{"id":14016,"date":"2011-01-09T00:00:00","date_gmt":"2011-01-09T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=14016"},"modified":"2011-01-09T00:00:00","modified_gmt":"2011-01-09T00:00:00","slug":"14016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2011\/01\/14016\/","title":{"rendered":"Was ist Antisemitismus?"},"content":{"rendered":"<p>  Eine marxistische Betrachtung<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>In den letzten Monaten und Jahren ist es immer wieder in der Partei   DIE LINKE und anderen linken Zusammenh&#228;ngen zu Auseinandersetzungen &#252;ber   das Thema Antisemitismus gekommen. Dabei wurde ausgehend von den so   genannten Antideutschen oft der &#8222;linke Antisemitismus&#8220; und auch   &#8222;islamischer Antisemitismus&#8220; zum Hauptproblem erkl&#228;rt. Bei diesen   Auseinandersetzungen werden teils haarstr&#228;ubende Definitionen von   Antisemitismus verwendet, teils werden aber Argumentationen angegriffen,   die tats&#228;chlich antisemitisch sind, an die antisemitische   Argumentationen zumindest leicht andocken k&#246;nnen oder die einfach nur   falsch sind. Wenn hinter dem Vorwurf des Antisemitismus also oft   durchsichtige Ziele stecken, wie das Verunglimpfen politischer   GegnerInnen durch Splittergrupen, darf das nicht daran hindern, das   Problem des Antisemitismus ernst zu nehmen. Deshalb soll hier der   Versuch einer inhaltlichen Kl&#228;rung unternommen werden.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Wolfram Klein <\/i><\/h4>\n<p>  Es gibt verschiedene Theorien und Erkl&#228;rungsans&#228;tze, die sich nicht   ausschlie&#223;en m&#252;ssen. Antisemiten selbst erkl&#228;ren den Antisemitismus   nat&#252;rlich mit dem Verhalten, den Eigenschaften etc. &#8222;der Juden&#8220;. Auch   von Leuten, die keine bewussten Antisemiten sind, gibt es immer wieder   den Vorwurf, dass Juden (prominente Juden in Deutschland, israelische   Politiker, j&#252;dische Organisationen und andere) durch ihr Verhalten   Antisemitismus erzeugen w&#252;rden. Solche &#8222;Korrespondenztheorien&#8220; sind aber   unlogisch: Wenn Menschen von einzelnen j&#252;dischen Menschen oder   Organisationen R&#252;ckschl&#252;sse auf &#8222;die Juden&#8220; ziehen, dann denken sie   bereits in antisemitischen Kategorien.<\/p>\n<p>  Auf der anderen Seite liefert die Vorurteilsforschung zwar interessante   Einsichten &#252;ber die Mechanismen des Antisemitismus, zum Beipsiel &#252;ber   die Gegen&#252;berstellung von Wir-Gruppe und outgroup. Das kann aber nicht   erkl&#228;ren, warum gerade &#8222;die Juden&#8220; zu dieser outgroup werden und nicht   Rothaarige oder Brillentr&#228;ger.<\/p>\n<h4>  Antisemitismus und Judenfeindschaft<\/h4>\n<p>  Die Erkl&#228;rung daf&#252;r ist, dass der moderne Antisemitismus, der im 19.   Jahrhundert entstand, sich zwar in wichtigen Punkten von der   mittelalterlichen und fr&#252;hneuzeitlichen Judenfeindschaft, unterscheidet,   aber zugleich an sie ankn&#252;pft.<\/p>\n<p>  Bei den christlich-religi&#246;sen Vorurteilen spielte sicher eine Rolle,   dass das Christentum als Abspaltung aus dem Judentum entstand &#8211; aber   dass sich die Beschuldigungen (den Juden wurde zum Beispiel vorgeworfen   an der Kreuzigung Christi Schuld zu sein, Brunnen zu vergiften oder   christliche Kinder zu ermorden, um das Blut bei ihren religi&#246;sen   Praktiken zu verwenden) so hartn&#228;ckig hielten, ist damit nicht erkl&#228;rt;   auch nicht, dass &#8222;die Juden&#8220; so nachhaltig mit Geld und Kapital in   Verbindung gebracht wurden. Eine marxistische Erkl&#228;rung daf&#252;r lieferte   der sp&#228;ter von den Nazis ermordete belgische j&#252;dische Trotzkist Abraham   L&#233;on 1942 in seiner Schrift &#8222;Die Judenfrage&#8220;, indem er die Erkl&#228;rung   nicht in irgendwelchen j&#252;dischen Besonderheiten, sondern in der   mittelalterlichen Wirtschaft suchte.<\/p>\n<p>  In der Naturalwirtschaft des fr&#252;hen Mittelalters war Geld ein   Fremdk&#246;rper. Sp&#228;ter in der einfachen Warenproduktion der Bauern und   Handwerker galt dasselbe f&#252;r das Kapital. Es war ein Fremdk&#246;rper, aber   ein notwendiger Fremdk&#246;rper, weil die Wirtschaft sonst zu starr und   unflexibel gewesen w&#228;re. Deshalb wurden Handel und Geldgesch&#228;fte an eine   Gruppe delegiert, die selbst ein Fremdk&#246;rper war und st&#228;ndig als   Fremdk&#246;rper reproduziert wurde, mit eigener Religion, eigenen Sitten   etc. L&#233;on verwendete daf&#252;r den Begriff &#8222;Volksklasse&#8220;. Dass gerade   J&#252;dinnen und Juden in diese Rolle gerieten ist vielleicht historisch zu   erkl&#228;ren. Schon in der Antike hatte bei Ph&#246;niziern und Juden der Handel   wegen der geographischen Lage &#8211; am Mittelmeer und zwischen den   Gro&#223;reichen der &#196;gypter, Hethiter und Mesopotamien &#8211; eine gro&#223;e Rolle   gespielt, im fr&#252;hen Mittelalter waren die Juden ein Br&#252;ckenkopf der   Kultur des &#246;stlichen Mittelmeerraums im nach der R&#246;merzeit in   Naturalwirtschaft zur&#252;ckgefallenen Europa.<\/p>\n<p>  Die abgesonderte Stellung der Juden brachte es mit sich, dass sie   gehasst, beneidet, verfolgt, aber doch ben&#246;tigt wurden. Wenn sich die   Wirtschaft so entwickelte, dass Geldwirtschaft und Kapitalismus zu ihrem   normalen Bestandteil wurden, f&#252;hrte das oft dazu, dass die Juden   vertrieben wurden und weiter nach Osteuropa wanderten, wo sie   schlie&#223;lich vor allem in den St&#228;dten einen hohen Bev&#246;lkerungsanteil   ausmachten und, oft unter kl&#228;glichen Bedingungen, mehrheitlich im   Handwerk t&#228;tig waren.