{"id":13780,"date":"2010-07-16T00:00:00","date_gmt":"2010-07-16T00:00:00","guid":{"rendered":".\/?p=13780"},"modified":"2010-07-16T00:00:00","modified_gmt":"2010-07-16T00:00:00","slug":"13780","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/2010\/07\/13780\/","title":{"rendered":"Ergreifend ehrlich, schonungslos real"},"content":{"rendered":"<p>  Buchvorstellung: David King &#8211; Roter Stern &#252;ber Russland<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\n &nbsp; <\/p>\n<p>  <b>&#187;Man m&#252;&#223;te das niederschreiben, sonst wird man es sp&#228;ter entstellen.&#171;   Mit einer scherzhaft-hoffnunglosen Geb&#228;rde winkte Lenin ab: &#187;Man wird   sowieso l&#252;gen ohne Ende.&#171;&#8220;(Leo Trotzki, &#220;ber Lenin) Lenin sollte mit   diesem Zitat Recht behalten. Was f&#252;r Geschichtsb&#252;cher und Dokumente   galt, h&#246;rte bei der Bildgeschichte nicht auf. Die Geschichte der   Sowjetunion lie&#223;e sich an der Geschichte von gef&#228;lschten Fotos und   Bildern erz&#228;hlen. David King dagegen, wirft mit seinem Buch &#8222;Roter Stern   &#252;ber Russland&#8220;, das im Juni auf deutsch erschien, einen atemberaubenden   Blick hinter die Kulissen und pr&#228;sentiert einen realen Einblick in das   erst revolution&#228;re und sp&#228;ter stalinistische Russland.<\/b><\/p>\n<h4>  <i>von Michael Koschitzki, Berlin<\/i><\/h4>\n<h4>  <img src=\"\/media\/img\/54.jpg\" style=\"width: 400px; height: 295px\" alt=\"\">  <br \/>  <\/h4>\n<p>  <i>Rote Garden Oktober 1917<\/i><\/p>\n<p>  Kings Bildband zeigt 36 Jahre sowjetischer Geschichte. Angefangen bei   der Februar-Revolution 1917 stellt er Personen und Ereignisse des   Oktober-Umsturzes, des B&#252;rgerkriegs, der Kollektivierung, den Terror der   30er Jahre, den Zweiten Weltkrieg und den Tod Stalins dar. Er verwendet   daf&#252;r rund 550 Fotografien, Plakate, Bilder, Postkarten und Dokumente,   die erkl&#228;rt und eingeordnet werden. Mit zugespitzten, auf Fakten   konzentrierten Kommentaren erkl&#228;rt David King die Geschichte der   Russischen Revolution und ihrer Degeneration unter Stalin.<\/p>\n<h4>  Oktober-Revolution<\/h4>\n<p>  Die Russische Oktober-Revolution 1917 war die erste, erfolgreiche   sozialistische Revolution in der Geschichte. In Form von R&#228;ten, das   hei&#223;t Fabrikkomitees, die zu ihrer Vertretung im h&#246;heren Gremium   jederzeit abw&#228;hlbare Repr&#228;sentanten ohne Privilegien schickten, kam die   Arbeiterklasse das erste Mal an die Macht. Einerseits wirft David King   ein Licht auf die bolschewistischen Arbeiterinnen und Arbeiter, die in   den Kampf f&#252;r die sozialistische Revolution getreten waren; zeigt ihr   Selbstbewusstsein sowie ihre nat&#252;rlichen menschlichen Seiten, &#196;ngste und   N&#246;te. Andererseits zeigt &#8222;Roter Stern &#252;ber Russland&#8220; eine Vielzahl von   Werken der K&#252;nstlerInnen und GraphikerInnen der Revolutionszeit.<br \/>&#160;<img src=\"\/media\/img\/74.jpg\" style=\"width: 400px; height: 295px\" alt=\"\"><\/p>\n<p>  Chronologisch zeigt er auch den Niedergang der Revolutionskunst. Nachdem   die Russische Revolution isoliert blieb und beschr&#228;nkt auf ein Land,   dass fast sechzehn mal so viele B&#228;uerInnen hatte, wie ArbeiterInnen,   konnte sich eine B&#252;rokratie erheben, deren Ausdruck die Person Stalin   war. Um ihre Macht zu halten, f&#252;hrte sie einen Krieg gegen die fr&#252;heren   Revolution&#228;re, K&#252;nstlerInnen und Andersdenkende. Exemplarisch wird die   Folter des revolution&#228;ren Regisseurs Meyerhold beschrieben, der nach   einigen Wendungen dem Terror zum Opfer fiel. &#8222;&quot;Der Tod (oh nat&#252;rlich!),   der Tod ist leichter als das!&quot; sagte sich der Angeklagte. Und auch ich   sagte es mir.&quot;&#8220;<\/p>\n<h4>  Bilder eines Arbeiterstaats<\/h4>\n<p>  W&#228;hrend Autoren, wie Robert Service, die ihre Lebensaufgabe darin sehen,   mit L&#252;gen die Russische Revolution zu entfremden, im &#8222;<a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/books\/2010\/may\/23\/visual-history-soviet-past-david-king-review\">The   Observer<\/a>&#8220; &#252;ber David Kings Buch schreiben, die Bolschewiki h&#228;tten   die Geschichte ab 1918 gef&#228;lscht, zeichnet Roter Stern &#252;ber Russland ein   anderes Bild.