{"id":14075,"date":"2011-02-02T00:00:00","date_gmt":"2011-02-02T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14075"},"modified":"2011-02-02T00:00:00","modified_gmt":"2011-02-02T00:00:00","slug":"14075","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/02\/14075\/","title":{"rendered":"Gandhi und der &#8222;zivile Ungehorsam&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  &#8211; ein Vorbild f&#252;r heute?<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Mehr und mehr Menschen erkennen, dass Wahlen und Latschdemos nicht   ausreichen, wenn wir uns gegen Nazis, Bildungs- und Sozialkahlschlag,   Atomkraftwerke oder Stuttgart 21 effektiv wehren wollen. Ob bei den   Blockaden der Castor-Transporte, ob beim Widerstand gegen S 21 oder bei   den Bildungsstreiks &#8211; immer wieder nehmen einzelne AktivistInnen auf   Gandhi Bezug. Aber wer war dieser Mahatma Gandhi? Welche Rolle spielte   er in der indischen Unabh&#228;ngigkeitsbewegung wirklich? Ist Gandhis   Politik tats&#228;chlich ein Beleg f&#252;r die Wirksamkeit des &#8222;zivilen   Ungehorsams&#8220;?<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Ren&#233; Kiesel, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  In der Regel wird unter &#8222;zivilem Ungehorsam&#8220; die Bereitschaft   verstanden, sich dem politischen &#8222;Normalbetrieb&#8220; zu widersetzen. Mit   Blockaden wurden wichtige Erfolge erzielt oder zumindest daf&#252;r gesorgt,   Sand im Getriebe zu sein und den politischen Preis f&#252;r die Herrschenden   hochzutreiben.<\/p>\n<p>  Viele betrachten den &#8222;zivilen Ungehorsam&#8220; dar&#252;ber hinaus als eine   Aktionsform des ausdr&#252;cklich friedlichen Protestes. Doch trotz der   expliziten Bekundung, keine Gewalt anzuwenden, reagiert der Staat &#8211; als   Besch&#252;tzer des kapitalistischen Systems &#8211; mit Gewalt, wenn er seine   Interessen durchsetzen will (wie beim Polizeieinsatz am 30. September in   Stuttgart) oder gar das System bedroht sieht.<\/p>\n<p>  Die Geschichte hat in ihrem Verlauf erbitterte K&#228;mpfe zwischen   Unterdr&#252;ckern und Unterdr&#252;ckten gesehen und nie wurde ein neues   Gesellschaftssystem dadurch errichtet, dass die Herrschenden freiwillig   den R&#252;ckzug antraten. So ging auch der Unabh&#228;ngigkeit Indiens ein   heftiger Kampf zwischen Kolonialherren und den armen und &#228;rmsten   Schichten der Bev&#246;lkerung voraus.<\/p>\n<h4>  Wer war Gandhi?<\/h4>\n<p>  Am 2. Oktober 1869 kam in Porbandar, der Hauptstadt des F&#252;rstentums und   Protektorats Porbandar, Mohandas Karamchand Gandhi, heute bekannt als   Mahatma Gandhi, zur Welt. Durch seine Zugeh&#246;rigkeit zur Vaishya-Kaste,   die sich aus Kaufleuten, Geldverleihern und Gro&#223;grundbesitzern   zusammensetzte, stand ihm der Weg zu einer englischsprachigen Ausbildung   offen. Nach einigen erfolglosen Jahren als Anwalt in seiner Heimat   reiste er nach Natal (heute Teil des s&#252;dafrikanischen Staates), um dort   indische Kaufleute zu vertreten.