{"id":14126,"date":"2011-03-04T00:00:00","date_gmt":"2011-03-04T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14126"},"modified":"2011-03-04T00:00:00","modified_gmt":"2011-03-04T00:00:00","slug":"14126","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/03\/14126\/","title":{"rendered":"Revolution in Nordafrika und dem Nahen Osten"},"content":{"rendered":"<p>  Ist die &#228;gyptische Revolution beendet oder hat sie erst begonnen?<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>F&#252;r die b&#252;rgerlichen Politiker und Medien ist die Revolution in   &#196;gypten abgeschlossen. Aus ihrer Sicht war die &#228;gyptische Revolution   eine klassen&#252;bergreifende, politische Revolution zur Verwirklichung   b&#252;rgerlicher Freiheiten. Sie wurde vor allem von der Jugend getragen,   die sich &#252;ber das Internet und virtuelle soziale Netzwerke organisierte,   war also eine &#8222;Facebook-Revolution&#8220;. Parteivorstand und Fraktion der   LINKEN haben sich bisher nicht zum Charakter der Revolution, zu ihren   sozialen Triebkr&#228;ften und Perspektiven ge&#228;u&#223;ert, und lassen somit die   b&#252;rgerlichen Auffassungen unwidersprochen.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Claus Ludwig, K&#246;ln<\/i><\/h4>\n<p>  Soziale Netzwerke dienten zwar als effektive Vehikel der Kommunikation,   tats&#228;chlich ist die Revolution aber nicht von Facebook gemacht worden.   Die &#228;gyptische Revolution ist zu gro&#223;en Teilen das Ergebnis massiver   Klassenk&#228;mpfe seit 2004, die einen ersten H&#246;hepunkt im Streik der 27.000   ArbeiterInnen der Textilfabrik in Mahalla 2006 hatte. Der britische   &#8222;Guardian&#8220; schrieb am 10. Februar: &#8222;Der wohl am st&#228;rksten untersch&#228;tzte   Faktor beim Sturz der autorit&#228;ren Regime von Ben Ali in Tunesien und der   Schw&#228;chung von Husni Mubaraks Kontrolle &#252;ber die Staatsmacht in &#196;gypten   sind die Gewerkschaften in beiden L&#228;ndern. W&#228;hrend die Medien &#252;ber die   sozialen Netzwerke wie Facebook und Twitter als revolution&#228;re Methoden   der Mobilisierung berichtet haben, war es die altmodische   Arbeiterklasse, welche das Aufbl&#252;hen der Pro-Demokratie-Bewegungen   erm&#246;glichte.&#8220;<\/p>\n<p>  Die Arbeiterklasse wurde dadurch befeuert, dass gro&#223;e Schichten der   Jugend, die prek&#228;r besch&#228;ftigt oder prek&#228;r selbstst&#228;ndig sind, in den   Kampf f&#252;r die Verbesserung der sozialen Verh&#228;ltnisse und gegen die   staatliche Repression hineingezogen wurden. Paul Amar von der   Universit&#228;t von Kalifornien schreibt auf der Website jaddaliya.com:   &#8222;Dieser Aufstand entwickelte sich langsam &#252;ber das Zusammenkommen von   zwei parallelen Kr&#228;ften: Der Bewegung f&#252;r Arbeiterrechte in den neu   belebten Fabrikst&#228;dten und Mikro-Sweatshops &#196;gyptens, vor allem in den   letzten zwei Jahren; und der Bewegung gegen Polizeibrutalit&#228;t und   Folter, die jede Gemeinde in den letzten drei Jahren bewegte. Ein   wichtiges Element beider Bewegungen ist die massenhafte Teilnahme und   die f&#252;hrende Rolle von Frauen jedes Alters und von Jugendlichen   beiderlei Geschlechts.