{"id":13847,"date":"2010-08-29T00:01:00","date_gmt":"2010-08-29T00:01:00","guid":{"rendered":".\/?p=13847"},"modified":"2010-08-29T00:01:00","modified_gmt":"2010-08-29T00:01:00","slug":"13847","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/08\/13847\/","title":{"rendered":"Sarrazins Rassismus"},"content":{"rendered":"<p>  Thilo Sarrazin, ehemaliger Berliner Finanzsenator und nun Mitglied im   Vorstand der Bundesbank bringt ein in f&#252;r ihn gewohnt   rechtspopulistischem Jargon gehaltenes Buch heraus.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>&#8222;Deutschland schafft sich ab&#8220; &#8211; so der eindeutige Titel- wird zwar   erst am Montag in der Bundespressekonferenz am Schiffbauerdamm   vorgestellt, einzelne Passagen gab der Verlag jedoch bereits frei.   Sarrazin war bereits des &#246;fteren durch rassistische &#196;u&#223;erungen und   abwertende Bemerkungen &#252;ber Hartz IV- Empf&#228;ngerInnen aufgefallen. <\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Mara Gr&#246;ner<\/i><\/h4>\n<p>  Obwohl die Reaktionen der b&#252;rgerlichen Medien, sowie die der meisten   PoliterInnen jetzt sehr kritisch ausfallen, wird dennoch diskutiert,   inwiefern Sarrazin nur unbequeme Wahrheiten ausspreche. Sarrazin warnt,   so weit bekannt, in seinem Buch vor &#220;berfremdung. Sein Hauptangriffsziel   bilden hierbei Menschen muslimischen Glaubens.<\/p>\n<p>  Es ist ein weit verbreitetes Ph&#228;nomen in neuen rechten Bewegungen, dass   angeblich integrationsunwillige Muslime zur Gefahr f&#252;r den europ&#228;ischen   Kulturkreis erkl&#228;rt werden. In die gleiche Kerbe schlug der von   national-konservativen Parteien wie der Schweizerischen Volkspartei   (SVP) und der Eidgen&#246;ssische Demokratische Union (EDU) lancierte   Volksentscheid gegen den Bau von Minaretten.<\/p>\n<p>  Aber auch Parteien wie Pro Deutschland mit ihren ganzen lokalen Ablegern   argumentieren &#228;hnlich. Islam und Terrorismus werden weitestgehend gleich   gesetzt. Angeblich im Namen unterdr&#252;ckter muslimischer Frauen, wird   Menschen, die aus einem muslimischen Kulturkreis migrieren   patriarchales, frauenfeindliches Denken nachgesagt. Dass es sich hierbei   allerdings nicht um eine feministische, um Gleichberechtigung bem&#252;hte   Haltung handelt, wird schnell deutlich, wenn man sich mit dem   konservativen Geschlechterrollenverst&#228;ndnis der Rechten besch&#228;ftigt.   Au&#223;erdem wird eine hohe Fertilit&#228;tsrate bei muslimischen Frauen als Teil   einer Strategie der &#8222;physischen Invasion&#8220; gewertet. Eine kulturelle   Islamisierung werde auf diese Weise vorangetrieben.<\/p>\n<p>  Auch aus Sarrazins Buch wurde ein entsprechendes Zitat bereits   ver&#246;ffentlicht:<\/p>\n<p>  &#8230; Demografisch [S. 137] stellt die enorme Fruchtbarkeit der muslimischen   Migranten eine Bedrohung f&#252;r das kulturelle und zivilisatorische   Gleichgewicht im alternden Europa dar. &#8230;[S. 138]<\/p>\n<p>  Bereits im September letzten Jahres war Sarrazin bei den Arbeitkreisen   Schule und Wirtschaft der Unternehmerverb&#228;nde S&#252;dhessen mit   rassistischen Spr&#252;chen zur demographischen Situation aufgefallen. Damals   nicht nur in Bezug auf die &#8222;kulturelle Invasion&#8220;. Die Deutsche   Bev&#246;lkerung werde auf nat&#252;rlichem Wege d&#252;mmer, da MigrantInnen aus dem   Nahen und Mittleren Osten, der T&#252;rkei und Afrika weniger Bildung   aufweisen w&#252;rden. Weil ZuwanderInnen au&#223;erdem mehr Kinder bek&#228;men und   Intelligenz zu 80 Prozent vererbt werde, verdumme die Bev&#246;lkerung nach   und nach. Einer bestimmten Bev&#246;lkerungsgruppe eine bestimmte Eigenschaft   verallgemeinernd zuzuschreiben und diese dann auch noch als vererbbar zu   bezeichnen ist klassischer Rassismus, wie er im 19. Jahrhundert entstand.<\/p>\n<p>  H&#228;ufig werden islamfeindliche Tendenzen in den b&#252;rgerlichen Medien   jedoch nicht eindeutig als rechts, sondern oft als multikulti-kritisch   bewertet. Es handelt sich bei den Thesen, die Sarrazin, aber auch die   gesamte neue Rechte vertreten um eine andere Auspr&#228;gung des Rassismus.   