{"id":14104,"date":"2011-02-19T00:00:00","date_gmt":"2011-02-19T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14104"},"modified":"2011-02-19T00:00:00","modified_gmt":"2011-02-19T00:00:00","slug":"14104","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/02\/14104\/","title":{"rendered":"&#196;gypten: Die Arbeiterk&#228;mpfe der letzten Jahre sind der Ausgangspunkt der \r\n      heutigen Revolution"},"content":{"rendered":"<p>  Harte K&#228;mpfe um den Aufbau einer k&#228;mpferischen unabh&#228;ngigen Gewerkschaft<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  2007 klassierte die Weltbank &#196;gypten als die f&#252;r Investoren   vorteilhafteste Wirtschaft. Die Banken und Investoren leckten sich beim   Gedanken an die steigenden Profite die Lippen. Im Juni 2008 hielt die   Investitionsbank Belton Financial eine Veranstaltung zum Thema &#8216;die   zuk&#252;nftigen Trends in &#196;gypten&#8216; im exklusiven Londoner Mayfair-Hotel ab.   Hier trafen sich viele f&#252;hrenden Gesch&#228;ftsleute &#196;gyptens, der   Au&#223;enhandelsminister und britische Finanziers.<\/p>\n<h4>  <i>von David Johnson, Socialist Party England &amp; Wales vom 11.2.2011<\/i><\/h4>\n<p>  Die Auslandsinvestitionen in &#196;gypten stiegen von 407 Millionen Dollar im   Jahr 2004 auf elf Milliarden im Jahr 2008. Das Wirtschaftswachstum war   mit etwa sieben Prozent eins der h&#246;chsten in der Welt. Die Veranstalter   der Konferenz waren optimistisch, der Aufschwung werde anhalten. &#8220;Die   Fundamente des &#228;gyptischen Aufschwungs bleibt robust.&#8220;<\/p>\n<p>  Mit den &#8216;Fundamenten&#8216; meinten sie die Privatisierung, die Hungerl&#246;hne,   die K&#252;rzung der Lebensmittel-Subventionierung, der Erziehung und des   Wohnungsbau sowie die andauernde Unterdr&#252;ckung jeder Opposition. Zwei   Wochen bevor sich die Bankiers in London trafen, protestierten Tausende   in der K&#252;stenstadt El-Borollos, nachdem der Gouverneur subventionierte   Mehlrationen statt an Individuen an B&#228;ckereien liefern lie&#223;. Gegen die   Demonstranten wurden in altbekannter Weise Tr&#228;nengas und Kn&#252;ppel   eingesetzt. Der Gouverneur bemerkte arrogant, diese Bande Jugendlicher   habe man behandelt wie sie es verdienten.<\/p>\n<p>  Aber die &#228;gyptischen Arbeiter haben gegen die Hungerl&#246;hne und die   unhaltbaren Lebensbedingungen gek&#228;mpft. Zwei Millionen Arbeiter haben   seit 2004 an 3.000 Streiks und Kampfaktionen teilgenommen, die   bedeutendste Bewegung der Arbeiterklasse des Mittleren Ostens seit   Jahrzehnten. Trotz des Verbots wuchs die Zahl der Streiks von 222 im   Jahr 2006 auf 650 in den ersten neun Monaten des Jahres 2007 an und   erfasste 200.000 Arbeiter. Im August 2007 allein gab es 100   Arbeitskonflikte. Das Arbeitsministerium &#252;berwacht alle Formen der   Aktivit&#228;ten der offiziellen &#228;gyptische Gewerkschaften und der   Unternehmer.<\/p>\n<h4>  Der Streik der Mahalla-Textilarbeiter<\/h4>\n<p>  Bis zum Dezember 2006 gab es nur kleine und isolierte Streiks, bis die   Ghazl al-Mahalla Textilfabrik &#8211; mit 28.000 Arbeitern die gr&#246;&#223;te des   mittleren Ostens &#8211; zum Zentrum der Arbeitsk&#228;mpfe wurde. Ein Streik und   eine Betriebsbesetzung zwangen die Bosse zu gro&#223;en Zugest&#228;ndnissen, die   weiblichen Arbeiter spielten eine bedeutende Rolle. F&#252;nftausend Arbeiter   zerrissen im M&#228;rz 2007 ihre Mitgliedskarten der offiziellen   Staatsgewerkschaft und eine neue Organisation entstand, die   Textilarbeiter-Gewerkschaft.