{"id":13798,"date":"2010-08-24T16:00:00","date_gmt":"2010-08-24T16:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13798"},"modified":"2010-08-24T16:00:00","modified_gmt":"2010-08-24T16:00:00","slug":"13798","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/08\/13798\/","title":{"rendered":"Ist die Euro&#8211;Krise vorbei?"},"content":{"rendered":"<p>  Erst wenige Monate ist es her, dass Griechenland nur um Haaresbreite an   einem Staatsbankrott vorbeischrammte.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>Panik ergriff die Euro-Zone. Auch &#252;ber Portugal, Irland, Italien und   Spanien sah man den Pleitegeier kreisen. Wie ein Schwelbrand schien sich   die Schuldenkrise durch das Geb&#228;lk der Weltwirtschaft zu fressen.   Mittlerweile hat sich der Sturm gelegt. Der Euro notiert wieder bei 1,30   US-Dollar. Spanische Staatsanleihen gehen weg wie warme Semmel. Ein   europ&#228;isches Geldhaus nach dem anderen kommt unbeschadet durch den   Banken-Stresstest. Also alles nur ein Sturm im Wasserglas?<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Aron Amm, Berlin<\/i><\/h4>\n<p>  Die j&#252;ngste Krise des Euro war die dramatischste seit seinem Start 1999.   Kein Wunder, wurzelte sie doch in der tiefsten Krise des Kapitalismus   seit 80 Jahren. Zum ersten Mal seit 1945 schrumpfte das globale   Sozialprodukt. Der Welthandel brach 2009 um zw&#246;lf Prozent ein, die   Produktion ging um &#252;ber zehn Prozent zur&#252;ck. Allein der Umsatz in der   Autoindustrie &#8211; neben der Elektrobranche der gr&#246;&#223;te industrielle Sektor   &#8211; st&#252;rzte 2009 um 17 Prozent ab. Und das, obwohl von staatlicher Seite   250 Milliarden US-Dollar in diese Branche gesteckt wurden.<\/p>\n<h4>  Neues Stadium der Krise<\/h4>\n<p>  Mit den Turbulenzen auf dem US-H&#228;usermarkt hatte die   Weltwirtschaftskrise 2007 ihren Lauf genommen. 2008 geriet eine Gro&#223;bank   nach der anderen in Schieflage. 2009 m&#252;ndete die Finanzkrise in eine   Krise der &#8222;Realwirtschaft&#8220;.<\/p>\n<p>  Nachdem die isl&#228;ndische Staatskrise noch als Sonderfall abgetan worden   war, d&#228;mmerte den Kapitalisten mit den Ereignissen um Griechenland in   diesem Fr&#252;hjahr und sp&#228;testens mit dem 750-Milliarden-Euro-Schirm zur   Rettung der Gemeinschaftsw&#228;hrung: Die Zahlungsunf&#228;higkeit ganzer   Volkswirtschaften ist eine reale Gefahr! Der Internationale   W&#228;hrungsfonds (IWF) sch&#228;tzt, dass das durchschnittliche Staatsdefizit in   der OECD, den f&#252;hrenden Industriestaaten, in zwei bis drei Jahren die   100-Prozent-Marke, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP), &#252;bertrifft.<\/p>\n<p>  Damit ist die Krise in den vergangenen Monaten in ein neues Stadium   getreten. Mit den Bankenrettungspaketen und Konjunkturprogrammen waren   private Schulden &#8222;verstaatlicht&#8220; worden. Dabei hingen den meisten   Staaten bereits schwere Schuldenlasten wie M&#252;hlsteine um den Hals;   Schulden der &#246;ffentlichen Hand, die sich seit dem Ende des   kapitalistischen Nachkriegsaufschwungs Mitte der siebziger Jahre   angeh&#228;uft hatten. Zu dieser Verschuldung der Staaten kam seit Mitte der   neunziger Jahre eine Schuldeneskalation bei Privathaushalten und   Konzernen. Durch Kredite und Hypotheken sollten Verbraucher einen Konsum   finanzieren, den sie sich auf Grund sinkender Einkommen gar nicht   leisten konnten. Zudem luden sich Unternehmen vermehrt Schulden auf,   nicht um neue Investitionen, sondern um Firmenaufk&#228;ufe oder   Dividendensteigerungen zu realisieren.