{"id":13824,"date":"2010-09-03T00:00:00","date_gmt":"2010-09-02T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13824"},"modified":"2012-07-18T15:30:12","modified_gmt":"2012-07-18T13:30:12","slug":"13824","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/09\/13824\/","title":{"rendered":"Zur Geschichte des Trotzkismus"},"content":{"rendered":"<p>  Teil 1: Von der Gr&#252;ndung der Vierten Internationale bis zum   Zusammenbruch des Stalinismus<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Trotzki hat Mitte der 1930er Jahre seine Arbeit f&#252;r den Aufbau einer   Vierten Internationale als die wichtigste Arbeit seines Lebens   bezeichnet &#8211; wichtiger als seine Arbeit als Organisator der   Oktoberrevolution oder im russischen B&#252;rgerkrieg. Siebzig Jahre nach   Trotzkis Tod gibt es in keinem einzigen Land eine trotzkistische   Massenpartei, daf&#252;r eine Vielzahl von konkurrierenden, sich auf Trotzki   berufenden Organisationen und Internationalen. Ist der Trotzkismus also   gescheitert?<\/p>\n<h4>  <i>von Wolfram Klein<\/i><\/h4>\n<p>  Eine Bilanz des Trotzkismus im Vergleich zu anderen Str&#246;mungen der   Arbeiterbewegung ergibt ein differenziertes Bild: Trotzki k&#228;mpfte f&#252;r   eine Vierte Internationale, als es zwei internationale politische   Massenorganisationen der Arbeiterklasse gab: die reformistische   Sozialistische Arbeiterinternationale (Zweite Internationale) und die   stalinistische Kommunistische Internationale (Dritte Internationale).<\/p>\n<p>  Die Zweite Internationale wurde 1951 als Sozialistische Internationale   wiedergegr&#252;ndet und besteht auf dem Papier weiter. Aber f&#252;r ihre   Mitgliedsparteien bedeutet Reform inzwischen das Gegenteil: nicht mehr   Verbesserungen f&#252;r die arbeitende Bev&#246;lkerung, sondern die Zerst&#246;rung   der in der Vergangenheit erreichten Verbesserungen. War sie zu Trotzkis   Zeiten eine tief in der Arbeiterbewegung verankerte Organisation, die   von prokapitalistischen Verr&#228;tern gef&#252;hrt wurde, so ist sie heute nur   noch ein Schatten von damals und hat jede Bedeutung als potenzielles   Kampfinstrument f&#252;r die Arbeiterklasse verloren.<\/p>\n<p>  Die Dritte Internationale wurde 1943 aufgel&#246;st. Der Stalinismus hatte   nach dem Zweiten Weltkrieg zwar in vielen L&#228;ndern Massenanhang (vor   allem wegen dem riesigen Beitrag, den die Sowjetunion und die   Kommunistischen Parteien zum Sieg &#252;ber Hitler leisteten). Heute aber   sind einige dieser Parteien, ebenso wie sozialdemokratische Parteien, zu   komplett b&#252;rgerlichen Parteien geworden, andere sind an Gr&#246;&#223;e und   Einfluss sehr geschrumpft und wirken eher wie verstaubte Relikte der   Vergangenheit denn als lebendige Arbeiterorganisationen, die einen   Massenanhang organisieren k&#246;nnten.<\/p>\n<p>  Und allen Unkenrufen zum Trotz sind Spaltungen keine trotzkistische   Eigenart: Stalinisten haben sich in prosowjetische Stalinisten,   Titoisten, Maoisten, Eurokommunisten usw. gespalten. Anders als   TrotzkistInnen haben sie ihre Konflikte nicht nur mit Worten   ausgetragen: Es gab Kriege (China-Vietnam, Vietnam-Kambodscha) und   Grenzkonflikte (Sowjetunion-China) zwischen stalinistischen Staaten. Es   gab blutige Auseinandersetzungen zwischen prosowjetischen Regimes und   maoistisch-stalinistischen Guerillagruppen (zum Beispiel in &#196;thiopien in   den 1970er und Afghanistan in den 1980er Jahren).<\/p>\n<p>  Und die anderen TheoretikerInnen, mit denen sich Trotzki   auseinandersetzte? Gibt es in Deutschland oder international eine   handlungsf&#228;hige politische Organisation, die in der Tradition von Karl   Korsch, von Brandler und Thalheimer, von Bordiga, von Seydewitz oder von   Bucharin steht? Wahrscheinlich kennen einige LeserInnen nicht einmal   alle diese Namen.<\/p>\n<p>  Tats&#228;chlich war die Bezeichnung &#8222;Trotzkismus&#8220; zuerst ein Etikett, mit   dem die Stalinisten ihre GegnerInnen diffamieren wollten. Die Tausenden,   die w&#228;hrend des Massenmords der &#8222;S&#228;uberungen&#8220; in der Sowjetunion von   1936 bis 1938 Stalins Erschie&#223;ungskommandos ein &#8222;Lang lebe Trotzki&#8220;   entgegen riefen, haben das Schimpfwort zu einem Ehrennamen gemacht.   Trotzdem ist &#8222;Trotzkismus&#8220; nicht mehr als moderner Ausdruck f&#252;r den   revolution&#228;ren Marxismus von heute. Zu dieser Tradition haben Rosa   Luxemburg und Lenin ebenso beigetragen wie Trotzki. Und nach dem Zweiten   Weltkrieg haben das Komitee f&#252;r eine Arbeiterinternationale (die   internationale sozialistische Organisation, der die SAV angeschlossen   ist, englische Abk&#252;rzung: CWI) und seine britischen   Vorl&#228;uferorganisationen (WIL &#8211; Workers International League und RCP &#8211;   Revolutionnary Communist Party) diese Tradition weiter entwickelt.<\/p>\n<p>  Die Geschichte des Trotzkismus ist f&#252;r das CWI in erster Linie die   Geschichte der Weiterentwicklung der Ideen des revolution&#228;ren Marxismus.   Die Str&#246;mung aus der das CWI entstanden ist, hat wie Trotzki versucht,   mit der marxistischen Methode die sich &#228;ndernde Wirklichkeit zu   verstehen, vor allem die neuen Weltlagen, die sich nach dem Zweiten   Weltkrieg und nach dem Zusammenbruch des Stalinismus in Osteuropa und   der Sowjetunion entwickelten. Andere sich auf Trotzki berufende   Str&#246;mungen haben sich zu sehr an Trotzkis Worte und zu wenig an seine   Methode gehalten. Oder sie haben das Kind mit dem Bade ausgesch&#252;ttet,   wenn sich die von Trotzki entwickelten Perspektiven nicht   verwirklichten, und dann weiterhin g&#252;ltige Grundpositionen des   revolution&#228;ren Marxismus &#252;ber Bord geworfen.