&#8220;<\/p>\n<p>  Die Rolle der Arbeiterklasse war auch auf dem H&#246;hepunkt dieser   politischen Revolution zentral und neben der Besetzung des   Tahrir-Platzes durch die Massen und dem &#220;bergehen von Soldaten und   Offizieren auf die Seite des Aufstandes der entscheidende Faktor, der   das Regime zwang, Mubarak zu opfern. In den Tagen vor dessen R&#252;cktritt   hatte sich eine massive Streikbewegung entwickelt. Diese Bewegung, so   f&#252;rchtete die Milit&#228;rspitze, w&#252;rde sich zu einem Generalstreik   ausweiten, der in seinen Forderungen weit &#252;ber den Sturz des Diktators   hinausgehen und das ganze Regime bedrohen k&#246;nnte.<\/p>\n<p>  Auch nach dem Sturz Mubaraks spielt die Arbeiterklasse eine zentrale   Rolle. In vielen Betrieben kommt es zu Streiks. Gefordert werden h&#246;here   L&#246;hne, die Entlassung korrupter Manager, die Offenlegung der B&#252;cher, die   Festeinstellung von befristet Besch&#228;ftigten. In vielen F&#228;llen erf&#252;llt   das Management die Forderungen sofort, um eine Ausweitung und   Politisierung der Streiks zu verhindern. Bei Coca Cola in Helwan wurden   erst Zusagen gemacht, dann wieder gebrochen. Die ArbeiterInnen streikten   erneut und setzten ihre Forderungen im zweiten Anlauf durch.<\/p>\n<h4>  Fortschritte im Kapitalismus?<\/h4>\n<p>  Es stellt sich die Frage, ob sich die &#228;gyptischen ArbeiterInnen auf   l&#228;ngerfristige Erfolge im Rahmen eines sich entwickelnden Kapitalismus   einstellen k&#246;nnen. Das w&#252;rde zur Voraussetzung haben, dass sich in   &#196;gypten die Kapitalistenklasse als f&#228;hig erweist, die feudalen Elemente   des Landes zu &#252;berwinden, die Wirtschaft zu entwickeln und   Zugest&#228;ndnisse &#228;hnlich denen der Nachkriegsperiode in Europa zu machen.<\/p>\n<p>  Diese Perspektive &#8211; erst &#220;berwindung von Feudalismus und der   Abh&#228;ngigkeit vom Imperialismus, Aufbau eines &#8222;unabh&#228;ngigen&#8220;, nationalen   Kapitalismus, in dem die Arbeiterklasse die Rolle einer oppositionellen,   aber mit der b&#252;rgerlichen Entwicklung &#252;bereinstimmenden Klasse spielt   und durch Druck Fortschritte erreicht &#8211; entspricht der klassischen   Sichtweise der Sozialdemokraten, Reformisten und Stalinisten.<\/p>\n<p>  Auch die &#8222;Kommunistische Partei &#196;gyptens&#8220; macht sich diese sogenannte   Etappentheorie zu eigen. Sie stellt drei zentrale Forderungen auf: &#8222;1.   Sturz Mubaraks und Bildung eines Pr&#228;sidialrates f&#252;r eine befristete   &#220;bergangszeit, 2. Bildung einer Koalitionsregierung, die die Gesch&#228;fte   des Landes w&#228;hrend dieser Frist f&#252;hrt, 3. Aufruf zur Bildung einer   gew&#228;hlten, verfassunggebenden Versammlung, um eine neue Verfassung f&#252;r   das Land zu entwerfen, die auf dem Prinzip der nationalen Souver&#228;nit&#228;t   beruht und die den Machtwechsel im Rahmen eines laizistischen   demokratischen Rechtsstaates sichert.&#8220;<\/p>\n<p>  Doch in keinem ehemals kolonial beherrschten Land war die historisch zu   sp&#228;t gekommene b&#252;rgerliche Klasse in der Lage, den Feudalismus und die   Abh&#228;ngigkeit vom Imperialismus im Rahmen des Kapitalismus zu &#252;berwinden.   