{"id":14114,"date":"2011-02-25T00:00:00","date_gmt":"2011-02-25T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14114"},"modified":"2011-02-25T00:00:00","modified_gmt":"2011-02-25T00:00:00","slug":"14114","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/02\/14114\/","title":{"rendered":"&#196;gypten: Arbeiter demonstrieren ihre Macht"},"content":{"rendered":"<p>  Klassenk&#228;mpfeversch&#228;rfen sich<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Nach 18 Tagen intensiver Auseinandersetzungen kocht &#196;gypten weiterhin.   An der Oberfl&#228;che scheinen sich die Dinge zu normalisieren, das Zentrum   Kairos sieht fast so aus, als h&#228;tte es keinen Konflikt gegeben, die   Stadtlandschaft sieht aus wie vorher. Allerdings muss man nicht weit   blicken um zu sehen, dass sich das Leben komplett ver&#228;ndert hat. Jeden   Tag gibt es hunderte von Nachrichten, die vor nur einem Monat   sensationell gewesen w&#228;ren. Am wichtigsten ist, dass in den letzten   Tagen dutzende von Streiks begonnen haben, an denen sich zehntausende   ArbeiterInnen und Besch&#228;ftigte im &#246;ffentlichen Dienst beteiligen.<\/p>\n<h4>  <i>Augenzeugenberichte von www.socialistworld.net, zuerst ver&#246;ffentlicht   am 15.Februar 2011<\/i><\/h4>\n<p>  Ich war nur f&#252;r eine Woche nicht in Kairo, aber auf dem Weg vom   Flughafen h&#246;rte ich die lange Rede des neuen Premierministers Akmed   Shafik im Radio. Im Wesentlichen sagte er: &#8222;Die Revolution hat gesiegt,   wir sollten jetzt alle nach Hause und zum Wohl des Landes wieder zur   Arbeit gehen&#8220;. Der neue Kopf der &#220;bergangsregierung bettelte die   Menschen praktisch um Geduld an und erkl&#228;rte, es sei unm&#246;glich allen   Forderungen nach Lohnerh&#246;hungen, besseren Arbeitsbedingungen usw.   nachzukommen. Das scheint Wirkung auf eine Schicht derer zu haben, die   von den Ereignissen bereits ersch&#252;ttert sind. Mein Taxifahrer   kommentierte: &#8222;jetzt wollen die Leute alles sofort, aber wir m&#252;ssen   warten.&#8220; Allerdings fluchte er schon eine Minute sp&#228;ter &#252;ber die   Langatmigkeit der Rede und beschwerte sich: &#8222;Er versucht, das erste   St&#252;ck vom Kuchen zu bekommen.&#8220;<\/p>\n<p>  Wir waren noch nicht weit im Stadtzentrum, als wir in einen Stau   gerieten, weil ArbeiterInnen vom Universit&#228;tskrankenhaus aus Protest die   Stra&#223;e blockierten. Erst als ich eine oppositionelle Zeitung kaufen   konnte, verstand ich die Tragweite der Ereignisse &#8211; es gibt eine wahre   Welle von Streiks und Protesten. BusfahrerInnen, ArbeiterInnen im   Kommunikationsbereich, die Post, die U-Bahn, der Bildungsbereich,   Bankbesch&#228;ftigte, EisenbahnerInnen, &#214;larbeiterInnen, Stra&#223;enkehrerInnen,   ElektrikerInnen, LandarbeiterInnen, MetallarbeiterInnen, Besch&#228;ftigte in   der Atomindustrie&#8230; sogar die Angestellten des &#228;gyptischen Kontigents   der UN-Friedenstruppen protestieren. In manchen Orten sind hunderte, in   anderen zehntausende ArbeiterInnen an diesen Aktionen beteiligt. Das   wird schon jetzt zu einer gro&#223;en Bedrohung f&#252;r die Bosse und ihr System:   diese ArbeiterInnen sind mit einem einfachen Wechsel der Gesichter, der   Namen und der Rhetorik nicht zufrieden.<\/p>\n<p>  Deshalb hat das Milit&#228;r in seinen Verlautbarungen schon gefordert, dass   diese &#8222;unzeitgem&#228;&#223;en&#8220; Streiks und Proteste beendet werden. Sie   behaupten, sie w&#252;rden der &#8222;nationalen Sicherheit&#8220; schaden. Jetzt wo   Mubarak weg ist und einige der Forderungen des Aufstands zumindest   formal umgesetzt werden (das Parlament hat sich aufgel&#246;st, eine &#8222;neue   Verfassung&#8220; wird vorbereitet und Wahlen wurden &#8222;versprochen&#8220;), gibt es   klare Anzeichen f&#252;r eine Vertiefung der Spaltung zwischen den Klassen.   