{"id":13822,"date":"2010-08-19T00:00:00","date_gmt":"2010-08-18T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/.\/?p=13822"},"modified":"2012-07-18T15:29:02","modified_gmt":"2012-07-18T13:29:02","slug":"13822","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/08\/13822\/","title":{"rendered":"70. Jahrestag der Ermordung Leo Trotzkis"},"content":{"rendered":"<p>  Ein Leben f&#252;r die Befreiung der Arbeiterklasse<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Verleumdet, von allen &#196;mtern enthoben und aus der Kommunistischen Partei   ausgeschlossen, verfolgt, verbannt und in Abwesenheit bei den Moskauer   Schauprozessen zum Tode verurteilt, wurde Leo Trotzki vor 70 Jahren, am   20. August 1940, von Stalins Geheimagenten Ram&#243;n Mercader in Mexiko   ermordet. W&#228;re es nach dem Willen der Stalinisten gegangen, so w&#228;re der   Name &#8222;Trotzki&#8220; aus dem Ged&#228;chtnis der Menschheit gel&#246;scht worden. Doch   trotz Geschichtsf&#228;lschung, Publikationsverboten und Repression gelang   dies nie.<\/p>\n<p>  Denn Trotzkis Name war und ist nicht nur untrennbar mit der russischen   Oktoberrevolution, der ersten erfolgreichen sozialistischen Revolution   der Geschichte, verbunden, sondern auch mit dem Kampf gegen die   Stalinisierung der Sowjetunion und der Kommunistischen Internationale.<\/p>\n<h4>  Ab 1923 war dies Trotzkis wichtigster Kampf, den er bis an sein   Lebensende entschlossen f&#252;hrte.<\/h4>\n<p>  Dieser Artikel wirft einen Blick auf ein Leben, das wie kein anderes von   dramatischen K&#228;mpfen gepr&#228;gt war, und fasst die wichtigsten politischen   Ideen Leo Trotzkis zusammen. Dieser konnte gro&#223;e Erfolge feiern und   musste schwerste Niederlagen hinnehmen, die ihn jedoch niemals in seiner   Zuversicht auf eine sozialistische Zukunft ersch&#252;tterten.<\/p>\n<h4>  <i>von Sebastian F&#246;rster<\/i><\/h4>\n<p>  Leo Trotzki, dessen wirklicher Name Lew Dawidowitsch Bronstein war,   wurde am 26. Oktober 1879 (nach gregorianischem Kalender, 7. November   nach heutigem Kalender) in dem ukrainischen Ort Janowka geboren. Er   wuchs in einem j&#252;dischen Elternhaus auf, das einen kleinen   landwirtschaftlichen Betrieb besa&#223;.<\/p>\n<p>  In seiner fr&#252;hen Jugend entwickelte Trotzki seine ersten politischen   Gedanken und wurde von einem radikaldemokratischen Oppositionellen zum   Narodnik (russisch: Volkst&#252;mler). Die Narodniki waren eine   sozialrevolution&#228;re Bewegung, die von russischen Intellektuellen   angef&#252;hrt wurde, auf den Terrorismus setzte und in der Bauernschaft die   entscheidende soziale Kraft f&#252;r eine revolution&#228;re Ver&#228;nderung der   Gesellschaft sah.<\/p>\n<p>  Als er sich 1896 einem politischen Diskussionskreis in Odessa anschloss,   traf der junge Volkst&#252;mler auf die sieben Jahre &#228;ltere Marxistin   Alexandra Sokolowskaja, mit der er sich lange und heftige Wortgefechte   lieferte. Sokolowskaja argumentierte f&#252;r den Marxismus und gegen die   Vorstellungen der Narodniki und konnte ihn schlie&#223;lich &#252;berzeugen.<\/p>\n<p>  Mit Anderen zusammen gr&#252;ndete Leo Trotzki 1897 den illegalen   S&#252;drussischen Arbeiterbund, wo er vor allem mit betriebsbezogener Arbeit   seine ersten Erfahrungen als Propagandist sammeln konnte.<\/p>\n<h4>  Fr&#252;he Arbeit in der Arbeiterbewegung<\/h4>\n<p>  Ein Jahr sp&#228;ter zerschlug die zaristische Polizei den Arbeiterbund.   Trotzki wurde festgenommen, in Isolationshaft gesteckt und 1900 in die   sibirische Ein&#246;de verbannt. Der junge Sozialist lie&#223; diese Jahre   allerdings nicht ungenutzt, sondern studierte Philosophen wie Kant oder   Voltaire und besch&#228;ftigte sich ausgiebig mit der marxistischen   Weltanschauung, vor allem dem historischen und dialektischen   Materialismus. Unter dem Pseudonym &#8222;die Feder&#8220; erlangte er als Autor   verschiedener Schriften einen hohen Bekanntheitsgrad in der jungen   russischen Arbeiterbewegung.<\/p>\n<p>  In Sibirien heiratete er Alexandra Sokolowskaja. Die gemeinsame Ehe war   von kurzer Dauer: schon 1902 verlie&#223; er Alexandra und ihre zwei   gemeinsamen T&#246;chter, um sich ganz der revolution&#228;ren Arbeit zu widmen.   Er floh aus der sibirischen Steppe und nahm &#8211; seinem Hang zur Ironie   folgend &#8211; den Namen des Oberaufsehers in dem Gef&#228;ngnis in Odessa an:   Trotzki.<\/p>\n<p>  Seine Reise f&#252;hrte ihn fast um den halben Erdball: nach London, wo sich   zu dieser Zeit die Zentrale der sozialistischen Zeitung Iskra befand,   die damals das Zentralorgan der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei   Russlands(SDAPR) war.<\/p>\n<p>  &#8222;Die Feder&#8220; wurde Mitarbeiter der Iskra. Als deren Vertreter reiste er   durch Europa um Spendengelder zu beschaffen. Hier lernte er Natalia   Sedowa kennen, die seine zweite Ehefrau wurde und ihn bis an sein   Lebensende begleitete.