<\/p>\n<h4>  Die Gr&#252;ndung der Vierten Internationale<\/h4>\n<p>  1933 hatte die sektiererische Politik der KPD-F&#252;hrung, die die   Sozialdemokraten als &#8222;Sozialfaschisten&#8220; beschimpfte Hitler den Weg an   die Macht erleichtert. Als diese katastrophale Niederlage f&#252;r die   internationale Arbeiterbewegung nicht einmal nachtr&#228;glich zu ernsthafter   Selbstkritik f&#252;hrte, folgerte Trotzki, dass die Kommunistische   Internationale nicht zu reformieren, sondern als revolution&#228;re   Organisation tot war und eine neue, Vierte Internationale aufgebaut   werden m&#252;sse. Trotzki und die im Kampf gegen den Stalinismus entstandene   Internationale Linke Opposition suchten die folgenden Jahre   MitstreiterInnen f&#252;r die Gr&#252;ndung einer neuen Internationale. Aber immer   wieder bekamen sie zu h&#246;ren, dass die Zeiten daf&#252;r ung&#252;nstig seien. Als   ob sie nicht selbst am besten gewusst h&#228;tten, dass nach den zahllosen   Niederlagen in Deutschland, Spanien und anderswo kurzfristig der Aufbau   einer Masseninternationale nicht m&#246;glich war. Aber Trotzki hatte im   Ersten Weltkrieg miterlebt, wie schwer es unter Kriegsbedingungen war,   internationale Kontakte zu kn&#252;pfen und politische Fragen zu kl&#228;ren.   Deshalb verstand er, wie wichtig es war, vor dem drohenden Zweiten   Weltkrieg das Ger&#252;st &#8211; und das hie&#223; in erster Linie: ein politisches   Programm &#8211; einer Internationale zu haben, die in der erhofften   revolution&#228;ren Welle nach dem Krieg zum Anziehungspunkt f&#252;r Massen   werden sollte. Deshalb fand auf Trotzkis Dr&#228;ngen am 3. September 1938   die Gr&#252;ndung der Vierten Internationale statt.<\/p>\n<p>  Ein Jahr sp&#228;ter begann der Zweite Weltkrieg. Zu Beginn des Krieges gab   es einen heftigen Fraktionskampf in der gr&#246;&#223;ten Sektion der   Internationale, der amerikanische Socialist Workers Party   (Sozialistische Arbeiterpartei, SWP). Aber insgesamt widersprachen die   Kriegsjahre dem Klischee von den sich st&#228;ndig spaltenden Trotzkisten: in   mehreren L&#228;ndern fanden Vereinigungen trotzkistischer Organisationen   statt oder Organisationen schlossen sich dem Trotzkismus an. Das zeigte,   wie solide die politische Grundlage war, die Trotzki f&#252;r die Vierte   Internationale geschaffen hatte. 1943 gelang es sogar, hinter dem R&#252;cken   der Nazi-Besatzer ein Provisorisches Europ&#228;isches Sekretariat zu bilden.<\/p>\n<p>  F&#252;r die Vorgeschichte des CWI war dabei die Entwicklung in   Gro&#223;britannien wichtig. Unmittelbar vor der Gr&#252;ndung der Vierten   Internationale hatte James P. Cannon, der wichtigste F&#252;hrer der SWP in   den USA, im Sommer 1938 versucht, die verschiedenen britischen   trotzkistischen Gruppen zu vereinigen. Als einzige weigerte sich die   Workers International League (Internationale Arbeiterliga, WIL &#8211;   Organisation um Ted Grant und andere, die die Vorl&#228;uferstr&#246;mung des CWI   bildeten), sich an der Vereinigung zu beteiligen, da die Vereinigung   keine solide politische Grundlage hatte. Der nur einen Tag dauernde   Gr&#252;ndungskongress der Vierten Internationale hatte keine Zeit, sich   ernsthaft mit der britischen Situation zu besch&#228;ftigen, und nahm eine   Haltung ein, die sowohl sachlich als auch politisch falsch war. Die   Entwicklung der folgenden Jahre gab der WIL Recht. Die offizielle   Sektion der Vierten Internationale, Revolutionary Socialist League   (Revolution&#228;r-Sozialistische Liga, RSL), war vor allem mit internen   Konflikten besch&#228;ftigt, bis schlie&#223;lich wechselseitige Ausschl&#252;sse die   Organisation von 170 auf 23 Mitglieder dezimiert hatten. Die WIL wuchs   von 9 Mitgliedern bei ihrer Gr&#252;ndung und 30 im Sommer 1938 auf rund 300   Mitglieder, durch zahlreiche &#220;bertritte von der RSL, vor allem aber   durch die Gewinnung neuer Mitglieder. Schlie&#223;lich fusionierten 1944 WIL   und RSL zur Revolutionary Communist Party (Revolution&#228;r-Kommunistische   Partei, RCP), die zur offiziellen britischen Sektion der Vierten   Internationale wurde.<\/p>\n<h4>  Die neue Lage nach dem 2. Weltkrieg<\/h4>\n<p>  Trotzki hatte 1906 in seiner ersten bedeutenden Schrift geschrieben:   &#8222;Der Marxismus ist vor allem eine Methode der Analyse &#8211; nicht der   Analyse von Texten, sondern der Analyse sozialer Beziehungen.&#8220; Nach   seinem Tod klammerte sich die F&#252;hrung der Vierten Internationale leider   an Trotzkis Texte, statt die sich ver&#228;ndernden sozialen Beziehungen zu   untersuchen. Das f&#252;hrte zu so skurrilen Ereignissen wie der Rede Cannons   Ende 1945, in der er leugnete, dass der Zweite Weltkrieg zu Ende war.   Trotzki hatte erwartet, dass die stalinistische Sowjetunion den Zweiten   Weltkrieg nicht &#252;berleben werde. Die Sowjetunion existierte noch, also   konnte der Krieg noch nicht zu Ende sein &#8230;<\/p>\n<p>  Wie Trotzki vorhergesehen hatte, gab es nach dem Zweiten Weltkrieg, wie   nach dem Ersten eine revolution&#228;re Welle. Sie unterschied sich aber in   wesentlichen Merkmalen. Die revolution&#228;re Welle nach dem Ersten   Weltkrieg wurde mit der Russischen Revolution eingeleitet, in der die   Arbeiterklasse unter F&#252;hrung der Bolschewiki, also revolution&#228;rer   MarxistInnen, die Macht &#252;bernahm. Dadurch konnte die Kommunistische   Internationale schnell zu einer Massenkraft werden und innerhalb der   Internationale konnten die Bolschewiki ihre Autorit&#228;t gegen   sektiererische und opportunistische Str&#246;mungen in die Waagschale werfen.