Die klassische kapitalistische Entwicklung der Abschaffung feudaler   Verh&#228;ltnisse durch eine revolution&#228;re Bourgeoisie wie in Frankreich und   England konnte nicht wiederholt werden. Selbst in den erfolgreichsten   &#8222;Schwellenl&#228;ndern&#8220;, wie Brasilien oder in Indien, sind nicht einmal die   grundlegenden Aufgaben der b&#252;rgerlichen Revolution gel&#246;st worden. Gro&#223;e   Teile der Landbev&#246;lkerung leben in bitterster Armut, die Herrschaft der   Gro&#223;grundbesitzer ist ungebrochen. In vielen L&#228;ndern sind zudem kaum   demokratische Rechte vorhanden, die nationale Frage bleibt ungel&#246;st. In   &#196;gypten arbeiten noch immer 27 Prozent der Besch&#228;ftigten in der   Landwirtschaft, die meisten als Kleinstbauern, oft auf dem technischen   Stand des Mittelalters.<\/p>\n<h4>  Milit&#228;rische Kapitalisten<\/h4>\n<p>  Die erste Phase der &#8211; vermeintlich &#8211; b&#252;rgerlichen Revolution in &#196;gypten   entwickelte sich im Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft   und deren Hinterlassenschaft. Die &#8222;Freien Offiziere&#8220; unter Gamal Abdel   Nasser &#252;bernahmen 1952 die Macht und redeten auch von &#8222;Sozialismus&#8220;. In   Wirklichkeit versuchte die milit&#228;rische F&#252;hrungsschicht stellvertretend   f&#252;r die schwache Kapitalistenklasse, die Entwicklung eines modernen   Kapitalismus nachzuholen. Trotz anf&#228;nglicher Erfolge, unter anderem   durch umfassende Verstaatlichungen, blieb diese Modernisierung stecken.<\/p>\n<p>  Unter seinen Nachfolgern Anwar el-Sadat und Mubarak wurden staatliche   Betriebe privatisiert und Reformen zur&#252;ckgedreht. Der vom Regime   praktizierte Neoliberalismus in enger Anbindung an die USA kam mit der   feudalen Unterentwicklung zusammen und verst&#228;rkte das Massenelend.<\/p>\n<p>  Das Milit&#228;r selbst wurde zu einem zentralen wirtschaftlichen Faktor,   eignete sich Betriebe an, und verschmolz organisch mit den Kapitalisten   und Feudalherren. Viele h&#246;here Offiziere sind auch famili&#228;r mit dem   Mubarak-Regime verbunden, es existiert ein &#8222;&#246;konomisch-milit&#228;rischer   Komplex&#8220;, der bis zu 25 Prozent der Wirtschaft umfasst. &#8222;&#196;gyptens Armee   betreibt Hunderte Hotels und Krankenh&#228;user, Autowerkst&#228;tten und   Konservenfabriken, Kegelbahnen und B&#228;ckereien&#8220; (WELT ONLINE vom 12.   Februar).<\/p>\n<p>  Die jahrhundertealten Aufgaben der b&#252;rgerlichen Revolution in einem Land   wie &#196;gypten k&#246;nnen nur gel&#246;st werden, wenn die Revolution einen   internationalen Charakter annimmt. Der Panarabismus von Nasser, die   Ideologie, dass man Arabien vereinen m&#252;sse, spiegelte dies auf verzerrte   Weise wider. Doch diese arabische Einigung sollte auf b&#252;rgerlicher Basis   stattfinden. Die Kapitalistenklassen und Milit&#228;rcliquen waren nicht   bereit, auf ihre eigenen Staatsapparate, die Quellen und Garanten ihrer   Profite und Privilegien, zu verzichten. Die arabische Einigung, welche   zum staatlichen Zusammenschluss von &#196;gypten und Syrien zur &#8222;Vereinigten   Arabischen Republik&#8220; gef&#252;hrt hatte, zerbrach wieder.<\/p>\n<p>  Doch die arbeitenden Massen in Arabien haben gemeinsame Interessen. Die   Grenzen sind k&#252;nstlich vom Imperialismus gezogen worden. Um die   nat&#252;rlichen Ressourcen im Interesse der Bev&#246;lkerung zu nutzen, um zu   verhindern, dass die &#214;lproduzenten gegeneinander ausgespielt werden, um   das knappe Gut Wasser im Interesse aller sinnvoll einzusetzen, w&#228;re ein   Staatenbund in Arabien n&#246;tig. Die unglaublich schnelle Ausbreitung der   revolution&#228;ren Stimmung in der Region zeigt, dass die Massen in Arabien   ein Verst&#228;ndnis davon haben, dass sie von den gleichen Problemen   betroffen sind.