{"id":14052,"date":"2011-01-15T09:00:00","date_gmt":"2011-01-15T09:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14052"},"modified":"2011-01-15T09:00:00","modified_gmt":"2011-01-15T09:00:00","slug":"14052","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/01\/14052\/","title":{"rendered":"&#8222;Alle haben gegen Ben Ali demonstriert.&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>  Interview mit Ahmed Rafiki (Name ge&#228;ndert). Er ist Mitglied der   Gewerkschaft UGTT, lebt in der Bergbaustadt Gafsa und arbeitet als   Lehrer. Das Interview wurde Freitag Mittag vor der Flucht Ben Alis   gef&#252;hrt.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<h4>  Stefan M&#252;ller: Was ist in den letzten Wochen in Tunesien passiert?<\/h4>\n<p>  Ahmed Rafiki: Es gab eine gro&#223;e, landesweite Welle der Unmut, die sich   in friedlichen Demonstrationen ausgedr&#252;ckt hat. Doch der Staat hat diese   mit seinen Polizeikr&#228;ften und Aufstandsbek&#228;mpfungseinheiten blutig   unterdr&#252;ckt. Es wurden &#252;ber 100 Tunesier get&#246;tet, die meisten davon   Jugendliche, Teenager.<\/p>\n<h4>  S.M.: Was ist der Grund f&#252;r diesen Unmut?<\/h4>\n<p>  A.R.: Zuerst schien es eine soziale Frage zu sein. Die Menschen haben   f&#252;r bessere Lebensbedingungen, f&#252;r Arbeitspl&#228;tze, f&#252;r billigere Waren   demonstriert, dann stellte sich aber heraus dass es nicht eine soziale,   sondern eine politische Frage ist. Nach 23 Jahren blutiger Unterdr&#252;ckung   von Ben Ali gingen die Leute auf die Stra&#223;e und forderten seinen   R&#252;cktritt. Doch jedes mal, wenn der Pr&#228;sident eine Rede im   Staatsfernsehen hielt, wurde es schlimmer. Zuerst hat er alle Probleme   bestritten und sagte, es w&#228;re nur das tragische Schicksal eines   einzelnen, der Selbstmord begang indem er sich selbst anz&#252;ndete. Er   sagte sogar &#8222;wir werden von den Demonstranten unterdr&#252;ckt&#8220;!<\/p>\n<p>  Dann sagte er &#8222;OK, ich habe Verst&#228;ndnis f&#252;r eure Situation, aber ihr   solltet wissen, dass die Leute, die demonstrieren, maskierte Banden sind   und ein Haufen Terroristen.&#8220; Er nannte also die Studenten, die Leute,   die jungen, die Lehrer, die Anw&#228;lte und Doktoren und alle, er nannte   diese Leute &#8222;Terroristen&#8220;.<\/p>\n<h4>  S.M.: Welche Schichten der Gesellschaft beteiligen sich jetzt an den   Demonstrationen?<\/h4>\n<p>  A.R.: Ich komme gerade von einer vierst&#252;ndigen Demonstration, und die   Anwesenden waren im Alter zwischen 7 und 77, es gab Arbeitslose,   Anw&#228;lte, Doktoren, M&#252;tter und Gro&#223;m&#252;tter, Studenten, und alle, alle   haben gegen Ben Ali demonstriert.<\/p>\n<h4>  S.M.: Was passiert jetzt?<\/h4>\n<p>  A.R.: Jetzt zeigt sich wie gemein, wie blutig und wie grausam Ben Ali   und seine Verb&#252;ndeten sind. Das sollte ich nicht vergessen: Die Position   der franz&#246;sischen Regierung war wirklich feige und billig. Sie haben die   Bev&#246;lkerung f&#252;r die Situation beschuldigt, und haben sogar vorgeschlagen   mit der franz&#246;sischen Polizei bei der Unterdr&#252;ckung der Proteste zu   helfen.<\/p>\n<p>  Das Land ist jetzt in einem Zustand der Angst, die Menschen machen sich   Sorgen. Es werden wegen der Ausgangssperre und dem erkl&#228;rten   Ausnahmezustand Hamsterk&#228;ufe gemacht. Die Polizei hat heute   Demonstrationen in Tunis und im Landesinneren blutig unterdr&#252;ckt.<\/p>\n<p>  Das gef&#228;hrlichste sind die Banden von unbekannten Leuten, die stehlen,   pl&#252;ndern und H&#228;user anz&#252;nden.<\/p>\n<h4>  S.M.: Hei&#223;t das dass die Leute, die man im Fernsehen Molotowcocktails   werfen sieht keine Demonstranten sind?<\/h4>\n<p>  A.R.: Nein nein, das sind richtige Demonstranten, Leute die sich   Stra&#223;enschlachten mit der Polizei liefern sind Demonstranten, die f&#252;r   ein freies und demokratisches Tunesien und gegen Ben Ali und seine Mafia   protestieren. Aber die anderen, die agieren im Zwielicht. Sie stehlen,   pl&#252;ndern, zerst&#246;ren &#8211; und jeder wei&#223; wer sie eigentlich sind: Sie sind   Milizen der Regierung, die die Menschen terrorisieren sollen.<\/p>\n<h4>  S.M.: Heute hat Ben Ali die Regierung aufgel&#246;st [zum Zeitpunkt des   Interviews hatte er das Land noch nicht verlassen]. Was wird jetzt   passieren?<\/h4>\n<p>  A.R.: Die Zukunft ist ungewiss. Es gibt keine revolution&#228;re Avantgarde,   keine Opposition, es gibt keine klare Alternative, und es gibt keine   revolution&#228;re Alternative. Die Dissidenten leben in Kanada, London,   Frankreich. Und das Milit&#228;r bewegt sich nicht.<\/p>\n<h4>  S.M.: Was ist die Rolle des Milit&#228;rs jetzt? Es gibt Aufnahmen von einem   Offizier der Armee, der bei einer gro&#223;en Beerdigung einem Sarg eines   M&#228;rtyrers salutiert. Das Milit&#228;r war nicht an der Unterdr&#252;ckung der   Demonstrationen beteiligt, oder?<\/h4>\n<p>  A.R.: Richtig, das macht alleine die Polizei. Die Armee sch&#252;tzt momentan   Post&#228;mter, Ministerien, Fernsehstationen und Schl&#252;sselstellen der Stadt.<\/p>\n<h4>  S.M.: Glaubst du dass die M&#246;glichkeit eines Staatsstreiches besteht?<\/h4>\n<p>  A.R.: Das wei&#223; Niemand. M&#246;glich ist es. Aber das ist nicht das, was die   Leute wollen. Ich bin mir sicher, dass die Menschen das nicht   akzeptieren w&#252;rden. Die Menschen haben so viel geopfert, und sie sind   nicht bereit, sich mit falschen Versprechungen abspeisen zu lassen. Sie   wollen, dass der Pr&#228;sident weg ist, und sie werden mit Sicherheit auch   keinen Staatsstreich akzeptieren.<\/p>\n<h4>  S.M.: Vielen Dank und viel Gl&#252;ck.<\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Interview mit Ahmed Rafiki (Name ge&#228;ndert). Er ist Mitglied der<br \/>\n      Gewerkschaft UGTT, lebt in der Bergbaustadt Gafsa und arbeitet als<br \/>\n      Lehrer. 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