<\/p>\n<p>  Trotzki war sich immer klar, dass Hitlers Ziel Krieg gegen die   Sowjetunion und die Restauration des Kapitalismus dort war (und der   Hitler-Stalin-Pakt nur eine Episode). Er erwartete, dass entweder diese   Restauration gelingen oder die sowjetischen ArbeiterInnen die B&#252;rokratie   mit revolution&#228;ren Methoden st&#252;rzen und die Arbeiterdemokratie wieder   errichten w&#252;rden. Statt dessen siegten die sowjetischen ArbeiterInnen   unter der F&#252;hrung von Stalin und seiner B&#252;rokratie und das Prestige des   Stalinismus wurde international enorm gest&#228;rkt. Hatte es nach dem Ersten   Weltkrieg eine reformistische Internationale gegeben, die in L&#228;ndern wie   Deutschland und &#214;sterreich die revolution&#228;ren, sozialistischen   Bestrebungen der ArbeiterInnen ins Leere laufen lie&#223;, so gab es jetzt   zwei Verr&#228;terinternationalen, von denen sich eine obendrein auf die   Autorit&#228;t der Oktoberrevolution und des Sieges &#252;ber Hitler st&#252;tzen   konnte. Sozialdemokratie und Stalinismus sprachen zwar von Sozialismus,   retteten aber faktisch den Kapitalismus in Westeuropa.<\/p>\n<p>  Trotzki hatte 1933 geschrieben, dass die Komintern als revolution&#228;re   Kraft tot sei. Manche seiner Anh&#228;ngerInnen folgerten daraus, dass sie   &#252;berhaupt tot sei. In der Tat hatten die diversen Niederlagen der 1930er   Jahre Reformismus und Stalinismus immer wieder geschw&#228;cht. Aber die   ArbeiterInnen wandten sich nicht der Vierten Internationale zu, sondern   waren vor&#252;bergehend demoralisiert. Als im Verlauf des Krieges eine   politische Radikalisierung stattfand, wandten sich die ArbeiterInnen   wieder ihren traditionellen Organisationen zu. Die Unterdr&#252;ckung durch   den Faschismus hatte die Differenzen zwischen seinen Gegnern verwischt   (&#8222;in der D&#228;mmerung des Faschismus sind alle Katzen grau&#8220; schrieb Trotzki   am 24. 4. 1935). Der Wunsch nach Demokratie war so stark, dass die   Erinnerung an die Begrenztheit der b&#252;rgerlichen Demokratie verblasste.   Nicht dass die Massen auf wirtschaftlichem Gebiet f&#252;r den Kapitalismus   gewesen w&#228;ren: Die Erinnerungen an die Weltwirtschaftskrise, an den   Krieg, an die enge Zusammenarbeit der Kapitalisten in Deutschland und   den besetzten L&#228;ndern mit den Nazis etc. schufen eine Massenstimmung f&#252;r   Sozialismus. Aber wenn die reformistischen und stalinistischen   Funktion&#228;re ihnen sagten: &#8222;Jetzt m&#252;ssen wir erst einmal die Produktion   wieder in Gang setzen, die Wirtschaft wieder aufbauen&#8220;, dann klang das   angesichts der Kriegszerst&#246;rungen f&#252;r die meisten &#252;berzeugend. Erst   sp&#228;ter merkten sie, dass sie nicht eine neutrale &#8222;Wirtschaft&#8220; wieder   aufgebaut hatten, sondern den verhassten Kapitalismus. Das f&#252;hrte zu der   paradoxen Situation, dass die Massen zwar f&#252;r Sozialismus waren, sich   aber von Lippenbekenntnissen der Reformisten und Stalinisten &#8211; sie seien   auch f&#252;r Sozialismus, das ginge aber nicht so schnell &#8211; leicht um den   Finger wickeln lie&#223;en. Dagegen boten so nebens&#228;chliche Fragen wie die   Aufrechterhaltung der Monarchie in Italien und Belgien oder die Anzahl   der Kammern des franz&#246;sischen Parlaments politische Sprengkraft. Hier   hatten die Massen keine Geduld.<\/p>\n<p>  Es gab eine Auseinandersetzung in der Vierten Internationale &#252;ber die   Bedeutung, die demokratische Forderungen nach dem Krieg haben w&#252;rden.   Leider setzte sich eine sektiererische Haltung durch, die   Bef&#252;rworterInnen einer die konkreten Kampfbedingungen ber&#252;cksichtigenden   Taktik (wie die britische RCP) wurden als Opportunisten diffamiert.   Dabei boten diese Fragen den TrotzkistInnen eine Gelegenheit die   Massenparteien unter Druck zu setzen und ArbeiterInnen von diesen bzw.   den Volksfrontregierungen mit b&#252;rgerlichen Koalitionspartnern zu l&#246;sen.<\/p>\n<p>  Der sektiererischen Taktik entsprach eine v&#246;llig unrealistische   Einsch&#228;tzung der Lage: die US-Besatzer in Westeuropa w&#252;rden dieselben   Methoden anwenden, wie die Nazi-Besatzer vor ihnen, in Westeuropa sei   keine b&#252;rgerliche Demokratie mehr m&#246;glich, sondern nur noch   Milit&#228;rdiktaturen. In den 1940er Jahren konnte niemand vorhersehen, dass   der Kapitalismus 1948 bis 1973 den gr&#246;&#223;ten Wirtschaftsaufschwung seiner   Geschichte haben w&#252;rde. Aber dass es wirtschaftliche Stabilisierung und   Aufschwung gab, das wurde ab etwa 1947 deutlich.<\/p>\n<p>  Die F&#252;hrung der Vierten Internationale war nicht in der Lage die   &#246;konomischen Entwicklungen auch nur ann&#228;hernd zu analysieren. Sie sprach   von einer wirtschaftlichen Erholung, verneinte aber das Potenzial f&#252;r   einen Aufschwung und wiederholte die doktrin&#228;re Behauptung, dass der   Kapitalismus das wirtschaftliche Niveau von 1938 nicht &#252;berschreiten   k&#246;nne. Die RCP erkannte, dass es einen Wirtschaftsaufschwung und nicht   nur eine Erholung gab. Und sie sah, dass in den westlichen ehemaligen   faschistischen oder faschistisch besetzten L&#228;ndern die   sozialdemokratischen und stalinistischen Parteien entgegen den W&#252;nschen   der sie unterst&#252;tzenden Massen den Kapitalismus retteten. Sie spielten   eine &#228;hnliche Rolle wie die deutsche SPD nach dem Ersten Weltkrieg.   