{"id":13921,"date":"2010-10-11T16:00:00","date_gmt":"2010-10-11T16:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13921"},"modified":"2010-10-11T16:00:00","modified_gmt":"2010-10-11T16:00:00","slug":"13921","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/10\/13921\/","title":{"rendered":"Die Unruhe w&#228;chst"},"content":{"rendered":"<p>  Proteste gegen Stuttgart 21, AKW-Laufzeitverl&#228;ngerung und   DeutschlandTREND weisen auf tiefe politische Krise hin<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Die Massenmobilisierungen gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 suchen   in der Geschichte nicht nur der baden-w&#252;rttembergischen Landeshauptstadt   ihresgleichen. Wann sind schon mal an vier von zehn Tagen 20.000   (30.9.), 100.000 (1.10.), 55.000 (4.10.) und 150.000 (9.10.) Menschen   auf die Stra&#223;e gegangen? Gleichzeitig gibt es Massenproteste gegen die   Verl&#228;ngerung der Laufzeitverl&#228;ngerung f&#252;r Kernkraftwerke: am 18.9.   demonstrierten &#252;ber 100.000 in Berlin, am 9.10. bildeten 50.000 eine   Menschenkette in M&#252;nchen und f&#252;r Anfang November werden zehntausende   DemonstrantInnen gegen die Castor-Transporte erwartet. Gewerkschaftliche   Aktionswochen und Demonstrationen werden bis zum 13. November   wahrscheinlich auch viele zehntausend Lohnabh&#228;ngige mobilisieren.<\/p>\n<h4>  <i>Ein Kommentar von Sascha Stanicic, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Angela Merkel hat sich in Sachen Stuttgart 21 weit aus dem Fenster   gelehnt. Nun l&#228;uft sie Gefahr, dass sie aus dem Fenster f&#228;llt und wenn   sie sich dabei nicht ganz das Genick bricht, k&#246;nnte sie zumindest   schweren Blessuren davon tragen. Denn der Kampf um das Milliardengrab   Stuttgart 21 geht sp&#228;testens seit Merkels Bundestagsrede und seit dem   brutalen Polizeieinsatz vom 30. September nicht mehr nur um ein   Bahnhofsprojekt. Die Regierenden selber haben Stuttgart 21 zum   allgemeinpolitischen bundesweiten Thema ausgerufen und werden die   Geister, die sie riefen nun nicht mehr los. Und es wird immer   deutlicher, dass der massenhafte Protest, der seit vielen Wochen w&#228;chst   und zwei Mal w&#246;chentlich auf die Stra&#223;e getragen wird sich nicht nur   gegen den unterirdischen Bahnhofsneubau richtet, sondern gegen eine   Politikerkaste, die mit Willk&#252;r und Gewalt regiert und schamlos die   Interessen der Banken und Konzerne bedient. Selten wurde so   offensichtlich, nach welcher Pfeife Regierungen im Kapitalismus pfeifen.   Um die Laufzeitverl&#228;ngerung f&#252;r ihre Atommeiler zu erreichen, mussten   die Energiebosse nur ein paar Anzeigen schalten und zum Kaffeeklatsch im   Kanzleramt auftauchen &#8211; gegen alle in Meinungsumfragen ermittelten   Mehrheiten in der Republik. Und auch bei Stuttgart 21 geht es um Geld   und Profit &#8211; f&#252;r die Deutsche Bahn, f&#252;r Autokonzerne, f&#252;r   Immobilienspekulanten und Baufirmen. Auf den Stra&#223;en Stuttgarts entl&#228;dt   sich auch Frust und Wut, die sich lange angestaut haben und nun endlich   ein Ventil gefunden haben.<\/p>\n<h4>  DeutschlandTREND ist Offenbarungseid f&#252;r Regierungen<\/h4>\n<p>  Der von Infratest dimap durchgef&#252;hrte DeutschlandTREND f&#252;r den Monat   Oktober unterstreicht diese These. 