<\/p>\n<p>  In den Jahrzehnten nach der Franz&#246;sischen Revolution von 1789 wurden die   Juden in vielen L&#228;ndern Europas gleichberechtigt, auch in Deutschland.   Das Judentum schien sich aus einer &#8222;Volksklasse&#8220; in eine blo&#223;e   Religionsgemeinschaft zu verwandeln. Dieser Prozess der Assimilation   wurde durch das Aufkommen des modernen Antisemitismus brutal gestoppt.<\/p>\n<p>  Der Begriff &#8222;Antisemitismus&#8220; wurde 1879 gepr&#228;gt von Wilhelm Marr, einem   der Pioniere dieses modernen Antisemitismus. Er wollte sich dadurch von   der fr&#252;heren religi&#246;sen Judenfeindschaft, der &#8222;Judenfresserei&#8220;,   abgrenzen, die f&#252;r ihn nicht mehr in das aufgekl&#228;rte, fortschritts- und   wissenschaftsgl&#228;ubige 19. Jahrhundert passte.<\/p>\n<h4>  Antisemitismus und Klassenzugeh&#246;rigkeit<\/h4>\n<p>  Schon bald nachdem der moderne Antisemitismus aufkam, haben MarxistInnen   versucht, die Anf&#228;lligkeit f&#252;r Antisemitismus mit der   Klassenzugeh&#246;rigkeit zu erkl&#228;ren. B&#228;uerInnen hatten mit Kapitalisten wie   Vieh- und Getreideh&#228;ndlern zu tun. Handwerker konnten gegen moderne   Gro&#223;betriebe nicht konkurrieren. Beamte, Offiziere, Adlige verschuldeten   sich, um eine &#8222;standesgem&#228;&#223;e&#8220; Lebensf&#252;hrung zu finanzieren. Sie alle   neigten dazu, diese H&#228;ndler, Kapitalisten, Wucherer mit &#8222;den Juden&#8220; zu   identifizieren.<\/p>\n<p>  Dazu kamen Konkurrenzsituationen mit Juden, die offensichtlich keine   Kapitalisten waren, zum Beispiel von nichtj&#252;dischen Studenten zu ihren   j&#252;dischen Kommilitonen und mit der Zersetzung der vorkapitalistischen   Verh&#228;ltnisse in Osteuropa und der wachsenden Zuwanderung von   osteurop&#228;ischen j&#252;dischen Kleinhandwerkern auch in diesem Bereich.<\/p>\n<p>  Und in der Arbeiterklasse, der Arbeiterbewegung? Bevor sich der   Marxismus durchsetzte, gab es antij&#252;dische oder antisemitische   Tendenzen: Fr&#252;hsozialisten wie Fourier, Anarchisten wie Proudhon und   Bakunin, Eugen D&#252;hring in den 1870er Jahren. Der Marxismus dagegen hat   eine Identifikation von Kapitalisten und Juden oder eine Beschr&#228;nkung   des Kampfes auf j&#252;dische Kapitalisten immer abgelehnt. Sicher hat die   Arbeiterbewegung die Gef&#228;hrlichkeit des Antisemitismus untersch&#228;tzt und   hatte die Illusion, die meisten Kleinb&#252;rger w&#252;rden vom Hass auf die   j&#252;dischen Kapitalisten zum Hass auf alle Kapitalisten weitergehen. Auch   bei der Argumentation gab es sicher Irrt&#252;mer, zum Beispiel   Zugest&#228;ndnisse an die Korrespondenztheorie. Aber trotzdem waren die   Arbeiterbewegung und der Linksliberalismus die einzigen politischen   Str&#246;mungen, bei denen der Antisemitismus offiziell verp&#246;nt war, w&#228;hrend   au&#223;erhalb antisemitische Positionen teils ernst genommen wurden, teils   akzeptiert waren und teils den Dreh- und Angelpunkt der Weltanschauung   bildeten. Das hie&#223;, dass es im Kaiserreich dutzende sozialdemokratische   Tageszeitungen gab, in denen antisemitische &#196;u&#223;erungen nicht geduldet   und gelegentlich antisemitische Positionen angegriffen oder verspottet   wurden, dass es Massenorganisationen wie SPD und Gewerkschaften gab, in   denen Antisemitismus als Zeichen politischer R&#252;ckst&#228;ndigkeit galt.   Angesichts dessen, dass die Zahl der linksliberalen   Reichstagsabgeordneten zwischen 1881 und 1912 von 114 auf 42 sank und   die Zahl der sozialdemokratischen von 12 auf 110 stieg, ist klar,   welcher der beiden Gegner des Antisemitismus wichtiger war. Dass die SPD   mit ihrer schroffen Ablehnung des gesellschaftlich vorherrschenden   Antisemitismus zur Massenkraft werden konnte, zeigt, dass das in der   Arbeiterklasse zumindest kein Hinderungsgrund war.<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich waren ArbeiterInnen gegen den Antisemitismus nicht immun. Und   nachdem die Arbeiterbewegung 1933 mit der Machtergreifung der Nazis   kampflos eine vernichtende Niederlage erlitten hatte, ihre   Organisationen zerschlagen wurden, nahm der Antisemitismus in der   Arbeiterklasse zweifellos zu. Aber wenn die Arbeiterklasse nicht immun   war, so war sie doch weniger anf&#228;llig. Theorien, die diese empirische   Tatsache nicht erkl&#228;ren k&#246;nnen, sind offenkundig korrekturbed&#252;rftig.<\/p>\n<h4>  Guter und schlechter Kapitalismus<\/h4>\n<p>  Warum also nimmt kleinb&#252;rgerliche Opposition gegen den Kapitalismus so   viel leichter antisemitische Formen an als proletarische Opposition?   Abraham L&#233;on schrieb: &#8222;das Kleinb&#252;rgertum ist nicht nur eine   kapitalistische Klasse, d. h. eine Klasse, die alle kapitalistischen   Tendenzen in Miniatur in sich tr&#228;gt. Es ist zugleich antikapitalistisch.   Es hat das starke, wenn auch vage Bewusstsein, vom Gro&#223;kapital   ausgepl&#252;ndert und ruiniert zu werden. (&#8230;) Es will antikapitalistisch   sein, ohne aufzuh&#246;ren, kapitalistisch zu sein. Es will den schlechten   Charakter des Kapitalismus zerst&#246;ren, d. h. die Tendenzen, die es selbst   ruinieren, und zugleich den &#187;guten Charakter&#171; des Kapitalismus erhalten,   der es ihm erlaubt, zu leben und sich zu bereichern. Aber da es einen   Kapitalismus mit guten und ohne die schlechten Seiten nicht gibt, muss   ihn das Kleinb&#252;rgertum erfinden. (&#8230;) Es ist kein Zufall, dass seine   Theoretiker, vor allem Proudhon, seit mehr als einem Jahrhundert zum   Kampf gegen den &#187;schlechten, spekulativen Kapitalismus&#171; aufrufen und den   &#187;n&#252;tzlichen, produktiven Kapitalismus&#171; verteidigen.