{"id":13982,"date":"2010-12-20T00:00:00","date_gmt":"2010-12-19T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13982"},"modified":"2012-06-28T15:53:45","modified_gmt":"2012-06-28T13:53:45","slug":"13982","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/12\/13982\/","title":{"rendered":"China: Platz des ewigen Aufschwungs?"},"content":{"rendered":"<p>  Die Hoffnungen des Kapitals weltweit ruhen auf dem Land der Mitte<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Die Entwicklung der chinesischen Wirtschaft ist nach wie vor   beeindruckend. Der Internationale W&#228;hrungsfonds (IWF) prognostiziert f&#252;r   das laufende Jahr eine Steigerung von zehn Prozent des   Bruttoinlandsproduktes.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Torsten Sting, Rostock<\/i><\/h4>\n<p>  China hat mittlerweile Japan als zweitgr&#246;&#223;te Wirtschaftsmacht des   Planeten abgel&#246;st. Ein namhafter Konzern nach dem anderen dehnt seine   Produktionskapazit&#228;ten im Land aus. Angesichts der vielen Gefahren f&#252;r   die Weltwirtschaft haben die Kapitalisten die Hoffnung, dass sich China   zum Rettungsanker f&#252;r den globalen Kapitalismus entwickelt.<\/p>\n<h4>  Grundlage des Wachstums<\/h4>\n<p>  Bis Ende der siebziger Jahre war China, analog zu den anderen   stalinistischen Staaten, eine Gesellschaft, die auf dem Fundament einer   geplanten Wirtschaft basierte. Die Industrie und die   landwirtschaftlichen Gro&#223;betriebe waren verstaatlicht. Da die   privatwirtschaftliche Konkurrenz ausgehebelt war, konnten   (beispielsweise im Vergleich zum kapitalistischen Indien) erhebliche   &#246;konomische und soziale Erfolge verbucht werden. Allerdings herrschte   eine abgehobene Parteib&#252;rokratie und unterdr&#252;ckte jede Form von   Opposition. Nach Jahrzehnten des Fortschritts kam die Gesellschaft   zunehmend in die Krise. Die Planwirtschaft wurde durch das b&#252;rokratische   Kommando erstickt.<\/p>\n<p>  Dies erkannte die Parteispitze um Deng Xiaoping und zog die   Schlussfolgerung, dass eine &#214;ffnung zum kapitalistischen Weltmarkt n&#246;tig   sei. Im S&#252;den des Landes wurden Sonderwirtschaftszonen gegr&#252;ndet. Hier   wurden die Spielregeln zugunsten des Marktes ge&#228;ndert. Erste Konzerne   (zum Beispiel VW) siedelten sich an und nutzten die billigen   Arbeitskr&#228;fte. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks forcierte die   B&#252;rokratie diese Entwicklung. Die Beschr&#228;nkung des &#8222;Experiments&#8220; auf die   s&#252;dlichen Provinzen wurde fallengelassen und auf das ganze Land   ausgedehnt. Ende 2001 wurde China Mitglied der Welthandelsorganisation   (WTO). Voraussetzung f&#252;r das Wachstum waren alptraumhafte   Arbeitsbedingungen und Repression.<\/p>\n<h4>  Produktionsverlagerungen<\/h4>\n<p>  Es gibt heute kaum noch einen Computer, der nicht in den Werkshallen im   S&#252;den Chinas hergestellt wird. Apple entwickelt seine iPhone, iPad und   Co. zwar noch in den USA. Die Produktion ist aber nach China ausgelagert   worden.<\/p>\n<p>  Neben der Superausbeutung wollen die Kapitalisten mit ihren   Investitionen im asiatischen Raum auf einen neuen Markt vorsto&#223;en und   m&#246;glichst viele Produkte vor Ort abzusetzen. W&#228;hrend der Absatz in den   angestammten L&#228;ndern stagniert, w&#228;chst der Verkauf beispielsweise von   Autos in China gerade immens. Im ersten Halbjahr des laufenden Jahres   stieg der Absatz auf 5,4 Millionen Fahrzeuge. Dies bedeutet eine   Steigerung gegen&#252;ber 2009 um 49 Prozent! Seit dem letzten Jahr hat China   die Vereinigten Staaten als gr&#246;&#223;ten Automarkt der Welt abgel&#246;st.