<\/p>\n<p>  Allein im Euro-Raum stiegen die Schulden von Verbrauchern und Konzernen   in den letzten zehn Jahren um acht Billionen Euro. Seit 2007 wurden in   Europa weit mehr als eine Billion Euro zur Rettung von Banken   ausgegeben. Damit wurden faktisch faule private Schulden auf die   &#246;ffentliche Hand &#252;bertragen. Nat&#252;rlich nicht zum Segen der Kleinanleger,   sondern der &#8222;Bankster&#8220; (wie der US-Staatsanwalt Ferdinand Pecola in der   Gro&#223;en Depression die m&#228;chtigen Bankiers geschimpft hatte). Der   Schuldenstand der Euro-Staaten erh&#246;hte sich auf fast 90 Prozent (dabei   war bei der Einf&#252;hrung des Euro in den &#8222;Maastricht-Kriterien&#8220; eine   Obergrenze von 60 Prozent festgelegt worden).<\/p>\n<h4>  &#8222;Spar&#8220;-Weltmeisterschaft<\/h4>\n<p>  Bankenrettungsschirme, Konjunkturprogramme und die Geldpolitik der   Notenbanken vereitelten ein Umschlagen der Rezession in einen kompletten   Kollaps. Noch vor geraumer Zeit h&#228;tte man erwarten k&#246;nnen, dass beim   Regierungstreffen der 20 m&#228;chtigsten Staaten, dem G-20-Gipfel in   Toronto, Feierlaune angesagt sein d&#252;rfte. Stattdessen stand den meisten   Staatschefs bei ihrer Zusammenkunft im Juni jedoch die Angst vor einer   Zahlungsunf&#228;higkeit und &#8222;griechischen Verh&#228;ltnissen&#8220; ins Gesicht   geschrieben. W&#228;hrend US-Pr&#228;sident Barack Obama, der mit seinen   &#8222;Demokraten&#8220; bei den Kongresswahlen im November ein Debakel f&#252;rchten   muss, weitere Konjunkturma&#223;nahmen erw&#228;gt, setzen die meisten   europ&#228;ischen Vertreter auf einen Kurswechsel hin zu &#8222;Sparpaketen&#8220;.   Allerdings k&#246;nnte sich ihre &#8222;Medizin&#8220; schlimmer als die &#8222;Krankheit&#8220;   erweisen. Zu Recht verweisen Teile der B&#252;rgerlichen warnend auf die   Folgen der Spar- beziehungsweise Kahlschlagspolitik unter US-Pr&#228;sident   Herbert Hoover oder Reichskanzler Heinrich Br&#252;ning in der   Weltwirtschaftskrise zu Beginn der drei&#223;iger Jahre.<\/p>\n<p>  In Griechenland sollen die Schulden bis 2013 &#8222;um rund 30 Milliarden Euro   gedr&#252;ckt werden; das entspricht rund 13 Prozent der griechischen   Wirtschaftsleistung&#8220; (FAZ vom 27. Mai). Die neue konservative Regierung   Gro&#223;britanniens will die Etats aller Ressorts um bis zu 40 Prozent   beschneiden, 750.000 Arbeitspl&#228;tze im &#214;ffentlichen Dienst stehen vor dem   Aus. Europaweit soll der &#214;ffentliche Dienst sturmreif geschossen werden   &#8211; was aber auch massive Auswirkungen auf den Privatsektor haben wird (so   sind dadurch allein in Gro&#223;britannien Hunderttausende Stellen gef&#228;hrdet).