{"id":13922,"date":"2010-10-12T00:00:00","date_gmt":"2010-10-11T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13922"},"modified":"2015-08-28T11:43:11","modified_gmt":"2015-08-28T09:43:11","slug":"13922","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/10\/13922\/","title":{"rendered":"Gibt es ein Integrationsproblem?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/5478180493_e7e2a53afe_b.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-23187\" title=\"Rassismus &amp; Integrationsdebatte\" src=\"https:\/\/www.archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/5478180493_e7e2a53afe_b-e1355482232850-280x173.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"173\" srcset=\"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/5478180493_e7e2a53afe_b-e1355482232850-280x173.jpg 280w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/5478180493_e7e2a53afe_b-e1355482232850-162x100.jpg 162w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/5478180493_e7e2a53afe_b-e1355482232850-560x347.jpg 560w, https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/5478180493_e7e2a53afe_b-e1355482232850.jpg 679w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/><\/a>Eine Auseinandersetzung mit Sarrazins Thesen<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In den Medien l\u00e4uft eine sogenannte \u201eIntegrationsdebatte\u201c. Der ehemalige Berliner Finanzsenator und Bundesbank-Vorstand Sarrazin (SPD) und Andere haben Thesen aufgestellt, die darauf hinauslaufen, dass die MigrantInnen, vor allem aus \u00fcberwiegend islamischen L\u00e4ndern, selbst verantwortlich sind f\u00fcr Probleme wie Arbeitslosigkeit und Armut. Sarrazin behauptet, dass diese Probleme in der Kultur und sogar in den Genen der MigrantInnen verankert sind. Er tritt daher auch nicht f\u00fcr ein besseres Zusammenleben ein, sondern propagiert Ausgrenzung und Diskriminierung.<\/p>\n<p>Der soziale Verfall in den St\u00e4dten, die wachsende Polarisierung zwischen Arm und Reich, die schlechte Lage im Bildungswesen und in der Kinderbetreuung bilden die Grundlage f\u00fcr eine breite Unzufriedenheit. Viele trauen den etablierten Parteien keine L\u00f6sung zu und sind offen f\u00fcr scheinbar \u201eunkonventionelle\u201c Ideen. Es gibt ein gro\u00dfes Interesse an Sarrazins Buch.<\/p>\n<p>Ist es tats\u00e4chlich so, dass Sarrazin sich im Ton vergreift, aber im Kern echte Probleme anspricht und L\u00f6sungen aufzeigt? Was steckt hinter der massiven Debatte um die \u201eIntegration\u201c? Wir gehen im Folgenden auf Behauptungen und Fragen ein, die von Sarrazin und Anderen \u201eIslam-Kritikern\u201c und aufgeworfen werden.<\/p>\n<h4><em>von Claus Ludwig, Sozialistischer Stadtrat, Die LINKE.K\u00f6ln<\/em><\/h4>\n<p><strong>D\u00fcrfen Probleme bei der Integration von Migranten in Deutschland nicht \u00f6ffentlich diskutiert werden? Bringt Sarrazin mit seinem Buch endlich eine \u00f6ffentliche Diskussion in Gang?<\/strong><\/p>\n<p>Sarrazin selbst konnte bisher sich nach Belieben in den Medien zum Thema MigrantInnen ausbreiten. Es gibt kein Schweigen oder keine Tabus, alle Parteien f\u00fchren die \u201eIntegrationsdebatte\u201c seit Jahren. Neu ist an Sarrazins Thesen weder die These, dass die Integration gescheitert sei noch die Gleichsetzung der Menschen aus islamischen L\u00e4ndern als Muslime oder gar Islamisten. Ein Tabu bricht Sarrazin allerdings: Er behauptet, dass es kulturell und sogar genetisch vorherbestimmt ist, dass Menschen aus \u00fcberwiegend islamischen L\u00e4ndern \u00e4rmer, zu h\u00f6heren Anteilen arbeitslos sowie schlechter gebildet sind und mehr Kinder bekommen. Damit kn\u00fcpft er am biologistischen Rassismus des 19. Jahrhunderts an, der auch die Grundlage der \u201eRassenlehre\u201c der Nazis bildete. Dass er seine biologisch begr\u00fcndete Nationenlehre in seinem Buch nicht konsequent durchh\u00e4lt, die Frage der Gene relativiert und an einigen Stellen betont, dass alle die \u201esich integrieren wollen\u201c, gerne gesehen sind, \u00e4ndert nichts an seiner Grenz\u00fcberschreitung. Eine Idee, die bisher nur offene Nazis ausgesprochen haben, ist durch einen Prominenten in die \u00f6ffentliche Debatte eingef\u00fchrt worden. Konsequenterweise macht er auch keine Vorschl\u00e4ge, wie die Bildungs- oder Arbeitsplatzsituation in Deutschland verbessert werden kann. Er fordert, die Zahl der MigrantInnen zu reduzieren.<\/p>\n<p><strong>K\u00e4mpft Sarrazin gegen das politische Establishment und vertritt dabei die Interessen der normalen Bev\u00f6lkerung?<\/strong><\/p>\n<p>Thilo Sarrazin ist Sohn eines Arztes. Nach seinem Volkswirtschaftsstudium kam er \u00fcber die Friedrich-Ebert-Stiftung zur SPD und ist seit 1975 im \u00f6ffentlichen Dienst besch\u00e4ftigt. Er hatte hochdotierte Posten inne, unter Anderem war er Finanzsenator in Berlin. Seine gutbezahlten Posten lie\u00dfen ihm offensichtlich genug freie Zeit, um sich zu Themen zu \u00e4u\u00dfern, die mit seiner Arbeit wenig zusammenh\u00e4ngen. Sarrazin hat mehrfach seine Verachtung gegen\u00fcber Armen und Lohnabh\u00e4ngigen ausgedr\u00fcckt. 