{"id":14024,"date":"2011-01-11T00:00:00","date_gmt":"2011-01-11T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14024"},"modified":"2011-01-11T00:00:00","modified_gmt":"2011-01-11T00:00:00","slug":"14024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/01\/14024\/","title":{"rendered":"Ra&#250;l Castros &#8222;chinesischer Weg&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>  In Kuba droht die Restauration des Kapitalismus<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Die Errungenschaften der Kubanischen Revolution von 1959 sind   gef&#228;hrdet. Nicht durch das Wirtschaftsembargo der USA, nicht durch einen   milit&#228;rischen Angriff, sondern durch die Regierung von Ra&#250;l Castro   selbst. Diese hat im September Wirtschaftsreformen angek&#252;ndigt, die die   Wiedereinf&#252;hrung kapitalistischer Verh&#228;ltnisse auf der Karibikinsel zu   einer realen Gefahr machen.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Sascha Stanicic, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Bis M&#228;rz 2011 sollen im Staatssektor eine halbe Million Arbeitspl&#228;tze   vernichtet werden. Dies soll der erste Schritt beim Abbau von einer   Million Arbeitspl&#228;tzen im &#214;ffentlichen Dienst sein. Das sind zwanzig   Prozent aller staatlichen Stellen. Die entlassenen ArbeiterInnen sollen   die Gelegenheit erhalten, sich selbstst&#228;ndig zu machen und kleine   Unternehmen zu gr&#252;nden, in denen auch Nicht-Familienmitglieder   angestellt werden d&#252;rfen. Gleichzeitig wird die   Arbeitslosenunterst&#252;tzung reduziert. Wozu das konkret f&#252;hrt, zeigt ein   k&#252;rzlich ver&#246;ffentlichtes Strategiepapier des Gesundheitsministeriums.   Dieses bezeichnet 50.000 bis 100.000 der 600.000 Arbeitspl&#228;tze im   Gesundheitswesen als &#252;berfl&#252;ssig und fordert die Schlie&#223;ung von   Gesundheitszentren.<\/p>\n<h4>  Kuba in der Krise<\/h4>\n<p>  Hintergrund dieser Ma&#223;nahmen ist die gr&#246;&#223;te wirtschaftliche Krise seit   der sogenannten &#8222;Sonderperiode&#8220;, die nach dem Zusammenbruch der   Sowjetunion und damit dem Wegfall des gr&#246;&#223;ten Handelspartners ausgerufen   wurde. Schon damals wurden einige Ma&#223;nahmen ergriffen, die   marktwirtschaftliche Elemente in die zentralisierte staatliche   Planwirtschaft einf&#252;hrten. Mit dem Ende der &#8222;Sonderperiode&#8220; wurden diese   teilweise wieder r&#252;ckg&#228;ngig gemacht.<\/p>\n<p>  Tats&#228;chlich genoss Kuba zwischen 2003 und 2007 hohe Wachstumsraten.   Seitdem ist die Wirtschaftsleistung aber massiv gesunken. 2008 hat das   Land gegen&#252;ber seinen internationalen Gl&#228;ubigern die Zahlungsunf&#228;higkeit   erkl&#228;rt. Die kubanische Wirtschaft h&#228;ngt stark vom Weltmarkt ab.   Insbesondere der Handel mit Venezuela ist von der Entwicklung des   sinkenden &#214;lpreises betroffen.<\/p>\n<p>  Vor diesem Hintergrund schlagen Teile der kubanischen F&#252;hrung um den   Staatspr&#228;sidenten Ra&#250;l Castro einen &#8222;chinesischen Weg&#8220; ein und   versuchen, die kubanische Wirtschaft unter starker staatlicher Kontrolle   weiter f&#252;r den Weltmarkt zu &#246;ffnen und marktwirtschaftliche Elemente   einzuf&#252;hren &#8211; in der Hoffnung, dass Investitionen anziehen und die   Produktivit&#228;t gesteigert wird.