{"id":13973,"date":"2010-11-19T00:00:00","date_gmt":"2010-11-19T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13973"},"modified":"2010-11-19T00:00:00","modified_gmt":"2010-11-19T00:00:00","slug":"13973","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/11\/13973\/","title":{"rendered":"Deutschland &#8211; ein Wirtschaftswunderm&#228;rchen?"},"content":{"rendered":"<p>  Die n&#228;chste Krise kommt bestimmt.<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Die Begeisterung der Herrschenden scheint derzeit keine Grenzen zu   kennen. Die Nachrichten vom Wachstum der deutschen Wirtschaft verleiten   den zust&#228;ndigen Minister im Kabinett der Bundesregierung, Rainer   Br&#252;derle, zur Einsch&#228;tzung, dass es sich um einen &#8222;Aufschwung XL&#8220;   handelt. Allenthalben wird von einem neuen Wirtschaftswunder gesprochen.   Was ist da dran?<\/p>\n<h4>  <i>von Torsten Sting, Rostock<\/i><\/h4>\n<p>  Als sich vor zwei Jahren die weltweite Finanz und Wirtschaftskrise rund   um den Globus ausbreitete, herrschte Panik bei den Vertretern des   Kapitals. Seit der tiefsten Krise des Kapitalismus vor 80 Jahren hatte   sich derart Dramatisches nicht mehr ereignet. Deutschlands   exportabh&#228;ngige Industrie wurde von dieser Entwicklung besonders   getroffen. Binnen weniger Monate gab es einen drastischen Einbruch der   Auftragseing&#228;nge. Der Maschinenbau etwa verbuchte im Mai 2009 gegen&#252;ber   2008, 48% weniger Auftr&#228;ge (spiegel online 1.7.09). Im gesamten Vorjahr   schrumpfte die deutsche Wirtschaft um 4,7% . &#8222;Experten&#8220; wie   ifo-Pr&#228;sident Hans Werner Sinn prognostizierten im M&#228;rz 2009, dass &#8222;die   Arbeitslosigkeit dramatisch steigen wird.&#8220; (spiegel online 12.3.09) Wie   ist es vor diesem Hintergrund zu erkl&#228;ren, dass die gr&#246;&#223;te   Volkswirtschaft Europas nun so schnell aus der Krise zu kommen scheint?<\/p>\n<h4>  Staatliches Eingreifen<\/h4>\n<p>  Die Entwicklung ist f&#252;r die meisten zweifellos eine &#220;berraschung, hat   aber nichts mit einem Wunder zu tun. Zum einen haben weltweit   Regierungen unz&#228;hlige Milliarden in die Rettung von maroden Banken und   in Konjunkturpakte gesteckt und so eine Depression wie 1929 verhindert.   In Deutschland wurde der Anstieg der Arbeitslosigkeit insbesondere durch   die massive Ausweitung der Kurzarbeiterregelung deutlich begrenzt. Auf   dem H&#246;hepunkt im Mai 2009, gab es 1,5 Millionen Menschen, die diese   Regelung in Anspruch nahmen. H&#228;tte es diese M&#246;glichkeit der   Arbeitszeitsenkung nicht gegeben, w&#228;re es in der Industrie zu   Massenentlassungen gekommen. Steigende Arbeitslosigkeit und in der Folge   sinkende Nachfrage, h&#228;tte &#252;ber kurz oder lang auch die Ums&#228;tze im   Dienstleistungsbereich schmelzen lassen und der Krise eine sch&#228;rfere   Dynamik verliehen. Abwrackpr&#228;mie und staatliche Auftr&#228;ge, infolge des   Konjunkturpaketes taten ein &#220;briges um die Wirtschaft vor einem Absturz   ins Bodenlose zu bewahren.<\/p>\n<p>  Aber trotz aller Erholung: die Wirtschaftsleistung liegt immer noch   unter dem Vorkrisenniveau und das Gesamt-Arbeitszeitvolumen auch.<\/p>\n<h4>  Export<\/h4>\n<p>  F&#252;r die deutschen Konzerne war es ein Vorteil, dass sie ihre   Belegschaften weitestgehend zusammen halten konnten. Als sich vor einem   knappen Jahr, die Weltwirtschaft ein wenig erholte, standen Daimler,   Siemens und Co Gewehr bei Fu&#223; um die neuen Auftr&#228;ge schneller als ihre   Konkurrenten bearbeiten zu k&#246;nnen. Hin zu kommt, dass sich das deutsche   Kapital in den vergangenen Jahren einen Wettbewerbsvorteil gegen&#252;ber   anderen Kapitalisten erk&#228;mpft hat. Durch Schr&#246;ders Agenda 2010 sanken   die Steuern f&#252;r Unternehmen und Sozialausgaben. Durch die Hartz&#8211;Gesetze   wurde ein Niedriglohnsektor geschaffen und die Tarifl&#246;hne unter Druck   gesetzt. Dank der gesetzlichen Ausweitung der Leiharbeit konnten   Besch&#228;ftigte noch flexibler geheuert und wieder gefeuert werden. In den   Betrieben wurde massiv rationalisiert und der Arbeitsdruck auf die   ArbeiterInnen nahm zu. Dank geringerer Kosten konnte so der Export   kr&#228;ftig gesteigert werden, im speziellen nach &#220;bersee.<\/p>\n<h4>  Chinas Boom<\/h4>\n<p>  Eine herausragende Stellung nimmt hier China ein. Die Regierung im Land   der Mitte sp&#252;rte Ende 2008 die weltweiten Einbr&#252;che und legte ein   Konjunkturprogramm von etwa 1,7 Billionen Euro auf (spiegel online   23.11.08), weitete die Kreditvergabe aus und stabilisierte damit die   eigene Wirtschaft. Im ersten Quartal diesen Jahres wuchs die chinesische   &#214;konomie um stolze 11,9% (ntv.de 15.4.10). Davon profitiert insbesondere   die deutsche Wirtschaft, die im Gegensatz zu den USA, immer noch   industriell gepr&#228;gt ist und die passenden Waren anbieten kann. So   steigerte sich der deutsche Export gen China im Halbjahr 2010 zum   Vorjahr um satte 56%. Etliche Firmen geraten zunehmend in gro&#223;e   Abh&#228;ngigkeit von diesem Markt. So meint der Chef des Tunnelbauers   Herrenknecht:&#8220;Ohne China h&#228;tten wir die Krise niemals so gut   &#252;berstanden.