{"id":14092,"date":"2011-02-08T00:00:00","date_gmt":"2011-02-08T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14092"},"modified":"2011-02-08T00:00:00","modified_gmt":"2011-02-08T00:00:00","slug":"14092","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/02\/14092\/","title":{"rendered":"Albanien: &#8220;Sali Berisha will eine offene Diktatur&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>  Interview mit Dejona Mihajli nach den Massenprotesten in Tirana.<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  Frau Mihajli, k&#246;nnen Sie sich kurz vorstellen?<\/h4>\n<p>  Ich habe Soziologie und Philosophie studiert und habe an verschiedenen   Universit&#228;ten in Albanien in diesen Studienf&#228;chern unterrichtet. Diesen   Unterricht habe ich mit verschiedenen Kollegen auch als politische   Aktivit&#228;t gesehen. Wir haben uns in Studentengruppen mit den linken   philosophischen Str&#246;mungen vertraut gemacht. Auf der anderen Seite bin   ich auch politisch aktiv beim &#8220;Antonio Gramsci Institut&#8221; in Tirana.<\/p>\n<h4>  Wieso nennt sich das Institut eigentlich Antonio Gramsci?<\/h4>\n<p>  Antonio Gramsci ist albanischer Herkunft. Er hat einen wichtigen Beitrag   zur linken Philosophie geleistet. Deshalb haben wir unser Institut nach   ihm benannt.<\/p>\n<h4>  Kommen wir jetzt zu den j&#252;ngsten Ereignissen in Albanien. Am 21. Januar   sind bei einer Massendemonstration drei Menschen von der   Republikanischen Garde erschossen worden. Was ist an diesem Tag   geschehen?<\/h4>\n<p>  Die sogenannte &#8220;Sozialistische Partei&#8221; (SP), die von Edi Rama gef&#252;hrt   wird, hat wegen eines Videos, in welchem ein Korruptionsskandal des   Vizepremierminister Albaniens Ilir Meta<\/p>\n<p>  dargestellt wird, zu der Demonstration aufgerufen. Die Masse der   Menschen, die am 21. Januar demonstriert hat, war sehr gro&#223;. Es waren   &#252;ber 200.000. Und es war nicht so, wie es die sogenannten Analytiker in   Albanien sagen, dass eine kleine<\/p>\n<p>  organisierte Gruppe von Menschen, die Polizisten &#8211; die den   Regierungssitz sch&#252;tzten &#8211; angegriffen hat. In der ersten Reihe der   Demonstranten waren Arbeiter, Arbeitslose, Studenten, Intellektuelle,   Rentnerinnen usw. Menschen, die einfach nicht mehr so leben m&#246;chten, wie   sie bislang in Armut und sozialem Elend leben.<\/p>\n<p>  Hier muss man noch erw&#228;hnen, dass Edi Rama, der zum Protest aufgerufen   hat, nicht an der Demo teilgenommen hat. Er versteckte sich im B&#252;ro der   SP. So hat die Masse angefangen, die Polizisten mit Steinen zu bewerfen   und die Republikanische Garde hat eiskalt mit Sch&#252;ssen geantwortet. Drei   Demonstranten wurden erschossen.<\/p>\n<h4>  Der Regierungschef, Sali Berisha, hat die Anklage der obersten   Staatsanw&#228;ltin gegen sechs Gardisten f&#252;r den Mord an drei Demonstranten   einstellen lassen. Er hat auch dem Pr&#228;sidenten unterstellt, dass er die   Demonstration indirekt unterst&#252;tzt habe. Versucht Sali Berisha eine   absolute Diktatur zu errichten?<\/h4>\n<p>  Ja, Sali Berisha versucht auf der einen Seite, eine Diktatur zu   errichten. Aber auf der anderen Seite existiert auch eine gro&#223;e Kluft   zwischen dem, was die Menschen verlangen, und dem, was die sogenannte   &#8220;Sozialistische Partei&#8221; propagiert. In Albanien fehlt eine richtige   sozialistische Partei, die die gro&#223;e soziale Unzufriedenheit der   Menschen politisch gerecht artikulieren w&#252;rde.