{"id":13886,"date":"2010-09-17T12:00:00","date_gmt":"2010-09-17T10:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13886"},"modified":"2012-06-13T16:46:57","modified_gmt":"2012-06-13T14:46:57","slug":"13886","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/09\/13886\/","title":{"rendered":"Was steckt hinter der Sarrazin-Debatte?"},"content":{"rendered":"<p>  Die Unterst&#252;tzung f&#252;r Sarrazins migrantenfeindliche Thesen wurde von   Medien und Politik gemacht.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Die Verkaufszahlen des Buches und die Umfragen zeigen, dass Sarrazins   Thesen &#8211; zumindest in der verk&#252;rzten Form, in der sie &#246;ffentlich   diskutiert werden &#8211; auf Interesse und bei Teilen der Bev&#246;lkerung sogar   auf Zustimmung sto&#223;en. Doch diese Unterst&#252;tzung ist nicht vom Himmel   gefallen, sondern bewusst gemacht worden, von den Medien und den   angeblich so schockierten Politikern der b&#252;rgerlichen Parteien.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Claus Ludwig, Sozialistischer Stadtrat, Die LINKE.K&#246;ln<\/i><\/h4>\n<p>  Sarrazins Buch ist mit einer massiven medialen Kampagne gepusht worden.   An der Spitze stand die BILD-Zeitung, die sich als Sarrazins Werbetr&#228;ger   bet&#228;tigt. Der BILD-Spruch &#8222;Das muss man doch noch sagen d&#252;rfen&#8220; war ein   geschickter Schachzug. So wird impliziert, es g&#228;be Tabus in der   Integrationsdebatte. Dabei wird seit Jahren dar&#252;ber &#246;ffentlich   gestritten, Sarrazin selbst konnte sich umfassend dar&#252;ber in den Medien   ausbreiten.<\/p>\n<p>  Aber es geht nicht allein um BILD. Dass diese Zeitung von Zeit zu Zeit   rechte Propaganda aufw&#228;rmt, ist bekannt. Wichtiger ist, dass auch   &#8222;seri&#246;se&#8220; Medien sich daran beteiligen, Sarrazins Thesen zu verbreiten.   Eine ernsthafte Analyse seiner Aussagen war fast nirgendwo zu finden.   Die b&#252;rgerlichen Medien nahmen teilweise eine voyeuristische Haltung   ein: Man gruselt sich und zeigt sich schockiert, wie bei einem   Splatter-Film oder einem Schmuddel-Porno, aber findet es irgendwie doch   spannend.<\/p>\n<p>  Andere Kommentare vertreten die Linie, dass Sarrazin &#252;ber das Ziel   hinaus schie&#223;en und sich im Ton vergreifen w&#252;rde, aber echte Probleme   ansprechen w&#252;rde. Das ist auch die Haltung nahezu aller b&#252;rgerlichen   Politiker. Sie haben kurz hyperventiliert und sich aufgeregt, als   Sarrazin von den &#8222;j&#252;dischen Genen&#8220; sprach, aber dies nicht einmal zum   Anlass genommen, deutlich zu machen, dass er damit Ankn&#252;pfungspunkte f&#252;r   Nazis bietet und faktisch als deren Wegbereiter agiert. Der   SPD-Fraktionsvorsitzende in Mecklenburg-Vorpommern, Nieszery, meinte,   Sarrazin h&#228;tte auf &#8222;In der Sache &#8230; auf Integrationsprobleme&#8220; aufmerksam   gemacht. Minister Gutenberg meint, Sarrazin h&#228;tte &#8222;die richtige Debatte&#8220;   angesto&#223;en und fordert &#8211; wie Sarrazin selbst, BILD und der rechte Rand   von &#8222;ProNRW&#8220; bis zur NPD &#8211; eine Integrationsdebatte &#8222;ohne Scheuklappen&#8220;.<\/p>\n<p>  Diese Hauptlinie der b&#252;rgerlichen Politik wird flankiert von den   Rechtslauslegern aller Parteien, die positiv an Sarrazin ankn&#252;pfen,   darunter von Klaus von Dohnanyi (SPD), ehemaliger Erster B&#252;rgermeister   von Hamburg, der Sarrazin inhaltlich unterst&#252;tzt und die Behauptung,   dass &#8222;Gruppen, die sich bisher nicht durch Arbeit und Leistung   hervorgetan haben (manche Deutsche oder Teile von Migranten) mehr Kinder   bekommen und so das Leistungsniveau der Nation langfristig   absenken&#160;k&#246;nnten.&#8220; f&#252;r richtig erkl&#228;rt.