<\/p>\n<h4>  Spaltung der SDAPR in Bolschewiki und Menschewiki<\/h4>\n<p>  Schon bald geriet der 22j&#228;hrige Trotzki zwischen die Fronten der Partei.   Der II. Parteikongress, der 1903 in der britischen Hauptstadt stattfand,   f&#252;hrte zur pl&#246;tzlichen Spaltung der SDAPR. Die Bolschewiki (Mehrheitler)   mit Lenin an der Spitze und die Menschewiki (Minderheitler) um Martow   zerstritten sich zutiefst dar&#252;ber, welchen Charakter die   Parteiorganisation haben sollte. Lenin griff die Minderheitler scharf an   und trat f&#252;r eine streng zentralisierte Partei von Berufsrevolution&#228;ren   ein, die gesch&#252;tzt vor der Verfolgung des zaristischen Regimes aus dem   Untergrund heraus agieren sollte. Die Minderheit des Kongresses, die   Menschewiki, stellten diesem Konzept die Idee einer Partei entgegen, die   f&#252;r alle Interessierten offen stehen sollte.<\/p>\n<p>  Trotzki, w&#252;tend und voller Unverst&#228;ndnis &#252;ber das in seinen Augen   r&#252;cksichtslose Verhalten Lenins, wandte sich nun gegen diesen und ging   (zu seinem sp&#228;teren Bedauern) mit der geschlagenen Fraktion der   Menschewiki. Er bef&#252;rchtete ein undemokratisches, &#252;berzentralistisches   Parteiregime. Er erkannte nicht, dass dieser Konflikt &#252;ber Fragen der   Parteiorganisation Ausdruck unterschiedlicher politischer Linien war,   die in den darauf folgenden Jahren deutlich werden sollten. Die   Menschewiki wurden zu einer reformistischen, sozialdemokratischen   Partei, w&#228;hrend die Bolschewiki am revolution&#228;ren und   internationalistischen Marxismus festhielten und 1917 zur   Kommunistischen Partei wurden.<\/p>\n<p>  Lange verfolgte Leo Trotzki die Idee, die beiden Fl&#252;gel wieder   zusammenzubringen, je weiter sich die Menschewiki jedoch nach Rechts   entwickelten, je weiter entfernte sich auch Trotzki von ihnen. Er sollte   mehr und mehr zum fraktionslosen Einzelg&#228;nger in der SDAPR werden, der   zwar mit seinem Verst&#228;ndnis der revolution&#228;ren Taktik mehr Schnittmengen   mit den Bolschewiki hatte, daraus jedoch noch bis 1917 nicht die   Schlussfolgerung zog, sich Lenins Organisation anzuschlie&#223;en.<\/p>\n<h4>  Russische Revolution 1905<\/h4>\n<p>  1904 entbrannte ein heftiger Konflikt zwischen dem russischen Zarenreich   und Japan um Kolonien in der chinesischen Mandschurei, der zu dem   russisch-japanische Krieg und einem v&#246;lligen Debakel der russischen   Armee f&#252;hrte.<\/p>\n<p>  Eine massive wirtschaftliche und soziale Krise ersch&#252;tterte Russland.   Aufst&#228;nde und Streiks gegen das Zarenregime brachen aus, das mit voller   H&#228;rte gegen die Rebellion vorging. Als am 22. Januar 1905 200.000   streikende ArbeiterInnen in der russischen Hauptstadt St. Petersburg in   einem friedlichen Protestzug zum Winterpalais marschierten, lie&#223; der Zar   auf die Menge schie&#223;en. Dieser Tag ging als der Petersburger Blutsonntag   in die russische Geschichte ein. Der Tod von eintausend DemonstrantInnen   war der Funke, der das Pulverfass aus Wut und Hass gegen den Despoten   zur Explosion brachte. Massenstreiks erfassten nun alle St&#228;dte   Russlands, die Eisenbahner legten die Verkehrswege lahm und es gab   spontane Enteignungen der Gro&#223;grundbesitzer durch die hungernde   Landbev&#246;lkerung. Die Arbeiterklasse betrat als treibende Kraft der   Revolution die B&#252;hne der Geschichte, und die Regierung verlor zunehmend   die Kontrolle &#252;ber die Situation.<\/p>\n<p>  In St. Petersburg lebten etwa eine halbe Millionen ArbeiterInnen. Hier   bildete sich auf Initiative der Menschewiki ein Arbeiterrat (Sowjet).   Als Rat von jederzeit abw&#228;hlbaren Delegierten aus den Betrieben vertrat   er das st&#228;dtische Proletariat. Trotzki, der im Februar 1905 in Russland   ankam, wurde im Verlauf der Revolution zum Vorsitzenden des St.   Petersburger Sowjets gew&#228;hlt.<\/p>\n<p>  Die Sowjets breiteten sich als Organe der Revolution auch auf andere   St&#228;dte Russlands aus und kontrollierten einen betr&#228;chtlichen Teil des   &#246;ffentlichen Lebens.<\/p>\n<p>  Mit Zugest&#228;ndnissen und milit&#228;rischer Gewalt versuchte der Zar die   Bewegung zu stoppen. Fast zwei Jahre waren notwendig um die Revolution   niederzuschlagen. F&#252;r die russische Arbeiterklasse sollte die Revolution   von 1905 die Generalprobe f&#252;r die Oktoberrevolution zw&#246;lf Jahre sp&#228;ter   sein. Trotzki wurde abermals verhaftet, es gelang ihm jedoch erneut, ins   ausl&#228;ndische Exil zu fl&#252;chten.<\/p>\n<h4>  Permanente Revolution<\/h4>\n<p>  Inspiriert durch die Erlebnisse der Revolution, aber auch den Austausch   mit Alexander Parvus (einem ebenfalls aus der N&#228;he von Odessa stammenden   Sozialdemokraten) entwickelte Leo Trotzki die &#8222;Theorie der Permanenten   Revolution&#8220;, die er 1906 in seiner Brosch&#252;re &#8222;Ergebnisse und   Perspektiven&#8220; darlegte.