<\/p>\n<h4>  Globale Krise des Kapitalismus<\/h4>\n<p>  Die Revolution in &#196;gypten findet vor dem Hintergrund der tiefsten Krise   des Weltkapitalismus seit dem Zweiten Weltkrieg statt. Selbst im   langfristigen Aufschwung waren die Kapitalistenklassen in den   ex-kolonialen L&#228;ndern nicht in der Lage, zu den imperialistischen   Zentren aufzuschlie&#223;en. Heute l&#228;sst der begrenzte Weltmarkt und die   Exportorientierung der m&#228;chtigen Industriel&#228;nder keinen gro&#223;en Spielraum   f&#252;r das Aufkommen neuer Konkurrenten.<\/p>\n<p>  Die Haupteinnahmequellen &#196;gyptens sind neben dem Erd&#246;lgesch&#228;ft der   Suez-Kanal-Transport, Tourismus und die &#220;berweisungen von Exil-&#196;gyptern.   Von den 85 Millionen EinwohnerInnen leben 40 Prozent in Armut, 54   Prozent der ArbeiterInnen sind im &#8222;informellen Sektor&#8220; besch&#228;ftigt.<\/p>\n<p>  Zwar ist es m&#246;glich, dass in den kommenden Monaten Forderungen der   ArbeiterInnen erf&#252;llt und demokratische Rechte zugestanden werden.   Schlie&#223;lich machen die Herrschenden w&#228;hrend der Hochphasen von   Revolutionen zur Not gro&#223;e Zugest&#228;ndnisse, die in ruhigen Zeiten nie   m&#246;glich w&#228;ren. Der &#228;gyptische Kapitalismus wird jedoch nicht in der Lage   sein, diese Konzessionen langfristig zu gew&#228;hrleisten. &#196;gypten wird   unweigerlich den Zeitpunkt erleben, wo entweder die Revolution &#252;ber die   b&#252;rgerliche Demokratie hinausgeht oder die B&#252;rgerlichen selbst   demokratische Errungenschaften erneut zerschlagen.<\/p>\n<h4>  Permanente Revolution<\/h4>\n<p>  Der aktuelle revolution&#228;re Prozess resultiert aus der Tatsache, dass die   b&#252;rgerlich-demokratische Revolution in &#196;gypten nie bis zum Ende gef&#252;hrt   wurde, ihre historischen Aufgaben &#8211; Einf&#252;hrung demokratischer   Herrschaftsformen, L&#246;sung der Landfrage, Trennung von Staat und Religion   und so weiter &#8211; ungel&#246;st blieben. Daher nahmen in den letzten Wochen   neben der Arbeiterklasse auch b&#252;rgerliche und kleinb&#252;rgerliche Schichten   an der Erhebung teil.<\/p>\n<p>  Lenin schrieb nach der Russischen Revolution von 1905: &#8222;Die Revolution   (&#8230;) ist keine b&#252;rgerliche, denn die Bourgeoisie geh&#246;rt nicht zu den   treibenden Kr&#228;ften der heutigen revolution&#228;ren Bewegung.&#8220; Das trifft   auch auf die aktuelle Lage in &#196;gypten zu. Die Kapitalisten waren eng mit   dem Regime verbunden, nicht nur politisch, auch &#246;konomisch, sie   schwenkten erst um, als die Massen drohten, das ganze Regime   hinwegzufegen.<\/p>\n<p>  Wir haben weiter oben ausgef&#252;hrt, dass die reformistisch und   stalinistisch gepr&#228;gten Linken davon ausgehen, dass es sich lediglich um   eine b&#252;rgerliche Revolution handele und die Arbeiterklasse mit   sozialistischen Anspr&#252;chen darauf warten m&#252;sse, bis die b&#252;rgerliche   Klasse einen unabh&#228;ngigen &#228;gyptischen Kapitalismus aufgebaut habe. Doch   diese Auffassung gegen&#252;ber sp&#228;t entwickelten L&#228;ndern war und ist die   Ursache fataler Fehleinsch&#228;tzungen seitens der Linken, die in vielen   F&#228;llen zu verheerenden Niederlagen gef&#252;hrt haben. Immer wieder   deklarierten linke Bewegungen nationale Kapitalistenklassen als   &#8222;fortschrittlich&#8220; und erkl&#228;rten sie zu &#8222;B&#252;ndnispartnern&#8220;, um kurz darauf   von diesen an die Wand gedr&#252;ckt oder gar zerschlagen zu werden. Die   iranische Tudeh-Partei (Volkspartei) und die Fedayin sahen 1979 in   Khomeini den Vertreter einer fortschrittlichen nationalen Bourgeoisie,   daf&#252;r bezahlten Zehntausende Linke mit ihrem Leben.