{"id":13885,"date":"2010-09-16T19:00:00","date_gmt":"2010-09-16T19:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13885"},"modified":"2017-04-14T11:33:26","modified_gmt":"2017-04-14T09:33:26","slug":"13885","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/09\/13885\/","title":{"rendered":"\u201eDie Linke hat schwere Fehler begangen.\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Interview zum Jahrestag des Milit\u00e4rputsches in der T\u00fcrkei mit t\u00fcrkischen Sozialisten<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n<b>Am 12. September j\u00e4hrte sich der Milit\u00e4rputsch in der T\u00fcrkei von 1980 zum drei\u00dfigsten Mal. F\u00fcr <i>sozialismus.info<\/i> sprach Nelli mit Hakan Do\u011fanay (46 Jahre alt, 1980 in Malatya) und Kamber Erko\u00e7ak (49 Jahre alt, zwischen 1979 und 1982 im Gef\u00e4ngnis in Istanbul) \u00fcber die damaligen Ereignisse, die Rolle der revolution\u00e4ren Linken und die Lehren f\u00fcr heute.<\/b><\/p>\n<p><b><i>Wart ihr zu der Zeit, als der Milit\u00e4rputsch stattfand politisch organisiert? Wenn ja, wo? Welchen Organisation oder Str\u00f6mungen der Linken habt ihr angeh\u00f6rt?<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>Kamber:<\/b> Ich war organisiert in der T\u00fcrkischen Revolution\u00e4ren Kommunistischen Partei (TIKB).<\/p>\n<p><b>Hakan:<\/b> Ich war Sympathisant der Jugendgruppe von Halk\u0131n Kurtulu\u015fu.<\/p>\n<p><b>Kamber:<\/b> Wir waren ein ganz junge Organisation, gegr\u00fcndet im Februar 1979. Wir waren eine Abspaltung von Halk\u0131n Kurtulu\u015fu und eine eine kleine militante Gruppe. Wir geh\u00f6rten dem maoistischen Teil der Linken an. In unseren Augen war die Sowjetunion ein imperialistisches Land. Unsere Idealvorstellung einer anderen Gesellschaft war Albanien. Wir waren der Auffassung, dass ein bewaffneter Guerillakampf notwendig sei. Unsere Gruppe wurde eigentlich erst nach dem Milit\u00e4rputsch popul\u00e4r, weil wir eine der Wenigen waren, die w\u00e4hrend des Putsches und in der Zeit danach Aktionen auf die Beine gestellt hat, besonders in der Anfangszeit waren wir sehr aktiv. Im Gef\u00e4ngnis und au\u00dferhalb.<\/p>\n<p><b>Hakan:<\/b> Die Organisation, der ich angeh\u00f6rte &#8211; Halk\u0131n Kurtulu\u015fu \u2013 hat, wie viele andere auch, den Milit\u00e4rputsch billigend zur Kenntnis genommen und kaum etwas unternommen, um weiter Widerstand zu leisten.<\/p>\n<p><b><i>Was waren die Folgen des Milit\u00e4rputsches?<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>Kamber:<\/b> Der Putsch vom 12. September war eine geplante Aktion der t\u00fcrkischen Kapitalisten. Vor allem, um die ber\u00fchmten Beschl\u00fcsse vom 24. Januar (im Januar 1980 wurde ein umfangsreiches Wirtschafts\u201creform\u201cpaket beschlossen, siehe auch Artikel zu Milit\u00e4rputsch\/ Anmerkung der Redaktion) umsetzen zu k\u00f6nnen, brauchten sie diesen Putsch. Um das verstehen zu k\u00f6nnen, muss man die Geschehnisse in der T\u00fcrkei vor dem Milit\u00e4rputsch kennen. Vor dem Milit\u00e4rputsch gab es in der ganzen T\u00fcrkei eine wachsende revolution\u00e4re Bewegung. Die Arbeiterklasse war in Bewegung, in verschiedensten Bereichen gab es Massenstreiks und Besetzungen. Die kurdische Bewegung hatte begonnen, sich zu organisieren, in vielen Orten in Kurdistan waren linke B\u00fcrgermeister gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Tari\u015f in Izmir war besetzt, die Arbeiter dort waren bewaffnet und ganz Izmir stand auf der Seite der Tari\u015f-Arbeiter. Gleichzeitig gab es zugespitzte Auseinandersetzungen mit den Faschisten bis hin zu b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Zust\u00e4nden. Dies war aus Sicht der Herrschenden ein unhaltbarer Zustand, um ihr Programm umzusetzen.