2008 machte er Vorschl\u00e4ge, wie sich ALG-2-BezieherInnen von weniger als 4 Euro am Tag ern\u00e4hren k\u00f6nnten und behauptete, die Erwerbslosen w\u00fcrden zu hohe Energiekosten verursachen, weil sie den ganzen Tag zu Hause hocken, die Heizung voll aufdrehen und die Temperatur mit dem offenen Fenster regulieren. Im Juli 2009 wandte er sich gegen die Rentenerh\u00f6hung und forderte stattdessen ein Absenken der Rente auf eine \u201eMindestsicherung\u201c. Er will nicht mehr Gelder f\u00fcr die Bildung, sondern tritt f\u00fcr K\u00fcrzungen ein und will Privatschulen st\u00e4rken. Sarrazin ist Establishment pur: Finanziell abgesichert seit der Geburt, voller Verachtung f\u00fcr die einfache Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p><strong>Setzt sich Sarrazin selbstlos f\u00fcr seine Sache ein und riskiert Geld und Karriere?<\/strong><\/p>\n<p>Sarrazin betont die Risiken seines Auftretens, um ein Bild von sich als Rebell und \u201eVolksheld\u201c zu zeichnen. Tatsache ist: Er hat sein Buch w\u00e4hrend seiner gut bezahlten T\u00e4tigkeit als Vorstand der Bundesbank, eines \u00f6ffentlichen Unternehmens, geschrieben und dabei auf Ressourcen der Bundesbank zur\u00fcckgegriffen. Angesichts seiner medialen Pr\u00e4senz liegt der Verdacht nahe, dass er das Buch w\u00e4hrend seiner Arbeitszeit geschrieben und seinen Job vernachl\u00e4ssigt hat. Das ist nicht ungew\u00f6hnlich, viele Politiker und Manager \u00f6ffentlicher Unternehmen haben w\u00e4hrend ihrer Arbeit oftmals viel Zeit, andere Dinge zu tun, die ihnen Geld und Ruhm einbringen. Sarrazin kassiert nicht nur sein normales Gehalt, denn trotz seiner Vollzeitanstellung hat er noch viele andere \u201eehrenamtliche\u201c Aufgaben, f\u00fcr die er \u201eAufwandsentsch\u00e4digungen\u201c erh\u00e4lt. Aufsichtsratsmitglieder erhalten f\u00fcr Sitzungen, die wenige Stunden dauern, auch in \u00f6ffentlichen Unternehmen mehr Geld als ein ALG2-Empf\u00e4nger f\u00fcr einen ganzen Monat bekommt. Als Finanzsenator war er Rekordhalter bei den \u201eNebent\u00e4tigkeiten\u201c &#8211; er nahm 46 (!) \u201eNebent\u00e4tigkeiten\u201c in Aufsichtsr\u00e4ten oder anderen Gremien war.<\/p>\n<p>Wenn ein Normalarbeitnehmer aus seinem Beruf vorzeitig aussteigt, muss er massive Abstriche bei der Rente in Kauf nehmen, die in vielen F\u00e4llen zum Sinken der Rente auf das Hartz-IV-Niveau f\u00fchren w\u00fcrden. Thilo Sarrazin w\u00e4re als Arbeiter in einem Produktionsbetrieb fristlos gek\u00fcndigt worden, weil er w\u00e4hrend seiner Arbeitszeit privaten T\u00e4tigkeiten nachgegangen ist. Aber er rmuss keine Abschl\u00e4ge in Kauf nehmen. Er bekommt ab sofort die volle Pension von 10.000 Euro monatlich, die ihm zustehen w\u00fcrde, wenn er bis 2014 arbeiten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Sarrazin tut das, was er anderen vorwirft: \u00d6ffentliche Gelder beziehen und nebenbei Geld verdienen. Allerdings in weit gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfstab als sogenannte \u201eSozialbetr\u00fcger\u201c.<\/p>\n<p><strong>Ist Sarrazin ein Experte, weil er die Verschlechterung sozialer Bedingungen und des Bildungsniveaus in Berlin seit Jahren beobachtet hat?<\/strong><\/p>\n<p>Er hat die Entwicklung in Berlin nicht nur beobachtet, sondern entscheidend beeinflusst. Als Berliner Finanzsenator war er 7 Jahre lang mitverantwortlich f\u00fcr massive Sozialk\u00fcrzungen, welche die Lebenssituation gerade in armen Stadtteilen wie Neuk\u00f6lln verschlechtert haben. Die Probleme im Berliner Bildungswesen sind eine direkte Folge der K\u00fcrzungen in Schulen, Kitas und Jugendzentren und der Ausgrenzung eines Teils der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p><strong>Gibt es eine hohe Arbeitslosigkeit und eine wachsende Armut, weil das Bildungsniveau gesunken ist?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt in Deutschland zu wenig Arbeitspl\u00e4tze. Die Produktion ist stark rationalisiert worden. Jobs im \u00f6ffentlichen Dienst wurden abgebaut, um die \u00f6ffentlichen Kassen zu entlasten und Aufgaben zu reduzieren. Dieser Mangel an Arbeitspl\u00e4tzen besteht unabh\u00e4ngig davon, ob alle Menschen Abitur haben und sich 100prozentig bildungsm\u00e4\u00dfig engagieren. W\u00e4re das Bildungsniveau h\u00f6her, g\u00e4be es nur mehr hervorragend gebildete Arbeitslose, die alle auf gleichem Niveau um die knappen Jobs konkurrieren w\u00fcrden. Die Verbesserung des Bildungswesens ist n\u00f6tig, aber w\u00fcrde an der sozialen Ungleichheit wenig \u00e4ndern.<\/p>\n<p>In der Aufschwungsphase des Kapitalismus in den 60er und 70er Jahren war es kein Problem, dass viele Sch\u00fclerInnen \u201enur\u201c die Hauptschule absolviert hatten. Die wachsende Wirtschaft brauchte auf allen Ebenen Arbeitskr\u00e4fte: Facharbeiter, Ungelernte, Ingenieure. Menschen mit geringer Schulbildung wurden in die Wirtschaft integiert. Der Arbeitskr\u00e4ftemangel zwang die Unternehmen zudem, die Arbeitskr\u00e4fte aus- und weiterzubilden.<\/p>\n<p>Als in den 70er Jahren mehr Akademiker und Fachkr\u00e4fte und Menschen mit Sozialberufen gebraucht wurden, \u00e4nderte sich die Bildungspolitik. Die Unis wurden f\u00fcr Arbeiterkinder ge\u00f6ffnet, der Staat bezahlte Umschulung und Weiterbildung. Das Bildungsniveau weiter Teile der Arbeiterklasse stieg an.