<\/p>\n<p>  Vor dem Hintergrund der 1905 gemachten Erfahrungen analysierte er die   neue objektive Situation in der Gesellschaft, das Kr&#228;fteverh&#228;ltnis   zwischen den Klassen und leitete daraus Perspektiven f&#252;r die   Weltrevolution ab.<\/p>\n<p>  Grundlage der Theorie der Permanenten Revolution ist die Erkenntnis,   dass in L&#228;ndern mit versp&#228;teter kapitalistischer Entwicklung, wie dem   zaristischen Russland, die nationale kapitalistische Klasse zu schwach   ist, um wie in Frankreich oder England im 17. und 18. Jahrhundert eine   fortschrittliche Rolle zu spielen, die Gesellschaft aus der Dunkelheit   des Feudalismus zu rei&#223;en und die b&#252;rgerliche Revolution durchzuf&#252;hren.   Wie die Geschichte sp&#228;ter zeigen sollte, waren die B&#252;rgerlichen in   Russland tats&#228;chlich unf&#228;hig, dem Adel und Gro&#223;grundbesitzern die Macht   abzutrotzen, die Landverteilung zu kl&#228;ren, eine b&#252;rgerliche Demokratie   zu etablieren und die nationale Frage zu l&#246;sen.<\/p>\n<p>  Leo Trotzki stellte mit der Theorie der Permanenten Revolution heraus,   dass nur die st&#228;dtische Arbeiterklasse aufgrund ihres revolution&#228;ren   Potentials und ihrer bedeutenden Stellung im Produktionsprozess diese   fortschrittliche Rolle spielen und &#8211; als F&#252;hrung der zahlenm&#228;&#223;ig weitaus   gr&#246;&#223;eren Klasse der B&#228;uerInnen &#8211; die Revolution leiten kann.<\/p>\n<p>  In der sozialdemokratischen Bewegung dieser Zeit war es eine weit   verbreitete Auffassung, dass mit einer gesellschaftlichen Umw&#228;lzung die   kapitalistische Klasse die Macht &#252;bernehmen und den Kapitalismus   festigen sollte. Erst dann &#8211; so die Annahme Vieler &#8211; w&#252;rden die   wirtschaftlichen und sozialen Voraussetzungen f&#252;r den Sozialismus   geschaffen (wie es bereits in den weiter fortgeschrittenen &#214;konomien der   Welt der Fall war). Trotzki erkl&#228;rte hingegen nicht nur, dass nur die   Arbeiterklasse die Aufgaben der b&#252;rgerlichen Revolution l&#246;sen k&#246;nne,   sondern auch, dass &#8211; wenn die Arbeiterklasse die Macht in einem   unterentwickelten Land erst einmal errungen habe &#8211; sie wegen der   Schw&#228;che der B&#252;rgerlichen gar nicht anders k&#246;nnte, als mit der   sozialistischen Umwandlung des Eigentums zu beginnen, um die   demokratischen Aufgaben der b&#252;rgerlichen Revolution zu erf&#252;llen. In   diesem Sinne also ist die Revolution &#8222;permanent&#8220; und &#8222;ununterbrochen&#8220;,   weil sie weiter geht als die b&#252;rgerliche Revolution. Auch Marx hatte die   &#8222;Revolution in Permanenz&#8220; diskutiert, Trotzki entwickelte diese Frage   jedoch weiter.<\/p>\n<p>  Neu in der politischen Landschaft waren seine Analysen, die besagten,   dass die sozialistische Revolution in Russland ihren Anfang finden   sollte und wie sich die Weltgeschichte durch die kommende russische   Revolution weiter entwickeln sollte.<\/p>\n<p>  Wie Leo Trotzki unterstrich, kann die sozialistische Umwandlung nur   Erfolg haben, wenn ihr weitere erfolgreiche Arbeiterrevolutionen (auch   in den entwickelteren L&#228;ndern) folgen: &#8222;Sollte sich das russische   Proletariat an der Macht befinden, wenn auch nur infolge eines   zeitweiligen Aufschwungs unserer b&#252;rgerlichen Revolution, so wird es der   organisierten Feindschaft seitens der Weltreaktion und der Bereitschaft   zu organisierter Unterst&#252;tzung seitens des Weltproletariats   gegen&#252;berstehen.&#8220; Der Arbeiterklasse in Russland, so der Autor, &#8222;wird   nichts anderes &#252;brig bleiben, als das Schicksal ihrer politischen   Herrschaft und folglich das Schicksal der gesamten russischen Revolution   mit dem Schicksal der sozialistischen Revolution in Europa zu   verkn&#252;pfen.&#8220; (Trotzki, Ergebnisse und Perspektiven, Frankfurt\/M. 1967,   S. 119f.)<\/p>\n<h4>  Der Erste Weltkrieg und die Russische Revolution 1917<\/h4>\n<p>  Schon bald sollten sich Trotzkis Perspektiven best&#228;tigen. Der Ersten   Weltkrieg spitzte die Lage in Russland zu. Hunger, Streiks in Betrieben,   Unruhen auf dem Lande und Meuterei bei Soldaten und Matrosen &#8211; erneut   brach eine revolution&#228;re Periode an. Unter den f&#252;hrenden   kriegstreibenden Nationen war Russland das Land, in dem die herrschende   Klasse am schw&#228;chsten und r&#252;ckst&#228;ndigsten war. Die Kette des   Imperialismus, der die Welt in seinem W&#252;rgegriff hielt, brach an ihrem   schw&#228;chsten Glied.&#160;<\/p>\n<p>  Im Februar 1917 begann die Revolution, die der Zarenherrschaft ein   schnelles Ende bereitete. Wieder bildeten sich Arbeiter- und   Soldatenr&#228;te, die neben der Duma, dem russischen Parlament, ein   selbst&#228;ndiger Machtfaktor wurden. So entwickelte sich eine Periode der   Doppelherrschaft zwischen b&#252;rgerlichen und proletarischen Machtorganen.