&#8220;<\/p>\n<p>  Diese ins Auge springende antisemitische Unterteilung in guten und   schlechten Kapitalismus, in &#8222;schaffendes&#8220; und &#8222;raffendes&#8220; Kapital haben   andere Autoren weiter untersucht, meist aber ohne den Zusammenhang mit   dem Kleinb&#252;rgertum zu ber&#252;cksichtigen. In diesem Zusammenhang sind die   &#220;berlegungen von Moishe Postone interessant, erstens weil sie bestimmte   Punkte erhellen, zweitens, weil seine &#220;berlegungen oft aufgegriffen   wurden. Postone geht in &#8222;Antisemitismus und Nationalsozialismus&#8220; (1979)   und in &#8222;Der Holocaust und der Verlauf des 20. Jahrhunderts&#8220; (2000) aus   von der Marxschen Analyse der Ware und ihrem Doppelcharakter als   Gebrauchswert und Wert, der zum Gegensatz von Ware und Geld f&#252;hrt. Die   Ware erscheint hier nur noch als die Tr&#228;gerin ihrer   Gebrauchswerteigenschaften, ihrer konkreten Natureigenschaften. Das Geld   erscheint als Tr&#228;gerin der abstrakten Eigenschaften &#8211; und damit auch von   Natur (der &#246;konomischen &#8222;Naturgesetze&#8220;, der &#8222;Sachzw&#228;nge&#8220;). Durch diese   Verschiebung (der Gegen&#252;berstellung von Ware und Geld statt dem   Doppelcharakter der Ware) erscheint dann auch die Waren produzierende   Arbeit, der kapitalistische Produktionsprozess als konkrete Arbeit, als   kreativer Prozess, losgel&#246;st von den kapitalistischen   Produktionsverh&#228;ltnissen. Entsprechend kann dann die moderne   kapitalistische Technologie und Industrie bef&#252;rwortet werden. Das   erkl&#228;rt die antisemitische Begeisterung f&#252;r die moderne Industrie und   Technologie und warum die Trennungslinie zwischen guten und schlechten   Seiten des Kapitalismus gerade so gezogen wird. Es erkl&#228;rt nicht, warum   man &#252;berhaupt gute Seiten im Kapitalismus sehen soll. Und es erkl&#228;rt   nicht, warum ArbeiterInnen im Betrieb ihre entfremdete Arbeit als   kreativ erleben sollen und den Zusammenhang zwischen ihren konkreten   Arbeitsbedingungen und Profitinteressen nicht sehen sollen. Die   &#220;berlegungen von L&#233;on und Postone erg&#228;nzen und vervollst&#228;ndigen sich   daher gegenseitig.<\/p>\n<p>  Als Folge identifiziert der Antisemit den Kapitalismus mit seiner   abstrakten Dimension, seiner Wertdimension &#8211; mit &#8222;Abstraktheit,   Unfassbarkeit, Universalit&#228;t, Mobilit&#228;t&#8220; (Postone), dem Handel, der   B&#246;rse, der Presse, abstrakten Theorien etc. &#8211; und betrachtet seine   konkrete Dimension als nichtkapitalistisch. Er kann so vermeintlich   Vormodernes und Organisches wie Natur, Blut und Boden, Volk,   Gemeinschaft mit moderner Industrie und Technologie vereinbaren.   Gewisserma&#223;en erscheint der moderne Kapitalismus so als Fortsetzung der   vorkapitalistischen Naturalwirtschaft oder einfachen Warenproduktion und   weil damals die j&#252;dische Volksklasse f&#252;r den Handel und die   Geldwirtschaft zust&#228;ndig war, werden jetzt &#8222;die Juden&#8220; mit der   abstrakten Seite des Kapitalismus und diese abstrakte Seite mit dem   Kapitalismus insgesamt identifiziert.<\/p>\n<p>  Das bedeutet nicht, dass Warenproduktion und Kapitalismus unabh&#228;ngig von   den konkreten Umst&#228;nden einen so starken Antisemitismus hervorbringen   m&#252;ssen wie 1873-1945.<\/p>\n<h4>  Nation und Rasse<\/h4>\n<p>  Die Auffassung der konkreten Seite des Kapitalismus als Gemeinschaft   f&#252;hrt zur Gegen&#252;berstellung von Gemeinschaft und Gesellschaft. Die   kapitalistische Gesellschaft ist nicht als Klassengesellschaft   erkennbar, in der sich ArbeiterInnen und Kapitalisten gegen&#252;ber stehen,   sondern erscheint als Gesellschaft, die zum einen aus einer nationalen   Gemeinschaft besteht und zum anderen aus einer Gruppe, die mit der   abstrakten Seite des Kapitalismus identifiziert wird, und nicht zu   dieser Gemeinschaft geh&#246;rt: &#8222;den Juden&#8220;. Ihre Stellung ist ambivalent:   sie geh&#246;rt dazu (zur Gesellschaft) und nicht dazu (zur Gemeinschaft). Es   ist ein zentraler Aspekt des Antisemitismus, dass er mit einem doppelten   Gegensatz arbeitet, dem zwischen Nationen und dem zwischen Nation und   Nichtnation: Einmal stehen sich verschiedene Nationen gegen&#252;ber. Und   dann gibt es &#8222;die Juden&#8220;, die sich der ganzen sch&#246;nen Einteilung der   Menschen in verschiedene Nationen entziehen, die &#252;berall sind, aber   nirgends dazu geh&#246;ren. Der Grund daf&#252;r war nicht, dass J&#252;dinnen und   Juden in verschiedenen L&#228;ndern lebten. Das taten KatholikInnen oder   ProtestantInnen auch. Der Grund war, dass die verschobene Wahrnehmung   des Kapitalismus zu einer Unterscheidung von Gemeinschaft und   Gesellschaft f&#252;hrt und somit die Frage aufwirft: Wer ist das, der zur   Gesellschaft, aber nicht zur Gemeinschaft geh&#246;rt. Wenn es die Juden   nicht g&#228;be, der Antisemitismus m&#252;sste sie erfinden.