<\/p>\n<p>  F&#252;r die Meisten d&#252;rften die Fragen von Stil, Ton und H&#246;flichkeit   zweitrangig sein. Sarrazins Inhalte sind von Politik und Medien f&#252;r   zul&#228;ssig erkl&#228;rt worden, also findet er auch Unterst&#252;tzung bei Teilen   der Bev&#246;lkerung. Wobei anzumerken ist, dass nur Teile der Sarrazinschen   Positionen &#246;ffentlich debattiert werden. Die &#252;ber Jahre von Medien und   b&#252;rgerlichen Politikern gesch&#252;rten &#196;ngste vor einer wachsenden   Einwanderung, die angeblich soziale Probleme verursacht, wird von   Sarrazin missbraucht, um eine neue Qualit&#228;t rassistischer Positionen zu   verbreiten. Viele denken, dass er zwar mit seinen Aussagen &#252;ber &#8222;Gene&#8220;   zu weit gegangen sei, aber Recht damit hat, dass Migration urs&#228;chlich   f&#252;r gesellschaftliche Probleme ist. Wenn dieselben Leute dann lesen,   dass Sarrazin unter anderem auch verpflichtende Zwangsarbeit f&#252;r alle   arbeitsf&#228;higen Erwerbslosen fordert und bei Weigerung mit der Streichung   staatlicher Transferleistungen und der gesetzlichen Krankenversicherung   droht, werden sie hoffentlich noch einmal dar&#252;ber nachdenken, wem sie da   auf den Leim gehen. Denn Sarrazin vertritt im Kern einen brutalen,   neoliberalen Kapitalismus. Er argumentiert gegen Lohnerh&#246;hungen und f&#252;r   Sozialk&#252;rzungen, sein Rassismus ist die ideologische Flankierung nackter   Kapitalismusunterst&#252;tzung.<\/p>\n<h4>  Medienkampagne und ausbleibender Gegenwind<\/h4>\n<p>  Eine Gegenaufkl&#228;rung ist noch nicht im Gange. Gewerkschaften und DIE   LINKE halten sich unerkl&#228;rlicherweise zur&#252;ck. Auf der DGB-Website ist   zwar per Suchfunktion eine klare Einsch&#228;tzung Sarrazins durch   Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach zu finden, auf der Website von   ver.di eine Pressemitteilung des ver.di-Migrationsausschusses   Frankfurt\/Main, aber Argumente gegen dessen Thesen findet man bisher,   au&#223;er auf der Webseite der IG Metall, nicht, geschweige denn an   prominenter Stelle.<\/p>\n<p>  DIE LINKE hat einige Pressemitteilungen zum Thema ver&#246;ffentlich, die   aber seltsam lau klingen. Irritierend h&#228;ufig wird darin vom &#8222;Ansehen der   Bundesbank&#8220; oder der Bundesrepublik gesprochen. Dass Sarrazins Thesen   rassistisch sind, wird erw&#228;hnt, aber eine Argumentation ist auch bei der   LINKEN nicht zu finden. Dabei w&#228;re es dringend n&#246;tig, dass die gro&#223;en   Organisationen der Arbeiterbewegung eine Offensive gegen den Rassismus   starten.<\/p>\n<p>  Dass sich laut Umfragen 16 bis 18 Prozent vorstellen k&#246;nnen, eine   &#8222;Sarrazin-Partei&#8220; zu w&#228;hlen, ist das Produkt sowohl von jahrelangen   Kampagnen gegen Muslime und MigrantInnen als auch der durch die   Wirtschaftskrise verst&#228;rkten Zukunfts&#228;ngste vieler Menschen, aber auch   einer Wochen andauernden medialen Berichterstattung und einer gezielten   Verharmlosung seiner Vorschl&#228;ge seitens der etablierten Parteien.<\/p>\n<p>  Angesichts der Krise dieser Parteien lieb&#228;ugeln Teile der herrschenden   Klasse und ihrer politischen Vertreter damit, eine &#8222;rechtspopulistische&#8220;   Partei zu gr&#252;nden und eine Alternative rechts von der CDU aufzubauen.   Als Protagonisten wurden bisher Merz (CDU) und Clement (SPD) gehandelt.   Solch eine Partei w&#252;rde auf Rassismus und Islamophobie basieren und den   Druck auf Erwerbslose und Lohnabh&#228;ngige verst&#228;rken.<\/p>\n<p>  Sarrazins Provokationen werden als Testballons genutzt, um zu checken,   wieviel Unterst&#252;tzung eine &#8222;seri&#246;se&#8220;, aus dem Establishment gestartete   Rechtspartei h&#228;tte &#8211; im Unterschied zu den diversen Projekten aus der   unzuverl&#228;ssigen faschistischen Schmuddelecke wie &#8222;ProNRW&#8220;, NPD usw.<\/p>\n<p>  In den europ&#228;ischen Nachbarl&#228;ndern sind &#8222;rechtspopulistische&#8220; Parteien &#8211;   also Parteien, deren faschistischer Charakter nicht klar erkennbar oder   deren klassische faschistische Elemente (Schl&#228;gerbanden, &#8222;Kampf um die   Stra&#223;e&#8220;) schwach oder gar nicht vorhanden sind und die sich erst einmal   auf b&#252;rgerliche-parlamentarische Methoden beschr&#228;nken &#8211; sehr viel weiter   entwickelt.<\/p>\n<p>  Die FP&#214; in &#214;sterreich liegt stabil bei rund 20 Prozent und treibt das   gesamte politische Leben nach rechts, in den Niederlanden ist die   rassistische Wilders-Partei an der Regierung beteiligt. Diese Parteien   spielen eine wichtige Rolle f&#252;r das Kapital: Sie schw&#228;chen den   Widerstand gegen Sozialabbau und Lohndumping durch Spaltung, lenken von   den sozialen Fragen ab und die Unzufriedenheit auf die jeweiligen   S&#252;ndenb&#246;cke.