{"id":14097,"date":"2011-02-14T11:00:00","date_gmt":"2011-02-14T10:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14097"},"modified":"2012-12-30T12:02:13","modified_gmt":"2012-12-30T11:02:13","slug":"14097","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/02\/14097\/","title":{"rendered":"Berlinale 2011: Es fehlen die Gefangenen"},"content":{"rendered":"<p>  Das Berliner Filmfestival erinnert an den im Iran inhaftierten Jafar   Panahi<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Vor Beginn der 61. Berliner Filmfestspiele wurden iranische Filmemacher   inhaftiert und zu jahrzehntelangen Berufsverboten verurteilt. Zudem   werfen Wirtschaftskrise, Umweltproteste und die Prekarisierung der   Arbeitsverh&#228;ltnisse Schatten.<\/p>\n<h4>  <i>von Aron Amm, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Auch als das Mubarak-Regime Mobilfunknetz und Internet lahmlegte, ebbte   die Welle der Widerstandsbewegung in &#196;gypten nicht ab. Dennoch waren die   modernen Kommunikationsmittel ein wichtiger Faktor beim Beginn der   Revolution im arabischen Raum. So war es die Facebook-Gruppe &#8222;Wir sind   alle Chaled Said&#8220; &#8211; nach dem von der Polizei im Sommer 2010 in   Alexandria zu Tode gepr&#252;gelten Blogger benannt &#8211; die f&#252;r die Verbreitung   des Protestauftakts am 25. Januar gesorgt hatte. Wie im Iran 2009   fungierten Facebook, Twitter und SMS-Botschaften als wichtige   Hilfsmittel, um &#252;ber Aufstand und Repression zu informieren. Mehr noch.   Das Internet half, dass sich diese Nachrichten &#252;ber die Landesgrenzen   hinaus in Windeseile verbreiteten und gerade die in Tunesien in diesem   Winter einsetzenden Ereignisse zu einer Kettenreaktion in Tunis, Algier,   Amman, Sanaa, Marrakesch, Damaskus f&#252;hrten.<\/p>\n<p>  Diese Entwicklungen antizipierte der Regisseur Mohammad Rasoulof in   gewisser Weise in seinem Streifen &#8222;Im Reich der Sch&#252;sseln&#8220;; eine   Dokumentation &#252;ber die Rolle der neuen Kommunikationstechniken im Kampf   gegen die iranische Zensur. Im Sommer 2009 zeigte Rasoulof beim Festival   &#8222;Senza Frontiere &#8211; Without Borders&#8220; in Rom in seinem Film, &#8222;wie in   D&#246;rfern auf dem Land, die gerade mal vor drei Jahren die Elektrizit&#228;t   kennenlernten, Satellitensch&#252;sseln auf die H&#252;tten kommen. Wie das   Fernsehen dort tats&#228;chlich noch Aufkl&#228;rungs- und Bildungsmedium ist,   &#220;berbringer von Nachrichten von fremden Sendern, die das Regime   eigentlich nicht zul&#228;sst&#8220; (Verena Lueken in der FAZ vom 5. Februar).   Nachdem Mohammad Rasoulof diesen Film auf dem Festival von Rom   vorgestellt und auch Cinecitt&#224;, der fr&#252;heren Wirkungsst&#228;tte von seinem   gro&#223;en Vorbild Federico Fellini einen Besuch abgestattet hatte, wurde er   nach seiner R&#252;ckkehr im Iran festgenommen. Damit erging es ihm &#228;hnlich   wie seinem international ungleich bekannteren iranischen Kollegen Jafar   Panahi, der im Dezember 2010 zu sechs Jahren Haft und zwanzig Jahren   Berufs-, Interview- und Reiseverbot verurteilt wurde.<\/p>\n<p>  Deshalb ist dieses Jahr ein Stuhl bei allen Vorstellungen der   Wettbewerbsfilme im Berlinale-Palast leer, symbolisch freigehalten f&#252;r   Jafar Panahi &#8211; der vor seiner Festnahme in die internationale   Wettbewerbsjury der 61. Berliner Filmfestspiele berufen worden war.