<\/p>\n<p>  Zwei nahe liegende Schlussfolgerungen werden in den modernen   Antisemitismustheorien umgangen: Erstens ist das Kleinb&#252;rgertum f&#252;r   diese Vorstellungen von Volksgemeinschaft statt Klassengesellschaft   empf&#228;nglicher. Da das Kleinb&#252;rgertum beim Klassengegensatz zwischen   Kapitalisten und ArbeiterInnen in der unangenehmen Lage zwischen den   St&#252;hlen ist, ist die Verf&#252;hrung gro&#223;, sich nicht nur einzubilden, &#252;ber   dem Klassengegensatz zu schweben, sondern diesen Gegensatz auch   wegzuphantasieren. Zweitens kann das Kleinb&#252;rgertum auf die empirische   Widerlegung des Volksgemeinschaftsidylls durch den Klassenkampf nicht   nur mit der Erkenntnis reagieren, dass dieses Idyll weltfremd war,   sondern den Klassenkampf auch f&#252;r k&#252;nstlich erzeugt halten, durch W&#252;hler   und Agitatoren auf der einen Seite oder raffgierige Kapitalisten auf der   anderen Seite &#8230; und am einfachsten durch &#8222;die Juden&#8220; auf beiden Seiten &#8211;   schlie&#223;lich geh&#246;ren Arbeiterbewegung und Kapitalismus der modernen   Gesellschaft an und sind beide international. So erscheint der Gegensatz   von Arbeit und Kapital als j&#252;dische Verschw&#246;rung von &#8222;roter&#8220; und   &#8222;goldener&#8220; Internationale. Es ist ein peinlicher blinder Fleck der   g&#228;ngigen Antisemitismustheorien der letzten Jahre, dass sie die   offensichtliche zentrale Bedeutung, die der Hass auf die internationale   Arbeiterbewegung (&#8222;Sozialdemokratie&#8220;, &#8222;Marxismus&#8220;, &#8222;Bolschewismus&#8220; etc.)   und ihre Identifizierung mit dem Judentum allenfalls beil&#228;ufig erw&#228;hnen.<\/p>\n<p>  Es ist nahe liegend, diese Gemeinschaft nicht nur &#246;konomisch als   Produktionsgemeinschaft, sondern auch ethnisch-biologisch als   Abstammungsgemeinschaft zu interpretieren. Der Schritt vom Nationalismus   zum Rassismus ist nicht gro&#223;. Dabei gibt es aber einen entscheidenden   Unterschied zwischen Antisemitismus und normalem Rassismus: Da &#8222;die   Juden&#8220; nicht eine andere Nation sind, sind sie auch nicht eine andere,   m&#246;glicherweise auch minderwertige Rasse, sondern die Gegenrasse. Schon   L&#233;on schrieb: &#8222;Der Rassenmythos ist konsequenterweise von einem   Gegenmythos begleitet: dem der Antirasse, des Juden.&#8220; Er argumentierte,   dass der imperialistische Konkurrenzkampf zu einem Rassismus nach au&#223;en   und der Konkurrenzkampf des Kleinb&#252;rgertums auf dem Binnenmarkt zu einem   Rassismus nach innen, gegen die J&#252;dinnen und Juden, f&#252;hren. Der   Rassismus nach au&#223;en muss nicht mit Antisemitismus verbunden sein. Aber   umgekehrt ist die Wahrscheinlichkeit gro&#223;, dass hinter dem &#228;u&#223;eren Feind   &#8222;die Juden&#8220; vermutet werden, die im Hintergrund die F&#228;den ziehen. Wie   sehr die antisemitische Denkweise zur Schlussfolgerung einer &#8222;j&#252;dischen   Weltverschw&#246;rung&#8220; treibt, zeigt sich daran, wie z&#228;h sich dieser Unsinn   h&#228;lt. Um nicht erkl&#228;ren zu m&#252;ssen, warum eine so &#8222;m&#228;chtige Gruppe&#8220; der   Ermordung von sechs Millionen ihrer Leute hilflos zusehen musste, wird   lieber diese Tatsache geleugnet.<\/p>\n<h4>  Die Judenvernichtung<\/h4>\n<p>  Die Judenvernichtung (Shoah, &#8222;Holocaust&#8220;) war ein einmaliges Ereignis,   nicht nur weil sie Massenmord mit industriellen Methoden war, sondern   weil ihre Organisatoren offensichtlich versuchten, alle J&#252;dinnen und   Juden, auf die sie Zugriff hatten, von Baby bis zum Greis, zu ermorden.   Alle Versuche einer rationalen Erkl&#228;rung sind unzul&#228;nglich. Nat&#252;rlich   wurden die Opfer vor ihrer Ermordung als Arbeitssklaven ausgebeutet und   danach die Leichen &#8222;verwertet&#8220; (durch die Entnahme von Zahngold der   Leichen und &#228;hnlichem). Auch war ein Motiv, die nichtj&#252;dische   Bev&#246;lkerung durch die Demonstration von Gewaltbereitschaft   einzusch&#252;chtern. Aber ein zentraler Aspekt war offensichtlich, dass die   T&#228;ter Antisemiten und die Opfer J&#252;dinnen und Juden waren. Deshalb   verwenden verschiedene Autoren den Begriff &#8222;eliminatorischer&#8220; oder   &#8222;Vernichtungsantisemitismus&#8220;. Damit kann verschiedenes gemeint sein.   Richtig ist, dass der moderne Antisemitismus ab dem Ende des 19.   Jahrhunderts behauptete, dass &#8222;die Juden&#8220; die Ursache aller m&#246;glichen   Missst&#228;nde seien und insbesondere mit dem Kapitalismus identifiziert   wurden, so dass ihre Ermordung f&#252;r die Beseitigung des Kapitalismus   halluziniert werden konnte. Allerdings war dieser Antisemitismus   zun&#228;chst eine &#8222;Erkl&#228;rung der Welt&#8220; (oder vielmehr ihre Verwischung),   keine Anleitung zum Handeln. Dass auf die antisemitischen Worte auch   Taten folgten, war kein Automatismus. Allerdings mussten   Antisemiten-F&#252;hrer, die nicht versuchten, ihre Worte in die Tat   umzusetzen, Zweifel wecken. Ebenso gibt es eine Tendenz zur Eskalation:   Wenn Ma&#223;nahmen wie die Aberkennung demokratischer Rechte die Probleme   nicht l&#246;sen, kann das entweder daran liegen, dass doch nicht &#8222;die Juden   unser Ungl&#252;ck&#8220; sind, oder dass die Ma&#223;nahmen nicht drastisch genug   waren. Also ist es nicht verwunderlich, dass die Verbrechen der Nazis   gegen die J&#252;dinnen und Juden sich schrittweise steigerten.<\/p>\n<p>  Daher ist im modernen Antisemitismus die M&#246;glichkeit der Shoah, auch   einer neuen Judenvernichtung (die Einmaligkeit der Shoah bedeutet ja,   dass sie bisher einmalig war, nicht dass eine Wiederholung prinzipiell   unm&#246;glich w&#228;re), enthalten. Damit diese M&#246;glichkeit zur Wirklichkeit   wurde, musste aber einiges passieren. 1933 wurde in Deutschland eine   totalit&#228;re faschistische Diktatur errichtet und jede Opposition   zerschlagen. Der deutsche Imperialismus versuchte, durch einen Weltkrieg   das Erbe von Gro&#223;britannien als f&#252;hrender imperialistischer Macht   anzutreten. Dass die Kriegskonstellation (gegen die &#8222;plutokratischen&#8220;   Gro&#223;britannien und USA und die &#8222;bolschewistische&#8220; Sowjetunion) zu den   antisemitischen Feindbildern der Nazis passte (weil Hitler die   Sowjetunion angegriffen hatte und Japan die USA und so diese L&#228;nder in   ein B&#252;ndnis getrieben wurden) mag auch eine Rolle gespielt haben. Die   &#8222;Logik&#8220; der antisemitischen Ideologie forderte, die misshandelten,   ausgemergelten H&#228;ftlinge in den Konzentrationslagern als die Drahtzieher   der feindlichen Armeen auszugeben. Diese Andeutungen sollten deutlich   machen, dass der Antisemitismus allein auch nicht ausreicht, die Shoah   zu erkl&#228;ren. Der Schluss ist nicht berechtigt, dass schon morgen eine   neue Shoah drohen k&#246;nne und &#8211; als praktische Nutzanwendung &#8211; der Staat   Israel deshalb freie Hand zu allen erdenklichen Gegenma&#223;nahmen bis hin   zum Einsatz von Atomwaffen habe.