{"id":13808,"date":"2010-08-01T15:00:00","date_gmt":"2010-08-01T15:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13808"},"modified":"2010-08-01T15:00:00","modified_gmt":"2010-08-01T15:00:00","slug":"13808","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/08\/13808\/","title":{"rendered":"Stuttgart &#8211; Eine Stadt im Aufruhr"},"content":{"rendered":"<p>  4.000 GegnerInnen von Stuttgart 21 protestieren spontan gegen den Abriss   des Nordfl&#252;gels<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  Am Freitagabend begann die Polizei, wie schon vorher ger&#252;chteweise   vermutet, den Bahnhofsvorplatz am Nordausgang des Hauptbahnhofs   abzusperren. Unter massivem Einsatz von Polizeikr&#228;ften, die sich im Zuge   des Gel&#246;bnix gegen die Vereidigung von Bundeswehrrekruten noch in der   Stadt befanden, wurden Bauz&#228;une abgeladen, um den Zutritt zum Vorplatz   zu verhindern. Nach einem Aufruf &#252;ber alle Verteiler und Ausl&#246;sen des   Parksch&#252;tzer-Alarms, der die GegnerInnen per SMS informierte,   versammelten sich innerhalb von 2 Stunden tausende Menschen am Bahnhof   rund um die Mahnwache. Im Anschluss wurde f&#252;r Stunden die Innenstadt   lahm gelegt, weil die Menschen in gro&#223;er Anzahl auf die Stra&#223;en   str&#246;mten, um diese zu besetzen.<\/p>\n<h4>  <i>von Ren&#233; Kiesel, z.Zt. Stuttgart<\/i><\/h4>\n<p>  Nach der erfolgreichen Besetzung des Nordfl&#252;gels durch 50 Protestierende   am Montag, &#252;ber die bereits berichtet wurde, rei&#223;t die Kette der   Proteste nicht ab. Am Mittwoch gab es auf dem zentral gelegenen   Marktplatz die Auftaktveranstaltung zum sogenannten &#8222;Schwabenstreich&#8220;.   Die Idee dahinter ist, um 19 Uhr an den verschiedensten Orten so viel   L&#228;rm wie m&#246;glich zu veranstalten. Egal, an welchem Ort sich die Menschen   gerade befinden. Der Vorschlag stie&#223; bei den mehreren Tausend Anwesenden   auf Begeisterung. Als die Initiatoren der Veranstaltung, der   Schauspieler Walter Sittler und Volker L&#246;sch, Regisseur des Schauspiels   Stuttgart, sich solidarisch mit der Besetzung des Geb&#228;udes zeigten, gab   es anhaltenden Applaus und Jubel.<\/p>\n<p>  Allgemein ist diese Form des gewaltfreien zivilen Ungehorsams bei der   &#252;berw&#228;ltigenden Mehrheit der AktivistInnen in den B&#252;ndnissen auf   Zustimmung gesto&#223;en.<\/p>\n<p>  Anschlie&#223;end gab es bei der Mahnwache am Bahnhof eine Lesung   verschiedener AutorInnen, die von einem starken Polizeiaufgebot   &#252;berwacht wurde. An dieser nahmen noch einmal etwa 500 Menschen teil.<\/p>\n<p>  Da die Petition gegen das Projekt, die 67.000 UnterzeichnerInnen hatte,   von den verantwortlichen PolitikerInnen ignoriert wurde, wurde der   Stuttgarter Bev&#246;lkerung klar, dass man radikalere Aktionsformen braucht,   um sich Geh&#246;r zu verschaffen. Es ist f&#252;r Viele schon seit einiger Zeit   offensichtlich, dass hier eine regelrechte Mafia von Immobilienhaien,   Bauherren und deren gekauften PolitikerInnen auf kommunaler, Landes- und   Bundesebene direkt an den Interessen der Mehrheit vorbei agieren.<\/p>\n<h4>  Freitag Abend &#8211; eine Stadt steht auf<\/h4>\n<p>  Eine Aktivistin der &#8222;Jugendoffensive gegen Stuttgart 21&#8220; erreichte gegen   20.30 Uhr, kurz nach einer Veranstaltung mit mehreren Jugendlichen, die   Nachricht, dass am Hauptbahnhof Baumaschinen anr&#252;cken w&#252;rden.<\/p>\n<p>  Schon in den letzten Wochen hatten die Verantwortlichen des   Milliardenprojekts Stuttgart 21 verlautbaren lassen, dass sie im August   mit den Abrissarbeiten am Nordfl&#252;gel des Hauptbahnhofs beginnen. Es   liegt nahe, dass sie darauf spekulierten, dass der Widerstand w&#228;hrend   der Ferienzeit geschw&#228;cht sei, da viele im Urlaub sind. Vergebens.