{"id":13838,"date":"2010-08-21T00:00:00","date_gmt":"2010-08-21T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13838"},"modified":"2010-08-21T00:00:00","modified_gmt":"2010-08-21T00:00:00","slug":"13838","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/08\/13838\/","title":{"rendered":"Aufruhr in Stuttgart"},"content":{"rendered":"<p>  B&#252;rgerliche, kleinb&#252;rgerliche Rebellion oder Protest der arbeitenden   Bev&#246;lkerung &#8211; was ist los im L&#228;ndle?<\/p>\n<p> <!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Vom M&#252;nchner &#8222;Merkur&#8220; &#252;ber den &#8222;K&#246;lner Stadtanzeiger&#8220; bis hin zu den   &#8222;L&#252;becker Nachrichten&#8220; &#8211; &#252;berall sorgt der Kampf um Stuttgart 21 dieser   Tage f&#252;r Schlagzeilen. Die FAZ widmete dem Widerstand gegen dieses   Gro&#223;projekt drei ganze Zeitungsseiten innerhalb einer Woche. Tagesschau   und heute-journal nehmen die Stuttgarter Demonstrationen regelm&#228;&#223;ig in   ihren Nachrichten&#252;berblick auf. Sogar der &#8222;Independent&#8220; l&#228;sst   Auslandskorrespondenten dar&#252;ber schreiben. Warum diese Medienberichte?   Was tut sich in der baden-w&#252;rttembergischen Landeshauptstadt?<\/p>\n<h4>  <i>von Aron Amm<\/i><\/h4>\n<p>  &#8222;Einen derart intensiven Protestmarathon hat es in der Geschichte   Stuttgarts noch nicht gegeben&#8220;, kommentierte Achim W&#246;rner am 7. August   in der Stuttgarter Zeitung. &#8222;Fast t&#228;glich und mit ungeahnter Verve   deklamieren dieser Tage mal Hunderte, mal ein paar Tausend B&#252;rger gegen   Stuttgart 21. Bei manchen Reden scheint&quot;s, als ginge es nicht um eine   neue Zugstation, sondern um ein Atomkraftwerk mitten im Tal, nicht um   die Zukunft der Stadt, sondern um Leben und Tod. Demokratisch   legitimierte Gremien werden in eins gesetzt mit diktatorischen Regimen;   der B&#252;rgerchor singt Lieder des blutr&#252;nstigen Revolution&#228;rs Jean-Paul   Marat.&#8220;<\/p>\n<p>  Einen Samstag zuvor, am 31. Juli, schrieben Lena Bopp und Edo Reents in   der FAZ von &#8222;frappierender Militanz&#8220; und zogen Parallelen zur Hamburger   Hafenstra&#223;e und zu Berlin-Kreuzberg. SPIEGEL ONLINE titelte: &#8222;Schwaben   auf den Barrikaden.&#8220;<\/p>\n<p>  Werner Sauerborn von ver.di Stuttgart meint wiederum: &#8222;Es sind keine   Kreuzberger N&#228;chte in der Schwabenmetropole, es ist die   B&#252;rgergesellschaft, die da auf den Beinen ist&#8220; (junge Welt vom 4.   August). &#8222;De facto wird eine Verschlechterung des Bahnverkehrsangebots   in Kauf genommen &#8211; und das f&#252;r bis zu acht Milliarden Euro in Zeiten   knapper Kassen. Das ist zu viel der Zumutung. Da rebelliert der Schwabe.&#8220;<\/p>\n<p>  Welchen Charakter also hat die Protestwelle? &#8222;Militanz&#8220; &#8211; von sparsamen   Schwaben, von der &#8222;B&#252;rgergesellschaft&#8220;? Aber permanent, und zu   Tausenden? Oder erfasst die Gegenwehr doch die Lohnabh&#228;ngigen? Nur, wo   sind dann die Gewerkschaften?<\/p>\n<h4>  Wie sich der Protest Bahn gebrochen hat<\/h4>\n<p>  Vor 16 Jahren fand sich in der Stuttgarter Zeitung ein Satz, dessen   Tragweite damals den Wenigsten bewusst sein konnte: &#8222;Am Montag morgen um   elf platzt die Bombe.&#8220; In der Stuttgarter Zeitung vom 19. April 1994 war   zu lesen, dass an jenem Montag morgen das Projekt Stuttgart 21 der   &#214;ffentlichkeit pr&#228;sentiert wird. Anderthalb Jahre sp&#228;ter war der Sack   bereits zu, die Stuttgart-21-Mafia konnte einen wichtigen Erfolg   verbuchen: Im November 1995 schlossen Bahn, Bund, Land und Stadt eine   &#8222;Rahmenvereinbarung&#8220;, einen Knebelvertrag, ab, der einen Ausstieg schier   unm&#246;glich machen sollte (denn f&#252;r diesen Fall m&#252;sste der &#8222;Schuldige&#8220;   dann f&#252;r die entstehenden Verluste haften). Kaum jemand war dar&#252;ber im   Bilde, was sich damals abspielte. Die gro&#223;e Mehrheit der Bev&#246;lkerung   hatte keine klare Vorstellung davon, was Stuttgart 21 bedeutete. Auf   dieser Basis ergaben Umfragen seinerzeit eine Zwei-Drittel-Mehrheit f&#252;r   das Projekt.<\/p>\n<p>  Das hat sich inzwischen komplett gewandelt. Das ist ma&#223;geblich auf die   unerm&#252;dliche Aufkl&#228;rungsarbeit der Stuttgart-21-Gegner der ersten Stunde   zur&#252;ckzuf&#252;hren. Auch die Stuttgarter SAV lehnte das Projekt   einschlie&#223;lich der Hochgeschwindigkeitszugpl&#228;ne von Anfang an ab und   brachte bereits vor 14 Jahren eine 36 Seiten dicke Brosch&#252;re &#8222;Stoppt   Stuttgart 21&#8220; heraus. Laut Stuttgarter-Nachrichten-Umfrage vom April   2008 hielten sich Bef&#252;rworter und GegnerInnen noch etwa die Wage, im   November 2008 lehnten dann schon 64 Prozent der StuttgarterInnen dieses   Projekt ab. Die Schw&#228;bische Zeitung ermittelte erst k&#252;rzlich, dass heute   nur noch acht Prozent die Tieferlegung des Hauptbahnhofs gut hei&#223;en.   