<\/p>\n<h4>  Globale Ungleichgewichte<\/h4>\n<p>  Am 13. Juli &#252;berschrieb Martin Wolf in der Financial Times einen   Kommentar mit &#8222;Drei Jahre und neue Bruchlinien drohen&#8220;. Darin empfiehlt   er das neue Buch &#8222;Fault Lines&#8220; vom fr&#252;heren IWF-Chef&#246;konom Raghuram   Rajan und nennt zwei zentrale Risiken f&#252;r die Weltwirtschaft: zum einen   &#8222;den deflation&#228;ren Druck&#8220; (im Zuge der Kapitalvernichtung), zum anderen   die alarmierenden Ungleichgewichte in Wirtschaft und Handel auf   Weltebene. Rajan, und mit ihm Wolf, verweisen darauf, dass die   Exportabh&#228;ngigkeit von China oder Deutschland auf der einen, und die auf   Pump ausgeweitete Konsumt&#228;tigkeit von Staaten wie den USA, aber auch   Irland oder Spanien auf der anderen Seite, eine grundlegende &#246;konomische   Erholung extrem erschweren.<\/p>\n<p>  In den USA reduzierte die &#8222;Deindustrialisierung&#8220; den Anteil der   Besch&#228;ftigten im verarbeitenden Gewerbe seit 1989 von 17 auf neun   Prozent. In der Bundesrepublik ist dieser Anteil noch rund drei Mal so   hoch (darum schrumpfte die deutsche Wirtschaft in der Rezession 2009 mit   minus f&#252;nf Prozent besonders stark, berappelt sich dank der   Konjunkturprogramme in diesem Jahr besser als andere Staaten, l&#228;uft   jedoch Gefahr, mit den international aufgelegten &#8222;Sparpaketen&#8220; wieder   besonders gebeutelt zu werden).<\/p>\n<p>  Die daraus resultierenden gewaltigen Leistungsbilanzdefizite von L&#228;ndern   wie den USA werden immer brisanter. Schlie&#223;lich sind die Vereinigten   Staaten und andere zur Finanzierung ihrer Fehlbetr&#228;ge fortw&#228;hrend auf   ausl&#228;ndisches Kapital angewiesen &#8211; das in Crash-Zeiten immer schwieriger   aufzutreiben ist. Die unterschiedliche Struktur der &#214;konomien verhindert   jedoch, dass die Bundesrepublik einfach mehr importiert und die USA   pl&#246;tzlich mit aller Kraft auf die Warenausfuhr bauen k&#246;nnen.<\/p>\n<p>  Gleichzeitig f&#252;hren diese Ungleichgewichte zu wachsenden Konflikten   zwischen Deutschland (sowie China) und den USA, aber auch innerhalb der   Europ&#228;ischen Union (EU). Am 21. Mai titelte die FAZ   &#8222;Deutsch-franz&#246;sische Spannungen&#8220; und kommentierte unter anderem die   Haltung der franz&#246;sischen Finanzministerin Christine Lagarde: &#8222;Schon   ihre Forderung, dass die Deutschen &#8218;ein kleines bisschen&#8216; mehr f&#252;r ihren   Konsum tun k&#246;nnten, erhitzte die Gem&#252;ter &#246;stlich des Rheins.&#8220;   Deutschland und Frankreich sind die beiden zentralen M&#228;chte im   Euro-Raum. Immer schwieriger f&#228;llt es ihnen, ihre Rivalit&#228;t zu   verbergen. Im Fall eines Scheiterns des Euro k&#246;nnten sich ihre   gegenseitigen Spannungen dramatisch versch&#228;rfen.<\/p>\n<h4>  Konkurrenzkampf<\/h4>\n<p>  Das 750-Milliarden-Programm zur Rettung des Euro war das Produkt   hektischer transatlantischer Telefonate und Treffen am zweiten   Mai-Wochenende. So klingelte Obama sowohl Kanzlerin Angela Merkel als   auch Frankreichs Pr&#228;sident Nicolas Sarkozy an. Warum? Ist dem Wei&#223;en   Haus so sehr an der Zukunft der Euro-Zone gelegen?