{"id":13890,"date":"2010-09-23T14:00:00","date_gmt":"2010-09-23T14:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13890"},"modified":"2010-09-23T14:00:00","modified_gmt":"2010-09-23T14:00:00","slug":"13890","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/09\/13890\/","title":{"rendered":"Sarrazin und das deutsche Bildungssystem"},"content":{"rendered":"<p>  Der Blick eines Lehrers<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Sarrazin genoss noch die klassische, kleinb&#252;rgerliche Bildung, lernte in   der Schule Hebr&#228;isch und Latein, h&#228;lt sich f&#252;r belesen und muss all das   immer wieder mitteilen. Ob das seine Intelligenz gef&#246;rdert hat, bleibt   nach der Lekt&#252;re seines Buches &#8222;Deutschland schafft sich ab&#8220; fraglich.<\/p>\n<h4>  <i>von Steve K&#252;hne, Lehrer und Mitglied der GEW in Dresden<\/i><\/h4>\n<p>  Es gibt Menschen &#252;ber die wurde schon alles gesagt und Thilo Sarrazin   geh&#246;rte dazu. Nachdem er als Berliner SPD-Finanzsenator dank seiner   unw&#252;rdigen &#196;u&#223;erungen &#252;ber Hartz-IV-Empf&#228;nger und Niedriglohn-Jobber zum   &#8222;Dieter Bohlen der Politik&#8220; gek&#252;rt wurde konnte man hoffen, dass er nach   seiner Ernennung zum Bundesbanker wenigstens nicht mehr in den   Nachrichten auftaucht.<\/p>\n<p>  Es gibt aber auch Menschen, die sich stets neu erfinden und dazu geh&#246;rt   Thilo auch. Nach seinen netten Tipps f&#252;r Hartz-IV-Empf&#228;nger, sie sollten   doch Pullover anziehen, wenn ihnen k&#252;hl sei, oder dem Hinweis, dass man   f&#252;r Dumpingl&#246;hne zu arbeiten habe, da auch Sarrazin selbst jederzeit f&#252;r   5,00 Euro arbeiten gehen wolle, kam schon letztes Jahr der   unnachahmliche Ausspruch: &#8222;Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat   lebt, diesen Staat ablehnt, f&#252;r die Ausbildung seiner Kinder nicht   vern&#252;nftig sorgt und st&#228;ndig neue kleine Kopftuchm&#228;dchen produziert.&#8220;<\/p>\n<p>  Schon zu dieser Zeit war Thilos philosophische Welt ein unersch&#246;pflicher   Born der Weisheiten. Doch erst mit seinem Buch &#8222;Deutschland schafft sich   ab&#8220; wird aus dem &#8222;Dieter Bohlen der Politik&#8220; endlich ein offener   Rassist, oder um es mit der Begrifflichkeit der NPD zu schildern ein   progressiver Ethnopluralist &#8211; hei&#223;t das selbe, ist aber eloquenter,   d&#252;rfte Sarrazin also gefallen! Ja, das war er schon vorher, wer seinen   Werdegang verfolgt hat wei&#223; das, aber erst das Buch half ihm seine   rassistischen Versatzst&#252;cke systematisch &#8222;wissenschaftlich&#8220; zu   hinterlegen. Und wissenschaftlich ist wichtig, wo k&#228;me man sonst hin.   Auch die Ideologie der NSDAP war &#8222;wissenschaftlich&#8220; belegt &#8230;<\/p>\n<p>  Und Sarrazin ist nach Goethe das letzte deutsche Universalgenie. Er   kennt sich in allem aus. Er wei&#223; bescheid &#252;ber die deutsche Soziologie,   die deutsche Wirtschaft und das deutsche Bildungssystem und nat&#252;rlich   &#252;ber die Auswirkungen der ImmigrantInnen auf diese Bereiche. Es sei   daher erlaubt einige Anmerkungen zu Sarrazins Thesen zum deutschen   Bildungswesen zu machen.