<\/p>\n<h4>  &#220;berkapazit&#228;ten<\/h4>\n<p>  Die Regierung im Land der Mitte sp&#252;rte Ende 2008 die weltweiten   &#246;konomischen Einbr&#252;che und legte ein Konjunkturprogramm von umgerechnet   weit mehr als eine Billion Euro auf, weitete die Kreditvergabe aus und   stabilisierte damit die eigene Wirtschaft. Zwar traf die Talfahrt der   US-Wirtschaft den chinesischen Export zwischenzeitlich hart. Durch den   h&#246;heren Einfluss der Staates in der Wirtschaft und mehr staatlichem   Eigentum gerade bei den Banken war das Regime in der Lage, schneller auf   die Krise zu reagieren.<\/p>\n<p>  Doch die Risiken f&#252;r den chinesischen Boom wachsen. Das zentrale Problem   &#8211; &#220;berkapazit&#228;ten in allen wichtigen Indus-triebereichen &#8211; wurde durch   die Konjunkturprogramme der Regierenden in Peking und in den Regionen   sogar noch gesteigert. Am deutlichsten wird dies in der Schwerindustrie.   Laut einer Studie der EU-Handelskammer in China, die im Herbst des   Jahres 2009 vorgestellt wurde, hat die Produktion von Stahl in China   drastisch zugenommen. Mittlerweile hat das Land einen Weltmarktanteil   von knapp 50 Prozent. W&#228;hrend in anderen Staaten im Laufe der Krise   Fabriken geschlossen wurden, erweiterte China die Kapazit&#228;ten um 58   Millionen Tonnen Stahl. Gleichzeitig gibt es bereits nicht ausgelastete   Kapazit&#228;ten von 150 Millionen Tonnen. Dies entspricht der kompletten   Produktion von Russland und den USA! Das kann auf Dauer nicht gut gehen.<\/p>\n<h4>  Immobilienblase<\/h4>\n<p>  Durch staatlich beg&#252;nstigte Bauma&#223;nahmen droht der Immobiliensektor hei&#223;   zu laufen. In China sind die Hauspreise gem&#228;&#223; einer Studie des US   National Bureau of Economic Research seit Anfang 2007 um 140 Prozent und   allein im ersten Quartal 2010 mit einem Rekordanstieg von 41 Prozent in   die H&#246;he geschnellt. Diese Spekulationsblase droht jetzt zu platzen.   Claudio Sabutelli von der UBS Bank warnt vor den Folgen: &#8222;Blicken wir   auf die schwerwiegenden volkswirtschaftlichen Konsequenzen in Japan nach   dem Immobiliencrash der achtziger Jahre zur&#252;ck, so k&#246;nnte das ganze   Weltgeb&#228;ude f&#252;r Jahrzehnte in Mitleidenschaft gezogen werden&#8220; (Neue   Z&#252;richer Zeitung Online vom 5. November).<\/p>\n<h4>  Inflation<\/h4>\n<p>  Eine zus&#228;tzliche Gefahr stellt die relativ hohe Inflation dar. Offiziell   betr&#228;gt sie derzeit 4,4 Prozent, bei Lebensmitteln sind es &#252;ber zehn   Prozent. Um die Entwicklung zu bremsen, hat die Staatsf&#252;hrung nun zum   Mittel der Preiskontrolle gegriffen. Die gestiegene Inflation ist f&#252;r   die herrschende Kommunistische Partei aus zwei Gr&#252;nden eine Gefahr. Zum   einen bedroht sie das weitere Wachstum. Wenn die Preise galoppieren,   k&#246;nnen sich die Menschen weniger kaufen und m&#252;ssen sich einschr&#228;nken.   Dies dr&#252;ckt den Konsum und drosselt das Wachstum. Die andere Folge ist,   dass die Unzufriedenheit bei den ArbeiterInnen und Bauern steigt.   Speziell die Besch&#228;ftigten in der Industrie k&#246;nnten h&#246;here L&#246;hne   fordern, um ihren Lebensstandard halten zu k&#246;nnen. Auch Stra&#223;enproteste   verschiedener Bev&#246;lkerungsschichten sind nicht auszuschlie&#223;en. Ein   wichtiger Aspekt jener Massenbewegung, die 1989 zum Massaker auf dem   Platz des Himmlischen Friedens f&#252;hrte, war die damalige hohe Inflation.