<\/p>\n<p>Heute k\u00f6nnen sich die Unternehmer Leute rauspicken, die schon vor der Berufsausbildung Vieles drauf haben und behaupten, die Anderen, f\u00fcr die sie keine Jobs haben, w\u00e4ren \u201enicht gut genug\u201c. Die Hauptschule dient heute nicht zur Vorbereitung auf eine Berufsausbildung, sondern zum Aussortieren von Teilen der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Das schlecht ausgestattete und ungerechte Bildungswesen im heutigen Deutschland ist das Ergebnis der Krise des kapitalistischen Wirtschaftssystems und nicht dessen Ursache.<\/p>\n<p><strong>Ist Intelligenz genetisch bedingt und haben Menschen unterschiedlicher Herkunft erblich bedingte unterschiedliche Intelligenz?<\/strong><\/p>\n<p>Thilo Sarrazin behauptet in seinem Buch erstens, dass Intelligenz zu f\u00fcnfzig bis achtzig Prozent vererbt wird und zweitens, dass Muslime aus der T\u00fcrkei und dem Nahen und Mittleren Osten, sowie Menschen aus der so genannten Unterschicht aus genetischen und kulturellen Gr\u00fcnden eine niedrigere Intelligenz haben.<\/p>\n<p>Dieser Gedanke zieht sich durch sein gesamtes Buch und taucht immer wieder auf. Er stellt das geistige Fundament dar, auf dem Sarrazins politische Positionen und Forderungen aufbauen. Das gilt, obwohl er selber inkonsequent und widerspr\u00fcchlich argumentiert. An manchen Stellen betont Sarrazin den Gedanken der Vererbung von intellektuellem Potenzial, an anderer Stelle betont er die kulturellen Traditionen des Islam als ausschlaggebend. In beiden F\u00e4llen aber geht er davon aus, dass dies unver\u00e4nderlich ist.<\/p>\n<p>Das ist gelinde gesagt pseudowissenschaftlicher Unsinn. Die Genforschung hat noch kein Intelligenz-Gen entdecken k\u00f6nnen. Ebenso sind die Erbanlagen bei allen Menschen weitgehend identisch. Craig Venter, der ma\u00dfgeblich an der Entschl\u00fcsselung des menschlichen Genoms beteiligt war, sagt dazu: \u201cWir k\u00f6nnen die ethnische Zugeh\u00f6rigkeit eines Menschen nicht auf der Grundlage des genetischen Codes bestimmen, weil Rasse und ethnische Zugeh\u00f6rigkeit nicht auf wissenschaftlichen, sondern auf sozialen Konzepten basieren.\u201d Der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO) erkl\u00e4rt, dass \u201cjede Volksgruppe grunds\u00e4tzlich das gleiche genetische Potenzial f\u00fcr Intelligenzleistungen hat.\u201d Und die Intelligenzforscherin Elisabeth Stern, auf die sich Sarrazin in seinem buch bezieht, sagte zu seinen Thesen:\u201dMit seinem mehrfach wiederholten Satz \u2018Intelligenz ist zu 50 bis 80 Prozent erblich\u2019 zeigt Thilo Sarrazin, dass er Grundlegendes \u00fcber Erblichkeit und Intelligenz nicht verstanden hat.\u201d Schon der Intelligenzbegriff ist zu hinterfragen und es gibt in der modernen Wissenschaft keine Definition, auf die sich die ForscherInnen einigen konnten. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass es viele verschiedene Arten kognitiver F\u00e4higkeiten gibt. Die Gene bestimmen dabei nur den Aufbau des menschlichen Gehirns, nicht aber die Aussch\u00f6pfung seines Potenzials. Alle Forschungen weisen darauf hin, dass dieses stark mit \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcssen zu tun hat. Intelligenz ist also etwas, das sich permanent entwickelt und durch soziale, \u00f6kologische, materielle Faktoren beeinflusst ist und durch Training gesteigert werden kann. Wie in einem Spiegel-Artikel zu lesen war: &#8222;Nur wenn die Umwelt dem Gehirn beschert, was es begehrt, kann die Intelligenz eines Menschen gedeihen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Ist eine h\u00f6here durchschnittliche Intelligenz die Grundlage f\u00fcr den Wohlstand eines Landes?<\/strong><\/p>\n<p>Diese Ideen vertreten z.B. auch die \u201eBegabungsforscher\u201c Rindermann und Rost, die in der FAZ Sarrazins Thesen als \u201evern\u00fcnftig\u201c und \u201emit dem Kenntnisstand der modernen psychologischen Forschung vereinbar\u201c bezeichnen.<\/p>\n<p>Wie sie zu dieser Schlussfolgerung kommen, bleibt ihr Geheimnis. Denn selbst ihre eigenen Zahlen belegen, dass eine wachsender Intelligenzquotient nicht die Voraussetzung der \u00f6konomischen Entwicklung ist, sondern deren Folge, namentlich der Herausbildung des industriell basierten Kapitalismus, unabh\u00e4ngig von Kontinenten und Nationen. Trotz \u201eabnehmender Kinderzahlen in bildungsorientierten (= b\u00fcrgerlichen) Familien\u201c wuchs im 20. Jahrhundert weltweit der IQ \u2013 Folge der kapitalitischen Entwicklung.<\/p>\n<p>Beim IQ-Test werden kognitive F\u00e4higkeiten abgefragt, wie sie in einer industriell-kapitalistischen Gesellschaft gebraucht werden. Insofern ist es kein Wunder, dass Menschen aus entwickelten kapitalistischen L\u00e4ndern bei den Tests gut abschneiden. Die geistigen F\u00e4higkeiten, die Menschen in vorkapitalistischen Gesellschaften ben\u00f6tigten, z.B. im Umgang mit der Natur, werden nicht abgefragt. Insofern geht es dabei nicht um \u201eIntelligenz\u201c als einen objektiv messbaren und \u00fcber alle Zeiten gleichen Wert, sondern um die Abfrage, inwieweit die geistigen F\u00e4higkeiten an den Stand der Produktivkr\u00e4fte angepasst sind.<\/p>\n<p>Zudem zeigen alle Studien, dass die geistige Entwicklung massiv abh\u00e4ngt von der F\u00f6rderung in Kita und Schule. Allein der niedrige Stand der Bildungsausgaben in Deutschland gemessen am BIP (Bruttoinlandsprodukt) im Vergleich mit anderen L\u00e4ndern ist geradezu ein Programm zur Verhinderung der Entwicklung von Potenzialen der Jugend. Dies betrifft wegen der speziellen Struktur des dreigliedrigen Bildungssystems massiv Kinder und Jugendlichen aus migrantischen Familien.