<\/p>\n<p>  Dass sich die Shoah nicht im luftleeren Raum aus dem Antisemitismus   entwickelte, sondern unter konkreten Bedingungen, hei&#223;t auch, dass die   Tatsache, dass sie in Deutschland geplant und von Deutschen durchgef&#252;hrt   wurde, nicht bedeutet, dass sie aus historischen Besonderheiten des   deutschen Antisemitismus, der deutschen nationalen Kultur erkl&#228;rt werden   muss oder kann. Die Judenvernichtung wurde m&#246;glich durch die besondere   Kombination von Antisemitismus und Faschismus (in dem wirtschaftlich   entwickeltsten Land, in dem eine faschistische Diktatur errichtet wurde)   und Weltkrieg, nicht durch einen besonderen Antisemitismus.<\/p>\n<h4>  &#8222;Sekund&#228;rer Antisemitismus&#8220;<\/h4>\n<p>  F&#252;r die deutsche Bourgeoisie war nach 1945 die Ablehnung des   Antisemitismus und die &#8222;Vers&#246;hnung mit Israel&#8220; ein Mittel, ihre   Ablehnung des Nazismus zu demonstrieren, w&#228;hrend andere Bestandteile der   Nazi-Ideologie wie der Antikommunismus nahtlos fortgef&#252;hrt wurden.   Antisemitismus war im offiziellen Diskurs ge&#228;chtet, aber damit noch   nicht aus den K&#246;pfen vertrieben.<\/p>\n<p>  Zugleich ist aber ein neuer Sekund&#228;rer Antisemitismus (&#8222;Antisemitismus   wegen Auschwitz&#8220; entstanden. Dass die Judenvernichtung nicht von &#8222;den   Deutschen&#8220; (&#8222;die Deutschen&#8220; gibt es so wenig wie &#8222;die Juden&#8220;), aber von   Deutschen und der damaligen Regierung Deutschlands organisiert und   durchgef&#252;hrt wurde, ist unbezweifelbar. Deshalb ist die Shoah ein   Hindernis f&#252;r einen deutschen Nationalismus, der in der Masse der   Bev&#246;lkerung die Bereitschaft erh&#246;ht, in imperialistischen Kriegen zu   krepieren oder &#8222;den G&#252;rtel enger zu schnallen&#8220;. Um diesen Hindernis zu   beseitigen, gibt es seit Jahrzehnten Versuche, &#8222;einen Schlussstrich   unter die Geschichte zu ziehen&#8220;, eine ganz normale (imperialistische)   Nation zu werden. Da solche Bestrebungen zu Protesten von J&#252;dinnen und   Juden, von j&#252;dischen Organisationen, dem israelischen Staat f&#252;hren, wird   das ihnen zum Vorwurf gemacht. Deshalb gibt es einen zwangsl&#228;ufigen   Zusammenhang zwischen deutschem Nationalismus und Antisemitismus, der   durch die proisraelische Haltung der deutschen Rechten verdeckt ist,   aber immer wieder durchbricht.<\/p>\n<h4>  Kritik an Israel und Antisemitismus<\/h4>\n<p>  Der Zionismus, die Bewegung zur Schaffung einer j&#252;dischen Heimst&#228;tte (in   Pal&#228;stina oder anderswo), die seit ihrem Basler Kongress 1897   international organisiert war, war eine Antwort auf Antisemitismus, aber   nicht die Antwort, ihn zu bek&#228;mpfen. Er &#252;bernahm die antisemitische   Idee, dass &#8222;die Juden so sind&#8220; wie die Antisemiten behaupten. Der   bedeutsame Unterschied war, dass die Zionisten das f&#252;r ver&#228;nderlich   hielten. Der j&#252;dische Staat sollte den ambivalenten Zustand beenden, in   dem die Juden eine nichtnationale Nation sind. Aber da der Grund daf&#252;r   nicht das Fehlen eines j&#252;dischen Nationalstaats war, sondern die Rolle   von Gemeinschaft und Gesellschaft in der antisemitischen Ideologie,   f&#252;hrten die zionistische Bewegung und die Gr&#252;ndung des Staates Israel   nicht dazu, dass die Antisemiten die Juden als normale kapitalistische   Nation und Israel als normalen kapitalistischen Nationalstaat   betrachteten, sondern vielmehr als Ausgangsbasis f&#252;r die   &#8222;internationalen Machenschaften&#8220; &#8222;der Juden&#8220;. Der Antisemitismus l&#228;sst   sich nicht durch einen j&#252;dischen Nationalstaat &#252;berwinden, sondern nur   durch die &#220;berwindung des Nationalismus. Und der ist untrennbar damit   verbunden, dass der Kapitalismus &#246;konomisch einen Weltmarkt geschaffen   hat, aber politisch in Nationalstaaten organisiert ist, in denen der   Nationalismus dazu beitr&#228;gt, die Klassenherrschaft zu vertuschen und   dadurch zu festigen.<\/p>\n<p>  Die Gr&#252;ndung Israels war eine Antwort auf die Shoah, aber in welchem   Sinne? Vor der Shoah war die Mehrheit der osteurop&#228;ischen J&#252;dinnen und   Juden rabiate AntizionistInnen. Die j&#252;dische Arbeiterbewegung vertraute   auf die nichtj&#252;dischen ArbeiterInnen. Die Shoah war ein Schock. Aber die   nichtj&#252;dische Arbeiterbewegung hat nicht nur den J&#252;dinnen und Juden   nicht helfen k&#246;nnen, sondern sich selbst auch nicht. Die nichtj&#252;dischen   ArbeiterInnen erlitten Unterdr&#252;ckung, Elend, Krieg, viele Tote, wenn   auch nicht Massenvernichtung. Das bewies nur, dass die Arbeiterbewegung   unter reformistischer oder stalinistischer F&#252;hrung keinen Ausweg aus der   Agonie des Kapitalismus aufzeigen konnte, widerlegte aber nicht, dass es   dazu keine Alternative gab.