<\/p>\n<h4>  Klassenk&#228;mpfe<\/h4>\n<p>  Dies wird die Spannungen in der Gesellschaft weiter versch&#228;rfen. Im   Sommer diesen Jahres haben sich mehrere Zehntausend Besch&#228;ftigte an   Streiks in der Autoindustrie beteiligt und dadurch Lohnerh&#246;hungen von   bis zu zehn Prozent durchgesetzt. In anderen Fabriken gab es Proteste   gegen die miserablen Arbeitsbedingungen. So beim weltgr&#246;&#223;ten   Elektronik-Auftragshersteller Foxconn.<\/p>\n<p>  Die soziale G&#228;rung in der Arbeiterschaft kommt mit den Protestbewegungen   der l&#228;ndlichen Bev&#246;lkerung zusammen. Seit L&#228;ngerem wehren sich Bauern   gegen Enteignungen zugunsten gro&#223;er Konzerne und Prestigeobjekte der   Parteib&#252;rokratie. Sie protestieren gegen umweltverschmutzende Fabriken,   und sie wehren sich gegen korrupte Kader. Yu Jianrong, Forscher der   chinesischen Akademie f&#252;r Sozialwissenschaften, beobachtete, dass es bei   circa f&#252;nf Prozent aller Proteste (das sind Hunderte Vorkommnisse jeden   Monat) nicht mehr um das Eintreten f&#252;r pers&#246;nliche Interessen geht. In   den F&#228;llen, die er untersucht hat, ist es oft nur ein winziger Funke,   der den Volkszorn g&#228;nzlich Unbeteiligter entfacht und zu Aufruhr f&#252;hrt.   Dies zeigt die tiefe Unzufriedenheit vieler Menschen in China, die kein   Vertrauen in die lokalen Machthaber besitzen und ein Ventil suchen, um   ihrer Frustration &#252;ber soziale Ungerechtigkeit Luft zu machen.<\/p>\n<h4>  Globale Krise nicht vorbei<\/h4>\n<p>  Weder in Deutschland noch in den meisten anderen Industriestaaten hat   die Produktion das Vor-Krisen-Niveau bislang wieder erreichen k&#246;nnen.   &#220;berkapazit&#228;ten wurden kaum abgebaut. Gleichzeitig explodierte die   Verschuldung und beschert aktuell L&#228;ndern wie Griechenland, Irland,   Portugal oder Spanien in der Euro-Zone existenzielle   Staatschuldenkrisen. Der dadurch weiter forcierte Sparkurs beschneidet   die kaufkr&#228;ftige Nachfrage weiter und erh&#246;ht die Gefahr eines &#8222;Double   Dip&#8220;, eines erneuten Eintauchens der Weltwirtschaft in die Rezession.   Wegen Chinas gewaltiger Exportabh&#228;ngigkeit k&#246;nnte das in Kombination mit   den Risikofaktoren &#220;berkapazit&#228;ten, Spekulationsblase, Inflationsgefahr   eine neue &#196;ra &#246;konomischer Turbulenzen und Krisen einl&#228;uten.<\/p>\n<p>  Kein Wunder, dass die Spannungen zwischen den USA und China zugenommen   haben (die USA dr&#228;ngen auf eine Aufwertung der um 20 bis 40 Prozent   unterbewerteten chinesischen W&#228;hrung, China k&#246;nnte einen gr&#246;&#223;eren Teil   seines Dollarbesitzes absto&#223;en). Der derzeitige &#8222;W&#228;hrungskrieg&#8220; (so der   brasilianische Finanzminister Guido Mantega) kann jederzeit in einen   Handelskrieg umschlagen und die Konflikte zwischen China und den anderen   f&#252;hrenden Wirtschaftsm&#228;chten massiv versch&#228;rfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Die Hoffnungen des Kapitals weltweit ruhen auf dem Land der Mitte\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[38],"tags":[270,232],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13982"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13982"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13982\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13982"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13982"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13982"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}