{"id":14135,"date":"2011-02-28T20:00:00","date_gmt":"2011-02-28T20:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14135"},"modified":"2011-02-28T20:00:00","modified_gmt":"2011-02-28T20:00:00","slug":"14135","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/02\/14135\/","title":{"rendered":"Wir haben einen au&#223;ergew&#246;hnlichen Menschen verloren"},"content":{"rendered":"<p>  Ein Nachruf zum Tod von Ga&#233;tan Kayitare<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b><i>Zusammenstellung von Kondolenzschreiben: <a href=\"\/media\/z\/Kondolenzschreiben.doc\">hier<\/a>   klicken <\/i><\/b><\/p>\n<\/p>\n<p>  <b>Es gibt Menschen, die sollten hundert Jahre alt werden. Sozusagen aus   objektiven Gr&#252;nden. Weil sie die F&#228;higkeit haben andere Menschen zu   inspirieren. Ga&#233;tan Kayitare war ein solcher Mensch. Aber er ist nicht   hundert Jahre alt geworden. Gaetan ist am 27. Februar gestorben und wir   wissen nicht einmal genau, wie alt er war. Geboren in Rwanda in   Zentralafrika, kannte er sein genaues Geburtsdatum nicht. Er war wohl   Mitte sechzig.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Sascha Stanicic, SAV-Bundessprecher<\/i><\/h4>\n<p>  Ga&#233;tan war seit 1982 Mitglied der SAV bzw. der Vorl&#228;uferorganisation   &#8222;Voran&#8220; und hatte wesentlichen Anteil daran, die Aachener Gruppe zu   einer Hochburg der Organisation aufzubauen. Er war Mitglied im   Bundesvorstand, arbeitete viele Jahre Vollzeit f&#252;r Voran und SAV und   einige Jahre davon tageweise in der Bundeszentrale, war mehrmals   Delegierter zum Weltkongress des Komitees f&#252;r eine   Arbeiterinternationale. Doch all solche Funktionen und T&#228;tigkeiten   k&#246;nnen nicht ausdr&#252;cken, welche Rolle er gespielt hat und welche   Bedeutung er f&#252;r unz&#228;hlige junge Menschen hatte, die gegen den   Kapitalismus rebellieren wollten und auf der Suche nach Erkl&#228;rungen und   Perspektiven waren.<\/p>\n<p>  Ich lernte Ga&#233;tan 1986, mit 16 Jahren, kennen. Von der ersten Begegnung   an, &#252;bte er eine faszinierende Ausstrahlung auf mich aus. Man sp&#252;rte   sofort, hier hatte man es mit einem unerbittlichen K&#228;mpfer zu tun. Seine   Waffen waren seine Worte. Und selbst, wenn man diese aufgrund des Tempos   und des Akzents, in denen er sie abfeuerte, nicht immer hundertprozentig   verstand, trafen sie seine politischen Gegner und seine politischen   Freunde gleicherma&#223;en ins Herz. Es ist keine &#220;bertreibung, wenn ich   schreibe, dass meine politische Entwicklung zum Marxisten niemand so   sehr beeinflusst und gepr&#228;gt hat, wie Ga&#233;tan Kayitare. Ohne ihn w&#228;re ich   ein Anderer geworden. Ich zog es an nicht wenigen Tagen vor, mich von   ihm vormittags in seiner K&#252;che in Marxismus, Geschichte der   Arbeiterbewegung und dialektischem Denken unterrichten zu lassen, als   zur Schule zu gehen. Ich wei&#223; nicht wie oft wir morgens zusammen vor   einer Schule oder einem Betrieb Flugbl&#228;tter verteilten oder unsere   Zeitung anboten und danach stundenlang diskutierten, oder besser: ich   ihm stundenlang zuh&#246;rte. Und diesbez&#252;glich war ich unter den jungen   GenossInnen in Aachen keine Ausnahme.<\/p>\n<p>  Ga&#233;tan hat sehr viele Menschen nachhaltig gepr&#228;gt und jeder, der ihn   kennen lernte, behielt ihn in Erinnerung. 1998 wurde er als Teil einer   internationalen Delegation des Komitees f&#252;r eine Arbeiterinternationale   nach Schottland geschickt, um in dem Fraktionskampf in der dortigen   Sektion mitzudiskutieren. Ga&#233;tan prophezeite den schottischen   GenossInnen, die sich von den Positionen des CWI&quot;s entfernten, dass sie   im Reformismus landen werden. Er sprach immer seine &#220;berzeugungen direkt   und unverhohlen aus. Doch die SchottInnen liebten und respektierten ihn   und sprachen nur in h&#246;chsten T&#246;nen von den Gespr&#228;chen mit ihm.   