{"id":14062,"date":"2011-01-24T11:00:00","date_gmt":"2011-01-24T11:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14062"},"modified":"2011-01-24T11:00:00","modified_gmt":"2011-01-24T11:00:00","slug":"14062","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/01\/14062\/","title":{"rendered":"Tunesien: Erster Erfolg der Revolution"},"content":{"rendered":"<p>  Der Diktator wurde verjagt, aber das Regime noch nicht gekippt<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Nur vier Wochen dauerte es von der tragischen Selbstanz&#252;ndung des   Mohammed Bouazizi bis zur dramatischen Flucht des Diktators Ben Ali. Die   Geschwindigkeit der Ereignisse zeigt, wie schnell scheinbar stabile   Verh&#228;ltnisse ins Wanken geraten k&#246;nnen.<\/p>\n<h4>  <i>von Stefan M&#252;ller, Bremen<\/i><\/h4>\n<p>  Noch vor wenigen Wochen war es undenkbar, auf der Stra&#223;e, im Caf&#233;, ja   sogar in der Familie &#252;ber Politik zu sprechen. Zu gro&#223; war die Angst vor   dem langen Arm des Pr&#228;sidenten Ben Ali mit seinen &#252;ber 200.000   Polizisten, die jegliche Kritik am Regime im Keim erstickten und mit   Gef&#228;ngnis und Folter bestraften. Nach dem Selbstmord des Uniabsolventen   Bouazizis am 17. Dezember &#8211; dem die Sicherheitskr&#228;fte die Waren seines   Gem&#252;sestands konfisziert hatten &#8211; &#252;berwanden die Menschen in Sidi   Bouzid, einer kleinen Stadt in Zentraltunesien, ihre Furcht. T&#228;gliche   Demonstrationen griffen bald auf umliegende St&#228;dte und schlie&#223;lich auf   das ganze Land &#252;ber.<\/p>\n<h4>  Das Regime reagiert &#8211; das Regime verliert<\/h4>\n<p>  Die Reaktion der Herrschenden war brutal. Doch mit jedem Toten wuchs der   Zorn, jede Beerdigung wurde zu einer Demonstration, und jeder Schuss auf   DemonstrantInnen delegitimierte die Elite nur noch mehr. Pl&#246;tzlich hatte   die Angst die Seiten gewechselt, und war von der Bev&#246;lkerung auf die   Machthaber &#252;bergegangen.<\/p>\n<p>  Als Ben Ali ank&#252;ndigte, nach seinen 23 Jahren Pr&#228;sidentschaft 2014   abzutreten, Presse- und Netzfreiheit zuzulassen sowie 300.000 neue   Arbeitspl&#228;tze zu schaffen, gab es kein Halten mehr. Die Massen wussten:   Wenn sie solche Zugest&#228;ndnisse erzwingen k&#246;nnen, dann ist noch viel mehr   drin. Die Proteste ebbten nicht ab, und tats&#228;chlich, nur 24 Stunden   sp&#228;ter, am 14. Januar, setzte sich der verhasste Diktator nach   Saudi-Arabien ab.<\/p>\n<h4>  Chaos nach dem Sturz der Regierung?<\/h4>\n<p>  Was folgte, war ein durchsichtiger Versuch, die Revolution zu   diskreditieren. Ehemalige politische Polizisten, Geheimdienstkr&#228;fte und   Leibgardisten Ben Alis pl&#252;nderten Gesch&#228;fte und schossen aus fahrenden   Autos wahllos auf Passanten. Die Armee, welche sich w&#228;hrend der Wochen   zuvor nicht an der Niederschlagung der Proteste beteiligt hatte (es gab   sogar Verbr&#252;derungszenen einfacher Soldaten mit DemonstrantInnen),   konnte die Banden nicht in Schach halten. F&#252;r Sicherheit sorgten   schlie&#223;lich die Menschen der betroffenen Viertel selber. Kurzerhand   wurden Tausende von Selbstverteidigungsmilizen gegr&#252;ndet, Leute mit   Stangen und St&#246;cken bewaffnet, provisorische Barrikaden errichtet.