{"id":13929,"date":"2010-10-17T19:00:00","date_gmt":"2010-10-17T19:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13929"},"modified":"2010-10-17T19:00:00","modified_gmt":"2010-10-17T19:00:00","slug":"13929","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/10\/13929\/","title":{"rendered":"Stuttgart 21: Neue Proteste"},"content":{"rendered":"<p>  Eine etwas kleinere Gro&#223;kundgebung, Gespr&#228;che zur &#8222;Faktenkl&#228;rung&#8220; und   eine S&#252;dfl&#252;gelbesetzung<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Am 16. Oktober fand eine neue Gro&#223;kundgebung gegen Stuttgart 21 statt.   Ein Hauptthema der Kundgebung waren die &#8222;Gespr&#228;che zur Faktenkl&#228;rung&#8220;,   die am Vortag vereinbart worden waren. Gangolf Stocker begr&#252;ndete die   Teilnahme an den Gespr&#228;chen. Sie b&#246;ten eine M&#246;glichkeit, die Argumente   gegen Stuttgart 21 weiter zu verbreiten. Au&#223;erdem w&#252;rden dadurch viele   der Bauma&#223;nahmen f&#252;r Stuttgart 21 unterbrochen. J&#252;rgen Hugger begr&#252;ndete   f&#252;r die Aktiven Parksch&#252;tzer, warum sie nicht an den Gespr&#228;chen   teilnehmen: es gibt keinen kompletten Baustopp, die Arbeiten am   Grundwassermanagement (das die Grundwasserversorgung der Parkb&#228;ume   gef&#228;hrden k&#246;nnte) gehen weiter &#8211; und das ausgerechnet auf dem Gel&#228;nde,   das mit dem brutalen Polizeieinsatz vom 30.9. &#8222;freigemacht&#8220; wurde und   auf dem dann die B&#228;ume gef&#228;llt wurden.<\/p>\n<h4>  <i>von Wolfram Klein<\/i><\/h4>\n<p>  Nach der Lautst&#228;rke des Beifalls zu urteilen, gab es f&#252;r die Haltung der   Parksch&#252;tzer mehr Sympathien. Beide Seiten betonten aber, dass es keine   Spaltung gebe, dass die &#8222;Gespr&#228;che zur Faktenkl&#228;rung&#8220; und Massenproteste   parallel stattfinden k&#246;nnen. Viele halten das sogar f&#252;r eine geschickte   Taktik nach dem Prinzip &#8222;guter Bulle &#8211; b&#246;ser Bulle&#8220;.<\/p>\n<p>  Die Kundgebung war mit etwa 30.000 TeilnehmerInnen deutlich kleiner als   die beiden vorigen &#8222;Wochenenddemonstrationen&#8220; (1.10 und 9.10), zu denen   100.000 und mehr kamen. Das kann am schlechten Wetter gelegen haben und   daran, dass es diesmal eine Kundgebung ohne Demonstration war. Ein   weiterer Faktor kann eine gewisse Verwirrung durch die Gespr&#228;che sein.   Auch vorher sind die Demonstrationen nicht geradlinig gewachsen. Die   Freitagsdemo vom 24. September hatte auch &#8222;nur&#8220; 30.000 TeilnehmerInnen,   nachdem es am 10. 9. &#252;ber 50.000 gewesen waren.<\/p>\n<h4>  &#8222;Faktenkl&#228;rung&#8220; wozu?<\/h4>\n<p>  Auch die Bef&#252;rworter der Gespr&#228;che betonen, dass es dort nicht um eine   Entscheidung f&#252;r oder gegen Stuttgart 21 gehe, sondern eben nur um eine   Kl&#228;rung der Fakten. Die SAV hat immer betont, dass es bei Stuttgart 21   nicht prim&#228;r um Verkehrspolitik geht, sondern um kapitalistische   Profitinteressen. Die Bef&#252;rworter bringen die faulsten Ausfl&#252;chte, um   ihre wirklichen Motive zu verbergen. Gutachten, die ihre Behauptungen in   der Luft zerrei&#223;en, kamen in den Giftschrank. In den letzten Monaten   sind ein paar der Presse zugespielt worden. Wer glaubt, dass die Leute,   die auf den Demos mit gutem Grund &#8222;L&#252;genpack&#8220; genannt werden, bei den   Gespr&#228;chen alles auf den Tisch legen? Teilweise haben sie offen erkl&#228;rt,   dass es sich um &#8222;Gesch&#228;ftsgeheimnisse&#8220; handle.<\/p>\n<p>  Der SPD-&#8220;Abweichler&#8220; Conradi oder Spitzenfunktion&#228;re der Gr&#252;nen haben in   der Vergangenheit in der Presse oder als Redner auf Demos Illusion in   die Gegenseite und ihre Ziele und Motive gesch&#252;rt. Kein Wunder, sie sind   ja selbst b&#252;rgerliche Politiker und lehnen Stuttgart 21 nicht ab, weil   es kapitalistische Politik ist, sondern weil sie es f&#252;r schlechte   kapitalistische Politik halten. Sie werden im Rahmen der &#8222;Faktenkl&#228;rung&#8220;   weiter Illusionen sch&#252;ren und dadurch die Aufkl&#228;rungsm&#246;glichkeiten, die   die &#246;ffentlichen Gespr&#228;che bieten, einschr&#228;nken.