sind die Massen innerhalb dieser (bis heute   existierenden) &#8222;Volkskomitees&#8220; v&#246;llig atomisiert. Die ArbeiterInnen   d&#252;rfen sich nicht gewerkschaftlich organisieren und auch keine eigenen   Parteien bilden. Entscheidungen stehen ausschlie&#223;lich der F&#252;hrung zu &#8211;   und das ist der &#8222;Revolutionsf&#252;hrer&#8220; Gaddafi selbst beziehungsweise einer   seiner S&#246;hne und Familienangeh&#246;rigen!<\/p>\n<p>  Um auch ganz auf Nummer sicher zu gehen, dass aus den &#8222;Volkskomitees&#8220;   nicht doch eine Art der Selbstorganisation der Arbeiterklasse wird, gibt   es daneben noch die elit&#228;ren &#8222;Revolutionskomitees&#8220;, die aus besonders   treuen Gaddafi-Anh&#228;nger gebildet werden und den Staat vor &#8222;Feinden&#8220;   sch&#252;tzen sollen. Diese spielen mit ihren bewaffneten Milizen momentan   eine Hauptrolle bei der milit&#228;rischen Repression gegen die   Aufstandsbewegung.<\/p>\n<p>  Gaddafi verk&#252;ndete, dass mit der &#8222;Produzentenrevolution&#8220; und der   &#8222;Volksmacht&#8220; Lohnarbeit, Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung beseitigt w&#252;rden.   Doch tats&#228;chlich entstand nur ein diktatorisches bonapartistisches   Regime, welches zwischen den Klassen lavierte, ein Kapitalismus mit   weitgehender Verstaatlichung. Die kleine einheimische Bourgeoisie, die   traditionell unbedeutend war, blieb weiterhin bestehen und sicherte sich   F&#252;hrungspositionen im Staat.<\/p>\n<p>  Auf Grund seiner Gewinne aus dem &#214;lexport konnte sich Libyen einen gut   ausgebauten Wohlfahrtsstaat leisten. Dieser galt aber l&#228;ngst nicht f&#252;r   alle im Land lebenden Menschen. W&#228;hrend Libyens &#246;konomischer Bl&#252;tezeit   wurden zehntausende Arbeitsmigranten aus Afrika und dem arabischen Raum   ins Land geholt, die die schweren und schlecht bezahlten Arbeiten machen   mussten und v&#246;llig rechtlos waren.<\/p>\n<p>  Trotz der weitgehenden Verstaatlichungen wurde der Kapitalismus nicht   beseitigt. Einen gesamtgesellschaftlichen Wirtschaftsplan gab es nicht.   Dies zeigt, dass man einen (deformierten) Arbeiterstaat nicht am Grad   der Verstaatlichung ausmachen kann. Selbst in einem kapitalistischen   Land wie Israel befanden sich zeitweise 70-80 Prozent der   Rohstofff&#246;rderung und der Gro&#223;betriebe in staatlicher Hand.<\/p>\n<h4>  Neoliberale Wende<\/h4>\n<p>  90 Prozent der Staatseinnahmen Libyens hingen (und h&#228;ngen noch) vom   Erd&#246;l ab. Entsprechend abh&#228;ngig von den weltweiten Roh&#246;lpreisen war die   libysche Wirtschaft. Dies machte sich schon Anfang der Achtziger negativ   bemerkbar. Mit dem Beginn des ersten Golfkriegs, zwischen Iran und Irak,   kam es zu einem Einbruch bei den Roh&#246;lpreisen. Libyens Einnahmen aus dem   &#214;lhandel sanken ins Bodenlose: Lagen sie 1980 noch bei 23 Milliarden   Dollar im Jahr, so lagen sie schon 1983 bei nur noch 14 Milliarden. 1985   war mit neun Milliarden Dollar der absolute Tiefpunkt.<\/p>\n<p>  Das Gaddafi-Regime reagierte darauf mit einem Abbau der sozialen   Leistungen. So wurden 1984 (vor&#252;bergehend) die Elementarschulen   geschlossen, was als &#8222;revolution&#228;re Ma&#223;nahme&#8220; bezeichnet wurde. M&#252;tter   mussten ihre Kinder somit selbst unterrichten. Die Bedeutung der Familie   im Islam und nach der Ideologie des &#8222;Gr&#252;nen Buches&#8220; wurde dabei vom   Regime im besonderen Ma&#223;e beschworen. Gaddafis bonapartistische Diktatur   erwies sich in theoretischen Fragen immer als sehr pragmatisch und   flexibel.<\/p>\n<p>  Dar&#252;ber hinaus versuchte Gaddafi mit au&#223;enpolitischen Abenteuern von der   inneren Krise abzulenken. Man st&#252;rzte sich in einen Krieg mit Frankreich   um die Kontrolle &#252;ber Libyens s&#252;dliches Nachbarland Tschad (1983-87),   begann islamische Missionare in zahlreiche afrikanische L&#228;nder zu   schicken und unterst&#252;tzte die unterschiedlichsten und diffusesten   politischen Bewegungen und einige terroristische Gruppen. Gleichzeitig   pflegte das Regime gute Beziehungen zu westlichen Investoren, vor allem   aus Deutschland. Deutsche Konzerne spielten eine gro&#223;e Rolle beim Aufbau   der libyschen Giftgasproduktion.