<\/p>\n<p>  F&#252;r die US-Kapitalisten sind die Euro-Staaten Kontrahenten um Macht,   M&#228;rkte und Rohstoffe. Aber in diesem Fr&#252;hsommer &#252;berwog in Washington   die Angst davor, dass mit einem Scheitern Griechenlands und   m&#246;glicherweise des Euro der gesamte Weltfinanzmarkt, und damit auch der   Dollar-Raum, aus den Fugen geraten k&#246;nnte. Trotz dieses gemeinsamen   Krisenmanagements bleiben die zwischenimperialistischen Konflikte   bestehen und versch&#228;rfen sich noch. Dies widerspiegelt sich im   Protektionismus, der unter den G-20-Staaten um sich zu greifen beginnt.<\/p>\n<p>  W&#228;hrend die EU-Staaten versuchen, gegen die Konkurrenten aus &#220;bersee   zusammen zu halten, nehmen die Rivalit&#228;ten untereinander, so j&#252;ngst   zwischen Deutschland und Griechenland, stetig zu. Das deutsche Kapital   profitierte von Griechenland durch den Euro doppelt. Erst konnten sie   ihren Export in den Mittelmeerraum ausbauen, weil Griechenland nicht   mehr wie fr&#252;her ihre W&#228;hrung abwerten konnte, um die eigenen Waren zu   verbilligen (Griechenland wurde vom Netto-Exporteur zum   Netto-Importeur). Dann lie&#223; sich am Besitz griechischer Staatsanleihen   dank der steigenden Zinsen (angesichts des erh&#246;hten Ausfallrisikos) gut   verdienen. Das bereitete den Boden f&#252;r die j&#252;ngsten Auseinandersetzungen   &#8211; bei denen Merkel und Co. darauf pochten, dass die griechische   Regierung ausreichend Mittel auftreibt, um die Gl&#228;ubiger, nicht zuletzt   die deutschen Banken, vor dem Verlust ihrer Zinsen und Kredite zu   bewahren.<\/p>\n<h4>  Gr&#252;ndung der Euro-Zone<\/h4>\n<p>  Seit hundert Jahren ist der Kapitalismus von einem elementaren   Widerspruch gekennzeichnet: Zwar wurde ein Weltmarkt geschaffen, die   Produktivkr&#228;fte (Produktionsmittel und menschliche Arbeitst&#228;tigkeit)   streben nach internationaler Arbeitsteilung, globaler Produktion und   weltweitem Austausch &#8211; zur selben Zeit beschr&#228;nkt jedoch die   Fortexistenz der Nationalstaaten die weitere Produktivkraftentwicklung.<\/p>\n<p>  Mit der Schaffung einer gemeinsamen W&#228;hrung und eines gemeinsamen   Binnenmarktes wollten die europ&#228;ischen Kapitalistenklassen Hemmnisse wie   W&#228;hrungsschwankungen, unterschiedliche Zinss&#228;tze, Z&#246;lle oder Regularien,   zum Beispiel beim Arbeitsrecht, aus dem Weg r&#228;umen. Es galt, einen   attraktiven Kapitalanlageplatz zu schaffen. Zudem sollte durch solch   einen Wirtschafts- und W&#228;hrungsraum eine Gegenmacht zu den   Handelsbl&#246;cken in Nordamerika (NAFTA) und in S&#252;doastasien geschaffen   werden. Dar&#252;ber hinaus erhoffte man sich, unter dem Deckmantel einer   angeblichen &#8222;Europ&#228;isierung&#8220; die Umverteilung von unten nach oben   forcieren zu k&#246;nnen. Aus diesem Grund bezeichnete der damalige   Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) vor der Euro-Einf&#252;hrung auch den   &#8222;Weg ein St&#252;ck weit als das Ziel&#8220;.<\/p>\n<p>  Der erste bedeutende Vorl&#228;ufer des Euro war die &#8222;W&#228;hrungsschlange&#8220; der   damaligen Europ&#228;ischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Dieses Konstrukt   kollabierte in der internationalen Rezession 1973\/74. Der zweite   Euro-Vorl&#228;ufer, das 1979 etablierte Europ&#228;ische W&#228;hrungssystem (EWS)   &#252;berstand die Weltwirtschaftskrise 1979-82 noch knapp. Wurde dann aber   in den W&#228;hrungsturbulenzen der Krise Anfang der Neunziger aus den Angeln   gehoben.