<\/p>\n<p>Ein steigendes Bildungsniveau ist Ausdruck einer \u00f6konomischen Weiterentwicklung und der Tatsache, dass die Herrschenden eines Landes eine Hoffnung auf die Zukunft haben. Der Niedergang der Bildung in Deutschland ist Ausdruck des Zynismus von herrschender Klasse und politischem Establishment und ihrer Auffassung, dass es auf kapitalistischer Grundlage keine Verbesserung der Lebenssituation der Massen geben wird, sondern nur Abbau von \u00f6ffentlichen Diensten und Lohndumping. Dass die Besch\u00e4ftigten und RentnerInnen den \u201eG\u00fcrtel enger schnallen m\u00fcssen\u201c, beschreibt auch Sarrazin in seinem Buch.<\/p>\n<p><strong>Stellen T\u00fcrken und Araber eine einheitliche Masse dar, mit gleicher Kultur, gleichen Genen?<\/strong><\/p>\n<p>Wer nur ein bisschen die Augen aufmacht, wei\u00df, dass das nicht stimmt. Die MigrantInnen aus T\u00fcrkei, Kurdistan, Arabien sind nicht homogen. Es gibt Muslime, es gibt Atheisten, Nationalisten, Linke, Liberale. Es gibt Jugendliche, die voll in der \u201eJugendkultur\u201c europ\u00e4ischer bzw. US-amerikanischer Pr\u00e4gung aufgehen. Es gibt politische Debatten. Es gibt erfolgreiche Klein- bis Mittelunternehmer.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gibt es in den letzten Jahren ein Wachstum islamisch-fundamentalistischer Ideen. In den 70er Jahren waren hingegen linke und gewerkschaftliche Positionen vor allem bei der t\u00fcrkischen Bev\u00f6lkerung dominant. Das Wachstum islamischer Ideen hat konkrete Ursachen. Es ist einerseits eine Folge der Niederlagen der t\u00fcrkischen Linken seit dem Milit\u00e4rputsch 1980, die bis heute wirken und andererseits eine Reaktion vieler Jugendlicher auf die mangelnden Chancen und die Ausgrenzung sowie auf die massive Propaganda gegen \u201eden Islam\u201c im Zusammenhang mit den imperialistischen Kriegen in Irak und Afghanistan.<\/p>\n<p><strong>Haben 70 Prozent der t\u00fcrkischen Bev\u00f6lkerung Berlins nichts Besseres zu tun, als \u201eKopftuchm\u00e4dchen\u201c in die Welt zu setzen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Gleichsetzung von t\u00fcrkischen Frauen und Kopftuch ist absurd. Die Mehrheit der t\u00fcrkischen Frauen \u2013 in der T\u00fcrkei und Deutschland \u2013 tr\u00e4gt kein Kopftuch. Es gibt alle m\u00f6glichen Ideen, Kulturen und Lebensanschauungen bei t\u00fcrkischen Frauen. In manchen F\u00e4llen ist das Tragen des Kopftuches ein Ausdruck patriarchali\u00adscher Herrschaft \u00fcber oder Ausdruck der Akzeptanz patriarchalischer Ideo\u00adlogie durch die Frau. Viele Muslima in Deutschland und Europa sehen jedoch das Kopf\u00adtuch auch als Symbol des Stolzes, der Selbstbehauptung gegen\u00fcber einer Gesellschaft, von der sie sich zunehmend entfremdet f\u00fchlen. Auff\u00e4llig ist, dass es oftmals gut gebildete junge Frauen sind, die bewusst das Kopftuch tragen. Abgesehen davon gibt es kaum \u201eKopftuchm\u00e4dchen\u201c. Selbst M\u00e4dchen aus streng islamischen Familien tragen selten das Kopftuch im Kindesalter, sie legen es erst als junge Frauen an.<\/p>\n<p><strong>\u00dcbernehmen \u201edie Muslime\u201c Deutschland?<\/strong><\/p>\n<p>Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst falsch interpretiert hast, k\u00f6nnte Sarrazins Motto sein. Er fordert einen Stopp von Zuwanderung, dabei wanderten 2008 und 2009 mehr Menschen aus Deutschland aus als ein. Darunter Deutsche, welche in anderen L\u00e4ndern versuchen, mehr als einen Niedriglohn zu verdienen. 30.000 kamen aus der T\u00fcrkei, aber 40.000 gingen dorthin, darunter akademisch Gebildete, welche die Berufsaussichten in Deutschland als zu schlecht einsch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Sarrazin rechnet die Geburtenrate der 1. Generation t\u00fcrkischer Einwanderer hoch und konstruiert daraus die \u201eSelbstabschaffung\u201c Deutschlands. Tats\u00e4chlich gibt es kaum Unterschiede zwischen der Geburtenrate der 2. Generation von Migrantinnen und deutschen Frauen.<\/p>\n<p>Die Geburtenraten bei Nicht-AkademikerInnen ist \u00fcbrigens nicht h\u00f6her, weil \u201edie Unterschicht\u201c einen kulturell bedingten Hang zur Vermehrung hat oder ihren Kindern Hartz IV g\u00f6nnen will, sondern schlicht, weil Akademikerinnen wegen der l\u00e4ngeren Ausbildungsphase sp\u00e4ter mit dem ersten Kind beginnen.<\/p>\n<p>Auch die Beschr\u00e4nkung der 1. Generation auf innert\u00fcrkische Ehen hat sich ge\u00e4ndert. In Deutschland leben 8 Prozent Ausl\u00e4nder, aber 19 Prozent mit \u201eMigrationshintergrund\u201c. Das ist zum Teil das Ergebnis von Einb\u00fcrgerung, aber auch von Partnerschaften zwischen Menschen verschiedener Herkunft.<\/p>\n<p>Die deutsche Realit\u00e4t ist multiethnisch, gepr\u00e4gt auch von der Vermischung verschiedener Ethnien. \u201eReine Muslime\u201c wird es in 50 Jahren weniger geben als heute, ebenso wie \u201ereine Deutsche\u201c (die gibt es wg. der wechselvollen Geschichte Europas sowieso kaum). Insofern schafft \u201eDeutschland\u201c sich nicht ab, sondern ver\u00e4ndert sich, wie jedes Land, was nicht aufgrund einer politischen, wirtschaftlichen oder geografischen Isolation einen ethnisch homogenen Charakter \u00fcber l\u00e4ngere Zeit bewahrt.