<\/p>\n<p>  Die Etappentheorie ist das Produkt einer leblosen, mechanischen   Fehlinterpretation des Marxismus. Eine wirkliche Weiterentwicklung der   Marxschen Ideen hingegen leisteten die russischen Revolution&#228;re Lenin   und Trotzki. Letzterer kn&#252;pfte an dem von Marx gepr&#228;gten Begriff   &#8222;Permanente Revolution&#8220; an und entwickelte diesen schon 1906 zu einer   umfassenden Theorie der Revolution in nicht entwickelten L&#228;ndern.<\/p>\n<p>  Im Russland des fr&#252;hen 20. Jahrhunderts waren die Kapitalisten l&#228;ngst   nicht mehr revolution&#228;r. Als die ArbeiterInnen von Petrograd im Februar   1917 den Zar st&#252;rzten, kam eine b&#252;rgerliche Regierung an die Macht.   Diese erwies sich als unf&#228;hig, auch nur die dr&#228;ngenden Aufgaben der   b&#252;rgerlich-demokratischen Revolution zu l&#246;sen. Sie nahm eine Landreform,   die Verteilung des Landes an die Bauern, nicht einmal in Angriff, zu eng   war sie mit dem Gro&#223;grundbesitz verschr&#228;nkt. Gleichzeitig war sie   abh&#228;ngig von den Banken und Konzernen der entwickelten imperialistischen   Staaten. Die Revolution, die als eine b&#252;rgerliche begonnen hatte, konnte   von der Bourgeoisie nicht zu Ende gef&#252;hrt werden, sondern w&#228;re &#8211; ohne   die Oktoberrevolution von 1917, die Machtergreifung der Arbeiterklasse   unter F&#252;hrung der Bolschewiki &#8211; in einer Konterrevolution geendet, in   einem Kompromiss zwischen Kapital und Gro&#223;grundbesitz, auf Kosten der   ArbeiterInnen und der armen Bauern.<\/p>\n<p>  Die Aufgaben der b&#252;rgerlichen Revolution mussten von der Arbeiterklasse   gel&#246;st werden. Diese konnte aber dabei nicht stehen bleiben, sondern   musste zu sozialistischen Aufgaben &#8211; Verstaatlichung und   Arbeiterverwaltung der Betriebe, Errichtung eines R&#228;tesystems &#8211;   &#252;bergehen. Die b&#252;rgerliche Revolution w&#228;chst somit in eine   proletarisch-sozialistische hin&#252;ber und wird daher als ununterbrochene &#8211;   permanente &#8211; Revolution bezeichnet.<\/p>\n<p>  Wegen der weltweiten Struktur des Kapitalismus ist es ausgeschlossen,   dass sich ein einzelnes Land befreien kann. Der Beginn einer Revolution   wie in &#196;gypten wird demzufolge erst dann zum Erfolg f&#252;hren, wenn er zum   einen &#252;ber die Grenzen des Kapitalismus hinausgeht und die   Arbeiterklasse die f&#252;hrende Rolle einnimmt, und zum anderen, wenn er   sich international ausdehnt.<\/p>\n<h4>  Demokratie und Sozialismus<\/h4>\n<p>  Die Weiterentwicklung der Revolution zu einer sozialistischen steht in   &#196;gypten und ganz Arabien auf der Tagesordnung. Diese Formulierung wird   gewiss einen Aufschrei des Entsetzens bei den Reformisten aller Art   hervorrufen. &#8222;Es gibt doch gar keine starke sozialistische   Arbeiterbewegung in &#196;gypten&#8220;, &#8222;Man muss jetzt erst einmal froh sein,   wenn es Richtung Demokratie geht&#8220;, &#8222;Ihr seid doch Tr&#228;umer&#8220; und &#196;hnliches   werden sie darauf antworten.