Auch in der Region wird mehrheitlich gegen den Hauptbahnhof im   Untergrund opponiert.<\/p>\n<p>  Eine Z&#228;sur bedeutete die Initiative f&#252;r einen B&#252;rgerentscheid. 2007   wurden daf&#252;r innerhalb mehrerer Wochen 67.000 Unterschriften gesammelt.   In dieser Zeit begann ein kleiner Teil der Bev&#246;lkerung erstmals, den   harten Kern der GegnerInnen aktiver zu unterst&#252;tzen. Im Freundeskreis   und in der Nachbarschaft wurde nach Unterschriften gefragt, in einigen   Gesch&#228;ften oder Kinos wurden Listen ausgelegt. Immer &#246;fter war Stuttgart   21 Gegenstand der Diskussion. Im Oktober 2008 schlossen sich 4.000   Menschen als Kette um den Hauptbahnhof.<\/p>\n<p>  Im November 2009 wurden die Montagsdemonstrationen gegen Stuttgart 21   angeleiert. Das erste Mal kamen vier, das zweite Mal ein paar Dutzend,   dann 250 Personen zusammen. Nach einigen Wochen weitete sich das auf   3.000 DemonstrantInnen oder besser gesagt Kundgebungs-Teilnehmer aus   (denn demonstriert wurde nur selten, das Ganze dauerte auch oft nicht   viel l&#228;nger als eine halbe Stunde). Am 29. Januar protestierten Tausende   gegen Bahn-Chef Grube. Als am 2. Februar 400 geladene G&#228;ste im Bahnhof   den Baubeginn vort&#228;uschten, schallte ihnen aus 4.000 Kehlen &#8222;L&#252;genpack&#8220;   entgegen. Am 24. April fand eine gro&#223;e Protestaktion im Park statt. Von   da an, bis Fr&#252;hsommer 2010, tauchten immer mehr Anstecker, bedruckte   Taschen und Materialien gegen Stuttgart 21 auf. Nach   Montagsdemonstrationen wurde im Bus, in der Bahn &#252;ber die Reden   gesprochen. Tausende trugen sich bei den &#8222;Parksch&#252;tzern&#8220; ein   (mittlerweile sind es 20.000 &#8211; davon ein Zehntel, die sich gegen das   Abholzen der Schlossgarten-B&#228;ume sogar anketten wollen). Zu einer   Veranstaltung der LINKEN in Bad Cannstatt kamen im Mai 150 BesucherInnen.<\/p>\n<p>  Einen weiterer H&#246;hepunkt stellte die &#252;berregionale Demonstration des   Anti-Krisen-B&#252;ndnisses gegen die Rotstift-Politik der Bundesregierung am   12. Juni dar. Als der SPD-Landesvorsitzende Claus Schmiedel zur Rede   ansetzte, ging er in einem ohrenbet&#228;ubenden L&#228;rm unter &#8211; als Quittung   f&#252;r die SPD-Exekution von Stuttgart 21 (der SPDler Wolfgang Drexler   erledigt als &#8222;Mister 21&#8220; f&#252;r OB Wolfgang Schuster und Co. die   &#8222;Drecksarbeit&#8220;). Am 10. Juli kamen dann 20.000 Menschen zu der ersten   landesweiten Protestdemonstration. Im Vorfeld waren eine halbe Million   Flugbl&#228;tter verteilt worden &#8211; was ein Licht darauf wirft, dass sich im   Fr&#252;hsommer bereits Hunderte von AktivistInnen f&#252;r diesen Einsatz fanden.<\/p>\n<h4>  Bauzaun errichtet &#8211; Ausnahmezustand in der City<\/h4>\n<p>  Urspr&#252;nglich war der Abriss der Seitenfl&#252;gel des Hauptbahnhofs f&#252;r   Sp&#228;therbst anvisiert worden. Allerdings d&#228;mmerte den Vandalen schon seit   geraumer Zeit, dass sie damit nun offenbar Massenproteste in der Stadt   ausl&#246;sen k&#246;nnten. Im Februar hatten sie den S-21-Gegnern bereits den   Wind aus den Segeln nehmen wollen, als sie per Prellbock-Anhebung den   scheinbaren Baubeginn inszenierten: &#8222;Seht her, Stuttgart 21 wird gebaut   &#8211; jeglicher weiterer Protest ist verlorene Liebesm&#252;h&#8220;. Damals hatten sie   die Opposition jedoch in keiner Weise demoralisieren k&#246;nnen. Ihre   psychologische Kriegsf&#252;hrung schlug fehl. Jetzt also erhofften sie sich   durch eine Vorverlegung des Abrisses in den August und damit in die   Schulferien einen relativ ruhigen Baubeginn. Stattdessen provozierten   sie eine neue, heftigere Form der Auseinandersetzung.<\/p>\n<p>  Am letzten Montag im Juli gab der Widerstand gegen Bahnchef R&#252;diger   Grube und die Stuttgart-21-Politiker einen eindrucksvollen Warnschuss   ab. 55 S-21-Gegner besetzten w&#228;hrend der Montagsdemonstration den   Seitenfl&#252;gel beim Nordausgang. Die Akteure stie&#223;en damit auf gro&#223;e   Zustimmung bei der &#252;berw&#228;ltigenden Mehrheit der DemonstrantInnen.