<\/p>\n<p>  Im September 2007 hatten die Arbeiter noch immer nicht den vereinbarten   Zuschlag von 150 Tagesl&#246;hnen bekommen. Eine Massenversammlung von 10.000   Arbeitern beschloss einen neuen Streik und eine Betriebsbesetzung. Trotz   der Bedrohung durch Polizei, Armee und Verhaftungen schliefen 10.000 bis   15.000 Arbeiter auf dem Werksgel&#228;nde. Tags&#252;ber waren &#252;ber 20.000   Arbeiter anwesend, sie organisierten einen eigenen Sicherheitsdienst und   die Essenslieferungen.<\/p>\n<p>  Die Streikenden verlangten Lohnerh&#246;hungen zum Ausgleich der Inflation,   erschwingliche Mieten und den R&#252;cktritt der Chefs der   Staatsgewerkschaft. &#8220;Wir fordern einen Wechsel in der Struktur und der   Hierarchie der Gewerkschaften dieses Landes.&#8220; sagte Mohammed El Attar,   ein Streikf&#252;hrer, &#8220;Die Gewerkschaften sind v&#246;llig falsch organisiert,   von oben nach unten. Es sieht so aus als seien unsere Vertreter gew&#228;hlt   worden, aber in Wirklichkeit wurden sie von der Regierung ernannt.&#8220;<\/p>\n<p>  Die Arbeiter der Kafr al Dawwar Textilfabrik in der N&#228;he von Alexandria   machten f&#252;r mehrere Stunden einen Solidarit&#228;tsstreik und Arbeiter der   Getreidem&#252;hlen demonstrierten. In ganz &#196;gypten sammelten Arbeiter Geld.   Nach einer Woche erreichten die Mahalla-Arbeiter einen &#252;berw&#228;ltigenden   Sieg. Viele Arbeiter erkannten den politische Charakter des Streiks, auf   einer gro&#223;en Versammlung gab es Plakate gegen Mubarak und Parolen: &#8216;Wir   wollen nicht von der Weltbank regiert werden! Wir wollen nicht vom   Kolonialismus beherrscht werden!&#8216;<\/p>\n<h4>  Die Gewerkschaft der Steuereintreiber entsteht<\/h4>\n<p>  W&#228;hrend des Sommers 2007 verbreiterte sich die Bewegung um   B&#252;roangestellte, Beamte und mittelst&#228;ndische Berufe. Die weitgehendste   Aktion war im Dezember 2007 die der 55.000 Steuereintreiber, kommunale   Angestellte zum Einsammeln der Grundsteuer. Nach drei Monaten Kampf und   einem 13-t&#228;gigen Sitzstreik vor dem Finanzministerium von t&#228;glich 5.000   Angestellten endete die Bewegung mit einem gro&#223;en Erfolg. Das   Streikkomitee setzte seine Tagungen fort und ein Jahr sp&#228;ter gr&#252;ndete es   &#196;gyptens erste unabh&#228;ngige Gewerkschaft. Abd El-Kadr, der   stellvertretende Generalsekret&#228;r der neuen Gewerkschaft, sagte 2009 dem   CWI: &#8220;Seit den zwanziger Jahren gab es in &#196;gypten keine freien   Gewerkschaften. Die Idee der Regierung war es, Gewerkschaften zu   gr&#252;nden, um die Arbeiter unter Kontrolle zu halten und die Bildung   unabh&#228;ngiger Gewerkschaften von Anfang an zu verhindern. Sie f&#252;rchten   sich vor weiteren Gr&#252;ndungen, sie haben Angst, eine Revolution werde   ausbrechen.&#8220;<\/p>\n<h4>  Der Generalstreiks-Appell vom 6. April 2008<\/h4>\n<p>  Im Januar 2008 stellten die Arbeiter von Mahalla eine Liste neuer   Forderungen auf. Neben h&#246;heren L&#246;hnen und Pr&#228;mien forderten sie die   Erh&#246;hung des nationalen Mindestlohns von 35 &#196;gyptischen Pfund auf 1.200   Pfund (knapp 900 &#8364;) monatlich. Das hatte es seit 1894 nicht gegeben!   