<\/p>\n<p>  Die Provisorische Regierung setzte sich zuerst vor allem aus den   b&#252;rgerlichen Konstitutionellen Demokraten (KD) und Sozialrevolution&#228;ren   zusammen, sp&#228;ter wurden noch die reformistischen Menschewiki   miteinbezogen. Diese b&#252;rgerliche Regierung war v&#246;llig au&#223;erstande, die   Forderungen der Massen nach Land, Brot und Frieden zu erf&#252;llen.<\/p>\n<p>  Aus dem Exil kam Leo Trotzki wegen einer kurzen Internierung erst im Mai   in St. Petersburg an, einen Monat nach Lenin. Dieser rief zur   Macht&#252;bernahme durch die Arbeiterklasse auf und musste sich zu dieser   Zeit von Kritikern in der bolschewistischen Partei die Beschuldigung   anh&#246;ren, er habe vor Trotzkis Perspektiven (und der Theorie der   Permanenten Revolution) kapituliert. Tats&#228;chlich war Lenin zu   politischen Schlussfolgerungen gekommen, die Trotzkis Perspektive   entsprachen, w&#228;hrend Trotzki sich von der Richtigkeit des   bolschewistischen Organisationsverst&#228;ndnisses &#252;berzeugt hatte. Er   schloss sich Lenin und den Bolschewiki an und wurde umgehend in das   Zentralkomitee der Partei gew&#228;hlt. Im Oktober wurde er erneut   Vorsitzender des Petrograder (St. Petersburg war umbenannt worden)   Sowjets und forderte die unf&#228;hige Provisorische Regierung zum R&#252;cktritt   auf.<\/p>\n<p>  Durch ihre konsequente Politik im Interesse der Arbeiterklasse und armen   Bauernschaft und ihrer Weigerung, die Provisorische Regierung politisch   zu unterst&#252;tzen und die Fortsetzung des Krieges zu rechtfertigen, hatten   die Bolschewiki innerhalb weniger Monate die Mehrheit in den Sowjets   erlangt. Auf dieser Basis gingen sie im Oktober an die Organisierung des   bewaffneten Aufstands zum Sturz der Regierung und der Macht&#252;bernahme   durch die Arbeiter- und Soldatenr&#228;te.<\/p>\n<p>  Als Organisator des revolution&#228;ren St. Petersburger Milit&#228;rkomitees   dirigierte Trotzki &#252;ber Nacht die weitgehend friedliche Macht&#252;bernahme   in der Hauptstadt. Im Namen des Milit&#228;rkomitees konnte Trotzki   schlie&#223;lich feierlich erkl&#228;ren, dass die Provisorische Regierung nicht   mehr existiere. Alle Macht sollte nun von den Sowjets ausgehen.<\/p>\n<p>  Leo Trotzki, von Zeitzeugen wie dem amerikanischen Journalisten John   Reed als der popul&#228;rste Redner der Revolution bezeichnet, wurde in die   neue Regierung, dem Rat der Volkskommissare gew&#228;hlt, als Volkskommissar   f&#252;r &#228;u&#223;ere Angelegenheiten ernannt und mit den Friedensverhandlungen mit   Deutschland und &#214;sterreich-Ungarn betraut. In dem Bewusstsein, dass der   weitere Verlauf der Revolution nun vor allem von dem Kampf der   europ&#228;ischen Arbeiterklasse abhing, nutzte er die Verhandlungen als   B&#252;hne f&#252;r die Agitation und Propaganda an die internationale   Arbeiterklasse.<\/p>\n<h4>  Der Russische B&#252;rgerkrieg<\/h4>\n<p>  Die Revolution im Ausland lie&#223; allerdings noch auf sich warten. In   Brest-Litowsk musste die russische Delegation schlie&#223;lich einen   Friedensvertrag unterzeichnen, der dem jungen Sowjetstaat empfindliche   Zugest&#228;ndnisse abverlangte.<\/p>\n<p>  Doch damit nicht genug. Die Anh&#228;nger des alten Zarenregimes (die   &#8222;Wei&#223;en&#8220;) bereiteten die Konterrevolution vor und st&#252;rzten das Land 1918   in einen heftigen B&#252;rgerkrieg. Unterst&#252;tzt wurden sie von den alliierten   kapitalistischen Staaten, die den wei&#223;en Gener&#228;len Kriegsmaterial und   50.000 Soldaten zur Verf&#252;gung stellten. Ihr Ziel war es, an Russland ein   Exempel zu statuieren und den ersten Arbeiterstaat der Geschichte dem   Erdboden gleich zu machen.<\/p>\n<p>  Leo Trotzki &#8211; der bereits als Organisator des Oktoberaufstands sein   milit&#228;risches Talent bewiesen hatte &#8211; wurde damit betraut schnell eine   Rote Armee aufzubauen. Gebot der Stunde war es, die Reaktion zur&#252;ck   zuschlagen und die Sowjetrepublik der ArbeiterInnen und B&#228;uerInnen zu   verteidigen. In einem gepanzerten Zug fuhr der neue Kriegskommissar   stets von einer Frontlinie zur anderen, um gemeinsam mit den roten   Truppen zu k&#228;mpfen, aber auch um mit sozialistischer Propaganda die   Moral und &#220;berzeugung der Soldaten zu st&#228;rken, die durch die vielen   Jahre der Entbehrungen w&#228;hrend des Ersten Weltkrieges kampfm&#252;de waren.   Es sollte bis 1921 dauern die wei&#223;en Garden und die Alliierten zur&#252;ck   zuschlagen.<\/p>\n<p>  Die Revolutionen in den wirtschaftlich weiter entwickelten L&#228;ndern   Deutschland und &#214;sterreich-Ungarn, auf die Lenin und Trotzki gro&#223;e   Hoffnung setzten, schlugen wegen des Verrats der dortigen   Sozialdemokratischen Parteien 1919 fehl. Die Jahre des Krieges, des   Hungers und der Seuchen hatten der russischen Bev&#246;lkerung hart   zugesetzt; nun sollte der Arbeiterstaat, der nur &#252;ber eine sehr gering   entwickelte &#214;konomie verf&#252;gte, auch noch international isoliert bleiben.