<\/p>\n<h4>  Ursachen f&#252;r die Probleme<\/h4>\n<p>  Doch in Kuba mangelt es nicht an Privateigentum, Marktwirtschaft und   Profitstreben, sondern an echter Arbeiterdemokratie. Es ist zwar   unbestreitbar, dass in einer &#220;bergangsgesellschaft vom Kapitalismus zum   Sozialismus Elemente beider Gesellschaftsformen parallel existieren und   es keine zwingende Notwendigkeit daf&#252;r gibt, jeden Handwerksbetrieb und   Kiosk zu verstaatlichen. Deshalb waren die durch Fidel Castro 1968   durchgef&#252;hrten Verstaatlichungen weitgehend aller Kleinbetriebe auch ein   Fehler, denn diese Ma&#223;nahme erh&#246;hte unter den gegebenen Umst&#228;nden nur   den B&#252;rokratismus in Staat und Wirtschaft. Die Alternative w&#228;re damals   eine umfassende Demokratisierung der Gesellschaft gewesen. Das ist sie   auch heute.<\/p>\n<p>  Unter den heutigen Bedingungen der weitgehenden Isolation Kubas, umgeben   von feindlichen imperialistischen M&#228;chten, mit den auf der Lauer   liegenden reichen und reaktion&#228;ren Exil-Kubanern in Florida, bedeuten   die beschlossenen Ma&#223;nahmen die Einleitung einer Entwicklung in Richtung   Einf&#252;hrung kapitalistischer Verh&#228;ltnisse, die nur durch ein   funktionierendes System der Arbeiterdemokratie verhindert werden k&#246;nnte.<\/p>\n<h4>  Errungenschaften<\/h4>\n<p>  Die Revolution in Kuba f&#252;hrte zur Abschaffung des Kapitalismus und zur   Einf&#252;hrung einer auf Verstaatlichung basierenden zentralen   Planwirtschaft, die auch heute noch weitgehend besteht. Die Enteignung   der Kapitalisten und Gro&#223;grundbesitzer und die Aufhebung der   Profitmaximierung erm&#246;glichten enorme soziale Fortschritte. Die   durchschnittliche Lebenserwartung liegt heute bei 77,5 Jahren, die   Kindersterblichkeitsrate liegt bei 0,6 Prozent und ist vergleichbar mit   entwickelten Industriel&#228;ndern. Die Lebensverh&#228;ltnisse sind im Vergleich   zur Zeit der Batista-Diktatur stark verbessert worden, was der Grund f&#252;r   die gro&#223;e soziale Basis der Castro-Regierung(en) unter den Massen ist.   Ohne diese Basis h&#228;tte sich Kuba nach dem weltweiten Zusammenbruch der   stalinistischen Staaten kaum behaupten k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Trotzdem besteht in Kuba ein System, das sich an der stalinistischen   Sowjetunion orientierte &#8211; ohne die massenhafte und brutale Repression   und ohne den gleichen Personenkult, aber auch ohne wirkliche   Arbeiterdemokratie, mit einer privilegierten f&#252;hrenden Schicht in Partei   und Staat.<\/p>\n<p>  Eine Wiedereinf&#252;hrung kapitalistischer Verh&#228;ltnisse w&#252;rde eine soziale   Katastrophe bedeuten. Es ist eine Illusion, dass Kuba durch Beschreiten   des &#8222;chinesischen Wegs&#8220; auch bei chinesischen Verh&#228;ltnissen landen   w&#252;rde. Ganz abgesehen davon, dass Chinas Aufstieg zur Wirtschaftsmacht   mit dem Schwei&#223; und Blut unterbezahlter und extrem ausgebeuteter   ArbeiterInnen erm&#246;glicht wurde, hat das kleine Kuba gar nicht die   &#246;konomischen und nat&#252;rlichen Ressourcen, um einen &#228;hnlichen Weg zu   gehen. Ein kapitalistisches Kuba w&#228;re nicht mit China, sondern wohl eher   mit El Salvador oder Costa Rica vergleichbar.<\/p>\n<h4>  Wohin steuert Kuba?<\/h4>\n<p>  Die von der Ra&#250;l-Regierung anvisierten Ma&#223;nahmen sind nicht   gleichbedeutend mit der Restauration des Kapitalismus, aber sie erh&#246;hen   die Gefahr massiv. Es ist klar, dass wichtige Teile der in Kuba   dominierenden b&#252;rokratischen Elite eine kontrollierte Einf&#252;hrung   marktwirtschaftlicher Verh&#228;ltnisse anstreben. Die B&#252;rokratie ist aber in   dieser Frage nicht einheitlich, weil die weitsichtigeren Mitglieder von   Partei- und Staatsorganen verstehen, dass sie selber Opfer eines solchen   Prozesses sein k&#246;nnten. Ein Aufkaufen der kubanischen Wirtschaft durch   die Exil-Kubaner k&#246;nnte zu einer S&#228;uberung des Staates von mit der   Revolution verbundenen Schichten f&#252;hren. In der Kommunistischen Partei   und der ganzen Gesellschaft findet eine Debatte &#252;ber das &#8222;wie weiter&#8220;   statt. In diese Debatte m&#252;ssen tats&#228;chlich marxistische Ideen von   Arbeiterdemokratie und Internationalismus getragen werden. Dazu ist der   Aufbau unabh&#228;ngiger Arbeiterorganisationen die entscheidende   Voraussetzung.