<\/p>\n<p>  Deshalb ist es verst&#228;ndlich, dass die &#220;berlebenden sich massenhaft dem   Zionismus zuwandten, der als Minderheitsstr&#246;mung nicht hatte zeigen   k&#246;nnen, ob er einen Ausweg geboten h&#228;tte. Aber es ist nicht &#252;berzeugend,   dass er dazu h&#228;tte in der Lage sei k&#246;nnen. Ein j&#252;discher Staat in   Pal&#228;stina vor 1939 h&#228;tte die Shoah nicht verhindert: Er konnte nicht   sechs oder neun Millionen Fl&#252;chtlinge aufnehmen. Millionen J&#252;dinnen und   Juden erkannten erst, dass sie fliehen mussten, als sie schon nicht mehr   fliehen konnten. Der Zionismus h&#228;tte nicht verhindern k&#246;nnen, dass   Rommels Truppen Pal&#228;stina &#252;berrannt h&#228;tten, wenn sie nicht im   &#228;gyptischen El Alamein von der britischen Armee gestoppt worden w&#228;ren.<\/p>\n<p>  Deshalb hatten TrotzkistInnen Recht, wenn sie bis 1948 die Gr&#252;ndung   eines j&#252;dischen Staats ablehnten. Aber inzwischen ist eine israelische   Nation entstanden. MarxistInnen sollten f&#252;r ihr Recht auf   Selbstbestimmung eintreten, also auch ihr Recht auf einen eigenen Staat   ein. Aber man kann nicht Israelis wegen der Shoah h&#246;heres Recht auf   Selbstbestimmung zubilligen als Pal&#228;stinenserInnen oder LibanesInnen, da   das Diskriminierung und Ungleichbehandlung bedeuten w&#252;rde.<\/p>\n<p>  Kritik an Israel wegen der Unterdr&#252;ckung der Pal&#228;stinenserInnen, wegen   seiner Rolle als Vorposten des Imperialismus in der Region und weil es   ein kapitalistischer Klassenstaat ist, in dem ArbeiterInnen ausgebeutet,   neoliberale Politik betrieben wird und in den letzten Jahren eine   zunehmende Militarisierung stattgefunden hat, ist berechtigt.<\/p>\n<p>  Die Diffamierung von Kritik an der israelischen Regierung und Politik   ist gef&#228;hrlich. Die Gleichsetzung von Kritik an Israel mit   Antisemitismus leistet der Gleichsetzung des israelischen Regimes mit   &#8222;den Juden&#8220; Vorschub. Wenn man es Antisemiten &#252;berl&#228;sst, Tatsachen zu   verbreiten, die f&#252;r das Image von Israel negativ sind, dann verbreiten   sie damit auch ihre abstrusen Schlussfolgerungen.<\/p>\n<p>  Au&#223;erdem werden dadurch nicht nur Leute als Antisemiten diffamiert, die   keine sind, sondern es wird auch Leuten ein Persilschein ausgestellt,   die Antisemiten und zugleich &#8222;Freunde Israels&#8220; (also seiner herrschenden   Klasse) sind. Denn es ist ebenso falsch, dass Kritik an der israelischen   Regierung notwendig antisemitisch sei, wie es falsch ist, dass   Unterst&#252;tzung f&#252;r Israel mit Antisemitismus unvereinbar w&#228;re. Wer die   antisemitischen Wahnvorstellungen &#252;ber die &#8222;Macht der Juden&#8220; teilt, kann   auch die Schlussfolgerung ziehen, sich mit so m&#228;chtigen Leuten gut   stellen zu wollen. Der israelische Historiker Tom Segev hat gezeigt,   dass die Urheber der Balfour-Deklaration, mit der die britische   Regierung 1917 &#8222;den Juden&#8220; eine &#8222;nationale Heimst&#228;tte&#8220; in Pal&#228;stina   versprach, &#8222;in vielen F&#228;llen&#8220; Antisemiten waren. &#8222;Gemeinsam war ihnen   die &#220;berzeugung, dass die Juden die Welt kontrollierten.&#8220; (Tom Segev, Es   war einmal ein Pal&#228;stina, M&#252;nchen 2005, S. 43) Insbesondere galt das f&#252;r   den damaligen Premierminister Lloyd George und den Au&#223;enminister   Balfour, nach dem diese erste staatliche Anerkennung der zionistischen   Bestrebungen benannt ist. Man kann f&#252;r den Zionismus sein, weil man &#8222;die   Juden&#8220; Tausende Kilometer weit weg haben m&#246;chte, man kann als   antisemitischer &#8222;Realpolitiker&#8220; gemeinsame Interessen zwischen dem   eigenen und dem israelischen Imperialismus sehen etc.<\/p>\n<p>  Aber manche Kritikfiguren sind nicht akzeptabel. Das gilt zum Beispiel   wenn als alttestamentarische Rachsucht (&#8222;Auge um Auge&#8220;) bezeichnet wird,   was jeder moderne imperialistische Staat macht; wenn gefordert wird,   &#8222;die Juden&#8220; m&#252;ssten wegen Auschwitz besser sein als andere (als ob   Auschwitz eine Besserungsanstalt gewesen w&#228;re); wenn Parallelen zwischen   der israelischen Politik und Nazis gezogen werden, die es nur dort gibt,   wo sich die Nazis von anderen Imperialisten nicht unterschieden, die   aber nicht das Besondere des NS-Regimes treffen (wzum Beispiel ist Gaza   kein Warschauer Ghetto, es ist seit Jahrzehnten &#252;berf&#252;llt, w&#228;hrend das   Warschauer Ghetto nach wenigen Jahren leer war, weil die Leute ins   Vernichtungslager nach Teblinka abtransportiert worden waren). Solche   Parallelen sind aber nicht nur in Bezug auf Israel abzulehnen, sondern   auch in Bezug auf die Regierungen anderer Staaten. Besonders   haarstr&#228;ubend ist der Unsinn, dass der US-Imperialismus von einer   j&#252;dischen Lobby geleitet werde: die Vorstellung, die Politik der   einzigen Supermacht werde von Agenten eines winzigen, Tausende Kilometer   entfernten Landes bestimmt, ist aberwitzig.<\/p>\n<h4>  Antisemitismus und verk&#252;rzte Kapitalismuskritik<\/h4>\n<p>  Vorw&#252;rfe von &#8222;linkem Antisemitismus&#8220; hat es nicht nur gegen linke Kritik   an der israelischen Regierung gegeben, sondern auch gegen Kritik an der   kapitalistischen Globalisierung oder gegen Erkl&#228;rungen der 2008   begonnenen Weltwirtschaftskrise. Diese Vorw&#252;rfe k&#246;nnen berechtigt sein,   aber oft kn&#252;pfen sie nur oberfl&#228;chlich an Analysen wie die oben   wiedergegebenen von Postone an.<\/p>\n<p>  Ein Angriffspunkt ist die Konzentration der Kritik auf die Finanzm&#228;rkte.   