<\/p>\n<h4>  Trotzkis Kampf gegen Stalinismus<\/h4>\n<p>  Der B&#252;rgerkrieg schw&#228;chte den jungen Arbeiterstaat und die demokratische   Machtaus&#252;bung der Arbeiterklasse. Zur Verteidigung der Revolution wurde   dem Sieg im B&#252;rgerkrieg alles untergeordnet. Die R&#228;te konnten angesichts   einer reduzierten Industrieproduktion und der Tatsache, dass viele   ArbeiterInnen an die Front gingen, ein Eigenleben kaum aufrechterhalten.   Die Kommunistische Partei ersetzte mehr und mehr die Funktion der R&#228;te.   Zu Lebzeiten Lenins war dies jedoch immer als vor&#252;bergehendes Ph&#228;nomen   verstanden worden.<\/p>\n<p>  Doch die wirtschaftliche und kulturelle R&#252;ckst&#228;ndigkeit, die Folgen von   Welt- und B&#252;rgerkrieg und vor allem die Isolierung des jungen   Arbeiterstaates schufen Voraussetzungen f&#252;r den Aufstieg des Stalinismus.<\/p>\n<p>  Eine privilegierte Parteikaste entstand, die andere Interessen als die   Arbeiterklasse entwickelte und immer mehr Macht in ihren H&#228;nden   konzentrierte. Diese neue gesellschaftliche Schicht aus Beamten und   Funktion&#228;ren konnte sich im Partei- und Staatsapparat festsetzen und   hatte kein Interesse mehr daran, nach Ende des B&#252;rgerkrieges die   R&#228;tedemokratie wieder aufleben zu lassen. Die Verk&#246;rperung dieser   B&#252;rokratie war der 1922 zum Generalsekret&#228;r der Partei gew&#228;hlte Josef   Stalin.<\/p>\n<p>  Leo Trotzki trat dieser Entwicklung entschieden entgegen und warnte in   einer ganzen Serie von Artikeln und Analysen vor den gef&#228;hrlichen   Ausw&#252;chsen der B&#252;rokratie in Staat und Partei und dem sich aus den   Interessen dieser Funktion&#228;rskaste ergebenden politischen   Konservativismus und Nationalismus.<\/p>\n<p>  Lenin, der durch einen schweren Schlaganfall nicht mehr aktiv an dem   politischen Geschehen der Partei teilnehmen konnte, teilte die   Bef&#252;rchtungen Trotzkis. Kurz vor seinem Tod bereitete er mit ihm einen   Block gegen die B&#252;rokratie vor. Bevor Lenin 1924 starb, empfahl er in   seinem Testament die Absetzung Stalins als Generalsekret&#228;r.<\/p>\n<p>  In der Partei wehte ein deutlich anderer Wind als 1917. Die   Schl&#252;sselpositionen in der Gesellschaft besetzte Stalins Clique (zu der   auch die verdienten Altbolschewisten Sinowjew und Kamenjew geh&#246;rten) von   nun an von oben. Leo Trotzki wurde politisch kaltgestellt und bekam in   der Partei keine entscheidenden Aufgaben mehr.<\/p>\n<p>  Gro&#223; war der Aufschrei in der Bev&#246;lkerung nicht: in der russischen   Arbeiterklasse war nach den katastrophalen Jahren des Krieges M&#252;digkeit   eingekehrt und der Wunsch nach Ruhe wog bei Vielen schwer. Die, die sich   dennoch mit Trotzki &#246;ffentlich solidarisierten, erfuhren schon bald die   starke staatliche Repression durch den Apparat.<\/p>\n<h4>  Der Aufbau der Linken Opposition<\/h4>\n<p>  Trotzki erkannte, dass die Entstehung der B&#252;rokratie Folge der sozialen   Entwicklungen in der jungen Sowjetunion war. Er war sicher, dass nur die   Arbeiterklasse diesen Prozess stoppen konnte und verzichtete deshalb   darauf, seinen hohen Einfluss in der Roten Armee zu einem milit&#228;rischen   Sturz der Stalin-Clique zu nutzen, was ihm von Genossen geraten wurde.   Er wusste, dass er dadurch nur selber zum Gefangenen einer   Milit&#228;rb&#252;rokratie geworden w&#228;re und ging statt dessen daran gemeinsam   mit Anderen die Linke Opposition gegen den Kurs der B&#252;rokratie   aufzubauen.<\/p>\n<p>  Stalin ging zum Gegenangriff &#252;ber und begegnete dem 1924 mit der   Schaffung der Legende des &#8222;konterrevolution&#228;ren Trotzkismus&#8220;. Eine   beispiellose L&#252;genkampagne &#252;berschwemmte das Land, um die gro&#223;e   Popularit&#228;t des Oppositionellen zu zerst&#246;ren, der doch in den Augen   vieler ArbeiterInnen die Prinzipien der Russischen Revolution   verk&#246;rperte. Die mittlerweile fast gleichgeschaltete F&#252;hrung der   Kommunistischen Partei schrieb nun die Geschichte der Oktoberrevolution   um und entwickelte die Theorie eines &#8222;Sozialismus in einem Land&#8220;, um   Stalins Politik gegen&#252;ber der Kritik der Opposition zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>  Mit der Theorie des &#8222;Sozialismus in einem Land&#8220; sollte begr&#252;ndet werden,   warum die Verteidigung der Sowjetunion &#8211; also die Macht und Privilegien   der B&#252;rokratie &#8211; &#252;ber die Ausdehnung der internationalen Revolution   gestellt wurde . Vor dem Hintergrund dieser Theorie wurden unter Stalins   Direktive wichtige Chancen f&#252;r die internationale Revolution verspielt.   So sollte sich die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) 1927 in einer   revolution&#228;ren Situation der b&#252;rgerlichen Guomindang unterordnen. Dies   hatte zur Folge, dass die Guomindang brutale Massaker unter den   revolution&#228;ren ArbeiterInnen Schanghais und die Vernichtung eines   Gro&#223;teils der Mitgliedschaft der KPCh organisieren konnte.