Vielleicht auch weil sie erkannten, dass sie es mit einem echten   Internationalisten zu tun hatten. Kaum einer lebte den   Internationalismus wie er.<\/p>\n<p>  Dabei war er nicht nur ein Mann des Wortes, sondern vor allem auch ein   Mann der Tat, ein Aktivist, der sich keine Demonstration, keinen Streik   entgehen lie&#223;. Er war Teil so ziemlich aller Bewegungen, die in Aachen   in den letzten drei&#223;ig Jahren stattfanden. Ob in Kampagnen gegen   Prestigeprojekte in seinem Stadtteil in Aachen-Nord, im   Solidarit&#228;tskomitee f&#252;r die Bergarbeiter von Sophia Jacoba, im Kampf   gegen Nazis und Rassismus, beim Aufbau der WASG und dann, durch seinen   Gesundheitszustand schon stark eingeschr&#228;nkt, der Partei DIE LINKE. Um   nur einige wenige Beispiele zu nennen.<\/p>\n<p>  Er war zweifelsfrei ein Mensch, der polarisierte. So sehr ihn die einen   liebten, so sehr f&#252;rchteten ihn die anderen. Die Aachener CDU lie&#223; sich   1999 sogar dazu herab, ihn wegen antirassistischer Aktionen vor dem   lokalen CDU-B&#252;ro des Terrorismus zu verd&#228;chtigen. Die CDU wollte ihm die   deutsche Staatsb&#252;rgerschaft verweigern! Sie kamen damit nicht durch.<\/p>\n<p>  Aber auch innerhalb der Arbeiterbewegung und der Linken, inklusive der   eigenen Organisation, war Ga&#233;tan immer f&#252;r eine ordentliche Polemik zu   haben und nicht selten redete er seine Widersacher buchst&#228;blich an die   Wand.<\/p>\n<p>  Dann dachte man auch hin und wieder, wie stur er doch ist. Aber oftmals   stellte sich seine Sturheit als Stolz, Prinzipienfestigkeit und   Weitblick heraus. Seine vorz&#252;glichsten Charakterz&#252;ge waren dabei das   Verschm&#228;hen einer jeden Form von Anpassung und faulen Kompromissen und   seine herausragende F&#228;higkeit zu dialektischem Denken.<\/p>\n<p>  Ich kenne kaum einen Menschen, der die Dialektik so sehr verk&#246;rperte,   dem sie so in Fleisch und Blut &#252;bergegangen war, wie ihn. Dialektik, das   Begreifen aller Ph&#228;nomene in ihrer Widerspr&#252;chlichkeit und ihrer   Entwicklung, war bei ihm kein trockener Lehrsatz, sondern in jeder   Situation angewandte Denkweise und Erkenntnistheorie.<\/p>\n<p>  Ga&#233;tan geh&#246;rte zur &#228;lteren Generation in der SAV, aber den Draht zur   Jugend hat er nie verloren. Wahrscheinlich war es die Tatsache, dass er   ein gro&#223;es Herz hatte und die jungen Leute ernst nahm. Und dass er immer   revolution&#228;re Energie, einen unersch&#252;tterlichen Optimismus und das   Vertrauen in die Kraft der Arbeiterklasse, die Welt zu ver&#228;ndern,   ausstrahlte, was Jugendliche dazu veranlasste, ihn zu m&#246;gen und seine   N&#228;he zu suchen.<\/p>\n<p>  Er war Revolution&#228;r im besten Sinne des Wortes. Der Kampf f&#252;r soziale   Rechte, gegen Ausbeutung und Diskriminierung, f&#252;r eine sozialistische   Zukunft stand bei ihm an erster, zweiter und dritter Stelle. Dar&#252;ber hat   er sich selber und seine Gesundheit leider vernachl&#228;ssigt, trotz aller   Versuche von seinen GenossInnen ihn dazu zu bewegen, mehr auf sich zu   achten. In den letzten Jahren h&#228;uften sich chronische Krankheiten und   gesundheitliche Probleme, die ihn immer mehr an seine Wohnung fesselten   und seine Aktivit&#228;ts- und Mobilit&#228;tsm&#246;glichkeiten einschr&#228;nkten. An   bundesweiten Zusammenk&#252;nften der SAV konnte er seit zwei Jahren nicht   mehr teilnehmen. Seine kleine Wohnung wurde zum Treffpunkt der Aachener   GenossInnen, wo unter permanenter Kaffeeproduktion diskutiert und   beraten wurde. Seine Kr&#228;fte haben immer mehr nachgelassen und trotzdem   hat er nicht aufgeh&#246;rt, sich in Debatten einzubringen und wichtige Ideen   beizusteuern. Noch im letzten Herbst suchte er die Diskussion &#252;ber die   ver&#228;nderte Weltlage nach dem Ausbruch der &quot;gro&#223;en Rezession&quot; und zu der   Frage, welche Schlussfolgerungen MarxistInnen daraus zu ziehen haben.   