{"id":13975,"date":"2010-11-01T20:00:00","date_gmt":"2010-11-01T20:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13975"},"modified":"2010-11-01T20:00:00","modified_gmt":"2010-11-01T20:00:00","slug":"13975","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/11\/13975\/","title":{"rendered":"Von &quot;wirtschaftlicher Steuerung&quot;, Haushaltsdebatten und dem Dilemma der \r\n      europ&#228;ischen Institutionen"},"content":{"rendered":"<p>  Euro-Krise und Formierung des Widerstands in Irland<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Es ist nicht so ganz einfach, sich im Dschungel der neuen Terminologien   und Strategien zurechtzufinden, die auf h&#246;chster Ebene der EU ins Leben   gerufen werden, um dem Sog der &#246;konomischen Krise standzuhalten, deren   Epizentrum sich in den letzten Wochen von Griechenland weg bewegt und   inzwischen Irland und Portugal in den W&#252;rgegriff genommen hat.<\/p>\n<p>  Es ist die tiefste wirtschaftliche Krise der Europ&#228;ischen Union. Sie ist   noch lange nicht vorbei.<\/p>\n<p>  Die Zukunft des Euros bleibt ungewiss. Versuche in Richtung weiterer   Europ&#228;ischer Integration vermengen und &#252;berschneiden sich mit   zunehmenden Zentrifugalkr&#228;ften.<\/p>\n<p>  Herman Van Rompuy, Pr&#228;sident des Europ&#228;ischen Rates erkl&#228;rt das Dilemma   folgenderma&#223;en: &quot;Wenn wir uns nicht weiter bewegen in Richtung engerer   Koordination und engerer wirtschaftlicher Steuerung, dann werden wir den   Euro nicht halten k&#246;nnen&quot;. In der Ausgabe der European Voice vom 18.   November erkl&#228;rt er: &quot;Wir befinden uns in einer &#220;berlebenskrise&quot;.<\/p>\n<p>  Ein Treffen zwischen Finanzministern und hohen Regierungsvertretern der   Mitgliedsstaaten der EU und der Europ&#228;ischen Kommission jagt das   n&#228;chste, um die Krise in den Griff zu kriegen und die M&#228;rkte zufrieden   zu stellen. Dabei werden alle Widerspr&#252;che der Europ&#228;ischen Union   deutlich. Alle Versuche, um einheitlich auf die Krise zu reagieren   finden in dem Spannungsfeld der &#252;bergeordneten und oftmals weit   auseinander liegenden wirtschaftlichen Interessen der dominierenden   Nationalstaaten und dem Aufrechterhalten der Eurozone als   wirtschaftlichem Block statt.<\/p>\n<p>  &#220;berdeutlich wird in diesem Spannungsfeld auch, dass die Europ&#228;ische   Union in allererster Linie eine Wirtschafts &#8211; und W&#228;hrungsunion ist und   bleibt; die Interessen der Arbeiter, Angestellten, Jugendlichen und   Rentnern kommen in dem Vokabular dieser Eliten nicht vor.<\/p>\n<p>  Im M&#228;rz diesen Jahres, im Trubel der griechischen Krise, wurde die   &quot;Economic Task Force&quot; ins Leben gerufen. Der Begriff ruft das Bild einer   schnellen Eingreiftruppe hervor, die effizient und zielstrebig L&#246;sungen   f&#252;r diese Krise entwickeln soll. Der Name strahlt Autorit&#228;t aus. Die   Economic Task Force setzt sich zusammen aus den Finanzministern und\/oder   anderen hochrangigen Regierungsvertretern der EU.<\/p>\n<p>  Im Grunde genommen bereitet die Task Force eine weitere Disziplinierung   der Mitgliedsstaaten vor, die sich im Konflikt mit dem Stabilit&#228;ts- und   Wachstumspakt befinden, das hei&#223;t Strafma&#223;nahmen f&#252;r L&#228;nder, deren   Defizit bei &#252;ber 3 Prozent des BIP liegen (rechnet man die   Rettungsma&#223;nahmen f&#252;r die irischen Banken hinzu, dann liegt   beispielsweise das irische Defizit bei 32 Prozent des BIP) und deren   Staatsverschuldung bei &#252;ber 60 Prozent liegen. Die Europ&#228;ische   Kommission soll das Recht bekommen, diesen L&#228;ndern vor der Aufstellung   ihres Nationalhaushaltes eine &quot;Fr&#252;hwarnung&quot; auszusprechen und sie   anzumahnen, entsprechende Ma&#223;nahmen im Haushalt vorzunehmen, um die   &quot;Abweichungen&quot; zu korrigieren. Mit anderen Worten, den L&#228;ndern soll die   Pistole auf die Brust gesetzt werden um weitere K&#252;rzungsprogramme   durchzuf&#252;hren, die direkt in Form von Lohnk&#252;rzungen und\/oder   Entlassungen im &#246;ffentlichen Dienst, Heraufsetzung des Rentenalters,   K&#252;rzungen der Renten, K&#252;rzungen im Gesundheits- und Bildungswesen an die   arbeitende Bev&#246;lkerung durchgereicht werden. Bei Nicht-Beachtung