{"id":14091,"date":"2011-02-07T14:00:00","date_gmt":"2011-02-07T14:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14091"},"modified":"2011-02-07T14:00:00","modified_gmt":"2011-02-07T14:00:00","slug":"14091","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/02\/14091\/","title":{"rendered":"&#196;gypten: &#8222;Mubarak sollte sich f&#252;r alles verantworten!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Augenzeugenbericht vom Freitag, den 4. Februar 2011<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h5>  <i>Dieser Augenzeugenbericht von einem Reporter des Komitees f&#252;r eine   Arbeiterinternationale wurde erstellt, kurz bevor sich die Zahl der   DemonstrantInnen auf dem tahrir-Platz nach dem Freitagsgebet stark   erh&#246;hte.<\/i><\/h5>\n<p>  Heute morgen (4.Februar), bevor sich die Moscheen leeren, ist die   Situation am Tahrir-Platz relativ ruhig. Es gibt keine gro&#223;en K&#228;mpfe   zwischen Anh&#228;ngerInnen und GegnerInnen von Mubarak, wie wir sie in den   letzten Tagen gesehen haben.<\/p>\n<p>  Ich bin auf dem Tahrir-Platz und die Stimmung wird selbstbewusster. Es   gibt nicht viel Milit&#228;rpr&#228;senz, nur wenige Soldaten. Mubaraks Banditen   haben auf den Stra&#223;en au&#223;erhalb des Platzes Checkpoints eingerichtet.   Sie sind mit Messern und St&#246;cken bewaffnet und greifen DemonstrantInnen   und alle an, die sie f&#252;r &#8222;Ausl&#228;nder&#8220; oder JournalistInnen halten. Viele   dieser Gangster scheinen betrunken oder high zu sein. Sie geh&#246;ren zu den   &#196;rmsten und werden zweifellos vom Regime bezahlt. Einige k&#246;nnten mit   einem k&#252;hnen revolution&#228;ren Appell gegen die Elite auf die Seite der   Revolte gezogen werden.<\/p>\n<p>  Viele Menschen auf dem Platz denken jetzt, dass sich der Wind in ihre   Richtung dreht. Sie rechnen mit gro&#223;en Protesten heute nach den   Freitagsgebeten.<\/p>\n<h4>  Gestern<\/h4>\n<p>  Gestern morgen (3. Februar) schien Kairo ruhig zu erwachen. Im   Stadtzentrum waren Barrikaden gebaut worden, die freiwillige   Mubarak-GegnerInnen verteidigten, daher war der Tahrir-Platz relativ   sicher. In einer Seitenstra&#223;e stand eine Gruppe Mubarak-Anh&#228;nger einer   Gruppe GegnerInnen gegen&#252;ber. Es gibt immer wieder kleine   Auseinandersetzungen, aber bei weitem nicht in dem Ausma&#223; der vorherigen   Nacht. Trotzdem sind alle DemonstrantInnen wieder auf die Stra&#223;e   gegangen, und am Vormittag waren der gesamte Platz und die Umgebung   unter ihrer Kontrolle. Auf den Stra&#223;en zum Platz waren Panzer und einige   Soldaten. In den K&#228;mpfen in der Nacht zuvor blieben sie &#8222;neutral&#8220;.<\/p>\n<p>  Nach den blutigen K&#228;mpfen der letzten Tage waren die DemonstrantInnen   noch entschlossener als vorher, ihren Protest h&#246;rbar zu machen. Die   Demonstration heute (4. Februar) verspricht riesig zu werden. Die   DemonstrantInnen sind immer noch freundlich zu denen, die kommen um sie   zu unterst&#252;tzen, besonders zu Ausl&#228;nderInnen. Die Menschen sind gut   gelaunt &#8211; schlie&#223;lich konnten sie den Platz unter Kontrolle behalten und   ihre Position st&#228;rken. Es gab &#252;ber Nacht auch K&#228;mpfe in Alexandria, aber   nicht so heftige. Anscheinend hatten die Unterst&#252;tzer des Regimes damit   gerechnet, dass sie den Tahrir-Platz, das Symbol der Proteste, einnehmen   und das Zentrum der Opposition zerschlagen k&#246;nnten. Jetzt f&#252;hlen sich   diejenigen ermutigt, die den Platz erfolgreich verteidigt haben.