<\/p>\n<h4>  &#8222;Regierung der nationalen Einheit&#8220;<\/h4>\n<p>  W&#228;hrend die Bev&#246;lkerung ihr Leben verteidigte, versuchten die alten   Herrscher, ihre Privilegien zu verteidigen. Die als Machtwechsel   inszenierte &#8222;&#220;bergangsregierung der nationalen Einheit&#8220; bestand im   Wesentlichen aus Vertretern von Ben Alis Partei RCD, geschm&#252;ckt mit ein   paar Feigenbl&#228;ttern aus den Teilen der &#8222;Opposition&#8220;, die sogar unter Ben   Ali angepasst genug waren, um politisch arbeiten zu d&#252;rfen. Dazu   gesellten sich Kr&#228;fte der UGTT, des 500.000 Mitglieder gro&#223;en   Gewerkschaftsdachverbands. Obwohl dieser von Agenten des Staates   durchsetzt ist, war der Druck der Basis stark genug, um die F&#252;hrung zu   Aktivit&#228;ten gegen das Regime zu bewegen. Die drei UGTT-Minister der   &#220;bergangsregierung mussten einen Tag nach ihrer Vereidigung wieder von   ihren &#196;mtern zur&#252;cktreten.<\/p>\n<p>  Zuvor hatten Zehntausende in ganz Tunesien die Aufl&#246;sung der RCD   gefordert, in mehreren St&#228;dten wurden, nach einem nationalen Ausstand,   &#246;rtliche Generalstreiks ausgerufen. Interimspr&#228;sident Fouad Mebazaa trat   darauf hin aus der RCD aus. Als w&#252;rde das Blut nicht an seinen H&#228;nden,   sondern nur an seinem Parteibuch kleben.<\/p>\n<h4>  Rolle des Westens<\/h4>\n<p>  Zuvor hatte die &#8222;Sozialistische Internationale&#8220;, der auch die SPD   angeh&#246;rt, die RCD ausgeschlossen. Die tunesische Staatspartei musste   also erst entmachtet werden, um bei den Sozialdemokraten aller L&#228;nder   die Erkenntnis reifen zu lassen, mit wem sie da zusammen in einem Boot   sa&#223;en!<\/p>\n<p>  Frankreich, das 73 Jahre lang Kolonialmacht Tunesiens war, hatte noch   bei der Niederschlagung der Proteste zun&#228;chst Hilfe angeboten. Jahrelang   schwiegen die Regierungen in Frankreich, Deutschland und den USA zur   Unterdr&#252;ckung in diesem Mittelmeerstaat. Erst jetzt erkl&#228;rt Kanzlerin   Angela Merkel, es sei &#8222;unabdingbar, die Menschenrechte zu respektieren&#8220;   (15. Januar). Wenige Wochen zuvor nannte die CDU-nahe   Konrad-Adenauer-Stiftung das Regime noch einen &#8222;ausgezeichneten   Partner&#8220;. Kein Wunder: Tunesien war unter Milliard&#228;r Ben Ali ein   wichtiger Handelspartner und ein &#8222;Mustersch&#252;ler&#8220; neoliberaler Politik.   Mehr als 250 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung profitierten   von Billigl&#246;hnen, Freihandelszonen und Sonderabkommen mit der EU. Nur   franz&#246;sisches und italienisches Kapital war noch aktiver in Tunesien. In   einem sind sich alle diese L&#228;nder einig: In Tunesien muss   schnellstm&#246;glich Stabilit&#228;t herrschen, damit dort wieder ordentlich Geld   verdient werden kann.<\/p>\n<h4>  Aufgaben der Revolution<\/h4>\n<p>  Noch immer ist das alte Regime &#8211; ohne Ben Ali und seinen Clan &#8211; weiter   an der Macht. Noch immer sind offiziell 14 Prozent (bei den Jugendlichen   sogar 30 Prozent) ohne Job. Noch immer ist die Wirtschaft in den H&#228;nden   einiger weniger Investoren, die Mehrheit davon aus den EU-Staaten. Noch   immer haben die unterdr&#252;ckten Massen im Maghreb (neben Tunesien,   Algerien, Marokko, Libyen, Mauretanien und West-Sahara) sowie in der   gesamten arabischen Welt mit den gleichen Problemen zu k&#228;mpfen.<\/p>\n<p>  Der Kampf f&#252;r Meinungsfreiheit, Freilassung aller politischen   Gefangenen, gewerkschaftliche Rechte, gut bezahlte Arbeitspl&#228;tze,   Umverteilung des Reichtums und &#220;berf&#252;hrung der Konzerne in &#246;ffentliches   Eigentum kann nur von denen gemeinsam aufgenommen werden, die Opfer von   Armut und Unfreiheit sind. Dazu z&#228;hlen nicht die b&#252;rgerlichen   Oppositionspolitiker und islamistische F&#252;hrer, die nur selber ans Ruder   kommen wollen.<\/p>\n<p>  Die st&#228;rkste Kraft der Gesellschaft sind die lohnabh&#228;ngig Besch&#228;ftigten.   