{"id":14046,"date":"2011-01-07T15:00:00","date_gmt":"2011-01-07T14:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=14046"},"modified":"2012-05-15T14:53:09","modified_gmt":"2012-05-15T12:53:09","slug":"14046","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/01\/14046\/","title":{"rendered":"Gesine L&#246;tzschs Wege zum Sozialismus"},"content":{"rendered":"<p>  Kommentar von Lucy Redler zur Debatte um die &#196;u&#223;erungen von Gesine   L&#246;tzsch<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Gesine L&#246;tzschs Beitrag &#8222;Wege zum Kommunismus&#8220; im Vorfeld der   Rosa-Luxemburg-Konferenz der jungen Welt am 8. Januar hat eine heftige   Debatte &#252;ber Kommunismus und Sozialismus in der &#214;ffentlichkeit   ausgel&#246;st. <\/b><\/p>\n<p>  <b>Die b&#252;rgerlichen Medien und Politiker von SPD und Union standen   sofort in den Startl&#246;chern, um DIE LINKE auf breiter Front anzugreifen.   Am weitesten aus dem Fenster lehnte sich der CSU-Generalsekret&#228;r   Dobrindt, der die fl&#228;chendeckende Bespitzelung der Linkspartei und die   Pr&#252;fung eines Verbotsverfahrens forderte. Das sind Politiker, die sich   sonst bei jeder Gelegenheit die Wahrung der demokratischen Grundordnung   auf die Fahne schreiben.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Lucy Redler, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Die b&#252;rgerlichen Medien jubilierten, L&#246;tzsch habe nun endlich mal   ausgesprochen, was DIE LINKE wirklich wolle. So ver&#246;ffentlichte Die Welt   einen Kommentar mit dem Titel &#8222;Danke, Gesine L&#246;tzsch&#8220;, in dem sie   ausf&#252;hrte: &#8222;<i>Gesine L&#246;tzschs Sehnsucht nach Kommunismus und   &#220;berwindung des Kapitalismus spricht eine Sprache, die nicht zu den   Grundfesten einer aufgekl&#228;rten, demokratischen &#214;ffentlichkeit geh&#246;rt.   Auf welchem Boden sie auch immer stehen m&#246;ge, es ist nicht jener der   freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Positiv vom Kommunismus zu   schwadronieren, einer mit dem Blut Hunderttausender Opfer getr&#228;nkten   Ideologie, dazu geh&#246;rt schon Chuzpe.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>  Es ist nichts Neues, dass die b&#252;rgerlichen Medien und Vertreter   prokapitalistischer Parteien wie CDU\/CSU die &#220;berwindung des   Kapitalismus und die Erstrebung einer sozialistischen Gesellschaft mit   den stalinistischen Regimen im Ostblock gleichsetzen, um zu kaschieren,   dass sich ihr kapitalistisches System in der tiefsten Krise seit achtzig   Jahren befindet und ihre freiheitlich-demokratische Grundordnung in   Stuttgart und Gorleben mit Schlagst&#246;ckern, Pfefferspray und   Wasserwerfern durchgepr&#252;gelt wird.<\/p>\n<p>  Gesine L&#246;tzsch hat es mit ihrem urspr&#252;nglichen Beitrag den B&#252;rgerlichen   jedoch auch einfach gemacht, weil sie &#8211; entgegen sp&#228;terer Interviews &#8211;   in ihrem Text nicht klarstellt, was sie unter Kommunismus versteht. Wenn   sie geschrieben h&#228;tte, dass Kommunismus eine klassenlose Gesellschaft   bedeutet und es im Osten keinen Kommunismus, sondern eine stalinistische   Diktatur gab, w&#228;re es f&#252;r die b&#252;rgerliche Meute schwieriger gewesen, DIE   LINKE auf breiter Front anzugreifen. Ihre &#196;u&#223;erung ist Ausdruck einer   nicht ganz eindeutigen Haltung vieler LINKE-Funktion&#228;re zur DDR, die   sich auch im Programmentwurf der Partei widerfindet, in dem einerseits   ein klarer Bruch mit dem Stalinismus gefordert wird, die DDR aber   gleichzeitig als &#8222;Sozialismusversuch&#8220; deklariert wird.