<\/p>\n<p>  In der Nacht von Freitag, dem 30. auf Samstag, den 31. Juli wurde dann   der Bauzaun beim Nordfl&#252;gel hochgezogen. Seitdem ist Stuttgart kaum   wieder zu erkennen. Der Widerstand konnte eine v&#246;llig neue Stufe   erklimmen. Obwohl der Bauzaun in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ohne jede   Vorank&#252;ndigung aufgestellt wurde, konnte der &#8222;Parksch&#252;tzer&#8220;-Alarm binnen   Stunden 5.000 Gegendemonstranten auf die Beine bringen. Nach R&#228;umung der   Sitzblockade wurden bis in die fr&#252;hen Morgenstunden immer wieder   Stra&#223;enkreuzungen blockiert. Am n&#228;chsten Tag zogen 3.000 Menschen ins   Rathaus. Samstag und Sonntag Abend waren erneut Tausende auf der Stra&#223;e,   die Bannmeile des Landtags wurde gest&#252;rmt, mehrfach der Verkehr in der   Innenstadt zum Erliegen gebracht. Die Polizei blieb bei alledem auf   Abstand und stand h&#246;chstens Spalier. Mehr als 500 Menschen fanden sich   Montag morgen um 6 Uhr beim Bauzaun ein, um einen m&#246;glichen Abrissbeginn   aufzuhalten. Die darauf folgende Montagsdemonstration war mit 6.000   TeilnehmerInnen die bislang gr&#246;&#223;te. Endlich lie&#223; man es auch nicht bei   einer Kundgebung bewenden &#8211; da die Organisatoren f&#252;rchten mussten, dass   andernfalls ohne ihre Leitung Tausende spontan los gezogen w&#228;ren. Obwohl   6.000 Menschen trotz str&#246;mendem Regen zur Projektstelle der Bahn   marschierten, kam es nach Aufl&#246;sung der offiziellen Demonstration erneut   zu einer Verkehrsblockade und zu einem 1.000 TeilnehmerInnen starken,   k&#228;mpferischen Demozug durch die Innenstadt, der schlie&#223;lich in eine   vor&#252;bergehende Bahnhofsbesetzung m&#252;ndete. Eine treibende Kraft war, wie   auch bei den vorhergehenden Spontandemos, die &#8222;Jugendoffensive gegen   Stuttgart 21&#8220;, die von Mitgliedern der SAV und von Linksjugend [&quot;solid]   ins Leben gerufen worden war.<\/p>\n<p>  Seit jenem Wochenende ist die Stadt elektrisiert. St&#228;ndig kommen   Menschen zur Rund-um-die-Uhr-Mahnwache, die seit der Bekanntgabe des   Abrisses am 17. Juli im Einsatz ist. Jeden Tag laufen Aktionen, jede   Nacht campieren S-21-Gegner in Schlafs&#228;cken beim Bahnhof. Innerhalb   weniger Tage wurde der Bauzaun mit unz&#228;hligen selbst gemalten Plakaten   und Handzetteln geschm&#252;ckt. Jeden Abend um 19 Uhr treffen sich in &#252;ber   30 Stadtvierteln Menschen zum &#8222;Schwabenstreich&#8220; &#8211; eine Minute   Krachschlagen nach dem Vorbild Argentinien 2002. In Betrieben,   Stadtteilen, Nachbarschaften ist Stuttgart 21 nunmehr Thema Nr. 1. Jeder   zehnte l&#228;uft mit Button oder Aufkleber durch die Gegend. Manche begr&#252;&#223;en   sich nicht mehr mit &#8222;Gr&#252;&#223; Gott&#8220;, sondern mit &#8222;Oben bleiben&#8220;. Es gibt   auch schon ein Widerstandsbier.<\/p>\n<p>  In der zweiten August-Woche kam es innerhalb von sieben Tagen zu drei   Gro&#223;demonstrationen mit 10.000 und mehr Beteiligten. Das gab es in   Stuttgart zum letzten Mal zu Beginn des Golfkrieges 1991, als binnen   weniger Tage zwei Sch&#252;lerstreiks und eine Protestdemo am Tag des   Kriegsbeginns durchgef&#252;hrt wurden. Die erste dieser drei Gro&#223;demos gegen   Stuttgart 21 in einer knappen Woche fand am Samstag Abend, den 7. August   statt. &#220;ber 16.000 Menschen zogen stundenlang durch die Innenstadt und   besetzten nachts um halb elf nach offiziellem Demoende f&#252;r eine halbe   Stunde den kompletten Hauptbahnhof. Zwei Tage darauf erreichte die   Montagsdemonstration mit 10.000 Menschen einen neuen Rekord. Am Freitag,   den 13. August kulminierte die Wut in der bis jetzt gr&#246;&#223;ten   Demonstration gegen Stuttgart 21: &#220;ber 20.000 Menschen beteiligten sich   erst an einer Menschenkette um den Bahnhof, zogen dann in den   Schlossgarten und marschierten anschlie&#223;end zum Marktplatz vor dem   Rathaus. Der Block von &#8222;Jugendoffensive&#8220;, der sich durch k&#228;mpferische   Parolen und gegen Stuttgart-21-Mafia und Konzernherren gerichtete   Megafon-Reden hervor tat, bekam erneut viel Zuspruch.<\/p>\n<h4>  &#8222;Stuttgarter Appell&#8220;<\/h4>\n<p>  In den Tagen nach Errichtung des Bauzauns, als die Proteste t&#228;glich   zahlenm&#228;&#223;ig zunahmen und eine Radikalisierung der Kampfformen einsetzte,   gab es f&#252;r einen Teil der S-21-Gegner und der Bef&#252;rworter pl&#246;tzlich   einen gemeinsamen Nenner: die Angst vor der &#8222;Eskalation&#8220;. Ausgerechnet   am Samstag, den 7. August &#8211; an dem Tag, an dem f&#252;r den Abend eine   erneute Steigerung erwartet wurde &#8211; fanden sich in der Stuttgarter   Zeitung aus beiden Lagern Appelle zur &#8222;Besonnenheit&#8220;. So &#252;berschrieb das   konservative Blatt seinen Kommentar mit den Worten: &#8222;Sehnsucht nach   Frieden&#8220;. Darin wird der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass &#8222;insgesamt &#8211;   wie bisher &#8211; die gem&#228;&#223;igten, vern&#252;nftigen Kr&#228;fte unter den Gegnern und   Kritikern die Oberhand behalten. Denn an Krawallen kann niemand gelegen   sein.