F&#252;r ihn war klar, dass Massenbewegungen auf der Tagesordnung stehen, die   die Machtfrage aufwerfen w&#252;rden, selbst wenn die Arbeiterklasse diese   aufgrund der Schw&#228;che ihrer Organisationen noch nicht beantworten kann.   F&#252;r ihn bedeutete das aber, nicht auf die Perspektive und die Forderung   nach der Bildung von Arbeiterregierungen zu verzichten. Sondern im   Gegenteil, diese aufzuwerfen und zum Ausgangspunkt f&#252;r eine Debatte &#252;ber   die Notwendigkeit des Aufbaus sozialistischer Arbeiterparteien zu   nehmen. Die Ereignisse in Tunesien und &#196;gypten best&#228;tigten diese Ansicht   innerhalb weniger Monate.<\/p>\n<p>  Obwohl viele von uns ahnten, dass es kritisch um ihn steht, kam sein Tod   zu diesem Zeitpunkt unerwartet. Er selber und wir, die wir ihm nahe   standen und ihn bei seinen gesundheitlichen Schwierigkeiten begleiteten   und zu helfen versuchten, haben die akute Ernsthaftigkeit seines   Gesundheitszustandes untersch&#228;tzt. Wir hatten gerade erst viele   Ma&#223;nahmen diskutiert, damit Ga&#233;tan wieder einen Anlauf f&#252;r eine   Verbesserung seiner Gesundheit h&#228;tte nehmen k&#246;nnen. Zu sp&#228;t. Die   Nachricht von seinem Tod war wie ein Schlag in die Magengrube, man kann   nicht mehr atmen, f&#252;hlt sich wie gel&#228;hmt. Erst langsam funktioniert der   Organismus wieder und man realisiert, was geschehen ist.<\/p>\n<p>  Eine Genossin der Berliner SAV schrieb mir: &#8222;Gerade jetzt, nach diesen   20 Jahren Reaktion, in denen er immer die Fahne hochgehalten hat. Und   dann ger&#228;t die Welt in Bewegung &#8230; Das ist ein Verlust, daf&#252;r gibt es gar   keine Worte.&#8220;<\/p>\n<p>  Wenn Ga&#233;tan uns jetzt in unserer Trauer und Fassungslosigkeit sehen und   zu uns sprechen k&#246;nnte, w&#252;rde er wahrscheinlich etwas ver&#228;rgert sagen,   dass wir doch alle wussten, dass er nicht besonders alt werden w&#252;rde.   Und dass wir das fortsetzen sollen, was er so gerne fortgesetzt h&#228;tte:   den Herrschenden in die Suppe spucken, keine Ungerechtigkeit durchgehen   lassen, weiter k&#228;mpfen!<\/p>\n<p>  <i>Wir bitten unsere LeserInnen um Spenden, um die Trauerfeierlichkeiten   in Aachen ausrichten zu k&#246;nnen und im Sinne von Ga&#233;tan den Kampf f&#252;r   eine sozialistische Zukunft fortsetzen zu k&#246;nnen. <\/i><\/p>\n<\/p>\n<p>  Spenden bitte auf folgendes Konto:<\/p>\n<p>  Kontoinhaber: Anneliese Stanicic<\/p>\n<p>  Kontonummer: 000 527 68 60<\/p>\n<p>  Sparkasse Aachen, BLZ: 390 500 00<\/p>\n<p>  Verwendungszweck: Sonderfonds Ga&#233;tan<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Ein Nachruf zum Tod von Ga&#233;tan Kayitare\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[104],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14135"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14135"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14135\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14135"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14135"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14135"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}