<\/p>\n<p>Der sp\u00e4tere Ministerpr\u00e4sident der T\u00fcrkei &#8211; Turgut \u00d6zal &#8211; hat einmal gesagt: \u201eDie Gesetzte vom 24. Januar h\u00e4ttten wir ohne den 12. September nicht durchsetzen k\u00f6nnen.\u201c. Der Arbeitgeberpr\u00e4sident meinte damals: \u201eJetzt sind wir dran\u201c.<\/p>\n<p>Hinzu kam die Entwickelung in den Nachbarstaaten. Im Iran gab es 1979 eine revolution\u00e4re Bewegung (an deren Ende das Scheitern dieser Bewegung und die Machtergreifung der Mullahs unter Ajatollah Chomeini stand\/ Anmerkung der Redaktion). Syrien hatte starke Verbindungen zur Sowjetunion aufgebaut. Aus Sicht des US-Imperialismus war die T\u00fcrkei DER Verb\u00fcndete in der Region und sollte als Bollwerk gegen die Bewegungen im Nahen Osten und die Sowjetunion aufgebaut werden.<\/p>\n<p>Dementsprechend unterst\u00fctzte der US-Imperialismus den Putsch. Der US-Pr\u00e4sident meinte in seiner \u00f6ffentlichen Stellungnahme: \u201eUnsere Kinder haben es geschafft\u201c.<\/p>\n<p><b><i>Wie schon erw\u00e4hnt wurde, waren die Auseinandersetzungen mit den Faschisten vor allem in der zweiten H\u00e4lfte der 70er Jahre sehr zugespitzt. Wie haben diese agiert?<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>Kamber:<\/b> Es gab in diesen Jahren viele Aktionen von den Faschisten. Von Bombadierungen von linken Einrichtungen bis zur Ermordung von Linken. Die Faschisten sind bewaffnet gegen streikende Arbeiter vorgegangen. Sie haben L\u00e4den und Caf\u00e9s von Linken beschossen, linke Studenten an den Unis umgebracht. In Balgat haben sie Linke entf\u00fchrt und umgebracht. In Malatya wurde der MHP B\u00fcrgermeister von seinen eigenen Anh\u00e4ngern umgebracht, um die Situation zu eskalieren. Malatya wurde damals regelrecht von faschistischen Terroreinheiten gest\u00fcrmt und besetzt.<\/p>\n<p>Die Aufgabe der Faschisten war es, gegen die Linke und die Arbeiterbewegung vorzugehen. Innerhalb von vier Jahren wurden 5.500 Menschen von ihnen umgebracht.<\/p>\n<p>Aber wir haben auch entscheidende Fehler gemacht: Der gr\u00f6\u00dfte war, dass wir uns in unseren Stadtteilen nur noch auf den Kampf gegen die Faschisten konzentriert und mit Vergeltungsschl\u00e4gen gegen sie vorgegangen sind, ohne die Arbeiter mitzunehmen. Nach dem Milit\u00e4rputsch hat sich sehr deutlich gezeigt, dass die Bev\u00f6lkerung die Jahre der b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen Zust\u00e4nde satt hatte und Ruhe haben wollte.<\/p>\n<p><b><i>Die Linke war sehr stark, aber gespalten. Hat es das den Faschisten und dem Milit\u00e4r leichter gemacht?<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>Kamber: <\/b>Ja. Wenn wir einheitlich vorgegangen w\u00e4ren, h\u00e4tten Faschisten und Milit\u00e4r gar keine Chance gehabt. Aber in dieser Zeit lag das Problem nicht nur an t\u00fcrkischen und kurdischen Linken. Weltweit gab es gro\u00dfe Spannungen, so war es auch in der T\u00fcrkei. Wir spalteten uns in drei gro\u00dfe Lager: Sowjetunion, China und sp\u00e4ter Albanien. Und dann noch diejenigen, die von der Bewegung in Lateinamerika inspiriert waren. Dabei war oftmals gar nicht klar, wo eigentlich die inhaltlichen Differenzen lagen. Vielmehr war es so, dass man sich, bevor man eine Position zur Situation im eigenen Land entwickeln konnte, f\u00fcr eine der weltweiten Str\u00f6mungen entscheiden musste. Und die Gr\u00e4ben waren dann sehr tief.