<\/p>\n<p>  Entgegen der landl&#228;ufigen Auffassung, dass Gandhi Gewalt strikt   ablehnte, organisierte er mehrmals Korps von freiwilligen Indern, die   Kriege des britischen Empires unterst&#252;tzten. Im Zweiten Burenkrieg, der   1899 mit der Kriegserkl&#228;rung des Empires an Transvaal und den   Oranje-Freistaat begann, trommelte er 1.100 Inder f&#252;r ein Sanit&#228;tskorps   zusammen, die dort eingesetzt wurden. Obwohl die Inder als Menschen   zweiter Klasse behandelt wurden, erhoffte Gandhi sich damit eine   Verbesserung der Situation der Inder erarbeiten zu k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Gandhi war der Auffassung, &#8222;das Empire bestehe zum Besten der Welt&#8220;. In   seiner Autobiographie schrieb er weiter: &#8222;Ein angeborener Sinn f&#252;r   Loyalit&#228;t hinderte mich sogar, dem Empire Schlechtes zu w&#252;nschen.&#8220; 1918   erkl&#228;rte er: &#8222;Wir werden als feiges Volk betrachtet. Wenn wir frei von   diesem Makel werden wollen, m&#252;ssen wir den Gebrauch von Waffen lernen.   Partnerschaft im Empire ist unser endg&#252;ltiges Ziel. Wir sollten nach all   unseren Kr&#228;ften leiden und selbst unsere Leben zur Verteidigung des   Empire lassen&#8220; (&#8222;Gesammelte Werke&#8220;). Der Gedanke eines unabh&#228;ngigen   Indiens kam ihm damals noch nicht in den Sinn.<\/p>\n<h4>  Gandhi und die Arbeiterbewegung<\/h4>\n<p>  Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ergriff die internationale   revolution&#228;re Welle, die von der Oktoberrevolution 1917 in Russland   ausging, auch die indischen Massen. 1919 brach eine Serie von   Massenstreiks aus. Gandhi brachte sich nun mit voller Aktivit&#228;t in das   politische Geschehen ein. Als sich 1921 eine halbe Million ArbeiterInnen   im Streik befanden und &#252;ber 20.000 Widerst&#228;ndler in den Gef&#228;ngnissen   sa&#223;en, nahmen in dieser vorrevolution&#228;ren Situation die   Auseinandersetzungen zwischen Regierung und Aufst&#228;ndischen an H&#228;rte und   Intensit&#228;t zu, die Gewerkschaften gewannen massiv an Einfluss. Gandhi   beendete daraufhin sein Engagement in diesen Auseinandersetzungen. In   dieser Zeit versuchte er, die politische F&#252;hrung in der 1885 gegr&#252;ndeten   b&#252;rgerlichen Partei Indischer Nationalkongress zu &#252;bernehmen.<\/p>\n<p>  1923 beruhigte sich die Situation und eskalierte erst 1928 erneut, als   Gro&#223;britannien ank&#252;ndigte, die Steuern um 22,7 Prozent zu erh&#246;hen. In   ganz Indien kam es zu Auseinandersetzungen, die ein halbes Jahr   dauerten. Gandhi wurde vom neuen Kongress-Pr&#228;sidenten Jawaharlal Nehru   1929 beauftragt, eine Kampagne des gewaltlosen Widerstandes zu   organisieren. 1930 fand Gandhis &#8222;Salzmarsch&#8220; &#8211; aus Protest gegen das   britische Staatsmonopol auf Salz &#8211; statt. Parallel dazu wurde ein   Boykott englischer Waren umgesetzt.<\/p>\n<p>  Die Kolonialregierung reagierte mit brutaler Unterdr&#252;ckung, was zu einer   &#220;berf&#252;llung der Gef&#228;ngnisse und einem &#220;berkochen der Wut f&#252;hrte. Da das   Land nicht mehr zu regieren war, wurden die politischen Gefangenen   freigelassen. Gandhi war Gro&#223;britanniens Verbindung zur einfachen   Bev&#246;lkerung und so verhandelte er mit dem Vizek&#246;nig Lord Irwin, der zu   einigen Zugest&#228;ndnissen bei der Salzgewinnung und dem Handel bereit war.   Im Anschluss an diese Vereinbarung fehlte es den Massen an einer   revolution&#228;ren Strategie und die Bewegung atomisierte. Innerhalb von   vier Monaten konnten 80.000 Menschen verhaftet werden, was der Bewegung   f&#252;r Jahre das R&#252;ckgrat brach.