{"id":14090,"date":"2011-02-06T15:00:00","date_gmt":"2011-02-06T15:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14090"},"modified":"2011-02-06T15:00:00","modified_gmt":"2011-02-06T15:00:00","slug":"14090","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/02\/14090\/","title":{"rendered":"&#8222;Wir brauchen eine saubere Gewerkschaft, die die Arbeiterklasse wirklich \r\n      vertritt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Interview mit Ghassen Kamarti in Tunis<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  Donnerstag ernannte der neue Premierminister Ghannouchi eine neu   besetzte Regierung mit zw&#246;lf ausgetauschten Ministern. Das wird als   endg&#252;ltiges Zugest&#228;ndnis an die Forderungen der Bewegung auf der Stra&#223;e   pr&#228;sentiert. Was denkst du dar&#252;ber?<\/h4>\n<p>  Ich denke, dass die Leute in den Stra&#223;en vollkommen Recht damit haben,   wenn sie entschlossen bleiben und den Kampf gegen diese neue Regierung   fortsetzen. Die Regierungsumbildung hat gezeigt, dass auch diese   Regierung gezwungen ist, wieder und wieder Ver&#228;nderungen vorzunehmen.   Weil sie unter dem massiven Druck von unten steht, von Menschen, die   jeden Tag weiter demonstrieren und streiken. Einige Stimmen aus der   momentan herrschenden Elite des Landes sagen, wir w&#252;rden zu weit gehen.   Dass wir zu &#8222;weitreichende Forderungen&#8220; aufstellen und dass wir die   Regierung nun ihren Job machen lassen sollten. Ich lehne das entschieden   ab. Es ist die Revolution des Volkes, das seine Aufgabe bisher   vorz&#252;glich erf&#252;llt hat. Und wir m&#252;ssen mit dieser Arbeit fortfahren. Das   hei&#223;t, dass wir k&#228;mpfen bis wir eine Regierung haben, die die   revolution&#228;re Bewegung von Grund auf repr&#228;sentiert.<\/p>\n<h4>  Weshalb meinst du, auch die neue Regierung w&#252;rde auf die Forderungen und   Erwartungen der Revolution nicht eingehen?<\/h4>\n<p>  Naja, es reicht doch schon, sich den Premierminister anzusehen.   Ghannouchi geh&#246;rt zum alten Regime. Er kann im Fernsehen solange   rumjammern wie er will und so tun, als sei auch er nur ein Opfer gewesen   und so weiter&#8230; aber ich glaube das nicht! Er bleibt ein tief   verwurzelter RCD-Unterst&#252;tzer und sein ganzes politisches Leben lang hat   er der Diktatur gedient. Teile der Medien stehen weiterhin unter der   Kontrolle der RCD, und diese f&#252;hren eine Kampagne, die die   Rehabilitierung Ghannouchis zum Ziel hat. Er wird dabei als &#8222;ehrlich&#8220;,   &#8222;kompetent&#8220; und so weiter beschrieben. Aber das ist alles nur   Manipulation. Das reale Volk, die Leute in den Stra&#223;en, wissen das auch.   Und sie wollen einfach, dass das alte Regime ein f&#252;r allemal   verschwindet. Diese Regierung vertritt nur sich selber und ist in keiner   Weise repr&#228;sentativ f&#252;r die Ideale der Revolution.<\/p>\n<h4>  Der Kampf f&#252;r politischen Wandel ist ein Aspekt dieser Revolution. Aber   die wirtschaftlichen und sozialen Fragen sind ebenfalls integraler   Bestandteil daf&#252;r, dass der Funke f&#252;r die Revolution &#252;berspringen   konnte. Am Beginn der Revolution standen die Fragen nach der   Arbeitslosigkeit, dem Elend, dem Fehlen einer Zukunft f&#252;r die jungen   Menschen etc. Was denkst du, sind die n&#246;tigen Ma&#223;nahmen, um auf diesem   Gebiet grundlegenden Wandel bringen zu k&#246;nnen?