&#8220;<\/p>\n<p>  Ein ganz &#228;hnlicher Ton wird in einer zeitgleich geschalteten Anzeige   angeschlagen. In einem &#8222;Offenen Brief an die Bef&#252;rworter und Gegner des   Projekts&#8220; hei&#223;t es, dass &#8222;die scheinbar unausweichlich eskalierende   Konfrontation (&#8230;) in j&#252;ngster Zeit bedenkliche Dimensionen angenommen&#8220;   habe. &#8222;Weit entfernt von jedem demokratischen Konsens besteht die gro&#223;e   Gefahr, dass diese Konfrontation auf Jahrzehnte hinaus die traditionell   von Gemeinschaftssinn gepr&#228;gte politische Kultur der Stadt Stuttgart und   des Landes Baden-W&#252;rttemberg nachhaltig sch&#228;digt.&#8220; Und weiter hei&#223;t es   in diesem &#8222;Stuttgarter Appell&#8220;, dem sich binnen einer Woche &#252;ber 20.000   Menschen anschlossen: &#8222;Geht die Eskalation auf diese Weise weiter, wird   es nur Verlierer geben.&#8220; Zu den Unterzeichnern geh&#246;ren einige K&#252;nstler,   langj&#228;hrige Politiker wie Peter Conradi (fr&#252;herer SPD-   Bundestagsabgeordneter) oder der ehemalige Daimler-Vorstandschef Edzard   Reuter.<\/p>\n<p>  &#8222; Stuttgart 21 entgleist die Stadt&#8220;, schrieb die S&#252;ddeutsche Zeitung.   Die Stuttgarter Zeitung warnte vor einem &#8222;Riss&#8220;, der durch die   &#8222;Schwabenmetropole&#8220; gehen w&#252;rde. Gemeinschaftssinn? Sozialer Friede? Mit   diesen Worth&#252;lsen sollen all diejenigen eingelullt werden, die jahrein,   jahraus Arbeitsverdichtung, Stellenabbau, Hartz IV, Bildungskahlschlag,   Abbau demokratischer Rechte und und und einstecken mussten. Nein, von   sozialem Frieden kann keine Rede sein. &#8222;Die da oben&#8220; haben st&#228;ndig das   Kriegsbeil ausgegraben. Jetzt m&#252;ssen sie in der Frage von Stuttgart 21   f&#252;rchten, dass &#8222;die da unten&#8220; sich endlich einmal wirksam zur Wehr   setzen.<\/p>\n<p>  Der &#8222;Stuttgarter Appell&#8220; macht sich konkret f&#252;r die Forderung nach einem   &#8222;Moratorium&#8220; stark und erneuert das Postulat nach einem   &#8222;Volksentscheid&#8220;. Statt den Elan und die zunehmenden Selbstinitiativen   aufzugreifen, um die Protestbewegung erfolgreich weiter aufzubauen, soll   mittels eines Moratoriums der Widerstand ausgebremst werden. Statt das   sich bietende Potenzial f&#252;r Massenproteste zu nutzen, soll mittels eines   Volksentscheids auf eine Individualisierung hin&#252;ber geleitet werden.   Dabei zeigt sich in diesen Tagen ganz deutlich, welche Dynamik   massenhafte Gegenwehr und welche Kraft das Gef&#252;hl der eigenen St&#228;rke,   kollektives Bewusstsein, haben.<\/p>\n<h4>  Aufstand des Kleinb&#252;rgertums?<\/h4>\n<p>  Noch sind die traditionellen Kampfmittel der Arbeiterbewegung f&#252;r die   meisten Montagsdemonstranten weit weg. Streiks gegen Stuttgart 21 werden   nur bei wenigen als real durchf&#252;hrbar betrachtet. Die gegenw&#228;rtigen   Kampfformen haben &#252;berwiegend kleinb&#252;rgerlichen Charakter &#8211; weil die   f&#252;hrenden Kr&#228;fte der Bewegung bislang gr&#246;&#223;tenteils aus dem   Kleinb&#252;rgertum stammen. Allerdings ziehen diese inzwischen mehr und mehr   in verschiedene Richtungen.<\/p>\n<p>  Auf der einen Seite steht das &#8222;Aktionsb&#252;ndnis&#8220; (die Initiative &#8222;Leben in   Stuttgart&#8220;, der BUND und andere), dessen Protagonisten monatelang auf   Kundgebungen und symbolischen Protest gesetzt haben. Frei nach dem   Motto: &#8222;Das weiche Wasser bricht den Stein.&#8220; Redner der Gr&#252;nen, wie Cem   &#214;zdemir am 2. August, propagieren prim&#228;r die Idee eines Moratoriums und   machen Stimmung f&#252;r einen Volksentscheid. Die Kreisvorsitzende der   Gr&#252;nen, die h&#228;ufig die Montagsdemonstration moderiert, warnte am 9.   August erstmals explizit davor, nach der Kundgebung eine Spontandemo zu   starten (damit w&#252;rde man sich angeblich nur dem schwarzen Block   anschlie&#223;en &#8211; der im &#220;brigen bislang noch von niemand gesichtet werden   konnte).<\/p>\n<p>  Auf der anderen Seite haben sich die &#8222;Parksch&#252;tzer&#8220; enorme Anerkennung   verschafft. Von ihnen ging die Besetzung des Nordfl&#252;gels aus. Seit   Monaten werben sie daf&#252;r, sich beim Abholzen der 280 Schlossgarten-B&#228;ume   anzuketten. Die &#8222;Parksch&#252;tzer&#8220; bauen auf aktive Blockadeaktionen gegen   die Abrissarbeiten.