der   &quot;Empfehlungen&quot; der Kommission drohen Sanktionen. Die Kommission schl&#228;gt   einen Pfand von 0.2 Prozent des BIP des entsprechenden Mitgliedsstaates   vor, das zu gegebener Zeit in eine Strafe umgewandelt werden kann. Die   Stimme des entsprechenden Mitgliedsstaates im Rat wird dabei nicht   ber&#252;cksichtigt. Einige L&#228;nder klagen &#252;ber den Verlust der staatlichen   Souver&#228;nit&#228;t. Doch es ist davon auszugehen, dass das nur die halbe   Wahrheit ist. Einige Regierungen werden unter vorgehaltener Hand recht   dankbar daf&#252;r sein, dass sie die Europ&#228;ische Kommission und Br&#252;ssel   verantwortlich machen k&#246;nnen f&#252;r die drakonischen K&#252;rzungen und so   versuchen werden, den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, wenn sie   sich mit den w&#252;tenden Protesten und Streiks von Jugendlichen, Rentnern   und Arbeitnehmern konfrontiert sehen.<\/p>\n<p>  Deutlich ist aber auch, dass diese Dokumente die Handschrift der &quot;global   players&quot; in der Europ&#228;ischen Union tragen: Deutschland und Frankreich.   Die sind sich zwar auch in vielem nicht einig, wollen aber doch   versuchen, den Euro &#8211; aus jeweils eigenen Interessen &#8211; so lange wie   m&#246;glich am Leben erhalten.<\/p>\n<p>  Angela Merkel hat aus &#252;berwiegend innenpolitischen Gr&#252;nden lange   gez&#246;gert, bis sie dem &quot;Rettungspaket&quot; f&#252;r Griechenland zugestimmt hat.   Die Interessen deutscher Banken, die gemeinsam mit franz&#246;sischen Banken   455 Milliarden Euro an ausstehenden Krediten in Griechenland, Portugal   und Spanien investiert hatten, haben sie wohl letztendlich &#252;berzeugt.   Ihre z&#246;gerliche Haltung wird ihr zwar vom Chef der Europ&#228;ischen   Zentralbank Jean Claude Trichet &#252;bel genommen, durchgesetzt hat sich   Merkel jedoch mit der Botschaft, dass es einen &quot;bail -out&quot;, einen   &quot;Rettungsfonds&quot; nicht umsonst gibt. Die Inanspruchnahme der Europ&#228;ischen   Finanzstabilisierungsfazilitat (EFSF) (noch so ein wunderbares Wort),   d.h. die Inanspruchnahme des &quot;Rettungsfonds&quot;, in den die verschiedenen   Mitgliedsstaaten einzahlen sind durch die Task Force festgelegt.<\/p>\n<p>  So geht das. Eine &#196;nderung des Vertrages von Lissabon ist daf&#252;r n&#246;tig.   Und auch hier zeigt sich wieder wer das Heft in der Hand h&#228;lt. Der   Vertrag ist in Irland solange abgestimmt worden, bis es eine Mehrheit   von Ja- Stimmen der Bev&#246;lkerung gab. Eine &#196;nderung soll es m&#246;glichst   ohne Referendum geben, weil die Herrschenden es so wollen. Und wir   k&#246;nnen auch sicher sein, dass die Regeln der Task Force nicht in Stein   gemei&#223;elt sind. Es sind ausgerechnet Deutschland und Frankreich, die den   Stabilit&#228;tspakt als erste gebrochen haben. Falls ihnen diese Regeln   nicht mehr passen, erfinden sie einfach neue &#8211; die Leidtragenden sind   wir, die arbeitende Bev&#246;lkerung und die Jugend.<\/p>\n<h4>  Irland im Zentrum des Sturms<\/h4>\n<p>  Erst gestern flogen Vertreter der Europ&#228;ischen Kommission, der   Europ&#228;ischen Zentralbank und des IWF nach Dublin, um die Vorbereitungen   einer unausweichlichen Intervention vorzubereiten.<\/p>\n<p>  Die irische Bev&#246;lkerung hat schon gigantische Einschnitte hinnehmen   m&#252;ssen, alles in der Voraussicht, dass das die &#246;konomische Lage   verbessern w&#252;rde. Die Idee, dass jeder etwas zur L&#246;sung der Krise   beitragen m&#252;sse, wurde auch von den irischen Gewerkschaften mitgetragen.   Der sogenannte Croke Park Deal, den die Gewerkschaften abgeschlossen   haben, ist skandal&#246;s. Im Prinzip wird vorgeschlagen, dass es im   Austausch f&#252;r Beibehaltung der L&#246;hne im &#246;ffentlichen Dienst eine   Mitarbeit der Gewerkschaften gibt um den &#246;ffentlichen Sektor,   &#246;ffentliche Dienstleistungen wie Schulen und Krankenh&#228;user zu   beschneiden.<\/p>\n<p>  Jetzt steht Irland vor der Pleite und das Diktat der Europ&#228;ischen   Kommission und des IWF vor der T&#252;r. Bereits heute sind 196.000   Hauseigent&#252;mer im Zahlungsr&#252;ckstand mit ihren Kreditzahlungen &#8211; in   negative equity, wie es auf neudeutsch so sch&#246;n hei&#223;t. Und oftmals sind   die H&#228;user heute nicht mehr das wert, was als Kredit aufgenommen wurde.   