{"id":14077,"date":"2011-01-28T00:00:00","date_gmt":"2011-01-28T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14077"},"modified":"2011-01-28T00:00:00","modified_gmt":"2011-01-28T00:00:00","slug":"14077","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/01\/14077\/","title":{"rendered":"Von ungarischen Mediengesetzen und einem echauffierten EU-Kommissar"},"content":{"rendered":"<p>  Der Jahresauftakt im Europaparlament<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Die erste Sitzung des Europ&#228;ischen Parlamentes im neuen Jahr neigt sich   dem Ende zu. Es ist Donnerstagvormittag und in wenigen Stunden beginnt   der Exodus von EU BeamtInnen, AssistentInnen der Abgeordneten und   FraktionsmitarbeiterInnen aus Strasbourg in Richtung Br&#252;ssel. Das   Parlamentsgeb&#228;ude, das wegen seiner undurchsichtigen G&#228;nge und dem   gesch&#228;ftigen Trubel an einen Ameisenhaufen erinnert- wird verlassen   dastehen, bis im n&#228;chsten Monat die Prozession in die umgekehrte   Richtung stattfindet.<\/p>\n<h4>  <i>von Tanja Niemeier<\/i><\/h4>\n<p>  Obwohl ich wieder einmal dem Eindruck erlegen bin, f&#252;r vier Tage Teil   eines von der Welt abgeschotteten Mikrokosmos zu sein, schwappen die   Ereignisse, die in der &quot;wirklichen Welt da drau&#223;en&quot; stattfinden,   unweigerlich in die Welt des Parlaments.<\/p>\n<p>  Auch wenn der Europ&#228;ische Rat mit dem belgischen Christdemokraten Herman   Van Rompuy einen festen Vorsitzenden bekommen hat, rotiert die   Ratsherrschaft weiterhin halbj&#228;hrlich zwischen den EU-Mitgliedsstaaten.   Am 1. Januar hat Ungarn die Fackel &#252;bernommen. Selten hat dies in der   internationalen Presse f&#252;r so viel Furore gesorgt. In der Au&#223;enwirkung   ist die Union sehr darauf bedacht, die &#8222;europ&#228;ischen Werte&#8220; von   Demokratie und Freiheit zu transportieren. Und da gibt es jetzt   offensichtlich ein Problem.<\/p>\n<p>  Viktor Orban, Premierminister Ungarns und Vize-Vorsitzender der   Europ&#228;ischen Volksparteien im Europaparlament, der mit der durch ihn   gef&#252;hrten Fidesz-Partei &#252;ber eine Zweidrittel Mehrheit im ungarischen   Parlament verf&#252;gt, hat den &#8222;europ&#228;ischen Werten&#8220; den Stinkefinger   gezeigt und damit das europ&#228;ische politische Establishment br&#252;skiert.<\/p>\n<p>  Das viel besprochene Mediengesetz Ungarns sieht vor, dass der Medienrat   des Landes, NMHH, ausschlie&#223;lich durch Mitglieder der Fidesz Partei und   regierungsnahen Vertretern besetzt sein wird.<\/p>\n<h4>  Eigentlich hatte man abgesprochen, dass die Diskussion ruhig und   sachlich verlaufen sollte. Daraus wurde nichts.<\/h4>\n<p>  Daniel Cohn-Bendit, Vorsitzender der Gr&#252;nen Fraktion im Europaparlament,   hatte nach der Aussprache im Parlament selbst keine Lust mehr mit Herrn   Orban zu dinieren. Auch Martin Schulz, Vorsitzender der Fraktion der   Sozialisten und Demokraten f&#252;hlte sich durch Orban zu einer aufgeladenen   pers&#246;nlichen Erkl&#228;rung gen&#246;tigt, in dem er ihn dazu aufrief die &#8222;Werte   Europas mit uns gemeinsam [zu] verteidigen und nicht Ungarn gegen die   Union aus[zu]spielen&#8220;.<\/p>\n<p>  Die Angriffe auf demokratische Rechte in Ungarn sind tiefergehender und   besorgniserregender, als das medienwirksame Spektakel im Parlament   erkennen l&#228;sst.