{"id":13961,"date":"2010-11-04T00:00:00","date_gmt":"2010-11-03T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13961"},"modified":"2012-05-15T14:54:28","modified_gmt":"2012-05-15T12:54:28","slug":"13961","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/11\/13961\/","title":{"rendered":"Rot-rot-gr&#252;ner Aufbruch oder sozialistische Alternative?"},"content":{"rendered":"<p>  Zum &#8222;Strategiepapier&#8220; von L&#246;tzsch, Ernst und Gysi<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Die beiden Vorsitzenden der Linkspartei, Gesine L&#246;tzsch und Klaus Ernst   haben zusammen mit dem Fraktionsvorsitzenden Gregor Gysi im   Gesch&#228;ftsf&#252;hrenden Bundesvorstand ein Strategiepapier &#8222;zu den aktuellen   Aufgaben der LINKEN und ihrer Bundestagsfraktion&#8220; vorgelegt, das die   Partei auf Regierungskoalitionen mit SPD und Gr&#252;nen festlegen soll.   Damit soll kurz vor dem bundesweiten Programmkonvent am 7.11. in   Hannover durch die Partei- und Fraktionsspitze eine   Regierungsbeteiligung auf Bundesebene ab 2013 zum zentralen   strategischen Ziel erkl&#228;rt werden.<\/p>\n<h4>  <i>von Heino Berg, G&#246;ttingen<\/i><\/h4>\n<p>  Das so genannte Strategie-Papier wurde durch die Medien mit ausgew&#228;hlten   Zitaten verbreitet, vor den Parteimitgliedern und -gremien aber   wochenlang unter Verschluss gehalten. Erst nachdem es der   stellvertretende Landesvorsitzende der NRW-LINKEN, Thies Gleiss   &#246;ffentlich kritisiert und dokumentiert hatte, konnten es die Mitglieder   auch auf der Partei-Website nachlesen. Eine kritische Diskussion &#252;ber   die Strategie der Partei ist unter solchen Umst&#228;nden fast unm&#246;glich.   dasselbe Verfahren wurde Ende August beim &#8222;Strategiepapier&#8220; des   nieders&#228;chsischen Landesvorsitzenden Dehm praktiziert, das sich &#8211; der   Presse zufolge &#8211; ohne inhaltliche Bedingungen f&#252;r eine Unterst&#252;tzung   rot-rot-gr&#252;ner Regierungen als kleinem &#220;bel gegen&#252;ber Schwarzgelb   aussprach. Die Mitglieder des Landesverbandes kennen es bis heute nicht.   Diese &#8222;Verh&#246;hnung tausender aktiver Mitglieder&#8220; (Thies Gleiss) durch die   Parteif&#252;hrung ist einer der Gr&#252;nde, warum sich das wachsende politische   Interesse in der Bev&#246;lkerung viel zu wenig in der Linkspartei und ihren   Kreisverb&#228;nden wiederspiegeln kann. Wer strategische Weichenstellungen   nicht mehr in der Partei diskutieren, sondern &#252;ber die b&#252;rgerliche   Presse kommunizieren und durchsetzen will, degradiert die Mitglieder zu   passiven Zuschauern &#8211; ausgerechnet in einer Zeit, wo Bewegungen wie die   Proteste gegen Stuttgart 21 zeigen, dass Menschen die politischen   Angelegenheiten in ihre eigenen H&#228;nde nehmen wollen. Auch damit werden   k&#252;nstliche Barrieren zwischen Linkspartei und au&#223;erparlamentarischer   Bewegung errichtet, anstatt einen lebendigen Austausch zwischen ihnen zu   erm&#246;glichen.