<\/p>\n<h4>  <img src=\"\/media\/img\/148.jpg\" style=\"width: 400px; height: 608px\" alt=\"\">  <\/h4>\n<p>  <i>Agit-Prop Theater 1921, S. 215, Unterschrift: Wir bauen eine   Luftflotte im Auftrag Lenins, Plakat 1931<\/i><\/p>\n<p>  Sehr deutlich zeigen Bilder und Begleittexte, wieviel Freiheit im   Arbeiterstaat zu Lenins Zeit herrschte. Das Buch ist mit einer Reihe von   Aufnahmen und Bildern versehen, die erstellt wurden, bevor Stalin seine   Macht ausgebaut hat. Sie zeigen den Kontrast zur Einf&#228;ltigkeit der   stalinistischen Propaganda. Diese Aufnahmen, die der stalinistischen   F&#228;lschung nicht die H&#228;nde fielen, zu retten und zu sammeln, ist ein   besonderer Verdienst von Kings Arbeit.<\/p>\n<h4>  David King<\/h4>\n<p>  &#220;ber sich selbst sagt der Autor: &#8222;Schon als Kind verabscheute ich den   Kapitalismus. Ich hielt ihn f&#252;r ungerecht. Auch Religion und Monarchie   war mir zuwider. Als mein Onkel, ein Sozialist, mich &#252;ber das wahre   Wesen der herrschenden Klasse aufkl&#228;rte, war ich mit ihm der Meinung,   dass sie unbedingt gest&#252;rzt werden m&#252;sse. Wie alle Kinder, so tr&#228;umte   auch ich davon, wie das Leben im 21. Jahrhundert sein w&#252;rde. H&#228;tte mir   jemand gesagt, dass es dann immer noch Ungleichheit, Rassismus, K&#246;nige   und K&#246;niginnen und religi&#246;se Fanatiker geben w&#252;rde, die den Planeten   drangsalieren. Ich h&#228;tte ihn f&#252;r verr&#252;ckt erkl&#228;rt.&#8220; (S. 14)<\/p>\n<p>  Der 1943 geborene Designer und Fotohistoriker konnte mit seinem Buch ein   Projekt vollenden, das ihn schon Jahrzehnte besch&#228;ftigte.David King war   Leiter des Kunst-Ressorts bei der Londoner Sunday Times. Im Jahre 1970   f&#252;hrte ihn eine Arbeit &#252;ber Lenin in die Sowjetunion, der er noch   mehrmals einen Besuch abstatten sollte. Seine Recherche brachte ihn   schnell auf Trotzki, der schnell im Mittelpunkt seines Interesses stehen   sollte, &#252;ber den er aber erstmal nicht viel erfahren konnte: &#8222;Doch die   Person, die mich vor allem interessierte, war nirgendwo sichtbar.   Deshalb fragte ich immer wieder: &#8222;Ja, schon, aber wo ist Trotzki?&#8220; oder:   &#8222;Das ist sehr interessant, aber was ist mit Trotzki?&#8220;. In den amtlichen   Fotoarchiven unternahm man sch&#252;chterne Versuche, wenigstens ein einziges   Foto des zweiten F&#252;hrers der russischen Revolution zu finden. Es gab   keines. Man hatte ihn ganz und gar beseitigt, und, wie ich bald   herausfinden sollte, mit ihm auch unz&#228;hlige andere.&#8220;<\/p>\n<h4>  Leo Trotzki<\/h4>\n<p>  Der russische Revolution&#228;r Leo Trotzki stand wie kein Zweiter f&#252;r die   Fortsetzung des Marxismus und von Lenins Ideen nach seinem Tod. Von der   B&#252;rokratie um Stalin herum wurde er deshalb verfolgt und seine Rolle in   der Russischen Revolution aus den Geschichtsb&#252;chern getilgt. David King   machte sich auch zur Aufgabe die Bildgeschichte Leo Trotzkis wieder zu   beleben. Das war nicht leicht. Eine 15-seitige Trotzki Beilage im Sunday   Times Magazine in einer Auflage von 1,5 Millionen wurde von einem Streik   gestoppt, der vermutlich von Stalinisten angezettelt wurde.<\/p>\n<p>  <img src=\"\/media\/img\/15.jpg\" style=\"width: 400px; height: 249px\" alt=\"\">  <br \/>  <i><span>Trotzki als F&#252;hrer der Roten Armee 1923&#160;<\/span><\/i><\/p>\n<p>  David King erz&#228;hlt auch die Geschichte, vom britischen Stalinisten   Rothstein, der ihm 1971 emp&#246;rt nicht weiterhelfen wollte, Bilder von   Trotzki zu besorgen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion litt die   britische Kommunistische Partei unter Geldnot und eines Tages standen   zwei Herren vor Kings T&#252;r: &#8222;Zum Vorschein kam etwas ebenso Seltenes, wie   der legend&#228;re Vogel [Malteser Falke d.A.]