<\/p>\n<p>  GM Tamas, Professor an der Universit&#228;t von Budapest und Vorsitzender der   Gr&#252;nen Linke in Ungarn, berichtete in der Fraktionssitzung der GUE\/NGL   Vereinte Europ&#228;ische Linke\/ Nordisch Gr&#252;ne Linke &#252;ber die Angriffe der   Orban-Regierung auf die demokratischen, sozialen und &#246;konomischen Rechte   der Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>  So hat Orban &#8222;grundlegende Ver&#228;nderungen&#8220; und ein &#8222;neues &#246;konomisches   System&#8220; angek&#252;ndigt, das alle von der Vorg&#228;ngerregierung verwirklichten   K&#252;rzungen bei Arbeitern und sozial Schwachen &#252;bertrifft und die Reichen   massiv entlastet.<\/p>\n<p>  Seit April 2010 wurden 14.000 Menschen aus dem Staatsdienst entlassen.   Die neue Gesetzgebung macht es f&#252;r staatlich Bedienstete so gut wie   unm&#246;glich, zu streiken. L&#246;hne und Geh&#228;lter wurden um 15 Prozent gesenkt.   Die Dauer des Arbeitslosengeldes wurde unter Orban von neun auf f&#252;nf   Monate gek&#252;rzt. Au&#223;erdem wurde eine Flat Tax eingef&#252;hrt, ein   einkommensunabh&#228;ngiger Steuersatz f&#252;r alle, der die Reichen bevorteilt.<\/p>\n<p>  Die Wahlgesetze wurden ge&#228;ndert, so dass die administrativen H&#252;rden, um   neue Parteien zu gr&#252;nden oder an Wahlen teilzunehmen so gut wie   un&#252;berbr&#252;ckbar sind, so Tamas.<\/p>\n<p>  Seit der Wahl im April, bei dem Orbans rechtskonservativer Bund Junger   Demokraten (Fidesz) 52,8 Prozent der Stimmen erhielt, wurden neun   Verfassungs&#228;nderungen und 157 Gesetzesinitiativen auf den Weg gebracht,   die alle das Ziel verfolgen, die Staatsmacht zu zentralisieren.<\/p>\n<p>  Der Staatliche Rechnungshof, dessen Pflicht es ist, die Kontrolle &#252;ber   die Verwaltung der Staatsfinanzen und den Haushalt auszu&#252;ben wurde f&#252;r   neun Jahre ernannt, ebenso die Generalstaatsanwaltschaft.<\/p>\n<p>  Tamas erkl&#228;rte ebenfalls, dass der neu zusammengestellte Medienrat nicht   nur die &#246;ffentlichen Medien zensieren und mit Geldstrafen von bis zu   750.000 EUR belegen kann, wenn sie das &#8222;&#246;ffentliche Interesse, die   &#246;ffentliche Moral und\/oder Ordnung verletzen&#8220;; der Medienrat soll auch   der direkte Arbeitgeber von Journalisten in den &#246;ffentlichen Medien   werden.<\/p>\n<p>  Zus&#228;tzlich soll es eine zentralisierte Nachrichtenagentur geben, die die   M&#246;glichkeit zu kritischer Berichterstattung weiter erschweren wird.<\/p>\n<p>  Die Situation in Ungarn ist eine gro&#223;e Herausforderung f&#252;r die Linke und   die Arbeiterklasse in Ungarn.<\/p>\n<p>  Zweifellos ist die Lage nicht einfach, zumal die Zweidrittel-Mehrheit   von Fidesz von rechts durch die rechtsextzremistische Jobbik-Partei   flankiert wird, die mit 12,18 Prozent die drittst&#228;rkste Partei im   Parlament ist.<\/p>\n<p>  Ungarn ist eines der ersten L&#228;nder, das mit dem Ausbruch der weltweiten   Wirtschafts- und Finanzkrise dem &#246;konomischen Diktat von EU und IWF   unterstellt wurde. Drakonische K&#252;rzungsprogramme, die in den Medien   oftmals mit denen in Griechenland verglichen wurden, werden die   Regierung Orban, die sich gerne als Vertreter des &#8222;Otto   Normalverbrauchers&#8220; darstellt, schnell unpopul&#228;r machen. Die   Wahlbeteiligung im April und bei den Kommunalwahlen im Oktober war   deutlich niedriger als bei vergangenen Wahlen.