<\/p>\n<h4>  Regierungsbeteiligung ohne Bedingungen zu formulieren<\/h4>\n<p>  Der Kern des Papiers von L&#246;tzsch, Ernst und Gysi ist das &#8222;strategische   Ziel&#8220; einer rot-rot-gr&#252;nen Regierung in 2013, ohne eine solche Koalition   &#8211; wie noch im Programmentwurf &#8211; von irgendwelchen Bedingungen abh&#228;ngig   zu machen: &#8222;Ohne unseren Druck werden sich SPD und Gr&#252;ne nicht von ihrer   Agenda-Politik verabschieden und Angebote f&#252;r die L&#246;sung zentraler   Probleme der Menschen unterbreiten. (&#8230;)In diesem Sinne fungiert die   LINKE nicht mehr nur als Korrektiv, sie muss zum Motor werden. (&#8230;)<\/p>\n<p>  Auf dieser Grundlage kann die LINKE offensiv f&#252;r die Abwahl von   Schwarz-Gelb auch durch ein rot-rot-gr&#252;nes Regierungsb&#252;ndnis k&#228;mpfen.   Denn ohne die Beteiligung der LINKEN &#8211; das lehrt die Erfahrung der   rot-gr&#252;nen Regierungsjahre &#8211; ist von SPD und Gr&#252;nen 2013 kein   Politikwechsel zu mehr Frieden und sozialer Gerechtigkeit zu erwarten.&#8220;<\/p>\n<p>  Die Behauptung, dass der Druck der LINKEN ausreiche, um SPD und Gr&#252;ne   zum Bruch mit der Agenda-Politik zu bewegen, ist ein Wunschdenken, das   der Realit&#228;t nicht einmal nach dem Regierungswechsel standgehalten hat.   Auch in der Opposition, die ja eine etwas radikalere Rhetorik gestattet,   ohne den Herrschenden weh zu tun, halten beide Parteien an der Agenda   2010, also der Bereicherung des Kapitals auf Kosten der Lohnabh&#228;ngigen   und Arbeitslosen, fest. Minikorrekturen (beim Renteneintrittsalter, bei   Hartz IV, bei der Leiharbeit oder beim Mindestlohn) beziehen sich auf   das Marketing dieser Strategie, nicht auf ihren politischen Inhalt,   dessen knallharte Umsetzung nun der schwarz-gelbe Teil des b&#252;rgerlichen   Parteienkartells &#252;bernommen hat. Damit ist auch die Schlussfolgerung des   Strategiepapiers, dass eine blo&#223;e Beteiligung der LINKEN an rot-gr&#252;nen   Regierungen einen nennenswerten Unterschied zum Sozialkahlschlag der   &#8222;rot-gr&#252;nen Regierungsjahre&#8220; ausmachen w&#252;rde, durch nichts begr&#252;ndet.   Die praktische Erfahrung auf Landesebene, also in Mecklenburg, Berlin   und Brandenburg, beweist zudem das glatte Gegenteil: Die Beteiligung der   LINKEN an solchen Regierungen hat den Sozial- und Stellenabbau nicht   gestoppt, sondern nur die LINKE als Partei des Widerstands dagegen   massiv geschw&#228;cht. So hat sich z.B. durch die Ver&#246;ffentlichung der   (Geheim)vertr&#228;ge zur Privatisierung der Berliner Wasserwerke   herausgestellt, dass die LINKE im Berliner Senat die Garantie von   Extraprofiten f&#252;r die privaten Eigent&#252;mer auf Kosten der Bev&#246;lkerung und   hinter ihrem R&#252;cken verl&#228;ngert hat. Das Regierungsb&#252;ndnis mit SPD und   Gr&#252;nen hat also keinen Politikwechsel eingeleitet, sondern umgekehrt die   Glaubw&#252;rdigkeit von programmatischen Aussagen z.B. gegen die   Privatisierungen von kommunalen Dienstleistungen untergraben. Diese   unsoziale Regierungspraxis bleibt die Hauptursache daf&#252;r, dass die LINKE   von der wachsenden Kluft zwischen Bev&#246;lkerung und Regierenden und der   Legitimationskrise des Systems kaum profitieren kann.