<\/p>\n<p>  Am Ende des Zweiten Weltkriegs war das Bretton-Woods-Abkommen ins Leben   gerufen worden. Der US-Dollar wurde in der kapitalistischen Welt   Leitw&#228;hrung und war durch die Goldvorr&#228;te der USA gedeckt. Auf dieser   Basis konnten international stabile Wechselkurse erreicht werden. So wie   die &#8222;W&#228;hrungsschlange&#8220; und das EWS in Rezessionen zerbrachen, so war   schon das Bretton-Woods-Abkommen an Vorabend der Weltwirtschaftskrise   1973\/74 auseinander geflogen.<\/p>\n<p>  Der Startschuss f&#252;r den Euro fiel 1999: Seinerzeit ging die Geldpolitik   innerhalb der Europ&#228;ischen W&#228;hrungsunion (EWU) in die H&#228;nde der   Europ&#228;ischen Zentralbank (EZB) &#252;ber. Drei Jahre galten unwiderruflich   feste Wechselkurse. 2002 wurde dann der Euro in der EWU allgemein   g&#252;ltiges Zahlungsmittel. Heute geh&#246;ren 16 der 27 EU-Staaten der   Euro-Zone an.<\/p>\n<p>  Die Euro-Einf&#252;hrung gelang, weil der Wirtschaftsabschwung vor knapp zehn   Jahren von den Herrschenden damals stark abgefedert werden konnte. Aber   diese Gemeinschaftsw&#228;hrung wird nicht dauerhaft Bestand haben.   Allerdings ist der Euro das zentrale Projekt der Kapitalisten Europas,   allen voran der deutschen Bourgeoisie. Darum werden diese Himmel und   H&#246;lle in Bewegung setzen, die Euro-Zone zu verteidigen. Bis der Preis   daf&#252;r irgendwann zu hoch wird. Das muss nicht zwangsl&#228;ufig in den   kommenden Monaten passieren. Es ist aber davon auszugehen, dass bei der   n&#228;chsten gravierenden finanzwirtschaftlichen Ersch&#252;tterung mehrere   Staaten den Euro-Raum verlassen m&#252;ssen, womit der Euro in der heutigen   Form beerdigt w&#252;rde. Zu Recht konstatierte Bettina Schulz schon im   Hinblick auf einen m&#246;glichen Exit Griechenlands in der FAZ am 26. April:   Allein &#8222;ein Rauswurf Griechenlands aus der W&#228;hrungsunion w&#228;re fatal,   denn die M&#228;rkte w&#252;rden sofort andere Peripheriel&#228;nder wie Portugal   massiv unter Druck setzen, dass die W&#228;hrungsunion nicht mehr zu halten   w&#228;re.&#8220;<\/p>\n<h4>  Nationalstaaten<\/h4>\n<p>  Solange der Kapitalismus besteht, solange werden Nationalstaaten weiter   existieren. Die Nationalstaaten haben sich beim &#220;bergang vom Feudalismus   zum Kapitalismus herausgebildet, zur &#220;berwindung der Kleinstaaterei. Zur   &#8222;Geschichte&#8220; der einzelnen Nationalstaaten geh&#246;rt in der Regel ein   eigenes Territorium, eine eigene Sprache, kulturelle Traditionen und   vieles mehr.<\/p>\n<p>  Zwar ist das Streben nach Globalisierung in diesem System von Beginn an   angelegt, doch k&#246;nnen die einzelnen Unternehmen nicht &#8222;v&#246;llig losgel&#246;st&#8220;   agieren. Die mit einander konkurrierenden Einzelkapitalien und   nationalen Kapitalgruppen ben&#246;tigen die R&#252;ckzugsm&#246;glichkeit auf ihre   historisch entstandene, nationalstaatliche Basis. Die Kapitalbesitzer   ben&#246;tigen ihren eigenen staatlichen Rahmen als St&#252;tze, um ihre   Interessen politisch, juristisch, milit&#228;risch, ideologisch abzusichern.   Ihrem Staatsapparat kommt die Funktion zu, ihre Fabriken, ihr Kapital   nach innen (gegen die Arbeiterklasse) und nach au&#223;en zu verteidigen.   