{"id":13912,"date":"2010-10-01T12:40:00","date_gmt":"2010-10-01T12:40:00","guid":{"rendered":".\/?p=13912"},"modified":"2010-10-01T12:40:00","modified_gmt":"2010-10-01T12:40:00","slug":"13912","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/10\/13912\/","title":{"rendered":"Staat gegen Kinder"},"content":{"rendered":"<p>  Stuttgart 21 wird mit brutaler Gewalt durchgesetzt<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Am fr&#252;hen Abend des 30. September wird im Stuttgarter Schlossgarten   ein kleines Flugblatt mit folgendem kurzen Text verteilt: &#8220;100 verletzte   Kinder, 1 Sch&#228;delbasisbruch, 1 zerst&#246;rtes Auge, 6 gebrochene Nasen,   viele hundert Verletzte bei gewaltsamem Polizeigro&#223;einsatz im Park zur   Vorbereitung der Baumf&#228;llarbeiten f&#252;r S21&quot;. Die Bilanz eines Tages, den   die Stuttgarterinnen und Stuttgarter nicht vergessen werden und der das   Bewusstsein Tausender nachhaltig ver&#228;ndert hat. <\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Sascha Stanicic, z.Zt. Stuttgart<\/i><\/h4>\n<p>  Seit Wochen und Monaten demonstrieren Woche f&#252;r Woche immer mehr   Menschen in Stuttgart gegen das milliardenschwere Prestigeprojekt   Stuttgart 21, den Neubau eines unterirdischen Hauptbahnhofs. Niemand   zweifelt daran, dass eine Mehrheit in der Stadt und auch in   Baden-W&#252;rttemberg das Projekt ablehnt. Das ist wohl auch der Grund,   weshalb die Landesregierung keinen Volksentscheid durchf&#252;hren l&#228;sst.   Nachdem in den letzten Wochen der Nordfl&#252;gel des oberirdischen   Bahnhofsgeb&#228;udes abgerissen wurde, standen nun der S&#252;dfl&#252;gel und die   fast 300 B&#228;ume in dem Teil des Schlossparks auf der Abrissliste der   Landesregierung, der f&#252;r Stuttgart 21 platt gemacht werden soll.<\/p>\n<h4>  Sch&#252;lerstreik<\/h4>\n<p>  F&#252;r den gestrigen 30.9. war von der &#8216;Jugendoffensive gegen Stuttgart 21&quot;   zum Sch&#252;lerstreik aufgerufen worden. Kurz nachdem die Auftaktkundgebung   der Jugendlichen begann wurde Parksch&#252;tzer-Alarm ausgel&#246;st. Per SMS   wurden tausende Menschen unterrichtet, dass Polizeikr&#228;fte auf dem Weg   zum Park sind, um die Baumf&#228;llarbeiten vorzubereiten. Spontan zogen die   bis zu 2.000 Sch&#252;lerInnen in den Park und f&#252;hrten dort an den   Zufahrtswegen Sitzblockaden durch, um zu verhindern, dass Bauger&#228;te,   Wasserwerfer und Absperrgitter in den Park transportiert werden k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  In den Vormittagsstunden fanden sich mehrere tausend DemonstrantInnen im   Park ein, manche ketteten sich an B&#228;ume, andere beteiligten sich an   Sitzblockaden, wieder andere suchten durch direkten Ansprechen   deeskalierend auf Polizeibeamte einzuwirken oder wollten durch ihre   Pr&#228;senz im Park ihren Protest gegen das Abholzen der B&#228;ume ausdr&#252;cken.   &#220;ber den ganzen Tag waren sicherlich Zehntausende im Park, um an dem   Protest teilzunehmen. Bis in die Nacht harrten Tausende aus und schrien   der Polizei immer wieder ihre Wut und Fassungslosigkeit entgegen:   &#8220;Sch&#228;mt Euch!&#8221; und &#8220;Kinderschl&#228;ger!&#8221; wurde immer wieder skandiert. Doch   auch sie konnten das F&#228;llen der ersten B&#228;ume nicht verhindern. Was war   geschehen?<\/p>\n<h4>  Polizeigewalt<\/h4>\n<p>  Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler hatten einen Zufahrtsweg in den Park blockiert   und in einem Moment, in dem die Polizeifahrzeuge, die die Absperrgitter   transportierten, unbewacht waren, diese ebenfalls besetzt. Kurze Zeit   sp&#228;ter wurde au&#223;erdem ein Wasserwerfer blockiert. Von den Jugendlichen,   darunter auch zw&#246;lf-, dreizehnj&#228;hrige Kinder, ging bei diesen Aktionen   des zivilen Ungehorsams keinerlei Provokationen oder Gewalt aus. Die   Polizeikr&#228;fte begannen dennoch mit brutalem Einsatz von Schlagst&#246;cken,   Pfefferspray und Wasserwerfern den Teil des Parks zu r&#228;umen und   abzusperren, in dem die ersten B&#228;ume gef&#228;llt werden sollen.