Falls ihre Forderungen bis zum 6. April nicht erf&#252;llt werden sollten,   k&#252;ndigten sie einen Streik an. Mehrere Wochen sp&#228;ter rief eine Gruppe   von Anti-Mubarak-Aktivisten zu einem Generalstreik f&#252;r diesen Tag auf.   Der Aufruf wurde nicht von Arbeitergruppen, sondern von kleinen   Oppositionsparteien unterst&#252;tzt, Intellektuellen, einigen Jugendlichen   und Radikalen. Der Aufruf zum Generalstreik verbreitete sich in   Windeseile &#252;ber das Internet und SMS. Etwa 65.000 Leute unterst&#252;tzten   einen Aufruf einer Facebook-Seite, das waren vor allem kleinb&#252;rgerliche   Jugendliche, die von der Macht der Arbeiterklasse inspiriert wurden.<\/p>\n<p>  Das Innenministerium warnte, dass Gewalt angewendet werden w&#252;rde und   dass die Leute nicht auf die Stra&#223;e gehen sollten. Tausende von   Arbeitern streikten, aber es kam zu keinem Generalstreik. In Mahalla   sagten einige Arbeiterf&#252;hrer, die im vorangangenen Streik eine f&#252;hrende   Rolle gespielt hatten, den Streik ab, nachdem die monatlichen   Lebensmittelzusch&#252;sse am 5. April verdoppelt worden waren. Der Streik   sollte um 7.30 Uhr anfangen, aber um drei Uhr drangen hunderte von   Polizisten in die Fabrik ein und verhafteten alle, die versuchten zu   reden. Trotzdem verweigerten viele die Arbeit.<\/p>\n<p>  Am folgenden Tag, dem 7.April, kam es in Mahalla zu K&#228;mpfen mit der   Polizei. Um vier Uhr begannen 2.000 eine Demonstration, sie wuchs zu   mehreren Manifestationen mit 40.000 bis 50.000 Teilnehmern an. Rufe   gegen die Regierung wurden laut und die Arbeiter forderten die   Freilassung der Verhafteten vom Vortag. Man berichtete, dass Kinder wie   w&#228;hrend der Intifada in Pal&#228;stina Steine gegen die Offiziere und   Soldaten der Regierungsmacht warfen und sangen: &#8220;Die Revolution ist da,   die Revolution ist da!&#8220;<\/p>\n<p>  Am folgenden Tag kam Ministerpr&#228;sident Ahmed Nazif in die Fabrik und   verk&#252;ndete eine Pr&#228;mie von 30 Tagesl&#246;hnen. &#8220;Wir wissen wie Mahalla   leidet, ihr habt viele Krisen erlebt&#8220;; erz&#228;hlte er den Arbeitern. Das   Regime schwankte zwischen Repression und Zugest&#228;ndnissen, immer wenn   sich die Arbeiterbewegung wehrte. Nach den Ereignissen von Mahalla war   das Regime nicht mehr so sicher, gegen die Arbeiter genauso repressiv   vorgehen zu k&#246;nnen wie gegen Studenten, lokale oder demokratische   Bewegungen.<\/p>\n<p>  Die Jugendbewegung des sechsten April, eine der Initiatoren des &#8216;Tags   des Zorns&#8216; vom 25. Januar 2011, w&#228;hlte ihren Namen nach den Ereignissen   von Mahalla. Sie versuchte den Erfolg am 4. Mai 2008 zu wiederholen, dem   80. Geburtstag von Mubarak. Doch an diesem Tag konnte sie keine gr&#246;&#223;ere   Bewegung starten, Stra&#223;endemonstrationen wurden von den   &#8216;Sicherheitskr&#228;ften&#8216; verhindert.