<\/p>\n<p>Sarrazin konstruiert aus dieser Entwicklung ein Bedrohungsszenario und kn\u00fcpft dabei an realen \u00c4ngsten an, die aber letztendlich aus der sozialen und \u00f6konomischen Krise resultieren, nicht aus der Existenz unterschiedlicher Ethnien und Kulturen.<\/p>\n<p><strong>Wer hat die \u201eParallelgesellschaften\u201c geschaffen?<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Wirtschaftsaufschwungs in den sechziger Jahren waren Arbeitskr\u00e4fte knapp. Die Firmen warben ausl\u00e4ndische ArbeiterInnen an. \u201eGhettoisierung\u201c und \u201eParallelgesellschaften\u201c waren im Sinne der Erfinder, denn der mangelnde Kontakt zwischen Deutschen und Ausl\u00e4nderInnen erleichterte den Einsatz der \u201eGastarbeiter\u201c zu niedrigen L\u00f6hnen und schlechten Arbeitsbedingungen.<\/p>\n<p>Deutschkurse wurden kaum angeboten. Auch die hier Geborenen bekamen nicht die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft. Eine F\u00f6rderung der Zweisprachigkeit war nicht gew\u00fcnscht, auch f\u00fcr die zweite Generation waren T\u00e4tigkeiten als ungelernte ArbeiterInnen vorgesehen.<\/p>\n<p>In den achtziger Jahren lie\u00dfen sich die jungen ImmigrantInnen nicht mehr aufhalten. Sie gingen st\u00e4rker als zuvor auf Gymnasien und Universit\u00e4ten, waren als Zweisprachige selbstbewusster, forderten ihre Rechte ein. Die b\u00fcrgerlichen Parteien reagierten darauf, indem sie Zugest\u00e4ndnisse machten. Deutschkurse und muttersprachlicher Unterricht wurden ausgebaut, \u201eMultikulti\u201c wurde \u2013 oberfl\u00e4chlich \u2013 als positives Markenzeichen eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die von SPD und Gr\u00fcnen durchgef\u00fchrte Modernisierung des Staatsb\u00fcrgerschaftsrechts hat nichts verbessert. Tats\u00e4chlich ist durch die weitgehende Abschaffung der doppelten Staatsb\u00fcrgerschaft die rechtliche Situation vieler Menschen vor allem aus der T\u00fcrkei schwieriger geworden.<\/p>\n<p>Die heutigen \u201eParallelgesellschaften\u201c werden durch Ausgrenzung, Diskrimierung und Chancenlosigkeit geschaffen. Der Kapitalismus kann einen Teil der Bev\u00f6lkerung nicht mehr gebrauchen und \u201eintegriert\u201c sie nicht in den Arbeitsmarkt. Diese Gesellschaft basiert auf Ausschluss und Desintegration, auf sozialer Spaltung.<\/p>\n<p>In Wirklichkeit existiert die \u201eParallelgesellschaft\u201c der Besitzenden, die immer reicher werden, w\u00e4hrend der Lebensstandard der arbeitenden Bev\u00f6lkerung sinkt und ein Teil in die Armut abgedr\u00e4ngt wird. Das ist die wahre Bruchlinie der Gesellschaft. Sch\u00fclerInnen in den Hauptschulen sprechen verschiedene Sprachen, glauben an verschiedene oder gar keine G\u00f6tter, aber ihre Lebenssituation \u00e4hnelt sich: Sie schreiben hundert Bewerbungen und werden zu keinem Gespr\u00e4ch eingeladen, sie landen in \u201eTrainingsma\u00dfnahmen\u201c und Ein-Euro-Jobs. F\u00fcr ihre Eltern ist am Ende des Geldes immer mehr Monat \u00fcbrig. In den Betrieben stehen migrantische und deutsche Lohnabh\u00e4ngige den gleichen Chefs gegen\u00fcber, k\u00e4mpfen bei Tarifrunden oder Bewegungen gegen Betriebsschlie\u00dfungen gemeinsam.<\/p>\n<p>\u201eParallelgesellschaftlich\u201c k\u00f6nnen sich auch die dumpfbackigsten Spr\u00f6sslinge aus Unternehmerfamilien den Nachhilfeunterricht leisten. \u00dcber f\u00fcr ihre Studiengeb\u00fchren kellnernde und callcenternde Mitstudierende k\u00f6nnen sie nur lachen. Am Ende winkt ein netter Posten in einer Gesch\u00e4ftsleitung.<\/p>\n<p><strong>Haben muslimische MigrantInnen bei der \u201eIntegration\u201c versagt?<\/strong><\/p>\n<p>Zu Beginn der Migration waren Ausgrenzung und Ghettoisierung staatlich gewollt. Die \u201eGastarbeiterer\u201c sollten schlie\u00dflich nur zeitweise hier leben. Bis in die 90er Jahre behaupteten Staat und Parteien, Deutschland w\u00e4re gar kein Einwanderungsland, obwohl Millionen Menschen gekommen waren.<\/p>\n<p>Dieser Staat hat den Menschen rechtliche Garantien verweigert. Er hat \u00fcber Jahrzehnte nichts getan, um Deutsch f\u00fcr MigrantInnen zu f\u00f6rdern. Die F\u00e4higkeit der 2. Generation von t\u00fcrkischen EinwanderInnen, mit Deutsch und T\u00fcrkisch zwei Muttersprachen zu haben, wurde niemals als Qualifikation gesehen.<\/p>\n<p>Als endlich die Tatsache anerkannt wurde, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, hatte schon die Propaganda gegen \u201edie Muslime\u201c begonnen, um imperialistische Kriege im Irak und Afghanistan zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>Die \u201eIntegration\u201c junger MigrantInnen in das Arbeitslesen ist nicht deswegen so schwer, weil diese nicht wollen, sondern weil es weniger Arbeitspl\u00e4tze gibt und diejenigen mit der relativ schlechteren Schulbildung weniger Chancen hatten, sich auf die ve\u00e4nderte Arbeitswelt einzustellen.<\/p>\n<p>Menschen machen Fehler, nat\u00fcrlich auch MigrantInnen. Manche strengen sich nicht genug an in der Schule, sind bequem. Einige machen den Fehler, als Reaktion auf die Probleme in der deutschen Gesellschaft ihr Heil in r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Ideologien wie die dem islamischen Fundamentalismus zu suchen.