<\/p>\n<p>  Trotz aller Versuche gelang es Trotzki nicht, gegen diese falsche   Politik anzukommen. Der Aufbau der Linken Opposition in Russland fand   unter schwersten Bedingungen statt. Ihre Mitglieder mussten unter einer   immer h&#228;rter werdenden Verfolgung durch den Staatsapparat und   Geheimpolizei (GPU) leiden, wurden aus der Partei ausgeschlossen,   verhaftet, in den Tod getrieben oder gar liquidiert. Auch Stalins   Verb&#252;ndete Sinowjew und Kamenjew und ihre Anh&#228;nger schlossen sich 1926   kurzzeitig der Opposition an (die sich dann f&#252;r eine bestimmte Zeit   Vereinigte Opposition nannte). Unter dem Druck der Staatsmaschinerie und   dem Eindruck der erfolgreichen Industrialisierung des Landes   kapitulierten sie jedoch in den 1930ern vor Stalin.<\/p>\n<p>  Leo Trotzki wurde in das kasachische Alma-Ata verbannt. Um ihn noch   weiter zu isolieren, wurde er im Januar 1928 von der GPU gezwungen auf   die t&#252;rkische Insel Prinkipo im Marmarameer umzusiedeln. Hier setzte er   seine oppositionelle und schriftstellerische Arbeit fort und schrieb   unter Anderem die Geschichte der Russischen Revolution und seine   Autobiographie &#8222;Mein Leben&#8220;. Er baute die Kontakte mit linken   Oppositionellen aus verschiedenen L&#228;ndern aus, gr&#252;ndete das Bulletin der   Oppositionund legte den Grundstein f&#252;r die Internationale Linke   Opposition.<\/p>\n<h4>  Aufstieg des Hitlerfaschismus in Deutschland<\/h4>\n<p>  In Deutschland hatte sich Ende der 1920er Jahre die politische Lage   extrem zugespitzt. Durch die wirtschaftliche und soziale Krise   beg&#252;nstigt, wuchs unter den reaktion&#228;ren Teilen des Kleinb&#252;rgertums   Hitlers NSDAP. Leo Trotzki besch&#228;ftigte sich im Exil viel mit den   Geschehnissen in Deutschland und ver&#246;ffentlichte wichtige Analysen zum   deutschen Faschismus. Er war einer der wenigen Zeitzeugen, die in den   1920ern und 1930ern die historische Gefahr des Hitlerfaschismus richtig   einsch&#228;tzte.<\/p>\n<p>  Die Weltwirtschaftskrise traf Deutschland hart und lie&#223; den   Lebensstandard der Massen drastisch sinken und die Erwerbslosigkeit   steigen. In Armut und Perspektivlosigkeit geratene Kleinb&#252;rger wendeten   sich vermehrt den Nazis zu, die vorgaben sie sowohl gegen das gro&#223;e   Kapital, was sie schlucken, als auch gegen die Arbeiterbewegung, die sie   angeblich enteignen wollte, zu verteidigen. Tats&#228;chlich besorgten die   Faschisten jedoch nur das Gesch&#228;ft der Kapitalisten, die diese letztlich   finanzierten und an die Macht brachten.<\/p>\n<p>  Trotzki analysierte, dass die Kapitalistenklasse zur Durchsetzung ihrer   Profitinteressen und zur Wiederherstellung der Kriegsf&#228;higkeit   Deutschlands die Arbeiterbewegung nachhaltig zerschlagen musste.   B&#252;rgerliche Regierungen, die sich auf die parlamentarische Demokratie   st&#252;tzten, waren dazu nicht in der Lage. Es bedurfte einer   terroristischen Massenbewegung, um die Organisationen der   Arbeiterklasse, die viele Millionen Mitglieder z&#228;hlten, dem Erdboden   gleich zu machen. Leo Trotzki schrieb dazu: &#8222;Vom Faschismus fordert die   Bourgeoisie ganze Arbeit [&#8230;]. Der Sieg des Faschismus f&#252;hrt dazu, dass   das Finanzkapital sich direkt und unmittelbar aller Organe der   Herrschaft, Verwaltung und Erziehung bem&#228;chtigt [&#8230;]. Die Faschisierung   des Staates bedeutet [&#8230;] haupts&#228;chlich die Zertr&#252;mmerung der   Arbeiterorganisationen&#8220; (Trotzki, &#8222;Was nun?&#8220;, S. 14).<\/p>\n<p>  Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) war als Teil der III.   Internationale bereits unter v&#246;lliger Kontrolle des stalinistischen   Apparats und verfolgte eine ultralinke Politik, die verhinderte, dass   Gewerkschaften, SPD- und KPD-Mitglieder gemeinsam dem Faschismus   entgegentraten. Die KPD-F&#252;hrung sah keinen Unterschied zwischen der von   der SPD unterst&#252;tzten b&#252;rgerlichen Regierung und dem Hitlerfaschismus   und untersch&#228;tzte v&#246;llig die Gefahr, die von den Nazis ausging. &#8220;Nach   Hitler kommen wir&#8221; war ihre Illusion. Die stalinistische Theorie des   &#8222;Sozialfaschismus&#8220;, die SPD und NSDAP gleichsetzte, bildete das   Fundament daf&#252;r.<\/p>\n<p>  Leo Trotzki unterschied zwischen der b&#252;rgerlichen F&#252;hrung der SPD (die   damals noch eine Arbeiterpartei mit aktiver Massenunterst&#252;tzung war) und   der Basis der Partei, die von der kleineren KPD aufgrund ihrer bisher   oft fehlerhaften Politik noch nicht &#252;berzeugt war.<\/p>\n<p>  Trotzki schlug der KPD vor, einen Appell zur Einheitsfront an die   Sozialdemokratie, gleicherma&#223;en an die Mitglieder und die F&#252;hrung, zu   richten. W&#228;re es gelungen, die SPD in eine Einheitsfront zu zwingen,   h&#228;tte Hitler gestoppt werden k&#246;nnen und h&#228;tte sich die KPD im   gemeinsamen Kampf als die konsequentere Interessenvertretung der   Arbeiterklasse zeigen k&#246;nnen. H&#228;tte die SPD-F&#252;hrung sich dem Angebot   verweigert, h&#228;tte sie das vor den Augen der (noch) sozialdemokratischen   ArbeiterInnen entlarven k&#246;nnen und die KPD gest&#228;rkt.