<\/p>\n<h4>  Die Motivation zu lernen<\/h4>\n<p>  Tats&#228;chlich, es gibt Dinge, da hat Sarrazin recht. ImmigrantInnen sind   in Deutschland besonders stark von Arbeitslosigkeit betroffen, sie leben   &#252;berdurchschnittlich h&#228;ufig von ALG II und man trifft sie h&#228;ufig an den   B&#228;nken von Haupt-, Real-, Mittel- und Sekundarschulen. Und Sarrazins   daraus folgende obersch&#252;lerhafte Erarbeitung ist einfach, naiv, eben   klassisch kleinb&#252;rgerlich: Die Bildung eines Menschen beeinflusst seine   soziale Stellung. Wer gern lernt wird klug, wer klug wird kriegt gute   Jobs (f&#252;r mehr als 5 Euro die Stunde). Wer gute Jobs hat wird reich. Wer   reich wird, &#8222;produziert nicht st&#228;ndig neue Kopftuchm&#228;dchen.&#8220; Sarrazin,   wir danken Dir!<\/p>\n<p>  Die ganze Argumentation ist etwa so gehaltvoll wie der Merksatz: Je mehr   Feuerwehrwagen, desto schlimmer der Brand. Der ernst zu nehmende Fl&#252;gel   der modernen Bildungsforschung hat l&#228;ngst ergeben, dass Marx` Theorem,   nach dem das soziale Sein das Bewusstsein bestimmt sehr wohl auch auf   das Bildungswesen zutrifft. Man vollzieht fast immer den formalen   Bildungsabschluss der Eltern nach. Klassen und Schichten innerhalb   dieser reproduzieren sich im Wesentlichen aus sich selbst.<\/p>\n<p>  Sarrazins Erkl&#228;rung daf&#252;r entspricht seinem intellektuellen Format.   &#8222;Nicht jeder erbitterte Kleinb&#252;rger k&#246;nnte ein Hitler werden, aber ein   St&#252;ckchen Hitler steckt in jedem von ihnen&#8220;, schreibt Trotzki und zeigt   so mit dem Finger auf den Bundesbanker. Dass, einfach gesagt, immer   wieder Dieselben am unteren Rand des deutschen Bildungssystems stehen,   stellt dieses und damit unsere gesamte Gesellschaft in Frage. Doch, um   diese Frage, also auch die Frage nach der Heiligen Kuh, nach den   Eigentumsverh&#228;ltnissen, nicht zu stellen, sondern davon abzulenken,   st&#252;rzt sich Thilo Sarrazin in dumpfen Rassismus. Damit spielt er die   Rolle eines Nicolas Sarkozy, eines Pim Fortuyn, eines J&#246;rg Haider und &#8211;   zu einem St&#252;ckchen &#8211; eines Adolf Hitler!<\/p>\n<p>  Lernmotivation ist nichts, dass einem Menschen einfach so angeboren ist,   sei dieser Mensch nun deutscher, t&#252;rkischer, polnischer oder   franz&#246;sischer Abstammung. Sie wird gesellschaftlich produziert, auch   noch so gute LehrerInnen k&#246;nnen sie nur hin und wieder erzeugen, nie   aber konservieren. Der Wille zu lernen bildet sich in dem Spannungsfeld   zwischen der allt&#228;glichen sozialen Situation (habe ich &#252;berhaupt eine   Chance), den Lehrpl&#228;nen und Lehr- und Lernmitteln (nutzt mir das was ich   in der Schule tue in meinem Leben), dem Aufbau des Bildungssystems und   dem Glauben and den Nutzen von hoher formaler Bildung und der   Selbstbestimmung der Lernenden.<\/p>\n<p>  Und genau dieses Spannungsfeld beleuchtet Sarrazin nicht und darin liegt   einer seiner zahllosen Fehler, die er in ihrer Gesamtheit auch noch als   politische Positionierung verkaufen will (und glaubt man den   Absatzzahlen seines Buchs auch mit gro&#223;em kommerziellem Erfolg verkauft).<\/p>\n<h4>  Ohne Chancen keine Motivation<\/h4>\n<p>  Das deutsche Recht kennt bei &#8222;Ausl&#228;nderInnen&#8220; auch den Status der   Duldung. Der kann sich auf eine Woche, drei Monate oder auch einen Tag   erstrecken. Zahlreiche Menschen werden &#252;ber Jahre geduldet, sie haben   weder Anspruch auf ALG II, noch auf die Teilnahme an Integrationskursen.   Sie k&#246;nnen kein Bankkonto er&#246;ffnen und keine Zeitung abonnieren. Eine   Zukunft hat derjenige, der gezwungen ist so zu leben nicht.