Darauf sind auch Multis wie Siemens (mit einem Gro&#223;teil ihrer   Besch&#228;ftigten im Ausland) angewiesen.<\/p>\n<p>  Eine gemeinsame W&#228;hrung mehrerer Staaten setzt eine gemeinsame Geld- und   Zinspolitik voraus. Zwar ist eine Angleichung finanz- und auch   wirtschaftspolitischer Ma&#223;nahmen verschiedener Staaten &#252;ber einen   gewissen Zeitraum m&#246;glich. Aber auf Dauer, erst Recht in Krisenzeiten,   wird sich ein solcher gemeinsamer Kurs rivalisierender Nationalstaaten   nicht durchhalten lassen.<\/p>\n<p>  Jahrelang gewann die Europ&#228;ische Kommission innerhalb der EU an Gewicht.   Nicht zuletzt, um durch den Aufbau einer intransparenten, nicht   kontrollierbaren EU-Struktur Widerstand zu erschweren, gingen mehr und   mehr nationale Befugnisse an die Europ&#228;ische Kommission &#252;ber. Bis zum   Beginn der aktuellen Krise. Bei den EU-Krisentreffen, die inzwischen zu   einem Dauerzustand geworden sind, wurden K&#246;pfe wie der   Kommissionspr&#228;sident Jos&#233; Manuel Barroso zu Zaung&#228;sten degradiert. Als   die Rettungspakete geschn&#252;rt wurden, hatten Merkel und Sarkozy pl&#246;tzlich   das alleinige Sagen. Damit liegt die angestrebte &#8222;politische Union&#8220; &#252;ber   Nacht in Tr&#252;mmern.<\/p>\n<p>  Auf wirtschaftlicher Ebene sind die divergierenden Kr&#228;fte ebenfalls   vorherrschend geworden. Manche schw&#228;cheren Staaten sehnen sich   beispielsweise danach zur&#252;ck, mittels Abwertungen ihrer W&#228;hrung &#8211; so wie   das Italien mit der Lira fr&#252;her betreiben konnte &#8211; z&#252;gig die   Absatzchancen ihrer Waren im Ausland zu verbessern.<\/p>\n<p>  In der &#196;ra der Globalisierung erwarteten viele Linke, dass sich der   Prozess geradlinig fortschreiben lie&#223;e und der Euro Bestand haben w&#252;rde.   Demgegen&#252;ber geh&#246;rten die Mitglieder der SAV und des CWI zu denjenigen,   die korrekt analysierten, dass die Gemeinschaftsw&#228;hrung nicht von Dauer   sein kann. Gerade unser marxistisches Verst&#228;ndnis von der Rolle und   Bedeutung der Nationalstaaten im kapitalistischen Rahmen trug zu dieser   Schlussfolgerung bei.<\/p>\n<h4>  Wirtschaftsaussichten<\/h4>\n<p>  Die Zukunft des Euro steht und f&#228;llt mit den Perspektiven f&#252;r die   Weltwirtschaft. Nat&#252;rlich folgt auf jede Krise fr&#252;her oder sp&#228;ter eine   Erholung. Aber so wie der kapitalistische Nachkriegsboom 1950 bis 1973   von kurzen Abschw&#228;chungen unterbrochen wurde, so ist heute wiederum von   einer langgezogenen Niedergangsperiode auszugehen, die von schw&#228;chlichen   Aufschw&#252;ngen unterbrochen wird. Paul Krugman stellte in der &#8222;New York   Times&#8220; vom 27. Juni die These auf, dass wir heute mit der &#8222;dritten   Depression&#8220; in der Geschichte des Kapitalismus konfrontiert sind &#8211; die   mehr Parallelen zu der ausgedehnteren Krisenperiode, &#8222;zu den Jahren von   Deflation und Instabilit&#228;t, die auf die Panik 1873 folgten&#8220; als zu der   demgegen&#252;ber k&#252;rzeren Gro&#223;en Depression nach 1929 aufweist.<\/p>\n<p>  Die heutige &#246;konomische Erholung wird bisher vor allem durch ein   Auff&#252;llen der Lagerbest&#228;nde bestimmt. Wie fragil diese Erholung ist,   zeigt sich allein daran, dass die Autoindustrie weiterhin mit 30 bis 40   Prozent &#220;berkapazit&#228;ten belastet ist.