{"id":13928,"date":"2010-10-16T12:00:00","date_gmt":"2010-10-16T12:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13928"},"modified":"2010-10-16T12:00:00","modified_gmt":"2010-10-16T12:00:00","slug":"13928","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/10\/13928\/","title":{"rendered":"Frankreich: Gr&#246;&#223;te Demonstrationen seit Jahren"},"content":{"rendered":"<p>  ArbeiterInnen k&#246;nnen die ganze Wirtschaft zum Stillstand bringen<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Frankreich r&#252;ckt zunehmend in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit nicht   nur der herrschenden Klassen Europas, sondern auch vieler ArbeiterInnen   und Jugendlicher in ganz Europa. Die Auseinandersetzung um die   Rentenreform wird immer mehr zum Kristallisationspunkt des Konfliktes   zwischen den Kr&#228;ften des Kapitalismus mit ihrem reaktion&#228;ren   &#8222;Spar&#8220;-Programm und dem wachsenden Widerstand der Arbeiterklasse.<\/p>\n<h4>  <i>von Cedric Gerome, CWI, London, und Alex Rouillard, Gauche   Revolutionnaire (CWI Frankreich)<\/i><\/h4>\n<p>  Eine spektakul&#228;re Anzahl an Menschen wurde am Dienstag, 12. Oktober auf   die Stra&#223;en mobilisiert. Am vierten &#8222;Aktionstag&#8220; (Massendemonstrationen   und Streiks) in Frankreich seit Anfang September beteiligten sich   landesweit 3,5 Millionen Menschen, 20 Prozent mehr als bei den   vorherigen Demonstrationen. In ganz Frankreich gab es insgesamt nicht   weniger als 244 Demonstrationen. Selbst die Polizei musste anerkennen   dass die Beteiligung erneut in jeder Stadt gewachsen war. In der an   Klassenk&#228;mpfen reichen franz&#246;sischen Geschichte findet sich nur selten   eine so hohe Demo-Beteiligung an einem Tag. Es scheint, dass jede   Handlung und jeder Kommentar der VertreterInnen der Regierung mehr   Menschen dazu bringt, sich den Protesten anzuschlie&#223;en.<\/p>\n<p>  330.000 demonstrierten in Paris, 230.000 in Marseilles, 145.000 in   Toulouse,&#8230;&#252;berall das gleiche Bild. Trotz der von Sarkozys Regierung   ge&#228;u&#223;erten Erwartung, dass sich die Bewegung totlaufen werde, und trotz   der offensichtlichen b&#252;rokratischen Versuche der Gewerkschaftsf&#252;hrungen   dazu beizutragen, verbreitert sich die Bewegung und bezieht das   Hinterland mit ein. In Marseilles hat sogar eine Polizeigewerkschaft die   offiziellen Angaben der Polizei &#252;ber die Gr&#246;&#223;e der Demonstration als   &#8222;gef&#228;lscht&#8220; bezeichnet, w&#228;hrend sich in Paris einige PolizistInnen den   Protesten anschlossen. In Rouen ging ein Achtel der Bev&#246;lkerung auf der   Stra&#223;e, die gr&#246;&#223;te Demo seit 1995, &#8222;eine echte menschliche Welle&#8220;, wie   ein Aktivist von Gauche Revolutionnaire (der franz&#246;sischen   Schwesterorganisation der SAV) es bezeichnet, der sagt: &#8222;Als Antwort auf   den Slogan &quot;Wir brauchen jetzt einen wiederholbaren Generalstreik&quot; haben   viele mit dem Kopf genickt.&#8220;<\/p>\n<p>  Sogar kapitalistische Zeitungen sind voll von Kommentaren und   Interviews, die stark auf eine weitere Radikalisierung der Stimmung hin   deuten. Auch Kritiken an der konservativen Haltung der   Gewerkschaftsf&#252;hrung und ihrer Weigerung aktiv zu werden fehlen nicht.   &#8222;Mitglieder haben genug davon einfach auf der Stra&#223;e herumzuwandern&#8220;,   &#8222;wir m&#252;ssen ein neues Level der Aktion erreichen&#8220;, &#8222;die freundlichen   Spazierg&#228;nge die in Pariser Vororten enden reichen nicht mehr, wir   m&#252;ssen den Konflikt h&#228;rter f&#252;hren&#8220;, &#8222;wenn wir die Wirtschaft des Landes   lahmlegen wird die Regierung, das Sprachrohr der Bosse, auf uns h&#246;ren&#8220;   usw.. Dieser wachsende Proteststurm polarisiert die ganze politische   Landschaft, selbst die Oppositionsf&#252;hrer von der so genannten   &#8222;Sozialistischen&#8220; Partei, die zuvor eine Anhebung des   Renteneintrittsalters um zwei Jahre gefordert hatten, bitten Sarkozy   jetzt, seine Reformen &#8222;schnell und einfach&#8220; zur&#252;ckzuziehen und warnen   vor der Gefahr gr&#246;&#223;erer Konfrontationen.<\/p>\n<h4>  &#8220;Ein Anflug des Radikalismus von 1968&#8221;<\/h4>\n<p>  Wichtig ist, dass zum ersten Mal Jugendliche &#8211; Sch&#252;lerInnen und   Studierende &#8211; auf entscheidende Art in den Kampf eingegriffen haben. Das   war eine wichtige Antwort auf die Erkl&#228;rungen mancher   Sarkozy-Unterst&#252;tzer, die behaupteten, die Studierenden und Jugendlichen   w&#252;rden &#8222;manipuliert&#8220; und dass die Debatte um die Renten sie nicht   betreffe. Nach einigen Sch&#228;tzungen w&#252;rde die Erh&#246;hung des   Renteneintrittsalters eine Million Jobs vernichten und damit junge   Menschen offensichtlich direkt betreffen. Au&#223;erdem ist die Rentenreform   nur &#8222;der Baum, der den Wald versteckt&#8220;, ein Teil einer massiven Welle   von Angriffen die die franz&#246;sische Rechte durchsetzen will. Deshalb   bereitet sich Sarkozy darauf vor, der Arbeiterklasse eine gr&#246;&#223;ere   Niederlage beizubringen die das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis zwischen Arbeiterklasse   und Kapital nachhaltig ver&#228;ndern k&#246;nnte.<\/p>\n<p>  Die hohe Beteiligung von Jugendlichen an den Demos am Dienstag war   auff&#228;llig, 300 Oberstufen und 400 Sekundarschulen wurden im ganzen Land   bestreikt, die Sch&#252;lerInnen schlossen sich den Protesten an. In Rouen   war der Block der Sch&#252;lerInnen in der Demo viermal so gro&#223; wie am 2.   Oktober. &#8222;Sarko, du bist gefickt, die Jugend geht auf die Stra&#223;e&#8220; riefen   Sch&#252;lerInnen in Toulouse, als sie sich zum ersten Mal massenhaft am   Protest beteiligten.<\/p>\n<p>  Das hat &#196;ngste des herrschenden Establishments wiederbelebt; die   Verbindung zwischen den K&#228;mpfen der Jugendlichen und der ArbeiterInnen   ist das &#8222;traditionelle&#8220; Szenario, durch das franz&#246;sische Regierungen in   der Vergangenheit bei wichtigen Reformen zum R&#252;ckzug gezwungen wurden.   &#8222;Die rechte Mitte Frankreichs ist immer noch durch die Ereignisse vom   Mai 1968 traumatisiert, als Studierende gemeinsam mit streikenden   ArbeiterInnen gegen die Wirtschafts- und Sozialpolitik Charles de   Gaulles rebellierten&#8220;, kommentierte die &#8222;Financial Times&#8220;, die &#8222;einen   Anflug des Radikalismus von 1968&#8220; beschw&#246;rt.