<\/p>\n<p>  W&#228;hrend f&#252;r die Gr&#252;nen und relevante Akteure des Aktionsb&#252;ndnisses   oberstes Gebot bleibt, den Status Quo, die bestehenden Verh&#228;ltnisse   nicht zu gef&#228;hrden, ist f&#252;r die &#8222;Parksch&#252;tzer&#8220;, jedenfalls f&#252;r viele   AktivistInnen, das Wichtigste, Stuttgart 21 real zu stoppen. Wenn daf&#252;r   die Konfrontation mit dem Establishment eingegangen werden muss, ist das   f&#252;r sie in Kauf zu nehmen.<\/p>\n<p>  Die Spontandemos und Verkehrsblockaden in den ersten beiden Augustwochen   k&#246;nnen nicht hoch genug eingesch&#228;tzt werden. Zwar waren es mehrfach nur   Hunderte beziehungsweise am Montag, den 2. August eintausend Menschen   und bei den Besetzungsaktionen des Hauptbahnhofs und vor allem am   Wochenende nach dem Aufstellen des Bauzauns sogar noch sehr viel mehr &#8211;   aber in diesen Situationen, und auch bei k&#228;mpferischen Beitr&#228;gen auf den   Demonstrationen, hatten sie die Sympathie betr&#228;chtlicher Teile der Demo-   oder Kundgebungs-Teilnehmer. Diese Aktionen halfen der Bewegung, ein   paar Schritte dahin zu machen, sich vom Einfluss der Gr&#252;nen und anderer   gem&#228;&#223;igter Kr&#228;fte zu befreien. Zudem konnte so darauf hingewiesen   werden, dass es n&#246;tig und m&#246;glich ist, &#252;ber symbolische Aktionen   hinauszugehen und mittels massenhaften Blockaden den erforderlichen   Konflikt mit dem b&#252;rgerlichen Establishment zu suchen.<\/p>\n<p>  Es ist kein Zufall, dass in dieser Phase verst&#228;rkt Aktionen wie   Lichterketten oder Schweigem&#228;rsche vorgeschlagen oder auf den Weg   gebracht werden. Damit soll eine weitere Radikalisierung der Kampfformen   und Inhalte vereitelt werden.<\/p>\n<h4>  Wer protestiert gegen Stuttgart 21?<\/h4>\n<p>  &#8222; Auf dem B&#252;rgersteig stehen r&#252;stige Senioren mit teuren Tourenr&#228;dern   und Damen im Kost&#252;m&#8220;, schildert die FAZ am 9. August die Lage am   Bauzaun. &#8222;In diesem Staat helfen keine Demonstrationen mehr, da muss man   schon Steine werfen&#8220;, doziert eine Rentnerin, die aussieht, als ob sie   die Nachmittage gew&#246;hnlich in den pl&#252;schigen Caf&#233;s am Schlossplatz   verbringt.&#8220; Nat&#252;rlich sind auch betuchtere Personen unter den   GegnerInnen, einige geh&#246;ren definitiv zum b&#252;rgerlichen Lager. Das wird   von den Medien allerdings enorm aufgebauscht. Herausgestellt wird die   Emp&#246;rung der gem&#228;&#223;igten Kr&#228;fte &#252;ber Stuttgart 21.<\/p>\n<p>  Es ist auch keine Frage, dass bislang wenig Gewerkschaftsfahnen zu sehen   sind und fast keine Gruppen von KollegInnen aus einer Belegschaft   gemeinsam zur Montagsdemonstration kommen. Dennoch ist die soziale   Zusammensetzung der Demonstrationen &#8211; im Gegensatz zu den Organisatoren   &#8211; in ihrer Mehrheit nicht kleinb&#252;rgerlich.<\/p>\n<p>  In der Bundesrepublik geh&#246;ren &#252;ber 90 Prozent aller im erwerbsf&#228;higen   Alter heute zur Arbeiterklasse, zur Klasse der Lohnabh&#228;ngigen. Allein   deshalb m&#252;ssen bei Protesten von 10.000, 20.000 und mehr auch Teile der   arbeitenden Bev&#246;lkerung vertreten sein. Schon bei den   Montagsdemonstrationen im letzten Halbjahr, vor dem Anschwellen der   Proteste, waren viele Besch&#228;ftigte unter den TeilnehmerInnen. Weniger   Metallarbeiter, vor allem LehrerInnen, Sozialarbeiter oder Angestellte   waren anwesend.<\/p>\n<p>  Allerdings ist nicht nur Tom Adler (Stadtrat der LINKEN), sondern auch   eine ganze Reihe anderer KollegInnen von Daimler zu den Demos gegen   Stuttgart 21 gekommen. Beim Sommerfest der Daimler-&#8222;Alternative&#8220; war   Stuttgart 21 in aller Munde. In den vergangenen Wochen nahmen immer   wieder die Behr-KollegInnen mit einem eigenen Transparent (das sich   gegen die Schlie&#223;ung des Werks 8 in Feuerbach richtet) teil. Auch die   Gewerkschaftslinke ist h&#228;ufig mit einem eigenen Transparent sichtbar.   Eine relevante Zahl langj&#228;hriger betrieblicher, gewerkschaftlicher   AktivistInnen und der politischen Linken geh&#246;rt seit Monaten zu den   TeilnehmerInnen der Montagsdemos.