Deshalb konnte der Kapitalismus die revolution&#228;re Welle &#252;berstehen und   zugleich den demokratischen Bestrebungen der Massen entgegenkommen. Es   war eine kapitalistische Konterrevolution in demokratischer Form. Die   RCP sah auch noch nicht voraus, dass der gr&#246;&#223;te Wirtschaftsaufschwung in   der Geschichte des Kapitalismus bevorstand und auf dieser Grundlage f&#252;r   eine ganze Geschichts-epoche stabile b&#252;rgerliche Demokratien in   Westeuropa entstehen konnten. Deshalb hielt sie die b&#252;rgerlichen   Demokratien, die in Frankreich oder Italien entstanden f&#252;r &#228;hnlich   instabil wie die Weimarer Republik in Deutschland. Die RCP hatte also   anders als die F&#252;hrung der Vierten Internationale kurzfristig richtige   Perspektiven und konnte ihre langfristigen Perspektiven in den folgenden   Jahren nach und nach ebenfalls korrigieren.<\/p>\n<h4>  Osteuropa<\/h4>\n<p>  Die Entwicklungen in Osteuropa verstand die F&#252;hrung der Vierten   Internationale noch weniger. Erst hielt sie den Stalinismus f&#252;r so   geschw&#228;cht, dass selbst diplomatischer Druck zur Restauration des   Kapitalismus f&#252;hren k&#246;nne. Dass in Osteuropa oder in China der   Kapitalismus gest&#252;rzt und stalinistische Staaten nach dem Vorbild der   Sowjetunion errichtet werden k&#246;nnten, hielt sie f&#252;r unm&#246;glich,   schlie&#223;lich hatten dort keine Arbeiterrevolutionen wie in Russland   stattgefunden. Deshalb erkl&#228;rte sie, Osteuropa sei weiterhin   kapitalistisch. Tats&#228;chlich pfiff der Kapitalismus in diesen L&#228;ndern aus   dem letzten Loch. Ein Teil der Kapitalistenklassen war von den Nazis   ausgerottet worden, ein anderer Teil floh mit den Nazis vor der   anr&#252;ckenden Roten Armee. Die neuen stalinistischen Machthaber bildeten   Volksfrontb&#252;ndnisse mit den Resten der b&#252;rgerlichen Parteien. Durch   ArbeiterInnen von unten gebildete r&#228;te&#228;hnliche Strukturen wurden   unterdr&#252;ckt. Der b&#252;rokratische Staatsapparat &#228;hnelte kapitalistischen   Staaten, aber an den Schl&#252;sselstellen (Armee, Polizei) waren   zuverl&#228;ssige Stalinisten. Nachdem die revolution&#228;ren Massen unter   Kontrolle gebracht waren und die Gefahr (aus stalinistischer Sicht)   einer sozialistischen Entwicklung gebannt war, wurden die b&#252;rgerlichen   Verb&#252;ndeten ausgebootet, die verbliebenen Kapitalisten enteignet und   stalinistische Staaten nach sowjetischem Vorbild (mit Staatseigentum an   den Produktionsmitteln und geplanter Wirtschaft, aber stalinistischer   Einparteiendiktatur) errichtet. Dabei machte es keinen gro&#223;en   Unterschied, ob die Besatzer von der Roten Armee oder von   Partisanenarmeen (wie in Jugoslawien, Albanien oder China) verjagt   worden waren. Der Hintergrund der Entwicklung war das internationale   Kr&#228;fteverh&#228;ltnis: Der Kapitalismus hatte diese L&#228;nder nicht entwickeln   k&#246;nnen, der Sieg der Roten Armee &#252;ber Nazi-Deutschland hatte das   Prestige des Stalinismus gest&#228;rkt und den Imperialismus geschw&#228;cht.<\/p>\n<p>  Die F&#252;hrung der RCP erkannte, dass in diesen L&#228;ndern der Kapitalismus   gest&#252;rzt, aber kein Sozialismus, sondern stalinistische Diktaturen   errichtet wurden. Um den Sozialismus zu erreichen, war eine politische   Revolution (ebenso wie in der Sowjetunion) notwendig, die den   Stalinismus durch eine Arbeiterdemokratie ersetzen w&#252;rde.<\/p>\n<p>  Die F&#252;hrung der Vierten Internationale entstellte die Analyse der RCP   und warf ihr eine unkritische Haltung gegen&#252;ber dem Stalinismus vor,   weil sie die Realit&#228;t anerkannte. Tats&#228;chlich bedeutete es keineswegs,   dem Stalinismus irgendwelche revolution&#228;ren Qualit&#228;ten zuzubilligen,   wenn man erkl&#228;rte, dass in L&#228;ndern, in denen nur noch die Wahl zwischen   Sozialismus und Stalinismus bestand, weil der Kapitalismus total   abgewirtschaftet hatte, die Stalinisten daf&#252;r sorgten, dass die   Entwicklung zum Stalinismus und nicht zum Sozialismus ging.<\/p>\n<p>  Tats&#228;chlich beging die F&#252;hrung der Vierten Internationale ab Sommer 1948   die S&#252;nden, die sie der RCP vorgeworfen hatte. Beim Bruch zwischen Tito   und Stalin erkl&#228;rte die RCP, dass der Grund daf&#252;r in dem Versuch Stalins   lag, Jugoslawien national zu unterdr&#252;cken. Deshalb unterst&#252;tzte die RCP   Tito kritisch, erkl&#228;rte aber zugleich, dass es ein Konflikt zwischen   zwei stalinistischen Regimes war und auch in Jugoslawien eine politische   Revolution notwendig war. Die F&#252;hrung der Vierten Internationale dagegen   hatte Jugoslawien bisher als kapitalistisch betrachtet. Jetzt erkl&#228;rte   sie Jugoslawien von einem Tag auf den anderen zu einem relativ gesunden   Arbeiterstaat und Tito zu einem &#8222;unbewussten Trotzkisten&#8220;.<\/p>\n<p>  Nachdem die F&#252;hrung der Vierten Internationale &#252;ber mehrere Jahre   ultralinke Positionen vertreten hatte, verfiel sie jetzt auf das   Gegenteil: den Opportunismus. Nachdem sie bisher die Schwierigkeiten   untersch&#228;tzt hatten, die der Arbeiterklasse auf dem Weg zu einer   siegreichen Revolution entgegenstanden, wandten sie sich nun faktisch   entt&#228;uscht von der Arbeiterklasse ab und suchten nach anderen Kr&#228;ften,   die zum Sozialismus f&#252;hren sollte. Tito war da nur der erste Kandidat.<\/p>\n<h4>  Die Spaltung der Vierten Internationale<\/h4>\n<p>  Die F&#252;hrung der Internationale um Michel Pablo war fest &#252;berzeugt, dass   der Imperialismus in ein paar Jahren den Dritten Weltkrieg beginnen   werde, der ein internationaler B&#252;rgerkrieg, eine Mischung aus Krieg und   Revolution sein werde. Tendenziell ersetzte sie den internationalen   Klassenkampf durch den Krieg zwischen zwei Lagern &#8211; der Imperialismus   auf der einen Seite, die Sowjetunion und die revolution&#228;ren Bewegungen   in Asien auf der anderen Seite. Dagegen fiel Jugoslawien in Ungnade,   weil es sich im Koreakrieg auf die Seite des US-Imperialismus schlug.<\/p>\n<p>  Es gab Widerstand gegen Pablos zunehmende Anpassung an den Stalinismus.   