<\/p>\n<p>  Die Gesetzgebung ist weiterhin von Diskriminierung gegen&#252;ber   MigrantInnen gepr&#228;gt. Aber zumindest verbal haben SPD und CDU   eingestanden, dass die Bundesrepublik ein Einwanderungsland ist. Vor   allem die CDU will vermeiden in den Gro&#223;st&#228;dten zu einer strukturellen   Minderheitspartei zu werden, weil sie nur als konservativ-christlich   gesehen wird. Die verbale Akzeptanz einer multi-ethnischen, meist   multikulturell genannten Wirklichkeit hat es den Herrschenden teilweise   erschwert, Rassismus als Spaltungsinstrument einzusetzen. Dass Sarrazin   jetzt diese gro&#223;e &#246;ffentliche Plattform erh&#228;lt zeigt, dass Teile des   B&#252;rgertums es f&#252;r notwendig halten, neben ihren schon vorhandenen   Parteien ein weiteres Instrument in Form eine gr&#246;beren Klotzes bereit zu   halten.<\/p>\n<h4>  Potenzial f&#252;r Rechte<\/h4>\n<p>  Die Umfragen f&#252;r Sarrazin sind gepusht worden, aber sie sind nat&#252;rlich   nicht nur ein mediales Produkt. Tats&#228;chlich existiert auch in   Deutschland das Potenzial f&#252;r eine rechte Partei. W&#228;hrend der &#8222;echte&#8220;,   &#8222;klassische&#8220; Rasssimus, der Menschen anderer Hautfarbe f&#252;r   &#8222;minderwertig&#8220; erkl&#228;rt, &#252;ber die letzten Jahrzehnte abgenommen haben,   sind andere Formen von Rassismus gest&#228;rkt worden. Der   &#8222;Wohlstandschauvinismus&#8220; gegen MigrantInnen, die uns angeblich die   Arbeitspl&#228;tze wegnehmen, ist immer wieder kampagnef&#246;rmig hervorgeholt   worden &#8211; z.B. in der Asyldebatte der fr&#252;hen 90er Jahre &#8211; und ist bei   Teilen der Bev&#246;lkerung verankert. Die Propaganda gegen den Islam, die   auch f&#252;r die Rechtfertigung westlicher Kriegseins&#228;tze im Irak und   Afghanistan wichtig ist, hat ebenso Wurzeln geschlagen.<\/p>\n<p>  Trotz des kurzfristigen wirtschaftlichen Aufschwunges in Deutschland   herrscht &#8211; zu Recht &#8211; ein Gef&#252;hl von Krise vor. Die &#246;ffentlichen   Haushalte kollabieren, die L&#246;hne stagnieren seit Jahrzehnten, die Armut   w&#228;chst. Die Frustration ist gro&#223;. Gerade in Zeiten, in denen wenig   Klassenk&#228;mpfe stattfinden, in denen eine geringe Selbstaktivit&#228;t bei den   ArbeitnehmerInnen herrscht, in denen die Alternativen der Gewerkschaften   und der Partei DIE LINKE schwach ausgepr&#228;gt sind, k&#246;nnen rassistische   Ideen sich auch in Schichten der arbeitenden Bev&#246;lkerung verbreiten.<\/p>\n<p>  Die Unterst&#252;tzung f&#252;r Sarrazin mag schwinden, der Start einer Partei   rechts der CDU wird auf viele konkrete Hindernisse sto&#223;en. Doch die   Zustimmung f&#252;r Sarrazin in Teilen der Bev&#246;lkerung und die zynische   Reaktion der Vertreter des Establishments sind eine klare Warnung an die   Arbeiterbewegung und an die Linke: Der Rassismus bleibt eine Waffe der   Herrschenden, um die Spaltung in der arbeitenden Bev&#246;lkerung zu   vertiefen, Widerstand klein zu halten und Repressionen gegen Gruppen der   Bev&#246;lkerung in Gang zu setzen.<\/p>\n<p>  Die Gewerkschaften und DIE LINKE sollten sofort in die Debatte   eingreifen, seine Thesen als Hetze entlarven und Argumente gegen   Sarrazin breit streuen. Sie sollten auf die Konsequenzen f&#252;r die Lage   der Lohnabh&#228;ngigen hinweisen, wenn sich rassistische Ideen durchsetzen.   Zur&#252;ckhaltung ist nicht angebracht, man kann diese Debatte nicht   totschweigen oder sich w&#252;nschen, es g&#228;be sie nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Die Unterst&#252;tzung f&#252;r Sarrazins migrantenfeindliche Thesen wurde von<br \/>\n      Medien und Politik gemacht.\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[270],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13886"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13886"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13886\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13886"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13886"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13886"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}