<\/p>\n<p>  Der Mittelstand, das Kleinb&#252;rgertum ist in stabileren kapitalistischen   Zeiten darauf aus, sich im b&#252;rgerlichen System einzurichten. Wenn der   Kapitalismus aber in eine tiefe Krise ger&#228;t, k&#246;nnen sie sich auch auf   die Seite der Arbeiterklasse schlagen, wie das in der deutschen   Novemberrevolution 1918\/19 der Fall war (damals geh&#246;rte in Deutschland   noch beinahe die H&#228;lfte der Bev&#246;lkerung dem Kleinb&#252;rgertum an, w&#228;hrend   dieses seitdem extrem geschrumpft ist). Der russische Revolution&#228;r Leo   Trotzki verwies darauf, dass in Zeiten gesellschaftlicher G&#228;rung oft das   Kleinb&#252;rgertum zuerst erfasst wird &#8211; so wie ein Sturm zun&#228;chst die   Zweige eines Baumes schwanken l&#228;sst, bevor der Stamm beeintr&#228;chtigt   wird. Im Fall von Stuttgart 21 sind es nicht die Studierenden, auf die   sich Trotzki im Wesentlichen bezog, sondern K&#252;nstlerInnen, kleine   Selbstst&#228;ndige (Anw&#228;lte, Steuerberater oder andere), RentnerInnen, die   in Rage dar&#252;ber sind, wie von oben an solch einem Wahnsinnsprojekt   unbeirrt festgehalten werden kann und nicht erkennen, dass dieser   &#8222;Wahnsinn Methode hat&#8220; (Shakespeare). Viele Azubis, ArbeiterInnen,   Angestellte, einfache Beamte waren lange Zeit weniger entsetzt, weil sie   weniger Illusionen in das b&#252;rgerliche Establishment haben. In jedem Fall   kann sich der &#196;rger des Kleinb&#252;rgertums &#252;ber Dinge, die in diesem System   falsch laufen, auch auf die Arbeiterklasse ausweiten &#8211; ein Ph&#228;nomen, das   im Fall von Stuttgart 21 zu beobachten ist.<\/p>\n<h4>  Zum ersten Mal auf einer Demo<\/h4>\n<p>  Monatelang beschr&#228;nkte sich der Kreis derjenigen, die Stuttgart 21   entschieden ablehnen und regelm&#228;&#223;ig dagegen demonstrieren, auf wenige   Tausend. Zwar steht schon lange eine gro&#223;e Mehrheit in Opposition zu dem   Projekt. Aber die meisten befassten sich nicht intensiver damit und   gingen davon aus, dass sowieso schon alles gelaufen ist. Das hat sich in   den letzten zwei, drei Wochen dramatisch gewandelt.<\/p>\n<p>  Bei den Gro&#223;demos waren Tausende, die zum ersten Mal erschienen. Auch zu   den Montagsdemonstrationen kommen jetzt ganz neue Leute. Bei der   Demonstration am Samstag, den 7. August waren auch mehr MigrantInnen   pr&#228;sent (Stuttgart hat neben Frankfurt am Main den gr&#246;&#223;ten prozentualen   Anteil Nichtdeutscher), die bislang kaum zu sehen waren. Aber vor allem   hat die Zahl der Jugendlichen unter den Demoteilnehmern klar zugenommen   &#8211; seit auch demonstriert und radikalere Kampfschritte gewagt werden.<\/p>\n<p>  Eine zentrale Aufgabe der Bewegung gegen Stuttgart 21 besteht derzeit   darin, von Neuem die Argumente gegen dieses Projekt vorzubringen, klar   und verst&#228;ndlich, um die Zehntausenden, die dem Ganzen lange skeptisch   gegen&#252;ber standen, aber erst jetzt ein echtes Interesse daran haben, zu   &#252;berzeugen. Denn seit ein paar Wochen diskutieren die Besch&#228;ftigten in   den Krankenh&#228;usern, in den Verwaltungen, bei den Autobauern mit enormen   Interesse &#252;ber den Widerstand. Tausende und Zehntausende &#252;berlegen   inzwischen, sich dem Protest anzuschlie&#223;en.<\/p>\n<h4>  Gegen &#8222;die da oben&#8220;<\/h4>\n<p>  Die Stuttgarter Zeitung urteilte in ihrem Kommentar vom 7. August, dass   &#8222;all jene, die ihren Unmut artikulieren, offenkundig &#8211; und das vereint   das Kollektiv &#8211; eine Wut gegen die da oben&#8220; beschleicht. Das trifft den   Nagel auf den Kopf. Eine Wut, die sich &#252;ber eine lange Zeit angestaut   hat, bricht sich nun an Hand von Stuttgart 21 Bahn.<\/p>\n<p>  Stuttgart ist die reichste Gro&#223;stadt der Bundesrepublik, die Stadt mit   den meisten Million&#228;ren. Die City hat die gr&#246;&#223;te Ladendichte, immer   schickere und teurere Boutiquen werden er&#246;ffnet. W&#228;hrend die   &#8222;Wirtschaftswoche&#8220; der Landeshauptstadt attestiert, &#8222;durch die   Wirtschaftsfreundlichkeit der Stadtverwaltung zu &#252;berzeugen&#8220;, z&#228;hlt die   Stadt 40.000 Hartz-IV-Empf&#228;nger, jedes siebte Kind lebt in Armut. Bei   einer B&#252;rgerversammlung in Feuerbach klagten im Juli erz&#252;rnte   Elternvertreter &#252;ber abgest&#252;tzte Fassaden und marode Fenster beim   Leibnitz- und beim Neuen Gymnasium. Zudem &#8222;stinkt den Sch&#252;lern und   Eltern vor allem die Jahrzehnte alte Toilettenanlage in beiden Schulen&#8220;   (Stuttgarter Zeitung vom 20. Juli).<\/p>\n<p>  Gleichzeitig erfahren sie eine beispiellose Arroganz der Macht. So   frotzelte Finanzb&#252;rgermeister Michael F&#246;ll (CDU) &#252;ber Spar-   beziehungsweise K&#252;rzungsma&#223;nahmen im Juni 2009: &#8222;Das Schwarzbrot werden   wir wohl auch k&#252;nftig finanzieren k&#246;nnen, doch auf die Sahnet&#246;rtchen   m&#252;ssen wir verzichten.