<\/p>\n<p>  Es spielten sich unfassbare Szenen ab. Ein Gewerkschafter berichtete,   wie er aus n&#228;chster N&#228;he von einem Polizisten Pfefferspray ins Gesicht   gespr&#252;ht bekam, obwohl er nur einen Baum sch&#252;tzte und es noch zu keinen   Handgreiflichkeiten mit der Polizei gekommen war. Michael Koschitzki,   Jugendsprecher der SAV und die ehemalige ver.di-Vorsitzende Sybille   Stamm konnten dasselbe berichten.<\/p>\n<p>  Florian Tuniotti von der Jugendoffensive erkl&#228;rte, dass es kein Zufall   gewesen sein kann, dass der Polizeieinsatz ausgerechnet am Tag des   Sch&#252;lerstreiks durchgef&#252;hrt wurde. Die Sch&#252;lerInnen hatten bis 17 Uhr   eine Kundgebung im Park genehmigt bekommen, die ihnen ohne Begr&#252;ndung   von der Polizei verweigert wurde und ihr Lautsprecherwagen durfte nicht   in den Park. &#8220;Landesregierung und Polizei haben Kinder und Jugendliche   bewusst einer Gefahr ausgesetzt, so Tuniotti. Wahrscheinlich war eine   Eskalation der Situation im Park von Regierungsseite gewollt, um   DemonstrantInnen Gewalt vorwerfen, den Sch&#252;lerstreik diskreditieren und   die Bewegung spalten zu k&#246;nnen. Das ist aber geh&#246;rig schief gegangen.   W&#228;hrend noch im Nachmittag von polizeilicher Seite behauptet wurde, aus   der Sch&#252;lerdemonstration heraus habe es Angriffe auf Polizisten mit   Pfefferspray und Pflastersteinen gegeben, musste die Polizei selber   diese Behauptung wieder zur&#252;ck nehmen, weil zu viele Menschen mit   eigenen Augen gesehen hatten, was passiert war. Unter den   StuttgarterInnen ist die Emp&#246;rung und Wut auf die Polizeiwillk&#252;r und die   Arroganz der Macht riesig, Und selbst die meisten Medien konnten   angesichts der Eindeutigkeit der Bilder die Verantwortung f&#252;r die Gewalt   nicht den DemonstrantInnen in die Schuhe schieben.<\/p>\n<p>  Die Jugendoffensive reagierte sofort und produzierte ein neues Flugblatt   mit dem Titel &#8220;Der Streik war richtig&#8221;, in dem sie Vorw&#252;rfe der   Instrumentalisierung von Jugendlichen zur Verteidigung des Parks   zur&#252;ckwiesen und Sch&#252;lerInnen aufriefen, den Widerstand fortzusetzen. Im   Laufe des Abends wurde von der Jugendgruppe noch eine Demonstration   durchgef&#252;hrt, die mehrere Kreuzungen blockierte und den Widerstand auf   die Stra&#223;e trug.<\/p>\n<p>  F&#252;r die Stuttgarterinnen und Stuttgarter war der Polizeieinsatz ein   Lehrst&#252;ck in kapitalistischer Demokratie. Sobald das Volk den M&#228;chtigen   gef&#228;hrlich wird, lassen diese die geballte Staatsgewalt auf die Menschen   los. Doch auch wenn es Landesregierung und Polizei gelungen ist, den   Park so weit zu r&#228;umen, dass sie mit dem Abholzen erster B&#228;ume loslegen   k&#246;nnen, so war ihr Vorgehen ein Eigentor und wird dem Widerstand gegen   Stuttgart 21 hoffentlich weiter Auftrieb geben. F&#252;r den heutigen Abend   ist eine weitere Massendemonstration geplant.