<\/p>\n<h4>  Wir brauchen unabh&#228;ngige Arbeiterorganisationen<\/h4>\n<p>  Lehrerstreiks im Jahr 2009 machten Schritte hin zur Gr&#252;ndung einer   anderen unabh&#228;ngigen Gewerkschaft, aber es dauerte bis zum Dezember 2010   bis eine zweite unabh&#228;ngige Gewerkschaft der Gesundheitsarbeiter   gegr&#252;ndet wurde. Am 30. Januar 2011 verk&#252;ndeten Vertreter der beiden   unabh&#228;ngigen Gewerkschaften auf dem Tahir-Platz die Bildung einer neuen   F&#246;deration der &#196;gyptischen Gewerkschaften. Es ist noch unklar, wie stark   sie ist, aber sie hat das Potential schnell zu wachsen.<\/p>\n<p>  Die Ereignisse der letzten Jahre zeigen ein steigendes Selbstvertrauen   der &#228;gyptischen Arbeiter um angemessenen Lohn und Lebensstandard zu   k&#228;mpfen. Regelm&#228;&#223;ige Massenversammlungen und eine demokratisch gew&#228;hlte   F&#252;hrung waren ein Bestandteil der Organisationsform der Streiks sowohl   der Arbeiter von Mahalla als auch der Steuereintreiber, andere Arbeiter   haben Solidarit&#228;ts-Aktionen gemacht. Das Z&#246;gern und die Verwirrung des   Regimes, wie es diesen K&#228;mpfe begegnen sollte, hat das Selbstvertrauen   der Arbeiter und anderer Schichten der Bev&#246;lkerung gesteigert,   einschlie&#223;lich des Kleinb&#252;rgertums und besonders der Jugend.<\/p>\n<p>  Jetzt kommt es darauf an, unabh&#228;ngige Gewerkschaften an jedem   Arbeitsplatz zu gr&#252;nden und sie auf nationaler Ebene zu vernetzen mit   gew&#228;hlten F&#252;hrern, die durchschnittliche Arbeiterl&#246;hne bekommen.<\/p>\n<p>  Die internationale Solidarit&#228;t der Arbeiter kann zum Aufbau unabh&#228;ngiger   Gewerkschaften in &#196;gypten einen gro&#223;en Beitrag leisten. Aber die   &#228;gyptischen Aktivisten sollten auf der Hut sein vor den rechten   b&#252;rokratischen Gewerkschaftsspitzen des Westens, die pro-kapitalistische   und b&#252;rokratische Strukturen nach eigenem Muster in &#196;gypten schaffen   wollen. Sie w&#252;rden eine Barriere bilden f&#252;r die Entwicklung   k&#228;mpferischer unabh&#228;ngiger Vereinigungen.<\/p>\n<p>  Die Arbeiter brauchen die unabh&#228;ngigen Gewerkschaften um die &#220;bernahme   der Betriebe durch sie selbst zu organisieren. Die Gesch&#228;ftsb&#252;cher   sollten ge&#246;ffnet werden um zu &#252;berpr&#252;fen, wohin die Profite geflossen   sind. Die demokratische Kontrolle der Arbeiter w&#252;rde es erlauben, die   Produktion zu planen und dem &#246;ffentlichen Dienst zu gestatten, die   Bed&#252;rfnisse der Werkt&#228;tigen, ihrer Familien und der Armen zu befriedigen.<\/p>\n<p>  Gef&#252;hrt von einer Regierung der Arbeiter und Armen w&#252;rde das die   Grundlage einer sozialistischen Umgestaltung &#196;gyptens legen, die die   massiven Ungleichheiten und die Unterdr&#252;ckung beenden. Das w&#252;rde   &#228;hnlichen Bewegungen in Nordafrika, dem Mittleren Osten und weltweit   inspirieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Harte K&#228;mpfe um den Aufbau einer k&#228;mpferischen unabh&#228;ngigen Gewerkschaft\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[36,37],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14104"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14104"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14104\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14104"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14104"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14104"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}