<\/p>\n<p>  Aber die Kinder dieser Menschen sind der Schulpflicht unterworfen. Warum   diese Kinder auch nur richtig Deutsch lernen sollen, wenn sie stets in   der Gefahr schweben, dass nachts die Polizei kommen k&#246;nnte, die sie &#8211;   freundlich formuliert &#8211; sehr unsanft zum Flughafen bringt, um sie   abzuschieben, erkl&#228;rt uns Sarrazin nicht.<\/p>\n<p>  Wem alle Chancen verbaut sind, der ist nicht motivierbar, aber diese   simple Wahrheit findet keinen Eingang in Sarrazins Thesen, denn die   w&#252;rden sein argumentatives Geb&#228;ude zum Einsturz bringen.<\/p>\n<h4>  Abschreiben auf Raten<\/h4>\n<p>  Die Dreigliedrigkeit des deutschen Bildungssystems (Haupt-, Realschule   und Gymnasium) ist so alt wie sie verh&#228;ngnisvoll ist. Verteidigt wird   sie gern, wie beispielsweise durch den s&#228;chsischen Philologenverband   (Vertretung der GymnasiallehrerInnen) als individuelle F&#246;rderung der   Sch&#252;lerInnen. In den Genuss individueller F&#246;rderung gelangt allerdings   weder der Haupt-, noch der Real- und auch nicht der Gymnasialsch&#252;ler.   Die Tatsache ist: Das deutsche Schulsystem teilt die Kinder mit zehn   Jahren in Kategorien ein, aus denen kaum eines mehr heraus kommt: die   Superklugen gehen auf Hochbegabtengymnasien; die Klugen, werden an   Gymnasien unterrichtet; die Dummen bekommen den Realschulabschluss und   die absolut Unf&#228;higen besuchen die Hauptschule. Und die Sch&#252;lerInnen der   verschiedenen Schularten wird diese Einsch&#228;tzung zumindest suggeriert,   wenn nicht wortw&#246;rtlich mitgegeben.<\/p>\n<p>  Wo soll noch Lernmotivation herkommen, wenn man die Wahl hat zwischen   ALG II mit qualifizierendem oder nicht qualifizierendem   Hauptschulabschluss? Was l&#246;sen andererseits Leistungsdruck und   Misserfolgserlebnisse bei &#8222;hochbegabten&#8220; Sch&#252;lerInnen aus?<\/p>\n<p>  Deutschlands Sch&#252;lerInnen &#8211; gleich welcher nationaler und sozialer   Herkunft &#8211; erleben das Bildungswesen als fleischgewordene   Fremdzuschreibung von intellektuellen und sozialen Kompetenzen und   daraus folgenden Anspr&#252;chen.<\/p>\n<p>  Wenn sie &#252;berhaupt noch lernen, so lernen sie entfremdet: Stur werden   Fakten, Jahreszahlen und Merks&#228;tze ins Gehirn gedroschen, um schlechte   Noten zu vermeiden. Wenn es f&#252;r einen Gymnasiasten noch Sinn macht, gute   Noten durch auswendig Lernen des von ihm Abverlangten zu erreichen, so   ist das f&#252;r Haupt-, und Realsch&#252;lerInnen bestenfalls begrenzt sinnvoll.   Sie befinden sich in einer Bildungssackgasse, aus der auch gute Noten   keinen Ausweg weisen und die ihnen den weiteren Weg weitgehend verbaut.   Sie wissen das, denn anders als das deutsche Schulsystem unterstellt   sind sie keineswegs intellektuell unterentwickelt.<\/p>\n<p>  Intelligenz ist nur oberfl&#228;chlich gesehen die entscheidende   Zuordnungsgr&#246;&#223;e. Doch, es w&#228;re so sch&#246;n einfach, wenn sie es w&#228;re!   Sarrazin glaubt daran und bescheinigt den t&#252;rkischen Immigrantenkindern   eine geringere Intelligenz als den &#8222;deutschen&#8220; Kindern, weshalb diese   &#252;berdurchschnittlich h&#228;ufig in Hauptschulen zu finden sind als jene.   Leider schweigt er sich dar&#252;ber aus in der wievielten Generation man   &#8222;deutsch&#8220; sein muss, um &#8222;klug&#8220; und auf dem Gymnasium zu sein. Die   Wahrheit ist, dass menschliche Intelligenz im Grunde nichts anderes   darstellt als einen Reflex auf die Umwelt, in der ein Mensch lebt. Die   soziale Situation formt den Menschen, das gesellschaftliche Sein   bestimmt das Bewusstsein.