<\/p>\n<p>  Tamas erkl&#228;rte das Dilemma an seinem eigenen Beispiel. Er konnte in   seinem Wahlbezirk nicht f&#252;r einen Kandidaten seiner eigenen Partei   stimmen und glaubte nicht an die &#8222;Kleinere-&#220;bel-Politik&#8220; der   sozialdemokratischen Vorg&#228;ngerregierung, die die harte   Sozialkahlschlagspolitik eingel&#228;utet hatte. Deshalb ist er nicht zur   Wahl gegangen.<\/p>\n<p>  Auch Ungarn kennt das Dilemma des Vakuums auf der Linken. Solange dies   nicht glaubw&#252;rdig gef&#252;llt wird, k&#246;nnen rechtspopulistische, reaktion&#228;re,   rassistische und repressive Parteien dieses Vakuum einnehmen. Deshalb   ist Ungarn auch eine deutliche Warnung.<\/p>\n<p>  Ungarn kennt eine starke Tradition im Kampf f&#252;r demokratische Rechte,   das hat die Bewegung gegen die stalinistische Diktatur 1956 gezeigt. Nur   eine deutliche Analyse des Stalinismus und eine erneute   Auseinandersetzung mit den Ideen des Sozialismus und einer   sozialistischen Demokratie k&#246;nnen einen Weg aus der Sackgasse, in der   sich die ungarische Arbeiterklasse befindet, weisen.<\/p>\n<h4>  Barroso auf Hochtouren<\/h4>\n<p>  Aber es war nicht nur die Debatte um die ungarischen Mediengesetze, die   die Gem&#252;ter erhitzte. Auch Barroso verlor seine Ruhe gegen&#252;ber dem   &#8222;ehrenwerten Mitglied des Europ&#228;ischen Parlamentes aus Irland&#8220;, der   einfach nicht einsehen wollte, dass die Politik der EU ein Teil der   L&#246;sung des Problems in Irland sind und dass die EU in Irland doch nur   helfen will. Vielleicht f&#252;hlte sich Barroso auch nur an seine eigene   Vergangenheit erinnert, als er als aktiver Maoist noch auf der anderen   Seite der Barrikade stand und seine eigenen Argumente nicht besonders   &#252;berzeugend gefunden h&#228;tte. Aber das sind nur Vermutungen. Die Irish   Times berichtete &#252;ber die verbale Auseinandersetzung zwischen Joe   Higgins, dem ehrenwerten Mitglied aus Irland und dem EU-Kommissar Manuel   Barroso. Es war der zweit meist gelesene Artikel am letzten Donnerstag.<\/p>\n<p>  Inzwischen steht auch fest, dass es Ende Februar Wahlen in Irland geben   wird. Dias Vereinigte Linksb&#252;ndnis (United Left Alliance), das auf   Initiative der Socialist Party gegr&#252;ndet wurde, hat gute Chancen einen   Teil der Vakuums auf der Linken zu f&#252;llen. Auf in den Wahlkampf.<\/p>\n<p>  <b>Artikel der Irish Times <a href=\"http:\/\/www.irishtimes.com\/newspaper\/breaking\/2011\/0119\/breaking52.html\">hier<\/a>.   <\/b><\/p>\n<p>  <b>Video der Debatte zwischen Joe Higgins und Barroso <a href=\"http:\/\/www.joehiggins.eu\/2011\/01\/video-debate-with-comission-president-jose-barosso-over-euimf-bailout\/\">hier<\/a>.<\/b><\/p>\n<h5>  <i>Tanja Niemeier ist Mitglied der Linkse Socialistische Partij (LSP) in   Belgien und Mitarbeiterin der Konf&#246;deralen Fraktion der Vereinten   Europ&#228;ischen Linken\/Nordische Gr&#252;ne Linke (GUE\/NGL). Sie berichtet seit   Januar 2010 regelm&#228;&#223;ig f&#252;r sozialismus.info aus dem Europaparlament.<\/i><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Der Jahresauftakt im Europaparlament\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[101],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14077"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14077"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14077\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14077"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14077"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14077"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}