<\/p>\n<p>  Die wirtschaftliche Krise versch&#228;rfte sich ab 1986 durch die Verh&#228;ngung   eines UNO-Embargos, das im Gefolge der Bombardierung der Hauptstadt   Libyens auf Druck des US-Imperialismus zustande kam. Doch die sich   wieder stabilisierenden &#214;lpreise federten die &#246;konomischen und sozialen   Folgen ab. Dennoch ging der pro-marktwirtschaftliche und neoliberale   Kurs weiter.<\/p>\n<p>  Seit Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger wurden zahlreiche   Bereiche der Wirtschaft privatisiert. Eine neoliberale Reform nach der   anderen wurde gestartet. Die v&#246;llig atomisierte und durch   Pseudo-&#8222;Volksmacht&#8220; und &#8222;Revolutionskomitees&#8220; ins System eingebundene   und in Schach gehaltene Arbeiterklasse musste diese z&#228;hneknirschend   hinnehmen. Die privatisierten Betriebe und Handelsgesellschaften   verwandelten sich dabei vielfach in Privatbesitz des Gaddafi-Clans und   bedeutender regimetreuer Familien.<\/p>\n<p>  Die Islamisten begannen sich als einzige Opposition zu profilieren und   wurden mit massiver staatlicher Repression bek&#228;mpft. Um der in den   Neunzigern immer st&#228;rker werdenden Opposition von Rechts durch die   Islamisten das Wasser abzugraben, vollzog Gaddafi selbst eine Wende hin   zu islamistischen Positionen. 1994 f&#252;hrte er die uneingeschr&#228;nkte   Scharia ein. So wird heute jemandem, der ein Brot klaut, die Hand   abgehackt und wegen Ehebruchs wird man in Libyen &#246;ffentlich mit 100   Peitschenhieben bestraft. 1997 wurde ein &#8222;Ehrenkodex&#8220;-Gesetz eingef&#252;hrt.   Kinder k&#246;nnen demnach f&#252;r die Vergehen ihrer Eltern bestraft werden und   es gibt eine Art &#8222;Sippenhaft&#8220;.<\/p>\n<p>  F&#252;r die wirtschaftlichen und sozialen Probleme machte das libysche   Regime zunehmend die im Land lebenden MigrantInnen verantwortlich.   1993-95 wurden Zehntausende von ihnen aus Libyen ausgewiesen. Im 21.   Jahrhundert verhandelte Gaddafi mit den Ministern der EU &#252;ber die   Errichtung von Lagern f&#252;r Fl&#252;chtlinge auf libyschem Territorium. Mit   rechten Politikern wie Silvio Berlusconi pflegt(e) der   &#8222;Revolutionsf&#252;hrer&#8220; eine enge Freundschaft.<\/p>\n<h4>  Libyen heute<\/h4>\n<p>  Libyens &#214;lreichtum bringt dem Land immer noch einen relativen Wohlstand.   Doch der Mehrheit geht es sozial und wirtschaftlich immer schlechter.<\/p>\n<p>  Vom &#8222;islamischen Sozialismus&#8220;, der ohnehin nie ein Sozialismus war, ist   heute nichts mehr zu sp&#252;ren. Mittlerweile sind nur noch das   Transportwesen, die &#214;l- und die Stahlindustrie staatlich. Neoliberale   Stiftungen und Think Tanks feiern das erfolgreiche libysche Modell der   wirtschaftlichen Reformen und Transformation als &#8222;positives Beispiel&#8220;.   Der einstige &#8222;Antiimperialist&#8220; und &#8222;Revolution&#228;r&#8220; Gaddafi setzt auf   Einvernehmen mit dem Imperialismus. Bei George Bushs &#8222;Krieg gegen den   Terror&#8220; hat Gaddafi nicht nur geschwiegen, sondern ihn auch gutgehei&#223;en.   Der einstige politische &#8222;bad guy&#8220; Gaddafi strebte nach Anerkennung und   Akzeptanz durch den Imperialismus auf der internationalen B&#252;hne, die ihm   bis vor einigen Wochen auch noch uneingeschr&#228;nkt zuteil wurde. Die   Aufst&#228;ndischen, die Gaddafi niedermetzeln l&#228;sst, beziehen ihre Waffen   bis heute vorwiegend aus Europa, besonders aus deutscher Produktion.   Seit 2008 wurden &#8211; mit dem Segen der Merkel-Regierung &#8211; f&#252;r mehr als 80   Millionen Euro Waffen aus Deutschland nach Libyen exportiert. Deutsche   Exporte aller Art sind 2009 allein um beinahe ein Viertel gestiegen.