79 Prozent der Befragten sind weniger   oder gar nicht zufrieden mit der Regierungspolitik, 63 Prozent sind der   Meinung, die Regierungsentscheidungen der letzten Wochen gehen in die   falsche Richtung. Die h&#246;chste Ablehnung von 80 Prozent erfahren dabei   die gesundheitspolitischen Beschl&#252;sse der schwarz-gelben Koalition.   Mehrheiten von 59 bis 83 Prozent halten das Rentensystem, den Umgang der   Firmen mit ArbeitnehmerInnen, die L&#246;hne, den Umgang mit Schwachen in der   Gesellschaft, das Steuersystem und die H&#246;he von Managergeh&#228;ltern f&#252;r   ungerecht.<\/p>\n<p>  54 Prozent halten Stuttgart 21 f&#252;r falsch, nur 33 Prozent f&#252;r richtig &#8211;   und das in einer bundesweiten Umfrage! Gegen h&#228;ufig unterstellte   Politikverdrossenheit und Desinteresse spricht, dass nur elf Prozent der   Befragten sich kein Urteil zu dieser Frage bilden konnten. Selbst unter   FDP-Anh&#228;ngern gibt es eine Mehrheit gegen Stuttgart 21 und unter   CDU&quot;lern immerhin eine starke Minderheit von 40 Prozent. 71 Prozent   lehnen das Vorgehen der Polizei ab und 76 Prozent erkl&#228;ren ihre   Symapthie mit den DemonstrantInnen.<\/p>\n<p>  Die Umfrage macht deutlich, dass zwischen der Mehrheit der Bev&#246;lkerung,   also den Lohnabh&#228;ngigen, Erwerbslosen und RentnerInnen, und den   Regierenden und etablierten Parteien eine riesige Kluft besteht. Die   sich schon seit vielen Jahren entwickelnde Vertrauens- und   Legitimationskrise b&#252;rgerlich-kapitalistischer Politik und Institutionen   scheint eine neue Qualit&#228;t zu erreichen. Anders kann man es nicht   interpretieren, wenn achtzig Prozent der Meinung sind, dass &#8222;wichtige   Entscheidungen getroffen werden, ohne dass dabei die Interessen der   Menschen wirklich ber&#252;cksichtigt werden&#8220; und 85 Prozent der Meinung   sind, dass &#8222;die meisten Politiker nicht wissen, was im wirklichen Leben   los ist&#8220;. Sogar 94 Prozent sprechen sich f&#252;r Demonstrationen aus, damit   &#8222;die Politik ihre Meinung zur Kenntnis nimmt&#8220;.<\/p>\n<h4>  Hei&#223;er Herbst<\/h4>\n<p>  All das zeigt, dass ein so genannter hei&#223;er Herbst, in dem die   Bundesregierung unter enormen massenhaften Druck gesetzt werden kann,   m&#246;glich ist. Zu den Themen Stuttgart 21 und Kernenergie ist der hei&#223;e   Herbst schon da. Die Frage ist, ob die Bewegung die Verbindung zu den   vielen sozialpolitischen Angriffen der Bundesregierung zieht und so die   Legitimation der Bundesregierung insgesamt in Frage stellt.<\/p>\n<p>  Die Stimmung gegen Rente ab 67, gegen Leiharbeit, gegen die   Kopfpauschale und das Sparpaket ist zweifellos bei gro&#223;en Mehrheiten   gegeben. Beim Thema Hartz IV hat die sozialdarwinistische Propaganda der   Westerwelles und Sarrazins eine gewisse Wirkung hinterlassen und Teile   der Bev&#246;lkerung geben den Hartz IV-Empf&#228;ngerInnen selber eine Schuld an   ihrer Situation. Aber 73 Prozent sagen, dass mit den Schwachen in der   Gesellschaft ungerecht umgegangen wird.<\/p>\n<p>  Das Potenzial f&#252;r gro&#223;e Proteste und Widerstand ist da. Angesichts der   Stuttgart 21-Proteste kann niemand mehr ernsthaft behaupten, es gebe in   der Bev&#246;lkerung keine Bereitschaft zum Protest und Engagement. Die Frage   ist: wie kann diese mobilisiert werden?