{"id":13902,"date":"2010-10-15T00:00:00","date_gmt":"2010-10-15T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13902"},"modified":"2010-10-15T00:00:00","modified_gmt":"2010-10-15T00:00:00","slug":"13902","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/10\/13902\/","title":{"rendered":"Stuttgart 21: Auf wessen Seite ist die Polizei?"},"content":{"rendered":"<p>  Debatte zwischen Peter Conradi, SPD und Ursel Beck, SAV<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <i>Vorbemerkung: Der Artikel entstammt der Solidarit&#228;t Nr. 95 und wurde   vor den Ereignissen des 30. September 2010 verfasst.<\/i><\/p>\n<\/p>\n<p>  Die Auseinandersetzung um Stuttgart 21 hat einen der gr&#246;&#223;ten   Polizeieins&#228;tze zur Folge. Neben der Pr&#228;senz bei den Demonstrationen   bewachen Polizisten rund um die Uhr die Baustelle, au&#223;erdem werden   Hundertschaften aufgefahren, um Blockaden zu r&#228;umen. Das   baden-w&#252;rttembergische Innenministerium spricht davon, dass die Kosten   f&#252;r die Polizei im Zusammenhang mit Stuttgart 21 innerhalb der letzten   Monate bereits ihre Kosten f&#252;r Bundesligaeins&#228;tze in einer ganzen Saison   erreicht h&#228;tten.<\/p>\n<p>  Viele Polizisten im Einsatz sagen offen, dass sie gegen das Projekt   Stuttgart 21 sind. Mehrfach haben PolizistInnen S-21-Gegnern direkt   erkl&#228;rt, dass sie den Protest f&#252;r legitim halten. Es gibt auch   Polizeibeamte, die in ihrer Freizeit selbst auf Demonstrationen gegen   das Milliardengrab gehen. Nicht wenige trugen anfangs sogar gegen S 21   gerichtete Buttons an ihrer Uniform. Dies wurde ihnen inzwischen vom   Landespolizeipr&#228;sident Wolf Hammann verboten. Bei Zuwiderhandlung soll   ein Disziplinarverfahren eingeleitet werden.<\/p>\n<p>  Nicht zuletzt gibt es Unmut unter den Polizisten &#252;ber die st&#228;ndigen und   obendrein schlecht bezahlten &#220;berstunden. Die bislang eher   deeskalierenden Polizeieins&#228;tze und die vielen verst&#228;ndnisvollen   Diskussionen zwischen Polizisten und DemonstrantInnen haben dazu   gef&#252;hrt, dass viele S-21-Gegner denken, dieses Klima zwischen   Protestierenden und Polizei werde immer so bleiben und man k&#246;nne durch   freundliches Auftreten gegen&#252;ber Polizisten brutale Polizeieins&#228;tze   verhindern. Ein oft geh&#246;rter Spruch bei Demos und Kundgebungen lautet:   &#8222;Wessen Bahnhof? Unser Bahnhof! Wessen Park? Unser Park! Wessen Polizei?   Unsere Polizei!&#8220; Bei der Montagsdemonstration am 13. September hat der   prominente S-21-Gegner, Peter Conradi, diese Position best&#228;rkt und   DemonstrantInnen f&#252;r verbale Kritik an einzelnen Polizeiaktionen   kritisiert.<\/p>\n<h4>  Peter Conradi, SPD, von 1972 bis 1998 Bundestagsabgeordneter, Redner auf   der Stuttgarter Montagsdemonstration am 13. September<\/h4>\n<p>  Die Polizei hat durch unsere Protestaktionen gegen Stuttgart 21 viel   Arbeit. Das hei&#223;t f&#252;r die Polizistinnen und Polizisten gro&#223;e Belastungen   &#8211; lange Schichten, &#220;berstunden, Nachtdienst. Und das alles bei hohem   Krankenstand und knappem Personal. Die Polizei tut ihre Arbeit, sie   sch&#252;tzt auch unser Demonstrationsrecht, und sie macht das &#252;berwiegend   freundlich.<\/p>\n<p>  Wir wissen, dass viele der Polizisten wie wir gegen Stuttgart 21 sind.   Das Aktionsb&#252;ndnis gegen Stuttgart 21 stimmt seine Aktionen mit der   Polizei ab.<\/p>\n<p>  Der Polizeipr&#228;sident Siegfried Stumpf lobt uns und sagt, er kenne aus   den &#8222;letzten Jahrzehnten keinen b&#252;rgerlichen Protest, der &#252;ber so viele   kluge Leute, so viel Kreativit&#228;t und Organisationstalent verf&#252;gte&#8220;.<\/p>\n<p>  Die Polizei bem&#252;ht sich um Deeskalation, um ein friedliches Vorgehen,   aber gelegentlich unterlaufen ihr leider doch Ausrutscher, Fehler,   &#220;bergriffe, vor allem bei R&#228;umungsaktionen, beim Wegtragen von   Demonstrantinnen und Demonstranten &#8211; das muss im Einzelnen angezeigt,   aufgekl&#228;rt und geahndet werden.<\/p>\n<p>  Umgekehrt gilt: Wer von uns gewaltlosen zivilen Ungehorsam &#252;bt &#8211; daf&#252;r   habe ich gro&#223;en Respekt &#8211;, muss sich so verhalten, dass die Polizei ihre   Aufgaben ohne Gewalt und ohne Gef&#228;hrdungen ausf&#252;hren kann. Ich bin froh,   dass sich die Polizei hier in Stuttgart insgesamt vern&#252;nftiger verh&#228;lt   als in manchen anderen Gro&#223;st&#228;dten, und das soll auch so bleiben.