<\/p>\n<p>  Die Haupt- und Realschulklassen sind voll von jungen Menschen, von   Kindern und Jugendlichen, denen die kapitalistische Gesellschaft die   weitere Entwicklung ihrer Intelligenz verwehrt. Sie leiden unter ADS und   AHDS, werden notd&#252;rftig medikamentiert, sie haben Lese-, Rechtschreib-   und andere Teilleistungsschw&#228;chen, sind funktionale Analphabeten und   sind traumatisiert. Vielleicht ist bei ihnen einfach &#8222;der Knoten noch   nicht geplatzt&#8220; und vielleicht erleben sie auch, dass Vater und Mutter   trotz guter Schulabschl&#252;sse seit Jahren arbeitslos oder im   Niedriglohnsektor besch&#228;ftigt sind. Die wirklichen Gr&#252;nde f&#252;r Haupt- und   Realschul-&#8222;Karrieren&#8220; interessieren niemanden, obwohl sie wesentlich   sind. Wenn ein Kind nicht zur Schule geht oder sonst irgendwie nicht so   funktioniert wie von ihm gefordert, dann liegt das Versagen eben bei   ihm. Das eine moderne Gesellschaft wie die unsere die Verantwortung und   auch die Mittel h&#228;tte diesen Kindern den Weg auch zu h&#246;herer Bildung zu   bahnen, ihnen wirklich individuell zu helfen, interessiert nicht. Wer   nicht funktioniert f&#228;llt durchs Rost, er wird auf Raten abgeschrieben &#8211;   egal wie alt!<\/p>\n<p>  Diese Geschichte erz&#228;hlt Sarrazin nicht. Denn dann m&#252;sste er sich der   Frage stellen, warum deutsche Kinder und Immigrantenkinder von den   inhumanen Auswirkungen des deutschen Bildungswesens betroffen sind. Dann   m&#252;sste er zugeben, dass nicht die mitgebrachten F&#228;higkeiten den   Bildungsweg determinieren, sondern das Schul- und Gesellschaftssystem   die Intelligenz eines Menschen formen, dass das gesellschaftliche Sein   das Bewusstsein bestimmt.<\/p>\n<p>  In den Gebieten mit geringem Ausl&#228;nderanteil gehen vorrangig deutsche   Kinder auf die Haupt- und Realschule. Sind die auch einfach weniger   intelligent?<\/p>\n<p>  Nein, die Tatsache ist, dass der Kapitalismus eine Klassengesellschaft   ist und das Klassen aus Schichten bestehen. Die unteren Schichten der   Arbeiterklasse rekrutieren sich stets aus Menschen, die von den   Unternehmern am besten ausgebeutet werden k&#246;nnen und die schlechtesten   Arbeiten haben, weil sie ausgeschlossen sind, kaum Kontakt haben, die   Sprache nicht sprechen und die &#8222;Anderen&#8220; sie f&#252;rchten, weil sie &#8222;Ghettos   bilden&#8220;. Wenn die ImmigrantInnen Angst vor den deutschen ArbeiterInnen   und diese wiederum Angst vor den ImmigrantInnen haben, wie sollen sie   dann einander noch helfen? Wer einmal unten ist, der bleibt unten. Die   Kinder vollziehen den Bildungsabschluss der Eltern nach.<\/p>\n<p>  Wo es keine ImmigrantInnen gibt m&#252;ssen die unteren Schichten der   Arbeiterklasse woanders her kommen. Deutsche BilligarbeiterInnen   schlie&#223;en die L&#252;cke. Ihre Kinder treten in ihre Fu&#223;stapfen. Was Sarrazin   als Charakteristikum insbesondere der t&#252;rkischen ImmigrantInnen ausmacht   ist weiter nichts als ein Charakteristikum der Gesellschaftsordnung, die   Sarrazin mit rassistischen Parolen verteidigt.