<\/p>\n<p>  Wegen der Verweigerung der Einheitsfront durch die SPD- und KPD-F&#252;hrung   kam es 1933 anders. Hitler kam an die Macht, zerschlug die   Arbeiterbewegung, steckte die Gewerkschaftsh&#228;user in Brand und   deportierte die SPD- und KPD-Mitglieder in die Konzentrationslager. Und   wie Trotzki richtig vorhersagte, bedeutete Hitlers Machtergreifung Krieg   gegen die Sowjetunion.<\/p>\n<p>  Trotzki kam aufgrund dieser Ereignisse 1933 zu dem Schluss, dass die   III. Internationale nicht mehr reformierbar sei: &#8222;Eine Organisation, die   der Donner des Faschismus nicht geweckt hat, und die dem&#252;tig derartige   Entgleisungen von Seiten der B&#252;rokratie unterst&#252;tzt, zeigt dadurch, dass   sie tot ist und nichts sie wieder beleben wird.&#8220; (Trotzki, &#8222;Schriften   &#252;ber Deutschland&#8220;, S. 605).<\/p>\n<p>  Nachdem Trotzki eine Einreiseerlaubnis aus Frankreich erhalten hatte,   verlie&#223; er Prinkipo. Von Frankreich siedelte er nach Norwegen um, wo ihm   kurzzeitig Asyl gew&#228;hrt wurde. Dort schrieb er 1936 &#8222;Verratene   Revolution&#8220;. In diesem Buch arbeitete er die Grundz&#252;ge des Stalinismus   heraus und lieferte eine bis heute un&#252;bertroffene Analyse der   Sowjetunion unter Stalin, die er einen &#8222;degenerierten Arbeiterstaat&#8220;   nannte. Dieses Werk ist bis heute die bedeutendste Analyse der   Stalinisierung der Sowjetunion. Trotzki skizzierte darin das Programm   einer &#8222;politischen Revolution&#8220; f&#252;r den &#8222;Sturz der b&#252;rokratischen Kaste&#8220;   in Russland.<\/p>\n<h4>  Die Moskauer Schauprozesse<\/h4>\n<p>  Die Unterdr&#252;ckung und der stalinistische Terror in Russland erreichte   mit den Moskauer Schauprozessen von 1936 bis 1938 eine neue Qualit&#228;t.   Mit der Eliminierung der alten Garde der Bolschewiki von 1917 wollte der   Stalin sich die Alleinherrschaft sichern. Jegliche personelle   Alternative zu seiner Vormachtstellung in Staat und Partei sollte   ausradiert werden. So wurden zuerst Sinowjew und Kamenjew und 14 weitere   Bolschewiki vor Gericht gestellt und hingerichtet. Als Grund f&#252;r die   Verurteilungen wurde immer oppositionelle T&#228;tigkeit angef&#252;hrt.<\/p>\n<p>  F&#252;r jeden alten bolschewistischen F&#252;hrer der bei den Moskauer   Schauprozessen angeklagt und hingerichtet wurde, wurden weitere hunderte   und tausende Menschen eingekerkert. Mindestens acht Millionen wurden   verhaftet, f&#252;nf bis sechs Millionen fanden in den Gulags ihr Ende. Unter   ihnen auch Familienmitglieder Trotzkis, die sich politisch gar nicht   bet&#228;tigten.<\/p>\n<p>  Der Hauptangeklagte der Moskauer Schauprozesse war Leo Trotzki selbst,   dessen Name stetig im Raum schwebte. In Abwesenheit erhielt er seinen   Urteilsspruch: die Todesstrafe.<\/p>\n<h4>  Der spanische B&#252;rgerkrieg<\/h4>\n<p>  Diese Schauprozesse waren direkt verbunden mit dem konterrevolution&#228;ren   Eingreifen der Moskauer Elite in das Geschehen des Spanischen   B&#252;rgerkriegs 1936-39.<\/p>\n<p>  Nach dem blutigen Scheitern ihrer Sozialfaschismus-Theorie schwenkten   die Stalinisten um, und erkl&#228;rten die &#8222;Volksfront&#8220; als Leitfaden ihrer   Politik. Die Kommunistischen Parteien sollten das B&#252;ndnis mit den   pro-kapitalistischen Parteien suchen, um die b&#252;rgerliche Demokratie zu   verteidigen.<\/p>\n<p>  Die spanischen Linksoppositionellen fanden sich entgegen Trotzkis   Ratschlag in der &#8222;Arbeiterpartei f&#252;r marxistische Vereinigung (POUM)&#8220;   wieder, die vor allem in Katalonien aktiv war und eine zentristische   Position einnahm: sie war in Worten revolution&#228;r und schreckte in der   Praxis vor revolution&#228;rer Politik zur&#252;ck. Mit der Erhebung rechter und   rechtsextremer Gruppen um den spanischen General Franco brach ein   B&#252;rgerkrieg und eine Arbeiter- und Bauernrevolution aus. Es entstanden   Arbeitermilizen und R&#228;te, die zeitweise neben der Volksfrontregierung   eine Art Doppelmacht aus&#252;bten. Trotzki versuchte vergeblich die   schwankende POUM-F&#252;hrung davon zu &#252;berzeugen, dass die Partei nun der   Arbeiterklasse zur Macht&#252;bernahme verhelfen solle. Stattdessen   orientierte sie auf eine Beteiligung an der Volksfrontregierung, deren   Schicksal besiegelt war: &#8222;Die Arbeiter und Bauern verm&#246;gen nur dann den   Sieg zu erringen, wenn sie um ihre eigene Befreiung k&#228;mpfen. In diesen   Umst&#228;nden das Proletariat der F&#252;hrung der Bourgeoisie   [Kapitalistenklasse] unterstellen hei&#223;t ihm von vornherein eine   Niederlage im B&#252;rgerkrieg garantieren.&#8220; (Trotzki, &#8222;Die spanische Lehre&#8220;,   S. 3).