{"id":13992,"date":"2010-12-13T00:00:00","date_gmt":"2010-12-13T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13992"},"modified":"2010-12-13T00:00:00","modified_gmt":"2010-12-13T00:00:00","slug":"13992","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/12\/13992\/","title":{"rendered":"Mehr Demokratie durch Volksentscheide?"},"content":{"rendered":"<p>  &#220;ber die Bedeutung von Volksabstimmungen und den Kampf gegen Stuttgart 21<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Seit August gehen in Stuttgart w&#246;chentlich zehntausende Menschen auf   die Stra&#223;e, um ihren Unmut gegen das Wahnsinnsprojekt S 21 zum Ausdruck   zu bringen. Eine Forderung, die dabei immer wieder von den   Demonstrierenden aufgeworfen wird, ist: Volksentscheid!<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Aron Amm<\/i><\/h4>\n<p>  Die Hoffnungen, die dieser Vorschlag bei Vielen weckt, sind absolut   nachvollziehbar: Statt &#252;ber die K&#246;pfe der StuttgarterInnen hinweg und   gegen den Willen der Mehrheit ein Projekt durchzupr&#252;geln, sollte die   Bev&#246;lkerung selbst entscheiden k&#246;nnen. Allerdings weigert sich die   CDU\/FDP-Regierung in Baden-W&#252;rttemberg auch nach Monaten des Widerstands   beharrlich, einen Volksentscheid durchzuf&#252;hren. CDU-Ministerpr&#228;sident   Stefan Mappus selber sagte zu dem Thema: &#8222;Die Wahrscheinlichkeit geht   gegen Grenzwert null.&#8220;<\/p>\n<h4>  Bisherige Erfahrungen<\/h4>\n<p>  Grunds&#228;tzlich kann die Kampagne f&#252;r einen Volksentscheid ein Mittel   sein, um Druck von unten zu entfalten und die Regierenden ins Schwitzen   zu bringen. Ein gutes Beispiel ist das Wasser-Volksbegehren in Berlin.   Hier hat die Unterschriftensammlung f&#252;r den Volksentscheid dazu gef&#252;hrt,   dass die negativen Folgen der Teilprivatisierung der Wasserbetriebe in   der Stadt wieder Thema sind.<\/p>\n<p>  Das trifft auch auf den Versuch der S-21-Gegner zu, im Jahr 2007 ein   Volksbegehren durchzusetzen. Die SAV hat sich an dieser Initiative   beteiligt. Und neben den SAV-Mitgliedern viele andere, die hier einen   Weg sahen, sich ganz konkret gegen Stuttgart 21 engagieren zu k&#246;nnen.<\/p>\n<h4>  Herrschende schalten auf stur<\/h4>\n<p>  2007 sammelten die S-21-Gegner in kurzer Zeit 67.000 Unterschriften,   weit mehr als n&#246;tig. Trotzdem wurde das Anliegen von den Regierenden   unter fadenscheinigen Vorw&#228;nden nicht zugelassen. Bereits 1996 war ein   erster Versuch, damals f&#252;r einen B&#252;rgerantrag (um einen B&#252;rgerentscheid   zu erm&#246;glichen), abgeschmettert worden. 1996 argumentierten die   etablierten Politiker, dass &#8222;haushaltsrelevante Entscheidungen&#8220;   angeblich nicht per Volksbefragung getroffen werden d&#252;rften. 2007 waren   &#8222;rechtliche Gr&#252;nde&#8220; ausschlaggebend f&#252;r die Ablehnung.<\/p>\n<p>  Damit zeigt sich, dass in bestimmten F&#228;llen Initiativen f&#252;r   Volksbefragungen zwar durchaus dazu dienen k&#246;nnen, politische Fragen in   die breitere &#214;ffentlichkeit zu bringen, und Menschen politisch zu   aktivieren. Gleichzeitig f&#252;hren uns die Stuttgarter Erfahrungen &#8211; und   viele andere F&#228;lle in der Vergangenheit &#8211; aber auch vor Augen, wie gro&#223;   die Gefahr ist, dass die Regierenden sich einfach &#252;ber den &#8222;Volkswillen&#8220;   hinwegsetzen.<\/p>\n<h4>  Massenproteste zentral<\/h4>\n<p>  Trotz monatelanger Proteste gelang es bislang nicht, Stuttgart 21 zu   kippen. Aber die Massenbewegung der letzten Monate brachte die Regierung   m&#228;chtig in Bedr&#228;ngnis. Seit dem Polizeieinsatz am 30. September stehen   sie mit dem R&#252;cken zur Wand. Der Ruf &#8222;Mappus weg&#8220; ist un&#252;berh&#246;rbar.<\/p>\n<p>  Entscheidend ist, dass die Bewegung gegen S 21 weiter aufgebaut wird &#8211;   durch starke Mobilisierungen, einen Erfolg der bundesweiten   Demonstration am 11. Dezember, bessere Selbstorganisation, massenhafte   Blockaden und m&#246;glichst auch Streikma&#223;nahmen gegen Stuttgart 21 sowie   eine weitere Politisierung der Proteste.