Aber die Kritiker teilten viele von Pablos Pr&#228;missen. Zum Beispiel &#252;bte   der Text &#8222;Wohin geht Genosse Pablo?&#8220; der Mehrheit der franz&#246;sischen   Parti Communiste Internationaliste (Internationalistische Kommunistische   Partei, PCI) zwar richtige Kritik an einigen Punkten (wie der Einteilung   der Welt in Lager statt in Klassen oder der Vorstellung eines   Jahrhunderte langen &#220;bergangs zwischen Kapitalismus und Sozialismus),   teilte aber viele falsche Ansichten Pablos, insbesondere, dass Regime   wie die Titos oder Maos, weil sie nicht Befehlsempf&#228;nger Stalins waren,   nicht stalinistisch seien.<\/p>\n<p>  Pablo ging gegen seine KritikerInnen r&#252;cksichtslos mit organisatorischen   Mitteln vor, was 1952 zur Spaltung der PCI und dem Ausschluss ihrer   Mehrheit f&#252;hrte. Nachdem Pablo auch Oppositionsfraktionen in der   britischen Sektion (um John Lawrence) und der US-SWP (um Bert Cochran   und George Clarke) protegierte, zog die F&#252;hrung der amerikanischen SWP   die Notbremse. Im November 1953 rief sie die TrotzkistInnen der Welt zum   Kampf gegen den &#8222;pablistischen Revisionismus&#8220; auf. Cannon in den USA und   Healy in Gro&#223;britannien hatten Pablo bei der Zerschlagung der RCP (siehe   unten) geholfen und bei der Spaltung der franz&#246;sischen PCI ruhig   zugesehen. Erst als sie selber betroffen waren, wurden sie t&#228;tig. Die   Folge war eine Spaltung der Internationale und die Gr&#252;ndung des   Internationalen Komitees als Konkurrenzorganisation zum Internationalen   Sekretariat der Vierten Internationale. Zugleich erlitten Pablos   Perspektiven v&#246;lligen Schiffbruch. Der Stalinismus spielte keine   revolution&#228;re Rolle in einem Dritten Weltkrieg, aber es gab die ersten   Entwicklungen in Richtung der von Trotzki vorausgesagten politischen   Revolutionen gegen den Stalinismus: 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn. Die   F&#252;hrung des Internationalen Sekretariats solidarisierte sich mit diesen   revolution&#228;ren Bewegungen, ignorierte aber den qualitativen Unterschied   zwischen diesen Revolutionen von unten und Reformen von oben (wie sie   Gomulka 1956 in Polen betrieb) &#8211; kein geringer Fehler f&#252;r Menschen, die   sich als Revolution&#228;rInnen verstehen.<\/p>\n<p>  Trotzdem gab es in verschiedenen trotzkistischen Str&#246;mungen solche   Unklarheiten hinsichtlich aller oder einzelner stalinistischer Staaten.   So war im Internationalen Sekretariat in den 1960er Jahren oft von   &#8222;b&#252;rokratisierten Arbeiterstaaten&#8220; die Rede. Die Formulierung lie&#223;   offen, ob es sich um Arbeiterstaaten &#8222;mit b&#252;rokratischen Deformationen&#8220;   handelte. So hatte Lenin 1920 schon Sowjetrussland bezeichnet. Das   bedeutete aber, dass sich die b&#252;rokratischen Deformationen durch   Reformen beseitigen lassen. Oder handelte es sich um &#8222;deformierte   Arbeiterstaaten&#8220;, in denen eine politische Revolution notwendig ist?   Trotzdem war die Haltung des Internationalen Sekretariats immer noch   besser als die von Pablos Proteg&#233;s Lawrence in Gro&#223;britannien und   Cochran und Clarke, die sich immer mehr dem Stalinismus n&#228;herten. So kam   dem Internationalen Sekretariat seine britische Sektion abhanden und es   nahm Kontakt zu den Resten der RCP um Ted Grant und Jimmy Deane auf. Als   Folge geh&#246;rten die Vorl&#228;ufer des CWI 1956 bis 1965 zum Internationalen   Sekretariat (bzw. ab 1963, nach dem Zusammenschluss von Internationalem   Sekretariat und US-amerikanischer SWP, Vereinigten Sekretariat). Manche   Organisationen aus der Tradition des Internationalen Komitees titulieren   das CWI daher als &#8222;Pablisten&#8220;. Damit lenken sie davon ab, dass die   Gr&#252;nder des Internationalen Komitees jahrelang mit Pablo aufs Engste   zusammengearbeitet haben, w&#228;hrend Ted Grant und andere, die sp&#228;ter das   CWI gr&#252;nden sollten, 1956 bis 1965 im Internationalen bzw. Vereinigten   Sekretariat in der Opposition waren.<\/p>\n<h4>  Gegen Illusionen in den Guerillakampf<\/h4>\n<p>  Am 16. April 1856 schrieb Marx in seinem deutsch-englischen Kauderwelsch   an Engels: &#8222;The whole thing in Germany wird abh&#228;ngen von der   M&#246;glichkeit, to back the Proletarian revolution by some second edition   of the Peasants war. [Die ganze Sache in Deutschland wird von der   M&#246;glichkeit abh&#228;ngen, die proletarische Revolution in Deutschland durch   eine Art zweite Auflage des Bauernkrieges zu unterst&#252;tzen.] Dann wird   die Sache vorz&#252;glich.&#8220; (Marx Engels Werke Band 29, S, 47) Die   Verh&#228;ltnisse in weiten Teilen der sogenannten Dritten Welt &#228;hneln den   damaligen Verh&#228;ltnissen in Deutschland. Die klassische revolution&#228;re   Kampfweise f&#252;r die Bauernschaft ist der Guerillakampf. Da au&#223;erdem der   Kampf der Bauernschaft gegen Gro&#223;grundbesitzer und den mit ihnen   verbundenen kapitalistischen Staatsapparat unterst&#252;tzenswert ist, haben   MarxistInnen keinen Grund den Guerillakampf abzulehnen.