{"id":13966,"date":"2010-11-11T00:00:00","date_gmt":"2010-11-10T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13966"},"modified":"2012-05-15T14:53:50","modified_gmt":"2012-05-15T12:53:50","slug":"13966","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/11\/13966\/","title":{"rendered":"Keine Persilscheine f&#252;r Regierungsbeteiligungen!"},"content":{"rendered":"<p>  Bericht vom Bundesprogrammkonvent der Partei DIE LINKE<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Mit etwa 800 TeilnehmerInnen war der bundesweite Programmkonvent der   LINKEN in der Niedersachsenhalle von Hannover trotz der gleichzeitigen   Castor-Aktionen im Wendland deutlich besser besucht, als die   Parteif&#252;hrung urspr&#252;nglich erwartet hatte.<b> <\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Heino Berg, G&#246;ttingen<\/i><\/h4>\n<h4>  Ablauf<\/h4>\n<p>  Dieses starke Interesse der Parteimitglieder an der Programmdiskussion   f&#252;hrte zwar zur Buchung einer neuen Halle, nicht aber zur &#196;nderung des   Ablaufplanes. Die aktuellen und ehemaligen Vorsitzenden bestritten   zusammen mit mehr als 20 ReferentInnen in den Arbeitsgruppen sowie einer   Art Talk-Show der Programmredaktion mehr als 80 Prozent der zur   Verf&#252;gung stehenden sieben Tagungsstunden. Sehr viele Wortmeldungen der   angereisten Parteimitglieder, deren Meinung zum Programmentwurf   eigentlich geh&#246;rt werden und im Mittelpunkt stehen sollten, fielen   dadurch unter den Tisch. Dieser Filter betraf vor allem diejenigen   &#8222;Linken in der LINKEN&#8220; die sich &#8211; wie Thies Gleiss oder Lucy Redler &#8211; in   der bisherigen Programmdebatte f&#252;r eine st&#228;rkere Orientierung der Partei   an den au&#223;erparlamentarischen Bewegungen, gegen Regierungsbeteiligungen   und f&#252;r sozialistischen Perspektiven ge&#228;u&#223;ert hatten.<\/p>\n<h4>  Eigentumsfrage<\/h4>\n<p>  Gesine L&#246;tzsch und Klaus Ernst bezogen sich in ihren   Einleitungsreferaten nicht auf den vorliegenden Programmtext, sondern   wiederholten Klagen &#252;ber die unsoziale Politik der Bundesregierung, die   in der Partei nicht umstritten sind. Immerhin betonten beide &#8211; &#228;hnlich   wie Lafontaine in seiner Schlussrede &#8211; die Notwendigkeit, das   Privateigentum an den strukturbestimmenden Wirtschaftsbereichen durch   &#246;ffentliches Eigentum zu ersetzen und dadurch die &#8222;permanente   Enteignung&#8220; der Produzenten r&#252;ckg&#228;ngig zu machen. Die Vertreter des   &#8222;Forum demokratischer Sozialismus&#8220; (wie Klaus Lederer oder Mathias H&#246;hn)   wandten sich dagegen mit dem Hinweis, dass Verstaatlichungen in der DDR   oder auch in der Bundesrepublik (z.B. bei Pleitebanken) wenig gebracht   h&#228;tten. Bei den Parteimitgliedern im Plenum und in den Arbeitsgruppen   blieb diese nur notd&#252;rftig verklausulierte Verteidigung der   kapitalistischen Eigentums- und Gesellschaftsordnung aber weitgehend   isoliert. Interessant war ein Beitrag von Sahra Wagenknecht in der   gr&#246;&#223;ten AG III zur Eigentumsfrage, als sie die im Programmentwurf   bef&#252;rworteten Belegschaftsanteile und genossenschaftliches Eigentum f&#252;r   die Gro&#223;betriebe in Frage stellte, weil damit keine   gesamtgesellschaftliche Kontrolle &#252;ber die Produktion gew&#228;hrleistet   werden k&#246;nne. Beitr&#228;ge, die Verstaatlichungsforderungen mit der   Selbstorganisation der Lohnabh&#228;ngigen verbinden und gleichzeitig von   sozialpartnerschaftlichen Modellen f&#252;r Mitbestimmung und   Wirtschaftsdemokratie abgrenzen sollten, fielen der Wortmeldungsregie   zum Opfer und k&#246;nnen hier nur angedeutet werden.