<\/p>\n<p>  Doch die Protestaktion vom Montag setzte die PolitikerInnen unter Druck,   Tatsachen zu schaffen. H&#246;chstwahrscheinlich ebenfalls in der Annahme,   damit der Protestbewegung einen starken Sto&#223; versetzen zu k&#246;nnen und   eine Spaltung hervorzurufen.<\/p>\n<p>  Unverz&#252;glich machte sich die Gruppe von 10 Jugendlichen auf den Weg zur   Mahnwache. Dort befanden sich zum Zeitpunkt des Eintreffens erst ca. 50   GegnerInnen. Doch durch Telefonketten, E-Mail-Verteiler,   Facebook-Eintr&#228;ge und den Parksch&#252;tzeralarm wuchs die Menge schnell an   und organisierte eine friedliche Sitzblockade vor dem Nordeingang, an   der sich auch der Stadtrat Hannes Rockenbauch beteiligte. Auch nach der   3. Aufforderung der Polizei, die gegen die Lautst&#228;rke der GegnerInnen   nicht ankam, stand niemand auf, woraufhin diese mit zum Teil recht   unsanften R&#228;umungen begann. Allerdings verzichtete die Einsatzleitung   darauf, die friedlichen DemonstrantInnen wie am Montag festzusetzen oder   einzukesseln. Es sei erw&#228;hnt, dass unter den PolizistInnen teilweise   eine ablehnende Haltung zu diesem Projekt zu vernehmen war. Einige   Angeh&#246;rige der Landespolizei waren an diesem Tag 18 Stunden im Einsatz.<\/p>\n<p>  Die (auch politische) Breite des Protestes und die Solidarit&#228;t macht es   den Medien und Parteien schwer, die Aktionen zu kriminalisieren und die   DemonstrantInnen einfach &#8222;wegzukn&#252;ppeln&#8220;. Der Widerstand setzt sich aus   allen Altersgruppen zusammen, viele politisierten sich durch Stuttgart   21 und gingen zum ersten Mal in ihrem Leben auf eine Demonstration.<\/p>\n<p>  Mit jeder Minute wurden es mehr Menschen vor dem Bahnhof, die Ger&#228;umten   umgingen die Polizeisperre einfach und schlossen sich wieder der   wachsenden Menge an.<\/p>\n<p>  Etwa um 22.30 Uhr entschied sich eine gr&#246;&#223;ere Gruppe der mittlerweile   rund 2.000 Anwesenden, die Kreuzung Schiller-, Friedrich-, Kriegsberg-   und Heilbronner Stra&#223;e ganz in der N&#228;he zu besetzen und errichteten dort   durch ihren Einsatz die erste friedliche Blockade an diesem Abend.<\/p>\n<p>  Einige Mitglieder der SAV &#252;bernahmen zusammen mit anderen die   Mobilisierung von Weiteren, um die Stra&#223;e zu versperren. Es wurde dann   entschieden, weitere Stra&#223;en zu besetzen und ein Zug von Protestierenden   bewegte sich in Richtung Gebhard-M&#252;ller-Platz und besetzte diesen   ebenfalls. Der Platz ist wie die Kreuzung ein wichtiger Punkt f&#252;r den   Verkehr in der Stuttgarter Innenstadt. Diese war mittlerweile v&#246;llig   lahm gelegt und die Polizei richtete Umleitungen ein.<\/p>\n<p>  Eine Gruppe von 100 Menschen lief dann zum Charlottenplatz, um diesen in   Beschlag zu nehmen. Damit waren dann die Bundesstra&#223;en 14 und 27, zwei   Hauptverkehrsadern, au&#223;er Gefecht gesetzt. Die Besetzung wurde recht   schnell ger&#228;umt, worauf sich dann eine kleine Gruppe von Mitgliedern der   SAV schnell auf dem Weg zur&#252;ck zur Menge am Bahnhof machten, um etwa 200   weitere Menschen zur Unterst&#252;tzung zu mobilisieren. Mit diesen umgingen   sie die Polizeisperren durch den Schlosspark und besetzten erneut den   Charlottenplatz.<\/p>\n<p>  Nachdem die Polizeikr&#228;fte auch dort mit der R&#228;umung begannen, wurde   beschlossen, langsam auf der Stra&#223;e zum Bahnhof zur&#252;ck zu gehen, um die   besetzte Kreuzung zu verst&#228;rken. Mittlerweile hatten die Einsatzkr&#228;fte   das Gebiet weitr&#228;umig eingekesselt. Es standen ca. 1.000 Menschen auf   der Kreuzung und weitere 2.000 um den Nordeingang und machten die ganze   Zeit ihrer Wut lautstark Luft. Die Slogans waren unter anderem &#8222;Bei   Abriss Aufstand,&#8220; &#8222;Oben bleiben,&#8220; &#8222;Wessen Bahnhof? Unser Bahnhof!