{"id":14038,"date":"2010-12-22T00:00:00","date_gmt":"2010-12-22T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14038"},"modified":"2010-12-22T00:00:00","modified_gmt":"2010-12-22T00:00:00","slug":"14038","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/12\/14038\/","title":{"rendered":"&#8222;Unruhige Zeiten&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  Eine Studie der Uni Bielefeld zeigt die zunehmende Polarisierung in   Deutschland.<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Seit dem Jahre 2002 arbeiten Professor Heitmeyer und seine   ForscherkollegInnen an einer Langzeitstudie mit dem Namen   &#8222;Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit&#8220;. Ziel der Arbeit ist die   Untersuchung der &#8222;Abwertung von Menschen aufgrund von ethnischen,   kulturellen oder religi&#246;sen Merkmalen, der sexuellen Orientierung, des   Geschlechts, einer k&#246;rperlichen Einschr&#228;nkung oder aus sozialen   Gr&#252;nden.&#8220; Die Arbeit im Jahre 2010 stand ganz im Zeichen der Folgen der   gr&#246;&#223;ten Wirtschaftskrise seit achtzig Jahre<\/p>\n<h4>  <i>von Torsten Sting, Rostock<\/i><\/h4>\n<p>  In diesem Jahr wurden 2000 Personen im Zeitraum Mai\/Juni befragt und in   Gruppen nach verf&#252;gbarem Einkommen aufgeteilt: Arme (weniger als 649,50   Euro), Niedrige Einkommen (650-1299 Euro), Mittlere Einkommen (1300-2598   Euro), H&#246;here Einkommen (ab 2598 Euro). Dieses Vorgehen ist nat&#252;rlich &#8211;   wie viele soziologische Methoden &#8211; mit Vorsicht zu genie&#223;en. Bei der   &#8222;hohen&#8220; Einkommensgruppe k&#246;nnen sich sowohl Schichtarbeiter von BMW   befinden als auch Million&#228;re. Kurzum: Es werden Menschen zusammengefasst   die nach marxistischem Verst&#228;ndnis unterschiedlichen Klassen angeh&#246;ren   und somit entgegengesetzte Interessen haben. Die Studie zeigt nat&#252;rlich   einen Trend auf. Sie ist aber notgedrungen von ihrer Methode her ungenau.<\/p>\n<h4>  &#196;ngste<\/h4>\n<p>  Vor dem Hintergrund der Erfahrungen der vergangenen Jahre mit   Bankenkrisen &#8211; Rettungspaketen, Konjunktureinbruch, Kurzarbeit,   Eurodebakel usw. gibt es trotz der momentanen wirtschaftlichen Erholung   eine gro&#223;e Verunsicherung. &#8222;Der Anteil derjenigen, die sich durch die   aktuellen wirtschaftliche Entwicklungen bedroht f&#252;hlen, hat von 47 % in   2009 auf 53 % in 2010 signifikant zugenommen. Dies schl&#228;gt sich auch in   aggressiven Stimmungen nieder. Rund 34 % sind zornig, da sie so unter   Druck stehen.&#8220;<\/p>\n<h4>  S&#252;ndenb&#246;cke<\/h4>\n<p>  Die Studie arbeitet heraus, dass sich bei einem Teil der Bev&#246;lkerung,   der Zorn nicht in erster Linie gegen die Verursacher der Krise &#8211; die   Banken und Konzerne &#8211; richtet, sondern gegen Minderheiten, die in der   Hierarchie der Gesellschaft weiter unten stehen. Langzeitarbeitslose   werden &#8211; je nach Einkommensgruppe &#8211; zwischen etwa 45% und 50%   &#8222;abwertend&#8220; beurteilt. Besonders stark wird dies von der h&#246;heren   Einkommensgruppe vertreten. Einen &#228;hnlichen Trend gibt es auch   hinsichtlich der Obdachlosen. Der Aussage &#8222;Bettelnde Obdachlose sollten   aus den Fu&#223;g&#228;ngerzonen entfernt werden&#8220; stimmten 31% der Befragten zu.   Ein Trend ist also eine &#8222;Entsolidarisierung&#8220; mit dem schw&#228;cheren Teil   der Bev&#246;lkerung, der als &#8222;Ballast&#8220; gesehen wird.