<\/p>\n<p>Doch nicht sie sind die \u201eIntegrationsverweigerer\u201c. Der deutsche Staat, das deutsche Establishment haben \u00fcber Jahrzehnte die MigrantInnen als Menschen zweiter Klasse behandelt. Die b\u00fcrgerlichen Parteien haben bei der Bildung gek\u00fcrzt und Jugendzentren geschlossen. Sie haben Hartz IV eingef\u00fchrt und Menschen in die Armut gedr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Es gibt nat\u00fcrlich Probleme im Zusammenleben von MigrantInnen und Deutschen, vor allem in den armen Stadtteilen der Gro\u00dfst\u00e4dte. Aber f\u00fcr diese Probleme sind die Herrschenden in Deutschland verantwortlich.<\/p>\n<p><strong>M\u00fcssen sich MigrantInnen \u201eintegrieren\u201c, damit eine Gesellschaft sich friedlich entwickelt?<\/strong><\/p>\n<p>SPD-Chef Gabriel hat Sarrazin scharf kritisiert, aber diese Woche waren \u00e4hnliche T\u00f6ne von ihm zu h\u00f6ren. \u201eIntegrationsverweigerer\u201c h\u00e4tten keinen Platz in Deutschland, so Gabriel.<\/p>\n<p>Der Begriff \u201eIntegration\u201c klingt erst einmal positiv. Wenn man sich integriert, wird man Teil von etwas Gemeinsamen. Gemeint war aber in der Debatte um \u201eIntegration\u201c hierzulande immer die Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft und die Aufgabe der eigenen Identit\u00e4t.<\/p>\n<p>So wird der Begriff auch heute benutzt. Die Entscheidung, Deutsch zu lernen und mit Deutschen Kontakt zu halten, w\u00fcrde wohl jeder von uns Freunden und Bekannten empfehlen. Aber wie kann sich der deutsche Staat das Recht herausnehmen, das fordern oder gar erzwingen zu wollen?<\/p>\n<p>Die USA sind durch Einwanderer aus der ganzen Welt aufgebaut worden. Diese haben gleichzeitig eine neue US-amerikanische Identit\u00e4t geschaffen, aber ihre Traditionen und Communities bewahrt. \u201eLittle Italy\u201c, \u201eChinatown\u201c &#8211; das sind nichts anderes als \u201eParallelgesellschaften\u201c. Viele deutsche Einwanderer in den USA haben noch Anfang des 20. Jahrhunderts Deutsch oder Jiddisch gesprochen, Zeitungen in dieser Sprache herausgegeben und sich mit dem Englischen schwer getan. Viele spanischsprachige Einwanderer sprechen auch heute nur wenig Englisch. Die Probleme der USA basieren aber keineswegs auf der multiethnischen Struktur des Landes, sondern auf der harten Spaltung in Arm und Reich und der massenhaften Armut.<\/p>\n<p>Menschen k\u00f6nnen gleichzeitig in ihren \u201eParallelgesellschaften\u201c, in ihren Vierteln mit ihrer Sprache leben und zum gemeinsamen Aufbau des Landes beitragen.<\/p>\n<p>Die Jugendlichen aus muslimischen L\u00e4ndern, die angeblich verantwortlich sind f\u00fcr Gewalt, Frauenfeindlichkeit und Kriminalit\u00e4t, sind tats\u00e4chlich sehr gut in die deutsche Gesellschaft \u201eintegriert\u201c. Sie h\u00f6ren deutsche oder US-amerikanische Musik, haben deutsche Freunde, sind gepr\u00e4gt von der Werbe-Glitzerwelt oder den Konsumbotschaften des deutschen Fernsehens.<\/p>\n<p>Ihre Gro\u00dfeltern hingegen leben zum Teil tats\u00e4chlich in einer eigenen Welt. Sie reden T\u00fcrkisch, kaufen in t\u00fcrkischen L\u00e4den, gehen zur Moschee. Allerdings kommt selbst Sarrazin nicht auf die Idee, diese Menschen f\u00fcr steigende Kriminalit\u00e4t vernantwortlich zu machen. Es gibt wohl kaum so kreuzbrave Leute wie die 1. Generation der EinwandererInnen aus der T\u00fcrkei. Sie haben geschuftet ohne zu klagen, alles gespart, um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu erm\u00f6glichen und immer streng darauf geachtet, niemals mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten.<\/p>\n<p>Der Staat wollte sie nicht \u201eintegrieren\u201c, irgendwann wollten sie auch nicht mehr. Und das ist ihr gutes Recht.<\/p>\n<p><strong>Kommen Einwanderer, weil die deutschen Sozialsystem so toll sind?<\/strong><\/p>\n<p>Die meisten Migranten und ihre Familien sind hier, weil sie oder ihre Vorfahren von deutschen Konzernen als Arbeitskr\u00e4fte hergeholt worden sind. Viele t\u00fcrkische Arbeiter haben ihre Jobs im Zuge des Arbeitssplatzabbaus in der Industrie verloren und sind so in die Arbeitslosigkeit gerutscht. Gew\u00fcnscht haben sie sich das nie, sondern jahrelang hart geschuftet, unter schlechteren Arbeitsbedingungen als viele deutsche ArbeiterInnen. Ihre Arbeitslosigkeit ist das Ergebnis der Rationalisierung deutscher Betriebe und des deutschen Bildungssystems und nicht ihrer \u201eKultur\u201c oder ihrer \u201eGene\u201c.<\/p>\n<p>Seit den 80er Jahren sind mehr Fl\u00fcchtlinge nach Deutschland gekommen. Gr\u00fcnde waren Kriege, absolute Armut und politische Verfolgung in vielen L\u00e4ndern, z.B. in Kurdistan, Irak, Iran, Libanon und Nigeria. Durch die Quasi-Abschaffung des Asylrechts ist die Zuwanderung geringer geworden. Hartz IV reicht kaum zum Leben. Trotzdem bekommen Asylbewerber seit einigen Jahren einen reduzierten Satz von 225 Euro\/Monat, davon nur 40 Euro in bar. Dies betrachten viele Fl\u00fcchtlinge zu Recht als menschenunw\u00fcrdig. Die Minimalleistungen und Schikanen des deutschen Staates sollen abschrecken.<\/p>\n<p><strong>Gibt es \u201eNo-Go-Areas\u201c f\u00fcr Deutsche in Neuk\u00f6lln, K\u00f6ln-Kalk oder sonst irgendwo in Deutschland?