<\/p>\n<p>  In der ganzen Stadt h&#246;rt man Diskussionen &#252;ber das Regime und seinen   R&#252;cktritt. Die oppositionelle Presse ist voll von &#220;berschriften gegen   Mubarak. Die offizielle Presse sagt das Gegenteil, aber wer liest sie   jetzt noch?<\/p>\n<p>  Menschen kommen weiterhin auf den Platz und wollen die Proteste &#8222;bis zum   Ende&#8220; fortsetzen. Nach den K&#228;mpfen gestern radikalisierte sich die   Stimmung. Selbst die, die gestern auf ein schnelles Ende gehofft hatten   um nach Hause gehen zu k&#246;nnen sind durch die Provokationen des Regimes   w&#252;tend und haben neuen Kampfgeist. Nachdem die Menschen gestern Mubarak   nur loswerden wollten, wollen sie jetzt dass er verhaftet wird und dass   er und seine Handlanger vor Gericht gestellt werden. Die allgemeine   Ansicht ist: &#8222;Sie sollen f&#252;r das ganze Chaos und die Opfer die   Verantwortung tragen!&#8220;<\/p>\n<p>  Es ist klar geworden, dass es unter den &#8222;Anh&#228;ngern&#8220; Mubaraks einfache   Leute gibt, aber sie haben die Angriffe nicht organisiert. Manche haben   mitgemacht, weil sie zum &#8222;normalen Leben&#8220;, zu &#8222;Stabilit&#228;t&#8220; und &#8222;Ordnung&#8220;   zur&#252;ck wollten. Manche dieser Menschen wollten keine so brutalen   Angriffe auf die gegen Mubarak protestierenden. Die Verantwortung f&#252;r   die Angriffe liegt beim Regime und den vom Regime eingesetzten Gangstern.<\/p>\n<p>  Ich bin AktivistInnen von der Gruppe &#8222;Revolution&#228;re Linke&#8220; und einer   anderen Gruppe, &#8222;Sozialistische Erneuerung&#8220; begegnet. Letztere war Teil   einer Front von Jugendorganisationen die auf dem Platz einen Stand mit   Lautsprechern aufgebaut hatten. Soweit ich es aus der Diskussion, die   ich mit ihnen gef&#252;hrt habe erkennen kann, wartet diese Gruppe ab, bis   Mubarak geht und sein Regime zusammenbricht, bevor sie ihr Programm f&#252;r   die Entwicklung des Landes pr&#228;sentiert. Es scheint dass, genau wie in   Tunis, Forderungen wie &#8222;Gebt das Geld zur&#252;ck, das dem Volk gestohlen   wurde!&#8220; und die Anpassung der L&#246;hne an die Inflation von den Massen   spontan erhoben werden und nicht durch eine bewusste Intervention linker   Kr&#228;fte.<\/p>\n<\/p>\n<p>  <img src=\"\/media\/z\/aegypten2.jpg\" align=\"left\">  <\/p>\n<p>  <i>Christen sch&#252;tzen Muslime bei ihrem Gebet.<\/i><\/p>\n<h4>  Einheit<\/h4>\n<p>  Verst&#228;ndlicherweise wird die Betonung der &#8222;Einheit&#8220; hoch bewertet. Aber   wenn Mubarak geht sind weitere politische Differenzen innerhalb der   Massen der Protestierenden unvermeidbar. Ich denke, Viele verstehen das,   aber vermeiden, Differenzen offen auszutragen, bis die Hauptschlacht   gewonnen ist.<\/p>\n<p>  F&#252;r einige der pro-b&#252;rgerlichen TeilnehmerInnen steht dabei die Frage im   Mittelpunkt, wer nach der Schlacht welche m&#246;glichen Macht- und   Einflusspositionen und potentiellen Parlamentssitze bekommt. Aber f&#252;r   SozialistInnen ist es ein Kampf um das Bewusstsein von ArbeiterInnen und   Jugendlichen. Und diese Debatte hinauszuz&#246;gern ist gef&#228;hrlich. Schon   jetzt melden sich die &#8222;Br&#252;der&#8220; (Muslimbruderschaft) deutlich zu Wort.   Sie sind gute, geschulte Redner. Obwohl es scheint, als ob sie nicht   &#252;ber Politik reden, sondern dar&#252;ber was &#8222;gut&#8220; oder &#8222;schlecht&#8220; ist,   k&#246;nnen Jugendliche, die keine Alternative sehen schnell den Predigern   nachlaufen, die ein besseres Leben &#8222;in einer anderen Welt&#8220; versprechen.   Indem sie Seite an Seite mit den DemonstrantInnen an den n&#228;chtlichen   K&#228;mpfen teilgenommen haben, gelten sie als mutig und konnten dadurch   ihren Einfluss bereits steigern.