&#8220; Als durchsickerte, dass der gleiche Vize-OB   Berater bei der mit dem Abriss des Nordfl&#252;gels beauftragten Baufirma   Wolff &amp; M&#252;ller wurde, waren auf den Montagsdemonstrationen Schilder mit   Spr&#252;chen zu sehen wie: &#8222;F&#246;llig korrupt&#8220;. Dieter Laube von den   &#8222;Parksch&#252;tzern&#8220; wurde am 12. Juli in der S&#252;dwestpresse in Bezug auf   Schuster, F&#246;ll und Drexler mit den Worten zitiert: &#8222;Hier denkt eine   kleine Clique, ihr geh&#246;re die Stadt.&#8220;<\/p>\n<p>  Es ist dieser lang angestaute &#196;rger &#252;ber Bildungs- und Sozialabbau, &#252;ber   Korruption, &#252;ber die Bereicherung der oberen Zehntausend, der beim   Protest gegen Stuttgart 21 ein Ventil findet.<\/p>\n<p>  Die Radikalisierung in den Kampfformen (ob Nordfl&#252;gel-Besetzung,   Spontandemos oder Verkehrsblockaden) korrespondiert mit einer   inhaltlichen Radikalisierung. Am 4. August ver&#246;ffentlichte die   Stuttgarter Zeitung in einem &#8222;Leserforum&#8220; zw&#246;lf Beitr&#228;ge zu Stuttgart 21   (von denen elf das Projekt nachdr&#252;cklich ablehnten). In einem war zu   lesen: &#8222;Meine Wut &#8211; und die vieler anderer Menschen auch &#8211; steigt von   Tag zu Tag ins Unermessliche.&#8220; In weiteren Beitr&#228;gen wurde hinterfragt,   ob der BRD-Staat tats&#228;chlich neutral ist, oder ob er nicht dazu dient,   dass die &#246;konomisch M&#228;chtigen auch die politisch M&#228;chtigen sind. So ist   von der &#8222;Vermutung vieler B&#252;rger&#8220; die Rede, &#8222;dass die   Verwaltungsgerichte in Baden-W&#252;rttemberg eben nicht unabh&#228;ngig sind&#8220;.   Der n&#228;chste formulierte: &#8222;Wir leben in einer Scheindemokratie oder   parlamentarischen Diktatur, was auf dasselbe hinauskommt.&#8220; Und Dr.   Markus Forst schrieb: &#8222;Da wurden also 200 Polizisten gegen gerade mal   100 Besetzer des Nordfl&#252;gels des Bahnhofs eingesetzt. Also zwei Beamte   pro Besetzer. Als ich das las, fragte ich mich kopfsch&#252;ttelnd, wie eine   derart &#252;berzogene Aktion wohl zustande gekommen sein mochte.&#8220;<\/p>\n<p>  Es sind viele Konflikte, die sich bei Stuttgart 21 b&#252;ndeln:   Demokratieabbau, Umweltzerst&#246;rung, Geld f&#252;r die Tieferlegung des   Bahnhofs statt f&#252;r Schulen, Krankenh&#228;user, Arbeitspl&#228;tze&#8230; Als die   &#8222;Jugendoffensive&#8220; auf einer Demonstration skandierte: &#8222;Beim Zerst&#246;ren   sind sie fix, f&#252;r die Bildung tun sie nix&#8220;, fragte eine jugendliche   Demonstrantin ihre Freundin, was das denn mit Stuttgart 21 zu tun habe &#8211;   und lie&#223; es sich dann von dieser erkl&#228;ren.<\/p>\n<h4>  Ignoranz der Gewerkschaftsspitzen<\/h4>\n<p>  Stuttgart 21 r&#252;ttelt die arbeitende Bev&#246;lkerung in der Region auf.   Tausende Besch&#228;ftigte sind derzeit mehr als einmal w&#246;chentlich auf den   Beinen &#8211; ohne dass die Gewerkschaftsf&#252;hrung sich engagiert. Jahrelang   mussten KollegInnen die Erfahrung machen, dass die Gewerkschaftsoberen   Hartz IV &#8222;begleiteten&#8220; statt die Agenda 2010 zu bek&#228;mpfen; immer und   immer wieder erlebten sie, dass ihre F&#252;hrung den Angriffen von Regierung   und Unternehmern nicht wirklich Paroli bot. Kein Wunder, dass viele   KollegInnen jetzt auf die Montagsdemonstrationen gehen und ihre   Gewerkschaftsfahnen zu Hause lassen. Das Versagen der F&#252;hrung und die   R&#252;ckschl&#228;ge f&#252;r die Arbeiterbewegung in den vergangenen 20 Jahren haben   dazu beigetragen, dass sich ArbeiterInnen und Angestellte in einen   Protest einreihen, der von kleinb&#252;rgerlichen Kr&#228;ften initiiert wurde.   Auf die Prozesse seit Anfang der neunziger Jahre ist es zur&#252;ckzuf&#252;hren,   dass eine Bewegung entsteht, wie es sie in Stuttgart lange nicht gegeben   hat, und die Gewerkschaften stehen nur am &#8222;Spielfeldrand&#8220;.<\/p>\n<p>  Der Kampf gegen Stuttgart 21 l&#228;sst bei einigen AktivistInnen   Erinnerungen an fr&#252;here Gro&#223;konflikte wach werden &#8211; und gibt vielen   neuen Mut und Zuversicht. So meinte ein langj&#228;hriger Betriebsrat von   SKF: &#8222;Zum ersten Mal seit dem Kampf um die 35-Stunden-Woche in den   Achtzigern sehe ich die Chance, dass wir wirklich was erreichen k&#246;nnen.&#8220;   Immer wieder werden bei den Montagsdemos unter den TeilnehmerInnen   Vergleiche zu den K&#228;mpfen in Wackersdorf, Whyl und Boxberg gezogen.<\/p>\n<p>  Stuttgart 21 ist ein weiterer Beleg daf&#252;r, dass sich eine massenhafte   Auseinandersetzung nicht nur an Brot-und-Butter-Fragen entz&#252;nden muss.   Die Dreyfu&#223;-Aff&#228;re in Frankreich in den neunziger Jahren des 19.   