<\/p>\n<p>  Und Sarkozy wei&#223;, was auf dem Spiel steht. Er war w&#228;hrend der   Auseinandersetzung um das CPE-Gesetz 2006 Innenminister, als der   gemeinsame Kampf von Jugendlichen und ArbeiterInnen und die Androhung   des Generalstreiks die damalige rechte Regierung zwang, ihren Plan f&#252;r   flexiblere befristete Arbeitsvertr&#228;ge f&#252;r junge Menschen fallen zu   lassen.<\/p>\n<p>  Die Satirezeitung &#8222;Le Canard Enchain&#233;&#8220; zitierte Sarkozy vor kurzem mit   den Worten: &#8222;Wir m&#252;ssen die Mobilisierung der Jugendlichen auf jeden   Fall vermeiden. F&#252;r eine Regierung gibt es nichts schlimmeres als eine   Verbindung der sozialen- und der Bildungsfront. Ich spreche nicht von   Lehrern, die streiken wenn sie aus den Ferien zur&#252;ckkommen, sondern von   Sch&#252;lern und Studenten. Man muss sie gut &#252;berwachen, wie Milch auf einem   Herd.&#8220;<\/p>\n<h4>  Unbefristete Streiks verbreiten sich von unten<\/h4>\n<p>  Auch der &#214;PNV, der Bildungsbereich, die Metall- und Chemieindustrie, die   Post, Raffinerien und H&#228;fen waren am Dienstag stark von Streiks   betroffen. Aber auch in weniger &#8222;traditionellen&#8220; Bereichen gab es   Streiks: in Paris wurden hunderte von TouristInnen vom Eiffelturm   weggeschickt nachdem dessen Belegschaft in den Streik getreten war!<\/p>\n<p>  Im Nahverkehr haben die Besch&#228;ftigten der RATP (Pariser &#246;ffentlicher   Nahverkehr) auf Vollversammlungen f&#252;r unbefristeten Streik ab dem 12.   Oktober gestimmt. Auch die Gewerkschaften bei der Staatsbahn SNCF haben   wiederholte 24-st&#252;ndige Streiks angek&#252;ndigt.<\/p>\n<p>  Ein Streik am Hafen der &#214;lterminals Fos und Lavera in Marseille dauert   seit 17 Tagen an. Dieser Streik mit Blockade ist strategisch wichtig, da   vierzig Prozent des nach Frankreich importierten Roh&#246;ls durch diese   Terminals kommt. Durch ihren Streik verhindern die ArbeiterInnen   Lieferungen zu der H&#228;lfte der &#214;llager des Landes! Auch in elf von zw&#246;lf   franz&#246;sischen &#214;lraffinerien, darunter alle sechs Standorte von TOTAL,   wurde am Dienstag gestreikt. Die Betriebsgruppe TOTAL der CGT, der die   Mehrheit der RaffineriearbeiterInnen in Frankreich organisiert, ist   anschlie&#223;end zu wiederholten Streiks &#252;bergegangen, so dass der Konzern   die Produktion an allen franz&#246;sischen Standorten stoppen musste. In acht   von zw&#246;lf Raffinerien in Frankreich wurde die Arbeit eingestellt. Die   Regierung versucht das Risiko eines Benzinmangels kleinzureden,   franz&#246;sische Treibstoffdepots h&#228;tten genug gelagert um die Tankstellen   f&#252;r eine Weile zu versorgen. Aber am Mittwoch haben Streikende   angefangen, auch einige Depots zu blockieren.<\/p>\n<p>  Die mutige Aktion dieser ArbeiterInnen darf nicht isoliert bleiben,   sondern sollte durch &#228;hnliche Initiativen im ganzen Land unterst&#252;tzt   werden. Jeder wiederholte Streik der angek&#252;ndigt wird ist ein Schritt in   diese Richtung.