<\/p>\n<p>Wer nicht mit uns organisiert war, war in unseren Augen ein Antirevolution\u00e4r und Anh\u00e4nger des \u2013 wie wir es bezeichneten &#8211; Sowjetimperialismus. Wir haben diese Linken als Sowjetfaschisten bezeichnet und sie uns umgekehrt auch als Faschisten. Als wir uns von Halk\u0131n Kurtulu\u015fu abgespalten haben, haben sie drei unserer f\u00fchrenden Mitglieder get\u00f6tet. Und wir haben zwei von ihnen get\u00f6tet. Im Nachhinein erinnert mir das, was wir in dieser Zeit erlebt haben an die Methoden, die in der Sowjetunion in den sp\u00e4ten 20er und 30er Jahren angewendet wurden.<\/p>\n<p>Viele Gruppen hatten tausende von Anh\u00e4ngern, doch obwohl wir so viele waren, waren wir nicht in der Lage, der Gefahr des Putsches geschlossen gegen\u00fcber zu treten.<\/p>\n<p><b><i>Die TKP (T\u00fcrkische Kommunistische Partei) hat an die Putschisten appelliert, gegen die Faschisten vorzugehen, anstatt Widerstand vorzubereiten.<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>Kamber:<\/b> Die TKP hatte keine eigene politische Haltung, sie waren v\u00f6llig kontrolliert von der Sowjetunion. Die F\u00fchrung der Sowjetunion hatte sich in dieser Zeit als Verr\u00e4terin von revolution\u00e4ren Bewegungen weltweit gezeigt. Und sie pflegten Verbindungen zu den Putschisten. Die TKP hat ihre Mitglieder aufgefordert, nichts gegen den Milit\u00e4rputsch zu unternehmen bis dahin, dass sie aufgefordert waren, dem Aufruf der Polizei, sich freiwillig zu melden, Folge zu leisten und sich verhaften zu lassen. Als wir in einen Hungerstreik getreten sind, hat sich die TKP \u00fcber uns lustig gemacht.<\/p>\n<p>Aber es gab nat\u00fcrlich viele Aktivisten der TKP, die trotzdem Widerstand geleistet haben und Opfer von Verhaftung, Folter und Ermordung geworden sind. Sie verdienen unseren Respekt.<\/p>\n<p><b>Hakan:<\/b> Ich denke auch, dass man an der TKP viel kritisieren kann, aber gleichzeitig darf man Eines nicht vergessen: Es gab zur Zeit des Putsches vier bedeutete Gruppen auf der t\u00fcrkischen Linken: TKP, Halk\u0131n Kurtulu\u015fu, Devrimci Yol und Kurtulu\u015f. Viele waren bis zu den Z\u00e4hnen bewaffnet, auch in der Polizei gab es Sympathisanten mit der Linken und Arbeiterbewegung. Ein Zusammenhalt h\u00e4tte es dem Milit\u00e4r schwer gemacht. Aber stattdessen hat der Milit\u00e4rputsch gezeigt, dass die Linke abgekapselt war vom realen Leben und der Arbeiterklasse. Das war der ausschlaggebende Punkt daf\u00fcr, dass der Milit\u00e4rputsch so leicht und ohne nennenswerten Widerstand durchgesetzt werden konnte.<\/p>\n<p><b><i>Wie waren die 80er Jahre?<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>Hakan:<\/b> Ich war damals schon in Berlin.<\/p>\n<p><b>Kamber:<\/b> Ich war drei Jahre im Gef\u00e4ngnis. Als ich drau\u00dfen war, war da nicht mehr dieselbe T\u00fcrkei wie vorher. Ich musste zun\u00e4chst meinen Milit\u00e4rdienst ableisten. Es war schwer, Kontakt zu meinen Genossen aufzunehmen. Dann, langsam haben wir angefangen uns wieder zu organisieren. Aber das war alles illegal, das Drucken und Verteilen des Material, sich zu treffen&#8230;<\/p>\n<p>Ab &#8222;87 war es m\u00f6glich, unsere Strukturen aufzubauen. Unter Studenten kam es langsam wieder zu Bewegung. Aber ich selber habe dann mit meiner Gruppe gebrochen. Zun\u00e4chst habe ich beim Aufbau einer Menschenrechtsgruppe mitgearbeitet und war dann an der Aufbauphase der \u00d6DP beteiligt, die ich aber nach einem wieder Jahr verlassen habe.<\/p>\n<p><b><i>Weshalb?