<\/p>\n<p>  Aber Marx schrieb mit gutem Grund von einer Unterst&#252;tzung der   proletarischen Revolution. F&#252;r MarxistInnen ist der Klassenkampf nicht   einfach ein Kampf Arm gegen Reich. Arme hat es in der Geschichte der   Klassengesellschaften schon immer gegeben und trotzdem entsteht erst mit   dem Kapitalismus die M&#246;glichkeit, Klassengesellschaften zu &#252;berwinden   und nicht nur eine Klassengesellschaft durch eine neue zu ersetzen (wie   den Feudalismus durch den Kapitalismus). Das liegt an den besonderen   gesellschaftlichen Widerspr&#252;chen im Kapitalismus, wie sie am   anschaulichsten von Friedrich Engels 1880 im dritten Teil seiner   &#8222;Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft&#8220;   zusammengefasst worden sind. Dort schilderte er die Verdr&#228;ngung des   b&#228;uerlichen und handwerklichen Kleinbetriebs durch den kapitalistischen   Gro&#223;betrieb. Dadurch entsteht ein Widerspruch zwischen   gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung. Viele   ArbeiterInnen arbeiten in einem Betrieb planm&#228;&#223;ig zusammen, aber am   Schluss geh&#246;rt das Arbeitsprodukt dem Eigent&#252;mer des Betriebs (egal ob   er ein Mensch oder eine juristische Person, zum Beispiel eine   Aktiengesellschaft, ist). Deshalb ist der Widerspruch zwischen   gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung zugleich ein   Klassengegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie, zwischen   Arbeiterklasse und Kapitalistenklasse. Wenn MarxistInnen der   Arbeiterklasse die zentrale Bedeutung f&#252;r die Befreiung der Menschheit   von Ausbeutung und Unterdr&#252;ckung geben, liegt das nicht daran, dass alle   ArbeiterInnen edle Menschen sind. Alle Menschen, die in dieser auf   Konkurrenz basierenden Klassengesellschaft aufwachsen, werden durch sie   verbogen. Es ist auch nicht so, dass ArbeiterInnen immer zum Kampf   bereit w&#228;ren und man den Klassenkampf jeder Zeit wie einen Lichtschalter   anknipsen k&#246;nnte, wenn nur die sozialpartnerschaftlich orientierten   Gewerkschaftsf&#252;hrungen nicht w&#228;ren. (ArbeiterInnen sind denkende   Menschen. Oft denken sie auch, dass sich K&#228;mpfen nicht lohnt &#8211; oder dass   sie gar nicht zum Kampf aufgerufen werden, sondern nur zu   Dampfablassaktionen. Da ArbeiterInnen nicht immer kampfbereit sind, ist   es umso schlimmer, wenn ihre Organisationen die Situationen, in denen   diese Kampfbereitschaft da ist, nicht nach Kr&#228;ften ausnutzen.)<\/p>\n<p>  Aber wenn ArbeiterInnen in den Kampf treten, dann ist f&#252;r sie durch ihre   Stellung in einem kollektiven, organisierten Produktionsprozess die   Schlussfolgerung nahe liegend, kollektiv und organisiert zu k&#228;mpfen. Das   wiederum wirft die Frage der Organisationsformen auf. Durch ihre   Erfahrungen im Kampf kommen ArbeiterInnen immer wieder zu der   Schlussfolgerung, dass ihre Organisation schlagkr&#228;ftig sein muss, weil   der Gegner stark ist, und demokratisch, weil sie nur so die Ziele und   Formen des Kampfes beeinflussen k&#246;nnen. Die Geschichte der Klassenk&#228;mpfe   zeigt, dass ArbeiterInnen h&#228;ufig in gr&#246;&#223;eren Klassenk&#228;mpfen und im   Widerstand gegen kapitalistische Diktaturen (oder stalinistische   Diktaturen wie in Ungarn 1956) R&#228;te oder r&#228;te&#228;hnliche Strukturen   gebildet haben. Das Problem war meist, diese als Kampforgane   entstandenen R&#228;te nach dem Sieg in Machtaus&#252;bungsorgane zu verwandeln   und sich nicht von b&#252;rgerlichen Parlamenten und Politikern wieder die   Macht aus den Fingern nehmen zu lassen. Deswegen reicht es nicht, R&#228;te   zu haben, sondern es ist auch n&#246;tig, dass es in den R&#228;ten eine starke   revolution&#228;re Partei gibt, die eine Mehrheit von einem Programm und   einer Strategie &#252;berzeugen kann, die eine Festigung der Revolution   sicher stellen k&#246;nnen. Deshalb ist die Entstehung von R&#228;ten keine   Garantie daf&#252;r, dass ein kapitalistisches Regime durch eine   Arbeiterdemokratie ersetzt wird und die Gesellschaft sich Richtung   Sozialismus entwickelt. Der Verlauf der deutschen Novemberrevolution   1918 ist daf&#252;r das beste Beispiel. Aber R&#228;te als demokratische   Massenorganisationsform der Arbeiterklasse bieten zum ersten Mal in der   Geschichte die M&#246;glichkeit, dass in einer Revolution die Massen nicht   nur f&#252;r eine neue herrschende Klasse die Kastanien aus dem Feuer holen,   eine Minderheitenherrschaft durch eine neue ersetzen, sondern eine   Minderheitenherrschaft durch die demokratische Herrschaft der Mehrheit   ersetzen, als ersten Schritt zur Beseitigung jeglicher Ausbeutung und   Unterdr&#252;ckung.<\/p>\n<p>  Doch ohne eine f&#252;hrende Rolle der Arbeiterklasse, ohne Arbeiterr&#228;te,   ohne Arbeiterkontrolle und -verwaltung &#252;ber die Produktion f&#252;hrt selbst   der Sturz des Kapitalismus nicht zum Sozialismus. Im 20. Jahrhundert   entstanden in solchen F&#228;llen stalinistische Regime.<\/p>\n<p>  Die Frage, ob die Arbeiterklasse oder die Bauernschaft im revolution&#228;ren   Kampf die f&#252;hrende Rolle spielt, war also nicht eine Frage, welcher Weg   zum Sturz des Kapitalismus besser ist. Von ihr hing auch ab, ob der   Sturz des Kapitalismus die T&#252;r zum Sozialismus &#246;ffnet oder ob er zu   einer stalinistischen Diktatur f&#252;hrt, von der man erst durch eine   weitere, politische Revolution zum Sozialismus k&#228;me. Denn alle Erfahrung   zeigt, dass die b&#228;uerliche Kleinproduktion keine solide Grundlage f&#252;r   demokratische Organisationsformen ist.<\/p>\n<p>  Es ist kein Zufall, dass in L&#228;ndern wie Frankreich oder Deutschland die   Bauernschaft und das st&#228;dtische Kleinb&#252;rgertum die Massenbasis f&#252;r   bonapartistische und faschistische Diktaturen stellte. Ihre Existenz als   kleine Privateigent&#252;mer macht sie anf&#228;llig f&#252;r reaktion&#228;re Ideen und   unf&#228;hig eine unabh&#228;ngige Rolle in der Geschichte zu spielen. Aber vor   allem bedeutet der Guerillakampf, dass milit&#228;rische Kampfformen im   Vordergrund stehen. Kriege erfordern Hierarchie, Befehl und Gehorsam.   Wenn ein kapitalistisches Regime durch eine Guerillaarmee gest&#252;rzt wird,   ist es fast unvermeidlich, dass diese Guerillaarmee ihre hierarchischen   Strukturen auf den neuen Staat &#252;bertr&#228;gt.