Viele von denen, die bis vor einigen Tagen noch Mubarak unterst&#252;tzt   haben, preisen jetzt die &#8222;Revolution des 25. Januar&#8220;, und ein Teil   derer, die am Aufstand teilgenommen haben, verlangen jetzt, dass andere   Proteste beendet werden.<\/p>\n<p>  F&#252;r die Liberalen und Islamisten ist die Revolution &#8222;vorbei&#8220;, aber f&#252;r   die Linke beginnt sie gerade erst. Am Sonntag traten ArbeiterInnen in   der gr&#246;&#223;ten Metallfabrik in Helwan in den Streik. Die Armee blockierte   den Zugang zur Fabrik und linke AktivistInnen, darunter GenossInnen des   CWI, konnten nur mit einem Teil der ArbeiterInnen sprechen, vorwiegend   mit denen mit &#8222;Zeitvertr&#228;gen&#8220;, die auch nicht in die Fabrik gelassen   wurden. Solche Ausbr&#252;che von Arbeiterprotesten gibt es &#252;berall. Sie   entstehen spontan und sind unkoordiniert, aber selbst auf diese Art   setzen ArbeiterInnen oft ihre grunds&#228;tzlichen Forderungen durch oder   bekommen irgendeine Art von Versprechen, dass sie umgesetzt w&#252;rden. Aber   bis jetzt verbinden sich diese Proteste nicht miteinander. Die   Koordination und Vereinigung dieser Proteste ist eine der wichtigsten   Aufgaben f&#252;r die Linke.<\/p>\n<p>  Sobald eine gr&#246;&#223;ere Schicht von ArbeiterInnen in den Kampf eintritt,   ver&#228;ndern sich ihre Forderungen. Die Hauptfrage ist, wie man die   Situation f&#252;r die ArbeiterInnen verbessern und ihre Rechte garantieren   kann, nachdem das alte Regime gebrochen wurde. Wie kann der Haushalt   verbessert und L&#246;hne erh&#246;ht werden? &#8222;Es ist notwendig, jede Fabrik zu   verstaatlichen, die gegen die Rechte der ArbeiterInnen verst&#246;&#223;t; den   Reichtum zur&#252;ckzugeben, den das alte Regime dem Volk gestohlen hat;   Arbeiterkomitees m&#252;ssen dringend gebildet werden um diese Fabriken zu   kontrollieren und zu verwalten.&#8220;, hei&#223;t es in eine Flugblatt von   ArbeiteraktivistInnen und revolution&#228;ren Jugendlichen. Zehntausende   diese Flugbl&#228;tter wurden schon in 16 Fabriken verteilt und haben eine   positive Wirkung.<\/p>\n<p>  Die Armee hat ihre &#8222;Neutralit&#228;t&#8220; sehr schnell aufgegeben. Das Regime hat   sich mit den neuen Gesichtern an der Spitze angefreundet, einige wurden   verhaftet und es gab &#196;nderungen an der Verfassung. Aber vor nichts hat   das Regime mehr Angst als vor einer Bedrohung ihrer Profite und ihres   Privateigentums. Es ist nicht &#252;berraschend dass die Aktionen der Armee   bis jetzt die Zustimmung der amerikanischen, israelischen und   &#228;gyptischen Bourgeoisie finden.<\/p>\n<p>  Aber schon jetzt f&#252;hrt die Herrschaft der Gener&#228;le zu gro&#223;en Protesten   von ArbeiterInnen und radikalen Jugendlichen. Am Freitag, den 18.   Februar gab es einen Aufruf zu einem weiteren &#8222;Protest der Millionen&#8220;   f&#252;r ein Ende des 30j&#228;hrigen Notstandes und Garantien f&#252;r Arbeiterrechte   und das Recht auf Protest.<\/p>\n<p>  Der Tahrir-Platz hat sich schon ver&#228;ndert: es ist fast, als ob nichts   passiert w&#228;re. Hunderte von Freiwilligen haben binnen weniger Tage mit   Unterst&#252;tzung der &#220;bergangsregierung und der oppositionellen Medien das   Gebiet gereinigt. Die ganze Stadt ist mit rot-wei&#223;-schwarzen Fahnen   bedeckt, es gibt ein Gef&#252;hl von &#8222;Nationalstolz&#8220; und &#8222;nationaler   Einheit&#8220;. Diese Ideen werden aktiv von den alten wie den neuen   Funktion&#228;ren des Regimes gef&#246;rdert, aber auch von vielen   &#8222;Revolution&#228;rInnen&#8220; von gestern aus dem liberalen und islamistischen   Lager. Sie k&#246;nnen nicht glauben dass die H&#228;lfte ihrer Forderungen   umgesetzt werden und sie die Revolution jetzt nur noch beenden m&#252;ssen,   bevor sie f&#252;r den Fortbestand des Kapitalismus gef&#228;hrlich wird.