<\/p>\n<p>  Die Tatsache dass einige &#8222;gr&#232;ves reconductibles&#8220; (&#8222;verl&#228;ngerbare&#8220;   Streiks) begonnen haben und in manchen Betrieben angek&#252;ndigt oder   diskutiert wurden markiert einen Wendepunkt. Beeindruckende 61 Prozent   der Bev&#246;lkerung sind nach einer CSA-Umfrage f&#252;r &#8222;Le Parisien&#8220; f&#252;r   unbefristete Streiks! Es f&#228;llt auf, dass eine klare F&#252;hrung fehlt, die   die h&#246;heren Gewerkschaftsfunktion&#228;re nicht bilden wollen. Bernard   Thibault, der Generalsekret&#228;r der CGT, hat in einem Radiointerview seine   Ablehnung eines Generalstreiks erkl&#228;rt, den er als &#8222;abstrakten Slogan,   der nicht zu den Praktiken passt, die das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis verbessern&#8220;   verwirft. Allerdings ist angesichts dessen eine wachsende Anzahl von   ArbeiterInnen, deren Selbstvertrauen durch die massiven Mobilisierungen   der letzten Tage gest&#228;rkt wurde, nicht bereit l&#228;nger zu warten. Sie   ergreifen selbst die Initiative.<\/p>\n<p>  Die Frage eines unbefristeten Generalstreiks liegt jetzt in der Luft.   Sarkozy und die Kapitalistenklasse spielen eine entscheidende Karte in   diesem Konflikt aus, w&#228;hrend die Mehrheit der Lohnabh&#228;ngigen und   Jugendlichen, die einen Eindruck von ihrer gewaltigen potentiellen Macht   gewonnen haben, sich entscheiden den Kampf weiter zu f&#252;hren. Alle   Zutaten f&#252;r eine massive Konfrontation zwischen den Klassen sind   vorhanden. Trotzdem versuchen die F&#252;hrerInnen an den Spitzen der   Bewegung mit aller Macht so ein Szenario zu vermeiden, weil sie f&#252;rchten   die Kontrolle &#252;ber die Situation zu verlieren.<\/p>\n<p>  Ein kompletter Generalstreik, der die ganze Wirtschaft zum Stillstand   bringt, k&#246;nnte nicht nur die Regierung und die Bosse zwingen, ihre   unmittelbaren Ziele aufzugeben. Er w&#252;rde im Endeffekt auch die Frage   aufwerfen wer die Macht in der Gesellschaft hat. Eine neue Generation   von AktivistInnen muss die Lehren des Mai 1968 wieder betrachten, um   sich auf so eine Entwicklung und alle ihre Folgen vorzubereiten.<\/p>\n<p>  Die Entwicklung eines vollst&#228;ndigen Generalstreiks muss in allen   Betrieben, Schulen und Universit&#228;ten vorbereitet werden, unterst&#252;tzt   durch regelm&#228;&#223;ige Vollversammlungen und demokratisch gew&#228;hlte   Aktionsstrukturen. Auf &#246;rtlicher, regionaler und nationaler Ebene   koordiniert w&#252;rden diese Strukturen erm&#246;glichen, den Konflikt auf eine   neue Ebene zu heben. Sie w&#252;rden die Basis f&#252;r einen entscheidenden Kampf   daf&#252;r bilden, Sarkozy &amp; Co durch eine Regierung von VertreterInnen der   Lohnabh&#228;ngigen zu ersetzen, die von solchen Strukturen gew&#228;hlt werden   k&#246;nnte und den Weg zu einer sozialistischen Ver&#228;nderung der Gesellschaft   er&#246;ffnen w&#252;rde. Durch die Verstaatlichung der gro&#223;en Monopole und Banken   unter demokratischer Kontrolle und Verwaltung der Arbeiterklasse w&#252;rde   der Anfang gemacht f&#252;r die Ausarbeitung einer im Interesse der Mehrheit   funktionierenden geplanten Wirtschaft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      ArbeiterInnen k&#246;nnen die ganze Wirtschaft zum Stillstand bringen\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[46],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13928"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13928"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13928\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13928"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13928"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13928"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}