<\/p>\n<p>  Die B&#252;rokratie in Moskau intervenierte zur Verteidigung der   kapitalistischen Republik in der spanischen Revolution. Leo Trotzki   arbeitete heraus, warum der Stalinismus nun eine offen   konterrevolution&#228;re Rolle einnahm. Die GPU dehnte ihre Verfolgungen und   Ermordungen gegen linke Oppositionelle auf Spanien aus. Hintergrund   dieser Politik war, dass Stalin &#8222;eine Vers&#246;hnung mit der Bourgeoisie&#8220;   (Trotzki, &#8222;Revolution und B&#252;rgerkrieg in Spanien&#8220;, S. 299) und sich den   m&#228;chtigen kapitalistischen Staaten Europas, wie Frankreich und England   als vertrauensw&#252;rdige Ordnungsmacht pr&#228;sentieren wollte. H&#228;tte es eine   erfolgreiche Revolution in Spanien gegeben, so h&#228;tte das weitere   Erhebungen in Europa bedeutet und die b&#252;rokratische Entartung und   Herrschaft Stalins in Moskau tief ersch&#252;ttert, so Trotzki.<\/p>\n<h4>  Die IV. Internationale<\/h4>\n<p>  Schon 1933 warb Leo Trotzki f&#252;r eine neue Internationale, die &#8222;die UdSSR   vor dem Zusammenbruch retten [k&#246;nne], indem sie ihr weiteres Schicksal   mit dem Schicksal der proletarischen Weltrevolution verbindet&#8220; (Trotzki,   &#8222;Schriften &#252;ber Deutschland&#8220;, S. 609f.) und die beste Traditionen der   Ersten, Zweiten und Dritten Internationale und des revolution&#228;ren   Marxismus aufrecht erhalten sollte. Versuche, linkssozialistische   Parteien, wie die deutsche Sozialistische Arbeiterpartei (SAP),   gemeinsam mit der Internationalen Linken Opposition in einer neuen   Internationale zu vereinigen, scheiterten. So war die Zahl der Gruppen,   die sich am 3. September 1938 bei der formellen Gr&#252;ndung der IV.   Internationale in Paris zusammen schlossen nicht gro&#223;. Historisch   gesehen war die Schaffung dieser neuen Internationale aber notwendig,   als Alternative zur stalinistischen III. Internationale und als neuer   Orientierungspunkt f&#252;r die revolution&#228;ren Bewegung.<\/p>\n<h4>  Trotzkis Ermordung<\/h4>\n<p>  W&#228;hrenddessen &#252;bte Stalin massiven Druck auf die norwegische Regierung   aus, die Trotzki ausliefern sollte. Erneut musste dieser ein neues Asyl   finden &#8211; diesmal in Mexiko, wo er bei dem sozialistischen K&#252;nstlerpaar   Frida Kahlo und Diego Rivera unterkam. Aber auch hier verfolgte ihn die   GPU. Ein Angriff von mit Maschinenpistolen und Sprengs&#228;tzen   ausger&#252;steten Agenten auf Trotzki und seine Familie schlug wie durch ein   Wunder fehl.<\/p>\n<p>  Doch der GPU-Geheimagent Ram&#243;n Mercader, der seit vielen Jahren   versuchte, Trotzkis Umfeld zu infiltrieren und in seine N&#228;he zu   gelangen, sollte mehr Erfolg haben. Unter dem Vorwand, mit ihm einen   politischen Artikel diskutieren zu wollen, schaffte es Mercader   schlie&#223;lich, alleine mit Trotzki in einem Raum sein zu k&#246;nnen. Nach etwa   drei oder vier Minuten vernahm seine Frau Natalia Sedowa einen   &#8222;schrecklichen stechenden Schrei&#8220;, ihr Mann tauchte auf, das &#8222;Gesicht   mit Blut bedeckt&#8220; und einem Eispickel im Hinterkopf. Mit dem Attent&#228;ter   hatte er noch gerungen, um weitere Schl&#228;ge zu verhindern. &#8222;Auch wenn der   Arzt erkl&#228;rte, dass die Verletzung nicht sehr ernst war&#8220;, so Sedowa,   &#8222;h&#246;rte Lew Dawidowitsch ihm regungslos zu&#8220; und sagte &#8222;&#8218;Ich   f&#252;hle&#8230;jetzt&#8230;dass dies das Ende ist&#8230;dieses Mal&#8230;haben sie es   geschafft.&#8216;&#8220; (Serge, &#8222;Life and death of Leon Trotsky&#8220;, S. 268). Am   n&#228;chsten Tag, dem 20. August 1940 erlag Trotzki im Alter von 60 Jahren   seinen t&#246;dlichen Verletzungen.<\/p>\n<p>  W&#228;hrend Mercader von Stalin zum Helden der Sowjetunion ernannt wurde,   trauerten in Mexiko 300.000 Menschen, die Trotzkis Leichenzug   begleiteten. Er wurde einge&#228;schert und im Garten seines Hauses begraben.   &#220;ber seinem Grab weht noch heute die rote Fahne der Weltrevolution.<\/p>\n<h5>  <i>Sebastian F&#246;rster ist Regionalsekret&#228;r der SAV im Ruhrgebiet Mitglied   im Bundesvorstand. <\/i><\/h5>\n<p>  <b>Die aktuelle Ausgabe des Magazins sozialismus.info hat einen   Trotzki-Schwerpunkt und kann <a href=\"http:\/\/www.shop.sozialismus.info\/shop\/article_587\/sozialismus.info---Nr.11.html?shop_param=cid%3D1143%26aid%3D587%26\">hier<\/a>   bestellt werden.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Ein Leben f&#252;r die Befreiung der Arbeiterklasse\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[91],"tags":[270,258],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13822"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13822"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13822\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13822"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13822"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13822"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}