<\/p>\n<p>  Allerdings haben wir mit dieser Feststellung noch nichts &#252;ber die   Zeitr&#228;ume gesagt, in denen sich der sozialistische Charakter der   Revolution entwickelt. Offensichtlich ist der &#228;gyptische Januar nur   schwer mit dem russischen Februar von 1917 zu vergleichen, es wird wohl   keinen &#8222;Oktober&#8220; im September geben. Es fehlt die revolution&#228;re Partei,   es fehlt eine erfahrene sozialistische Arbeiterbewegung. Es gibt erste   Ans&#228;tze von Arbeiterkomitees, aber keine umfassende Bewegung hin zu   R&#228;testrukturen.<\/p>\n<p>  Kein Mensch kann zur Zeit absehen, in welchem Rhythmus sich die   Revolution entwickelt. Der Prozess kann in die L&#228;nge gezogen werden. Es   w&#228;re allerdings dumm, dessen innere Dynamik zu untersch&#228;tzen. Die   Ereignisse der letzten Wochen sollten jeder und jedem deutlich gemacht   haben, dass sich Zeitr&#228;ume extrem verk&#252;rzen, wenn die Massen beschlossen   haben, ihr Elend nicht mehr zu erdulden. Wir wollen keine Wetten   abschlie&#223;en &#252;ber das Timing. Aber wir k&#246;nnen aufgrund der weltweiten   geschichtlichen Erfahrungen mit Sicherheit vorhersagen, dass es keine   stabile kapitalistische Demokratie in &#196;gypten geben wird.<\/p>\n<p>  Die &#228;gyptische Arbeiterklasse verf&#252;gt &#252;ber eine nur schwache politische   Formierung. Aber sie hat ihre materielle Kraft schon bewiesen. Die   St&#228;rke der Klassenk&#228;mpfe erm&#246;glicht in der revolution&#228;ren Situation   heute, dem Regime und den Kapitalisten Zugest&#228;ndnisse zu entrei&#223;en. Aber   diese Kraft f&#252;hrt zu gewaltigen &#196;ngsten bei der herrschenden Klasse.   Gerade wegen der potenziellen St&#228;rke der Lohnabh&#228;ngigen k&#246;nnte das   Regime sich gezwungen sehen, erneut zu repressiven Ma&#223;nahmen zu greifen   und die errungenen demokratischen Rechte hinwegfegen.<\/p>\n<p>  Trotz der relativen politischen Unerfahrenheit haben Teile der   &#228;gyptischen Arbeiterklasse instinktiv Forderungen entwickelt und   Kampfmethoden angewandt, die &#252;ber die kapitalistische Gesellschaft   hinausgehen. Arbeiteraktivisten und revolution&#228;re Jugendliche schreiben   in einem Flugblatt, welches sie in mehr als einem Dutzend Fabriken   verteilten: &#8222;Es ist n&#246;tig, jede Fabrik zu verstaatlichen, die   Arbeiterrechte bricht und die Reicht&#252;mer, die dem Volk vom alten Regime   geraubt wurden, dem Volk zur&#252;ckzugeben; es ist dringend,   Arbeiterkontrollkomitees aufzubauen, welche diese Betriebe verwalten.&#8220;   Die Stahlarbeiter von Helwan gr&#252;ndeten sogar ein   &#8222;Arbeiterrevolutionskomitee 25. Januar&#8220;, um sicherzustellen, dass ihr   Betrieb in staatlichem Besitz bleibt.<\/p>\n<p>  In einer Erkl&#228;rung unabh&#228;ngiger Gewerkschafter vom 19. Februar, die auf   einem Treffen in Kairo beschlossen wurde, hei&#223;t es, &#8222;dass die Revolution   denen gestohlen wurde, die ihre Basis darstellen&#8220;. Die Forderungen   beinhalten die Re-Verstaatlichung privatisierter Betriebe, die   Begrenzung der h&#246;chsten Geh&#228;lter, das Recht aller ArbeiterInnen, Bauern   und kleinen Selbstst&#228;ndigen auf soziale Absicherung und den Schutz vor   K&#252;ndigung sowie die Aufl&#246;sung der regimetreuen &#8222;Gewerkschaft&#8220;, der ETUF   (Egyptian Trade Union Federation).