<\/p>\n<h4>  Teherans Repression gegen iranische Filmemacher<\/h4>\n<p>  Wichtige Wegbereiter des iranischen Kinos wie Abbas Kiarostami (&#8222;Quer   durch den Olivenhain&#8220;) oder Mohsen Makhmalbaf (&#8222;Kandahar&#8220;) und seine   filmende Familie gingen bereits vor Jahren ins Exil. Auch Bahman Ghobadi   (&#8222;Zeit der trunkenen Pferde&#8220;) hat sich dazu entschieden, Iran zu   verlassen. Andere iranische Regisseure sehen sich ebenfalls dazu   gezwungen, im Ausland zu drehen und von dort auf das Land einzuwirken.   So Marjane Satrapi, die &#8222;Persepolis&#8220; machte. So Ali Samadi Ahadi, dessen   Film &#252;ber die revolution&#228;ren Unruhen nach den Wahlen 2009, &#8222;The Green   Wave&#8220;, am 24. Februar in den deutschen Kinos anl&#228;uft. Ali Samadi Ahadi   schreibt im tip-Magazin 4\/11 &#252;ber das Vorgehen der   Ahmadinedschad-Herrschaft: &#8222;Die Zensurbeh&#246;rde lehnt fast jede gr&#246;&#223;ere   Produktion ab, die Filmindustrie steht somit auf Stopp, und es geht   nicht voran. F&#252;r ein Land, dem das Kino so wichtig ist wie dem Iran, und   das f&#252;r eine so gro&#223;e renommierte Kinotradition steht, ist das ein   Riesenschlag. Das iranische Kino fehlt seither auf den gro&#223;en   Festivals.&#8220; Das gilt auch f&#252;r die Berlinale 2011. Gezeigt wird nur ein   Film in der Reihe Generation Kplus, &#8222;Wind und Nebel&#8220; (auch hier erh&#228;lt   die Realit&#228;t mit all ihren Schrecken in Form eines pl&#246;tzlichen   Bombardements in diese Kindheitsgeschichte Einzug), au&#223;erdem der   Wettbewerbsbeitrag &#8222;Nader and Simin, a Separation&#8220;. Von diesem Film des   Regisseurs Asgar Farhadi sagt man, dass dem Filmemacher seine   Produktionslizenz zwischenzeitlich entzogen wurde, als er sich mit den   verhafteten Kollegen solidarisierte. Erst nachdem er widerrief, soll ihm   die Fertigstellung des Films genehmigt worden sein.<\/p>\n<p>  Wie verh&#228;lt sich nun die Berlinale dazu? Der schon l&#228;nger in Europa   lebende iranische Filmemacher Rafi Pitts, von dem letztes Jahr auf dem   Festival &#8222;Zeit des Zorns&#8220; gezeigt wurde, appellierte dazu, zur   Unterst&#252;tzung der Inhaftierten einen Protest- und Streiktag   durchzuf&#252;hren. Dazu konnte sich die Berlinale-Leitung, wenig   &#252;berraschend, jedoch nicht durchringen. Sie begn&#252;gt sich damit, zum   Festivalbeginn einen im Gef&#228;ngnis verfassten Brief Panahis verlesen zu   haben und eine Reihe seiner Filme aufzuf&#252;hren. Darunter &#8222;Offside&#8220;, der   2006 den Silbernen B&#228;ren erhielt, und von fu&#223;ballbegeisterten Frauen   handelt, die sich als M&#228;nner verkleiden, um dem L&#228;nderspiel Irans gegen   Bahrein im Stadion beiwohnen zu k&#246;nnen (was Frauen dort untersagt ist).   Gut m&#246;glich, dass dar&#252;ber hinaus der iranische Wettbewerbsstreifen   &#8222;Nader and Simin, a Separation&#8220; von der Jury mit dem Goldenen B&#228;ren   preisgekr&#246;nt wird.