{"id":13866,"date":"2010-09-23T00:00:00","date_gmt":"2010-09-23T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13866"},"modified":"2010-09-23T00:00:00","modified_gmt":"2010-09-23T00:00:00","slug":"13866","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/09\/13866\/","title":{"rendered":"Mit Generalstreik Sparpaket stoppen?"},"content":{"rendered":"<p>  Agenda f&#252;r die Herbst-Proteste<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Am 12. Juni demonstrierten in Berlin und Stuttgart insgesamt 40.000   Menschen gegen die Krisenfolgen. Diese Manifestation wurde von unten,   von den Anti-Krisen-B&#252;ndnissen, in die Wege geleitet. Sie erreichten   nicht nur viele AktivistInnen, sondern konnten auch in Linkspartei und   Gewerkschaften hineinwirken. Zur Stuttgarter Kundgebung rief auch ver.di   Baden-W&#252;rttemberg auf, dort sprach zudem ver.di-Chef Frank Bsirske.<\/p>\n<p>  F&#252;r den 29. September hat der Europ&#228;ische Gewerkschaftsbund (EGB) zu   einem europ&#228;ischen Aktionstag aufgerufen, in Br&#252;ssel soll eine zentrale   Demonstration stattfinden. In mehreren St&#228;dten in der Bundesrepublik   organisieren die Anti-Krisen-B&#252;ndnisse lokale Aktionen und &#246;rtliche   Demos, darunter auch in Berlin.<\/p>\n<p>  Die DGB-Gewerkschaften haben f&#252;r den Sp&#228;therbst, vom 24. Oktober bis zum   13. November, Aktionswochen geplant. Am Samstag, den 13. November soll   es regionale Demonstrationen in N&#252;rnberg, Stuttgart, Hannover und Kiel   geben.<\/p>\n<p>  Zuvor sollen &#8222;m&#246;glichst viele Betriebs- und Personalversammlungen (&#8230;)   am selben Tag und zur selben Zeit stattfinden&#8220;, hei&#223;t es in einem   Rundschreiben der Gewerkschaften. &#8222;Was im Einzelnen betrieblich geht,   muss vor Ort eingesch&#228;tzt werden und wird von Fall zu Fall sicherlich   sehr unterschiedlich sein.&#8220;<\/p>\n<p>  F&#252;r den 18. Oktober rufen die Aktionsgruppe Georg B&#252;chner und die   Hessische LINKE in Frankfurt am Main zu einer &#8222;Blockade der Frankfurter   Finanzzentren&#8220; auf. Bei der Verabschiedung des Bundeshaushalts im   November soll es zu einer &#8222;Blockadeaktion des Sparpakets&#8220; der   Krisenprotestbewegung in Berlin kommen.<\/p>\n<h4>  Christina Kaindl, Gruppe Soziale K&#228;mpfe (GSK), Berlin<\/h4>\n<p>  <b>Generalstreik ist immer gut &#8211; aber was machen wir bis dahin?<\/b><\/p>\n<p>  Das sogenannte Sparpaket der Bundesregierung ist ein Angriff auf   Erwerbslose und ArbeitnehmerInnen, RentnerInnen &#8211; auf alle, die nicht   die Macht des Kapitals hinter sich haben. Die Gesundheitsreform s&#228;gt an   der solidarischen Finanzierung der Krankenversicherungen, der   Atomausstieg scheint abgesagt. Die Politik ist ungerecht und gef&#228;hrdet   die Gesundheit &#8211; und sie entspricht dem politischen Programm und   Klientel der Bundesregierung.<\/p>\n<p>  Es ist ein Zeichen f&#252;r die strukturelle Machtlosigkeit der Vielen: Die   Demokratie endet an den Toren der Fabrik, die Produktion entzieht sich   demokratischer Planung, die Sozialdemokratie hat sp&#228;testens seit &#8222;New   Labor&#8220; und der &#8222;Neuen Mitte&#8220; keine wirkliche Alternative zur   neoliberalen Vergesellschaftung geboten &#8211; auch als Ergebnis der   erodierten Macht der Arbeiterklasse, die in den transnationalen   Konkurrenzverh&#228;ltnissen noch keine ebensolche Kampfstrategie entwickelt   hat.