<\/p>\n<h4>  F&#252;r Arbeiterdemokratie<\/h4>\n<p>  N&#246;tig ist die Forderung nach freien Wahlen zu Arbeiterkomitees, die die   Kontrolle und Verwaltung der Fabriken und Betriebe &#252;bernehmen und auf   landesweiter Ebene zusammen gefasst werden sollten, um eine   demokratische Aufstellung und Kontrolle der Wirtschaftsplanung zu   erm&#246;glichen. Privilegien f&#252;r Funktion&#228;re geh&#246;ren abgeschafft und ihre   Entlohnung auf einen durchschnittlichen Facharbeiterlohn begrenzt, das   Recht auf jederzeitige W&#228;hl- und Abw&#228;hlbarkeit von Funktion&#228;ren muss   eingef&#252;hrt werden. Die Freiheit der Kritik und der Selbstorganisation in   Gewerkschaften und Parteien, die nicht mit dem Imperialismus gemeinsam   an einer Konterrevolution arbeiten, ist erforderlich. Das beinhaltet   Pressefreiheit, Reisefreiheit und uneingeschr&#228;nkten Zugang zum Internet.<\/p>\n<p>  Mit solchen Ma&#223;nahmen k&#246;nnten die Errungenschaften der Revolution   verteidigt und die wachsende Entfremdung der jungen Generation vom   kubanischen Staat in eine fortschrittliche Richtung, statt in die   Richtung des Kapitalismus, gelenkt werden. Durch einen Appell an die   Massen Venezuelas und Boliviens k&#246;nnte daf&#252;r geworben werden, auch in   diesen L&#228;ndern endg&#252;ltig mit dem Kapitalismus zu brechen und eine   demokratisch-sozialistische F&#246;deration zu bilden, die eine   wirtschaftliche und politische St&#228;rkung darstellen w&#252;rde und ein Schritt   zu einer sozialistischen F&#246;deration Lateinamerikas w&#228;re.<\/p>\n<\/p>\n<h2>  Errungenschaften der Kubanischen Revolution<\/h2>\n<p>  Trotz der b&#252;rokratischen G&#228;ngelung wurden nach der Revolution von 1959   in Kuba atemberaubende Erfolge erzielt. Nach der &#220;berwindung von   Gro&#223;grundbesitz und Kapitalismus konnten Armut und Hunger beseitigt   werden. Innerhalb weniger Jahre geh&#246;rte das Analphabetentum der   Vergangenheit an. Ein &#246;ffentliches, kostenloses Bildungswesen entstand.<\/p>\n<p>  Dank einem staatlichen Gesundheitssystem liegt die Kindersterblichkeit   noch heute auf einem &#228;hnlichen Niveau wie in Kanada. 30.000 kubanische   &#196;rzte sind derzeit in &#252;ber 40 L&#228;ndern im Einsatz.<\/p>\n<p>  Seit Einf&#252;hrung der Planwirtschaft stieg die durchschnittliche   Lebenserwartung um 19 Jahre und betr&#228;gt heute mehr als 77 Jahre. In   Russland fiel sie dagegen nach Wiedereinf&#252;hrung der Marktwirtschaft auf   56 Jahre!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      In Kuba droht die Restauration des Kapitalismus\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[41],"tags":[233],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14024"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14024"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14024\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14024"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14024"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14024"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}