<\/p>\n<p>  Die Idee, &#8222;Gespr&#228;che zur Faktenkl&#228;rung&#8220; zu f&#252;hren, dreht praktisch die   offizielle Propaganda um, dass alles nur ein Kommunikationsproblem sei.   Aber weder hat die S21-Mafia die &#8222;Vorteile&#8220; von S21 schlecht   kommuniziert noch wir die Nachteile. Es geht eben um   Interessengegens&#228;tze. Deshalb hat die SAV von Anfang an vor Illusionen   in solche Gespr&#228;che gewarnt und h&#228;lt sie auch jetzt f&#252;r eine falsche   Taktik und begr&#252;&#223;t den Ausstieg der Aktiven Parksch&#252;tzer. Aber wenn wir   meinen, dass das Aktionsb&#252;ndnis eine falsche Taktik w&#228;hlt, hei&#223;t das   nicht, dass es das Ziel, Stuttgart 21 zu beerdigen, aufgegeben h&#228;tte.   Die Gr&#252;nen waren immer schon unsichere Kantonisten. Am 3. September   wollte ihre Landesvorsitzende Silke Krebs ausdr&#252;cklich nicht   versprechen, Stuttgart 21 zu stoppen, wenn sie nach den Wahlen   mitregieren. (&quot;Ich sage ganz offen, das k&#246;nnen und das werden wir auch   nicht versprechen.&quot;) Aber dem B&#252;ndnis insgesamt &#8222;Verrat&#8220; oder   &#8222;Kapitulation&#8220; vorzuwerfen, ist nicht gerechtfertigt.<\/p>\n<h4>  Besetzung des S&#252;dfl&#252;gels<\/h4>\n<p>  Auch die Bef&#252;rworter der Gespr&#228;che betonen, dass die &#8222;Friedenspflicht&#8220;   keinen Verzicht auf Demonstrationen bedeutet. Die SAV hat immer betont,   dass Demonstrationen nicht ausreichen und massenhafter ziviler   Ungehorsam notwendig ist, um Stuttgart 21 zu stoppen. Deshalb haben wir   uns auch an der Besetzung des S&#252;dfl&#252;gels nach der Demonstration   beteiligt.<\/p>\n<p>  Durch diese Besetzung sollte deutlich gemacht werden, dass die meisten   &#8222;Zugest&#228;ndnisse&#8220; der Bahn keine sind und der Widerstand weiter gehen   muss. Die Bahn &#8222;verzichtet&#8220; gro&#223;z&#252;gig auf Arbeiten, die sie jetzt   ohnehin nicht durchf&#252;hren will oder die f&#252;r sie nicht wichtig sind. Ein   Musterbeispiel ist der &#8222;Vergabestopp&#8220;. In den letzten Tagen wurden   mehrere Gro&#223;auftr&#228;ge f&#252;r Stuttgart 21 ausgeschrieben. Jetzt wartet die   Bahn auf die Angebote, diese m&#252;ssen gepr&#252;ft werden und dann erst kann   die Bahn entscheiden, an welchen Anbieter die Auftr&#228;ge vergeben werden.   Es tut der Bahn &#252;berhaupt nicht weh, parallel zu diesem Verfahren   &#8222;Gespr&#228;che zur Faktenkl&#228;rung&#8220; zu f&#252;hren. Nach ein paar Wochen sind dann   die Gespr&#228;che mit ihrem &#8222;Vergabestopp&#8220; vorbei und die Vergabevertr&#228;ge   unterschriftsreif. Dann k&#246;nnen sie weiter Fakten schaffen. Arbeiten die   f&#252;r sie wirklich wichtig sind, wie die Erdarbeiten f&#252;r das   Grundwassermanagement, gehen weiter.<\/p>\n<p>  Eine Gruppe von etwa 30-40 BesetzerInnen gelangte in R&#228;ume im obersten   Stockwerk des S&#252;dfl&#252;gels, &#246;ffnete Fenster und h&#228;ngte Transparente (in   der Presseerkl&#228;rung der Polizei werden die Transparente als &#8222;Plakate&#8220;   bezeichnet, symptomatisch f&#252;r die Zuverl&#228;ssigkeit der Polizeiangaben)   heraus. Um einen friedlichen Ausgang der Besetzung sicherzustellen,   wollten die BesetzerInnen nach einiger Zeit freiwillig abziehen. Aber   inzwischen hatte die Polizei die T&#252;re so weit besch&#228;digt, dass sie sich   nicht mehr &#246;ffnen lie&#223;. Die folgenden umf&#228;nglichen Bem&#252;hungen der   Polizei, die T&#252;re von au&#223;en zu &#246;ffnen, d&#252;rften Humoristen noch l&#228;nger   besch&#228;ftigen. War es weise Voraussicht, dass die BesetzerInnen des   Nordfl&#252;gels am 26. Juli T&#252;ren ausgeh&#228;ngt haben, um der Polizei den   Zugang zu erleichtern? (Aber eigentlich sollte man keine Witze &#252;ber die   Schwierigkeiten der Stuttgarter Polizei mit dem &#214;ffnen von T&#252;ren machen.   