<\/p>\n<p>  Streik ist eines der wichtigsten Kampfmittel der Arbeiterklasse. Ihn auf   Tarifverhandlungen zu beschr&#228;nken, blendet aus, dass die politische   Organisation der gesellschaftlichen Reproduktion Teil des &#8222;sozialen   Lohns&#8220; ist, auf den angewiesen ist, wer nicht &#252;ber genug Verm&#246;gen   besitzt, sich die privatisierten Dienstleistungen zu kaufen. Er ist auch   ein Mittel, das strukturelle Machtgef&#228;lle zu korrigieren, das die   Demokratie untergr&#228;bt. Die weltumspannenden Krise macht in ihren   multiplen Gesichtern (Ern&#228;hrungskrise, Wirtschaft, Arbeit, Reproduktion   und so weiter) den globalen Zusammenhang der kapitalistischen Produktion   deutlich. Das Kapital und seinen politischen Vertretern ist es gelungen   &#8211; zum Teil gegen Warnungen aus den eigenen Reihen &#8211; die Priorit&#228;t des   Schuldenabbaus international zu verankern und wird so die Politik wieder   aufnehmen und versch&#228;rfen, die bereits in die Krise gef&#252;hrt hat. Wenn es   gel&#228;nge, einen Generalstreik in mehreren L&#228;ndern zu koordinieren, w&#228;re   das ein machtvolles Zeichen, dass wir bereit und in der Lage sind, auch   den Kampf dagegen international aufzunehmen, auch jenseits der K&#228;mpfe um   die Gipfeltreffen.<\/p>\n<p>  Nur: Wir alle wissen, dass es in der BRD nicht dazu kommen wird, dass   f&#252;r den 29. September 2010 &#8211; oder zu einem anderen Zeitpunkt in n&#228;chster   Zeit &#8211; ein Aufruf zum Generalstreik von den Gewerkschaften gestartet   wird oder dass dieser unabh&#228;ngig davon von unten durchgesetzt w&#252;rde. Die   politischen Traditionen in der deutschen Arbeiterbewegung sind anders &#8211;   man mag das bedauern, aber es n&#252;tzt nicht, darauf mit einer dauernden   Anrufung an oder Klage &#252;ber die Gewerkschaftsf&#252;hrungen zu reagieren. Die   Klage &#8222;nach oben&#8220; lenkt von den eigenen Handlungsm&#246;glichkeiten und   -notwendigkeiten ab und bringt die Sprechenden in eine subalterne   Position. Wenn von der Basis Druck entfaltet wird, kann die Diskussion   um den politischen Streik in den Gewerkschaften erzwungen werden; wenn   dieser Druck nicht gelingt, entmutigt die Konzentration auf den   Generalstreik eher, als g&#228;be es sonst nichts zu tun. So werden die   Strategien auf eine einzige Frage geb&#252;ndelt (noch dazu eine, die in   absehbarer Zeit nicht zu einem Erfolg f&#252;hren wird), statt zu fragen, wie   B&#252;ndnisse mit denen m&#246;glich werden, die nicht streiken k&#246;nnen, weil sie   aus dem Arbeitsmarkt ganz oder teilweise (Kurzarbeit) ausgeschlossen   sind oder auf unbezahlte Arbeit zur&#252;ckgeworfen sind. Wie kann ein   B&#252;ndnis gefunden werden mit Eltern, Erwerbslosen, PatientInnen und   Angestellten im gesetzlichen Gesundheitswesen, Studierenden,   RentnerInnen, Umwelt- und Friedensbewegungen? Und wie kann eine   politische Praxis und eine Praxis von Protest und zivilem Ungehorsam   entwickelt werden, die den Lauf der Dinge ebenfalls anh&#228;lt, die sichtbar   ist und geeignet, weitere Menschen zu Protest und Widerstand zu   inspirieren?