Konkret also um eine vordergr&#252;ndige Orientierung auf eine bestimmte   Bev&#246;lkerungsgruppe. Bewusst werden dabei Verbindungen zu unpopul&#228;ren   konventionellen Nazis geleugnet.<\/p>\n<p>  Die Pro-Bewegung, wie auch der schwedische Million&#228;r Patrick Brinkmann,   der Pro-Berlin aufbaut und die Pro-Bewegung mitfinanziert, distanzieren   sich zum Beispiel deutlich vom Antisemitismus. Sie bauen einen Gegensatz   zwischen dem christlich-j&#252;dischen Abendland und dem Islam auf. Damit   sind sie f&#252;r viele Menschen nicht sofort als Nazis zu identifizieren.   Doch eine Abkehr vom klassischen Feindbild, bedeutet noch lange nicht,   dass wir es nicht trotzdem mit rechten Gruppierungen oder rechtem Denken   zu tun haben.<\/p>\n<p>  Auch Sarrazin ist bem&#252;ht nicht als Pauschalrassist abgestempelt werden   zu k&#246;nnen. So hatte er bereits bei seinen letzten Ausf&#228;lligkeiten   betont, dass andere Bev&#246;lkerungsgruppen<\/p>\n<p>  anders seien. Osteurop&#228;ische J&#252;dInnen z.B.w&#252;rden &#252;ber einen   durchschnittlich 30 Punkte h&#246;heren IQ verf&#252;gen als Deutsche. Auch   VietnamesInnen seien deutlich integrationsbereiter als Menschen aus dem   Nahen Osten, der T&#252;rkei usw. Sarrazin stellt sich wie andere   Rechtspopulisten gegen Multikulti und &#8222;falsche Toleranz&#8220;. Allgemein ist   im Moment ein Trend in b&#252;rgerlichen Medien dazu zu verzeichnen die   multikulturelle Gesellschaft als gescheitert anzusehen. So werden z.B.   Schulklassen mit einem Anteil an sogenannten nicht-deutschen Kindern von   &#252;ber 50% als &#8222;gekippt&#8220; bezeichet.<\/p>\n<p>  Hartz IV-Empf&#228;ngerInnen wird genau wie andern zugewanderten   Bev&#246;lkerungsgruppen ein Katalog schlechter Eigenschaften zu gesprochen.   Auch an den sozialen Status seien also bestimmte Verhaltensweisen und   Charakterz&#252;ge zu binden.<\/p>\n<p>  Bei der Qualit&#228;t dieser Behauptungen wundert es nat&#252;rlich niemanden,   dass auch die NPD ihre &#220;berfremdungsthesen in Sarrazins Buch   wiederfindet.<\/p>\n<p>  Die Aussagen Sarrazins basieren teilweise tats&#228;chlich auf Statistiken   und realen Zahlen. Dennoch ist es nat&#252;rlich immer eine Frage der   Interpretation. Das schlechtere Abschneiden von Migrantenkindern in   Schulen, ist eindeutig auf eine Schw&#228;che im selektiven Bildungssystem   zur&#252;ckzuf&#252;hren. Perspektivlosigkeit und Jugendarbeitslosigkeit sind   unter diesen Jugendlichen weit verbreitet. Insbesondere in Krisenzeiten   ist es f&#252;r diese Menschen noch schwieriger eine Arbeit zu finden.   Falsches Auswerten von Daten, das Aufbauschen von   Interpretationsans&#228;tzen und v&#246;llig haltlose Bemerkungen haben nichts mit   &#8222;unbequemen Wahrheiten&#8220; gemein.<\/p>\n<p>  Durch die Vorabver&#246;ffentlichung einiger Passagen inszenierte sich   Sarrazin erfolgreich als Provokateur, obwohl er schlicht offensichtlich   sozialdarwinistisches und rassistisches Gedankengut propagiert.<\/p>\n<p>  Dass er am Montag den 30. August 2010 sein Buch im Haus der   Pressekonferenz vorstellen wird, ist Anlass genug zu protestieren. Das   B&#252;ndnis &#8222;Rechtspopulismus stoppen&#8220; hat aus diesem Grund um 10 Uhr eine   Kundgebung angemeldet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Thilo Sarrazin, ehemaliger Berliner Finanzsenator und nun Mitglied im<br \/>\n      Vorstand der Bundesbank bringt ein in f&#252;r ihn gewohnt<br \/>\n      rechtspopulistischem Jargon gehaltenes Buch heraus.\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[70,5,6],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13847"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13847"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13847\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13847"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13847"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13847"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}