&#8220; (Der Spiegel Nr. 34\/2010)<\/p>\n<p>  Doch die Risiken f&#252;r den chinesischen Boom wachsen. Das zentrale   Problem, welches der Krise zugrunde liegt, &#220;berkapazit&#228;ten in allen   wichtigen Industriebereichen, wurde durch die Konjunkturprogramme der   Zentral und Regionalregierungen sogar noch gesteigert. Durch staatlich   beg&#252;nstigte Bauma&#223;nahmen droht der Immobiliensektor hei&#223; zu laufen und   die Spekulationsblase zum Platzen zu bringen. Dies k&#246;nnte eine   Bankenkrise ausl&#246;sen, das Wachstum deutlich reduzieren und die   Arbeitslosigkeit steigen lassen. Deutlich geringeres Wachstum oder gar   eine Rezession in China, h&#228;tte unmittelbare Auswirkungen auf die   asiatischen Nachbarn und die Weltwirtschaft. F&#252;r die deutsche Industrie   w&#252;rde damit der dynamischste Auslandsmarkt ins Wanken geraten.<\/p>\n<h4>  USA<\/h4>\n<p>  Die Vereinigten Staaten befinden sich seit geraumer Zeit nicht mehr in   der Rezession. Bei geringf&#252;gigem Wachstum verharrt die offizielle   Arbeitslosigkeit bei etwa 10%. Zwar verk&#252;nden die gro&#223;en Konzerne wieder   stolze Gewinne. Davon hat aber die Masse der Besch&#228;ftigten und erst   recht die Erwerbslosen nichts. Es ist ein &#8222;blutleerer&#8220; Mini- Aufschwung,   der ohne neue Arbeitspl&#228;tze daher kommt. Die Binnennachfrage ist deshalb   nicht besonders ausgepr&#228;gt. Angesichts der massiven Verschuldung der   privaten Haushalte, kommt die Wirtschaft nicht in die G&#228;nge. Da die   US-Wirtschaft zu 2\/3 von der Inlandsnachfrage abh&#228;ngt und relativ wenig   G&#252;ter exportiert, ist von einer l&#228;ngeren Misere auszugehen. Die USA sind   immer noch der wichtigste Markt au&#223;erhalb der EU f&#252;r deutsche Produkte.   Eine anhaltende Stagnation wird somit auch den Export erschweren.<\/p>\n<h4>  Probleme aufgeschoben<\/h4>\n<p>  Mit ihrem Vorgehen haben Merkel-Regierung und deutsche Konzerne   kurzfristig die Probleme aufschieben und verlagern, aber keineswegs   l&#246;sen k&#246;nnen. Die gestiegene Wettbewerbsf&#228;higkeit geht zu Lasten   Frankreichs und anderer europ&#228;ischer L&#228;nder. Der politische Druck auf   Griechenland und der damit einhergehende brutale Sozialkahlschlag, hat   zu einem Crash der Binnenkonjunktur gef&#252;hrt. Der R&#252;ckfall in die   Rezession war die Folge. Andere Staaten (z.B. Irland) stehen vor einer   &#228;hnlichen Situation. Der Zusammenbruch dieser M&#228;rkte wird nat&#252;rlich die   Exportchancen der deutschen Industrie untergraben und R&#252;ckwirkungen auf   die hiesige Konjunktur haben. Das grundlegende Problem &#8211; die hohen   &#220;berkapazit&#228;ten- wurde bisher nicht gel&#246;st, sondern (siehe China) z.T.   noch gesteigert. In Kombination mit einer Banken und Verschuldungskrise   wird hier eine n&#228;chste, m&#246;glicherweise noch gr&#246;&#223;ere, Krise vorbereitet.   Angesichts der vielf&#228;ltigen Krisenherde der Weltwirtschaft ist es recht   unwahrscheinlich, dass der Aufschwung der deutschen Wirtschaft noch   lange dauert. Bereits f&#252;r das n&#228;chste Jahr wird ein geringeres Wachstum   prognostiziert.<\/p>\n<h4>  Situation nutzen<\/h4>\n<p>  Durch die derzeit gute Auftragslage ist das Selbstbewusstsein der   Belegschaften gestiegen. Vor diesem Hintergrund haben sich die   Bedingungen f&#252;r die Gewerkschaften verbessert um z.B. h&#246;here L&#246;hne   durchzusetzen. Auch wenn es zur Schaffung von   sozialversicherungspflichtigen Arbeitspl&#228;tzen gekommen ist, setzt sich   der Trend fort, dass befristete und Leiharbeitsverh&#228;ltnisse ausgeweitet   werden. Die Umwandlung dieser Jobs in Regul&#228;re sollten sich die   Gewerkschaften auf die Fahne schreiben. Gemeinsam mit der Partei DIE   LINKE m&#252;ssen diese Anliegen mit dem Kampf gegen das Sparpaket der   Bundesregierung verkn&#252;pft werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Die n&#228;chste Krise kommt bestimmt.\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[78,127],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13973"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13973"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13973\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13973"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13973"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13973"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}