<\/p>\n<h4>  Zweiter Weltkrieg<\/h4>\n<p>  Die Herrscher der F&#252;rstenstaaten Indiens, genauso wie die der wichtigen   Provinzen Punjab und Bengalen, unterst&#252;tzten den imperialistischen   Zweiten Weltkrieg an der Seite des Empires. Die Niederlagen gegen Japan   ersch&#252;tterten das Prestige der britischen Kolonialherren. Die   Kongress-Partei beschloss am 8. August 1942, in den Widerstand zu   treten. Am folgenden Tag wurden Gandhi und die Kongress-F&#252;hrer   verhaftet. Es bildete sich eine Massenbewegung zur Freilassung der   Gefangenen heraus, auf die die Briten mit unverhohlener Gewalt   reagierten. Es kam zum offenen Aufstand: Polizeistationen, Post&#228;mter,   Bahnh&#246;fe und andere &#246;ffentliche Geb&#228;ude wurden gest&#252;rmt und   niedergebrannt, Br&#252;cken, Eisenbahnlinien und Telegrafenleitungen   zerst&#246;rt.<\/p>\n<p>  Indische Soldaten in japanischer Kriegsgefangenschaft bildeten 1943 eine   Indische Nationalarmee (getreu der fatalen Logik, dass der Feind meines   Feindes mein Freund sein m&#252;sse). Als 1945 die &#220;berlebenden dieser Armee   vor Gericht gestellt wurden und so erst die indische Bev&#246;lkerung erfuhr,   dass Landsleute mit der Waffe in der Hand gegen die verhassten   Kolonialherren gek&#228;mpft hatten, rief das eine Welle der Begeisterung   hervor, besonders unter den britisch-indischen Truppen.<\/p>\n<h4>  Unabh&#228;ngigkeit Indiens<\/h4>\n<p>  Am 19. Februar 1946 meuterten Matrosen in Bombay, eine Welle von   Matrosen-, Soldaten- und Polizistenmeutereien entstand. Massenstreiks   legten das gesamte Land lahm. Hindus, Muslime und Sikhs k&#228;mpften   gemeinsam und es zeichnete sich ab, dass die britischen Kolonialherren   bald keine Macht mehr besitzen w&#252;rden, die sie einer indischen   &#220;bergangsregierung h&#228;tten &#252;bertragen k&#246;nnen. Der finanzielle und   materielle Einsatz zum Erhalt ihrer Herrschaft &#252;berstieg bei weitem den   Nutzen. So verk&#252;ndete der britische Labour-Premierminister Clement   Attlee am 3. Juni 1947 die Unabh&#228;ngigkeit Indiens und die Teilung der   Kolonie in ein muslimisches Pakistan und ein hindu-dominiertes Indien.   Indien wurde unabh&#228;ngig. Aber nicht dank der Methoden Gandhis, sondern   aufgrund einer revolution&#228;ren Massenbewegung, die sich vom gewaltlosen   Ungehorsam abgewandt hatte.<\/p>\n<p>  Am 30. Januar 1948 wurde Mahatma Gandhi im Alter von 78 Jahren von einem   radikalnationalistischen Hindu erschossen.<\/p>\n<h4>  Die Ideen Gandhis<\/h4>\n<p>  Gandhi selbst war von zutiefst religi&#246;sen Ansichten gepr&#228;gt. Seine   Vorstellung von swaraj, Selbstbestimmung, war stark an einem mystischen   Indien aus der Vorzeit angelehnt, in dem das Kastenwesen seinen festen   Platz hatte und f&#252;r die Ordnung in der Gesellschaft sorgen sollte. In   den Sagen gab es ein Indien, das noch nicht von der Zivilisation   &#8222;verroht&#8220; war und jeder seiner geordneten Arbeit das gesamte Leben, je   nach Kastenzugeh&#246;rigkeit, nachging. Zwar lehnte Gandhi die Kaste der   Parias, der Unber&#252;hrbaren, die die unterste soziale Schicht als   Tagel&#246;hner und Ausgesto&#223;ene bildeten, ab und betrachtete alle Kasten als   gleichwertig. Bis zu seinem Lebensende blieb jedoch die Zugeh&#246;rigkeit zu   einer Kaste seiner Ansicht nach ma&#223;geblich f&#252;r das Verhalten und die   Lebensweise eines Menschen.