<\/p>\n<h4>  Fremdbestimmt statt selbstbestimmt<\/h4>\n<p>  Egal welche Nationalit&#228;t die Sch&#252;lerInnen an deutschen Schulen haben,   sie lernen allesamt fremdbestimmt. Teilweise liegt dies in der Natur der   Sache. Man kann nicht &#252;ber Dinge bestimmen, die man nicht kennt, von   denen man nichts wei&#223;. Ein Sch&#252;ler, der keine Ahnung von der   Oktoberrevolution hat, nicht einmal wei&#223;, dass sie stattfand, wird   nichts &#252;ber sie wissen wollen. So wird Fremdbestimmung wohl immer auch   ein Teil von Lehr- und Lernprozessen sein. Doch das deutsche   Bildungswesen hat die Fremdbestimmung zum Prinzip ernannt. Sch&#252;lerInnen   werden weder rechtlich, noch von ihrem Wissen her in die Lage versetzt   &#252;ber die Gestaltung der Lehrpl&#228;ne und Lehr- und Lernmittel   mitzubestimmen. Erstgenanntes ist fest in der Hand einer staatlichen   B&#252;rokratie, das Zweitgenannte liegt in der Hoheit privatwirtschaftlich   agierender Konzerne.<\/p>\n<p>  Eine problematische Mischung, die letzten Endes dazu f&#252;hrt die   Lebenswelt gerade der unteren Schichten der Arbeiterklasse und damit   auch die Lebenswelt der Immigrantenkinder auszublenden.<\/p>\n<p>  Wer sich aber im Unterricht nicht wieder findet, wem der Unterricht   nichts gibt mit dem er sein Leben gestalten kann, der wird kaum   motiviert zu lernen. Er wird vielleicht erpresst zu lernen, erpresst mit   seiner Angst vor schlechten Noten &#8211; die Psychologen nennen das   extrinsisch motivieren. Aber er wird nicht innerlich angetrieben zu   lernen, hat keine Lust zu entdecken und zu verstehen. Und da sind wir   wieder an dem Punkt: Wer schlechte Noten nicht f&#252;rchtet, weil er ohnehin   schon &#8222;unten&#8220; ist, der lernt eben nicht, wenn ihn die Inhalte nicht dazu   anregen.<\/p>\n<p>  Dieses &#8222;Ph&#228;nomen&#8220; findet sich bei t&#252;rkischen und deutschen, bei   polnischen und russischen Sch&#252;lerInnen gleicherma&#223;en. Die Erfahrungen   des Autors in seinem Lehrberuf m&#246;gen hier als Beweis zugelassen sein.<\/p>\n<h4>  Keine Zukunft<\/h4>\n<p>  Selbst, wenn ImmigrantInnen nicht den Duldungsstatus haben, sind sie zum   weit &#252;berwiegenden Teil gezwungen bittere Lebensverh&#228;ltnisse   hinzunehmen. Sie verrichten immer noch in der Regel dreckigere,   schwerere und schlechter entlohnte Arbeiten, als ihre durchschnittlichen   deutschen KollegInnen. Sie leben in Gegenden mit geringer Wohnqualit&#228;t,   weil sie zu niedrigen L&#246;hnen arbeiten m&#252;ssen, oder mit ALG II auskommen   m&#252;ssen.<\/p>\n<p>  Die Zukunft eines Deutschen auf einer Haupt- oder Realschule ist alles   andere als rosig. Die eines Immigranten ist schlichtweg angsterregend.   Warum sollen ImmigrantInnen lernen, wenn wir ihnen diese Zukunft bieten?   Warum sollen sie ihre Intelligenz entwickeln, wenn die kapitalistische   Gesellschaft sie in Ghettos treibt?<\/p>\n<p>  Irgendwie &#252;bersieht Sarrazin das. Oder sieht er es und will es nicht   wissen? Oder sieht er es und will davon ablenken?<\/p>\n<h4>  Kapitalismus und Sarrazin<\/h4>\n<p>  Was in drei Teufels Namen haben Sarrazin und das Privateigentum an   Produktionsmitteln miteinander zu tun? Einfach alles!<\/p>\n<p>  Jede menschliche Gesellschaft ist im Grunde nichts anderes als eine   Organisationsform der zu erledigenden Arbeit. Ihr Ziel ist stets die   Ausweitung der Produktivit&#228;t, hierzu entwickelt sie die Produktivkr&#228;fte.   