Am 25. Juni 1972, zu den Zeiten der RAF-Hysterie, durchsuchte die   Stuttgarter Polizei eine Wohnung. Als der schottische Handelsvertreter   Ian McLeod, der nichts mit der RAF zu tun hatte, seine Schlafzimmtert&#252;r   &#246;ffnete und vor Schreck &#252;ber das Polizeieinsatzkommando wieder schloss,   &#246;ffnete die Polizei die T&#252;r nicht, sondern gab durch die T&#252;r t&#246;dliche   Sch&#252;sse ab.) Inzwischen hielten BesetzerInnen per Megafon Reden aus dem   Fenster, in denen u.a. die aktuellen Fragen diskutiert und die n&#228;chsten   Termine der Proteste bekannt gegeben wurden. Als die Polizei schlie&#223;lich   die T&#252;re offen hatte, wurden die BesetzerInnen fotografiert, durchsucht   und ihre Personalien aufgenommen. Anders als bei der Besetzung des   Nordfl&#252;gels wurden die BesetzerInnen daraufhin freigelassen und nicht in   die Landespolizeidirektion in der Hahnemannstra&#223;e (die Stuttgarter Gesa)   gebracht. Weitere BesetzerInnen waren in dem verwinkelten Geb&#228;ude nicht   zu den anderen BesetzerInnen in die R&#228;ume zur Stra&#223;e gelangt, sondern   vorher festgenommen worden. Sie wurden vor den anderen freigelassen,   nachdem sie die gleichen Prozeduren &#252;ber sich ergehen lassen mussten.   Den BesetzerInnen des Nordfl&#252;gels wurde Sachbesch&#228;digung vorgeworfen.   Seitdem wurde der Nordfl&#252;gel abgerissen (wobei unter Polizeischutz   zahlreiche Vorschriften verletzt wurden). Jetzt wird den BesetzerInnen   des ebenfalls f&#252;r den Abriss bestimmten S&#252;dfl&#252;gels wiederum   Hausfriedensbruch und Sachbesch&#228;digung vorgeworfen. Die BesetzerInnen   wurden von DemonstrantInnen vor dem Geb&#228;ude unterst&#252;tzt. Zeitweise   demonstrierten ein bis zwei Tausend Leute vor dem Geb&#228;ude. Zeitweise war   die Polizei sehr aggressiv und setzte Pfefferspray und Schlagst&#246;cke ein.   Es gab Verletzte.<\/p>\n<p>  Bei der Besetzung spielten Mitglieder der Jugendoffensive und der SAV   eine wichtige Rolle, hielten aus dem Fenster des besetzten Geb&#228;udes und   unten auf der Stra&#223;e Reden per Megafon etc.<\/p>\n<p>  Manche AktivistInnen f&#252;rchten vielleicht, dass die Aktion zu radikal   gewesen sein k&#246;nnte, Leute vom Protest abschrecken k&#246;nnte, die Gespr&#228;che   gef&#228;hrden w&#252;rde etc. Solche &#196;ngste gab es jedes Mal nach &#8222;radikaleren&#8220;   Aktionen wie der Nordfl&#252;gelbesetzung am 26. Juli, nach der &#214;ffnung des   Bauzauns um den Nordfl&#252;gel am 16. August oder beim Besuch Tausender   DemonstrantInnen bei einem Auftritt von Oberb&#252;rgermeister Schuster in   der Staatsgalerie am 13. September. Damals zeterten die Medien jedes   Mal, jetzt habe der Protest &#8222;die Grenze &#252;berschritten&#8220;. Tats&#228;chlich   zeigten solche Aktionsformen, dass die Bewegung zwar friedlich, aber   entschlossen ist &#8230; und die Beteiligung an Protesten wuchs immer weiter   an. Und egal, wie man zu den jetzigen Gespr&#228;chen steht &#8211; ohne die   Massenproteste w&#252;rden sie nicht stattfinden. Die Besetzung gestern und   die gro&#223;e Medienaufmerksamkeit f&#252;r sie haben deutlich gemacht, dass der   Widerstand weitergeht.<\/p>\n<p>  Die SAV hat sich seit Wochen f&#252;r eine &#8222;Widerstandskonferenz&#8220; eingesetzt,   um AktivistInnen zusammen zu bringen und die verschiedenen Aufgaben und   Aktionsformen, die jetzt anstehen, zu koordinieren. Deshalb begr&#252;&#223;en wir   es sehr, dass am 20. Oktober eine &#8222;offene Aktionskonferenz&#8220; stattfindet,   die diese Rolle spielen kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Eine etwas kleinere Gro&#223;kundgebung, Gespr&#228;che zur &#8222;Faktenkl&#228;rung&#8220; und<br \/>\n      eine S&#252;dfl&#252;gelbesetzung\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[78,58],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13929"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13929"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13929\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13929"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13929"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13929"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}