<\/p>\n<p>  Aber die F&#252;hrung des Internationalen (und ab 1963 Vereinigten)   Sekretariats der Vierten Internationale warf diese elementaren   Grundlagen des Marxismus &#252;ber den Haufen. Wer 1948 vergessen hatte, dass   die Befreiung der Arbeiterklasse das Werk der Arbeiterklasse selbst sein   muss und glaubte, es k&#246;nne vielleicht auch das Werk eines aus einer   Bauernguerilla entstandenen Tito-Regimes sein, warum sollte der nicht   auch Castro f&#252;r einen &#8222;unbewussten Trotzkisten&#8220; halten? Es war dann nur   konsequent, nicht auf den Sieg der Guerilla zu warten, sondern von Che   Guevaras missgl&#252;cktem Guerillakampf in Bolivien im Voraus einen   historischen Durchbruch zu erhoffen. Es war richtig, f&#252;r Ches Mut und   seine pers&#246;nliche Integrit&#228;t, seinen Abscheu vor dem Stalinismus   Sympathie zu haben. Aber notwendig w&#228;re es gewesen, an seinen Illusionen   in die Bauernguerilla solidarische Kritik zu &#252;ben. Dass die Guerilla auf   Kuba siegte und den Kapitalismus st&#252;rzte, w&#228;re ohne die Dummheiten des   US-Imperialismus fraglich gewesen. Dass dieser Sturz des Kapitalismus   zum Stalinismus und nicht zum Sozialismus f&#252;hrte, war dagegen kein   Zufall. Die Aufgabe von MarxistInnen in Lateinamerika war damals, in der   st&#228;dtischen Arbeiterbewegung f&#252;r ein marxistisches Programm zu k&#228;mpfen:   Kampf f&#252;r den Sozialismus und nicht f&#252;r einen von feudalen &#220;berbleibseln   gereinigten Kapitalismus, wie es die Stalinisten predigten. Es war   falsch, vor diesem ideologischen Kampf gegen den Stalinismus in die   Berge auszuweichen und einen Guerillakampf zu versuchen. Aber wenn die   B&#228;uerInnen selbst einen Guerillakampf f&#252;hrten war das eine willkommene   Hilfe im Kampf gegen den gemeinsamen Feind.<\/p>\n<p>  Richtig schlimm wurde es, wenn die Mehrheit des Vereinigten Sekretariats   bef&#252;rwortete, die auf dem Land berechtigten Kampfformen in die St&#228;dte zu   &#252;bertragen. Die damalige Argumentation, unter den Bedingungen von   politischer Unterdr&#252;ckung sei eine Massenbewegung in den St&#228;dten nicht   m&#246;glich, ist gen&#252;gend widerlegt worden: die iranische Revolution   1978\/79, die Massenbewegung der s&#252;dafrikanischen ArbeiterInnen gegen die   Apartheid ab Mitte der 1980er Jahre, die pal&#228;stinensische Intifada Ende   der 1980er Jahre waren der praktische Gegenbeweis. Zweifellos wurden   diese Bewegungen brutal verfolgt, zahllose AktivistInnen wurden   eingesperrt, gefoltert, ermordet. Aber die Verfolgung der Stadtguerillas   in Lateinamerika durch die dortigen Diktaturen der 1970er Jahre war   sicher nicht weniger schlimm. Vor allem haben die Massenbewegungen   Regime gest&#252;rzt und zumindest die M&#246;glichkeit geboten, sie durch etwas   Besseres zu ersetzen, w&#228;hrend in mehreren lateinamerikanischen L&#228;ndern   die falsche Methode der Stadtguerilla den Kapitalisten erm&#246;glicht hat,   in r&#252;ckst&#228;ndigen Teilen der Bev&#246;lkerung f&#252;r die Errichtung von   Diktaturen Verst&#228;ndnis zu finden.<\/p>\n<p>  Aber selbst bei den Teilen der Bev&#246;lkerung, in denen die Stadtguerilla   Sympathien hatte, hob sie nicht das politische Bewusstsein. Vor hundert   Jahren haben Lenin, Trotzki, Rosa Luxemburg und alle anderen   MarxistInnen den individuellen Terror der &#8222;Sozialrevolution&#228;re&#8220; im   zaristischen Russland bek&#228;mpft. Sie erkl&#228;rten, dass es um die   Beseitigung des zaristischen Regimes gehe, nicht nur einzelner seiner   Vertreter. Aber die Mehrheit des Vereinigten Sekretariats machte nicht   nur bei russischen &#8222;Sozialrevolution&#228;ren&#8220; Anleihen, sondern auch bei   Robin Hood. Oder wie sonst soll man es bezeichnen, wenn man es als   revolution&#228;re Taktik ausgibt, Reiche zu kidnappen und das L&#246;segeld unter   die Armen zu verteilen?<\/p>\n<p>  In diesen F&#228;llen setzte man sich, mit haarstr&#228;ubenden Methoden,   wenigstens f&#252;r die Interessen der Masse der Bev&#246;lkerung ein. Mit seiner   jahrelangen unkritischen Haltung gegen&#252;ber der Stadtguerilla der IRA   vertiefte das Vereinigte Sekretariat aber die Kluft zwischen den   protestantischen und katholischen ArbeiterInnen in Nordirland, wo es die   Aufgabe von MarxistInnen gewesen w&#228;re, f&#252;r Arbeitereinheit einzutreten.<\/p>\n<h4>  Arbeit in Massenorganisationen<\/h4>\n<p>  Die 1919 gegr&#252;ndete Kommunistische Internationale hatte sich in wenigen   Jahren zu einer Massenkraft entwickelt, weil es in der revolution&#228;ren   Welle nach dem Ersten Weltkrieg eine Radikalisierung in der Zweiten   Internationale gab. Starke Minderheiten (oder wie in Frankreich   Mehrheiten) der Parteien der Zweiten Internationale schlossen sich der   Kommunistischen Internationale an. Auch eine neue revolution&#228;re   Masseninternationale wird nicht nur dadurch entstehen, dass sich   einzelne radikalisieren und revolution&#228;re Schlussfolgerungen ziehen,   sondern auch dadurch, dass in K&#228;mpfen und kollektiven   Diskussionsprozessen gr&#246;&#223;ere Gruppen gemeinsam zu solchen   Schlussfolgerungen kommen. Auch in der ersten H&#228;lfte der 1930er Jahre   gab es in der Sozialdemokratie in mehreren L&#228;ndern eine Radikalisierung   unter dem Einfluss der Weltwirtschaftskrise, der Macht&#252;bernahme Hitlers   in Deutschland, der Arbeiteraufst&#228;nde in &#214;sterreich und Asturien 1934.   Vor diesem Hintergrund schlug Trotzki seinen Anh&#228;ngerInnen in Frankreich   und anderen L&#228;ndern den Eintritt in diese Parteien vor. Eintreten hei&#223;t   franz&#246;sisch &#8222;entrer&#8220;, daher wurde diese Taktik Entrismus genannt.