<\/p>\n<p>  Der Banken-Stresstest Mitte Juli war nicht viel mehr als ein   Freizeittest. Ein echtes Krisenszenario w&#252;rden die Herrschenden niemals   &#246;ffentlich durchspielen, denn &#8222;dann k&#246;nnte gerade die Ver&#246;ffentlichung   das Vertrauen der Kunden in ihre Banken zerst&#246;ren und die gef&#252;rchtete   Systemkrise herbeif&#252;hren&#8220; (Gerald Braunberger in der FAZ vom 24. Juli).   Immer noch ist der Geldmarkt gest&#246;rt, oft legen europ&#228;ische Banken   lieber ihr Geld bei der EZB an, anstatt es anderen Banken zu leihen.   Trotz der drei Billionen US-Dollar, die seit 2007 in die Banken Europas   und der USA gepumpt wurden, lagern bei ihnen mit Sicherheit noch   Billionen fauler Kredite.<\/p>\n<p>  Die Gefahr eines &#8222;Double Dip&#8220;, eines erneuten Eintauchens in die   Rezession, ist keineswegs gebannt. Gerade die Serie von &#8222;Sparpaketen&#8220;   kann die kaufkr&#228;ftige Nachfrage abrupt abw&#252;rgen. Hinzu kommen die Sorgen   um die spekulativen Blasen und &#220;berkapazit&#228;ten in Asien, prim&#228;r China.   Auch neue Finanzkrisen k&#246;nnen jederzeit eintreten, denn &#8222;wir haben uns   entschieden, die Welt mit Geld zu &#252;berschwemmen&#8220;, wie der &#214;konom Nouriel   Roubini im SPIEGEL 19\/2010 erkl&#228;rte. &#8222;Nun laufen wir Gefahr, dass wir   damit neue &#220;bertreibungen zulassen.&#8220;<\/p>\n<h4>  Europaweite Protestwelle<\/h4>\n<p>  Mit dem Euro haben sich die Mitgliedsstaaten in ein enges   finanzpolitisches Korsett pressen lassen. Nicht nur &#246;konomische   Ersch&#252;tterungen, auch innenpolitische Krisen oder ein Aufschwung von   Klassenk&#228;mpfen &#8211; und daraus folgende panikartige, unabgestimmte   Handlungen der Euro-L&#228;nder &#8211; k&#246;nnen dieses Korsett aufrei&#223;en.<\/p>\n<p>  Nicht nur &#246;konomisch ist mit der Schuldenkrise ein neues Stadium   erreicht, auch der sich gegen die K&#252;rzungswelle formierende Widerstand   nimmt eine neue Qualit&#228;t an: mit den sechs griechischen Generalstreiks   in sechs Monaten, den beiden landesweiten Protesttagen in Frankreich,   einer Massendemonstration in Lissabon und den in Spanien f&#252;r den 29.   September, dem Aktionstag des Europ&#228;ischen Gewerkschaftsbundes (EGB),   angek&#252;ndigten Generalstreik. ArbeiterInnen k&#246;nnten sich in n&#228;chster Zeit   &#252;ber L&#228;ndergrenzen hinweg verst&#228;rkt gegenseitig inspirieren.<\/p>\n<p>  Erschwert wird der Protest durch die fatale Rolle der   Gewerkschaftsb&#252;rokratie. So behauptete der Vorsitzende des EGB, John   Monks, dass &#8222;einige L&#228;nder, wie Irland, Ungarn, das Baltikum, keine   Wahl&#8220; h&#228;tten, und &#8222;K&#252;rzungen umsetzen&#8220; m&#252;ssten. Das Fehlen   k&#228;mpferischer, sozialistischer Arbeiterparteien tr&#228;gt mit dazu bei, dass   &#8211; nach der b&#252;rgerlichen Offensive der letzten 20 Jahre &#8211; gro&#223;e Teile der   Arbeiterklasse verunsichert, aber auch vom Ausma&#223; der Krise   eingesch&#252;chtert sind.