<\/p>\n<p>  Die Zivilisation empfand er als etwas Schlechtes, die mit den Maschinen   und der neuen, untraditionellen Lebensweise Unheil &#252;ber die Menschen   gebracht h&#228;tte. Da Maschinen die &#8222;gesunde&#8220; physische Arbeit in k&#252;rzerer   Zeit bew&#228;ltigten, w&#252;rden die Menschen ihre eigene Zeit mit M&#252;&#223;iggang   verschwenden. So betrachtete er den technologischen Fortschritt, der die   Menschen potenziell von harter k&#246;rperlicher Arbeit befreien konnte, als   &#220;bel.<\/p>\n<p>  Gandhis wirtschaftliche Kernidee war neben dem Genossenschaftswesen die   sogenannte Treuhandschaft. Die Reichen sollten sich nur als die   Verwalter ihrer Verm&#246;gen und ihrer Produktionsmittel ansehen, die den   Interessen aller Menschen zu dienen h&#228;tten. F&#228;higkeiten und Kapital   sollten mit allen geteilt und die H&#246;chsten sollten sich mit den   Niedrigsten gleich f&#252;hlen. Die Menschen sollten sich zumindest gleich   f&#252;hlen &#8211; die Wahrung der Rechte des Privateigentums blieb f&#252;r Gandhi als   Mitglied der b&#252;rgerlichen Kongress-Partei oberste Priorit&#228;t.<\/p>\n<p>  Den Klassenkampf sah Gandhi als eine Krankheit an. Wenn alle Menschen   die Gesetze ihrer jeweiligen Varnas (Kasten) befolgten, w&#252;rden alle   Konflikte und Kriege ein Ende finden. Sein Rezept gegen Unterdr&#252;ckung   war Dienerschaft und Demut. Er predigte genau deshalb Gewaltlosigkeit   und Pazifismus, weil er die Selbstinitiative der Massen und einen   Aufstand der Arbeiterklasse und der verarmten Bauern f&#252;rchtete. Sein   &#8222;Sanftmut&#8220; sollte die Rebellierenden im Interesse der indischen   Kapitalisten, Feudalherren und der Kongress-Partei &#8222;bes&#228;nftigen&#8220;.<\/p>\n<h4>  Resultate des gewaltfreien Widerstandes<\/h4>\n<p>  Dass Gandhis gewaltfreie Aktionen gegen die Kolonialherren immer   &#8222;abgeblasen&#8220; werden konnten, wenn es Anzeichen von Gewalt, egal von   welcher Seite, gab, wirkte f&#252;r viele sehr attraktiv. Allerdings mussten   sie erkennen, dass sie auch bei gewaltfreien Aktionen ihr Leben   riskierten. So fanden beim Massaker von Amritsar am 13. April 1919   Hunderte den Tod, &#252;ber Tausend wurden verletzt. Zu der Zeit kam es   landauf landab zu Gro&#223;demonstrationen, zu denen auch die Kongress-Partei   aufrief. Das Massaker ereignete sich in einem von Mauern umgebenen Park.   Der einzige Fluchtweg war von den Soldaten, die das Feuer gegen die   gewaltfrei Demonstrierenden er&#246;ffneten, versperrt worden.<\/p>\n<p>  Da Gandhi im Befreiungskampf immer wieder auf die Bremse trat (wie   Anfang der zwanziger Jahre, als ihm die Streikbewegung der   Arbeiterklasse zu weit ging), trug er mit zu einer Verl&#228;ngerung der   Kolonialzeit &#8211; und damit einer Fortsetzung der Gewaltherrschaft &#8211; bei.<\/p>\n<p>  Letztendlich stand er zwar auf der Seite der 500 Millionen Inder gegen   die 100.000 britischen Besatzungskr&#228;fte. Sein Ziel war aber nur die   Befreiung von der britischen Fremdherrschaft &#8211; damit die indischen   Kapitalisten und Feudalherren, nicht die arbeitenden und unterdr&#252;ckten   Massen, die Macht &#252;bernehmen konnten.