<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>Kamber:<\/b> Die \u00d6DP war ein wichtiges und ernstzunehmendes Projekt. Sie bot die M\u00f6glichkeit eines Befreiungsschlages f\u00fcr die t\u00fcrkische Linke. Aber ich hatte dann den Eindruck, es ging gar nicht darum zusammen eine neue Kraft aufzubauen. Diejenigen, die fr\u00fcher organisiert waren, waren weiter organisiert.<\/p>\n<p><b><i>Wie verhielt es sich mit der Kurdenfrage in der t\u00fcrkischen Linken?<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>Kamber: <\/b>Grauenvoll. Viele in der t\u00fcrkischen Linken haben die Entwicklung der PKK als konterrevolution\u00e4r diffamiert, erst ab 1984 gab es dann Tendenzen, das anders zu sehen. Unsere grunds\u00e4tzliche Herangehensweise war: Die Revolution wird alles l\u00f6sen. Die Kurdenfrage, die Frauenfrage usw., so haben wir alles auf nach der Revolution verschoben. Aber so funktioniert das nat\u00fcrlich nicht.<\/p>\n<p><b>Hakan:<\/b> Die t\u00fcrkische Linke war schon immer eng mit dem Kemalismus verbunden. Die Studentenbewegung der 60er Jahre hatte letztlich einen unabh\u00e4ngigen t\u00fcrkischen Staat auf Grundlage des Kemalismus zum Ziel. Auch heute ist noch vieles davon in der t\u00fcrkischen Linken vorhanden. Dementsprechend war und ist auch ihre Haltung zur Kurdenfrage. Viele Kurden waren in t\u00fcrkischen linken Organisationen und Gewerkschaften organisiert. Aber die Begr\u00fcndung, die Kurdenfrage nicht zu thematisieren war immer: Einheit. Halk\u0131n Kurtulu\u015fu hat sich z.b. gar nicht ge\u00e4u\u00dfert, sondern die kurdische Bewegung einfach als ultranationalistisch oder faschistisch bezeichnet mit der Begr\u00fcndung, dass die kurdische Frage zu thematisieren, die Einheit der Arbeiterbewegung in Frage stellen w\u00fcrde. Aber eigentlich bedeutet es genau das Gegenteil. Es gab kein Verst\u00e4ndnis davon, dass man die kurdische Frage mit auf die Agenda nehmen muss, um den kurdischen Teil der Bewegung \u00fcberhaupt f\u00fcr eine Einheit im Klassenkampf gewinnen zu k\u00f6nnen. Die t\u00fcrkische Linke hat in dieser Frage versagt.<\/p>\n<p><b><i>Heute 30 Jahre nach dem Putsch: Was sind die Lehren?<\/i><\/b><\/p>\n<p><b>Hakan: <\/b>Meine Einsch\u00e4tzung ist im Grunde genommen: wenn die t\u00fcrkische Linke die seit &#8222;72\/&#8220;73 wachsende Arbeiterbewegung ernst genommen und sich auch auf diese orientiert h\u00e4tte, dann w\u00e4re die Entwicklung komplett anders verlaufen.<\/p>\n<p>Wo sie Strukturen aufgebaut haben &#8211; ob das im Kampf gegen Faschisten oder der bewaffnete Kampf gegen die t\u00fcrkische Regierung oder der Kampf unter den Linken war \u2013 waren sie theoretisch und praktisch nicht in der Lage eine klare Orientierung auf die Arbeiterklasse und den Klassenkampf zu haben. Wieso hat sich die t\u00fcrkische Linke bis heute nicht davon erholt? Das hat zwei Gr\u00fcnde.<\/p>\n<p>Keine einzige Organisation konnte sp\u00e4ter die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Niederlage analysieren. Viele haben gesagt: Wir waren nicht bewaffnet genug, wir haben nicht darauf geachtet, in den Untergrund zu gehen oder so. Aber keine Organisation war in der Lage zu sagen: Wir haben eine Niederlage erlitten und der Grund f\u00fcr die Niederlage hat einen Namen und der ist: Die t\u00fcrkische Linke war nicht in der Lage, die Arbeiterbewegung zu organisieren.<\/p>\n<p>Die andere Seite ist auch Stalinismus: Das ist eine elementare Sache, weshalb die t\u00fcrkische Linke grundlegend versagt hat. Wie in vielen anderen L\u00e4ndern zu dieser Zeit, z.b. im Iran. Der Stalinismus war und ist tief verwurzelt in der t\u00fcrkischen Linken.