<\/p>\n<h4>  W&#228;hrungschaos<\/h4>\n<p>  Griechenlands BIP macht weniger als f&#252;nf Prozent des Sozialprodukts der   Euro-Zone aus. Trotzdem sendete die griechische Krise von Rom bis Dublin   Schockwellen aus. M&#246;glich ist aber auch, dass die Euro-Zone nicht an   einem ihrer schw&#228;chsten Glieder bricht, sondern ein &#246;konomisches   Schwergewicht den Anfang vom Ende des Euro einleitet (was gerade durch   eine Zuspitzung der Konflikte zwischen Frankreich und der Bundesrepublik   eintreten k&#246;nnte). Vorstellbar ist, dass dann ein Rumpf-Euro &#252;berlebt,   so wie &#214;sterreich und die Benelux-Staaten zum Beispiel lange Zeit eng   mit der DM verbunden waren.<\/p>\n<p>  Vor der Euro-Krise schw&#228;chelte der Dollar letztes Jahr. Damals wurde   spekuliert, ob der Euro nicht das Zeug zu einer international   aufstrebenden, stabilen W&#228;hrung h&#228;tte. Dies erwies sich als Trugschluss.   Langfristig dr&#252;ckt sich die St&#228;rke einer Wirtschaft immer auch in der   St&#228;rke ihrer W&#228;hrung aus. Mit dem Niedergang Gro&#223;britanniens als   f&#252;hrender kapitalistischer Macht im vergangenen Jahrhundert setzte der   Siegeszug der USA ein. Das Weltfinanzzentrum verlagerte sich von London   an die Wall Street. In der heutigen Krise ist keine neue, aufsteigende   Macht auszumachen, die in die Fu&#223;stapfen der USA treten kann &#8211; weil sich   alle f&#252;hrenden Industriestaaten (einschlie&#223;lich China) enormen,   ungel&#246;sten Problemen gegen&#252;bersehen. Die kommenden Jahre werden von   W&#228;hrungsturbulenzen, von unw&#228;gbaren wirtschaftlichen und   finanzmarktpolitischen Entwicklungen, von verunsicherten Kapitalanlegern   und von zunehmenden Spannungen zwischen den kapitalistischen Staaten   international, und innerhalb Europas, gepr&#228;gt sein.<\/p>\n<p>  Die seitens der EU vielgepriesene &#8222;Einheit Europas&#8220; ist nichts als eine   Worth&#252;lse. In der Konkurrenzwirtschaft ist eine Einheit Europas v&#246;llig   ausgeschlossen. Eine &#8222;Einheit Europas&#8220; ist nur auf sozialistischer Basis   m&#246;glich. Denn die abh&#228;ngig Besch&#228;ftigten haben keine entgegengesetzten,   sondern gemeinsame Interessen. Es steht an, die zu Beginn des 20.   Jahrhunderts in der Arbeiterbewegung popul&#228;re Forderung nach den   &#8222;vereinigten sozialistischen Staaten von Europa&#8220; (so zum Beispiel im   Heidelberger Programm der SPD von 1925 formuliert), besser noch nach   einer sozialistischen F&#246;deration Europas, also einem freiwilligen,   demokratischen Zusammenschluss mit weitreichenden Autonomierechten f&#252;r   alle Minderheiten &#8211; als Alternative zum Europa der Banken und Konzerne &#8211;   heute wieder bekannt zu machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Erst wenige Monate ist es her, dass Griechenland nur um Haaresbreite an<br \/>\n      einem Staatsbankrott vorbeischrammte.\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[46],"tags":[228],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13798"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13798"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13798\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13798"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13798"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13798"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}