<\/p>\n<p>  Im &#220;brigen ist auch die Tatsache, dass die Forderung nach einem   Volksentscheid seit Sommer &#252;berhaupt in der Form diskutiert wird, ein   Ergebnis des Massenaufruhrs der letzten Monate. Viel weniger w&#252;rden sich   aktuell daf&#252;r interessieren, wenn nicht stetig eine betr&#228;chtliche Zahl   gegen Stuttgart 21 demonstrieren und zivilen Ungehorsam leisten w&#252;rde.   Deshalb ist die gr&#246;&#223;te Gefahr, dass die Massenproteste abnehmen und   damit der Druck nachl&#228;sst.<\/p>\n<h4>  T&#252;cken von Volksbegehren<\/h4>\n<p>  Selbst wenn es Protesten gegen Prestigeprojekte oder Privatisierungen   gelingt, die Durchf&#252;hrung eines Volksbegehrens zu erwirken, k&#246;nnen sich   die GegnerInnen dieser Regierungspl&#228;ne nicht einfach beruhigt   zur&#252;cklehnen. Denn die Prozedur birgt gro&#223;e Risiken. Es stellen sich   wichtige Fragen: Wer bestimmt die Bedingungen, unter denen ein   Volksentscheid stattfindet? Wer hat die Macht &#252;ber die Medien, &#252;ber die   Meinungsmache? Wer entscheidet, &#252;ber welche Frage abgestimmt wird?   &#8222;Volks&#8220;entscheid hei&#223;t noch lange nicht, dass auch wirklich   Besch&#228;ftigte, Erwerbslose, RenterInnen, Jugendliche &#8211; eben all   diejenigen, die sonst nicht gro&#223; gefragt werden &#8211; das letzte Wort haben.   (MigrantInnen und Jugendliche d&#252;rfen sowieso nicht mit abstimmen.)<\/p>\n<p>  Wenn es also zu einem Volksentscheid &#8211; beispielsweise gegen eine   Privatisierung &#8211; kommt, m&#252;ssten die Privatisierungsgegner daf&#252;r k&#228;mpfen,   dass die Fragestellung nicht tendenzi&#246;s ist, dass sie Zugang zu den   Medien bekommen, dass zum Beispiel im Fall vom geplanten Ausverkauf   eines Krankenhauses dann dort &#246;ffentliche Veranstaltungen organisiert   werden und dass die ganze Durchf&#252;hrung demokratisch kontrolliert wird.<\/p>\n<h4>  Volksentscheid und S 21<\/h4>\n<p>  Im Fall von Stuttgart 21 stellt sich die Frage des Volksentscheids heute   aber anders. Hier besteht die Chance, dass die Protestbewegung das   Projekt stoppen kann. Und das Risiko, dass ein Volksentscheid von den   S-21-Bef&#252;rwortern genutzt wird, um die Bewegung &#252;ber den Tisch zu   ziehen. Konkret k&#246;nnten die Bef&#252;rworter nach einer Wahlniederlage von   Schwarz-Gelb bei den Landtagswahlen im M&#228;rz darauf hoffen, dass sie sich   &#252;ber einen unter einer m&#246;glichen neuen rot-gr&#252;nen Regierung zugelassenen   Volksentscheid dennoch durchsetzen. Indem sie die Proteste ausbremsen,   indem sie die Fragestellung entscheiden, indem sie auf ihre   M&#246;glichkeiten in den privaten Medienkonzernen bauen, indem sie mit ihren   finanziellen Mitteln eine beispiellose Propagandaschlacht starten.<\/p>\n<p>  Hinzu kommt, dass ein solcher Volksentscheid wohl in ganz   Baden-W&#252;rttemberg durchgef&#252;hrt w&#252;rde. Zwar ist eine Ablehnung des   Projekts auch im Bundesland gut m&#246;glich. Trotzdem ist darauf &#8211; vor allem   angesichts der Einflussm&#246;glichkeiten der S-21-Unternehmer,   Medienbesitzer und Politiker &#8211; kein Verlass. Ein Projekt, das jedoch   solche Auswirkungen auf eine Stadt hat, darf auf keinen Fall gegen den   Willen der StuttgarterInnen hinweg durchgezogen werden!<\/p>\n<p>  Darum sollte die Bewegung gegen Stuttgart 21 jetzt nicht die Forderung   nach einem Volksentscheid aufstellen oder darauf orientieren. Vielmehr   gilt es, mit aller Kraft die Widerstandsbewegung weiter aufzubauen. Mit   dem Ziel Mappus und Co., die auf eine Politik der &#8222;verbrannten Erde&#8220; aus   sind, so schnell wie m&#246;glich das Handwerk zu legen. Gleichzeitig sollten   die S-21-Gegner aber weiter diskutieren, wie sie sich auf einen   m&#246;glichen Volksentscheid am besten vorbereiten.