<\/p>\n<h4>Erl\u00e4uterungen:<\/h4>\n<p><b>Kemalismus:<\/b> Mustafa Kemal \u201eAtat\u00fcrk\u201c war der Anf\u00fchrer des Befreiungskrieges, der zur Gr\u00fcndung der t\u00fcrkischen Republik 1923 f\u00fchrte. Die Kemalisten standen f\u00fcr eine Modernisierung \u201evon oben\u201c durch den Staatsapparat denn nur so \u2013 so ihre Herangehensweise \u2013 k\u00f6nne die R\u00fcckst\u00e4ndigkeit der T\u00fcrkei \u00fcberwunden, der Einflu\u00df der Religion zur\u00fcckgedr\u00e4ngt, ein moderner t\u00fcrkischer Nationalstaat geschaffen und der Kapitalismus entwickelt werden.<\/p>\n<p>Diese Herangehensweise zeigte die Bed\u00fcrfnisse, aber gleichzeitig auch die Schw\u00e4che der Kapitalisten in der T\u00fcrkei. Ihre W\u00fcnsche konnten nur mithilfe brutaler Methoden durchgesetzt werden.<\/p>\n<p>Die kemalistische Staatsdoktrin wird bis heute verteidigt. Sie war seit jeher verbunden mit der brutalen Unterdr\u00fcckung von ArmenierInnen und KurdInnen und st\u00fctzte sich immer wieder auf das Eingreifen des Milit\u00e4rs. Ebenso war die Verfolgung und Ermordung von SozialistInnen und das brutale Vorgehen gegen die Arbeiterbewegung fester Bestandteil der Geschichte des Kemalismus.<\/p>\n<p>Nachdem in der Sowjetunion ab Mitte der 20er Jahre eine b\u00fcrokratischen Clique um Stalin die politische Macht ergriffen hatte, tat diese alles, um eine weitere erfolgreiche sozialistische Revolution in einem anderen Teil der Welt \u2013 die die Arbeiterklasse Russlands wiederum h\u00e4tte ermutigen k\u00f6nnen, ihre Geschicke auch in die eigenen H\u00e4nde zu nehmen \u2013 zu verhindern. Dies \u00e4u\u00dferte sich in verschiedener Weise. In der T\u00fcrkei sch\u00fcrten gro\u00dfe Teile der stalinistisch\/maoistisch dominierten Linken Illusionen in die kemalistische Elite als B\u00fcndnisparter der Arbeiterbewegung und in eine Zusammenarbeit mit \u201efortschrittlichen\u201c b\u00fcrgerlich\/kapitalistischen Kr\u00e4ften. Dahinter steckte die Etappentheorie, die davon ausgeht, dass auf dem Weg zum Sozialismus zun\u00e4chst eine Phase von b\u00fcrgerlicher Demokratie durchlaufen werden m\u00fcsse. Aber die russische Revolution selbst war das beste Beispiel daf\u00fcr, dass \u2013 in der Phase des Imperialismus, der Aufteilung der Weltm\u00e4rkte und des Einflusses der imperialistischen Gro\u00dfm\u00e4chte &#8211; auch in einem r\u00fcckst\u00e4ndigen Land \u2013 wie Russland es damals war \u2013 nicht gel\u00f6ste Aufgaben der b\u00fcrgerlichen Revolution nur noch von der Arbeiterklasse gel\u00f6st werden \u2013 die dann aber nicht dabei stehen bleiben wird, sondern ihr Programm der sozialistischen Revolution international umsetzen muss, um die Erfolge der Revolution zu sichern.<\/p>\n<p><b>Die t\u00fcrkische Linke um 1980: <\/b>Um 1980 gab es auf der t\u00fcrkischen Linke drei starke Str\u00f6mungen: Die, von der stalinistischen B\u00fcrokratie in der Sowjetunion kontrollierten Organisationen, deren wichtigste die TKP (T\u00fcrkische Kommunistische Partei) \u2013 die einen gro\u00dfen Einflu\u00df innerhalb von DISK (Konf\u00f6deration der revolution\u00e4ren Gewerkschaften) hatte &#8211; war. Eine zweite starke Str\u00f6mung war die maoistische, die<\/p>\n<p>sich wiederum in Anh\u00e4ngerInnen des chinesischen und des albanischen Regimes teilte. Die wichtigsten dieser Organisationen waren TKP\/ML-TIKKO und Halk\u0131n Kurtulu\u015fu (Volksbefreiungsgruppe). Die dritte starke Str\u00f6mung auf der t\u00fcrkischen Linken war die, die sich selbst als unabh\u00e4ngig bezeichnete, jedoch in Programm und Methode gleicherma\u00dfen stalinistisch\/ maoistisch dominiert war. Die wichtigsten Organisationen dieser Str\u00f6mung waren DevYol (Revolution\u00e4rer Weg) und Kurtulu\u015f (Befreiung). Dar\u00fcber hinaus gab es eine Reihe weiterer Organisationen.