<\/p>\n<p>  Die Opposition gegen das Regime basiert mehr und mehr auf der   Arbeiterklasse. Das Milit&#228;r hat die Macht &#252;bernommen und wird von den   Besitzern der Industriebetriebe unterst&#252;tzt, die Angst um ihren Reichtum   und ihre Profite haben. Sie versuchen zu verhindern, dass sich die   Revolution durch die Fabriken und die armen Viertel der St&#228;dte und   D&#246;rfer ausbreitet. Aber ArbeiterInnen beginnen zu verstehen, dass es   notwendig ist den Kampf weiterzuf&#252;hren und nicht zu warten, dass sich   die Situation verbessert.<\/p>\n<p>  Daf&#252;r ist es dringend notwendig, alle Arbeiterorganisationen,   unabh&#228;ngigen Gewerkschaften, linken Parteien und Gruppen mit einer   klaren Strategie und einem Programm f&#252;r sozialistischen Wandel zu   vereinen.<\/p>\n<p>  In &#196;gypten scheint jetzt nichts unm&#246;glich zu sein! Vertrauen in ihre   eigene St&#228;rke treibt ArbeiterInnen in den Kampf. Zusammen mit   Arbeitslosen und Jugendlichen waren ArbeiterInnen die wichtigste   treibende Kraft hinter den Protesten, die Mubarak st&#252;rzten und sie   sollten sich das nicht von der herrschenden Klasse und ihren Lakaien im   Regime nehmen lassen.<\/p>\n<p>  Um diese &#8222;Krise&#8220; zu beenden versucht die neue &#220;bergangsregierung eine   neue Verfassung durchzudr&#252;cken und so bald wie m&#246;glich Wahlen zu   organisieren. Aber ihre neue Verfassung und das neue Parlament werden im   Leben der Arbeiterklasse, der Studierenden und der Arbeitslosen nichts   grundlegend &#228;ndern. Aber es sind diese Teile der Gesellschaft &#8211; die   gro&#223;e Mehrheit &#8211; die ihre eigenen Basisstrukturen bilden, sie vereinigen   und im Interesse der Mehrheit eine revolution&#228;re verfassungsgebende   Versammlung bilden k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Der Repressionsapparat des Regimes steht unter Druck. In den letzten   Tagen gab es Proteste von Polizisten. Wie in Tunesien fordern die   &#228;gyptischen Polizisten bessere Arbeitsbedingungen und haben erkl&#228;rt,   dass sie f&#252;r das Blutvergie&#223;en nicht verantwortlich seien. Jetzt   sympathisieren die unteren Dienstgrade der Armee und Polizei eindeutig   mit dem Aufstand. Die Gener&#228;le werden sie nicht so leicht dazu bekommen,   weitere Proteste niederzuschlagen. In der Provinz Beni-Suef haben die   Beh&#246;rden sogar versucht, mit organisierten kriminellen Banden gegen   Proteste von Polizisten vorzugehen, genau so wie sie vor zwei Wochen   Schl&#228;ger gegen die Proteste auf dem Tahrir-Platz organisierten. Aber   diese neuen Entwicklungen zeigen nur, wie schwach die Herrschenden sind.<\/p>\n<p>  ArbeiterInnen zeigen ihre St&#228;rke. In diesen ereignisreichen Tagen, in   denen sich die Ereignisse mit unglaublicher Geschwindigkeit entwickeln,   haben sie gezeigt dass sie ihre Zukunft in die Hand nehmen und   Ereignisse in der Region und der ganzen Welt beeinflussen k&#246;nnen. Aber   es wird keinen grundlegenden Wandel geben, wenn sie ihre Kr&#228;fte nicht   vereinigen, mit einem klaren sozialistischen Programm und einer   ebensolchen Strategie, wird es keinen grundlegenden Wandel geben. Die   Zeit l&#228;uft, die Revolution wird nicht warten!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Klassenk&#228;mpfeversch&#228;rfen sich\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[36,37],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14114"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14114"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14114\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14114"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14114"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14114"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}