<\/p>\n<p>  DIE LINKE sollte die Debatte jetzt nutzen, um offensiv f&#252;r eine   sozialistische Demokratie zum allt&#228;glichen kapitalistischen Wahnsinn   einzutreten und deutlich zu machen, was sie darunter versteht. Eine   sozialistische Demokratie kann nur erreicht werden durch eine umfassende   Umw&#228;lzung der Eigentums- und Machtverh&#228;ltnisse, das bedeutet der   Verstaatlichung aller Banken und der Schl&#252;sselindustrien unter der   demokratischen Kontrolle und Verwaltung durch die arbeitende Bev&#246;lkerung.<\/p>\n<h4>  Was steht drin?<\/h4>\n<p>  Gesine L&#246;tzsch schl&#228;gt jedoch in ihrem Text gar keinen Weg zu einer   sozialistischen Demokratie vor. Im Gegenteil: Der Text ist an   Beliebigkeit nicht zu &#252;berbieten.<\/p>\n<p>  Gesine L&#246;tzsch setzt ihre &#8222;Wege zum Kommunismus&#8220; mit dem Trial and   Error-Prinzip von Thomas Edison bei der Erfindung der Gl&#252;hbirne gleich   und folgert daraus, man m&#252;sse nur genug Wege zum Sozialismus   ausprobieren:<\/p>\n<p>  <i>&#8222;Die Wege zum Kommunismus k&#246;nnen wir nur finden, wenn wir uns auf den   Weg machen und sie ausprobieren, ob in der Opposition oder in der   Regierung. Auf jeden Fall wird es nicht den einen Weg geben, sondern   sehr viele unterschiedliche Wege, die zum Ziel f&#252;hren.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>  Nachdem L&#246;tzsch anfangs den Weg der Beliebigkeit zu einer   sozialistischen Gesellschaft einschl&#228;gt, weist ihre Logik im Endeffekt   nicht &#252;ber den Kapitalismus hinaus und l&#228;sst dabei noch die arme Rosa   Luxemburg als Kronzeugin auftreten. Diese w&#252;rde sich sicher im Grabe   umdrehen, wenn sie w&#252;sste, dass Gesine L&#246;tzsch sie ihres Inhalts &#8211; der   Abschaffung des Kapitalismus und der Erk&#228;mpfung einer sozialistischen   Gesellschaft entleeren w&#252;rde.<\/p>\n<h4>  Regierungsbeteiligung<\/h4>\n<p>  Schon der Hinweis L&#246;tzschs, dass man Wege sowohl in der Opposition als   auch in der Regierung ausprobieren m&#252;sse, konterkariert den Kampf f&#252;r   Sozialismus und steht im klaren Widerspruch zu Rosa Luxemburg, die schon   1899 den Eintritt des Sozialisten Millerands in eine b&#252;rgerliche   Regierung r&#252;gte (nachzulesen in: <a href=\"http:\/\/shop.sozialismus.info\/shop\/article_597\/Luxemburg%3A-Die-sozialistische-Krise-in-Frankreich.html\">Sozialistische   Krise in Frankreich<\/a> von 1901).<\/p>\n<p>  Rosa Luxemburg formulierte sehr klar in &#8222;Eine taktische Frage&#8220;: <i>&quot;Ein   Sozialdemokrat hingegen, der dieselben Reformen als Mitglied der   Regierung, das hei&#223;t gleichzeitig bei aktiver Unterst&#252;tzung des   b&#252;rgerlichen Staates im Ganzen anstrebt, reduziert tats&#228;chlich seinen   Sozialismus im allerbesten Fall auf b&#252;rgerliche Demokratie oder   b&#252;rgerliche Arbeiterpolitik. W&#228;hrend daher das Vordringen der   Sozialdemokraten in die Volksvertretungen zur St&#228;rkung des   Klassenkampfes, also zur F&#246;rderung der Sache des Proletariats f&#252;hrt,   kann ihr Vordringen in die Regierungen nur die Korruption und   Verwirrungen in den Reihen der Sozialdemokratie zum Ergebnis haben.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>  Genau das sehen wir heute in Berlin und Brandenburg, wo DIE LINKE an der   Regierung beteiligt ist. Es bleibt die Aufgabe von Linken in der   Linkspartei, die Ideen Rosa Luxemburgs zu verteidigen und auch als   Werkzeug in der Auseinandersetzung um die Perspektive der Linkspartei zu   nutzen.