&#8220;   &#8222;Schuster weg! Mappus weg!&#8220;<\/p>\n<h4>  Um 1.00 Uhr ging die Menge vom Bahnhof und der Kreuzung auf der Stra&#223;e   in Richtung Innenstadt, um diese bis um 3.00 Uhr unpassierbar zu machen.<\/h4>\n<h4>  Wie weiter?<\/h4>\n<p>  Die Taktik der S21-Strategen geht nicht auf. Eine spontane Demonstration   am Samstag mit 2.000 TeilnehmerInnen zeigte, dass der Mut ungebrochen   ist. Eher setzt sich eine Durchhaltestimmung durch. Die AktivistInnen   sind sich sicher, dass dies kein endg&#252;ltiger Bauzaun ist und dass das   Projekt durch den weiteren Aufbau des Widerstands verhindert werden   kann. Der Demonstrationszug ging unter den ohnm&#228;chtigen Augen der   Polizei durch die K&#246;nigsstra&#223;e, die eine sehr belebte Einkaufsstra&#223;e in   Stuttgart ist, zum Rathaus und letztendlich auch ins Rathaus. Das macht   ganz deutlich &#8211; Jetzt erst recht!<\/p>\n<p>  Entgegen den Erwartungen der Politik sind die Proteste noch steigerbar.   F&#252;r das Wochenende sind jeweils zwei zentrale &#8222;Schwabenstreiche&#8220;   geplant. F&#252;r die kommende Montagsdemonstration werden erheblich mehr   TeilnehmerInnen erwartet, als in den letzten Tagen. Die Wut angesichts   kommunaler K&#252;rzungen, Stellenstreichungen und Perspektivlosigkeit bei   den Menschen sind enorm. Sie haben genug. Das Projekt Stuttgart 21 ist   nicht die erste Grausamkeit, die der Kapitalismus den Menschen antut und   bei Weitem nicht das Ende der Fahnenstange. Doch es ist ein besonders   offensichtlicher Teil des kapitalistischen Normalbetriebs. W&#228;hrend sogar   zwei Schulen geschlossen, der Nahverkehr eingeschr&#228;nkt und der Park   teilweise abgerissen werden sollen, ist geplant, durch dieses Projekt   bis zu 14 Milliarden. Euro auszugeben. Dies st&#246;&#223;t sogar in den Reihen   der S21-Parteien und auf Bundesebene auf Unmut, da sich einige   Interessensvertreter des Kapitals an ihrem Standort zu kurz gekommen   f&#252;hlen.<\/p>\n<p>  Die Bewegung muss jetzt noch massiver werden. Doch was ihr fehlt, ist   eine klar antikapitalistische, sozialistische Perspektive. Ebenfalls ist   es nun notwendig, gr&#246;&#223;ere Teile der Jugend f&#252;r den Widerstand gegen   Stuttgart 21 zu gewinnen, die ein klares Verst&#228;ndnis davon haben, dass   es nicht nur um, oder besser gesagt, gegen S21 geht, sondern um ein   System, das dahinter steckt. Mitglieder der SAV sind beim Aufbau der   &#8222;Jugendoffensive gegen Stuttgart 21&#8220; zusammen mit Linksjugend [&#8217;solid]   Stuttgart aktiv, um ein Bewusstsein daf&#252;r zu schaffen, dass die   dauerhafte Verhinderung von solchen Prestigeprojekten, die niemanden   etwas bringen, au&#223;er der Brieftasche der Kapitalisten nur durch eine   Abschaffung des Kapitalismus erreicht werden kann. Es gilt eine   demokratisch geplante Infrastruktur aufzubauen, in der der   Schienenverkehr so ausgebaut und bezahlbar ist, dass JedeR ihn nutzen   kann. Der Verkehr muss im Interesse der Mehrheit ausgebaut werden und   darf kein Spekulationsobjekt von einer verschwindenden Minderheit von   Kapitalisten sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      4.000 GegnerInnen von Stuttgart 21 protestieren spontan gegen den Abriss<br \/>\n      des Nordfl&#252;gels\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[56,58],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13808"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13808"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13808\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13808"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13808"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13808"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}