Jahrhunderts, aber auch der Watergate-Skandal in den USA der 1970er   ersch&#252;tterten das herrschende System in seinen Grundfesten. H&#228;tte es   hier eine revolution&#228;re Massenkraft gegeben, w&#228;re eine sozialistische   Umw&#228;lzung m&#246;glich gewesen. Davon ist der Protest gegen Stuttgart 21   nat&#252;rlich noch weit entfernt; trotzdem zeigt sich hier ebenfalls, dass   nicht nur Entlassungswellen oder Betriebsschlie&#223;ungen, sondern auch ein   besonders r&#252;cksichtsloses Vorgehen der Herrschenden breiten Unmut und   Gegenwehr hervorrufen kann.<\/p>\n<h4>  Aussichten und Aufgaben<\/h4>\n<p>  F&#252;r die Drahtzieher von Stuttgart 21 geht es um viel. 100 Hektar   Gleisfl&#228;che in bester Innenstadtlage er&#246;ffnen die M&#246;glichkeit f&#252;r   Milliardenprofite. Zudem ist Stuttgart 21 kein &#246;kologisches Projekt,   sondern ein Vorhaben der Autolobby. Kein Wunder, dass die Bahn-Chefs   Grube, Mehdorn und D&#252;rr alle Vorstandsmitglieder von Daimler waren. Dass   die lokalen Politiker einen gemeinsamen Pakt geschlossen haben und   unerbittlich an Stuttgart 21 festhalten, hat auch viel damit zu tun, was   die SAV in ihrer Brosch&#252;re von 1996 bereits aufzeigte: &#8222;Geld ist f&#252;r   Kommunalpolitiker nat&#252;rlich leichter zu beschaffen, wenn Bund oder Land   in ihrer Kommune gr&#246;&#223;ere Geldsummen ausgeben wollen. Motto: Besser bei   uns Milliarden f&#252;r sinnlose Prestigeprojekte ausgeben als nebenan das   Geld f&#252;r eine Verbesserung des &#246;ffentlichen Nahverkehrs oder   Kindergartenpl&#228;tze zu verwenden.&#8220;<\/p>\n<p>  &#220;berall gibt es Vetternwirtschaft. Aber die Stuttgart-21-Mafia mit ihren   Beziehungen in die Chefetagen von Daimler und gro&#223;en   Immobilienunternehmen, mit ihrem Draht zum Verband der deutschen   Autoindustrie (dessen Vorsitzender der fr&#252;here Bundesverkehrsminister   aus dem L&#228;ndle, Matthias Wissmann, ist), die &#8222;Maultaschen-Connection&#8220; zu   den &#8222;Gr&#246;&#223;en&#8220; der Politiker in Baden-W&#252;rttemberg &#8211; diese   Stuttgart-21-Mafia hat mehr Macht und Einfluss als der K&#246;lner Kl&#252;ngel   oder die &#8222;Erbfreundschaften von Hannover&#8220; (das Netzwerk von AWD-Gr&#252;nder   Carsten Maschmeyer und Anwalt G&#246;tz von Fromberg).<\/p>\n<p>  Nat&#252;rlich ist es denkbar, dass die Bundesregierung oder andere Kr&#228;fte in   der Bahn-Spitze aufgrund der exorbitanten Kosten dieses Projekt noch zu   Fall bringen (sicherlich rumort es auch ordentlich hinter den Kulissen).   Es ist wegen der Perspektiven f&#252;r die Staatsverschuldung auch m&#246;glich,   dass Stuttgart 21 nie zu Ende gebuddelt werden kann. Doch verlassen darf   sich die Protestbewegung nicht darauf.<\/p>\n<p>  Jetzt gilt es, den Protest noch weiter zu st&#228;rken, vermehrt in die   Betriebe und Stadtteile reinzuwirken, Gewerkschaften und LINKE unter   Druck zu setzen, und &#8211; wie in den Materialien der SAV Stuttgart   ausf&#252;hrlich dargestellt &#8211; auf Massenblockaden und Gro&#223;demonstrationen zu   setzen. N&#246;tig ist es, die Verbindung zum Kampf gegen das &#8222;Sparpaket&#8220; von   Merkel und Westerwelle zu ziehen. Au&#223;erdem kann sich die &#246;konomische   Lage (letztes Jahr war die Rezession mit &#252;ber sieben Prozent   Wirtschaftseinbruch in Baden-W&#252;rttemberg besonders verheerend) in   einigen Monaten schon wieder erheblich verd&#252;stern: wenn die   &#220;berkapazit&#228;ten und Spekulationsblasen in Asien zur Geltung kommen und   die Binnennachfrage weitere schwach bleibt). Sp&#228;testens dann k&#246;nnte die   Idee eines regionalen Generalstreiks gegen Stuttgart 21 und gegen   Arbeitsplatzabbau gro&#223;e Unterst&#252;tzung finden. Die SAV argumentiert schon   heute f&#252;r die Notwendigkeit von Streiks gegen Stuttgart 21. Sollte es,   wie in der &#8222;Jugendoffensive&#8220; andiskutiert, nach den Ferien zu einem   Sch&#252;lerstreik gegen das Profit- und Prestigeprojekt kommen, lie&#223;e sich   so die Frage von betrieblichen Arbeitsniederlegungen nochmal   nachdr&#252;cklicher in die Diskussion bringen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      B&#252;rgerliche, kleinb&#252;rgerliche Rebellion oder Protest der arbeitenden<br \/>\n      Bev&#246;lkerung &#8211; was ist los im L&#228;ndle?\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[56,58,119],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13838"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13838"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13838\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13838"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13838"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13838"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}