<\/p>\n<h4>Unvollst\u00e4ndige Chronik der Geschichte der t\u00fcrkisch\/ kurdischen Arbeiterbewegung und Linken.<\/h4>\n<p>1917: Russische Revolution<\/p>\n<p>1920: 2. Weltkongress der Kommunistischen Inernationale<\/p>\n<p>1920: Kongress der V\u00f6lker des Ostens in Baku und Gr\u00fcndung der TKP am 10. September<\/p>\n<p>1923: T\u00fcrkischer Befreiungskrieg unter F\u00fchrung Mustafa Kemals endet mit der Gr\u00fcndung der t\u00fcrkischen Republik<\/p>\n<p>Repression gegen Sozialisten in der T\u00fcrkei\/ Verbot der TKP<\/p>\n<p>ab Mitte der 20er Jahre: Stalinisierung der Sowjetunion<\/p>\n<p>nach 1945: Industrialisierungsschub v.a. in den 50er\/ 60er Jahren<\/p>\n<p>1960: Milit\u00e4rputsch gegen Menderes-Regierung der \u201eDemokartischen Partei\u201c (Abspaltung der kemalistischen CHP, die bis 1950 quasi die einzig legale Partei in der T\u00fcrkei war)\/ Menderes wird hingerichtet<\/p>\n<p>1961: Gr\u00fcndung von TIP (T\u00fcrkische Arbeiterpartei)<\/p>\n<p>1961: Gr\u00fcndung der MHP (t\u00fcrkische Partei der nationalistischen Bewegung)<\/p>\n<p>1965: Gr\u00fcndung von DevGenc (Revolution\u00e4re Jugend)<\/p>\n<p>1967: Gr\u00fcndung von DISK (Konf\u00f6deration der revolution\u00e4ren Gewerkschaften)<\/p>\n<p>1968: Studentenbewegung \u2013 verschiedene auf Guerillakampf orientierte Organisationen entstehen\/ zwischen 1971 und 1973 sterben Mahir Cayan, Deniz Gezmis und Ibrahin Kaypakkaya und werden zu M\u00e4rtyrern der revolution\u00e4ren Linken.<\/p>\n<p>1968: verst\u00e4rkte Aktionen der Faschisten (MHP\/ Graue W\u00f6lfe) gegen Linke und Arbeiterbewegung<\/p>\n<p>1970: Am 15.\/ 16. Juni \u2013 Arbeiteraufstand in Istanbul<\/p>\n<p>1971: 2. Milit\u00e4rputsch<\/p>\n<p>1974: erneutes Erstarken der Arbeiterbewegung, bis 1980 zugespitzte Auseinandersetzung mit Faschisten<\/p>\n<p>1977: DevYol (Revolution\u00e4rer Weg) wird gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>1977: gr\u00f6\u00dfte 1. Mai Demonstration in der Geschichte der T\u00fcrkei, mindestens 500.000 Menschen demonstrieren auf dem Istanbuler Taksim Platz\/ Massenpanik, 33 Menschen sterben<\/p>\n<p>1977: Die CHP mit Ecevit wird st\u00e4rkste Partei bei den Wahlen.<\/p>\n<p>1979: Die rechts-konservative Regierung unter Demirel kommt an die Macht.<\/p>\n<p>1979: Gr\u00fcndung der PKK (ab 1984 bewaffneter Kanpf)<\/p>\n<p>Massenstreiks und Betriebsbesetzungen, wie z.b. bei Taris in Izmir<\/p>\n<p>1980: Am 24. Januar beschlie\u00dft die Regierung ein Wirtschafts\u201creform\u201cpaket.<\/p>\n<p>12. September 1980: Das Milit\u00e4r unter F\u00fchrung Kenan Evren \u00fcbernimmt die Macht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Interview zum Jahrestag des Milit&#228;rputsches in der T&#252;rkei mit t&#252;rkischen<br \/>\n      Sozialisten\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[90,45],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13885"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13885"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13885\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34504,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13885\/revisions\/34504"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13885"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13885"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13885"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}