<\/p>\n<p>  In den vergangenen zwei Dekaden ragte &#8211; neben dem   israelisch-pal&#228;stinensischen Film der letzten Jahre mit &#8222;Paradise Now&#8220;,   &#8222;Waltz with Bashir&#8220; oder &#8222;Ajami&#8220; &#8211; vor allem das iranische Kino weltweit   heraus. Es war, als hielten Kiarostami, Makhmalbaf und Panahi ein   Stethoskop an die eingeengte, schier erstickende und gleichzeitig   brodelnde Gesellschaft. Iranische Filmemacher nahmen nicht nur die   Studentenrevolte 1999 und die revolution&#228;re Entwicklung zehn Jahre   sp&#228;ter in Ans&#228;tzen vorweg. Auch k&#252;nstlerisch (so Kiarostamis nur in   einem Auto in den Stra&#223;en Teherans gedrehter Film &#252;ber die Lage der   Frau, &#8222;Ten&#8220;- nachdem er mit dem &#8222;Geschmack der Kirsche&#8220; bereits &#228;hnlich   vorgegangen war) und thematisch (&#252;ber die US-Kriege und ihre Folgen in   Afghanistan und im Irak) lieferten sie Wegweisendes. In der Tat findet   sich das iranische Kino, wie Ali Samadi Ahadi konstatiert, zum heutigen   Zeitpunkt &#8222;im Ausnahmezustand&#8220;.<\/p>\n<h4>  Auch Peking greift durch<\/h4>\n<p>  Was sich vom iranischen Film sagen l&#228;sst, trifft ganz &#228;hnlich auf das   Kino Chinas zu. Wenn wir die Berlinale als Spiegel des Films   international nehmen, so gab es in den letzten Jahren auch im   chinesischen Film einiges zu entdecken. Das wird schon deutlich, wenn   man blo&#223; die eindr&#252;cklicheren Berlinale-Beitr&#228;ge der Vorjahre Revue   passieren l&#228;sst. 2003 wurde &#8222;Blinder Schacht&#8220; mit dem Silbernen B&#228;ren   geehrt. In Li Yangs Film hecken zwei im Bergbau besch&#228;ftigte Tagel&#246;hner   einen perfiden Plan aus: Sie wollen einen Kumpel um die Strecke bringen   und ihn als Verwandten ausgeben, um eine Provision zu kassieren, die   ihre L&#246;hne betr&#228;chtlich &#252;bersteigt. In einer Karaoke-Bar wird ein   sarkastisches &#8222;Loblied&#8220; auf den Kapitalismus angestimmt. Dieser Film war   mit Handkamera heimlich an Originalschaupl&#228;tzen entstanden, die   Digitalvideo-Bilder wurden dann aus dem Land geschmuggelt. 2007 warf der   (vor der Auff&#252;hrung mehrfach, um durch die Zensur zu kommen, neu   geschnittene) Wettbewerbsfilm &#8222;Lost in Bejing&#8220; ein Schlaglicht auf ein   verst&#246;rendes Peking, im Forum-Beitrag der Regisseurin Li Ying, &#8222;Mona   Lisa&#8220;, begleitete der Zuschauer im selben Jahr eine Gef&#228;ngnisinsassin   dabei, wie sie f&#252;r wenige Tage Freigang erh&#228;lt, um zur Beerdigung eines   verstorbenen Familienangeh&#246;rigen zu reisen.<\/p>\n<p>  Auch diese Quelle der Inspiration f&#252;r das Weltkino droht zu versiegen.   Auf der diesj&#228;hrigen Berlinale sind, abgesehen von &#8222;Together&#8220; &#252;ber das   Leben von Aids-Patienten in China, nur Filme der Opportunisten Zhang   Yimou (&#8222;Under the Hawthorn Tree&#8220; &#252;ber eine Jugendliebe w&#228;hrend der   Kulturrevolution) und Chen Kaige (&#8222;Sacrifice&#8220;, ein Historiendrama, &#8222;mit   eindrucksvollen Kampfszenen&#8220;, wie es im Programmheft hei&#223;t) zu sehen.<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich wird das neue Kino Irans und Chinas nicht v&#246;llig totzukriegen   sein. Schlie&#223;lich engagieren sich die ins Exil geflohenen Filmemacher   weiter. Au&#223;erdem lassen sich in der &#196;ra der DV-Kamera mit knappen   Mitteln, unter klandestinen Bedingungen Filme machen &#8211; wie &#8222;Blinder   Schacht&#8220; bewiesen hat.<\/p>\n<h4>  Der Finanzcrash auf der Leinwand<\/h4>\n<p>  Der Fall Panahi zeigt, dass selbst die Berlinale und die Filmindustrie   von den internationalen krisenhaften Entwicklungen heimgesucht werden.   