<\/p>\n<p>  Die Ereignisse des gestrigen Tages zeigen aber auch die Grenzen von   spontanem Protest auf. Leider waren die S21-GegnerInnen trotz ihres   riesigen Mutes und ihrer Opferbereitschaft an diesem Tag dann doch zu   wenige, nicht ausreichend koordiniert und auch zu wenig organisiert, um   das F&#228;llen der B&#228;ume zu verhindern. Vor allem ist es ein Skandal, dass   die Gewerkschaftsf&#252;hrungen trotz Beschlusslage gegen Stuttgart 21 immer   noch nicht begonnen haben, die Bewegung zu unterst&#252;tzen und stattdessen   eine Beobachterrolle einnehmen. Die Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler haben mit   ihrem Streik ein Zeichen gesetzt, dass von GewerkschafterInnen   aufgegriffen werden sollte: Arbeitsniederlegungen und Streiks gegen   Stuttgart 21 &#8211; und nach dem gestrigen Tag auch gegen die willk&#252;rliche   Polizeigewalt &#8211; w&#228;ren das effektivste Mittel, um das Bauvorhaben noch zu   stoppen. Es ist ein Skandal, dass die F&#252;hrung der in der Region so   m&#228;chtigen IG Metall immer noch keine Unterst&#252;tzung f&#252;r die Bewegung   gegen Stuttgart 21 organisiert, w&#228;hrend Tausende ihrer Mitglieder Woche   f&#252;r Woche dagegen auf die Stra&#223;e gehen. Das Thema sollte nun in allen   Vertrauensk&#246;rpern und Gremien der IG Metall auf die Tagesordnung   gebracht und entsprechende Antr&#228;ge gestellt werden. Erste Schritt   k&#246;nnten Betriebsversammlungen, eine Informationskampagne in den   Betrieben, gewerkschaftliche Mobilisierungen zu den regelm&#228;&#223;igen   Demonstrationen und Blockaden und die Einbeziehung des Widerstands gegen   Stuttgart 21 in die geplante gewerkschaftliche Gro&#223;demonstration am   13.11.<\/p>\n<p>  Sp&#228;testens seit gestern ist Stuttgart 21 ein bundesweites Politikum.   Spontane Solidarit&#228;tsaktionen fanden schon statt, weitere werden in den   n&#228;chsten Tagen folgen. Es ist nun unter anderem Aufgabe der Partei DIE   LINKE, eine bundesweite Kampagne zur Solidarit&#228;t mit dem Protest in   Stuttgart zu organisieren. Es ist gut und richtig, dass die   Bundestagsfraktion der Partei heute eine aktuelle Stunde im Bundestag   beantragt hat, dies darf aber nur eine Plattform sein, um den Protest   weiter, und nun auch bundesweit, auf die Stra&#223;e zu tragen und darf keine   Ablenkung auf die parlamentarische Ebene bedeuten. &#8220;Mappus weg&#8221; wurde   tausendfach skandiert am gestrigen Donnerstag. Doch weder ein R&#252;cktritt   noch eine Abwahl von Mappus bei den im Fr&#252;hjahr anstehenden   Landtagswahlen w&#228;ren eine Gew&#228;hr f&#252;r ein Ende des Milliardengrabs   Stuttgart 21. Dies kann nur durch eine Fortsetzung und Steigerung des   Widerstands erreicht werden. Dadurch, dass mehr Menschen auf die Stra&#223;e   gehen. Dadurch, dass sich Menschen in den Stadtteilen, Schulen,   Betrieben zu Gruppen gegen S 21 organisieren. Dadurch, dass der Protest   bundesweit ausgedehnt wird. Dadurch, dass weiterhin durch Aktionen   zivilen Ungehorsams der Abriss der weiteren B&#228;ume und des S&#252;dfl&#252;gels   gest&#246;rt wird und diese notwendigen Blockaden besser koordiniert und   organisiert werden. Und dadurch, dass die Gewerkschaften endlich in den   Betrieben zu Aktionen bis hin zu Streiks aufrufen.<\/p>\n<h4>  SAV<\/h4>\n<p>  SAV-Mitglieder haben den Sch&#252;lerstreik mit organisiert und waren an   vorderster Front bei den gestrigen Protesten und Sitzblockaden dabei.   Sie schlagen die Durchf&#252;hrung einer Versammlung von AktivistInnen unter   Beteiligung aller relevanten Gruppen vor, um der Bewegung eine m&#246;glichst   demokratische Struktur zu geben und zuk&#252;nftige Widerstandsaktionen   besser zu koordinieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Stuttgart 21 wird mit brutaler Gewalt durchgesetzt\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[58],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13912"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13912"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13912\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13912"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13912"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13912"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}