<\/p>\n<p>  Das bundesweite Krisenb&#252;ndnis &#8222;Wir zahlen nicht f&#252;r Eure Krise&#8220; hat zu   Demonstrationen um den 29. September herum aufgerufen, f&#252;r die   Verabschiedung des sogenannten Sparpakets im Bundestag sind Aktionen von   zivilem, sozialem Ungehorsam geplant: Am Tag X soll das Sparpaket in   Berlin blockiert werden. Es w&#228;re ein gutes Zeichen, wenn diese von   betrieblichen Aktionen begleitet werden. Das bedarf der Basisarbeit, die   nur von Leuten in und aus den Betrieben geleistet werden kann. B&#252;ndnisse   mit sozialen Bewegungen k&#246;nnten genutzt werden, um gemeinsame   Aktionsstrategien zu entwickeln, die auch das Risiko f&#252;r die   Besch&#228;ftigten senken k&#246;nnten. Wenn wir schon nicht die gesamte   Produktion lahmlegen k&#246;nnen, sollten wir uns konzentrieren auf Aktionen,   die eine &#228;hnliche Symbolik entwickeln k&#246;nnen und eine breitere   Beteiligung erm&#246;glichen. Unsere Strategien m&#252;ssen die vielf&#228;ltige   Betroffenheit von Krise und Krisenpolitik deutlich machen &#8211; und die   Erfahrung erm&#246;glichen, dass wir politisch handlungsf&#228;hig sind. Die   Kr&#228;fteverh&#228;ltnisse m&#252;ssen an vielen Punkten verschoben werden. n<\/p>\n<h4>  Simon Aulepp, GEW-Vorsitzender Kassel*<\/h4>\n<p>  Das Sparpaket und die geplanten Verschlechterungen im Gesundheitsbereich   sind &#8211; angesichts des Ausma&#223;es der Krise des Kapitalismus &#8211; erst der   Anfang einer ganzen Welle von Angriffen auf unseren Lebensstandard. Die   vor uns liegende Periode wird von K&#252;rzungen im &#214;ffentlichen Dienst, von   Entlassungen und Lohndr&#252;ckerei gepr&#228;gt sein. Griechenland zeigt schon   jetzt, wohin die Reise geht. Auch die deutschen Regierenden haben die   hiesigen Banken mit Finanzspritzen in Milliardenh&#246;he unterst&#252;tzt &#8211;   dieses Geld holen sie sich jetzt bei uns wieder.<\/p>\n<p>  So wie die Angriffe von einer neuen Qualit&#228;t sein werden, muss auch   unser Widerstand dagegen eine neue Qualit&#228;t erreichen. So ist   Griechenland nicht nur ein Versuchsfeld f&#252;r die Abw&#228;lzung der Kosten auf   die breite Bev&#246;lkerung, sondern auch f&#252;r unsere Gegenwehr.<\/p>\n<p>  Die Widerstandsb&#252;ndnisse k&#246;nnen einen wichtigen Beitrag zur Vernetzung   verschiedener Akteure leisten. Der Aktionstag des Europ&#228;ischen   Gewerkschaftsbundes bietet eine M&#246;glichkeit, unsere Kr&#228;fte zu sammeln.   Am 29. September sollten vor Ort Demonstrationen und Streiks angestrebt   werden. Auch die gewerkschaftlichen Aktionswochen ab dem 24. Oktober und   die geplanten Demonstrationen am 13. November sind Ansatzpunkte.<\/p>\n<p>  Aber wir brauchen unbedingt eine Strategie, um den Widerstand gegen die   Auswirkungen der Krise erfolg-reich aufbauen zu k&#246;nnen. Eine solche   Strategie fehlt zur Zeit leider sowohl in den Gewerkschaften als auch in   den existierenden Aktionsb&#252;ndnissen. Angeboten wird lediglich ein   Sammelsurium an Einzelaktionen der verschiedenen Akteure. Eine   Zusammenf&#252;hrung und Steigerung fehlt.<\/p>\n<p>  Die Forderung nach einem eint&#228;gigen Generalstreik in Deutschland bietet   die M&#246;glichkeit, den einzelnen Herbstaktionen eine Richtung zu geben.   Ein solcher Generalstreik w&#252;rde massiven &#246;konomischen und politischen   Druck erzeugen. Er w&#252;rde zeigen, wer den gesellschaftlichen Reichtum   produziert, wer das &#246;ffentliche Leben am Laufen h&#228;lt. Daf&#252;r gibt es auch   keinen &#8222;Ersatz&#8220;; keine Reihe von Demos und Protesten kann die gleiche   Wirkung erzielen.<\/p>\n<p>  Ein solcher Generalstreik kann nat&#252;rlich nicht einfach ausgerufen   werden. Man muss ihn organisieren. Da kommen wir an den Gewerkschaften   nicht vorbei, die trotz sinkender Mitgliederzahlen noch immer &#252;ber sechs   Millionen ArbeitnehmerInnen in allen Bereichen organisieren.