Nat&#252;rlich w&#252;rde die Kinobranche am Liebsten die Augen vor Krise, Unruhen   und Revolutionen verschlie&#223;en, business as usual betreiben und sich beim   Filmfestival blo&#223; selber feiern. Aber es gibt durchaus Ausnahmen bei dem   61. Filmfestival.<\/p>\n<p>  Mit dem US-Film &#8222;Margin Call&#8220; wird ein Beitrag zur Weltwirtschaftskrise   geliefert. 24 Stunden einer New Yorker Investmentbank, die vor dem   Zusammenbruch steht &#8211; das Vorbild Lehman Brothers ist unschwer zu   erkennen &#8211; werden minuti&#246;s nachgezeichnet. Film und Arbeitstag beginnen   mit der Entlassung von 80 Prozent der Broker auf einer Firmenetage.   Einer der Gefeuerten aus der &#8222;Risiko-Abteilung&#8220; dr&#252;ckt einem der   &#252;briggebliebenen Kollegen einen Stick in die Hand, der ein   Prognose-Modell enth&#228;lt. Rasch entdeckt der junge Mitarbeiter, dass die   Bank ein zu gro&#223;es Rad gedreht hat. In der Nacht jagt eine Krisensitzung   die n&#228;chste. Man entscheidet sich, die faulen Kredite am n&#228;chsten Morgen   loszuschlagen und die wertlosen Papiere anderen aufzuhalsen. Margin Call   ist f&#252;r Broker und Trader der Augenblick, in dem es im Terminhandel   ernst wird und K&#228;ufer mit Cash statt Versprechen zahlen m&#252;ssen.<\/p>\n<p>  Der Film ist das Deb&#252;t von J. C. Chandor, der zuvor &#252;berwiegend   Fernsehdokumentationen gemacht hat. Es ist ein &#8222;Submarine&#8220;-Werk, wie in   Hollywood Filmprojekte genannt werden, die mangels Geld f&#252;r aufwendige   Au&#223;enaufnahmen und Kulissen als Kammerspiel, also in einem U-Boot,   funktionieren m&#252;ssen. F&#252;r Chandor &#252;berraschend heuerten dann Jeremy   Irons, Kevin Spacey, Paul Bettany und andere Prominente an. Die   Geschichte wird nicht sonderlich innovativ erz&#228;hlt. Aber immerhin   vermeidet es Chandor, zu menscheln. Solange der Kapitalismus   fortbesteht, wird es Krisen und Katastrophen geben. Das h&#228;lt der   Streifen fest. Jeremy Irons als CEO z&#228;hlt am Ende des Films alle   vorherigen tiefen Rezessionen auf: 2001, 1991, 1987, 1979, 1974, 1937,   1929&#8230; Um solch eine Krise zumindest vor&#252;bergehend zu meistern, schlug   der b&#252;rgerliche &#214;konom John Maynard Keynes einmal vor, Geld in Flaschen   zu stopfen, diese einzubuddeln und dann wieder auszugraben (und so Leute   zu besch&#228;ftigen und damit den Wirtschaftskreislauf nicht zum Erliegen   kommen zu lassen). Kevin Spacey fragt in diesem Film, ob ein Mensch, der   nur L&#246;cher schaufelt, nicht eine sinnvollere Arbeit verrichtet, als all   die Banker und Spekulanten, die nie reale Werte schaffen. W&#228;hrend sich   Milliarden in Luft aufl&#246;sen und Millionen perspektivisch auf der Stra&#223;e   landen werden, weint der von Spacey gemimte Broker um seinen sterbenden   Hund; in der Schlussszene von &#8222;Margin Call&#8220; begr&#228;bt er ihn im Garten   seiner Exfrau. Ein Berufseinsteiger spricht seinen Abteilungsleiter   mitten im Schlamassel darauf an, dass der Crash &#8222;da drau&#223;en&#8220; wohl viele   Menschen ruinieren werde. Postwendend antwortet der Vorgesetzte: &#8222;Ich   schei&#223;&quot; auf die normalen Leute da drau&#223;en.