<\/p>\n<h4>  Programmfragen<\/h4>\n<p>  W&#228;hrend der Programmentwurf Regierungsbeteiligungen der LINKEN nur dann   f&#252;r m&#246;glich h&#228;lt, wenn dort Stellen- und Sozialabbau, Privatisierungen   sowie Auslandseins&#228;tze der Bundeswehr ausgeschlossen sind, beschreibt   das Strategiepapier diese Punkte nicht als Minimalbedingungen f&#252;r die   angestrebte rotrotgr&#252;ne Bundesregierung, sondern allgemein als   &#8222;Markenzeichen&#8220; linker Politik. Dies l&#228;sst offen, was davon in   Regierungsverhandlungen aufgegeben oder auf den St. Nimmerleinstag   vertagt werden kann. Wenn es im Strategiepapier aber um die   eigenst&#228;ndigen &#8222;Markenzeichen&#8220; der Linkspartei geht, dann f&#228;llt auf,   dass explizit sozialistische Ziele nicht mehr dazu geh&#246;ren sollen. Die   im Programmentwurf geforderte Vergesellschaftung von   &#8222;strukturbestimmenden Gro&#223;betrieben&#8220; und deren demokratische Kontrolle   wird nicht einmal erw&#228;hnt, geschweige denn zum Gegenstand von Kampagnen   gemacht. Abgesehen von Banken und Energiewirtschaft geht es &#8222;in den   Gro&#223;betrieben&#8220; nur noch um &#8222;Mitarbeiterbeteiligung und Ausbau der   Mitbestimmung&#8220;. Auch die Forderung nach einer radikalen   Arbeitszeitverk&#252;rzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich als Antwort   auf den Produktivit&#228;tsfortschritt bei gleichzeitiger   Massenarbeitslosigkeit geh&#246;rt nach Meinung der Partei- und   Fraktionsvorsitzenden nicht mehr zu den erw&#228;hnenswerten &#8222;Markenzeichen   linker Politik&#8220;. Dazu z&#228;hlt in dieser Auflistung nur noch, was als   Verhandlungsmasse mit der F&#252;hrung von SPD und Gr&#252;nen in Frage kommt:   Unter diesem Gesichtspunkt ist das Strategiepapier der Parteif&#252;hrung ein   indirekter Angriff auf den antikapitalistischen Kern des   Programmentwurfs: Es degradiert das Programm zu einem theoretischen   Bekenntnis ohne Folgen f&#252;r die praktische Tages- und Regierungspolitik,   anstatt politische Strategie als Umsetzung von sozialistischen   Programmzielen ernst zu nehmen.<\/p>\n<h4>  Die &#8222;Linke in der LINKEN&#8220;<\/h4>\n<p>  Leider hat auch der linke Parteifl&#252;gel in den letzten Monaten und auf   dem Parteitag in Rostock Regierungskoalitionen mit prokapitalistischen   Parteien, die Sozialabbau betreiben, nicht grunds&#228;tzlich abgelehnt Die   Str&#246;mungsvertreter der &#8222;Antikapitalistischen Linken&#8220; und der   &#8222;Sozialistischen Linken&#8220; hatten sogar eine (Parteitags)Diskussion   dar&#252;ber mit der Begr&#252;ndung abgelehnt, dass die &#8222;Haltelinien&#8220; f&#252;r eine   Regierungsbeteiligung im Programmentwurf ausreichend seien. Mit dem   Strategiepapier zeigt sich aber, dass nicht nur das &#8222;Forum   demokratischer Sozialismus&#8220; und die F&#252;hrung der ostdeutschen   Landesverb&#228;nde, sondern auch die Partei- und Fraktionsvorsitzenden   solche Bedingungen entweder ganz kassieren oder zu einer unverbindlichen   Beruhigungspille f&#252;r die Parteibasis machen wollen. Trotzdem behauptet   Sarah Wagenknecht in einem Interview in der Jungen Welt vom 23.10, dass   ihre Partei- und Fraktionschefs im o.g. Strategiepapier &#8222;Ministerposten   nur zu unseren Bedingungen&#8220; anstreben w&#252;rden, und dass &#8222;wir uns auf   keine Koalition einlassen