<\/p>\n<h4>  K&#246;nnte dies nicht das Institut Antonio Gramsci werden?<\/h4>\n<p>  Es ist wirklich die Zeit gekommen, dass wir diesen Schritt unternehmen.   Aber da gibt es Schwierigkeiten in Albanien. Um eine Partei offiziell   anzumelden, braucht man viel Geld. Man ben&#246;tigt mindestens 10.000   Mitglieder, und f&#252;r jedes Mitglied muss eine Abgabe an den Staat bezahlt   werden. Dies bedeutet konkret bei 10.000 Mitgliedern einen Betrag von   mehr als 300.000 Euro. Daran sehen Sie, dass nur die Reichen einfach   eine Partei gr&#252;nden k&#246;nnen. Dennoch m&#252;ssen wir den Versuch wagen, eine   linke Alternative zu Rama und Berisha aufzubauen.<\/p>\n<h4>  In den b&#252;rgerlichen Zeitungen in Deutschland wurde &#252;ber die   Demonstrationen gesagt, dass es an der Mentalit&#228;t des Balkans liege,   wenn es zu solchen b&#252;rgerkriegs&#228;hnlichen Zust&#228;nden kommt. Was halten Sie   davon?<\/h4>\n<p>  Solche Aussagen sind vom Kern her rassistisch. Sie abstrahieren von den   konkreten Verh&#228;ltnissen in Albanien. Hier ist der Gegensatz zwischen Arm   und Reich besonders ausgepr&#228;gt. Zus&#228;tzlich leidet Albanien unter den   Folgen der Weltwirtschaftskrise. Dies betrifft nicht so sehr die   albanische Industrie, die ohnehin kaum konkurrenzf&#228;hig ist. Das   Handelsbilanzdefizit Albaniens wird immer gr&#246;&#223;er. Im Jahr 2009 war das   Handelsbilanzdefizit besonders ausgepr&#228;gt. Exporten im Wert von 1,1   Milliarden Dollar standen Importe im Wert von 4,3 Milliarden Dollar   gegen&#252;ber.<\/p>\n<p>  Die Lage f&#252;r die meisten Menschen ist f&#252;rchterlich. Die Preise steigen,   die Arbeiter haben keine Rechte und es gibt eine enorme Kinderarmut.   Viele albanische Arbeiter fristen ihr Dasein in Griechenland. Dort   werden sie als Billigarbeiter besonders ausgebeutet und gleichzeitig von   griechischen Faschisten angegriffen. Ihre Zahl liegt bei 500.000.<\/p>\n<p>  In Albanien w&#228;chst die Zahl der frustrierten Jugendlichen enorm. Viele   arbeiten nach ihrem Studienabschluss im Billiglohnbereich. Berisha ist   verhasst und auch die ausl&#228;ndischen Kapitalisten, welche von Berisha den   Status der &#8220;Immunit&#228;t&#8221; zugesprochen bekamen. Dies hei&#223;t, diese   Unternehmen sind keinerlei Tarifvertr&#228;gen und keinem Mindestlohn   verpflichtet. Speziell italienische Textilfabrikanten investieren wieder   vermehrt in das Ausbeutungparadies Albanien.<\/p>\n<h4>  Ben&#246;tigen Sie internationale Solidarit&#228;t und internationale Kontakte?<\/h4>\n<p>  Ja, aber nicht nur per E-Mail. Die E-Mails haben nur einen begrenzten   Wert. Die &#8220;Internationalisten&#8221; sollten hierherkommen und sich mit der   Situation genau vertraut machen. Wir sind uns der Notwendigkeit von   internationalen Kontakten bewusst.<\/p>\n<h4>  Danke f&#252;r das Gespr&#228;ch.<\/h4>\n<h5>  <i>Das Interview f&#252;hrte Max Brym in Tirana.<\/i><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Interview mit Dejona Mihajli nach den Massenprotesten in Tirana.\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[46],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14092"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14092"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14092\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14092"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14092"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14092"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}