<\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn so manch einer aus beschaulichen deutschen Kleinst\u00e4dten oder Vororten das nicht glauben mag: Solche Gebiete gibt es nicht. Es gibt keine \u00dcbergriffe auf Menschen, nur weil sie deutsch sind oder aussehen. Die Kriminalit\u00e4t in migrantisch gepr\u00e4gten Stadtteilen wird logischerweise \u00fcberwiegend von MigrantInnen ver\u00fcbt. Angesichts von Armut und Spaltung der Gesellschaft kann die Kriminalit\u00e4t zuk\u00fcnftig steigen, die armen Viertel k\u00f6nnen \u2013 f\u00fcr alle Menschen ungeachtet ihrer Herkunft \u2013 unsicherer werden. Diese Gefahr gibt es und wir wollen sie nicht kleinreden.<\/p>\n<p>Aber zum jetzigen Zeitpunkt sind die Meldungen \u00fcbertrieben und zielen darauf ab, \u00c4ngste zu sch\u00fcren. Im Mai dieses Jahres ver\u00f6ffentlichte die sogenannte \u201eDeutsche Polizeigewerkschaft\u201c, ein stark rechtslastiger Verein innerhalb der Polizei, die Meldung, die K\u00f6lner Polizei w\u00fcrde sich nicht mehr in die N\u00e4he des Platzes Kalk-Post trauen. Eine l\u00e4cherliche Behauptung, denn der Platz liegt direkt vor einem gro\u00dfen Einkaufszentrum und ist den ganzen Tag \u00fcber stark frequentiert. Von \u201eDrogenszene\u201c und \u201eStra\u00dfengangs\u201c ist nichts zu sehen. Die K\u00f6lner Polizei, deren Pr\u00e4sidium 100 m entfernt des Platzes liegt, dementierte die frei erfundenen Horrormeldungen.<\/p>\n<p><strong>Ist \u201eDu Christ\u201c ein weit verbreitetes Schimpfwort?<\/strong><\/p>\n<p>Deutsche Kleinkriminelle werden gewiss einen t\u00fcrkischen Jugendlichen als \u201eKanacke\u201c beschimpfen, wenn sie ihn schikanieren oder einsch\u00fcchtern wollen. Genauso m\u00f6gen arabische oder t\u00fcrkische Kleinkriminelle ihre Opfer als \u201eDu Christ\u201c oder \u201eSchei\u00df-Kartoffel\u201c titulieren, wenn sie ihnen Angst machen wollen. Das ist das asoziale Verhalten von Kriminellen, mit weit verbreitetem \u201eDeutschen-Hass\u201c hat das wenig zu tun.<\/p>\n<p>In anderen F\u00e4llen mag die \u201eDeutschen-Beschimpfung\u201c ein Akt der Selbstbehauptung sein. \u00dcber Jahre wurden die t\u00fcrkischen MigrantInnen als \u201eKanacke\u201c oder \u201eKnoblauchfresser\u201c beschimpft. Die ersten Generationen haben stets geschwiegen und sich nicht gewehrt. Sie litten unter der Diskriminierung, aber sie waren gegen\u00fcber Deutschland positiv eingestellt, weil sie hier arbeiten konnten und schluckten ihre Frustration runter. Die heutige Generation junger MigrantInnen hat wenig Chancen auf sozialen Aufstieg und muss sich permanent rechtfertigen, f\u00fcr den Islam, f\u00fcr die eigene Herkunft, f\u00fcr die \u201eBildungsferne\u201c. Es hilft nicht weiter, aber ist auch nicht \u00fcberraschend, wenn die Jugendlichen, die sich schikaniert f\u00fchlen von der deutschen Mehrheitsgesellschaft, sich wehren wollen und ihrerseits \u201edie Deutschen\u201c beschimpfen.<\/p>\n<p><strong>Ist die Kriminalit\u00e4t unter MigrantInnen aus der T\u00fcrkei und arabischen L\u00e4ndern wesentlich h\u00f6her als die der deutschen Bev\u00f6lkerung?<\/strong><\/p>\n<p>Sarrazin geht sehr kreativ mit der Statistik um. Er behauptet, \u201e20% aller Gewalttaten in Berlin w\u00fcrden von nur 1.000 t\u00fcrkischen und arabischen jugendlichen T\u00e4ter begangen\u201c. Falsch gelesen: Die Stratistik redet von \u201e3.000 Intensivt\u00e4tern\u201c, die aus allen m\u00f6glichen nationalen Gruppen stammen. Sie sind auch nicht f\u00fcr 20% der Gewalttaten zust\u00e4ndig, sondern f\u00fcr 20% der Straftaten, in der Masse vor allem Ladendiebst\u00e4hle und \u00e4hnliche Delikte.<\/p>\n<p>Auch Wissenschaftler interpretieren ihre eigenen Studien zum Teil sehr eigenwillig. Christian Pfeifer vom Kriminologischen Institut Niedersachsen (KFN) behauptete in einem Interview, es g\u00e4be einen \u201esignifikanten Zusammenhang zwischen Religiosit\u00e4t und Gewaltbereitschaft\u201c. Tats\u00e4chlich sagt die Studie des KFN etwas Anderes. Dort hei\u00dft es w\u00f6rtlich, \u201edass von der Zugeh\u00f6hrigkeit zu einer Konfessionsgruppe kein Effekt mehr auf das Gewaltverhalten zu beobachten ist.\u201c<\/p>\n<p>Die polizeiliche Kriminalstatistik, die keine verurteilten Straft\u00e4ter, sondern Verd\u00e4chtige erfasst, zeigt lediglich, dass junge m\u00e4nnliche Migranten \u00fcberdurchschnittlich einer Straftat verd\u00e4chtigt werden. Auch wenn man au\u00dfer Acht l\u00e4sst, dass die Polizei auch dazu neigen k\u00f6nnte, diese eher zu verd\u00e4chtigen und annimmt, dass der Anteil der verurteilten Straft\u00e4ter \u00e4hnlich sein k\u00f6nnte, ist die Aussage mit Vorsicht zu genie\u00dfen. Vergleicht man die jungen Migranten nicht mit der deutschen Bev\u00f6kerung insgesamt, sondern mit jungen m\u00e4nnlichen Deutschen, die unter \u00e4hnlichen Lebensumst\u00e4nden leben (Gro\u00dfstadt, Viertel mit hoher Arbeitslosigkeit und Armut, niedriger Bildungsabschluss) \u00e4hneln sich die Anteile an Straft\u00e4tern.<\/p>\n<p><strong>Sind \u201eEhrenmorde\u201c und Gewalt gegen Frauen ein rein islamisches Problem?<\/strong><\/p>\n<p>Laut einem Bericht der UN aus dem Jahr 2000 kommt es j\u00e4hrlich zu mindestens 5.000 \u201eEhrenmorden\u201c, sowohl in islamischen L\u00e4ndern wie Afghanistan, T\u00fcrkei und Pakistan als auch in Brasilien, Italien und Indien. Nicht der Islam ist der gemeinsame Nenner der \u201eEhrenmorde\u201c, sondern die Herkunft von Opfer und T\u00e4ter aus feudal-patriarchalen Gesellschaften, in denen die Rechte der Frau und andere demokratische Rechte wenig gelten. In der christlich gepr\u00e4gten Bundesrepublik gibt es keine ausgesprochene Tradition von Morden wegen \u201eEhebruch\u201c und \u00e4hnlichen \u201eVergehen\u201c, aber Gewalt und gesellschaftliche \u00c4chtung von Frauen, die sich auflehnen und Regeln verletzen, kennen alle christlichen L\u00e4nder. Gewalt von V\u00e4tern beziehungsweise Eltern gegen T\u00f6chter, die uneheliche Beziehungen hatten, waren in vergangenen Jahrzehnten keine Seltenheit.