<\/p>\n<p>  Diese Positionen sprengen den b&#252;rgerlichen Rahmen und skizzieren die   ersten Schritte einer Arbeiterdemokratie, die sich auf R&#228;te st&#252;tzt und   den Anspruch erhebt, Wirtschaft und Gesellschaft im Interesse der   Mehrheit zu gestalten.<\/p>\n<h4>  Aufgaben der Arbeiterbewegung<\/h4>\n<p>  Eine sowohl von Liberalen, Muslimbr&#252;dern als auch einigen Linken   propagierte &#8222;Regierung der nationalen Einheit&#8220; w&#228;re kein Schritt   vorw&#228;rts f&#252;r die Massen. Damit w&#252;rden sich Linke und Arbeiterbewegung an   den &#8222;Minimalkonsens&#8220; mit kapitalistischen Kr&#228;ften ketten, der unter dem   Strich eine Bewahrung des Status quo zur Folge hat.<\/p>\n<p>  Die Arbeiterbewegung sollte sich nicht mit der Durchf&#252;hrung von   Parlamentswahlen in einigen Monaten begn&#252;gen, sondern die Forderung nach   Wahlen zu einer verfassunggebenden revolution&#228;ren Versammlung aufstellen.<\/p>\n<p>  Es geht jetzt aber auch darum, die Ans&#228;tze der Gegenmacht zu   verstetigen. Daf&#252;r sollten die vorhandenen Kontrollkomitees in den   Betrieben und die Nachbarschaftskomitees in den Wohnvierteln aufrecht   erhalten, ausgebaut und vernetzt werden. Hundert Familien verf&#252;gen   weiterhin &#252;ber 90 Prozent des Reichtums. N&#246;tig ist die Verstaatlichung   der Banken und gro&#223;en Unternehmen unter demokratischer Kontrolle und   Verwaltung durch Arbeiterr&#228;te. Eine Regierung der ArbeiterInnen und   einfachen Bauern k&#246;nnte auf dieser Basis einen demokratischen Plan zum   Aufbau der Wirtschaft und zum Ausbau des Sozial- und Bildungswesens   entwickeln.<\/p>\n<p>  Der Blick sollte auf die Verallgemeinerung und Politisierung der   laufenden Klassenk&#228;mpfe gerichtet werden. Der Aufbau unabh&#228;ngiger und   demokratischer Gewerkschaften ist eine zentrale Aufgabe. Zudem ist die   Schaffung einer politischen Interessenvertretung, einer Arbeiterpartei,   die ein Forum f&#252;r Diskussionen &#252;ber Programm und Kampfschritte bietet,   eine dringende Notwendigkeit.<\/p>\n<p>  Der Prozess der Revolution in &#196;gypten und ganz Arabien hat erst   begonnen. Die politische Revolution f&#252;r demokratische Rechte und die   soziale Revolution der ArbeiterInnen sind untrennbar miteinander   verbunden. Je schneller es gelingt, einen sozialistischen Pol in der   Arbeiterbewegung aufzubauen, der sich dar&#252;ber im Klaren ist, dass   grundlegende Fortschritte nur m&#246;glich sind, wenn der Kapitalismus in   &#196;gypten und international &#252;berwunden wird, je besser es gelingt, die   Ans&#228;tze f&#252;r die Gegenmacht in Form von Komitees zu vernetzen, desto   weniger Spielraum haben die konterrevolution&#228;ren Kr&#228;fte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Ist die &#228;gyptische Revolution beendet oder hat sie erst begonnen?\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[37],"tags":[235],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14126"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14126"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14126\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14126"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14126"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14126"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}