<\/p>\n<h4>  Eigentumsfrage<\/h4>\n<p>  L&#246;tzsch zeichnet in ihrem Beitrag einen Weg der kleinen Reformschritte,   der dann irgendwann zum Sozialismus f&#252;hren w&#252;rde und nennt das   &#8222;revolution&#228;re Realpolitik&#8220;.<\/p>\n<p>  In Bezug auf Rosa Luxemburg und die Niederlage der deutschen Revolution   1918 schreibt sie: <i>&#8222;Was hier durch Rosa Luxemburg in der konkreten   Situation einer unvollendeten Revolution und der absehbaren Defensive   formuliert wurde, ist eine Politik, die sie selbst &#187;revolution&#228;re   Realpolitik&#171; nannte &#8211; ausgehend von den dringenden N&#246;ten der Arbeiter   und gro&#223;er Teile der Bev&#246;lkerung soll an L&#246;sungen gearbeitet werden, die   deren Lage sp&#252;rbar verbessern und zugleich zu einer strukturellen   Ver&#228;nderung der Eigentums- und Machtverh&#228;ltnisse f&#252;hren. Es sollen   Tagesfragen beantwortet und Kapitalismus und Militarismus zur&#252;ckgedr&#228;ngt   werden mit dem Ziel, diese schlie&#223;lich zu &#252;berwinden.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>  Doch w&#228;hrend Rosa Luxemburg den Kampf f&#252;r Reformen als Mittel zur   sozialistischen Umw&#228;lzung verstand, verfolgt Gesine L&#246;tzsch ein anderes   Ziel. Bei L&#246;tzsch geht es jedenfalls im folgenden nicht mehr um <i>&#8222;die   strukturelle Ver&#228;nderung der Eigentums- und Machtverh&#228;ltnisse&#8220;<\/i>,   sondern um mehr oder weniger weitgehende Tagesforderungen wie   beispielsweise Belegschaftseigentum anstatt von umfassender   Verstaatlichung.<\/p>\n<p>  Dass bei der Forderung nach Belegschaftseigentum lediglich das   kapitalistische System mit ein bisschen mehr an Mitbestimmung verteidigt   wird, hat wenig mit Rosas Ansatz der Verbindung von Reform und   sozialistischer Umw&#228;lzung zu tun.<\/p>\n<h4>  Ein anderes Ziel<\/h4>\n<p>  Auch Rosa Luxemburg war nicht gegen einfache Verbesserungen im Interesse   der Arbeiterklasse. F&#252;r sie stand der Kampf um Verbesserung aber im   Zusammenhang mit der Abschaffung des Kapitalismus. Oder, in ihren Worten   ist <i>&#8222;der Kampf um die Sozialreform das Mittel, die soziale Umw&#228;lzung   aber der Zweck&#8220;<\/i> (Sozialreform und Revolution)<\/p>\n<p>  Wenn Gesine L&#246;tzsch und Rosa Luxemburg sich getroffen h&#228;tte, h&#228;tte Rosa   wohl etwas &#228;hnlich wie gegen&#252;ber Bernstein geantwortet:<\/p>\n<p>  <i>&#8222;Wer sich daher f&#252;r den gesetzlichen Reformweg anstatt und im   Gegensatz zur Eroberung der politischen Macht und zur Umw&#228;lzung der   Gesellschaft ausspricht, w&#228;hlt tats&#228;chlich nicht einen ruhigeren,   sicheren, langsameren Weg zum gleichen Ziel, sondern auch ein anderes   Ziel, n&#228;mlich statt der Herbeif&#252;hrung einer neuen Gesellschaftsordnung   blo&#223; quantitative Ver&#228;nderungen in der alten.&#8220;<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Kommentar von Lucy Redler zur Debatte um die &#196;u&#223;erungen von Gesine<br \/>\n      L&#246;tzsch\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[25,96],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14046"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14046"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14046\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14046"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14046"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14046"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}