<\/p>\n<p>  Tats&#228;chlich geben gerade die Themen Stuttgart 21 und Laufzeiten f&#252;r   AKW&quot;s einen Hinweis f&#252;r eine Antwort. Beide Themen bieten klare und   eindeutige Alternativen zur Regierungspolitik: AKW&quot;s abschalten und kein   Bau von Stuttgart 21. Der Raum f&#252;r faule Kompromisse ist gering und die   Menschen haben dementsprechend das Gef&#252;hl, dass es sich lohnt f&#252;r eine   konsequente Sache auf die Stra&#223;e zu gehen.<\/p>\n<p>  Wenn die Gewerkschaftsf&#252;hrungen ebenso klare und kompromisslose   Alternativen zur Regierungspolitik propagieren und einen entschlossenen   Kampf f&#252;r diese Alternativen ausrufen w&#252;rden, dann w&#228;ren sie angesichts   ihrer sechs Millionen Mitglieder sicher in der Lage &#228;hnlich gro&#223;e und   noch gr&#246;&#223;ere Mobilisierungen zu erreichen. Aber die Erfahrung vieler   ArbeiterInnen und Gewerkschaftsmitglieder ist, dass ihre F&#252;hrungen bei   Demonstrationen nur Dampf ablassen wollen und dann in Verhandlungsrunden   mit Arbeitgebern und Regierenden faule Kompromisse abschlie&#223;en. Die   Entschlossenheit der Stuttgarter DemonstrantInnen und ihre klare   Haltung, ohne einen Bau- und Vergabestopp keine Gespr&#228;che mit der   Mappus-Regierung zu f&#252;hren, sollte den Gewerkschaftsspitzen ein Beispiel   sein. Vor allem aber sollten sie aufzeigen, dass Stuttgart 21 auch ein   unsoziales Projekt ist und die Verbindung zwischen dieser   beeindruckenden Massenbewegung und den geplanten Aktionswochen im Herbst   ziehen. Diese k&#246;nnten dann statt eines Alibi-Protests zum Startschuss   f&#252;r eine wirkliche Bewegung gegen die Merkel-Westerwelle-Regierung   werden und an den Massenstreiks in S&#252;deuropa ankn&#252;pfen.<\/p>\n<h4>  Die Bedeutung von Stuttgart 21<\/h4>\n<p>  Stuttgart 21 ist zum Schicksalsthema f&#252;r die Mappus-Regierung geworden.   Ob sie dem stetig wachsenden Druck standhalten wird, ist offen. Sollten   die Anschuldigungen der Jugendoffensive gegen Stuttgart 21 bewiesen   werden, dass Polizeiprovokateure eingesetzt wurden, um DemonstrantInnen   zu Gewalt anzustacheln bzw. diesen Gewaltanwendung zu unterstellen,   k&#246;nnte die Regierung zum R&#252;cktritt gezwungen werden. Eine   Erdrutschniederlage f&#252;r CDU und FDP in Baden-W&#252;rttemberg, ob bei   vorgezogenen Neuwahlen oder den regul&#228;ren Wahlen im M&#228;rz, w&#252;rde auch die   Merkel-Regierung ins Wanken bringen. Das ist gut, denn jede durch eine   Protestbewegung zu Fall gebrachte Regierung schw&#228;cht das gesamte   kapitalistische Establishment und jede Regierung, die darauf folgt, wird   es ungleich schwerer haben, Entscheidungen gegen die Interessen der   Mehrheit durchzusetzen.<\/p>\n<p>  Allein deswegen sollten Gewerkschaften, die Partei DIE LINKE,   Antikrisenb&#252;ndnisse und soziale Bewegungen den Kampf gegen Stuttgart 21   zu einem bundesweiten Schwerpunkt erkl&#228;ren, Informationskampagnen   durchf&#252;hren, bundesweit Solidarit&#228;tsproteste und Mobilisierungen zu   Gro&#223;demonstrationen nach Stuttgart organisieren. Denn ein Sieg &#252;ber   Mappus und Grube w&#228;re eine riesige Motivation f&#252;r alle Proteste gegen   kapitalistische Politik und unsoziale Gesetzgebungen und w&#252;rde das   Kr&#228;fteverh&#228;ltnis zwischen den Herrschenden und der Masse der Bev&#246;lkerung   zugunsten letzterer nachhaltig ver&#228;ndern.