&#8220;<\/p>\n<h4>  Koreanische Beitr&#228;ge<\/h4>\n<p>  Eine Entdeckung auf der Berlinale ist der koreanische &#8222;Dance Town&#8220; aus   dem Panorama-Programm. Friedrich Engels meinte einmal, dass sich das   kulturelle Niveau einer Gesellschaft auch daran bemessen l&#228;sst, welche   Stellung die Frau inne hat. &#8222;Dance Town&#8220; nimmt die Perspektive der   Frauen in Nord- und S&#252;dkorea ein. Die Protagonistin (deren Ehemann von   Dienstreisen ins Nachbarland Kosmetika und Pornofilme mitbringt) flieht   von Nordkorea nach Seoul. In der kapitalistischen Metropole muss sie auf   brutale Weise erfahren, dass die B&#228;ume hier keineswegs in den Himmel   wachsen. In dem letzten Teil von Jeon Kyu-hwans &#8222;Town&#8220;-Trilogie, die   Einsamkeit und Entfremdung in den heutigen Gro&#223;st&#228;dten anklagt, sagt ein   auf engstem Raum vor sich hin vegetierender Querschnittsgel&#228;hmter, der   aufgrund seiner Behinderung keine Wohnung kriegt, dass &#8222;nur die reichen   Bastarde gut leben&#8220;. Als sich die Frau einem befreundeten Polizisten   ann&#228;hert und mit ihm auf Sauftour geht, wird sie von diesem in der   anschlie&#223;enden Nacht auf offener Stra&#223;e vergewaltigt. Auf &#8222;exzentrische   Art und Weise geht es in &#8222;Ashamed&#8220;, einem wortreichen und zum Teil   surrealen Lichtspiel &#252;ber lesbische Liebe&#8220;, so Ralph Umard im   tip-Magazin 4\/11 &#8211; jedenfalls ein Novum f&#252;r das Kino aus S&#252;dkorea. In   dem Forum-Film &#8222;Self Referential Traverse: Zeitgeist and Engagement&#8220;   wird mit dem s&#252;dkoreanischen Pr&#228;sidenten abgerechnet, unter anderem   werden die Landschaft zerst&#246;rende Kanalprojekte angeprangert.<\/p>\n<h4>  Stuttgart 21, Atomindustrie und Black Power<\/h4>\n<p>  Auch eine Kritik an dem Profitprojekt Stuttgart 21 findet sich in dem   diesj&#228;hrigen Berlinale-Programm: &#8222;Stuttgart 21 &#8211; Denk mal!&#8220; von den   Filmstudenten Lisa Sperling und Florian Kl&#228;ger. &#8222;Even the Rain&#8220; ist ein   Film-im-Film: Ein Regisseur will sich in Bolivien auf die Spuren von   Kolumbus begeben und wird von seinem Kolumbus-Darsteller der Heuchelei   bezichtigt; das dient als Aufh&#228;nger f&#252;r eine Auseinandersetzung mit dem   &#8222;Wasserkrieg&#8220; aus dem Jahr 2000, als die Bev&#246;lkerung gegen einen Multi,   der ihnen das Wasser nimmt, aufsteht. Der Er&#246;ffnungsfilm der Reihe   Perspektive Deutsches Kino, &#8222;Utopia Ltd.&#8220;, ein Portr&#228;t der Punkband   &#8222;1.000 Robota&#8220;, attackiert die Heuchelei gewisser Indepentent Labels,   die ebenfalls nur noch abzocken m&#246;chten. Zudem sind mehrere Streifen zu   sehen, die sich mit der Atomindustrie auseinandersetzen. Ob der   russische Wettbewerbsbeitrag &#8222;An einem Samstag&#8220; zum 25. Jahrestag des   Super-Gaus von Tschernobyl oder &#8222;Unter Kontrolle&#8220; aus dem Forum. Das   tip-Magazin 4\/11 schreibt dar&#252;ber: &#8222;Beim Nachdenken &#252;ber die   Halbwertszeit von radioaktivem M&#252;ll, bei dem man bis heute nicht wei&#223;,   wohin damit, kl&#228;rt sich die Frage, ob alles unter Kontrolle sei, von   alleine.&#8220;<\/p>\n<p>  Mehrere Filme greifen prek&#228;re Arbeitsverh&#228;ltnisse auf oder gehen der   Eint&#246;nigkeit von entfremdeter Lohnarbeit nach. Das gilt f&#252;r den   deutschen Film &#8222;Die Ausbildung&#8220; &#252;ber das letzte Lehrjahr eines Azubis   und seine Beziehungen zum Personalchef, zu einer engagierten   Gewerkschafterin und eine Zeitarbeiterin, das gilt f&#252;r den japanischen   &#8222;FIT&#8220; &#252;ber einen Mitarbeiter eines Versandhauses.