<\/p>\n<p>  Zugleich musste Gandhis Verherrlichung der Vergangenheit (vor der   Ankunft der Briten und Muslime) und sein Appell an den Hinduismus die   Spaltung zwischen Hindus und Muslimen versch&#228;rfen, auch wenn Gandhi das   nicht beabsichtigte. Einen Appell an die gemeinsamen Klasseninteressen   der ArbeiterInnen oder Bauern, unabh&#228;ngig von der Religion, lehnte er   ab. So wurde nicht ein indischer Staat unabh&#228;ngig, sondern Indien und   Pakistan, begleitet von einem blutigen B&#252;rgerkrieg mit Hunderttausenden   Toten und &#252;ber zehn Millionen Fl&#252;chtlingen, gefolgt von mehreren Kriegen   zwischen den beiden Staaten, die einander heute mit Atomwaffen bedrohen.<\/p>\n<h4>  Rolle der Arbeiterklasse<\/h4>\n<p>  Obwohl zu Gandhis Zeiten die gro&#223;e Bev&#246;lkerungsmehrheit auf dem Land   lebte, war die Arbeiterklasse ungleich bedeutender als die Bauernschaft   im Kampf gegen die Kolonialmacht. Auf Grund der &#246;konomischen Stellung   der B&#228;uerinnen und Bauern, der r&#228;umlichen Distanz zwischen den H&#246;fen und   der Bindung an ihr Land (an Saat-, Erntezeit und so weiter), war es   ihnen nicht m&#246;glich, ein nachhaltiges kollektives Bewusstsein zu   entwickeln, das herrschende System aus den Angeln zu heben und die   Grundlage f&#252;r eine andere, sozialistische Gesellschaft zu schaffen.<\/p>\n<p>  Unter der britischen Kolonialherrschaft existierte in den gro&#223;en St&#228;dten   eine stark wachsende Zahl von ArbeiterInnen, w&#228;hrend die Bauernschaft   unter dem Joch der Steuern des Empires und der Ausbeutung durch   Landeigent&#252;mer &#228;chzte. In der indischen Kolonie ging eine rasche   Industrialisierung vonstatten, die mit dem Entstehen gro&#223;er Fabriken dem   Proletariat eine Schl&#252;sselrolle zuwies.<\/p>\n<p>  Auch wenn die Arbeiterklasse in der Gesamtbev&#246;lkerung zahlenm&#228;&#223;ig eine   Minderheit darstellt, kann sie &#8211; durch den Aufbau von unabh&#228;ngigen   Gewerkschaften, Massenparteien, Streiks in den Ballungszentren des   Landes, Generalstreiks und bewaffneten Aufstand &#8211; Kapitalherrschaft und   Gro&#223;grundbesitz st&#252;rzen. Das bewies die Oktoberrevolution in Russland   1917. Allerdings war dort zentral, dass die Bolschewiki, die russischen   Revolution&#228;re, die Notwendigkeit erkannten, hierf&#252;r Unterst&#252;tzung in der   armen Landbev&#246;lkerung zu gewinnen. Nicht umsonst war die Losung der   Bolschewiki: &#8222;Land, Frieden und Brot.&#8220;<\/p>\n<p>  Der russische Revolution&#228;r Leo Trotzki hatte diese   Entwicklungsm&#246;glichkeit schon 1906 mit seiner &#8222;Theorie der Permanenten   Revolution&#8220; vorhergesehen. Zudem hatte er erkl&#228;rt, warum die   Kapitalisten in den unterentwickelten L&#228;ndern seit Beginn des 20.   Jahrhunderts, anders als zuvor, keine fortschrittliche Rolle mehr   spielen konnten. Sie hatten, historisch gesehen, die B&#252;hne der   Geschichte zu sp&#228;t betreten und sollten selbst im Fall formaler   Unabh&#228;ngigkeit abh&#228;ngig von den f&#252;hrenden kapitalistischen Staaten und   den Banken und Konzernen dieser L&#228;nder bleiben.