k&#246;nnen, in der wir inhaltliche Kernpositionen   aufgeben m&#252;ssten&#8220;. Wie ihr als Mitglied des Gesch&#228;ftsf&#252;hrenden   Bundesvorstand bekannt war und nun auch jedes Parteimitglied nachlesen   kann, steht das exakte Gegenteil in diesem Papier. Geh&#246;rt die   Vergesellschaftung der &#8222;strukturbestimmenden Gro&#223;betriebe&#8220; etwa nicht zu   den inhaltlichen Kernpositionen der LINKEN, die wir keinen   Regierungsb&#252;ndnissen opfern d&#252;rfen? Da niemand behaupten wird, dies sei   mit SPD und Gr&#252;nen durchsetzbar, darf die LINKE f&#252;r ein B&#252;ndnis mit   diesen Parteien ebenso wenig zur Verf&#252;gung stehen wie f&#252;r eine Koalition   mit der CDU oder anderen b&#252;rgerlichen Parteien.<\/p>\n<p>  Die &#8222;Sozialistische Linke&#8220;, die mit Christine Buchholz im   Gesch&#228;ftsf&#252;hrenden Bundesvorstand vertreten ist, hat sich bisher weder   zum Strategiepapier, noch zu seiner anf&#228;nglichen Geheimhaltung ge&#228;u&#223;ert.   Das Netzwerk &#8222;Marx 21&#8220; kritisiert zwar in seinem neuen Thesenpapier &#8222;Ein   (rot)rotgr&#252;ner Aufbruch?&#8220; die parlamentarische Fixierung, den Verzicht   auf die Haltelinien und die vorauseilende Anpassung an SPD und Gr&#252;ne,   h&#228;lt solche Regierungsb&#252;ndnisse aber unter anderen gesellschaftlichen   Bedingungen (also in Zeiten st&#228;rkerer Mobilisierung) f&#252;r durchaus   w&#252;nschenswert. Damit w&#252;rde die deutsche Linkspartei den   selbstm&#246;rderischen Regierungskurs, der die Linke z.B. in Italien in den   Abgrund gef&#252;hrt hat, nicht vermeiden, sondern lediglich etwas sp&#228;ter,   z.B. unter den aktuell in Frankreich herrschenden Bedingungen   einschlagen.<\/p>\n<h4>  Fazit<\/h4>\n<p>  Die Partei- und Fraktionsf&#252;hrung reagiert mit ihrem Strategiepapier auf   die Krise der schwarz-gelben Regierung, die in Umfragen einen   beispiellosen Absturz erlebt hat und vor allem in Stuttgart mit   Massenprotesten der Bev&#246;lkerung konfrontiert ist. Anstatt diese Chance   zu nutzen, um die LINKE als grundlegende Alternative zu bestehenden   System zu profilieren und so zum Motor f&#252;r diesen au&#223;erparlamentarischen   Widerstand zu werden, suchen L&#246;tzsch, Ernst und Gysi den noch engeren   Schulterschluss mit den Parteien, die in rot-gr&#252;nen Regierungen den   sozialen Kahlschlag eingeleitet haben. Mit diesem Kurs droht sich die   LINKE &#252;berfl&#252;ssig zu machen: Warum sollte die Bev&#246;lkerung auf eine Kopie   der rot-gr&#252;nen Regierungspolitik setzen, wenn das Original daf&#252;r bereits   zur Verf&#252;gung steht?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Zum &#8222;Strategiepapier&#8220; von L&#246;tzsch, Ernst und Gysi\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[25],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13961"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13961"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13961\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13961"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13961"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13961"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}