<\/p>\n<p>  Die weit &#252;berwiegende Mehrheit von uns ist freundlich zu den Polizisten.   Doch gelegentlich gibt es Ausnahmen, r&#252;de Beschimpfungen, so als w&#228;ren   die Polizisten unsere Feinde. Die Sprechch&#246;re &#8222;Sch&#228;mt Euch&#8220; gegen die   Polizisten verstehe ich nicht: Die Polizistinnen und Polizisten tun ihre   pflichtgem&#228;&#223;e Arbeit und m&#252;ssen sich dessen nicht sch&#228;men. Sch&#228;men   m&#252;ssen sich R&#252;diger Grube, Stefan Mappus, Wolfgang Drexler und andere,   die das Projekt Stuttgart 21 gegen den Willen einer Mehrheit der   Bev&#246;lkerung durchsetzen wollen und die Polizei daf&#252;r einsetzen.<\/p>\n<p>  Wir alle wollen gemeinsam daf&#252;r sorgen, dass niemand von uns die Polizei   beschimpft und beleidigt. Wir sagen auf den Demonstrationen: &#8222;UNSER   Land, UNSERE Stadt, UNSER Bahnhof, UNSER Geld.&#8220; Und wir sagen auch:   &#8222;UNSERE Polizei.&#8220;<\/p>\n<h4>  Ursel Beck, Ursel Beck, Sprecherin der LINKEN Stuttgart &#8211; Bad Cannstatt   und im SAV-Bundesvorstand, aktiv im Cannstatter Aktionskreis gegen S 21<\/h4>\n<p>  Der Polizeiapparat ist ein Instrument zur Verteidigung der bestehenden   Machtverh&#228;ltnisse. Im Fall von Stuttgart 21 hei&#223;t das, daf&#252;r zu sorgen,   dass dieses Wahnsinnsprojekt realisiert wird. Das sieht man allein schon   daran, dass die Polizei die Angaben f&#252;r die Zahl der Demoteilnehmer   st&#228;ndig halbiert. Es widerspiegelt die Interessen der S-21-Mafia, den   Protest kleinzureden. Es ist ein offenes Geheimnis, dass auf der   Nordfl&#252;gel-Baustelle Sicherheitsvorschriften nicht eingehalten werden.   Anstatt die Baustelle zu filmen, werden die Demonstrationen von der   Polizei gefilmt. Selbst bei Hinweisen auf Gesetzesverst&#246;&#223;e am Bau   schreitet die Polizei nicht gegen die Firmen, sondern nur gegen die   Blockierer ein. Unter dem Vorwand, dass Zelten im Park nicht erlaubt   sei, erfolgten R&#228;umungen. Erlaubt ist aber das Abholzen der B&#228;ume. Und   die Polizei soll dies durchsetzen.<\/p>\n<p>  Die bisher relativ gem&#228;&#223;igte Haltung der Polizei im Widerstand gegen   Stuttgart 21 liegt vor allem daran, dass die Politiker wissen, dass sie   es hier mit der Normalbev&#246;lkerung zu tun haben. Das den Polizisten in   der Ausbildung eingetrichterte Feindbild von &#8222;den Chaoten&#8220; funktioniert   nicht. Die Herrschenden versuchen dennoch, die Bewegung zu spalten und   den entschlosseneren Teil zu kriminalisieren.<\/p>\n<p>  Sp&#228;testens, wenn im Park die B&#228;ume gerodet werden sollen und der zivile   Ungehorsam weitergeht, wird es h&#228;rtere Polizeieins&#228;tze geben. Darauf   muss sich die Bewegung einstellen.<\/p>\n<p>  Wir sollten die Sympathie vieler Polizisten f&#252;r den Widerstand gegen S   21 nutzen, um einen Keil in die Polizei zu treiben. SAV-Mitglieder haben   mehrmals bei Blockadeaktionen den anwesenden Polizisten erkl&#228;rt, dass   ihr oberster Dienstherr &#8211; die Landesregierung &#8211; die Steuergelder, die   f&#252;r S 21 sinnlos vergraben werden, gerade auch bei den Beamten holt. Wir   haben sie aufgefordert, unter sich zu diskutieren, solche Eins&#228;tze   abzulehnen und wir haben ihnen am Ende &#8222;Streik-Urkunden&#8220; &#252;berreicht.<\/p>\n<p>  Wir m&#252;ssen uns Polizeieins&#228;tzen, wie zum Beispiel von R&#228;umungsaktionen,   massenhaft entgegenstellen und Entschlossenheit demonstrieren. Nur so   k&#246;nnen wir diese Auseinandersetzung gewinnen, bei dem dann auch   wachsende Unruhe unter den Polizeibeamten zu einem Faktor werden kann.<\/p>\n<p>  Beim Kampf gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf in den   Achtzigern haben viele Polizisten den Dienst verweigert und rund hundert   sogar gek&#252;ndigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Debatte zwischen Peter Conradi, SPD und Ursel Beck, SAV\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[58],"tags":[230],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13902"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13902"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13902\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13902"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13902"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13902"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}