<\/h4>\n<p>  Es besteht die absolute Notwendigkeit daf&#252;r, alle gro&#223;en Unternehmen zu   verstaatlichen und dabei sollte mit den Firmen begonnen werden, die zu   Ben Alis Mafia geh&#246;ren. Das bedeutet nat&#252;rlich nicht, sie in die H&#228;nde   der aktuellen Staatsb&#252;rokratie und der Ministerien zu legen. Aber sie   geh&#246;ren in die H&#228;nde der ArbeiterInnen, der Erwerbslosen, der Menschen,   die sie gebrauchen. Wir m&#252;ssen die Kontrolle &#252;ber den nationalen   Reichtum &#252;bernehmen und ihn so verteilen, dass es den Bed&#252;rfnissen aller   entspricht. Dies ist nicht unm&#246;glich. Es ist kein Traum. Die Revolution   hat solch ein Ziel in so greifbare N&#228;he ger&#252;ckt. Und es ist absolut   notwendig, dass die Revolution in dieser Richtung weitergeht.<\/p>\n<p>  Aber zu aller erst m&#252;ssen wir in den Gewerkschaften aufr&#228;umen, um ein   zuverl&#228;ssiges Instrument zu haben, mit dem man f&#252;r diese Ziele k&#228;mpfen   kann. W&#228;hrend der &#196;ra Ben Ali wurde die F&#252;hrung der UGTT zu einem   Instrument, das noch unglaubw&#252;rdiger war als die Institutionen des   diktatorischen Staates selbst! F&#252;r die n&#228;here Zukunft gilt: Wir brauchen   eine saubere Gewerkschaft, die die Arbeiterklasse und die armen   gesellschaftlichen Schichten wirklich vertritt, echte und wahrhafte   GewerkschafterInnen und linke AktivistInnen.<\/p>\n<h4>  Wir h&#246;ren im Moment viel davon, dass es dringend n&#246;tig ist, die   Wirtschaft wieder zu beleben, dass die ArbeiterInnen jetzt zur&#252;ck an die   Arbeit gehen m&#252;ssen und dass die &#8222;Revolution zu Ende&#8220; ist und so weiter   und so fort. Was denkst du &#252;ber die Streikwelle, die in einer ganzen   Reihe von Branchen stattgefunden hat?<\/h4>\n<p>  F&#252;r die ArbeiterInnen macht es &#252;berhaupt keinen Sinn, wieder an die   Arbeitspl&#228;tze zur&#252;ck zu kehren, so lange all ihre Probleme weiterhin   ungel&#246;st sind. Es ist kein Zufall, dass der Minister f&#252;r Entwicklung und   internationale Zusammenarbeit gerade erst erkl&#228;rt hat, dass er &#8211; so   lange er im Amt ist &#8211; kein Wirtschaftsprogramm ausarbeiten werde. Es sei   denn, es k&#228;me zum Notfall. Zudem sei es n&#246;tig, die Wirtschaftspolitik   der vorigen Regierung einzustellen und den Prozess der Liberalisierung   auf Eis zu legen, so lange das tunesische Volk nicht demokratisch   entschieden hat, welche Art von Wirtschaft es will. Er erkl&#228;rte sogar,   dass Streiks legitim sind. Er geh&#246;rt nat&#252;rlich zum Lager derer, die   denken und auch sagen, dass die ArbeiterInnen wieder zur&#252;ck an die   Arbeit gehen sollen, um &#8222;das wirtschaftliche Wachstum nicht aufs Spiel   zu setzen&#8220;. Aber die Menschen wissen, dass das wirtschaftliche Wachstum   der vergangenen Zeit nur der kleinen Elite zu Gute gekommen ist. Was   dieser Minister sagte, war aber dennoch Ausdruck der Tatsache, dass die   Masse der Menschen genug hat von der Wirtschaft, wie sie bis heute   gef&#252;hrt wurde. Und dies dr&#252;ckt sich in all den sich entwickelnden   Streiks aus, mit wichtigen sozialen Forderungen auf den Transparenten.<\/p>\n<h4>  Was denkst du &#252;ber die Rolle der Regierungen Frankreichs und der USA in   Bezug auf den revolution&#228;ren Prozess in Tunesien?