<\/p>\n<p>  Trotzki hatte allerdings auch erkannt, dass ein isoliertes,   r&#252;ckst&#228;ndiges Land allein keine sozialistische Gesellschaft aufbauen   kann. Die Russische Revolution h&#228;tte in diesem Sinne nur erfolgreich   sein k&#246;nnen, wenn sie sich international ausdehnt h&#228;tte. Die   revolution&#228;re Welle in Indien 1919&#8211;21 war ein Beispiel daf&#252;r, dass diese   Hoffnung nicht aus der Luft gegriffen war. Aber da die Revolutionen in   Europa und China 1925&#8211;27 scheiterten und Sowjetrussland isoliert blieb,   kam es zur Entstehung des Stalinismus statt zu einer sozialistischen   Entwicklung.<\/p>\n<p>  Trotzdem w&#228;re eine Revolution nach dem Vorbild der Russischen Revolution   1917 der einzige Weg gewesen, nicht nur Indiens Unabh&#228;ngigkeit von der   britischen Kolonialherrschaft zu erreichen, sondern durch den   gemeinsamen Kampf aller Ausgebeuteten auch die Spaltung zwischen Hindus   und Moslems, die Benachteiligung bestimmter Nationalit&#228;ten, das   Kastenwesen, Armut und Ausbeutung zu &#252;berwinden.<\/p>\n<p>  Tragischerweise trieb die Kommunistische Partei in Indien w&#228;hrend des   Zweiten Weltkrieges und in der anschlie&#223;enden Revolution die Bewegung   nicht voran. Im Gegenteil. Als Marionette der Kreml-Diktatur lehnte sie   den Widerstand gegen die britischen Herrscher sogar ab. Da Stalin sich   im Zweiten Weltkrieg mit dem britischen Premierminister Winston   Chruchill verb&#252;ndet hatte, verhielt sich die KP gegen&#252;ber der   Fremdherrschaft in Indien v&#246;llig unkritisch. Daf&#252;r wurde sie im Krieg   legalisiert und sogar subventioniert, w&#228;hrend Politiker der b&#252;rgerlichen   Kongress-Partei wie Gandhi ins Gef&#228;ngnis gesteckt wurden. Aus diesem   Grund wandten sich auch viele ArbeiterInnen von der KP ab und Leuten wie   Gandhi zu.<\/p>\n<h4>  Lehren<\/h4>\n<p>  Es ist positiv, dass die Bereitschaft zunimmt, sich Castor-Transporten   oder Bauarbeiten f&#252;r das Wahnsinnsprojekt S 21 real in den Weg zu   stellen. Auch Verst&#228;ndnis und Sympathie f&#252;r solche Aktionen nehmen zu.   Allerdings sollte das nicht als Ersatz f&#252;r betrieblichen Widerstand   gesehen werden. Selbst im r&#252;ckst&#228;ndigen Indien vor 1945 waren die   Streiks f&#252;r den Erfolg des Unabh&#228;ngigkeitskampfes zentral gewesen. Zudem   ist es dringend n&#246;tig, zu diskutieren, warum die Orientierung auf   ausdr&#252;cklich gewaltfreie Aktionen (angeblich nach dem Vorbild Gandhis)   zu kurz greift. Allein schon, wenn man von Nazis &#252;berfallen wird, w&#228;re   es unsinnig, auch noch die andere Backe hinzuhalten. Und die   geschichtliche Erfahrung lehrt, dass die Herrschenden Proteste, die ihre   Profite und ihr Macht gef&#228;hrden, nicht einfach hinnehmen.<\/p>\n<p>  Eine intensive Auseinandersetzung mit dem indischen Unabh&#228;ngigkeitskampf   f&#252;hrt nicht nur Gandhis Fehler beziehungsweise seine von den   ArbeiterInnen und verarmten Bauern abweichenden Interessen vor Augen.   Dass die benachteiligte Bev&#246;lkerungsmehrheit ein bis an die Z&#228;hne   bewaffnetes Regime, eine jahrzehntelange Weltmacht, aus den Angeln heben   konnte, beweist, welche St&#228;rke eine gegen Unterdr&#252;ckung und Kapitalismus   gerichtete Massenbewegung entfalten kann (&#228;hnliches gilt in diesen Tagen   &#252;brigens auch f&#252;r Tunesien, wo ein hochger&#252;steter, riesiger   Polizeiapparat, der lange Angst und Schrecken verbreitete, pl&#246;tzlich in   der Luft h&#228;ngt). Es zeigt aber auch &#8211; gerade im Vergleich zur Russischen   Revolution 1917 &#8211;, wie entscheidend ein klares marxistisches Programm   f&#252;r den langfristigen Erfolg der Bewegung ist.