Es ist in der Tat falsch, b&#246;se Finanzm&#228;rkte und gute &#8222;Realwirtschaft&#8220;   einander gegen&#252;ber zu stellen. Der Grund f&#252;r das Anwachsen der   Finanzm&#228;rkte der letzten Jahrzehnte waren die Widerspr&#252;che der   &#8222;Realwirtschaft&#8220;: weil es wenig profitable Anlagem&#246;glichkeiten f&#252;r das   Kapital in der &#8222;Realwirtschaft&#8220; gab, wurde immer mehr auf den   Finanzm&#228;rkten spekuliert. Diese Spekulanten waren keine besondere Gruppe   von Kapitalisten, sondern zu ihnen geh&#246;rten auch die gro&#223;en   Industriekonzerne. Das zu &#252;bersehen ist aber noch nicht gleichbedeutend   damit, die &#8222;Realwirtschaft&#8220; als nationale Gemeinschaft zu verkl&#228;ren und   die Finanzm&#228;rkte mit au&#223;erhalb dieser Gemeinschaft stehenden &#8222;Juden&#8220; zu   identifizieren. Antisemiten k&#246;nnen allerdings an solche falschen   Gegen&#252;berstellungen ankn&#252;pfen. Noch problematischer wird es, wenn zum   Beispiel ein guter &#8222;rheinischer Kapitalismus&#8220; (zum Beispiel in   Deutschland oder Frankreich) und ein b&#246;ser angels&#228;chsischer Kapitalismus   einander gegen&#252;ber gestellt werden. Dann bestehen in der Tat starke   Ankn&#252;pfungspunkte f&#252;r eine Kombination von Antiamerikanismus und   Antisemitismus.<\/p>\n<p>  Ein weiterer Angriffspunkt ist der Vorwurf von personalisierender   Kritik. Karl Marx schrieb: &#8222;Die Menschen machen ihre eigene Geschichte,   aber sie machen sie nicht aus freien St&#252;cken, nicht unter   selbstgew&#228;hlten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und   &#252;berlieferten Umst&#228;nden.&#8220; Er hat hier das Verh&#228;ltnis zwischen   menschlichem Handeln und seinen strukturellen Rahmenbedingungen gl&#228;nzend   skizziert. Aber manche Leute vergessen den ersten Teil des Zitats und   tun so, als w&#252;rde schon der Antisemitismus anfangen, wenn man &#252;berhaupt   thematisiert, dass Politiker oder Wirtschaftsbosse Entscheidungen   treffen, die sich auf das Leben anderer Menschen auswirken, und den   Kapitalismus nicht ausschlie&#223;lich als Reproduktion abstrakter Strukturen   begreift. Notwendig ist, solche Entscheidungen anzuprangern und zu   bek&#228;mpfen und gleichzeitig zu erkl&#228;ren, dass solche Entscheidungen kein   Zufall sind, und mitzuhelfen, einen Kampf gegen solche Entscheidungen zu   einem Kampf gegen den Kapitalismus insgesamt zu steigern. Aber bestimmte   Personen und Gremien &#8211; und nicht &#8222;die Juden&#8220; &#8211; f&#252;r ihre Entscheidungen   anzugreifen, ist keineswegs antisemitisch.<\/p>\n<p>  Deshalb sollten wir verk&#252;rzte Kapitalismuskritik sachlich kritisieren   und dabei helfen, dass Menschen, die sie vertreten, bei ihr nicht stehen   bleiben. Das ist das Beste f&#252;r den Kampf gegen den Kapitalismus und   dieser Kampf ist auch das beste Mittel gegen die gro&#223;e Gefahr des   Antisemitismus von rechts und das kleine Problem des Antisemitismus von   &#8222;links&#8220;.<\/p>\n<h4>  Islamischer Antisemitismus und Antiislamismus<\/h4>\n<p>  In den letzten zehn Jahren, seit dem Beginn der zweiten Intifada (oder   Al-Aksa-Intifada) in Pal&#228;stina und nach den Anschl&#228;gen vom 11. September   2001 wird im Zusammenhang mit dem Antisemitismus zunehmend die Frage von   Antisemitismus unter Muslimen diskutiert. Historisch hat im Islam die   Judenfeindschaft eine geringere Rolle gespielt als im Christentum. In   islamischen L&#228;ndern spielten Juden nicht die wirtschaftliche Rolle wie   im mittelalterlichen Europa, teils &#252;bernahmen Muslime diese Rollen   selbst, teils teilten die Juden sie mit anderen Minderheiten (Griechen,   Armenier etc.). Christliche Schauerm&#228;rchen (&#8222;Christusm&#246;rder&#8220;,   &#8222;Brunnenvergifter&#8220;, &#8222;Ritualmorde&#8220;) spielten keine Rolle. Als religi&#246;se   Minderheit wurden J&#252;dinnen und Juden in einer Gesellschaft, in der es   keine Trennung von Staat und Religion gab, auf vielf&#228;ltige Weise   diskriminiert, aber als monotheistische Offenbarungsreligion galt das   Judentum als weniger falsch als andere nichtmuslimische Religionen. Es   gab zwar auch in muslimischen L&#228;ndern Pogrome gegen J&#252;dinnen und Juden,   aber diese galten eben als wehrlos, schwach, als Leute, an denen man   seine Aggressionen austoben konnte, nicht als bedrohlich, nicht als   Vertreter einer geheimen Macht oder einer internationalen Verschw&#246;rung.<\/p>\n<p>  Der heute in islamistischen Kreisen grassierende Antisemitismus hat mit   dieser islamischen Tradition wenig zu tun, er ist zu gro&#223;en Teilen ein   direkter Import aus Europa. Diese Leute, die behaupten, die islamischen   Traditionen zu bewahren, plappern in Wirklichkeit die Schauerm&#228;rchen von   Leuten nach, die nach ihrem Weltbild selbst &#8222;Ungl&#228;ubige&#8220; waren. In der   Frage des Antisemitismus zeigt sich besonders deutlich, dass der   Islamismus kein &#220;berbleibsel des Mittelalters, sondern ein Produkt des   Kapitalismus ist. Daher kann der Islamismus nur auf antikapitalistischer   Grundlage wirksam bek&#228;mpft werden. Die Vorstellung, der westliche   Kapitalismus sei eine fortschrittliche Alternative und m&#252;sse unterst&#252;tzt   werden (wom&#246;glich gar bei Kriegen gegen islamistische Regierungen), ist   reaktion&#228;r.<\/p>\n<p>  Die Anziehungskraft des Antisemitismus in islamischen L&#228;ndern hat   zun&#228;chst die gleichen sozialen Ursachen wie in Europa einige Jahrzehnte   fr&#252;her: Der Kapitalismus zerst&#246;rte die vorkapitalistischen   Produktionsverh&#228;ltnisse. Aber in Westeuropa war die Zerst&#246;rung dieser   Verh&#228;ltnisse mit der Entwicklung einer modernen kapitalistischen   Industrie, Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung verbunden gewesen, die   das st&#228;rkste Bollwerk gegen den Antisemitismus waren (wenn auch   tragischerweise nicht stark genug, um die Shoah zu verhindern). Die   internationale Arbeitsteilung der kapitalistischen Weltwirtschaft f&#252;hrte   dazu, dass in islamischen L&#228;ndern die Entwicklung der Arbeiterklasse   wesentlich schw&#228;cher war. Dazu kam, dass die opportunistische Politik   von Sozialdemokraten und Stalinisten die Entstehung einer unabh&#228;ngigen   Arbeiterbewegung erschwerte und sie immer wieder b&#252;rgerlichen Str&#246;mungen   unterordnete, sogar rabiaten Antisemiten von Nasser in &#196;gypten bis   Khomeini im Iran.