<\/p>\n<p>  Die WIL hatte vor dem Zweiten Weltkrieg in der britischen Labour Party   gearbeitet, war aber zu Beginn des Krieges zu unabh&#228;ngiger Arbeit   &#252;bergegangen, weil es im Krieg innerhalb der Labour Party praktisch kein   politisches Leben gab. Nach dem Krieg dr&#228;ngte die F&#252;hrung der Vierten   Internationale auf eine Wiederaufnahme dieser Arbeit. Das war Teil ihrer   ultralinken Perspektive, die sie eine Radikalisierung der Massen und die   Entstehung eines linken Fl&#252;gels in der Labour Party ertr&#228;umen lie&#223;. Die   F&#252;hrung der Internationale spaltete ihre britische Sektion und ihre   Anh&#228;ngerInnen begannen unter der F&#252;hrung von Healy Arbeit in der Labour   Party. Kurz danach schwenkte die Internationale von ultralinker zu   opportunistischer Politik um. F&#252;r ihre Arbeit in der Labour Party   bedeutete das, die eigenen Ideen zu verstecken und beim Aufbau eines   linksreformistischen Fl&#252;gels zu helfen (da man jetzt zugab, dass der   nicht von alleine entstanden war). Das hie&#223; in der Praxis,   reformistische Illusionen zu sch&#252;ren und Cheerleader f&#252;r reformistische   Parlamentsabgeordnete zu werden. Diese wurden &#228;hnlich hofiert wie Tito,   Mao oder sp&#228;ter Castro auf internationaler Ebene. Da man inzwischen   einsah, dass die Voraussetzungen nicht bestanden, die Trotzki f&#252;r   entristische Arbeit formuliert hatte &#8211; eine vorrevolution&#228;re oder   revolution&#228;re Lage, G&#228;rung in der Sozialdemokratie, die Entwicklung   eines linken Fl&#252;gels und die M&#246;glichkeit der schnellen Kristallisierung   einer revolution&#228;ren Str&#246;mung &#8211; sprach man jetzt von einer neuen Art von   Entrismus, von &#8222;tiefem Entrismus&#8220; oder &#8222;Entrismus sui generis&#8220;   (Entrismus eigener Art). Er lief darauf hinaus, dass man sich nicht   darauf beschr&#228;nkte, die eigenen revolution&#228;ren Ideen in einer m&#246;glichst   verst&#228;ndlichen Sprache zu formulieren, sondern sie versteckte. Den   britischen Vorl&#228;ufern des CWI wurde damals Sektierertum und eine   halbherzige Umsetzung des Entrismus vorgeworfen, weil sie dieses   Versteckspiel ablehnten. (1949 hatte die RCP sich aufgel&#246;st und ihre   Mitglieder ebenfalls Entrismus in der Labour Party begonnen. Sie traten   Healys Gruppe bei, der aber in wenigen Monaten alle KritikerInnen an   seiner F&#252;hrung ausschloss. Aus den Versuchen der Ausgeschlossenen, sich   weiter zu organisieren, entstanden die Vorl&#228;ufer der International   Socialist Tendency, zu der die britische Socialist Workers Party geh&#246;rt   und des CWI)<\/p>\n<p>  Nachdem sie sich jahrelang als Linksreformisten verkleideten (und dabei   oft Mitglieder an den Reformismus verloren) haben die meisten   trotzkistischen Str&#246;mungen in den 1960er Jahren die Arbeit in den   sozialdemokratischen Parteien gerade dann aufgegeben, als sich die   Bedingungen verbesserten und sich auf die 68er-Bewegung gest&#252;rzt.   Schwerwiegender war, dass vor allem das Vereinigte Sekretariat vor den   Thesen der &#8222;Verb&#252;rgerlichung der Arbeiterklasse&#8220; von Theoretikern wie   Marcuse nachgab, von &#8222;Amerikanisierung&#8220; der Arbeiterklasse sprach und   sie in ihren Perspektiven f&#252;r Jahrzehnte als gesellschaftstver&#228;ndernde   Kraft abschrieb. Das f&#252;hrte dazu, dass sie im Fr&#252;hjahr 1968, kurz vor   dem gr&#246;&#223;ten Generalstreik in der Geschichte Frankreichs, &#228;u&#223;erten, dort   werde f&#252;r drei&#223;ig bis f&#252;nfzig Jahre nichts passieren.<\/p>\n<p>  Deshalb versuchten sie nicht, die StudentInnen auf die Arbeiterbewegung   zu orientieren, sondern verst&#228;rkten noch die arrogante Haltung vieler   StudentInnen. Erst 1979 verk&#252;ndete das Vereinigte Sekretariat eine   Wendung zur Industrie. So f&#252;gten sie ihren vielen Zickzacks einen   weiteren hinzu.<\/p>\n<p>  Das CWI hat es dagegen ab den 1960er Jahren in Gro&#223;britannien und ab den   1970er Jahren in immer mehr L&#228;ndern geschafft, vor allem in den   Jugendorganisationen sozialdemokratischer Parteien Unterst&#252;tzung f&#252;r   revolution&#228;re Ideen zu gewinnen und von einer kleinen Gruppe in   Gro&#223;britannien zu einer der st&#228;rksten trotzkistischen Str&#246;mungen   international zu werden. Der praktische Erfolg war die beste Best&#228;tigung   der Arbeitsmethoden des CWI. Erst ab dem Ende der 1980er Jahre   ersch&#246;pfte sich diese Arbeitsweise immer mehr. 1989 bis 1991 kam es dann   zum dritten historischen Wendepunkt im 20. Jahrhundert. Welche   theoretischen und praktischen Schlussfolgerungen das CWI im Unterschied   zu anderen sich als trotzkistisch verstehenden Str&#246;mungen daraus gezogen   hat, wird in einem weiteren Artikel behandelt werden.<\/p>\n<h5>  <i>Wolfram Klein ist Mitglied im Bundesvorstand der SAV. Er promoviert   zur Geschichte des Trotzkismus nach dem Zweiten Weltkrieg und lebt in   Plochingen bei Stuttgart.<\/i><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Teil 1: Von der Gr&#252;ndung der Vierten Internationale bis zum<br \/>\n      Zusammenbruch des Stalinismus\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[91],"tags":[270,258],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13824"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13824"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13824\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13824"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13824"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13824"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}