<\/p>\n<p>  Gandhi wollte Frieden und Kapitalismus. Das Ergebnis: Auch heute sind   Armut und Hunger in Indien Massenph&#228;nomene, die H&#228;lfte der Bev&#246;lkerung   lebt am Rande oder unterhalb des Existenzminimums, die vielgepriesene   neue Mittelschicht ist prozentual zur Gesamtbev&#246;lkerung kleiner als in   Pakistan oder Sri Lanka, die Region ist weiterhin von milit&#228;rischen   Konflikten und Kriegsgefahren gepr&#228;gt. Um dauerhaft Frieden zu   erk&#228;mpfen, ist die Abschaffung des Kapitalismus und der Aufbau   sozialistischer Demokratien in Indien und weltweit erforderlich.<\/p>\n<h2>  Indiens Revolution am Ende des Zweiten Weltkriegs<\/h2>\n<p>  Unmittelbar auf den Zweiten Weltkrieg folgte international eine   revolution&#228;re Welle, nicht zuletzt in den Kolonien der Siegerm&#228;chte   Frankreich und Gro&#223;britannien.<\/p>\n<p>  1946 war f&#252;r Indien ein Revolutionsjahr. Am Anfang stand die   Massenbewegung, die die Freilassung der F&#252;hrer der Indischen   Nationalarmee (die sich Waffen besorgt und mit Japan kollaboriert   hatten) erreichte. Am 19. Februar meuterte die Marine, auf der   K&#246;niglich-Indischen Flotte vor Bombay warfen Hindus, Moslems und Sikhs   gemeinsam die britischen Vorgesetzten &#252;ber Bord. Die Matrosen hissten   die rote Fahne, zusammen mit den Fahnen der Kongress-Partei und der   Muslim-Liga. In mehreren St&#228;dten folgten Generalstreiks. Nach den   Rebellionen in den Armeeeinheiten begann am 19. M&#228;rz auch die Meuterei   in der Polizei. Bald trat die Arbeiterklasse allerorten in Aktion. Am 2.   Mai wurde der Eisenbahner-Streik im Nordwesten gestartet, am 11. Juli   traten 100.000 Post-Besch&#228;ftigte in den Ausstand. Am 23. Juli wurden   diese von 400.000 streikenden Industriearbeitern unterst&#252;tzt.<\/p>\n<p>  Es war diese revolution&#228;re Erhebung der Massen und der innenpolitische   Druck in Gro&#223;britannien (die britische Arbeiterklasse war kriegsm&#252;de,   w&#228;hlte Churchill ab und war auf grundlegende Ver&#228;nderungen unter der   Labour-Regierung aus), die zur Unabh&#228;ngigkeit Indiens f&#252;hrten. Gandhi   und Nehru hatten die Streiks abgelehnt. Auch die Kommunistische Partei   Indiens hatte die revolution&#228;re Bewegung nicht voran getrieben. Um einer   sozialistischen Umw&#228;lzung vorzubeugen, &#252;bertrugen die Herrschenden   Gro&#223;britanniens die Macht an die Kongress-Partei in Indien und die   Muslim-Liga in dem &#8211; im Sinne der Teile-und-Herrsche-Politik &#8211; neu   geschaffenen Staat Pakistan.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      &#8211; ein Vorbild f&#252;r heute?\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[90,92],"tags":[234],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14075"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14075"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14075\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14075"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14075"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14075"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}