<\/p>\n<p>  All das zeigt uns die dringende Notwendigkeit, eine Massenpartei der   Arbeiterklasse und der Armen aufzubauen, ausgestattet mit   sozialistischen Forderungen, um eine klare Alternative aufzuzeigen und   die Forderungen der Massen nach echten demokratischen Rechten und einer   grundlegenden sozialen Ver&#228;nderung zu erf&#252;llen.<\/p>\n<p>  Was die Armee betrifft, sagen einige AktivistInnen dass die Soldaten   sich eher auf die Seite der Protestierenden stellen werden und nicht auf   friedliche DemonstrantInnen schie&#223;en wollen. Mubarak, ein ehemaliger   Armeeoffizier, versteht wie gef&#228;hrdet seine Position ist. Aber die   Illusion von der Neutralit&#228;t der Armee und das Fehlen eines direkten   Aufrufs an die einfachen Soldaten macht es f&#252;r die Oberkommandierenden   einfacher, sich als unabh&#228;ngige Schiedsrichter darzustellen und, auch   nach einem R&#252;cktritt Mubaraks, im Machtzentrum hinter dem Thron zu   bleiben.<\/p>\n<p>  Die Selbstorganisation der Protestierenden ist beeindruckend. Neben   medizinischer Versorgung wird auch f&#252;r Verteidigung gesorgt.   Oppositionelle Radiosender senden auf dem Platz. Jemand hat einen   riesigen Fernseher aus einem Fenster in der N&#228;he geh&#228;ngt. Mittlerweile   hat die &#8222;Freie Republik&#8220; auf dem Platz ihre eigene Zeitung namens &#8222;Platz   der Befreiung&#8220;. Ich habe eine Lautsprecherdurchsage geh&#246;rt, in der ein   Klempner gebeten wurde sich um ein Problem mit einem der mobilen   Toiletten zu k&#252;mmern!<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich sind die Bedingungen hart. Menschen m&#252;ssen auf den   B&#252;rgersteigen und unter Br&#252;cken schlafen, sie decken sich mit Pappe oder   alten Decken zu. Manche haben sogar geschafft auf dem Rasen Zelte   aufzubauen. Aber niemand beklagt sich.<\/p>\n<p>  Am Morgen lief ich auf der Suche nach einem Fr&#252;hst&#252;ck durch die   benachbarten Stra&#223;en, alles was ich bekam waren ein Br&#246;tchen und etwas   Joghurt. Auf dem Platz gibt es Essen. Obwohl ich niemanden um etwas   gebeten hatte, dr&#252;ckte mir ein Demonstrant einen Wrap mit K&#228;se in die   Hand. Es gibt auch anderes Essen &#8211; Joghurt, Leber-Sandwiches &#8211; und   Wasser.<\/p>\n<p>  Es gibt hier keine &#220;berraschungen. Eine regierungsnahe Zeitung   behauptet, dass Vertreter der Hamas auf dem Platz seien, dass die   Hisbollah ein Gef&#228;ngnis gest&#252;rmt h&#228;tte und dass die ganze Revolte gegen   Mubaraks Herrschaft von den USA finanziert w&#252;rde! Auf dem Platz lesen   Menschen diese Zeitungen um ihren Kampfgeist zu st&#228;rken (um &#8222;Wut in ihr   Blut zu pumpen&#8220;, wie es im &#228;gyptischen Slang hei&#223;t). Die, die nicht   glauben, dass die Massen zu solchen Protesten in der Lage sind, h&#246;ren   nat&#252;rlich auf diese Ideen.<\/p>\n<p>  Allgemein spielen die Medien und Kommunikation eine riesige Rolle in der   Bewegung. Die offiziellen Medien greifen st&#228;ndig an, sie beschuldigen   den Aufstand, Inflation zu verursachen, zu Nahrungsmangel zu f&#252;hren und   so weiter. Manche Leute werden von dieser Propaganda get&#228;uscht und   fordern, dass die DemonstrantInnen den Protest beenden. Aber die   Menschen auf dem Platz werden nicht beeinflusst. Sie haben aus ihren   Erfahrungen gelernt. Sie glauben nicht an die Versprechen des Regimes   und sind bereit, alle Schwierigkeiten zu &#252;berwinden.<\/p>\n<p>  Heute, am Freitag bereitet sich der Aufstand auf den &#8222;Tag des Abgangs&#8220;   vor. Die Menschen sind zuversichtlich, dass nach den gro&#223;en   Stra&#223;enk&#228;mpfen in dieser Woche, in denen sie den &#8222;Platz der Befreiung&#8220;   erfolgreich verteidigt haben, heute das ganze Land aufstehen wird um den   entscheidenden Schlag f&#252;r die Befreiung des Landes zu setzen.