<\/p>\n<h4>  Politische Alternative n&#246;tig<\/h4>\n<p>  Ohne den Aufbau einer politischen Alternative zu allen   pro-kapitalistischen und unternehmerfreundlichen Parteien wird aber auch   ein Erfolg gegen Stuttgart 21 keine Gew&#228;hr daf&#252;r sein, dass sich in   diesem Land etwas grundlegend &#228;ndert.<\/p>\n<p>  Es ist eine Farce, dass SPD und Gr&#252;ne sich nun, da sie in der Opposition   auf Bundesebene sind, als sozial und &#246;kologisch pr&#228;sentieren und   ausgerechnet die Gr&#252;nen in Meinungsumfragen zulegen. Es darf nicht   vergessen werden, wie die Gr&#252;nen ihre Prinzipien immer wieder &#252;ber Bord   werfen, um in eine Regierung zu kommen. 1999 wurden sie von der   Friedens- zur Kriegspartei, 2003 trugen sie die Agenda 2010 und Hartz IV   mit. Durch den Atomkompromiss machten sie, anstatt auf einem sofortigen   Ausstieg aus der Kernenergie zu bestehen, die heutige   Laufzeitverl&#228;ngerung erst m&#246;glich. Und 2008 brachen sie in Hamburg ihre   zentralen Wahlversprechen, um die erste schwarz-gr&#252;ne Landesregierung zu   bilden. Mit der SPD sieht es nicht anders aus, nur dass sie ohnehin kaum   an Glaubw&#252;rdigkeit zur&#252;ck gewonnen hat, seit sie nicht mehr in der   Bundesregierung ist. All das spricht aber auch daf&#252;r, dass der Anstieg   der Umfragewerte f&#252;r die Gr&#252;nen &#228;hnlich instabil sein kann, wie das Hoch   der FDP im letzten Jahr.<\/p>\n<p>  DIE LINKE ist die einzige Partei, die einen Ansatz f&#252;r eine wirkliche   politische Interessenvertretung f&#252;r die Mehrheit der lohnabh&#228;ngigen   Bev&#246;lkerung darstellt. Um das Potenzial f&#252;r eine alternative Politik,   das in den gro&#223;en Protesten zum Ausdruck kommt, zu nutzen, muss sie aber   einen eindeutigen Kurs einschlagen. Je mehr sie sich an SPD und Gr&#252;ne   ann&#228;hert, desto uninteressanter wird DIE LINKE und desto weniger wird   sie die Menschen erreichen, die jetzt und in Zukunft von diesen Parteien   entt&#228;uscht sind bzw. sein werden. Niemand braucht eine   sozialdemokratische Kopie, wenn man auch das Original haben kann. Nur   wenn sie einen klaren antikapitalistischen Kurs einschl&#228;gt, ihren   Schwerpunkt auf au&#223;erparlamentarische Aktivit&#228;ten richtet, endlich   aufh&#246;rt durch interne Machtintrigen und Privilegiengeschacher   Schlagzeilen zu machen und ein sozialistisches Programm vertritt, wird   sie aus den derzeitigen Bewegungen gest&#228;rkt hervorgehen k&#246;nnen und eine   politische Alternative darstellen k&#246;nnen.<\/p>\n<h5>  Sascha Stanicic ist Bundessprecher der SAV.<\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Proteste gegen Stuttgart 21, AKW-Laufzeitverl&#228;ngerung und<br \/>\n      DeutschlandTREND weisen auf tiefe politische Krise hin\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[78,58],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13921"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13921"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13921\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13921"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13921"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13921"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}