<\/p>\n<h4>  &#8222;Direkte&#8220; Demokratie<\/h4>\n<p>  Dass heute immer h&#228;ufiger Volksentscheide gefordert werden, hat auch   damit zu tun, dass mehr und mehr Menschen genug haben von der so   genannten &#8222;repr&#228;sentativen Demokratie&#8220;, in der man nur alle vier oder   f&#252;nf Jahre ein Kreuz machen darf. Zwar sollten wir auch versuchen, uns   hier einzubringen; SAV-Mitglieder treten in der LINKEN daf&#252;r ein, dass   der Schwerpunkt auf dem au&#223;erparlamentarischen Kampf liegt und   durchschnittliche Tarifl&#246;hne f&#252;r alle Abgeordneten gelten. Zu Recht wird   aber &#252;ber mehr Einflussnahme von unten diskutiert. Allerdings sind   Volksbefragungen sehr begrenzte Formen &#8222;direkter&#8220; Demokratie.   Schlie&#223;lich beschr&#228;nken sie sich auf Ja\/Nein-Abstimmungen zu einzelnen   Fragen.<\/p>\n<p>  Darum sollten wir bei Ver&#228;nderungen im politischen System viel   grundlegender ansetzen. An Stelle von an Vetternwirtschaft beteiligten   Politikern sollten VertreterInnen der abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten selber ans   Ruder kommen. Neue Stadtprojekte d&#252;rfen nicht l&#228;nger von Konzernchefs   und ihren politischen &#8222;Repr&#228;sentanten&#8220; entschieden werden. Stattdessen   k&#246;nnte es zum Beispiel Anwohnerversammlungen geben, demokratische   Debatten, die Offenlegung aller Pl&#228;ne, die Wahl von VertreterInnen aus   den Stadtteilen, von Bau- oder Verkehrsunternehmen und aus anderen   Bereichen in demokratische Komitees.<\/p>\n<h4>  Demokratie im Kapitalismus?<\/h4>\n<p>  In der Schweiz gibt es bekanntlich oft Volksentscheide. Deswegen wird   die Schweiz auch gerne als Vorbild in Sachen &#8222;direkter&#8220; Demokratie   gesehen. Als 600 AktivistInnen im Oktober f&#252;r einen Tag aus Stuttgart   nach Berlin kamen, um auf ihren Protest aufmerksam zu machen, gaben sie   einen Antrag bei der Schweizer Botschaft f&#252;r die Angliederung   Baden-W&#252;rttembergs als Kanton an die Schweiz ab.<\/p>\n<p>  Hinter dieser witzigen Aktion (die nicht mehr ganz so witzig erscheint,   wenn man bedenkt, dass Abgeordnete der rassistischen SVP &#8211;   Schweizerische Volkspartei &#8211; im M&#228;rz diesen Jahres tats&#228;chlich die   Angliederung Baden-W&#252;rttembergs an die Schweiz beantragt haben) steht   eine ernste Frage: Machen Volksentscheide die Gesellschaft   demokratischer? Abgesehen davon, dass der letzte Volksentscheid in der   Schweiz positiv f&#252;r das Verbot zum Bau von Minaretten ausging, weil die   rechtspopulistischen Kr&#228;fte eine erfolgreiche Kampagne durchf&#252;hren   konnten, haben auch in der Schweiz die Unternehmen und vor allem die   Banken die eigentliche Macht inne.<\/p>\n<p>  &#220;berall bestimmt heute die Jagd nach Profiten das Leben der Menschen. In   einer Reihe kapitalistischer L&#228;nder existieren Diktaturen. Aber auch in   der parlamentarischen Demokratie werden &#8211; wie wir gerade sehen &#8211; die   Interessen des Kapitals durchgesetzt. Nat&#252;rlich erm&#246;glicht sie uns auch,   demokratische Rechte zu nutzen, um uns den Herrschenden in den Weg zu   stellen und das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis in der Gesellschaft zu unseren Gunsten   zu verschieben. Aber eine echte Demokratie, also eine wirkliche   &#8222;Herrschaft des Volkes&#8220;, kann es erst geben, wenn wir die Konzernmacht   gebrochen und eine sozialistische Gesellschaft erk&#228;mpft haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      &#220;ber die Bedeutung von Volksabstimmungen und den Kampf gegen Stuttgart 21\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[78,58],"tags":[232],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13992"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13992"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13992\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13992"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13992"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13992"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}