<\/p>\n<p>  Allerdings m&#252;ssen die Massendemonstrationen in die Offensive gehen, um   diese Vorstellung zu verwirklichen. Es muss einen klaren und   entscheidenden Aufruf an die einfachen Soldaten geben, sich dem Aufstand   anzuschlie&#223;en. Die Probleme der Soldaten wie niedrige Bezahlung,   schlechte Bedingungen und schlechte Behandlung durch ihre Vorgesetzten   k&#246;nnen unter einer neuen Regierung gel&#246;st werden.<\/p>\n<p>  Die Forderung nach dem Recht zur Gr&#252;ndung einer freien und unabh&#228;ngigen   Soldatengewerkschaft, der Gr&#252;ndung von Soldatenkomitees und der Wahl von   Offizieren kann dabei helfen, die einfachen Soldaten und Teile der   Polizei auf die Seite der Massen zu ziehen. Damit und durch eine   entschlossene Offensive zur Besetzung des Pr&#228;sidentenpalastes und   anderer wichtiger Regierungsgeb&#228;ude kann Mubarak von der Macht   vertrieben und der Weg f&#252;r die Bildung einer Regierung der ArbeiterInnen   und aller vom Kapitalismus und dem aktuellen Regime ausgebeudeten   bereitet werden.<\/p>\n<h4>  Forderungen des CWI:<\/h4>\n<p>  <i><b>&#8226; F&#252;r die Bildung demokratisch gew&#228;hlter Komitees des   Massenkampfes zur Verteidigung gegen Mubaraks Schl&#228;ger und staatliche   Repression, und um die Versorgung mit und Verteilung von Nahrung zu   organisieren <\/b><\/i><\/p>\n<p>  <i><b>&#8226; F&#252;r massenhafte Aktionen der Arbeiterklassse, inklusive eines   Generalstreiks mit dem Ziel das Mubarak und sein verrottetes Regime zu   st&#252;rzen <\/b><\/i><\/p>\n<p>  <i><b>&#8226; F&#252;r Komitees der einfachen Soldaten und Polizisten. Stellt Euch   auf die seite der Massen und setzt Eure Offiziere ab! <\/b><\/i><\/p>\n<p>  <i><b>&#8226; Nein zu religi&#246;ser Spaltung! F&#252;r die Einheit aller   ArbeiterInnen. <\/b><\/i><\/p>\n<p>  <i><b>&#8226; F&#252;r volle demokratische Rechte unmittelbar, inklusive des Rechts   sich zu versammeln, zu streiken und unabh&#228;ngige Gewerkschaften zu   organisieren <\/b><\/i><\/p>\n<p>  <i><b>&#8226; Kein Vertrauen in eine Regierung der &#8222;Nationalen Einheit&#8221;, die   die Interessen der Herrschenden und des Imperialismus vertritt <\/b><\/i><\/p>\n<p>  <i><b>&#8226; F&#252;r sofortige und freie Wahlen zu einer revolution&#228;ren   demokratischen Verfassunggebenden Versammlung. F&#252;r eine Regierung der   ArbeiterInnen, kleinen Bauern und auf dem Land lebenden Armen. <\/b><\/i><\/p>\n<p>  <i><b>&#8226; F&#252;r einen ausreichenden Mindestlohn, Arbeit f&#252;r Alle, ein   Programm zur Ausweitung von Wohnungsbau, Bildung und Gesundheit <\/b><\/i><\/p>\n<p>  <i><b>&#8226; F&#252;r die Verstaatlichung der &#228;gyptischen Gro&#223;konzerne, Banken und   Gro&#223;grundbesitze. Demokratische Planung im Interesse der Mehrheit und   nicht einer kleinen Elite <\/b><\/i><\/p>\n<p>  <i><b>&#8226; F&#252;r die Gr&#252;ndung einer Partei der ArbeiterInnen und der vom   Kapitalismus ausgebeuteten mit einem sozialistischen Programm <\/b><\/i><\/p>\n<p>  <i><b>&#8226; Volle Unterst&#252;tzung f&#252;r Massenoppositionsbewegungen, um   Diktatoren in der ganzen Region zu st&#252;rzen. <\/b><\/i><\/p>\n<p>  <i><b>&#8226; F&#252;r ein sozialistisches &#196;gypten und eine sozialistische   Konf&#246;deration in der Region auf gleichberechtigter und freiwilliger   Basis.<\/b><\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Augenzeugenbericht vom Freitag, den 4. 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