<\/p>\n<p>  Seit dem EU-Afrika-Gipfeltreffen vom Jahr 2000 besteht ein offizielles   Kooperationsabkommen zwischen Libyen und der EU. Gaddafi bem&#252;hte sich   seitdem um eine Intensivierung der wirtschaftlichen Kooperation mit dem   Westen. Zum Dank hat George W. Bush Libyen 2006 von der Liste der   &#8222;Schurkenstaaten&#8220; gestrichen. Er hat auch dem &#8222;Barcelona-Abkommen&#8220;   zugestimmt, welches ein Bekenntnis zur Marktwirtschaft beinhaltet. Der   &#8222;islamische Sozialist&#8220; Gaddafi hatte in der Folge selbst verk&#252;ndet, dass   &#8222;sozialer Kapitalismus wom&#246;glich doch die bessere Alternative&#8220; sei. In   diesem Sinne handelte er auch. Bis Ende 2008 wurde ein Gro&#223;teil der noch   staatlichen Betriebe privatisiert.<\/p>\n<p>  Die sozialen Auswirkungen des kapitalistischen Kurses &#8211; zu dem die   Weltwirtschaftskrise ab 2008 das ihrige beigetragen hat &#8211; sind   verheerend. Heute sind Sch&#228;tzungen internationaler Organisationen zu   Folge 35 Prozent der Bev&#246;lkerung arm und die Arbeitslosigkeit liegt bei   circa 30 Prozent. Die Korruption ist enorm. W&#228;hrend es den libyschen   Massen &#8211; besonders der Jugend &#8211; immer schlechter geht, schwelgt die   herrschende Clique, die mit der neuen Bourgeoisie verfilzt ist, in Luxus.<\/p>\n<p>  Als in Tunesien im Januar 2011 die Protestbewegung begann, tat Gaddafi   noch selbstsicher und riet seinem Freund Ben Ali, den libyschen   &#8222;Sozialismus&#8220; einzuf&#252;hren, w&#228;hrend er die f&#252;r eine Zukunft k&#228;mpfenden   arbeitslosen Jugendlichen &#252;belst verh&#246;hnte und beschimpfte.<\/p>\n<h4>  Rolle der Arbeiterklasse<\/h4>\n<p>  Stalinismus und arabischer Nationalismus &#225; la Nasser und Gaddafi haben   eins gemeinsam. Sie beruhen auf der politischen Unterdr&#252;ckung der   Arbeiterklasse und der Unterordnung aller unabh&#228;ngigen Bestrebungen der   arbeitenden Menschen unter den Interessen einer nationalistisch   beschr&#228;nkten privilegierten Clique. In der besonderen Situation des   Nachkriegsaufschwungs und in Zeiten der Systemkonkurrenz zwischen Ost   und West konnten L&#228;nder wie Libyen &#8211; gest&#252;tzt auf &#214;lreichtum &#8211; einen   gewissen Sonderweg gehen und bestimmte soziale Errungenschaften   zugestehen. Doch ohne Sturz von Feudalstrukturen und Kapitalismus, ohne   Selbstbestimmung der Arbeiterklasse und ohne eine internationalistische   Orientierung erwies sich der arabische Nationalismus, wie alle   b&#252;rgerlichen Ideologien und Strategien, als Sackgasse. Als zu Beginn der   Revolte aufgebrachte Massen in Bengasi ein &#252;berdimensionales Monument   f&#252;r Gaddafis &#8222;Gr&#252;nes Buch&#8220; zerst&#246;rten, wurde dies symbolisch vor der   Welt&#246;ffentlichkeit demonstriert.<\/p>\n<p>  Der arabische &#8222;Sozialismus&#8220; Libyens ist nur eine Propagandafassade,   hinter der sich kapitalistische Ausbeutung unter einer besonders   korrupten und repressiven Diktatur verbirgt. In Libyen wie in allen   L&#228;ndern des arabischen Raums stellt sich daher dringend die Frage der   unabh&#228;ngigen Organisierung der Arbeiterklasse, der Jugend und armen   B&#228;uerInnen auf der Grundlage eines internationalistischen,   sozialistischen Programms. Nur so k&#246;nnen die brennenden sozialen   Probleme gel&#246;st werden und nur so kann sicher gestellt werden, dass der   Beginn der Revolution nicht in der Abl&#246;sung einer Herrscherclique durch   eine andere endet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Zu den Hintergr&#252;nden und der Entstehung des libyschen Regimes\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[37],"tags":[259],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14147"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14147"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14147\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14147"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14147"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14147"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}