<\/h4>\n<p>  Das ist doch sch&#228;ndlich, aber wenig &#252;berraschend. Die Menschen hier   macht das wirklich w&#252;tend: Zu sehen, wie die westlichen Regierungen   versuchen, die Revolution zu verdrehen und zum eigenen Vorteil   auszunutzen. Sie versuchen mit allen Mitteln den &#8222;Wandel&#8220; einzuf&#252;hren,   der ihnen passt. Sie wollen sicherstellen, dass es mit ihrem System der   politischen Kontrolle und der wirtschaftlichen Erpressung weitergeht.   F&#252;r mich handelt es sich dabei um einen &#220;berfall! Sie wollen den   revolution&#228;ren Prozess einfrieren und in der Richtung manipulieren was   sie &#8222;Demokratie&#8220; nennen. Selbstverst&#228;ndlich bin ich f&#252;r Demokratie und   demokratische Rechte. Aber erstens darf es nicht dabei stehen bleiben   und zweitens ist ihre Auffassung von Demokratie krank, wie ihre   Unterst&#252;tzung f&#252;r Ben Alis Regime &#252;ber Jahre gezeigt hat. Und   schlie&#223;lich haben wir meiner Meinung nach keine wirkliche Demokratie,   wenn wir zur Demokratie &#8222;westlicher Art&#8220; kommen. Wir wollen eine faire   Demokratie, in der alle armen und arbeitenden Menschen einbezogen sind &#8211;   weltweit.&#8220;<\/p>\n<h4>  Wie sehen f&#252;r dich die n&#228;chsten Entwicklungen der Revolution in Tunesien   aus?<\/h4>\n<p>  Es wird weitergehen, das ist sicher. Selbst wenn es zu einem Abebben   kommt, wird es weitergehen. Selbst Leute, die Illusionen in die   momentane Regierung haben, werden durch eigene Erfahrung realisieren,   was sie in Wirklichkeit bedeutet. Die Menschen werden weiterk&#228;mpfen,   aber die Bewegung muss sich besser organisieren.<\/p>\n<h4>  Die tunesische Revolution hat Auswirkungen in der gesamten arabischen   Welt, nicht zuletzt in &#196;gypten. Wenn du den jungen Leuten, den   ArbeiterInnen und Volksbewegungen, die in anderen L&#228;ndern k&#228;mpfen, etwas   mitteilen k&#246;nntest, was w&#252;rdest du ihnen gerne sagen?<\/h4>\n<p>  Sie m&#252;ssen um jeden Preis entschlossen bleiben. Wie wir haben sie nichts   zu verlieren. Sie sollten sich organisieren, auf die Stra&#223;e gehen, sich   nehmen, was ihnen gestohlen wurde. Und sie sollten die Institutionen zu   Fall bringen, die f&#252;r diesen Diebstahl verantwortlich sind. Au&#223;erdem   sollten sie wieder die Kontrolle &#252;ber ihre Gewerkschaften und   Organisationen &#252;bernehmen. Und wo solche Organisationen nicht   existieren, dort m&#252;ssen sie geschaffen werden, um die Strukturen zu   schaffen, die ihnen und ihrer Bewegung helfen werden und die sie gegen   Feinde sch&#252;tzen werden. Der Pr&#228;zedenzfall ist geschaffen worden. Und ich   bin sehr optimistisch, dass dies eine neue &#196;ra der Ver&#228;nderungen   einl&#228;uten wird. Der endg&#252;ltige Sieg wird nicht schon morgen in der   arabischen Welt errungen. Aber indem wir entschlossener werden und klare   politische Ziele anpeilen, wird es nichts geben, das uns aufhalten kann.<\/p>\n<h4>  Das Interview wurde von Reportern des Komitees f&#252;r eine   Arbeiterinternationale in Tunis gef&#252;hrt.<\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Interview mit Ghassen Kamarti in Tunis\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[36,37],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14090"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14090"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14090\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14090"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14090"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14090"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}