<\/p>\n<p>Gewaltverbrechen werden in Deutschland in erster Linie von M\u00e4nnern begangen. Sie sind f\u00fcr 84,6 Prozent aller Morde und 98,8 Prozent aller Vergewaltigungen und sexuellen N\u00f6tigungen verantwortlich (Polizeiliche Kriminalstatistik 2006). Bei vollendetem Mord und Totschlag an Frauen sind die Tatverd\u00e4chtigen zu \u00fcber 50 Prozent Verwandte, bei m\u00e4nnlichen Opfern sind es 23,6 Prozent. Der gef\u00e4hrlichste Ort f\u00fcr eine Frau ist die eigene Wohnung. Als \u201eFamilientrag\u00f6dien\u201c finden einige dieser h\u00e4uslichen Verbrechen den Weg in die Schlagzeilen. Anlass ist oft die Trennung. Die \u201eFamilientrag\u00f6die\u201c folgt einem brutalen Muster: Der Mann f\u00fchlt sich verlassen, erniedrigt, \u201edreht durch\u201c, t\u00f6tet die Frau, oftmals auch die Kinder und bringt sich danach selbst um. Der Selbstmord des M\u00f6rders f\u00fchrt zur neutralen, verharmlosenden Benennung der \u201eTrag\u00f6die\u201c, als ob es keine T\u00e4ter sondern nur Opfer g\u00e4be.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gibt es \u00c4hnlichkeiten zwischen dem \u201eEhrenmord\u201c an Hatun S\u00fcr\u00fcc\u00fc und der \u201eTrag\u00f6die\u201c von Rheinfelden, bei der im April 2005 ein Mann seine Frau, die beiden Kinder und seine Eltern umbrachte, weil die Frau sich scheiden lassen wollte. In beiden F\u00e4llen wurde die Herrschaft des Mannes in Frage gestellt, weil die Frau eigene Wege ging. In beiden F\u00e4llen wurde dies mit der Vernichtung der Frau beantwortet. In beiden F\u00e4llen gibt es klare T\u00e4ter und Opfer. Dass im Fall einer \u201eFamilientrag\u00f6die\u201c der T\u00e4ter oft sich und sein chauvinistisches Elend selbst ein Ende setzt, macht den Mord nicht weniger entsetzlich.<\/p>\n<p>Selbst die t\u00fcrkische Frauenrechtlerin Necla Kelek nimmt Sarrazin gegen\u00fcber dem Vorwurf des Rassismus in Schutz. Muss da nicht was dran sein an seiner Problembeschreibung?<\/p>\n<p>Necla Kelek, Mina Ahadi und andere ehemalige Linke oder Liberale t\u00fcrkischer oder iranischer Herkunft haben sich total verrannt. Ihre Kritik an reaktion\u00e4ren und patriarchalischen Strukturen im Islam war und ist total berechtigt. Aber sie haben aufgegeben, f\u00fcr konkrete Verbesserungen in und mit ihren Communities zu k\u00e4mpfen und haben sich im Zuge der \u201eIntegrationsdebatte\u201c in die Front \u201egegen den Islam\u201c eingereiht, welche von den Herrschenden benutzt wird, um die Bev\u00f6lkerung entlang nationaler und religi\u00f6ser Linien zu spalten und von den Ursachen der sozialen Krise abzulenken.<\/p>\n<p>Sie denken, sie k\u00f6nnten gnadenlos auf die islamische Religion und auf gl\u00e4ubige Menschen eindreschen und am Ende w\u00fcrde damit nur die \u201eIslam-Kritik\u201c gest\u00e4rkt. Tats\u00e4chlich f\u00fchrt die aggressive \u201eIslam-Kri\u00adtik\u201c zur Ethnisierung der gesamten politischen Debatte und tr\u00e4gt Antisemitismus und Rassismus im Huckepack. Sie sagen \u201eIslam\u201c, aber bei denjenigen, die offen daf\u00fcr sind, na\u00adtionale oder religi\u00f6se Gruppen f\u00fcr soziale und politische Missst\u00e4nde verantwortlich zu machen, kommt was anderes an. Diese machen nicht den feinen Unterschied zwischen Arabern und Juden, f\u00fcr sie ist die Agitation gegen Muslime eine Best\u00e4tigung ihrer Abnei\u00adgung gegen \u201eAusl\u00e4nder\u201c, \u201edie T\u00fcrken\u201c oder \u201edie Verr\u00fcckten aus dem Nahen Osten\u201c.<\/p>\n<p>Necla Kelek und Co. haben jede Scheu verloren, mit Rassisten zu paktieren. F\u00fcr ihren Kreuzzug gegen den Islam als schwer angreifbare, weil migrantische Kronzeugen werden sie nicht schlecht bezahlt. Sie tingeln von Talkshow zu Talkshow, verkaufen auch eigene B\u00fccher und haben sich selbst erfolgreich \u201eintegriert\u201c. Diese Alibi-MigrantInnen k\u00f6nnen Sarrazin nicht vom Vorwurf des Rassismus reinwaschen.<\/p>\n<h5><em>Eine Kurzfassung dieses Artikels erschien in der sozialistischen Zeitung &#8222;Solidarit\u00e4t&#8220; Nummer 95.<\/em><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Eine Auseinandersetzung mit Sarrazins Thesen\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":23187,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6],"tags":[676,270,230],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13922"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13922"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13922\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31163,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13922\/revisions\/31163"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/23187"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13922"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13922"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13922"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}