. Es war eine Porzellantasse in   einwandfreiem Zustand, auf die Michail Adamowitsch 1923 Trotzki als   F&#252;hrer der Roten Armee gemalt hatte. Es handelte sich um eine Spende f&#252;r   ihre Zeitung, um Geld zu bekommen. Der Spender war &#8211; Andrew Rothstein.   Der Krug war &#252;ber 70 Jahre lang unter seinem Bett versteckt gewesen.&#8220;   (S. 15)<\/p>\n<p>  <img src=\"\/media\/img\/67.jpg\" style=\"width: 400px; height: 560px\" alt=\"\">  <br \/>  <i><span>Unbekannter K&#252;nstler ca. 1920<\/span><\/i><\/p>\n<p>  Roter Stern &#252;ber Russland zeigt ausgezeichnet die Rolle von Leo Trotzki   w&#228;hrend der Russischen Revolution und in der Geschichte der Sowjetunion   und bringt beeindruckendes Bildmaterial zu Tage. Es zeigt Trotzki in der   F&#252;hrung des Revolution&#228;ren Milit&#228;rkommitees und seine Rolle im   B&#252;rgerkrieg und begleitet ihn in seiner Zeit der Opposition bis zum Exil   und der Ermordung in Coyoa&#263;an. Die rechtzeitige Erscheinung des   Bildbandes zum 70sten Jahrestag von Trotzkis Ermordung ist ein Beitrag   seine Rolle nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.<\/p>\n<h4>  Moskauer Prozesse und II. Weltkrieg<\/h4>\n<p>  <img src=\"\/media\/img\/268.jpg\" style=\"width: 400px; height: 264px\" alt=\"\">  <br \/>  <i><span>Grigori Jewdokimow, 1936 erschossen<\/span><\/i><\/p>\n<p>  Doch nicht nur Trotzkis Ermordung wird angeprangert. Das Buch gibt einen   schonungslos realen Einblick in die Verbrechen des B&#252;rgerkriegs und die   Verbrechen des Stalinismus. Bilder dokumentieren die Hungersnot in der   Ukraine. Fotografien geben einerseits einen Einblick in das Leben der   Kolchose aber auch die Zwangskollektivierungen sind dokumentiert.<\/p>\n<p>  Eine Sammlung von Fotografien der Hingerichteten der Moskauer Prozesse   zeigen die Opfer der stalinistischen S&#228;uberungen und geben kurze   Einblicke in ihr Leben. Unterschiedliche Fotos aus dem zweiten   Weltkrieg, die mit Propaganda-Plakaten gemischt sind, lassen dem Leser   die M&#246;glichkeit sich ein eigenes Bild zu machen.<\/p>\n<h4>  Eins behalten &#8211; Eins weitergeben<\/h4>\n<p>  Das britische Literatur-Magazin <a href=\"http:\/\/www.tate.org.uk\/shop\/do\/Books\/Red-Star-Over-Russia-Hardback\/product\/41401\">Literary-Review<\/a>   schreibt &#252;ber David Kings Buch: &#8222;Eine Ausgabe dieses Buches sollte in   jeder &#246;ffentlichen Bibliothek stehen, in jeder Oberschule, es geh&#246;rt in   die H&#228;nde von jedem, der verstehen will, was Russland zu dem gemacht   hat, was es heute ist. Kaufe eins zum Behalten und Eins zum Weitergeben.&#8220;<\/p>\n<p>  Tats&#228;chlich ist Roter Stern &#252;ber Russland ein ausgezeichnetes Buch,   sowohl f&#252;r alle, die sich das erste Mal mit der Geschichte der   Russischen Revolution auseinandersetzen, als auch f&#252;r erfahrende   Revolution&#228;rinnen und Revolution&#228;re sowie Historikerinnen und   Historiker. Ein gl&#228;nzender Beitrag zur Visual History des Zwanzigsten   Jahrhunderts.<\/p>\n<p>  <b>David King: Roter Stern &#252;ber Russland. Eine visuelle Geschichte der   Sowjetunion von 1917 bis zum Tode Stalins, Mehring-Verlag 2010, 39,90   Euro ISBN: 978-3-88634-091-0<\/b><\/p>\n<h4>  <a href=\"http:\/\/shop.sozialismus.info\/shop\/article_575\/David-King%3A-Roter-Stern-%FCber-Russland.html\">Zu   bestellen hier <\/a><\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\n      Buchvorstellung: David King &#8211; Roter Stern &#252;ber Russland\n    <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[70],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13780"}],"collection":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13780"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13780\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media\/17827"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13780"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13780"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/archiv.sozialismus.info\/maschinenraum\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13780"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}