Durch die Bildung von Streikkomitees auf allen Ebenen k&#246;nnte eine   wirksame Streikbewegung geschaffen und die Herrschaft der kleinen,   radikalen Minderheit erfolgreich attackiert werden. Daf&#252;r gilt es, auch   die Soldaten f&#252;r die Bewegung zu gewinnen und Soldatenkomitees ins Leben   zu rufen. Die Nachbarschaftskomitees sollten weiter aufgebaut werden, um   das &#246;ffentliche Leben zu organisieren. Demokratisch gew&#228;hlte   VertreterInnen in Betrieben, Stadtteilen und Armee m&#252;ssten regional und   national verbunden werden, um eine Regierung der arbeitenden und   verarmten Bev&#246;lkerung zu schaffen. Eine revolution&#228;re verfassungsgebende   Versammlung k&#246;nnte den Ausgangspunkt zu einer sozialistischen   Umgestaltung der Gesellschaft bieten. N&#246;tig ist eine starke   marxistische, eine revolution&#228;r-sozialistische Kraft, die in Tunesien   und international f&#252;r ein solches Programm eintritt.<\/p>\n<h4>  Es brodelt &#8211; in der ganzen arabischen Welt<\/h4>\n<p>  <i>&#8222;Jugendliche in allen arabischen L&#228;ndern sollten auf die Stra&#223;en   gehen und genauso handeln wie die Tunesier. Es ist Zeit, dass wir unsere   Rechte einfordern!&#8220; <\/i>So Kamal Mohsen, ein 23-j&#228;hriger   libanesischer Student, laut Nachrichtenagentur Reuters.<\/p>\n<p>  Inspiriert von den Ereignissen in Tunesien kam es in einer ganzen Reihe   von L&#228;ndern zu Revolten gegen die galoppierenden Lebensmittelspreise:<i>   <\/i><\/p>\n<p>  &#8212; Algerien: Im Januar tobten Massenproteste. W&#228;hrend der Beerdigung   eines von der Polizei erschossenen 18-J&#228;hrigen nahmen Tausende an einer   Kundgebung teil. Mindestens f&#252;nf Menschen wurden in f&#252;nf Januartagen   get&#246;tet. Die Regierung gab erst einmal klein bei und nahm die   Preiserh&#246;hungen f&#252;r Zucker und &#214;l zur&#252;ck. Schon im Fr&#252;hjahr 2010 war das   Land von einer Streikwelle ersch&#252;ttert worden.<\/p>\n<p>  &#8212; Marokko: Auch hier zwangen Unruhen K&#246;nig Mohammed VI. zu Ma&#223;nahmen   gegen steigende Preise.<\/p>\n<p>  &#8212; Jordanien: Mehr als 5.000 DemonstrantInnen erreichten ebenfalls   Preissenkungen. Auf Transparenten war zu lesen: <i>&#8222;Jordanien darf nicht   nur f&#252;r die Reichen da sein!&#8220; <\/i><\/p>\n<p>  &#8212; &#196;gypten: Mit seinen 80 Millionen Menschen und einer starken   Arbeiterklasse ist &#196;gypten ein Schl&#252;sselland in der Region. Die   derzeitigen Arbeitsk&#228;mpfe im Nil-Delta sind nur das j&#252;ngste Beispiel f&#252;r   die wachsende Zahl von Streiks. Nach der Steuergewerkschaft gr&#252;ndeten   k&#252;rzlich technische Mitarbeiter des Gesundheitswesens die zweite   unabh&#228;ngige Gewerkschaft.<\/p>\n<p>  <i>&#8222;Das arabische Nordafrika wird von Regimen gepr&#228;gt, die mehr und mehr   sklerotisieren. Ihre F&#252;hrungen sind seit Jahrzehnten an der Macht. Das   gilt, neben Ben Ali, auch f&#252;r den algerischen Pr&#228;sidenten Bouteflika und   den inzwischen 82 Jahre alten &#196;gypter Mubarak&#8220; <\/i>(FAZ vom   13. Januar). Gleichzeitig ist die Mehrheit der Bev&#246;lkerung unter 30   Jahren &#8211; und gro&#223;teils arbeits- und perspektivlos, immer &#246;fter sogar   trotz Uniabschluss. Im Zuge der internationalen Rezession spitzt sich   die soziale Krise dramatisch zu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Der Diktator wurde verjagt, aber das Regime noch nicht gekippt\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[36,37],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14062"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14062"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14062\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14062"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14062"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14062"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}