<\/p>\n<h4>  Auslandseins&#228;tze der Bundeswehr<\/h4>\n<p>  In der Frage des kategorischen Neins zu allen Auslandseins&#228;tzen der   Bundeswehr, das der Regierungsfl&#252;gel der Partei kassieren will, um die   LINKE f&#252;r die Kriegsparteien SPD und Gr&#252;ne koalitionsf&#228;hig zu machen,   unterst&#252;tzten Klaus Ernst und Oskar Lafontaine so genannte   &#8222;Gr&#252;nhelm-Eins&#228;tze&#8220; unter UNO-Mandat. Offen bleibt dabei, warum f&#252;r   zivile Hilfen in Katastrophengebieten nichtmilit&#228;rische Organisationen   wie das Rote Kreuz oder dem Technischen Hilfswerk nicht ausreichen   sollen. Entscheidend ist ja dass Gr&#252;nhelmeins&#228;tze als   Bundeswehroperationen stattfinden sollen. Man sieht ja in Afghanistan,   dass sich das nicht trennen l&#228;sst.<\/p>\n<h4>  Regierungsfrage<\/h4>\n<p>  Im Zentrum der Konventdebatten stand die Frage, ob und unter welchen   Bedingungen sich die LINKE an Regierungskoalitionen mit SPD und Gr&#252;nen   beteiligen kann. Die Partei- und Fraktionsf&#252;hrung hatte vor kurzem in   einem (&#252;brigens auf dem Konvent nie erw&#228;hnten) Strategiepapier eine   rotrotgr&#252;ne Bundesregierung als &#8222;strategisches Ziel&#8220; bezeichnet. Aus den   bisherigen &#8222;Haltelinien&#8220; im Programmentwurf sind dort &#8222;Markenzeichen   linker Politik&#8220; geworden, die als Verhandlungsmasse in   Koalitionsverhandlungen zur Disposition stehen.<\/p>\n<p>  Der s&#228;chsische Landesvorstand hatte sich gegen ein Nein zu   Stellenstreichungen ausgesprochen, weil diese unumg&#228;nglich seien und   deren Ablehnung eine Koalition mit der SPD unm&#246;glich machen w&#252;rde. Damit   werden die so genannten &#8222;Sachzw&#228;nge&#8220; des Systems auch f&#252;r die   Besch&#228;ftigung im &#214;ffentlichen Dienst akzeptiert, anstatt f&#252;r drastische   Arbeitszeitverk&#252;rzung einzutreten. Wer Koalitionsr&#252;cksichten h&#246;her   stellt als die Verteidigung von Arbeitspl&#228;tzen, macht die LINKE selbst   als Instrument f&#252;r den Kampf gegen die Massenarbeitslosigkeit   unglaubw&#252;rdig, ganz zu schweigen von den programmatischen Bekenntnissen   zur &#220;berwindung des bestehenden Profitsystems. Sahra Wagenknecht erhielt   im Plenum den mit Abstand gr&#246;&#223;ten Beifall, als sie sich gegen diesen   Ausverkauf von linken Prinzipien f&#252;r Regierungsbeteiligungen aussprach.   Auch Oskar Lafontaine bezeichnete SPD und Gr&#252;ne als &#8222;Hauptkonkurrenten&#8220;   der LINKEN. Er wandte sich gegen Versuche des sog. &#8222;Reformfl&#252;gels&#8220;, die   LINKE in eine &#8222;zweite SPD&#8220; zu verwandeln und sie dadurch &#252;berfl&#252;ssig zu   machen. Mit seinem Hinweis, da&#223; ja &#8222;alle Parteien Haltelinien f&#252;r   Regierungsb&#252;ndnisse aufstellen&#8220; w&#252;rden, relativierte er allerdings deren   Bedeutung: Jeder wei&#223;, dass sie bei diesen Parteien nur leere   Wahlversprechungen waren. Wenn sich die LINKE glaubw&#252;rdig von ihnen   unterscheiden will, mu&#223; sie die Wahrheit aussprechen, dass man mit   Unternehmerparteien keine Politik gegen das Kapital betreiben kann.