<\/p>\n<p>  Zudem m&#252;ssen Streiks bis hin zu einem 24-st&#252;ndigen Generalstreik auch   vorbereitet werden. N&#246;tig ist es, in den Gewerkschaften   Aufkl&#228;rungsarbeit zum Sparpaket zu leisten. Es gilt, die Forderung nach   einem Generalstreik innerhalb der Gewerkschaften zu diskutieren. Und es   ist erforderlich, eine gemeinsame Protest- und Streikbewegung real   aufzubauen: durch Mobilisierungen zu Demos am 29. September, durch   betriebs- und branchen&#252;bergreifende Streiks &#8211; statt unkoordinierter   Proteste &#8211; w&#228;hrend der gewerkschaftlichen Aktionswochen.<\/p>\n<p>  Es ist keine Frage, dass es in L&#228;ndern wie Griechenland andere   Kampftraditionen gibt. Aber auch in S&#252;deuropa ist die   Gewerkschaftsf&#252;hrung seit Jahrzehnten der Sozialpartnerschaft   verpflichtet. In Spanien zum Beispiel war massiver Druck von unten und   die Forderung nach einem Generalstreik n&#246;tig, um zu erreichen, dass ein   solcher dort am 29. September endlich durchgef&#252;hrt wird. Die geplanten   nationalen Streiks in Spanien, Griechenland, Frankreich k&#246;nnten auch auf   Deutschland zur&#252;ckwirken.<\/p>\n<p>  Auch hier hat die Vergangenheit gezeigt, dass auf die   Gewerkschaftsspitzen Druck ausge&#252;bt werden kann und diese sich &#8211; gegen   ihren Willen &#8211; bewegen mussten. Als es bei Daimler in Sindelfingen gegen   die Verlagerung der C-Klasse zu spontanen Streiks kam, musste die IG   Metall letzten Dezember zuvor nicht geplante Demos und Kundgebungen   durchf&#252;hren. Als der DGB nach der Verk&#252;ndung der Agenda 2010 v&#246;llig   unt&#228;tig blieb und einzelne Untergliederungen von unten gemeinsam mit   Organisationen der sozialen Bewegung die Demonstration von 100.000   Menschen am 1. November 2003 auf die Beine stellte, mussten die   Gewerkschaften nachziehen und im April 2004 Demos von einer halben   Million organisieren. 1996, als Helmut Kohl damals sein Sparpaket   plante, war der Druck so gro&#223;, dass VertreterInnen aller   DGB-Gewerkschaften in einer Schaltkonferenz &#252;ber einen Generalstreik   diskutieren mussten.<\/p>\n<p>  Deshalb sollten jetzt einzelne Untergliederungen entsprechende Antr&#228;ge   zum gemeinsamen Kampf in ihre jeweiligen Gewerkschaften einbringen. In   den Betrieben m&#252;ssen Betriebsr&#228;te- und Vertrauensleuteversammlungen   organisiert werden. Nat&#252;rlich darf nicht auf die Gewerkschaftsoberen   gewartet werden. Notwendig sind Mobilisierungsaktionen von betrieblichen   AktivistInnen und Gruppen f&#252;r den 29. September und f&#252;r weitere Termine.   Gleichzeitig gilt es aber, in den Gewerkschaften f&#252;r eine   Kampfstrategie, f&#252;r branchen&#252;bergreifende Streiks im Herbst und f&#252;r   einen eint&#228;gigen Generalstreik vor der Verabschiedung des Sparpakets zu   streiten &#8211; und damit der Bewegung in der neuen Periode eine Richtung zu   geben.<\/p>\n<\/p>\n<p>  <i>* Angabe der Funktion dient nur zur Kenntlichmachung der Person<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Agenda f&#252;r die Herbst-Proteste\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[23],"tags":[263,229],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13866"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13866"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13866\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13866"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13866"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13866"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}