Allein hieraus kann sich eine neue Bankenkrise ergeben und konfrontiert   viele Arbeiter mit totaler Ausweglosigkeit.<\/p>\n<p>  Kein Wunder ist es daher, dass die Stimmung in der Bev&#246;lkerung kocht.   Erst gestern erhielt mein Kollege einen Anruf auf dem Apparat von Joe   Higgins, dem Europaparlamentsmitglied f&#252;r die Sozialistische Partei   (CWI) in Irland.<\/p>\n<p>  Der Mann am anderen Ende der Leitung war so w&#252;tend, dass es schwierig   war, auch nur ein Wort dazwischen zu kriegen. Eine Tirade von   Beschimpfungen ergoss sich gegen meinen Kollegen. Wie es denn sein   k&#246;nne, dass diese arroganten Politiker &#246;ffentlich noch mehr Einschnitte   im Haushalt fordern w&#252;rden, wo die Situation jetzt schon beinahe nicht   mehr ertr&#228;glich sei. Dass sie sich alle was sch&#228;men sollten.<\/p>\n<p>  Zum Gl&#252;ck ist es meinem Kollegen dann doch noch gelungen, ihm deutlich   zu machen, dass dies der Apparat von Joe Higgins sei. Der Anruf war f&#252;r   Jim Higgins bestimmt, dem Europaparlamentsabgeordneten der Fine Gael   Partei, die derzeit in Irland in der Opposition sitzt, aber genauso   wenig die Interessen der Arbeiterklasse vertritt.<\/p>\n<p>  Die regierende b&#252;rgerliche Fianna Fail Partei steht vor der politischen   Kapitulation. Seit ihrem 84-j&#228;hrigen Bestehen war sie 53 Jahre Teil der   Regierung und erzielte immer um die 40 Prozent der Stimmen. Heute steht   sie in den Umfragen bei 24 Prozent und weniger. Am 7. Dezember muss sie   den Haushalt durchs Parlament bringen. Es kann sein, dass ihr das nicht   gelingt. Wird es ihr doch gelingen, um die Oppositionsparteien Labour   und Fine Gael zu einer Enthaltung zu bewegen, wird sie sp&#228;testens and   den vier bye elections (Nachwahlen zum irischen Parlament) scheitern,   die sie bis zum M&#228;rz 2011 durchf&#252;hren muss. Die Frage von Wahlen in   Irland ist nicht mehr ob, sondern wann.<\/p>\n<p>  Das er&#246;ffnet neue Perspektiven f&#252;r die Linke. N&#228;chste Woche wird in   Dublin auf Initiative der Socialist Party, das Wahlb&#252;ndnis &quot;United Left   Alliance&quot; gegr&#252;ndet, das aus Vertretern der People before Profit   Allianz, der Socialist Workers Party und unabh&#228;ngigen linken Kr&#228;ften   besteht. Hauptaufgabe wird es sein, einen entschlossenen Kampf gegen die   Sparpakete gleich welcher Regierung zu f&#252;hren und eine Alternative zu   diesem kranken System aufzuzeigen.<\/p>\n<p>  Wir haben erlebt, welche brutalen K&#252;rzungsorgien der IWF den L&#228;ndern   Lateinamerikas und unl&#228;ngst auch den osteurop&#228;ischen L&#228;ndern wie   Lettland verschrieben hat. Es gibt nur eine L&#246;sung: aktiver Widerstand.   Henry Joy McCracken, einer der Mitbegr&#252;nder der United Irishmen and the   Men of No Property des sp&#228;ten 18. Jahrhunderts schrieb &quot;the rich always   betray the poor- die Reichen betr&#252;gen immer die Armen&quot;. Das gilt heute   genauso.<\/p>\n<p>  Am 17. November organisierte die Sozialistische Partei Irlands eine   Protestaktion vor dem irischen Finanzministerium, bei dem Joe Higgins   sagte:<\/p>\n<p>  &quot;Das Irische und Europ&#228;ische Finanzsystem liegt am Boden. Es hat jede   moralische und andere Glaubw&#252;rdigkeit verloren. Es wird Zeit, dass das   Finanzwesen in &#246;ffentliches Eigentum &#252;berf&#252;hrt und unter vollst&#228;ndige   &#246;ffentliche und demokratische Kontrolle und F&#252;hrung gestellt wird, damit   es den Interessen und Bed&#252;rfnissen der Mehrheit in der Gesellschaft   dient und nicht in den Appetit der profithungrigen Finanzm&#228;rkte,   Spekulanten und Banker anheizt.&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Euro-Krise und Formierung des Widerstands in Irland\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[101],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13975"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13975"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13975\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13975"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13975"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13975"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}