<\/p>\n<p>  Die Mechanismen, die in Europa dazu f&#252;hrten, dass die zerst&#246;rerischen   Auswirkungen des Kapitalismus einem angeblichen raffenden Kapital   zugeschrieben wurden und dieses mit einer gesellschaftlichen Gruppe   identifiziert wurde, waren also auch in islamischen L&#228;ndern wirksam.   Aber warum wurden auch hier &#8222;die Juden&#8220; in diese Rolle gedr&#228;ngt? Dabei   spielte der Kolonialismus eine entscheidende Rolle. Fast alle   islamischen L&#228;nder wurden im 19. und 20. Jahrhundert Kolonien   europ&#228;ischer L&#228;nder. Aus Sicht von Menschen, die damals noch in   traditionellen islamischen, nicht in modernen islamistischen, Begriffen   dachten, wurden sie von &#8222;Ungl&#228;ubigen&#8220; beherrscht. Das f&#252;hrte zu   Widerstand, der sich in Bewegungen f&#252;r nationale Unabh&#228;ngigkeit   ausdr&#252;ckte. Aber gro&#223;e Teile der herrschenden Klassen zogen es vor, mit   den &#8222;ungl&#228;ubigen&#8220; Kapitalisten ihre Gesch&#228;fte zu machen, sich mit den   &#8222;ungl&#228;ubigen&#8220; Kolonialherren gut zu stellen. Sie hatten ein Interesse   daran, die Opposition der Bev&#246;lkerung von den Kolonialherren abzulenken   und auf die &#8222;Ungl&#228;ubigen&#8220; zu richten, an denen man sich vergreifen   konnte, ohne dass es die Kolonialherren sonderlich st&#246;rte, eben auf die   j&#252;dische Minderheit. Auch wenn es keinen Zionismus gegeben h&#228;tte, h&#228;tten   Kapitalismus und Kolonialismus zu einer Zunahme des Antisemitismus   gef&#252;hrt. 1903 gab es in Marokko antisemitische Pogrome. Die T&#228;ter hatten   sicher nichts von der Entstehung des Zionismus geh&#246;rt. Auch in Pal&#228;stina   selbst richteten sich Pogrome wie in Hebron 1929 weniger gegen die   Zionisten (die bewaffnet waren und sich wehren konnten) als gegen die   alteingesessene j&#252;dische Bev&#246;lkerung.<\/p>\n<p>  MarxistInnen haben den Zionismus abgelehnt. Aber nichts, was Zionisten   getan haben oder tun, rechtfertigt oder entschuldigt Antisemitismus.   Antisemitismus war keine &#8222;nat&#252;rliche&#8220; oder notwendige Reaktion auf den   Zionismus, sondern ein bewusstes Mittel, eine fortschrittliche Antwort   auf ihn zu bek&#228;mpfen. Zum Beispiel verkauften in den 1930er Jahren   arabische Gro&#223;grundbesitzer das ihnen geh&#246;rende Land an zionistische   Organisationen, die die dort lebenden B&#228;uerInnen vertrieben. Der   Antisemitismus sollte von der Rolle dieser arabischen Gro&#223;grundbesitzer   ablenken.<\/p>\n<p>  Gleichzeitig muss betont werden, dass nicht jeder Widerstand gegen den   Staat Israel, der von AraberInnen und MuslimInnen ausge&#252;bt wird,   antisemitischen Charakter tr&#228;gt. Die Unterdr&#252;ckungs- und   Vertreibungspolitik der herrschenden Klasse in Israel ist verantwortlich   f&#252;r Widerstand gegen den Staat Israel. Dieser ist legitim. Welche Form   und welchen Inhalt er annimmt, h&#228;ngt nicht zuletzt davon ab, ob sich in   der arabischen Widerstandsbewegung eine starke sozialistische Bewegung   entwickelt, die einen internationalistischen Standpunkt vertritt,   individuellen Terrorismus als kontraproduktiv ablehnt und versucht die   israelische Arbeiterklasse im Kampf gegen Kapitalismus und Unterdr&#252;ckung   zu erreichen.<\/p>\n<p>  Diese ist heute neben der &#228;gyptischen und der iranischen Arbeiterklasse   die wichtigste im Nahen Osten. F&#252;r eine L&#246;sung des Nahostkonflikts ist   es entscheidend, sie aus der Umarmung der israelischen herrschenden   Klasse zu l&#246;sen. Aber der Antisemitismus treibt sie in deren Arme.   Deshalb ist antisemitische Ideologie nicht nur widerlich, sondern auch   politisch katastrophal und kontraproduktiv bei der Erreichung des Ziels,   die pal&#228;stinensische Bev&#246;lkerung zu befreien.<\/p>\n<p>  Auf der anderen Seite sind antisemitische Hasstiraden von Reaktion&#228;ren   wie Ahmadinedschad kein Beleg, dass eine neue Judenvernichtung   bevorstehen w&#252;rde. &#196;hnliche Hetze haben nicht nur europ&#228;ische   Antisemiten, sondern auch Nasser oder Saddam Hussein im Irak verbreitet,   ohne dass sie versuchten, ihre Drohungen wahr zu machen. (Als Saddam   Hussein im Golfkrieg 1991 Raketen auf Israel abschoss, enthielten sie   eben kein Giftgas.<\/p>\n<p>  Das hat er &#8222;nur&#8220; gegen den Iran und die KurdInnen im eigenen Land   eingesetzt.) Leute, die auf die antisemitische Hetze mit antiislamischer   Hetze reagieren, f&#246;rdern den Antisemitismus, weil sie dem Denken in   ethnischen und religi&#246;sen statt in Klassenkategorien Vorschub leisten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Eine marxistische Betrachtung\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[92,5],"tags":[257],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14016"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=14016"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14016\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=14016"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=14016"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=14016"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}