<\/p>\n<p>  Der andere Trend ist die Wahrnehmung von Migranten und hier im   speziellen von Muslimen als Bedrohung. Islamfeindlichkeit hat sich   gegen&#252;ber dem Vorjahr deutlich gesteigert, auch bei Menschen, die sich   &#8222;links von der Mitte&#8220; einordnen. Etwa 49% der Befragten sind der   Meinung: &#8222;Es leben zu viele Ausl&#228;nder in Deutschland&#8220;. Die Forscher   registrieren eine Zunahme von rechtspopulistischen Auffassungen. Auch   dies besonders bei den h&#246;heren Einkommensgruppen.<\/p>\n<h4>  Politik<\/h4>\n<p>  Die &#252;berw&#228;ltigende Mehrheit hat wenig Vertrauen in die politischen   &#8222;Vertreter&#8220;. 92,4% der Menschen stimmen der Aussage zu: &#8222;Politiker   nehmen sich mehr Rechte heraus als normale B&#252;rger.&#8220; Die Hoffnung durch   eigenes Engagement die Dinge zum Positiven &#228;ndern zu k&#246;nnen ist   begrenzt. 44% halten es f&#252;r &#8222;sinnlos sich politisch zu engagieren&#8220;.<\/p>\n<h4>  Widerspr&#252;chliches Bewusstsein<\/h4>\n<p>  Die Ergebnisse dieser Arbeit sind eine ernste Warnung an die politische   Linke und Arbeiterbewegung. Das Potential f&#252;r eine rechtspopulistische   Partei wird deutlich. Die Umfrage zeigt eine Seite der Medaille im   Bewusstsein und diese Reaktion auf die Krise ist kein Automatismus. Sie   ist Resultat von verschiedenen Faktoren. Zwanzig Jahre neoliberale   Offensive haben ihre Spuren hinterlassen. Die Politik der   Gewerkschaftsf&#252;hrer hat dem kaum etwas entgegengesetzt, im Gegenteil   wurden Verschlechterungen mitgetragen. Die SPD ist in den letzten zwei   Jahrzehnten drastisch nach rechts gegangen. Sie hat sowohl den   radikalsten Sozialabbau in der deutschen Nachkriegsgeschichte betrieben,   als auch das faktische Ende des Asylrechts mitgetragen.   Sozialdemokratische Politiker wie Ex-Kanzler Schr&#246;der haben mit   rassistischen Spr&#252;chen entscheidend zur Entwicklung beigetragen, die in   der Studie skizziert wird. Mit der Entwicklung der SPD hin zu einer rein   b&#252;rgerlichen Partei entstand eine L&#252;cke, welche die PDS nicht f&#252;llen   konnte. Sie war auf den Osten begrenzt, passte sich an und trug in   Regierungen soziale Verschlechterungen mit. DIE LINKE h&#228;tte das   Potential hier eine Gegenmacht zu entwickeln, tut dies aber nur h&#246;chst   unzureichend. Ihr Aktionsradius beschr&#228;nkt sich zu sehr auf   parlamentarische Arbeit, sie ist kein Impulsgeber f&#252;r K&#228;mpfe. Das Gros   der Parteif&#252;hrung setzt sich Regierungskoalitionen mit SPD und Gr&#252;nen   zum Ziel, was nur unter Aufgabe eigener Prinzipien m&#246;glich ist und woran   die Glaubw&#252;rdigkeit der Partei Schaden nimmt.<\/p>\n<p>  Die Kampagnen von b&#252;rgerlichen Politikern und Medien gegen Hartz IV &#8211;   Empf&#228;nger ist eine wichtige Ursache f&#252;r die oben zitierten Ergebnisse.   Dies trifft ebenso auf die die Hetze gegen Muslime zu. Seit den   Anschl&#228;gen vom 11. September 2001 werden Anh&#228;nger des Islam dem Verdacht   ausgesetzt, den Terror zu unterst&#252;tzen. Zudem seien sie unwillig, sich   in die Gesellschaft zu integrieren. Die Attacken von Sarrazin, BILD und   Spiegel, haben diese Tendenz nochmals verst&#228;rkt..<\/p>\n<p>  Die andere Seite des Bewusstseins ist aber, dass es bei Umfragen   durchgehend satte Mehrheiten f&#252;r fortschrittliche und linke Ziele gibt.   