<\/p>\n<p>  Tribut gezollt werden auf der Berlinale im &#220;brigen auch den Black   Panthers in &#8222;The Black Power Mixtape 1967-1975&#8220;, Harry Belafonte in   &#8222;Sing Your Song&#8220; und Miriam Makeba in &#8222;Mama Africa&#8220;. Wenn man Andreas   M&#252;ller von radio eins glauben darf, leider auf recht biedere und brave   Weise.<\/p>\n<h4>  Mal wieder Berliner Schule<\/h4>\n<p>  Sehenswert ist Ulrich K&#246;hlers dritter Film &#8222;Schlafkrankheit&#8220;. Wie   seitens der Berliner Schule &#252;blich, wird mit der konventionellen   Erz&#228;hlweise gebrochen, nicht geradlinig Spannung aufgebaut und auf   H&#246;hepunkte hingearbeitet, sondern nach links und rechts geschaut, Blick   und Geist erlaubt, herum zu schweifen, Beil&#228;ufiges wahrzunehmen. Der   Film zerf&#228;llt in zwei H&#228;lften. Im ersten Teil steht der deutsche   Entwicklungshelfer Ebbo vor der Entscheidung, ob er mit Frau und Tochter   nach Wetzlar zur&#252;ckkehrt oder seine Arbeit in Kamerun fortsetzt. Im   zweiten Teil folgt man einem franz&#246;sischen Arzt mit kongolesischen   Wurzeln, der in Paris beauftragt wird, ebenfalls nach Kamerun zu reisen,   um &#8211; wie sich dem Zuschauer allm&#228;hlich d&#228;mmert &#8211; Ebbos Projekt, die   Bek&#228;mpfung der Schlafkrankheit, zu evaluieren. Bald begreift man, dass   drei Jahre ins Land gegangen sind, Ebbo in Afrika geblieben, ja   gestrandet ist. Der Bezug zu Joseph Conrads &#8222;Herz der Finsternis&#8220; dr&#228;ngt   sich auf. Ebbo ist nicht abgereist, weil er das Land, vor allem aber   auch seine exponierte Stellung als Entwicklungshelfer liebgewonnen hat.   In den letzten Minuten des Films scheitert eine Jagd von Ebbo und dem   Arzt &#8211; eine Allegorie f&#252;r das Scheitern der Entwicklungshilfe. Dann   bricht der Film genau da ab, wo man eine Erkl&#228;rung, Aufl&#246;sung erwartet.   Aber genau das ist die Intention von Ulrich K&#246;hler. Den Zuschauer nicht   bedienen, sondern fordern. Er l&#228;sst einen auch immer nur mutma&#223;en, wie   seine Hauptfiguren denken, f&#252;hlen, handeln &#8211; und verteidigt das damit,   dass man auch im echten Leben nur beschr&#228;nkte Informationen von anderen   Menschen bekommt und auf dieser Basis seine Schl&#252;sse ziehen muss. In   einer Schl&#252;sselszene von &#8222;Schlafkrankheit&#8220; verweist ein Politiker   darauf, dass in 50 Jahren angeblich 500 Milliarden Dollar in die   Entwicklungshilfe gesteckt wurden, und pl&#228;diert daf&#252;r, &#8222;Hilfe&#8220;durch   &#8222;Handel&#8220; zu ersetzen, endlich den Markt entscheiden zu lassen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Das Berliner Filmfestival erinnert an den im Iran inhaftierten Jafar<br \/>\n      Panahi\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[68],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14097"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14097"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14097\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14097"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14097"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14097"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}