Produktivkr&#228;fte sind im Grunde Produktionsmittel (Maschinen, Werkzeuge)   und menschliche Arbeit (k&#246;rperliche und geistige Arbeit). Die Ausweitung   der Produktivkr&#228;fte ist somit zu gro&#223;en Teilen mit der Ausweitung der   menschlichen Intelligenz verbunden. Dies ist eine Aufgabe, der sich jede   Gesellschaft stellen muss, wenn sie sich weiter entwickeln will.<\/p>\n<p>  Das Unverm&#246;gen des deutschen Bildungswesens Kinder und Jugendliche zum   Lernen zu motivieren, zeigt wie wenig die kapitalistische Gesellschaft   als Ganzes noch willens und in der Lage ist die Arbeiterklasse zu bilden   und auf diese Weise die Produktivkr&#228;fte zu entwickeln.<\/p>\n<p>  Eine Gesellschaft aber, die das nicht mehr kann, hat ihren historischen   Auftrag erf&#252;llt, sie ist &#252;berlebt und nur noch ein Klotz am Bein der   menschlichen Entwicklung, sie ist &#8211; einfach gesagt &#8211; erledigt.<\/p>\n<p>  Doch am weiteren Bestehen jeder Gesellschaft haben die Herrschenden, die   Unterdr&#252;ckenden, handfeste materielle Interessen: H&#228;user, Geld, Autos&#8230;   Sie werden alles tun, um ihre Gesellschaft zu erhalten, eine herrschende   Klasse, deren objektives Ende unwiderruflich eingeleitet ist, wird keine   L&#252;ge, keine Gemeinheit scheuen, um ihr Leben zu verl&#228;ngern.<\/p>\n<p>  Sie wird auch einem Thilo Sarrazin helfen sein Buch &#8211; so krude es auch   sei &#8211; so weit wie m&#246;glich und so auff&#228;llig wie m&#246;glich zu verbreiten.   Das Problem ist nicht der schmierige Schreiberling mit dem Schnurrbart,   sondern die Herren Bosbach (CDU) und Buschkowsky (SPD), die ihre Freude   &#252;ber Sarrazins &#8222;Tabubruch&#8220; kaum verhehlen k&#246;nnen und BILD und Spiegel,   die den Medienhype um das Buch organisiert haben.<\/p>\n<h4>  Rechtspopulist Sarrazin?<\/h4>\n<p>  Inzwischen hei&#223;t es 18 Prozent w&#252;rden die &#8222;Sarrazin-Partei&#8220; w&#228;hlen.   Bedenklich! Sarrazins Thesen fallen auf einen fruchtbaren Boden, den   haben die Etablierten mit ihrer rassistischen Hetze und Sozialabbau &#252;ber   Jahrzehnte hinweg bereitet.<\/p>\n<p>  Ob Sarrazin das Zeug um rechtspopulistischen F&#252;hrer hat ist fraglich.   Ausgeschlossen werden kann es nicht, dass er sich nach einem m&#246;glichen   Ausschluss aus der SPD als Parteipolitiker eines neuen rechten Projekts   versucht. Seine Beschimpfung auch von deutschen Hartz-IV-Empf&#228;ngern   w&#252;rde allerdings die Gefahr mit sich bringen die soziale Demagogie der   Rechten zu entlarven.<\/p>\n<p>  Das mag das einzige Verdienst Sarrazins zu sein: Er hat allen   Unterdr&#252;ckten gezeigt, was die kapitalistische Gesellschaft von ihnen   h&#228;lt: ImmigrantInnen, Hartz-IV-Empf&#228;nger, Niedriglohn-Jobber,   jugendliche Arbeitslose, &#8230; &#8211; Sarrazin beschimpfte sie alle. Kaum ein   kapitalistischer Politiker hat damit deutlicher gezeigt, dass sie alle   gemeinsam k&#228;mpfen m&#252;ssen, gegen eine Gesellschaft, die ihnen nichts mehr   zu bieten hat au&#223;er blanken Hass!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Der Blick eines Lehrers\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[50,5,6],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13890"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13890"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13890\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13890"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13890"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13890"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}