Sei es gegen den Krieg in Afghanistan und die Gesundheitsreform, f&#252;r   eine h&#246;here Besteuerung der Reichen oder f&#252;r mehr B&#252;rgerbeteiligung.   Laut Deutschland Trend der ARD im Oktober sind drei Viertel der   Befragten der Meinung, dass die Energiekonzerne die gro&#223;en Profiteure   der Regierungspolitik sind und gar 83% beklagen die viel zu hohen   Managergeh&#228;lter. Kurzum: Bei dieser Umfrage &#252;berwiegt der Fakt, dass die   Masse der Bev&#246;lkerung erkennt, dass die Reichen &#8211; im Gegensatz zu ihnen   &#8211; die Nutznie&#223;er sind.<\/p>\n<p>  Bei all dem muss man auch anmerken, dass Umfragen eben nur Stimmungen in   einem bestimmten Zeitraum wiedergeben und sich diese auch schnell &#228;ndern   k&#246;nnen. Am besten zeigt sich dies anhand der Entwicklung mit Stuttgart   21. Kaum einer in Stuttgart h&#228;tte es vor einem Jahr wohl f&#252;r m&#246;glich   gehalten, dass sich &#252;ber Monate hinweg, mehrere Zehntausend Menschen &#8211;   in ihrer Mehrzahl vorher nicht politisch aktiv &#8211; regelm&#228;&#223;ig an   Demonstrationen oder gar an Aktionen des zivilen Ungehorsams beteiligen   w&#252;rden.<\/p>\n<h4>  Ausblick<\/h4>\n<p>  Auch wenn derzeit die Herrschenden was vom Jobwunder erz&#228;hlen, eines ist   gewiss: Die Zukunft ist ungewiss. Vor knapp zwei Jahren blickte die Welt   &#8222;in den Abgrund&quot; (Ex-Finanzminister Steinbr&#252;ck). Derzeit schl&#228;gt der   Euro Kapriolen und das Undenkbare ist m&#246;glich. Kein Mensch wei&#223;, wie   lange der Boom in China anh&#228;lt und somit dem exportlastigen Aufschwung   in Deutschland erm&#246;glicht. Schaut man sich in Europa um, dann findet   sich kaum ein Land in dem es in den vergangenen Monaten nicht   Massenproteste gegen den brutalen Sozialkahlschlag der Regierungen gab.   Von Griechenland, &#252;ber Spanien und Frankreich bis nach Tschechien. Es   ist nur eine Frage der Zeit, bis auch in Deutschland &#8222;europ&#228;ische   Verh&#228;ltnisse&quot; Einzug halten. Die Proteste gegen Stuttgart 21 und gegen   die Verl&#228;ngerung der Laufzeiten f&#252;r Atomkraftwerke haben auch   hierzulande die Kapitalistenklasse aufgeschreckt. Aus ihrer Sicht ergibt   sich mehr denn je die Notwendigkeit, die von ihrer Politik Gebeutelten   zu spalten. Von den b&#252;rgerlichen Parteien und ihren Medien ist nichts   anderes zu erwarten. Der Aufbau einer sozialistischen Arbeiterpartei als   Alternative f&#252;r die Masse der Bev&#246;lkerung ist daher n&#246;tig. DIE LINKE   bietet derzeit den konkretesten Ansatz hierf&#252;r. In der Partei muss f&#252;r   einen Kurs eingetreten werden, der die heutigen au&#223;erparlamentarischem   K&#228;mpfe mit der konkreten Vision einer Gesellschaft verkn&#252;pft, die auf   einem Fundament aufbaut, die jeder Spaltung die Grundlage entzieht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Eine Studie der Uni Bielefeld zeigt die zunehmende Polarisierung in<br \/>\n      Deutschland.\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[78],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14038"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14038"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14038\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14038"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14038"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14038"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}