<\/p>\n<p>  So sprach sich der mecklenburgische Landeschef Methling im Plenum f&#252;r   Haltlinien im Programmentwurf aus&#8230; um im gleichen Atemzug   anzuk&#252;ndigen, da&#223; man sich in Koalitionsverhandlungen nicht immer daran   halten k&#246;nne. Auch Gesine L&#246;tzsch hatte in der Einleitung betont, da&#223;   man durch Parteiprogramme keine konkreten Koalitionsverhandlungen vorweg   nehmen d&#252;rfe. Und Klaus Ernst erkl&#228;rte am Vorabend des Programmkonvents   in der &#8222;Welt&#8220;, dass &#8222;Parteiprogramme keine Koalitionsvereinbarungen   sind&#8220; und verglich sie mit &#8222;Tarifverhandlungen&#8220;. Nach dieser Logik und   der Erfahrung mit Tarifverhandlungen w&#252;rde aus &#8222;keine weiteren   Stellenstreichungen&#8220; im Programmentwurf dann die Zustimmung zu einem   geringeren Stellenabbau in Koalitionsvertr&#228;gen. Also die Politik des   &#8222;Kleineren &#220;bels&#8220;, mit der die SPD das gr&#246;&#223;ere &#220;bel des sozialen   Kahlschlag erst m&#246;glich gemacht hat.<\/p>\n<h4>  Fazit<\/h4>\n<p>  Wenn Programme zwar Bekenntnisse zum Sozialismus, gleichzeitig aber   Persilscheine f&#252;r Regierungsb&#252;ndnisse mit Parteien enthalten, die den   Kapitalismus mit Z&#228;hnen und Klauen verteidigen wollen, sind sie f&#252;r die   Interessen und Lebensbedingungen der Menschen wertlos. Das ist der Kern   der Glaubw&#252;rdigkeitsdefizite, von denen nicht nur die b&#252;rgerlichen   Parteien, sondern auch die (stagnierende) LINKE betroffen ist und die   ihr Entwicklungspotential belasten. Eben deshalb stand die   Auseinandersetzung &#252;ber die Regierungsfrage im Mittelpunkt des   Programmkonvents, auch wenn viele Redner (sogar vom linken Parteifl&#252;gel)   sich darum bem&#252;hten, unvereinbare Gegens&#228;tze mit Formelkompromissen a la   &#8222;Regieren, wenn die Bedingungen stimmen&#8220; zu verkleistern. Im Ergebnis   (nat&#252;rlich nicht in der subjektiven Absicht dieser Parteilinken) werden   damit dem Regierungsfl&#252;gel Hintert&#252;ren f&#252;r die Fortsetzung seiner   unsozialen Regierungspolitik offen gehalten.<\/p>\n<p>  Die Stimmung auf dem Parteikonvent ging jedenfalls eindeutig in die   Richtung von antikapitalistischen Perspektiven und Systemopposition. Die   Teilnehmer, viele von ihnen noch am Tag vorher im Wendland, wollen die   LINKE in der wachsenden au&#223;erparlamentarischen Bewegung zum &#8222;Motor&#8220;   machen, anstatt als Anh&#228;ngsel von rotgr&#252;nen Regierungen deren Bremsklotz   zu spielen.<\/p>\n<p>  Leider kam diese Mehrheitsstimmung selten durch entsprechen Beitr&#228;ge zum   Ausdruck, weil Wortmeldungen aus der Parteibasis entweder gar nicht oder   nur in streng gesiebter Auswahl zugelassen wurden. Das muss sich &#228;ndern,   wenn die LINKE nicht nur an den Wahlurnen Erfolge erzielen, sondern auch   f&#252;r die Menschen attraktiv werden will, die bei den Castor-Transporten,   bei Stuttgart 21 oder bei den Demonstrationen gegen die K&#252;rzungsorgien   der Bundesregierung die &#8222;Politik&#8220; endlich wieder in die eigenen H&#228;nde   nehmen m&#246;chten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Bericht vom Bundesprogrammkonvent der Partei DIE LINKE\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[25],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13966"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13966"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13966\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13966"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13966"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13966"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}